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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Am folgenden Sonntag fühlte sich Hanna müde und wollte nachmittags lieber ruhen, als den gewohnten Familienspaziergang mitmachen. Das war noch nie vorgekommen, und sie freute sich, als Karl erklärte, daß er dann auch daheim bleiben wolle. »Ich will dich nicht den ganzen Nachmittag allein lassen,« sagte er.

»So bleibe bei mir bis um fünf Uhr und gehe dann zu der Besprechung mit deinen Kollegen, sie haben dich nun schon wiederholt aufgefordert.«

»Das kann ich ja tun,« sagte Karl, »vorerst will ich nur schnell drüben sagen, daß sie nicht auf uns warten sollen.« Er bettete seine Frau sorglich auf ihren Diwan und ging. Kurz darauf kam er zurück, Frau Pfäffling mit ihm. »Wir haben es nun doch anders verabredet,« sagte er. »Da die Mutter auch keinen weiten Gang machen will, so bleibt sie statt meiner bei dir. Es ist dir doch recht?« Was konnte sie sagen, da Frau Pfäffling schon zu ihr trat und mit mütterlicher Teilnahme nach ihr fragte? Überdies wartete der Direktor schon zum 130 Abmarsch bereit vor dem Hause und klingelte. »Gehe nur schnell,« sagte sie. Aber er breitete noch fürsorglich eine Decke über sie und sagte: »Vielleicht reicht es nach dem Spaziergang noch zu der Besprechung, dann sehe ich dazwischen schnell nach dir.«

»Ja, ja, lasse den Vater nicht warten.« Hanna war enttäuscht und verstimmt; der Mutter Vorschlag, ein wenig zu schlafen, kam ihr wie eine Erlösung. Sie fühlte sich jetzt unfähig zur Unterhaltung. Sie sah, wie die Mutter sorglich die Vorhänge zuzog und sich dann mit einem Buch hinaussetzte in Karls Zimmer.

Tiefe Stille herrschte im ganzen Haus, eine wahre Sonntagsruhe, und alle Bedingungen zu einem Nachmittagsschläfchen wären gegeben gewesen, nur die innere Unruhe ließ ein solches nicht zu. Eine Anklage nach der andern erhob sich in Hannas Seele: Hätte ihr Mann nicht einmal bei ihr bleiben können? Nötig war es freilich nicht, sie brauchte keine Pflege, hätte ruhig allein bleiben können, aber warum hatte er drüben nicht gesagt: ich bleibe lieber bei meiner Frau? Dann hätte ihn niemand abgehalten. Aber er dachte an so etwas gar nicht, er lebte eben so weiter mit der Familie wie vor der Verheiratung. Er war gewöhnt an den großen fröhlichen Kreis, kümmerte sich um jedes einzelne noch so kleine Erlebnis all der Geschwister und fühlte sich so wohl unter ihnen; warum er sich dann nur eine Frau geholt hatte? Sie gab sich eine bittere Antwort darauf, schämte sich dann selbst und sagte sich: nein, es war eine innige Liebe, die uns zu einander hingezogen hat, aber er war damals fort von zu Hause und fühlte sich vereinsamt, jetzt hat er all die 131 Seinen um sich, einen solchen Reichtum von Liebe und Fürsorge, was braucht er mich? Und nun erinnerte sie sich an ihr Leben in München, wieviel schwerer war es gewesen, voll Sorge um Verdienst, um das tägliche Brot, aber wie stolz hatte sie sich gefühlt, wie sie allmählich keinen Pfennig mehr gebraucht hatte von ihrem Vater! Und ihr Mann! Harmlos wie ein Kind aß er noch mit ihr am Tisch der Eltern und griff nicht einmal nach der besseren Stelle, wenn sie sich ihm bot. Und warum nicht? Nur um bei Papa und Mama, bei Schwesterchen und Brüderchen zu sein!

Sie arbeitete sich in eine große Bitterkeit hinein. Aber da sie ruhig lag, um die wachsame Mutter nichts ahnen zu lassen von ihrer Erregung, so übte endlich doch die Stille um sie herum ihren Einfluß auf sie aus, die quälenden Gedanken gingen über in Träume und der Schlaf umfing sie.

Frau Pfäffling saß an ihres Sohnes Schreibtisch. Sie hatte ihr Buch weggelegt und versank in Gedanken. Ihr Blick streifte über den Aufsatz des Schreibtisches. In feinen Rahmen, die Hannas künstlerische Hand verfertigt hatte, standen die Familienbilder; groß, in der Mitte, die Eltern Pfäffling, daneben auf der einen Seite drei kleinere Bilder: Wilhelm, Otto und Frieder, auf der andern Marie, Hanna und Else. Darüber hing eine größere Photographie von Maries verstorbener Zwillingsschwester Anna. Frau Pfäfflings Blicke ruhten wehmütig auf diesem Bild. Anna war immer zart und geistig nicht so begabt gewesen, wie die andern Geschwister, aber sie hatten sie doch nicht weniger lieb gehabt. Es war gut, daß Marie einen Ersatz an Hanna 132 gefunden hatte. Ihr Bild stand ja auch zwischen den zwei Schwestern, wie wenn sie die dritte wäre. Ja, da gehörte sie hin, sie verstanden sich ja so prächtig, alle drei.

Frau Pfäffling fragte sich jetzt, ob ihr die Schwiegertochter wirklich so nahe stehe wie die eigenen Töchter, bejahte es und wunderte sich selbst darüber, daß es so kommen konnte. Vielleicht weil Hanna keine Mutter mehr hatte und ihr die offenherzige vertrauende Liebe eines Kindes entgegenbrachte. Hanna verbarg wohl keinen Gedanken vor ihr. Wieviel hatte sie auch der Schwiegertochter sein können, die anfangs ganz unfähig war, ihren Haushalt zu führen! Das war nun allmählich anders geworden. Frau Pfäffling sah sich um in dem Zimmer: Sauberkeit und Ordnung überall. Sie mußte lächeln in der Erinnerung an die ersten Zeiten, in denen es kunterbunt ausgesehen hatte in diesen Räumen.

