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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Was war das in den kalten Januarwochen, nachdem Wilhelm und auch Karl und Hanna längst abgereist waren, für ein unbehagliches Gefühl für die Zurückgebliebenen, daß mit Wilhelm kein Verkehr möglich war! An einem hellen Wintertage hatte er seine letzte Botschaft gesandt: »Hurra! heute wird der Aufstieg gewagt!« Dann hatte man auf Umwegen noch von den Führern, die ihn begleitet hatten, erfahren, daß er glücklich oben angekommen sei. Während einer Nacht und eines Morgens hatte ihm sein Vorgänger die nötigen Anweisungen gegeben, dann waren die Führer mit diesem bergab gestiegen – und Wilhelm war verschollen. Es kamen Tage mit furchtbaren Schneestürmen, eine Nacht, in der draußen ein Toben und Schlagen und Fallen war, daß niemand schlafen konnte, am wenigsten eine Mutter, die für den Sohn bangte. Da war es gut für sie, neben sich den Vater zu haben, denn er sprach nicht beruhigende Worte, an die er selbst nicht 87 glaubte, er war tatsächlich ruhig. »Kein Grund zur Sorge, Cäcilie; du hast ja gehört, wie fest die Hütte gebaut ist und den ärgsten Stürmen trotzt. Die weiter unten sind viel bedrohter durch Felsstürze und Lawinen. Er ist über solcher Gefahr da droben, schläft geborgen im warmen Bett.«

»Wie kann er schlafen, wenn es so um seine einsame Hütte tobt?«

»Wacht er in seiner Einsamkeit, so kann das auch sein Gutes haben für solch einen lebensprühenden Menschen, der von selbst doch nie inne hält, um sich auf sich selbst zu besinnen.«

»Ja, Gott gebe, daß ihm gute Gedanken kommen, und nicht schwermütige, in dieser Verlassenheit.«

»Er wird gute und böse Stunden haben und sich tapfer durchschlagen, und seine Mutter muß auch noch tapferer werden, die kann noch manches erleben mit ihren Söhnen. Wie vielerlei bringen sie doch ins Haus, für uns ist's, wie wenn wir sechsfach lebten!«

»Ja, immer inhaltsreicher wird unser Leben, daran denkt man gar nicht, so lange man kleine Kinder hat und immer nur gibt, nie empfängt.«

»Weißt du noch, Cäcilie, wie mir das anfangs an dir gefallen hat, wenn du als junge Mutter so ruhig das kleine Wickelkind hast schreien lassen und tapfer gesagt hast: Es soll nur schreien, das schadet ihm nichts? Nun mußt du dir auch bei den Großen sagen: ›Sie sollen nur durch schwere Stunden, das schadet ihnen nichts.‹«

»Ja, ja, so will ich denken! Wilhelm, ich wollte, Karl wüßte, wie viel du mir bist und was ein Mann seiner 88 Frau sein kann, sie ahnen das gar nicht, die Kinder, das beste bleibt ihnen verborgen.«

»Sie fühlen es doch.«

»Meinst du?«

»Gewiß, Wilhelm sagte neulich zu mir: ›Ich glaube nicht, daß ich je heirate, denn wenn ich's täte, müßte es so werden, wie bei euch, und das bringe ich doch nicht zustande!‹ Sie fühlen es durch, sie wären auch gar nicht so harmonisch, so heiter und guter Dinge ohne diese Grundlage. Aber nun schlafe, Cäcilie, laß nur den Sturm draußen toben, Sturm muß sein!«

Ja, es wird für jede Familienmutter gut sein, sich zu wappnen gegen Stürme aller Art. Sturm kam auch in diesen Tagen in ein bisher stilles, friedliches Gemüt der Familie Pfäffling. Man ließ ihn harmlos zur Türe herein, denn er sandte einen sehr unschuldigen Boten. Ulrike kam, wie sie schon unzählige Male gekommen war, nur fragte sie nicht wie sonst nach Else, sondern nach deren Mutter. Ihre Tante, Fräulein Scheffel, ließ fragen, ob Frau Pfäffling wohl zu ihr kommen könnte, um etwas mit ihr zu besprechen.

So ging Frau Pfäffling, suchte Fräulein Scheffel auf, und fand sie sichtlich erregt. Während sie Frau Pfäffling in ihre gute Stube führte, entschuldigte sie sich, sie herüberbemüht zu haben. »Ich komme ja gerne zu Ihnen,« sagte Frau Pfäffling, »wir können auch viel ruhiger bei Ihnen, als bei mir besprechen, was Ihnen aufliegt. Handelt es sich um die Kinder?«

»Nein, um meinen Neffen, Arnold Scheffel, den Afrikaner, aber nicht nur um den, Sie werden es gleich hören, ich will es Ihnen vorlesen.«

