Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Agnes Sapper >

Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Die Ferienzeit war vorüber, in der Musikschule gingen die kunstbeflissenen Schüler und Schülerinnen aus und ein, und es war keine kleine Arbeit für den Direktor, die Wünsche der Schüler zu berücksichtigen und der oft wunderlichen Eigenart der Lehrer Rechnung zu tragen. Zwei Eigenschaften erleichterten es ihm, allen gerecht zu werden und doch sein Ansehen zu wahren: Er wollte nur, was dem Ganzen zugute kam, war selbst der treueste Diener des Ganzen, und er hatte eine heitere, unbefangene Art des Verkehrs, die ihm das richtige Wort auf die Zunge gab, wo Schwierigkeiten zu lösen waren.

Oben, im dritten Stock, war wohl den ganzen Tag etwas von den musikalischen Künsten, die da unten betrieben wurden, zu hören, aber nicht viel. Der Baumeister hatte schon gewußt, daß er in diesem Gebäude manche Schicht zwischen die Räume legen mußte, in 63 denen es von früh bis spät sang und klang, tönte und tobte.

Für Einen war es eine harte Sache, immer dies Musikleben zu sehen und zu hören und doch nur wenig daran teilnehmen zu können, und das war Frieder. In den Ferien hatte er sich dareingefunden, aber jetzt ging er seit einigen Wochen wieder in das Gymnasium, tat es freudlos und mit innerem Widerstreben. Seine Lehrer fühlten die Unlust dieses Schülers, erkannten, daß er nicht seinen Gaben Entsprechendes leistete, zeigten sich deshalb oft ungnädig gegen ihn und entleideten ihm dadurch die Schule noch mehr.

Die Freundschaft mit Ulrich war der einzige helle Punkt in dieser dunklen Zeit, und während Frieder zu Hause verschlossen war, vertraute er sich ganz dem Freunde an. Auf dem Heimweg von der Schule war der Hauptgegenstand ihrer Gespräche, daß Frieder tief unglücklich sei und Ulrich ihn von ganzem Herzen bemitleidete. »Du allein verstehst mich,« sagte dann wohl Frieder, »die Lehrer verstehen mich alle nicht, kein Mensch auf der Welt versteht mich außer dir.« Ulrichs Freundschaft wurde um so lebhafter, je ausschließlicher Frieder ihm sein Vertrauen zuwandte. Einmal, als er erfüllt von diesen Empfindungen heimkam, fragte Ulrike ihn nach Frieder, und er vertraute der Schwester die Not des Freundes als tiefes Geheimnis. Sie antwortete kaum darauf. »Auch sie versteht ihn nicht,« dachte Ulrich, »ich bin der einzige,« und das schmeichelte ihm, der sonst von den Kameraden nicht eben hoch eingeschätzt wurde.

Aber Ulrike kam am nächsten Tag auf die Sache 64 zurück, die sie in ihren Gedanken bewegt hatte. »Ulrich,« sagte sie, »es ist nicht recht von Frieder, daß er sich seiner Mutter nicht anvertraut. Wie wären wir glücklich, wenn wir unsere Mutter so nahe hätten und ihr alles sagen könnten!«

»Ich kann nichts dafür, daß er sich nur gegen mich ausspricht,« entgegnete der Bruder.

»Aber du kannst ihm zureden, er soll mit Frau Pfäffling reden, sie kann ihm raten, du kannst das doch nicht! Er sieht so finster aus!«

»Natürlich, weil er unglücklich ist. Hätten ihn seine Eltern aus der Schule austreten lassen, dann wäre er glücklich. Aber sie verstehen das nicht, ich hätte dir nichts davon sagen sollen.«

Ein paar Tage später kam Frieder zum Freund. Er wollte von diesem eine Schulaufgabe abschreiben, damit er dadurch eine freie Stunde gewinne. Dies geschah zum ersten Mal. »Es wird nicht unrecht sein,« sagte Frieder, »denn ich habe den inneren Drang zum Komponieren, dem muß ich folgen, das steht über der Schule. Du mußt nicht meinen, es sei Faulheit, du verstehst mich schon.«