Die junge Frau im Nebenzimmer schlief während des ganzen Nachmittags, und Frau Pfäffling war die Zeit nicht lange geworden. Stille Stunden waren für sie eine Seltenheit und ihrer zum Nachdenken neigenden Natur doch ein Bedürfnis. Jetzt hörte sie, daß Hanna sich bewegte, und ging zu ihr.

»Du bist noch da, Mutter?« fragte Hanna. »Es war so still, daß ich glaubte, ganz allein zu sein. Ich muß lange geschlafen haben.«

»Ja, es ist bald sechs Uhr,« sagte Frau Pfäffling und setzte sich neben sie.

»Ist Karl nicht dagewesen? Er wollte doch zwischen dem Spaziergang und der Besprechung kommen.«

133 »Nein, er war nicht da.«

»Dann ist er auch nicht zu seinen Kollegen gegangen.«

»Schwerlich, es zieht ihn nicht stark zu ihnen.«

»Zu nichts und zu niemand zieht es ihn als zu euch,« sagte Hanna, und diese Worte kamen mit solcher Bitterkeit heraus, daß Frau Pfäffling im höchsten Grad überrascht in Hannas erregtes Gesicht sah.

»Das ist doch wahr,« sagte Hanna und fuhr lebhaft fort – denn es machten sich nun die gewaltsam zurückgedrängten Gefühle gegen ihren Willen Luft – »hat denn Karl irgend einen Sonntag, seit wir beisammen sind, anderswo zugebracht als bei euch?«

»Sage doch wenigstens bei ›uns‹, Hanna, denn du warst doch immer dabei.«

»Nein, Mutter, bei uns: das ist hier in meinem Haus, aber das ist es ja eben, das geht so ganz ineinander auf, wir sind gar nichts ohne euch, wir sind eben eure Kinder, unser Haus ist nur so ein Anhängsel an eures, gar nichts Selbständiges, nichts für sich, nichts Neues. Und Karl ist nichts als euer Kind und nährt sich von eurem Tisch und weiß sich nichts Höheres als euch und seine Geschwister, und ich bin gerade wie eines von ihnen.«

Frau Pfäffling sah im Geist bei diesen letzten Worten Hannas Bild zwischen den Schwestern, an dem sie soeben noch ihre Herzensfreude gehabt hatte, und es wurde ihr weh zumute. Aber Hanna fuhr ohne Besinnen weiter: »Eher weniger bin ich ihm als ihr, denn mit euch bespricht er zuerst alles, was uns angeht, 134 alles Häusliche beratet er mit Marie, wer fremd hinüberkäme, dächte, sie sei seine Frau.«

»Hanna, daß du darüber klagen magst, wundert mich, Marie drängt sich nie auf; aber du warst doch zu unerfahren im Haushalt, man mußte dir doch helfen.«

»Freilich, so war es, aber es ist jetzt doch nicht mehr so! Aber daran denkt niemand. Karl hat nie das Vertrauen, daß ich etwas recht mache, immer heißt es, wir wollen erst drüben fragen. Und so wird es auch sein, wenn wir das Kind haben, wie auch sein erstes Wort über das Kind war: ›Die drüben werden sich freuen!‹ Und als wir von seiner Versetzung sprachen, hatte er schon Angst, ich würde ohne euch mein Kind ertrinken lassen. Ich bin zu gar nichts nutz in seinen Augen als höchstens dazu, daß ich das Kind kriegen darf. Ich wollte, wir wären fort von hier!«

Frau Pfäffling war tief verletzt über all diese bittern Worte, und es war ihr, als sei alles, was sie noch vor wenigen Minuten als Glück empfunden hatte, nichts als eine Täuschung gewesen. Wo sie reinste Übereinstimmung gewähnt hatte, trat ihr tiefgehende Unzufriedenheit entgegen. Es war ihr so weh ums Herz, daß sie nicht antworten konnte und mit Mühe ihre Fassung behielt. Sie erhob sich. Hanna sah auf und mit einem Blick erkannte sie den Eindruck, den ihre Worte gemacht hatten. »O Gott, Mutter!« rief sie, griff hastig nach deren Händen und sah mit angsterfüllten Augen zu ihr auf. »Mutter, du wirst mich doch nicht falsch verstanden haben, ich habe euch ja so lieb, so innig lieb, euch und meinen Karl!«

135 »Es kommt mir nicht so vor,« entgegnete Frau Pfäffling in schmerzlichem Ton und machte ihre Hände frei. In diesem Augenblick hörte man draußen die Türe öffnen. »Es ist Karl,« sagte Frau Pfäffling, »wir können jetzt nicht weiter reden, morgen vielleicht. Ich gehe. Wenn ich dir raten darf, so sprich nicht mit Karl darüber, er könnte das nicht verstehen und nicht verzeihen.« – »Mutter, wir können doch so nicht auseinandergehen!« rief Hanna in wahrer Verzweiflung. Aber Karl trat schon ins Zimmer. »Bei euch ist's ja stockfinster,« sagte er und ahnte nicht, wie erwünscht den beiden erregten Frauen die tiefe Dämmerung war. Frau Pfäffling faßte sich. »Es ist spät,« sagte sie, »ich will gleich hinübergehen.«

»Ja, der Vater wartet schon auf dich. Ich war nämlich noch ein paar Minuten droben. Else wollte mir durchaus das Bild von Ulrike zeigen. Es ist wirklich nett.« Aber er begegnete keiner Teilnahme für dies Bild. Frau Pfäffling schien sehr eilig heimzukommen. Sie verabschiedete sich kurz, Hanna drückte ihr die Hand so fest, daß es schmerzte. Der Händedruck sollte ja alles Lieblose wieder gut machen. Karl begleitete die Mutter über den Vorplatz. Trotz allem regte sich bei Frau Pfäffling auch in diesem Augenblick das Bedürfnis, der Schwiegertochter über die Qual hinwegzuhelfen, ihr volles Herz nicht aussprechen zu können. »Lies Hanna ein wenig vor und laß sie bald zu Bett gehen, das wird ihr gut tun,« sagte sie zum Sohn.