89 Mit etwas unsicheren Händen nahm sie einen Brief aus dem Umschlag. »Nun, zuerst schreibt er von der Farm und daß alles sich gut anlasse und vorwärts gehe, wieviel Vieh er habe und wieviel Leute, das betrifft Sie ja nicht, aber nun kommt das andere.« Sie las vor: »Die Hauptbedingung ist nun, daß ich bald eine gute Farmerin bekomme, denn ohne eine solche geht's durchaus nicht, aus vielen Gründen, die ich gar nicht alle meiner unschuldigen Tante begreiflich machen kann. Übrigens hast Du ja selbst schon vor meiner Abreise davon gesprochen. So denke ich nun, das Joch der Ehe auf mich zu nehmen. Nun kommt mir gar nicht aus dem Sinn das anmutige, junge Ding da drüben, bei Pfäfflings, Marie heißt sie, glaube ich.«

Die Vorleserin unterbrach sich. »Ach sehen Sie, Frau Direktor, so sind eben die jungen Leute heutzutage, Sie müssen das nicht übel nehmen, daß er ›Ding‹ sagt. Sie wissen das ja. Herr Karl würde es nicht sagen, der ist ernsthafter, aber Herr Wilhelm, nicht wahr?«

»Wilhelm hat wohl solche Ausdrücke,« sagte Frau Pfäffling, »doch glaube ich kaum, daß er sie für die gebrauchen würde, die er für sich gewinnen möchte. Doch lesen Sie nur ruhig weiter, gerade so, wie es dasteht.«

»Ja, wo ist's nur? Hier, er schreibt also: ›Die könnte mir passen. Geld hat sie wohl nicht, aber anderes, das man da draußen brauchen kann; ein gutes treues Gemüt, echten, deutschen Hausfrauensinn. Und Deutschtum wollen wir hierher verpflanzen. Gesund scheint sie auch zu sein, das ist Bedingung, und so ein gewisser Wagemut ist in der Familie, das sah ich an dem langen Menschen, dem Wilhelm.

90 ›Nun ist die Sache aber nicht so einfach. Kommen kann ich nicht, sie zu holen; in den ersten Jahren muß man hier fest auf dem Platz bleiben, wenn man etwas erreichen will. Also müßte sie hierher kommen, und zwar macht man das am besten so: Sie geht zunächst auf ein halbes Jahr etwa in die Schule, die auf einer Farm nahe bei Windhuk zur Ausbildung für junge Mädchen errichtet ist. Dort kann sie alles lernen, was eine Farmerin wissen muß. Die Leiterin der Anstalt ist eine vortreffliche Frau, bei der wäre sie gut geborgen. Bei ihr könnte auch die Hochzeit sein. So habe ich mir die Sache überlegt und ich würde mich gleich an sie selbst wenden, wenn ich nicht so ganz ohne Nachricht über die Familie wäre. Wohl und gut: ist das Mädchen schon längst Braut oder es sind sonst Hindernisse im Weg, Körbe mag ich mir nicht holen, habe auch keinen Grund, es sind genug deutsche Mädchen im Land, die mich möchten, aber ich mag sie nicht. Also, liebe Tante, wirst Du mit der Aufgabe betraut, anzufragen, ob ich anfragen darf. Weiter nichts. Das heißt, wenn Du von Deinem Neffen ein Loblied singen willst, darfst Du es tun, sie soll's auch gut bekommen bei mir. Ohne Frau bleibe ich nicht mehr lange, das ist kein Leben, und herunterkommen will ich nicht. Also mache Deine Sache so gut Du kannst und schreibe mir dann sofort.‹ – Weiter schreibt er nichts; ich weiß nicht, was Sie darüber denken, Frau Direktor, ich dachte, es sei am besten, ich lese es Ihnen gerade so vor, wie er's schreibt, obwohl ich nicht weiß, ob er's so gemeint hat.«

»Jedenfalls war es mir von großem Wert, daß Sie es getan haben, und ich danke Ihnen sehr dafür. Es 91 wird wohl nicht möglich sein ›ja‹ zu sagen, wir kennen ihn doch viel zu wenig.«

»Freilich, und so weit weg die Tochter geben, das tut man nicht so leicht. Fräulein Marie wird das auch nicht wollen, aber ausrichten muß ich es Ihnen doch. Für Arnold wäre es ja ein Gottessegen, so eine Frau – und er ist ein fleißiger Mensch und grundgescheit, aber er weiß es auch. Die Eltern haben auch immer so in ihn hineingeschaut, er war eben das einzige Kind und ihr ganzer Stolz, da muß einer ja hochmütig werden.« Frau Pfäffling wurde nachdenklich. »Was ist es doch Schweres um die Erziehung,« sagte sie, »da ist nun ein einziger geliebter Sohn und in ihrer großen Freude an ihm lassen die Eltern einen geistigen Hochmut bei ihm großwachsen, der ihn um sein Lebensglück bringen kann.« – »So schlimm ist's doch nicht, Frau Direktor, überhaupt hätte ich das gar nicht sagen sollen, er will ja, ich soll ihn loben.«