Ulrike saß im Zimmer und arbeitete an demselben Tisch, Frieder war an sie gewöhnt wie an eine Schwester. Ulrich war willfährig wie immer und stellte seine Aufgabe zur Verfügung. Aber als Frieder fort war, bekam er es mit der Schwester zu tun. »Du willst sein Freund sein?« sagte sie, »sein Feind bist du!« und nach diesen heftig ausgestoßenen Worten ging sie aus dem Zimmer. Sie wollte kein Wort mehr mit ihm reden, wenigstens nicht laut; innerlich setzte sie das 65 Gespräch um so leidenschaftlicher fort: »Du machst ihn zum Betrüger, du wagst nicht, etwas zu ihm zu sagen, damit er nicht böse auf dich wird. Ich wollte es ihm gleich sagen, aber sie geben ja nichts darauf, was ein Mädel redet!«

An diesem Abend kam in später Stunde Frieder noch einmal herüber. Ulrike war es zufällig, die ihm die Türe aufmachte. »Ist Ulrich da?« fragte er.

»Nein,« erwiderte sie frostig.

»Ich wollte ihm das nur schnell geben,« sagte Frieder, »es ist ein Lied, das ich heute vertont habe. Gib es ihm, oder willst du es?«

»Nein, ich mag es nicht,« entgegnete Ulrike, nahm ihm das Blatt auch nicht ab, hingegen schloß sie hinter Frieder die Türe sehr rasch und sehr kräftig.

Er war so betroffen, als ihm dergestalt die Türe vor der Nase zugeschlagen wurde, daß er noch eine ganze Weile stehen blieb. Was war denn das gewesen? Allmählich erst wurde ihm klar, es war eine Grobheit gewesen. Die Schamröte stieg ihm ins Gesicht. Langsam ging er die Treppe hinunter. Halbwegs blieb er stehen und sah sich die Türe noch einmal an. »Durch die bist du wohl hundertmal gegangen,« sagte er sich, »und kannst es jetzt nie mehr. Was würden die Brüder sagen, wenn sie das hörten? Bei viel kleineren Beleidigungen gibt es bei den Studenten ein Duell, und wer solch eine Beschimpfung auf sich beruhen läßt, der ist in ihren Augen ehrlos!«

Er besann sich nicht, warum ihm diese Kränkung zugestoßen war. Es war bei ihm immer so, je lebhafter er empfand, um so weniger dachte er nach, und jetzt 66 waren alle seine Gefühle im Aufruhr. Sie hatte ihn ins Gesicht geschlagen, denn er fühlte ja die brennende Röte im Gesicht, oder hatte sie nur die Türe zugeschlagen? Das wußte er schon nicht mehr so genau. Verächtlich hatte sie ihn abgewiesen, ihn, und das, was er in überwallendem Freundschaftsgefühl geschrieben hatte. Er hielt noch das Notenblatt in der Hand, auf dem das Lied stand, sein tiefempfundenes Lied: »Freundesseele«. Ulrich war sein Freund nicht mehr. Ulrich und Ulrike – die konnte man doch nicht trennen, nicht mit einem Freund, mit dem andern Feind sein? Langsam, nicht im Zorn, sondern mit unendlicher Wehmut riß er das Papier in Stücke. Es war aber nach seiner Empfindung kein Papier, es war die Freundschaft, die zerrissen vor seinen Füßen lag. So kam er wie im Traum nach Hause, hatte nicht Augen, nicht Ohren für das, was um ihn her vorging.

»Frieder wird immer verträumter,« sagten sie daheim über ihn in den folgenden Tagen.