»Schickst du uns Resi herüber, daß sie uns den Tee macht?« fragte Karl.

»Hanna kann das gut selbst tun,« entgegnete Frau 136 Pfäffling in ungewohnt ablehnendem Ton, dann ging sie wie im Traum nach Hause.

Es lag ihr ferne, am Familientisch zu erzählen, was sie bewegte, denn sie zweifelte nicht, daß die Geschwister alle sich verletzt fühlen würden wie sie selbst, und sie mochte Hanna nicht dem einstimmigen Tadel preisgeben, wenigstens nicht ehe sie selbst darüber nachgedacht und sich zurechtgefunden hatte. Aber eine ruhige Stunde zum Nachdenken würde sie freilich nicht so schnell finden, das wußte sie im voraus und hatte in ihrer lebhaften Umgebung längst gelernt, was sie bewegte zurückzudrängen. Als sie wieder im Familienkreis am Teetisch saß, war ihr nicht anzumerken, daß sie ein heimliches Weh unterdrückte. Nur einmal ruhte Maries Blick nachdenklich aus ihr. »Du bist so still, Mutter,« sagte sie. »Weil die andern so laut sind,« meinte Herr Pfäffling, und man war mit dieser Erklärung zufrieden.

Hanna wollte der Mutter Rat befolgen und ihren Mann verschonen mit dem, was er nicht verstehen und verzeihen könnte. Aber ihre Natur war anders als die Frau Pfäfflings und ihr Empfinden leidenschaftlicher. Sie konnte sich nicht zurückhalten.

Als Frau Pfäffling weggegangen war, trat Karl wieder in das Zimmer. Seine Frau hatte das Ruhebett verlassen, hatte Licht gemacht und wandte sich von ihm ab, um seinen Blick zu vermeiden. »Ich wollte Resi zu deiner Hilfe haben,« sagte Karl, »aber es scheint, die Mutter kann sie heute nicht entbehren.« Da wandte sich Hanna hastig um. »Hat sie es dir abgeschlagen?« und ehe er antworten konnte, fuhr sie 137 fort: »Karl, ich kann die Mutter nie mehr um Hilfe bitten, ich habe sie zu tief gekränkt. Ich wollte es dir verschweigen, aber ich kann nicht, es liegt mir so furchtbar schwer auf dem Herzen.«

Er wurde blaß, als er diese Worte hörte, und sah sie gespannt an. »Was ist's?«

Da wiederholte sie all die Anklagen, die sie in ihrer Bitterkeit vorgebracht hatte, sah ihm an, wie es ihn schmerzte, und es durchzuckte sie der Gedanke, daß er nun hinübergehen würde zu den Seinigen, die er lieb hatte und zu denen sie nicht mehr gehörte. Schon standen sie ja durch den Tisch getrennt ganz anders als sonst einander gegenüber. Aber in diesem Augenblick kam ihr die Prosa des Lebens zu Hilfe. Der Tisch war gedeckt, sie mußte für das Essen sorgen.

Wenn auch alles anders zwischen ihnen war, ihre Hausfrauenpflicht wollte sie erfüllen. »Es ist Zeit zum Essen,« sagte sie. So ging sie in die Küche.

Inzwischen hatte der junge Ehemann Zeit, nachzudenken. Friede und Einklang in der Familie hatte ihn wie jeden Pfäffling von klein auf umgeben, es war die Luft, die seine Natur bedurfte; so erschien ihm dieser Friedensbruch wie eine Versündigung gegen die ganze Familie. Darum mußte er seine Frau schwer beschuldigen. Aber er war auch darin ein Pfäffling, daß ihm das Beschuldigen nicht leicht fiel. Im Gegensatz zu den Menschen, die mit Lust über andere schmälen und ihnen Vorwürfe machen, kostete ihn jeder Tadel eine Überwindung, und er suchte immer lieber nach Entschuldigungsgründen und Rechtfertigung. So überlegte er sich auch jetzt Hannas Worte, und so weit 138 sie ihn persönlich betrafen, ließ er ihre Klagen als berechtigt gelten. Er hatte sich tatsächlich in häuslichen Dingen immer an Mutter und Schwester gewandt, ja Hanna wußte nicht einmal, daß Marie ihn manchmal gemahnt hatte, er möge seine Frau entscheiden lassen. Daß er harmlos als Gast an der Eltern Tisch saß – je öfter je lieber – schien ihm natürlich, aber am Tisch der Schwiegereltern hätte er das nie getan, und so konnte er verstehen, daß es für Hanna eine peinliche Empfindung sein möchte, um so mehr, als von ihrem Vater nie irgend ein Liebesbeweis kam. Zuletzt blieb noch ihre Behauptung, daß sie ihm nur so lieb sei wie seine Schwestern. Er dachte eben darüber nach, als Hanna eintrat mit dem Teebrett. Wie immer, so stand er auch jetzt auf, half ihr, machte die Türe für sie zu und sie kamen durch diese kleinen Äußerlichkeiten in das gewohnte Geleise. Er sah sie an, während sie ihm den Tee einschenkte, sie fühlte es und ihre Hand wurde unsicher; ihr sonst immer frisches Gesicht sah bekümmert aus. Er wartete schweigend, bis sie die Teekanne absetzte, dann zog er seine junge Frau plötzlich zu sich und sagte, während er sie im Arm hielt: »Du hättest eigentlich schon wissen können, daß ich dich am liebsten habe auf der Welt, den Vorwurf habe ich nicht verdient, aber am anderen ist ja viel Wahres. Nur hättest du es mir sagen sollen und nicht der Mutter! Wie machen wir jetzt das wieder gut?«