»Fräulein Scheffel, in solchen Lebensfragen muß man die ganze Wahrheit sagen, sonst nimmt man eine furchtbare Verantwortung auf sich.« – »Das möchte ich um Gotteswillen nicht. Nein, alles was wahr ist: sein Hochmut hat mich oft gekränkt, aber sonst kann man ihm nichts nachsagen, gar nichts.« – »Ich will mit meinem Manne sprechen,« sagte Frau Pfäffling, »und dann mit Marie. Schreiben Sie nicht vorher, es wird nicht lange Überlegung kosten, mir wenigstens erscheint es ganz unmöglich, daß Marie diesem fast fremden Manne folge.«

Als Frau Pfäffling heimkam, fand sie Marie eifrig beschäftigt, mit Resi große Stöße frisch gewaschener Wäsche zu legen. Sie bot im netten Hauskleid mit 92 weißer Schürze und in eifriger Tätigkeit das Bild einer tüchtigen und dabei äußerst anmutigen Haustochter. Mit freundlichen Worten, denen sichtlich gerne Folge geleistet wurde, leitete sie das Dienstmädchen an. Frau Pfäffling war hinzugetreten, anscheinend der Wäsche wegen, in Wahrheit, weil es sie mächtig zu der Tochter hinzog. »Resi, mache für die Mutter den Stuhl frei,« sagte Marie, der irgend etwas an der Mutter Blick und Art auffiel, sie wußte selbst nicht was. »Setze dich ein wenig zu uns, Mutter, es ist so ungewohnt, daß du um diese Tageszeit fort gehst, du warst so lange bei Fräulein Scheffel.« Während Marie rührig weiter arbeitete und nebenbei ein Auge für Resis Tätigkeit hatte, ruhte der Mutter Blick sinnend auf der lieblichen Gestalt. Anders als sonst betrachtete sie die Tochter. Ein Mann wollte sie ihrer eigentlichen Bestimmung zuführen. Da kam ihr zum Bewußtsein, daß Marie in voller Blüte stand, wohl geeignet zu beglücken, fähig zu leisten, was der Frau zukommt. Und es kam ihr nicht der Gedanke an eine schmerzliche Trennung von der Tochter, vielmehr erwachte in ihr eine beglückende Erinnerung an die eigene Brautzeit und sie verließ die beiden, die sie doch in diesem Augenblick nicht verstehen konnten, und ging in ihres Mannes Zimmer, obwohl sie wußte, daß er unten an der Arbeit war. Eine eigentümlich bewegte und träumerische Stimmung überkam sie. Obgleich sie gewissermaßen empfand, was das Herz ihrer Tochter bewegen würde, sprach doch nichts in ihr für den jungen Mann, der all diese Empfindungen geweckt hatte, ja so sehr verwarf sie den Gedanken an ihn, daß sie fast schon mit der 93 Angelegenheit fertig war, als um die Mittagsstunde ihr Mann eintrat und sie ihm berichtete. Der Direktor kam, wenn auch aus anderen Gründen, zu derselben ablehnenden Stimmung wie seine Frau. »Nach Afrika! Marie als Farmerin in diese unsichere Gegend! Es ist genug, daß einer der Söhne so abenteuerlich hinausstrebt. Von den zwei Töchtern geben wir keine so weit fort.« Die Selbstsucht des Vaters sprach da ein Wort mit und die Mutter war froh über die Zustimmung, einerlei aus welchen Gründen sie erfolgte.

»Marie würde nie ›ja‹ sagen, wenn sie den Brief zu lesen bekäme,« sagte Frau Pfäffling. »Über den Ausdruck ›das junge Ding‹ käme sie sicher nicht hinweg.«

»Das fände ich nun ungerechtfertigt,« entgegnete der Direktor. »Ein Ausdruck wie der ›ein anmutiges, junges Ding‹ ist doch nicht so schlimm, daß er in solcher Sache entscheiden dürfte.«

»Nach meinem Gefühl wohl. Es liegt so etwas Geringschätziges, Leichtfertiges darin.«

»Wer wird sich an ein einziges Wort hängen! Mir ist auch schon manchmal eines entschlüpft, über das ich mich nachher selbst gewundert und geärgert habe. So etwas kommt einem in die Feder, ohne daß man's will.«

»Ding? Ein Ding nimmt man und wirft's wieder weg. ›Ding‹ darf einem nicht in die Feder kommen, wenn sich's um die Brautwerbung handelt. Ich wundere mich, daß du das nicht fühlst. Auch spricht er vom Joch der Ehe.«

»Das sind so landläufige Redensarten. Vielleicht wollte er auch Fräulein Scheffel seine Gefühle nicht aussprechen. Er hätte überhaupt besser getan, an uns 94 zu schreiben. Aber das ist alles einerlei, wir lassen unser Kind doch nicht nach Afrika.«

»Aber darf das den Ausschlag geben, wenn sich's um das Glück eines Kindes handelt?«

»Das Glück in Afrika, auf entlegener Farm, mitten unter den Wilden ist nicht sehr groß.«