»Ganz schwermütig sieht er aus.«

»Er geht nicht mehr zu Ulrich.«

»Die Schule ist schuld, die behagt ihm nicht.«

»Es mag auch noch anderes dazu kommen,« meinte der Direktor. »Er ist so rasch gewachsen in letzter Zeit.«

»Nächsten Sonntag ist ja sein Geburtstag,« bemerkte Marie. »Wir wollen ihn fragen, was er sich wünscht, damit er eine Freude hat.«

»Ei was,« entgegnete Wilhelm, »ich meine, man sollte ihn einmal ganz gehörig aufrütteln, und ich erbiete mich dazu, so bald ihr's haben wollt.« Sie 67 dankten aber für das Anerbieten, hingegen fragten sie Frieder, was er sich zum Geburtstag wünsche. Er hatte aber keinen Wunsch. Im stillen sagte sich seine Mutter: »An seinem Geburtstag willst du mit ihm reden, an solchem Tag, wo man nur Liebe erfährt, ist man eher zugänglich und mitteilsam.«

Auf dem Schulweg kam Ulrich zu Frieder heran, wie wenn nichts vorgefallen wäre. So bald dieser den Freund gewahr wurde, stieg ihm die beschämende Erinnerung heiß zu Kopf. »Ulrich,« sagte er, »unsere Freundschaft ist aus, Ulrike hat sie zerrissen. Ich kann nie mehr zu euch kommen, ich kann auch dich nicht mehr ansehen, es ist ganz aus zwischen uns.« Ulrich war bestürzt und unglücklich, er gab sich alle Mühe, den Freund umzustimmen. Aber Frieder hatte nur die eine Bitte: »Laß mich, laß mich, du tust mir weh.« Da ging Ulrich auf die andere Seite der Straße und sie wanderten von nun an getrennte Wege.

In der Schule kam die Aufgabe an die Reihe, die Frieder von Ulrich abgeschrieben hatte. Was ihm damals natürlich war, da ihn der hohe Gedankenflug »Freundesseele« bewegt hatte, das erschien ihm jetzt in nüchterner Schulstunde als ein Betrug, er kam von einer Scham in die andere, und als sich nun beim Durchsprechen der Arbeit seine Unwissenheit zeigte, erschien er sich selbst als der verächtlichste aller Schüler.

An einem dieser Tage, als es eben leer in der Wohnung war und Frau Pfäffling ordnend durch die Räume ging, folgte ihr Walburg bis in das hinterste Zimmer. »Frau Direktor,« sagte sie in ihrer eintönigen, ernsten Weise, »unserem Frieder ist etwas, nach 68 dem muß man sehen.« Da erschrak Frau Pfäffling. Ja, die treue Person hatte recht, man mußte nach ihm sehen, mit treuen, liebevollen Augen in sein Inneres schauen.

Es war Samstag, der Abend vor dem Geburtstag. Ungesucht ergab sich die Gelegenheit. Frau Pfäffling hatte oben in den weiten Speicherräumen des großen Hauses eine Kammer, in der sie allerlei alten Besitz aufbewahrte. Sie ging dort hinauf, unter diesen alten Schätzen einen hervorzusuchen, und war ganz vertieft in dieses Geschäft, als Frieder unter der Kammertüre erschien. Als sie ihn so unvermutet an diesem Ort vor sich sah, fiel ihr sein trostloses Aussehen mehr als je vorher auf. Sie dachte, daß er sich nicht mehr allein zu helfen wisse und sie deshalb aufsuche. Schon hatte sie ein liebevolles Wort auf den Lippen, als Frieder mit der rauhen Stimme, die neuerdings an Stelle seiner hohen Kinderstimme getreten war, fragte: »Mutter, kann man das nicht so einrichten, daß man morgen meinen Geburtstag nicht beachtet?«

»Aber Kind, warum denn? Sind nicht die Geburtstage immer ganz besonders freundliche Tage bei uns, wo man dem Geburtstagskind zeigt, daß man es lieb hat?«