Aus diesen Worten klang für Hanna mehr heraus als bloß Güte und Nachsicht. »Wie machen wir das gut? Wir?« So stellte er sich doch auf ihre Seite gegenüber den andern? Sie beide gehörten zusammen, 139 sogar seiner Mutter gegenüber? Hell leuchtete ihr wieder entgegen jener Zug seines Wesens, der sie einst für ihn gewonnen hatte: die Treue. Und nicht weniger ungestüm wie vor ein paar Stunden die Klagen, so kamen ihr jetzt Worte der Liebe und des Glückes über die Lippen, und die beiden Menschen hatten sich noch nie so gut verstanden als eben jetzt.

Es war schon neun Uhr abends, als an dem geschlossenen Tor der Musikschule geklingelt wurde. Die Familie Pfäffling saß beisammen im Wohnzimmer. Wilhelm sah zum Fenster hinaus: »Es ist Karl,« rief er in das Zimmer hinein, »was will er wohl so spät?«

»Er wird noch ein wenig kommen wollen,« sagte Marie, »das hat er ja schon öfter getan, wenn Hanna sich früher gelegt hat.«

»Ach was, er war doch heute schon dreimal da!« Diese Worte, in mißbilligendem Ton von der Mutter gesprochen, waren allen so überraschend, daß sie Heiterkeit erregten. »Eine zärtliche Mutter,« sagte Herr Pfäffling lachend. Aber sie horchte gespannt nach Karls Stimme, die nun oben an der Glastüre hörbar wurde. »Die Mutter möchte ein wenig herauskommen.« Sie ging und die andern sahen sich verwundert an. »Frauensachen,« bemerkte Herr Pfäffling, »es geht uns nichts an,« und er sorgte, daß das Gespräch im Zimmer wieder laut wurde. Das draußen währte kurz und wurde leise geführt. »Hanna bittet dich, Mutter, du möchtest dies Briefchen allein lesen. Gute Nacht.« Er ging ohne Aufenthalt. Frau Pfäffling nahm das kleine Lämpchen, das im Vorplatz stand, und an ihr Bett im Schlafzimmer gelehnt, las sie die wenigen 140 Worte, die mit großer Schrift, wie in Leidenschaft geschrieben, auf einem Blatt Papier standen: »Mutter, glaube mir doch trotz all meiner Lieblosigkeit das eine: daß ich dich grenzenlos lieb habe.« Ein paarmal las Frau Pfäffling diese Worte, dann barg sie das Papier und gab leise die Antwort: »Ich will dir's glauben, du leidenschaftliches Kind!«

»Keine schlimme Botschaft?« fragte der Direktor seine Frau, als sie in das Familienzimmer zurückkehrte. »Nein, es ist alles in Ordnung,« entgegnete sie, aber sie fühlte sich doch recht erleichtert, als es endlich Zeit war, die Lampe zu löschen, als Ruhe wurde im Hause und sie allein mit ihrem Manne sprechen konnte. Jetzt endlich konnte sie da Beruhigung suchen, wo sie sie noch immer gefunden hatte. Aber Herrn Pfäfflings Auffassung war zunächst nicht beruhigend. Er verstand keinen Spaß, wenn jemand seiner Cäcilie zu nahe trat und sie kränkte, wie es Hanna getan hatte. Es ging dieser nicht gut. »Solch ein liebloses Reden, solche Undankbarkeit und dumme Eifersucht!« rief er. »Statt daß sie froh ist an unserer Hilfe und an Karls treuem Familiensinn, begehrt sie in solchem Ton auf! So spricht man doch nicht mit seiner Schwiegermutter! Hättest du mir's früher gesagt, so wäre ich hinüber gegangen und hätte ihr auch meine Meinung gesagt. Tausend noch einmal, wieviel Geduld hat Karl anfangs gehabt mit seiner ungeschickten Hausfrau, und jetzt ist er ihr nicht mehr recht!« Er rannte im Schlafzimmer hin und her mit seinen längsten Schritten. Da nahm Frau Pfäffling Hannas Briefchen aus der Tasche und zeigte es ihm. Er las es, dann setzte er 141 seinen Lauf wieder fort, las es noch einmal und kam allmählich in gemäßigtere Gangart. »Man spürt ordentlich, wie es sie gereut hat, daß sie so rücksichtslos herausgeredet hat,« sagte er, »ich kann die Art eigentlich verstehen, du weißt wohl, mir ist's auch manchmal so gegangen,« und nun kamen sie beide in das Fahrwasser, Entschuldigungen für Hanna zu suchen, und fanden manche. »Was ein Übel ist, das wirkt sich eben aus,« sagte der Direktor. »Weil sie anfangs ihre Sache nicht verstand, so hat sie nicht die richtige Stellung im Hause gewonnen, ihr Mann hat in diesem Punkt nicht das Zutrauen zu ihr, das er haben sollte und das sie jetzt vielleicht verdiente.«