»Ich weiß nicht,« sagte Frau Pfäffling nachdenklich, »ich meine, für uns Frauen kommt alles auf den Mann an. Mit dem, den sie lieb hat, würde Marie auch in der einsamsten Farm glücklich sein, so sicher, wie sie mit dem ungeliebten überall auf der Welt unglücklich wäre.« Die Eltern konnten sich diesmal entschieden in ihrer Auffassung nicht einigen. »Was nützt unser Reden,« sagte der Direktor, »du wirst eben Marie die Sache mitteilen, und sie kann so wenig wie wir einen besonders angenehmen Eindruck von dem Besuch des jungen Scheffel behalten haben. Überdies, wenn sie merkt, wie du über seinen Brief denkst, dann wird für sie die Angelegenheit bald erledigt sein.«

»Soll ich sie das merken lassen? Du faßt es anders auf. Ich möchte sie nicht so beeinflussen.«

»Mache es, wie wir's immer bei unseren Großen halten: beraten, aber nicht erzwingen. Dann wird es schon recht werden. Und schaue doch nicht so bedenklich drein, es ist ja nicht so schlimm, daß deine Tochter auch anderen gefällt! Die Eigentümlichkeit hat sie von dir.« Die Eltern verstanden sich jetzt wieder.

Am Abend rief Frau Pfäffling die Tochter zu sich in ihres Mannes Zimmer. Sie war allein mit ihr. Aber noch hatte sie die Worte nicht über die Lippen gebracht, die der Tochter ein Neuland zeigen sollten, das 95 doch nicht das rechte für sie war nach der Eltern Meinung. Zufällig kam das junge Mädchen der Mutter selbst zu Hilfe: »Mutter, hat Fräulein Scheffel dir nichts erzählt von ihrem Afrikaner? Ulrike sagte, es sei wieder ein Brief von ihm gekommen.«

Nun mußte es sein. »Ja, ich habe den Brief gelesen, es gelingt ihm mit seiner Farm. Komm her, Kind, ich möchte dir etwas sagen. Er schreibt, daß er nun eine Frau braucht, und, Marie, er fragt seine Tante, ob es wohl möglich wäre, daß du Farmerin in Afrika würdest?«

»Wer? Ich?«

»Ja, du.« Marie hatte sich ein wenig abgewandt, da sie fühlte, wie sie bei der unvermuteten Frage errötete. Einen Augenblick stand sie schweigend, dann wandte sie sich der Mutter wieder zu: »Und was hast du geantwortet, Mutter?«

»Ich kann da nicht viel antworten, liebes Kind, das mußt du tun.« Und als Marie sinnend stand, fuhr sie fort: »Der Vater weiß davon und wollte, daß ich dir's mitteile.«

»Was sagte der Vater?«

»Der sagte, Afrika sei weit, um seine Tochter dort hinzugeben.« Frau Pfäffling hatte sich auf das Sofa gesetzt und sah in stillem Mitfühlen nach dem sinnenden Mädchen. Plötzlich kam Bewegung in die junge Gestalt, Marie ließ sich neben der Mutter nieder, lehnte sich an sie und sagte halblaut zu ihr: »Du mußt mir doch sagen, ob er mich lieb hat und warum er mich will – – was er schreibt. Kann ich das nicht lesen?«

»Der Brief ist zunächst nur für Fräulein Scheffel, 96 er wußte ja nicht, ob du noch daheim bist und überhaupt ein Gedanke daran sein kann.«

»Dann kann ich auch nichts sagen, nicht ja und nicht nein. Wie kommt er auf mich? Was schreibt er über mich? Du mußt mir mehr sagen, Mutter, sei nicht so grausam!«

Es gab kein Ausweichen. Frau Pfäffling sagte ganz ruhig, wie man auswendig Gelerntes hersagt: »Über dich schreibt er: Nun kommt mir gar nicht aus dem Sinn das anmutige, junge Ding da drüben bei Pfäfflings, Marie heißt sie, glaube ich.« Danach blickte sie der Tochter gespannt in das halb verborgene Antlitz. Ein zartes Rot glitt über die feinen Züge. Mit dem Ausdruck innigen Glückes sahen die blauen Augen zu der Mutter auf: »Wie weich und liebevoll das klingt,« sagte sie leise: »›Das anmutige, junge Ding,‹ besonders von so einem großen, starken Mann, nicht? Ich kann mir denken, daß ich ihm nur wie so ein kleines Ding vorkomme. Und wie merkwürdig, daß er sagt, ich komme ihm nicht aus dem Sinn; hat er doch so vieles erlebt, seit er bei uns war.« Und indem sie sich inniger an die Mutter schmiegte, frug sie leise: »Das ist doch Liebe, echte, gute Liebe, nicht, Mutter? Sage, was du denkst!«

Wie schwer das für die Mutter war! Sie sah vor ihren Augen das Liebesglück wie eine zarte Blume aufsprießen und sollte es niederdrücken mit schweren Bedenken! »Wir kennen ihn gar so wenig,« sagte sie, »ein einziges Mal war er bei uns.« – »Ja freilich, nur ein paar Stunden war er da. Aber weißt du nicht mehr, wie viel er da gesprochen hat von seiner künftigen Farm? wie er von dem Herrn erzählt hat, der so 97 viel tut für andere, das war alles so schön, ich habe oft wieder daran gedacht. Und seitdem hat man durch Ulrich und auch durch Wilhelm immer von ihm gehört, so daß man ihn doch recht gut kennt. Mutter,« setzte sie plötzlich lebhaft und heiter hinzu, »sei nur froh, daß Wilhelm nicht hier ist, wenn der das hörte, dürften wir uns gar nicht besinnen, da müßten wir noch heute abend ein ›Ja‹ nach Afrika telegraphieren!«