»Mich könnt ihr doch nicht lieb haben, ich kann mich selbst nicht mehr leiden,« sagte Frieder bitter schmerzlich. Da fuhr es der Mutter mit Schrecken durch den Sinn, ob dieser Sohn auf schlechte Wege geraten sei und daher sein Trübsinn stamme. Und sie fühlte, daraus könne ihn nur eines retten, sein Vertrauen zu ihr. Sie griff nach seiner Hand, zog ihn neben sich, daß er dicht bei ihr auf einem Koffer saß und sagte: »Weißt 69 du, wie Hanna am ersten Tag bei Tisch meinte: ›Dein Platz ist neben der Mutter, da gehörst du hin?‹ So ist's auch, Frieder. Aber du bist zu wenig zu mir gekommen in der letzten Zeit, jetzt sind wir beide wieder beisammen, jetzt wird alles wieder gut. Sage mir, was bedrückt dich, was hast du Unrechtes getan?«

Die Mutter erfuhr alles. Frieder malte ihr mit schwarzen Farben sein eigenes Bild: Ein unglücklicher Schüler, ein Betrüger, ein gekränkter Komponist, ein zurückgestoßener Freund, ein von der ganzen Welt unverstandener Mensch – das war er. Aber er war es nur geworden, weil man ihn nicht zur Musik hatte gehen lassen.

Da die Mutter liebevoll neben ihm saß, erwartete Frieder Trost und gute Worte, denn im Grund seines Herzens hielt er sich doch mehr für unglücklich als schlecht und bedauerte sich selbst. Frau Pfäffling faßte ihn aber nicht so sanft an. »Es geschieht dir schon recht, daß du so heruntergekommen bist, Frieder, denn du hast dich nur so fallen lassen, hast keine Hand ausgestreckt weder nach mir noch nach Gottes Hilfe, das weiß ich ganz gewiß. Denn es ist gar nicht möglich, daß man sich so verirrt, wenn man in seiner Not spricht: ›Erforsche mich, Gott, und erfahre, wie ich's meine, sieh ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich, Herr, auf ewigem Wege.‹ Bei solchem Nachdenken leuchtet ein so helles Licht auf die Wege, die man geht, daß man erkennt, ob sie falsch sind.«

»Ich bin doch gegangen, wie ihr es gewollt habt, bin in der Schule geblieben, und nun ist's doch nicht recht.«

70 »Ich will dir sagen, Frieder, dein Schulbesuch war eigentlich auch nur eine Art Betrug, du gehst hinein und bist doch nicht darin, bist nicht dabei mit deinem innern Menschen und deinem Willen. Es war wohl in der Schule wie daheim, du sitzst mitten unter uns und träumst und hörst und siehst nicht, was die Menschen tun.«

»Ach die Menschen, sie verstehen mich ja alle nicht.«

»Ei was, die Menschen verstehen den Frieder Pfäffling ganz gut, der soll sich gar nicht einbilden, daß er so schwer zu verstehen sei. Ich will dir sagen, was er ist, nein, was er bisher war: Ein Träumer war er, der an Musik dachte, in der Schule wie zu Hause, und der darüber hundert Anregungen versäumte, durch die er fürs Leben brauchbar würde. Und jetzt will ich dir auch sagen, was aus diesem Frieder wird, wenn er so fortmacht: Ein schlechter Musiker wird aus ihm. Weißt du, was Brahms sagt: ›Ein Träumer zu sein ist das gefährlichste für einen jungen Künstler, wenn er nicht Kraft genug besitzt, sich herauszureißen.‹«

»Aber was soll ich denn tun, Mutter, gar nicht mehr musizieren?«

»Bewahre, fest deine Stunden, deine Übungszeit einhalten, aber wenn diese vorbei sind, dann fort mit allen Musikgedanken und mit ganzer Seele zu dem, was du dann tust, sei es nun, daß du für die Schule lernst oder für das Leben. Wir sind selbst mit schuld, daß du dich schwer zurecht findest unter den Menschen, Frieder. Wir haben zu lange nur gelächelt über das träumerische Kind, wie es mit gesenktem Kopf und abwesendem Geist bei Tag nachtwandelte. Nun ist's 71 höchste Zeit, daß du aufwachst, Frieder, schau das Leben an und nimm's mit ihm auf! Wirst nun siebzehn Jahre, deine Stimme wird männlich, spürst du nicht Kraft in dir?«

Frieder stand auf, er rührte sich, reckte sich, wie wenn er etwas von sich abschüttelte, hielt den Kopf gerade und war ganz anders anzusehen als vorher.