»Ja, und weißt du, an was ich denken mußte? Es heißt doch in der Bibel: ›Der Mann wird Vater und Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen.‹ Karl hat aber Vater und Mutter nicht verlassen, äußerlich kaum, innerlich noch weniger, es ist so ganz beim alten geblieben, und das rächt sich am neuen.« Sie dachten eine Weile darüber nach, dann sagte Frau Pfäffling traurig: »Ich hatte mir immer eingebildet, für so eine Familie wie die unsere gälte die allgemeine Regel nicht, daß die jungen Leute sich von der Familie trennen müssen, um sich recht zusammen zu leben.«

»Das ist eben ein Naturgesetz, da ist nichts zu wollen. Wenn ein Ableger groß und kräftig geworden ist, muß man ihn von der alten Pflanze trennen, so gut er vorher gediehen ist, jetzt braucht er eigene Erde.«

»Bei Menschen gibt's doch immer Ausnahmen.«

»Ja, aber eine solche ist Karl nicht, er ist zu eng mit uns verwachsen, und eine Familie, die so fest 142 zusammenhält wie die unsere, verschlingt ein Einzelwesen wie Hanna, wenn es sich nicht wehrt.«

»Wir haben doch gar nichts gewollt als ihr Glück, und nun ist's so mißlungen!«

»Das kommt schon wieder ins Geleise, Cäcilie. Schließlich ist's gar nicht übel, daß man weiß, wie es Hanna ums Herz ist, sie hätte es nur nicht so lange verschließen sollen, dann wäre es nicht so ungestüm herausgekommen.«

»Ach, das will ich ihr nicht nachtragen. Aber wie soll es künftig werden?«

»Sollen sie doch fortgehen!« rief Herr Pfäffling. »Die Stelle ist sicher noch nicht vergeben; fort mit ihnen, sie sollen sehen, wie sie fertig werden ohne uns! Eigentlich hat Hanna doch nur um den Alleinbesitz ihres Gatten gekämpft, das ist ihr gutes Recht, sie soll ihn haben.«

»Aber das Kind!«

»Hanna sagt ja, sie lasse es nicht ertrinken!«

»Freilich nicht, aber wir haben uns alle so darauf gefreut!«

»Das können wir trotzdem. Du wirst einmal sehen, Cäcilie, wie gerne sie es uns bringen und wie oft sie dich zu sich rufen, mehr als mir lieb ist, das sehe ich jetzt schon kommen. Übrigens bist du doch sonst immer diejenige, die sagt, wir dürfen nicht an uns denken.«

Frau Pfäffling schwieg. Zum erstenmal meldete sich die Stimme der Großmutter in ihr. Es war tapfer und klang doch traurig, als sie endlich erwiderte: »Die Kinder sollen alle dahin ziehen, wo sie am besten gedeihen.«

143 Ihres Mannes Hand suchte die ihre. »Wir zwei aber bleiben beisammen,« sagte er.

Es fand sich, als der Direktor seinem Ältesten den Vorschlag machen wollte, die auswärtige Stellung anzunehmen, daß dieser in der gleichen Nacht denselben Entschluß gefaßt hatte. So waren zwischen den beiden Männern nicht mehr viel Worte nötig. Und den beiden Frauen, nachdem sie sich in Ruhe gesprochen, ging es eigentümlich. Da jede geglaubt hatte, sie habe die Liebe der andern verscherzt, und dadurch eine große Leere und schmerzliche Enttäuschung empfunden hatte, so fühlten sie sich im Neubesitz dieser Liebe um so tiefer beglückt. Eine schwache Flamme wäre in diesem Sturm verlöscht, die starke war durch ihn nur lebhafter angefacht worden.

Die Geschwister hörten, daß Karl sich nun doch um die auswärtige Stelle melden wolle, und mehr oder weniger erfuhren sie auch den wahren Grund. Die Nachricht wurde sehr verschieden aufgenommen. Else war außer sich. Sie kannte noch keinen andern Standpunkt als den der Selbstsucht, den täglichen Verkehr mit Karl und Hanna zu verlieren, war für sie ein Schmerz, dem sie in wortreichen Klagen freien Lauf gab.

Anders Frieder. Als die Mutter davon sprach, sah er sie an, wie wenn er ergründen wolle, welche Empfindungen sie hinter den ruhigen Worten verbarg. »Das sollten sie dir nicht antun,« sagte er dann.

»Warum denn nicht,« entgegnete Otto, »ich habe mich schon neulich geärgert, daß Karl so lahm ist, wenn einer vorwärts kommen kann, dann meldet er 144 sich doch!« – »Ja,« sagte Wilhelm, »es ist höchste Zeit, daß er auch einmal anders wohin kommt, ich werde gleich hinübergehen und ihm das klar machen. Hanna hat vollständig recht gehabt.«

»Nein,« sagte Marie, und ihre Stimme zitterte vor Bewegung, »was Hanna sprach, ist so lieblos, so treulos, ich kann nicht begreifen, daß ihr das so leicht nehmt. Der Mutter so deutlich zu sagen, daß sie nichts wissen will von uns, daß sie eifersüchtig ist, weil Karl gerne zu uns kommt! Ich werde ihr nie, nie wieder etwas helfen!«

»So!« rief Wilhelm, »das ist dann wohl nicht treulos? Nun seid ihr drei Jahre gute Freundinnen, und wenn Hanna einmal die Galle überläuft und sie ein Wort zu viel sagt, dann ist's gleich aus mit deiner Freundschaft? Komm mit mir hinüber, Schwesterlein, sage deiner Schwägerin gehörig die Meinung, dann seid ihr quitt und feiert wieder Versöhnung!«