Aber die Mutter konnte nicht in den heiteren Ton einstimmen. Nachdenklich erwiderte sie: »Ich weiß doch nicht, ob Wilhelm seine Schwester so leichten Herzens ziehen ließe.« Der ernste Ton mochte wohl mehr als die Worte das junge Mädchen beeinflussen. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie traurig: »Mutter, du hast ihn nicht gerne, du bist dagegen und der Vater auch, warum hast du mir davon gesagt? Wenn ihr nicht wollt, ist meine ganze Freude aus, dann will ich auch nicht. Da ist's ja ganz einfach, daß man ›nein‹ schreibt.«

Sie stand auf, das freudige Leuchten war aus dem jungen Gesicht gewichen. Der Mutter tat das in der Seele weh. »So schnell wollen wir die Sache nicht abtun, liebes Kind, es ist uns ja allen so unerwartet gekommen. Überdenken wir es noch in aller Ruhe ein paar Tage. Es handelt sich überhaupt nicht um ja oder nein, bloß darum, ob Fräulein Scheffel ihm sagen soll, es sei nicht unmöglich. Lassen wir's jetzt und mache kein so trauriges Gesicht, mein liebes, gutes Kind, es wird uns schon klar werden, was das Rechte ist, und das und nichts anderes wollen wir tun, du so gut wie wir, nicht wahr?«

Es war ein sonderbares Zusammenleben am 98 nächsten Tag. Unausgesprochen lag etwas in der Luft, und bei den alltäglichen Gesprächen wußte doch jeder, daß der Sprechende von ganz anderen Dingen erfüllt war. Zwar hatten die Eltern und Marie keines der Geschwister ins Vertrauen gezogen, aber Fräulein Scheffel hatte nicht geschwiegen, und durch Ulrich erfuhr Frieder von der Sache. »Ist es wahr?« fragte er Otto. Der hatte noch nichts gehört. So gingen die Brüder zur Mutter und erfuhren von ihr das Nähere. »Mutter,« sagte Frieder, »Ulrike kann ihn nicht recht leiden. Sie sagt, in jedem Brief von ihm komme etwas vor, was sie ärgere. Ich meine, Marie sollte recht viele Briefe von ihm lesen, damit sie ihn erst kennen lernt.« Am wenigsten hätte Frau Pfäffling von diesem ihrem weltunerfahrenen Sohn einen guten Rat erwartet, und doch halfen seine Worte zu einem Entschluß. Ein Briefwechsel sollte die nähere Bekanntschaft herstellen, dann würde es sich zeigen, ob die beiden jungen Leute zusammenpaßten. Diese Antwort sollte Fräulein Scheffel ihrem Neffen vermitteln. Vater, Mutter und Tochter hatten sich dahin geeinigt, wenn gleich die Eltern lieber ein einfaches klares »Nein« geschrieben hätten. Marie wollte selbst die Botschaft zu Fräulein Scheffel bringen. Sie hatte sonst keinen Herzenszug zu dieser Dame, heute aber drängte es sie, hinüber zu gehen, denn sie dachte, die gesprächige Tante würde wohl noch manches über den Neffen berichten.

Frau Pfäffling sah bewegten Herzens der Tochter nach, wie sie fröhlich die Schritte tat, die ihr ferneres Schicksal bestimmen sollten.

Marie fühlte heute keine Abneigung gegen 99 Fräulein Scheffel, es rührte sie, daß diese sichtlichen Anteil nahm und sich freute über den zu erwartenden Briefwechsel. »Das ist ja fast schon ein ›Ja‹,« sagte das alte Fräulein, »Gott gebe seinen Segen dazu.« Und nun erzählte sie mancherlei aus früheren Briefen und hatte eine aufmerksame Zuhörerin an Marie. Schließlich kam sie wieder auf die Zukunft zu sprechen. »Wie tapfer Sie sind, Fräulein Marie, daß es Sie nicht schreckt, mitten unter die Wilden zu gehen, ich hätte es nicht gedacht. So hat mein Neffe doch recht behalten, ja, ja, der kennt die Mädchen. Wissen Sie, was er zu mir gesagt hat, als ich meinte, er sollte sich schon vor der Abreise eine Braut suchen? ›O,‹ sagte er, ›das geht auch von drüben. Wenn ich nur mit der Hand winke, dann kriege ich an jedem Finger ein Mädel!‹« Fräulein Scheffel plauderte weiter, aber Marie war still, ganz still, und horchte jetzt auch nicht mehr auf die Sprecherin. Ihr Ausdruck veränderte sich merkwürdig, alles Liebevolle verschwand, es kam etwas Bitteres, Starres in ihre Züge. Mitten im Satz wurde Fräulein Scheffel unterbrochen. Marie stand auf und sagte: »Schreiben Sie doch lieber Ihrem Neffen nicht, daß wir Briefe wechseln wollen. Es hat mich gereut, ich will keine Briefe. Schreiben Sie, die erste, der er gewinkt habe, komme jedenfalls nicht, er kann ja andern winken.«