Seine Mutter blickte zu ihm auf. »Ja,« sagte sie, »so kann ich mir vorstellen, daß aus dir ein Mann wird. Und jetzt, Frieder, denke nicht mehr an das, was dich bedrückt hat. Wir sagen jetzt: das Alte ist vergangen, siehe, es ist altes neu geworden. Setze deinen ganzen Willen daran und du wirst die größte Freude erleben, die es für einen Menschen gibt, du wirst spüren, daß du vorwärts kommst!«

»Aber Mutter, die andere Sache, die mit Ulrich? Ich kann doch nicht mehr durch die Türe gehen, die Ulrike vor mir zugeschlagen hat?«

»Wie war denn das? Weshalb hat sie denn das getan?«

»Ich weiß nicht. Es war mir furchtbar.«

»Frieder, da siehst du wieder, wie du geträumt hast. Da fragt man doch nach dem Warum? Schnell besinne dich und sage mir auf eins, zwei, drei den Grund.«

Frieder lachte, denn das Zählen war scherzhaft gemeint. Dann wurde er wieder ernst.

»Sie war dabei, wie ich die Aufgabe abschrieb,« sagte er beschämt, »das muß der Grund sein.«

»Dann hat sie ja ganz recht gehabt, sie mochte dich so nicht. Aber so bist du ja gar nicht, du bist ehrlich und wahrhaftig, hast dich bloß verirrt gehabt.«

72 »Mutter,« sagte Frieder bewegt, »das tut mir wohl, daß du doch ein gutes Haar an mir läßt, vorhin hast du mich so schlecht gemacht.«

»Dich nicht, bloß den Träumer. Ich meine, du solltest Ulrich sagen, wenn deine Schwester bloß dem Frieder, der abschreibt, die Türe verschlossen habe, so könnte sie diese wieder aufmachen, du seist von diesem Irrweg zurückgekommen, meinst du nicht?«

»Man sagt nur so etwas nicht so gern.«

»Wenn es doch wahr ist? Doch, Frieder, ›man‹ tut jetzt alles gern, was einen starken Willen zeigt.«

»So tue ich's,« sagte Frieder und zeigte sich wieder stramm. Frau Pfäffling stand auf.

»Was werden die unten denken, wenn ich so lange hier oben bleibe! Und ich habe den Vorhang noch nicht einmal gefunden, nach dem ich mich umsehen wollte. Vielleicht da oben, ich muß auf die Kiste steigen.«

»Ich, Mutter, ich. Ich bin ein wenig größer als du!« und mit ungewohnter Frische, wenn auch nicht mit großem Geschick stieg er auf die Kiste.

»Wenn du in Wilhelms Turnerbund eintreten könntest, Frieder, wäre das wohl möglich? Du würdest dir die schiefe Kopfhaltung leichter abgewöhnen. Und zum Eislauf solltest du auch diesen Winter, daß du so recht frisch und kräftig wirst, das tut gut in deinen Jahren.« »Wilhelm nimmt mich gleich mit, weil ich nun siebzehn bin.« »Gut; da ist auch der Vorhang, nun wäre ja alles in Ordnung. Komm!«

Frieder folgte der Mutter. Als ein Träumer war er hinaufgegangen, als ein Wacher kam er herunter. Wie verändert kam ihm unten alles vor, denn er 73 schaute jetzt mit offenen Augen um sich, und es kommt doch alles auf die Augen an. Nach kurzem Besinnen, wie er denn nun handeln müsse, beschloß er, zu Ulrich zu gehen. Drüben pfiff er vor dem Haus, einen Pfiff, den Ulrich schon lange vermißt hatte und dem er mit Freuden folgte. Frieder sprach sich dem Freund gegenüber aus und endlich mußte dieser hinauf als Bote an Ulrike. Inzwischen wanderte Frieder bei unfreundlichem Novemberwetter vor dem Hause auf und ab, bis Ulrichs Ruf ihm die Gewißheit gab, daß er auch von der Schwester wieder in Freundschaft empfangen würde. Sie kam ihm droben entgegen, und in Erinnerung an ihr letztes Zusammentreffen errötete sie über und über, fühlte es und sagte in großer Verlegenheit: »Es ist heiß!« Durch diese absonderliche Behauptung fühlte sich Frieder plötzlich aus seiner Unsicherheit in fröhliche Stimmung versetzt. »Es ist ja gar nicht wahr,« sagte er lachend, da lachte sie auch, ging mit ihm zu Ulrich und es war alles wieder in Ordnung zwischen den dreien.