Nach einigem Widerstreben entschloß sich Marie, mit Wilhelm zu gehen. Sie traf Hanna in der Küche, Wilhelm fand den Bruder am Schreibtisch, wo er eben seine Stellenbewerbung schrieb. »Schreib nur fertig,« sagte Wilhelm und wanderte einstweilen hin und her. Am Schreibtisch blieb er ein paarmal stehen und sah nach den Familienbildern. Nun war sein Bruder fertig. »Sieh, Karl,« sagte Wilhelm und deutete auf die drei nebeneinander stehenden Bilder von Marie, Hanna und Else, »sieh, da liegt der Fehler. Das ist nicht der rechte Platz für das Bild deiner Frau, die gehört hierher!« Und er nahm rasch einen Stoß Bücher, legte ihn auf den Aufsatz des Schreibtisches 145 und stellte Hannas Bild oben darauf. »Jetzt thront sie hoch über allen andern, so gehört sich's.«

»Sei nicht so lächerlich, Wilhelm, wie sieht das aus! Hanna wäre die erste, die so etwas Geschmackloses abändern würde!«

»Nun ja, man kann es auch noch künstlerischer anordnen, aber du verstehst schon, Karl, wie ich's meine. Hanna ist nämlich eine famose Frau, und ich habe oft schon gedacht, du dürftest sie höher stellen, ich tät's wenigstens, bei mir käme sie so hoch!« und er schob noch ein gewaltiges Wörterbuch unter das Bild. Aber jetzt wurde Karl ernst. »Wilhelm, darüber verstehe ich keinen Spaß.«

»Gottlob! Ich verstände da auch keinen an deiner Stelle. Es ist ganz gut, daß ihr fortkommt. Ich wünsche euch Glück, wie man's gar nicht ärger kann. Einen Prachtbuben sollt ihr kriegen.«

»Wilhelm, mache du doch rascher vorwärts, dann gründest du dir auch so ein Glück.«

»Unsinn, Karl! Ich werde mir wohl ein Weib nehmen! Ich kriege schon keines. Die würde sagen: ich soll wohl mit dir in die Gletscherspalten fallen oder am Südpol frieren? Da dankt jede. Nein, das ist nichts für mich. Aber du, halte, was du hast, und halt's auch in Ehren! Komm, ich trage dir deinen Brief auf die Post.« Fort war er.

Karl stand vor dem Bild, nahm es in die Hand und sah in das frische lachende Gesicht seiner einstigen Braut. »Wir lassen noch ein neues Bild machen, ehe wir fortgehen,« sagte er zu sich selbst, »ein Frauenbild, größer soll das sein und nicht zwischen den 146 andern stehen.« Dann räumte er die Bücher wieder an ihren Platz und stellte zögernd Hannas Bild an seine vorige Stelle. »Rein äußerlich,« sagte er sich, »es soll anders werden.«

In der Küche war Hanna beschäftigt, Äpfel zu schälen, als Marie zu ihr kam. Das junge Mädchen hatte nicht die Gabe, leicht die Worte zu finden, wenn etwas sie tief bewegte und, was Wilhelm ihr geraten hatte, der Schwägerin gehörig die Meinung zu sagen, das lag ihr nicht. Wie sollte sie dies angreifen? Sie wünschte, sie wäre nicht gekommen, denn was sollte sie nun sagen? Gestern noch hätte sie ohne weiteres beim Äpfelschälen geholfen. Heute mochte sie nicht. Aber Hanna war so sehr an die Hilfeleistungen gewöhnt, daß sie, die vor dem Küchentisch stand, die Schublade aufzog, ein Messer herausnahm und es über den Tisch reichte mit einem zuversichtlichen: »Hilfst du mir?« Da errötete Marie und sagte: »Du willst ja keine Hilfe mehr von uns.« Und das Messer blieb liegen. Damit hatte Marie nach ihrer Empfindung der Schwägerin »gehörig die Meinung« gesagt. Es genügte auch vollständig.

Hanna wußte nun, daß Marie alles erfahren hatte, und sie kannte die Freundin, wußte wohl, daß diese sich tief gekränkt fühlen mußte. Im Augenblick legte sie ihre Arbeit beiseite, und indem sie Marie zu sich auf das Küchenbänklein zog, redete sie lebhaft und immer wärmer zu ihr: »Marie, du zürnst mit mir, ich begreife es, aber du glaubst nicht, wie verzweifelt ich selbst war, nachdem ich der Mutter all die unfreundlichen Worte gesagt hatte. Ich war überzeugt, 147 daß sie mir's nie verzeihen würde, daß alles aus sein müßte zwischen uns, ja, ich will dir's nur gestehen, Marie, ich dachte auch, daß es zwischen Karl und mir aus sein müßte, innerlich wenigstens, denn ich hatte ihn ganz zu euch gerechnet. Kannst du dir einen Begriff machen, wie mir da zumute war? Und dann, Marie, kam's so ganz anders. Karl war auf einmal – wie soll ich sagen – ein ganzer Mann, weißt du, ein Mann, der sich auf die Seite seiner Frau stellt, auch wenn es gegen seine Liebsten geht, und das machte mich so glücklich. Ich war alles zugleich, glückselig und unglücklich, wie noch nie vorher. Und jetzt, Marie, jetzt kann ich gar nicht an die Mutter denken ohne Rührung und tiefe Beschämung, denn sie hat mir alles verziehen. Und ich wünschte mir tausend Gelegenheiten, um ihr zu beweisen, wie lieb ich sie habe. Verstehst du mich, Marie, glaubst du mir?«

Marie konnte sich nicht gleich zu einer Antwort entschließen.