»Aber Fräulein Marie, aber, aber –« Fräulein Scheffel konnte vor lauter Bestürzung nichts weiter herausbringen. Ihre Miene war nicht eben geistreich. Verständnislos starrte sie das junge Mädchen an. »Es ist gewiß besser so,« sagte nun Marie in freundlicherem Ton, »bitte, schreiben Sie so, wie ich Ihnen gesagt 100 habe: die erste, der er gewinkt hat, kommt nicht.« Jetzt begriff das Fräulein, was sie angerichtet hatte. »Ach, das werden Sie ihm doch nicht übel nehmen, Fräulein Marie, das hätte ich Ihnen gar nicht erzählen sollen. Es war ja nicht so ernst gemeint. Nein, nein, das dürfen Sie nicht so wichtig nehmen, mein Neffe würde mir das nie verzeihen –,« aber Marie ging, obwohl von der trostlosen Tante am Ärmel gehalten und so durch den Vorplatz begleitet, machte sich sanft los und schloß mit einem kurzen Gruß die Türe hinter sich. Sie eilte die Treppe hinunter, als fürchte sie, noch zurückgehalten zu werden, dann nach Hause. Sie suchte die Mutter, fand sie allein und zwang sich, ruhig zu sagen: »Ich habe mir's jetzt anders überlegt und gleich ganz und gar abgesagt.« Aber die Mutter ließ sich nicht täuschen durch die anscheinende Ruhe. »Kind, liebes Kind,« sagte sie und darin lag so viel mütterliche Liebe, daß ihr die Tochter schluchzend um den Hals fiel und rief: »O Mutter, er ist ganz abscheulich! Ich schäme mich, ich mag gar nicht mehr an ihn denken!«

Fräulein Scheffel kam in aller Frühe des nächsten Tages zu Frau Pfäffling. Sie war außer sich, als sie merkte, daß gar nichts mehr für Arnold Scheffel zu hoffen war. »Was soll ich nur meinem Neffen schreiben, der wird so böse über mich sein, daß ich seine Sache so ungeschickt geführt habe.«

»Dennoch sollten Sie ihm alles schreiben, wie es gekommen ist, denn er kann etwas daraus lernen für die Zukunft.«

»Meinen Sie? Nun, dann soll er's nur hören! Er ist schuld, nicht ich!« Damit suchte sie sich zu beruhigen.

101 Durch Ulrich erfuhr Frieder und durch ihn Otto, was vorgefallen war. Es machte auf all die jungen Leute einen tiefen Eindruck. Konnte man so viel durch einen schlechten Witz verderben? Sie staunten. Das hätten sie alle nicht gedacht und sie bekamen gewaltige Achtung vor dem Zartgefühl der Schwester und fanden, daß es eine heikle Sache sei mit jungen Mädchen. Sie sahen sie anders an als vorher. Else und Ulrike sprachen nur leise darüber, wie Kinder von etwas reden, das sie nichts angeht. »Ich bin froh, daß Marie ihn nicht will,« sagte Ulrike, »ich hätte sie ihm nicht gegönnt.«

»Es ist überhaupt besser, man heiratet nicht,« erklärte Else, »dann hat man nicht so viel Schererei mit den Kindern; ich werde nie heiraten!«

Nachts in der Kammer rief Resi der tauben Walburg in das Ohr: »Fräulein Marie hätte heiraten sollen, aber es wird nichts daraus.« Darauf sagte Walburg: »Manchmal wäre es besser, du wärest auch taub. So was solltest du gar nicht hören, bist noch so ein junges Ding, verstehst noch gar nichts davon.« Resi war darüber anderer Meinung.

Marie erfuhr in den nächsten Tagen die stille und zartfühlende Teilnahme der Ihrigen. Aber lieber wäre es ihr gewesen, wenn niemand etwas geahnt hätte von dem Sturm, der sie innerlich bewegt hatte. Ja, die große Familie, sie hatte ihre Nachteile! Nichts kann man für sich allein haben. Aber sie bringt auch wieder das beste Heilmittel gegen peinliche Erlebnisse, irgend etwas kommt bald zu Hilfe, um die Gedanken abzulenken.

So auch diesmal.