Aber ganz derselbe war Frieder nicht. Er war munterer und gesprächig, sprach vom Turnen und Eislauf, fragte nach dem jungen Farmer in Afrika und horchte auf die Antwort, denn er wollte Wilhelm davon berichten. So blieb er lange und sie unterhielten sich aufs beste.

Frau Pfäffling saß inzwischen bei ihrem Manne und ruhte sich aus von ihrem Gang auf den Speicher. Der hatte sie ganz mitgenommen. Sie wunderte sich darüber, hatte sie denn Schweres geleistet? Nun, einen Träumer wachzurufen, der jahrelang geträumt hat, 74 mag nicht so leicht sein, und man wird auch sorgen müssen, daß er wach bleibt. Aber das muß sie nicht allein tun. Eine große Familie, die unter sich einig ist, hat einen mächtigen Einfluß. Frau Pfäffling wußte all ihre Hilfstruppen heranzuziehen. Noch am Abend ging der Direktor selbst, um Schlittschuhe für seinen Jüngsten auszuwählen, Wilhelm fertigte eine Urkunde aus, die Frieders Aufnahme in seinen Turnerbund enthielt, und am Geburtstagmorgen war jedem der großen Geschwister anzumerken, daß die Losung ausgegeben war, Frieder nicht mehr sich selbst zu überlassen, sondern ihn zu sich heranzuziehen. Und als er nun zwischen ihnen stand, mit frischen Augen und strammer Haltung, war es wirklich, als ob er an diesem Geburtstag um ein ganzes Jahr älter geworden wäre.

So kam der Winter, und schon der Dezember brachte ungewöhnliche Kälte. Von allen Seiten drang sie nun gegen das freistehende Gebäude der Musikschule, mit steifen Fingern kamen die Schüler an ihre Instrumente und klagten untereinander über den bitteren Frost. Aber einer im Hause freute sich über jeden Grad, den die Kälte zunahm. Wilhelm, der junge Naturforscher, bewegte neuerdings den Plan, sich einst einer Polarexpedition anzuschließen, und so gedachte er sich im Ertragen der Kälte zu erproben. Er erschien eines Abends im Familienzimmer mit einem Haufen wenig verlockender alter Felle, nahm Packnadel und Zwirn und machte sich daran, sie zusammenzunähen, wollte aber durchaus nicht verraten wozu. Erst als Frau Pfäffling einmal das Zimmer verließ, wurde es 75 dem Vater und den Geschwistern anvertraut, daß die Felle einen Schlafsack geben sollten. In einer der nächsten kalten Nächte wollte Wilhelm versuchen, wie er es aushalte, darin im Freien zu nächtigen nach Art der Nordpolfahrer. Marie sollte ihm helfen, die Kappe zu nähen mit Schlitzen für Augen und Mund, und Otto sollte Schnee auf ihn schaufeln, wenn er sich nachts in den Garten legen würde. Wohl hatte der Vater Bedenken, diese wurden aber durch herbeigebrachte Reisebeschreibungen beschwichtigt, und die Geschwister gingen eifrig auf den Plan ein. Der Mutter sollte nichts davon gesagt werden, darüber waren sie mit dem Vater einig, sie würde sonst die ganze Nacht frieren. Heimlich wurden am folgenden Tag im Garten die Vorbereitungen getroffen. Als es ernst werden sollte, äußerte der Direktor noch einmal Bedenken: »Habt ihr nicht genug an der Erinnerung, wie ihr als Kinder nachts auszogt nach den Sternschnuppen, nahm diese Sache nicht ein klägliches Ende?« Aber noch ehe die Antwort erfolgte, nahm er eine andere Stellung zu der Sache ein, denn er sagte sich: »Wenn dein Student so handelte wie du Fünfzigjähriger, so wäre er ein langweiliger Philister,« und so kam es, daß er plötzlich aufstand und mit dem Ruf: »Viel Glück zur Polarexpedition!« die Jugend allein ließ.