Da fuhr Hanna traurig fort: »Ich wollte, die Mutter hätte dir nichts davon gesagt. Ich glaube, du kannst mich nicht verstehen und entschuldigen, jetzt nicht. Aber wenn du einmal Frau bist, dann denke an mich, ich weiß, dann verzeihst du mir!«

Marie errötete. »Das kommt vielleicht nie oder dauert mir zu lange. Da tue ich lieber, wie wenn ich dich jetzt schon verstünde,« und sie besiegelte die guten Worte mit einem Freundschaftskuß.

Dann erhoben sich die beiden, Hanna nahm ihre Arbeit wieder auf; noch einmal bat sie: »Hilfst du mir?« und Marie konnte kaum mehr verstehen, daß 148 sie es vorhin verweigert hatte. Um so fleißiger rührte sie jetzt die Hände, und niedlich anzusehen war es, wie sich bei ihr die Äpfel so flink drehten und die feinen Schalen lang geschlängelt herunterfielen. So behend ging es bei Hanna nicht. »Wie fein du das kannst!« sagte sie bewundernd. Inzwischen war Wilhelm fortgegangen und Karl kam in die Küche, es zog ihn nach dem eben Besprochenen zu seiner Frau. Einträchtig fand er Hanna und Marie beisammen, aber von dem Augenblick, wo er Zuschauer ihrer Tätigkeit war, arbeiteten Maries Hände langsam, und in kürzeren, groben Stücken fielen die Äpfelschalen.

So hatte das Mädchen doch die Not der jungen Frau verstanden.

*

Hanna hatte sich nicht recht freuen können über ihres Mannes Entschluß, sich weg zu melden. Wie wenn sie es ertrotzt hätte, kam es ihr vor. Und nun war der Würfel gefallen, die Ernennung eingelaufen. Das Ereignis war soeben im großen Kreis verkündigt worden; jetzt bat Hanna ihre Schwägerin Marie, mit ihr heimzukommen.

»Ich muß dir etwas anvertrauen, Marie,« sagte Hanna, als sie allein in ihrem Zimmer waren. »Da setze dich zu mir und versprich mir hoch und heilig, daß du niemand etwas verrätst!«

»Deinen Mann inbegriffen?« fragte Marie verwundert.

»Gerade ihn am meisten. Er hat bisher alles zuerst mit seinem Vater und dann erst mit mir 149 besprochen; jetzt berate ich auch einmal mit meinem Vater.«

»Stehst du doch so mit ihm? Ich dachte, ihr schreibt euch gar nicht.«

»Nein, für gewöhnlich nicht. Aber jetzt, wo ich schuld bin, daß wir fortziehen und wo uns Umzugskosten und allerlei Mehrausgaben erwachsen, habe ich mir vorgenommen, ihn auch einmal zu bitten, daß er uns hilft. Er kann es ganz gut, wenn er nur mag. Ich habe so artig wie nur möglich an ihn geschrieben, denn ich möchte gar zu gerne, daß ich auch einmal etwas beitragen kann zu den Unkosten. Das verstehst du doch, Marie? Sieh, da ist mein Brief; du sollst mir sagen, ob er recht ist.«

Die beiden saßen dicht beieinander und Hanna las vor:

»Lieber Vater! Du wirst wieder sagen wie in früheren Jahren: Das Mädel schreibt nur, wenn es Geld braucht. Ich will auch gar keine langen Umschweife machen, sondern Dir nur sagen, warum ich gerne wieder einmal etwas aus dem väterlichen Geldbeutel herausschlagen möchte. Du hast ja immer gegeben, wenn Dir der Zweck vernünftig vorkam, wir waren nur oft verschiedener Meinung über das, was vernünftig sei.

»Im Oktober kommen wir nach Siegfeld. Die Stelle ist besser als die bisherige, deshalb ist es vernünftig, sie anzunehmen, trotz der Umzugsausgaben. Dann: im Februar erwarten wir ein Kind, das ist für uns nach zweijähriger Ehe auch vernünftig, obwohl es Kosten macht. Viele Kosten, denn ich brauche dann 150 ein Dienstmädchen, was ich bisher nicht nötig hatte. Ich weiß nicht, wie wir das alles bestreiten sollen, und ich will nicht haben, daß die Eltern Pfäffling uns wieder aushelfen. Zu was habe ich einen Vater, der sich sehen lassen kann samt seinem Geldbeutel! Pfäfflings tun immerfort so viel für uns, zweimal in der Woche essen wir bei ihnen zu Mittag, dreimal zu Abend. Unsere Wäsche waschen sie ganz umsonst mit. Für das zu erwartende Kind haben sie mir den Wagen mit dem Bettchen geschenkt, während es doch sonst allgemeiner Gebrauch ist, daß eine junge Frau dies von ihren Eltern bekommt. Auch eine Kinderwage bekam ich von ihnen. Sie sind viel liebevoller gegen mich, als ich es irgend verdiene. Also, Vater, zeige Dich nobel! Es muß Dich doch auch freuen, wenn Du Großvater wirst. Du kommst dann einmal und schaust den Enkel an. Du wirst sehen, wie fein sich mein Mann gegen Dich benimmt, er kann gar nicht anders, denn die Feinheit geht bei ihm durch und durch und hört nicht einmal in Geldsachen auf. Ich habe ihm nichts gesagt von diesem Brief, denn wenn Du mir nichts schicken wolltest, so will ich mir ganz allein meine Gedanken darüber machen.