102 Ganz unerwartet, ja so überraschend, daß Frau Pfäffling im ersten Augenblick erschrak, kam an einem Samstag, als die ganze Familie bei Tisch saß, Hanna an. Strahlend vor Vergnügen ging sie auf die Eltern zu. »Botschaft von Wilhelm an euch!« rief sie und überreichte ihnen einen dicken Brief. Dann begrüßte sie alle mit fröhlicher Herzlichkeit und sagte lebhaft zur Mutter: »Gelt, wenn ich so Gutes bringe, darf ich schon ungeladen kommen, und daß ich's nur gleich gestehe, ich habe an Karl geschrieben, er solle doch auch zum morgenden Sonntag kommen. Ist dir's denn auch recht, Mutter?«

»Aber natürlich, ich bin nur so überrascht, immer bist du willkommen!«

»Hältst du mich nicht für eine böse Verschwenderin, daß ich schon wieder die weite Reise mache? Und ich muß nur bekennen, daß zur Heimreise meine Barschaft nicht ganz reicht. Ich habe mir das gar nicht überlegt, bin nur in meiner Herzensfreude über Wilhelms Nachrichten schnell abgereist!«

In der allgemeinen Überraschung und nach vielen durcheinander geworfenen Fragen kam allmählich folgendes heraus: An einem klaren Tag hatten Bekannte Hannas, bewährte Bergsteiger, auf den fest gefrorenen Schnee vertrauend, den Aufstieg unternommen, und nach Überwindung mancher gefahrvollen Stelle und äußerst mühseligem Aufstieg waren sie glücklich an der Hütte angekommen und von dem Einsamen mit Frohlocken empfangen und mit aller Fürsorge verpflegt worden. Bei ihrer Rückkehr überbrachten sie Hanna Wilhelms Tagebuch, mit dem sie sich sofort auf 103 die Reise machte, um den Eltern die lang entbehrten Nachrichten zu bringen.

 

Wir blättern in dem Tagebuch und lesen da und dort ein Wort von dem, was der junge Naturforscher in seiner Bergeinsamkeit niedergeschrieben hat:

So, nun bin ich allein. Mein Vorgänger ist mit den Führern abgestiegen. Fast die ganze Nacht hat er mir Dienstanweisungen gegeben. Nun werde ich's ja fertig bringen mit den feinen Instrumenten. Er hat mir seinen Hund oben gelassen, einen kleinen Spitzer, geht auf den Ruf »Flock«. Man halte dann die Einsamkeit besser aus, meinte er. Bis jetzt wäre es mir schon lieber ohne das Tier, das fortwährend nach seinem Herrn winselt. Ich darf nicht zur Türe hinaus, aus Furcht, daß er sich hindurchdrängt und nachjagt.

*

Jetzt bin ich acht Tage oben. Zuerst war's doch ein tolles Gefühl, so mutterseelenallein. Nun geht's besser. – Die Beobachtungen und das Niederschreiben machen viel zu tun, dazu die Haushaltung. Gestern die erste Wäsche, in geschmolzenem Schnee gewaschen, auf dem Schnee gebleicht. Marie hätte das sehen sollen.

*

Sonderbar, daß mir die Geige gegen die Einsamkeit nicht viel hilft. Sie stimmt weichherzig, und das kann man nicht brauchen.

Schon ist mir mein Spitz lieber als die Geige. Gestern ein wunderbarer Sternenhimmel, so prächtig, 104 wie man ihn nie unten sieht. Bei großer Klarheit sehe ich das Licht vom Samerhof, neben all den Himmelslichtern mag man doch gerne auch ein irdisches Lichtlein sehen.

Ich gehe täglich hinaus, und alles ist bös vereist. Gestern bin ich ausgeglitten und ein ganzes Stück den Berg hinuntergerutscht. Hinunter kam ich in einer Minute, herauf in einer Stunde. Mein Flock ist oben verzweifelt hin und her gesprungen und hat gewinselt, das war nett von ihm, wenn's auch nichts half. Als ich wieder oben war, sprang er wie toll vor Freude an mir hinauf.

*

Daß man gar nichts von den Seinigen hört, ist doch das dümmste. Man hat sie eben mächtig gern. Im Pfäfflingsnest sitzt man auch ganz besonders warm.

Eines von meinen Registrierinstrumenten war in Unordnung; ich in Verzweiflung. Zu was bin ich da, als zum Beobachten? Es muß beobachtet werden! Den ganzen Tag habe ich mich besonnen, wo der Fehler stecken könnte, die ganze Nacht habe ich mich selbst geschimpft, weil ich's nicht herausbrachte. Auf das gröbste Schimpfwort hat endlich mein Dickkopf reagiert. Ich kam dahinter, wo es fehlte, jetzt geht die Sache wieder tadellos.

*

Heute habe ich meinen Ofen gerußt. Es wollte nicht mehr warm werden. Wenn Sturm draußen ist, bringe ich es in der Hütte nicht über 5 Grad.