»Was meine Schwester betrifft, so wird sie sich grün und blau ärgern, wenn Du mir etwas zukommen läßt, aber das schadet ihr nichts, laß es Dich nicht anfechten. Ich grüße dich, lieber Vater, und bin Deine ergebene Tochter Hanna.«

»Wie kommt dir der Brief vor, Marie? Ich mache mir große Hoffnung auf Erfolg. Was meinst denn du?«

151 »Offen gestanden, Hanna, ich finde den Ton sonderbar, kann man denn so an seinen Vater schreiben?«

»An meinen schon, an deinen freilich nicht, bei euch ist ja ein ganz anderes Verhältnis. Du mußt dir denken, er ist Geschäftsmann, reeller Geschäftsmann, aber nichts als Geschäftsmann. Die Stelle mit der Großvaterfreude ist eigentlich schon zu gemütvoll für ihn, bei dieser bin ich in den Pfäfflingschen Ton gekommen.«

»Aber das mit der Schwester, die sich grün und blau ärgert, willst du das nicht streichen?«

»Nein, das muß stehen bleiben, einen kleinen Hieb haben wir uns immer gegeben. Du mußt denken, sie ist gar nicht meine rechte Schwester, sie hat mich hinausgedrückt und will alles Erbteil an sich reißen. Das wird ihr aber nicht gelingen, dazu ist der Vater zu rechtlich. Du wirst sehen, der Brief hat Erfolg, ich freue mich königlich darauf, wenn ich Karl plötzlich einen Hundertmarkschein überreichen kann. Auf einem Teebrett werde ich ihm den darbieten. Wenn ich ihn nur erst hätte!«

Eine Woche verging. So oft Hanna in die Familie Pfäffling kam, wurde zwischen ihr und Marie ein fragender Blick, ein verneinendes Kopfschütteln gewechselt.

»Die zwei haben etwas miteinander,« sagte Wilhelm, »Karl, paß auf, sie zetteln eine Verschwörung an!«

Hanna lachte. »Ja, ja, es ist etwas im Werk!« Und eines Samstagmorgens – Karl war schon in die Schule gegangen und Hanna allein zu Hause mit Resi, 152 die ihr putzen half – kam die Antwort. Noch ehe der Briefumschlag offen war, mußte Resi hinüberspringen und Marie bitten, in dringender Angelegenheit zu kommen. Sie ließ nicht lange auf sich warten. »Die Antwort ist da!« – »Nun, und?« – Hanna ließ sich durchaus nicht anmerken, ob Gutes oder Schlechtes darin stand. »Ich werde dir's vorlesen.« Sie zog sie neben sich auf das Sofa und las ihr vor:

»Liebe Tochter! Obgleich ich Dir antworten könnte: wie man sich bettet, so liegt man, und ich Dich erinnern dürfte, daß Du eine bessere Partie, die ich Dir vermitteln wollte, ausgeschlagen hast, so bin ich doch entschlossen, der Angelegenheit, die Dein Brief berührt, näher zu treten.

»Da die Familie Pfäffling sich nobel zeigt, so bin ich gewillt, Dir so viel zukommen zu lassen, als Dir von ihrer Seite zugeflossen ist; die Berechnung ist natürlich ungenau, wie Deine Angaben, das war von jeher Deine schwache Seite.

»Du sagst, Ihr eßt zweimal wöchentlich bei Deinen Schwiegereltern. Ich berechne also für die bald vollendeten zwei Jahre 208 Mittagessen – natürlich ziehe ich nur in Betracht, was Du verzehrst, nicht Dein Mann –. Ferner 312 Abendessen. Dazu den für Deine – natürlich nicht für Deines Mannes Wäsche – ersparten Waschlohn in zwei Jahren. Ferner den Kinderwagen, ich berechne mittlere Qualität. Die Betten betreffend – über die Du wohl Genaueres hättest angeben können – vermute ich, daß möglichst Altes verwendet wurde. Da aber die Familie Pfäffling kinderreich war, so werde ich mich nicht irren, wenn ich 153 annehme, daß neue Stoffe nötig waren, hingegen die Federn alt, aber gereinigt und ergänzt. Die Kinderwage konnte ich als eine törichte Ausgabe nicht in Betracht ziehen.

»Doch Du hast ja leider nie eingehendes Verständnis für Berechnung gezeigt, so genügt es Dir wohl, wenn ich Dir sage, daß ich nach sorgsamer Zusammenstellung zu der Summe von rund 420 Mark gekommen bin, die ich diesem Brief beilege.

»Ich bewillige das als Ausgleich gegen die Leistungen der Familie Pfäffling, denn was Deine Bemerkung über die Großvaterfreuden betrifft, so entlockst Du mir damit noch keine Mark. Das Kind kann sterben, es kann auch krüppelhaft sein. Damit will ich Dich jedoch nicht ängstigen, denn bei gesunden Eltern spricht die Wahrscheinlichkeitsrechnung für ein gesundes Kind, aber immerhin, sicher ist bis jetzt nur die Ausgabe.

»Die Bemerkung über den Ärger Deiner Schwester hättest Du Dir ersparen können. So altersschwach bin ich noch nicht, daß ich mich um den Ärger meiner Töchter kümmern würde.

»Empfiehl mich Deinem Herrn Gemahl, es freut mich zu hören, daß er sich korrekt benimmt, er und seine Familie haben mir bei Deiner Hochzeit einen durchaus soliden Eindruck gemacht.

»Gib sofort nach Empfang des Geldes Quittung, nicht in Brief, sondern auf extra Blatt, Quartformat.

Dein treuer Vater.«

Hanna sah strahlend auf Marie. »Was sagst du nun? Kann es einen besseren Alten geben, als den 154 meinigen?« Und sie ergingen sich in gemeinsamer Freude über die großartige Spende, sie ergötzten sich über den ›korrekten Gemahl‹ und die ›solide Familie‹, ängstigten sich nicht über das Gespenst des krüppelhaften Kindes, und Hanna war selbst wie ein ausgelassenes Kind, als sie dem ahnungslosen Gatten bei seiner Heimkehr die Geldscheine auf dem Teebrett servierte. 155

 


 

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