*

105 Heute morgen ging mir's wunderlich. Ich war zur bestimmten Zeit aufgestanden, habe die Terminablesungen gemacht, den Wind bestimmt und die Instrumente nachgesehen. Als das geschehen war, kam mir auf einmal die Lust, noch einmal ins Bett zu schlüpfen. Ich tat's. »Du darfst tun, was du willst hier oben in deiner Einsamkeit,« sagte ich mir, »kannst bis Mittag schlafen.« Dabei hatte ich aber doch das Gefühl: nein, das darfst du nicht. Aber warum denn nicht? Ich konnte gar keine vernünftige Antwort darauf finden. Es widersprach keiner Vorschrift, es schadete weder mir noch anderen, nicht einmal ein schlechtes Beispiel kann man da oben geben. Aber es half alles nichts, etwas in mir trieb mich heraus. Nun, heute nach Tisch, was lese ich in dem Büchlein, in dem sich die Mutter »gute Gedanken« gesammelt und das sie mir mit herauf gegeben hat? Eine Stelle aus Kant: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer, zunehmender Bewunderung, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.« Das also hat mich herausgetrieben! Schönen Dank, du alter Königsberger Professor, daß du mir das in meine Bergeinsamkeit zurufst, ich mag dich überhaupt, und heute besonders.

*

Greulicher Schneesturm. Ich muß die Türe ins Freie alle Stunden aufmachen, sonst werde ich eingemauert. Die Fenster sind zugeschneit, Stockfinsternis den ganzen Tag. Flock heult, so oft das Gebälke kracht. Ob uns der Sturm wohl wegfegt? Nun dann in Gottes 106 Namen! Im Schnee ersticken ist nicht die schlimmste Todesart. Aber lieber möchte ich glücklich wieder heimkommen. Der Sturm geht wohl durchs ganze Land, er rüttelt auch an den Fenstern daheim, und mein Mütterlein kann nicht schlafen, weil sie an ihren Sohn denkt, das weiß ich.

Den ganzen Morgen habe ich geschafft, um meine Türe frei zu kriegen und dann eines der Fenster. Jetzt kommt wieder ein wenig Licht herein. Aber es tobt draußen noch wie wahnsinnig und das Feuer will nicht mehr brennen. Flock winselt und der Barometer steht so tief, als er nur stehen kann. Ich habe unter meinen Büchern die schrecklichsten Polarreiseschilderungen hervorgesucht, damit mir meine Lage besser vorkommen soll, und das ist glänzend gelungen. Ich habe doch zu essen, habe ein Dach und vier Mauern, wenn auch ächzende, solange die halten, würde mich jeder Nordpolfahrer beneiden.

Die Nacht ist des Menschen Feind. Die Dunkelheit bedrückt mich mehr als alles andere. Ich werde nicht Herr über sie, da der Schnee in fünf Minuten die Fenster, die ich frei mache, wieder bedeckt. Alle guten Geister muß ich beschwören, um guter Dinge zu bleiben. Man könnte sonst schwermütig werden. Heute Nacht träumte mir, ich läge im Sarg, es ist auch nicht viel anders.

*

Der Sturm legt sich, der Himmel klärt sich, der Wilhelm freut sich, Flock wedelt mit dem Schwänzchen.

*

107 Ich kann wieder zur Hütte hinaus, grimmig kalt ist's, aber unbeschreiblich schön, die großartigste Schneewelt, die man sich denken kann. »Sei Lob und Ehr' dem höchsten Gut« muß ich singen, um meinem Herzen Luft zu machen.

*

Die letzten Abende waren so klar, daß ich das Licht vom Samerhof deutlicher sah als je. Ich wollte wissen, ob sie mein Licht auch beachten. Ich machte mir eine Art Fackel zurecht und schwang sie wie toll. Die drüben gaben kein Zeichen. Ich war wütend auf sie. Aber heute abend! Kaum hatte ich ein paarmal mein Licht geschwungen, da bewegte sich dort auch ein Licht hin und her, hin und her unermüdlich. Ich warf vor Freuden meine Fackel hoch in die Luft, das haben sie verstanden und haben ihr Licht gelöscht. Daß doch der Mensch die anderen Menschen so unbändig gerne hat!

*

Ich muß immer daran denken, wie gut ein neugebackenes Brot und frisches Fleisch schmeckt. In der schönsten Arbeit taucht mir wie eine Fata morgana ein Braten und ein Brotlaib auf.

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Mein Flöckchen versteht mich immer besser. Wenn ich sage: »Gelt du, wir sind so allein,« dann zieht er den Schwanz ein und winselt. Sage ich: »Bald gehen wir auch wieder hinunter zu unseren Kameraden,« dann wedelt er, legt seine Pfoten auf meine Kniee und schaut mich so erwartungsvoll an, daß er ein Stück Zucker bekommt.

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108 Fest gefrorener Schnee, herrliches Wetter, ein gutes Stück bergab gegangen.

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Juchhe! Ich kriege Besuch! Mit dem Fernrohr habe ich Menschen entdeckt, wie Ameisen zuerst, jetzt schon so groß wie Bleisoldaten, krabbeln sie seit fünf Stunden den Berg herauf, kommen aber unendlich langsam vorwärts. Ich habe es Flock gesagt, er versteht mich nicht; ich habe ihn in meiner närrischen Freude ans Fernrohr gehalten, er hat es abgeleckt! Nein, es ist doch nichts mit Tieren, Menschen muß man haben! Jetzt wird die Stube gekehrt, das Lager gerichtet, ein Festmahl gekocht, die Geige gestimmt! Menschen, Gott sei Dank, Menschen! 109

 


 

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