»Der Vater ist großartig,« erklärte Wilhelm, »man kann wirklich ebenso gut hier studieren als auswärts, er läßt einen machen!«

Nach dem Abendessen verabschiedete sich Wilhelm und Otto. Dies war nichts Auffallendes; denn sie verbrachten manchen Abend mit ihren Studienfreunden; 76 so auch heute. Um 11 Uhr trennten sie sich von diesen. Als sie sich ihrem Hause näherten, traten sie leise auf und gingen durch die Gartentüre nach der Laube, in deren Schutz der Schlafsack mit der Kappe lag.

»Das ist das dümmste an der Sache,« flüsterte Wilhelm, während er in den Schlafsack schlüpfte, »daß man sich so wehrlos vorkommt, wenn man die Hände und Beine nicht frei hat; hier macht das ja nichts, aber dort, wo die Eisbären herumschnüffeln, muß das ein unangenehmer Gedanke sein.«

»Nun mache schnell,« mahnte Otto, »es ist höllisch kalt.« Bald lag Wilhelm in dem langen Sack, die Kappe über dem Kopf, auf dem Schnee, und Otto fing lustig an, ihn von unten bis an den Hals voll Schnee zu schaufeln. Er war im schönsten Eifer, als er deutlich nahende Schritte hörte. Er sah nach der Gartentür, die noch offen stand. »Alle Wetter,« sagte er, »ein Schutzmann!« So war es. Dem aufmerksamen Ohr dieses Mannes war das nächtliche Schneeschaufeln nicht entgangen und verdächtig erschienen. Als er näher trat und die unheimliche Gruppe sah, dachte er, einem Verbrecher gegenüberzustehen, und in der Überzeugung, daß der Missetäter entfliehen würde, zog er die Waffe und gebot: »Halt! Stillgestanden!« Otto, an militärisches Kommando gewöhnt, leistete Folge.

»Was ist denn los?« brummte Wilhelm, dem seine nicht ganz kunstgerechte Kappe bei jeder Bewegung über Augen und Mund rutschte, so daß er den Störenfried nicht sehen konnte. Inzwischen hatte sich Otto gefaßt und redete sehr artig den Schutzmann an: »Wir sind hier in unserem eigenen Garten, Otto Pfäffling, studiosus juris,« er reichte ihm seine Besuchskarte, »und hier mein Bruder«. Hinter seinem Pelz hervor brummte dieser »Studiosus Wilhelm Pfäffling. Bemühen Sie sich nicht um uns. Es ist alles in Ordnung. Ich studiere auf Nordpolfahrten, und das wissen Sie wohl, daß man bei diesem Studium ein Semester lang jede Nacht im Freien schläft. Wenn man aber nicht gut mit Schnee bedeckt ist, erfriert man. Mach vorwärts, Otto, und rücke mir die Kapuze zurecht, das stinkende Ding kommt mir immer in den Mund, und sehen kann ich auch nicht, Marie versteht nicht, wie man so etwas macht.«

Der Schutzmann wußte nicht recht, was er sagen sollte, die Sache behagte ihm nicht, und doch konnten die jungen Herren Pfäffling schließlich treiben, was ihnen beliebte, auch erfrieren, wenn sie wollten. Otto schaufelte fest drauf los, bis nichts mehr vom Pelz zu sehen war. »So, jetzt gehe ich,« sagte er, »wenn's dir zu dumm wird, kannst du ja aufstehen, ich gehe in mein Bett.«

»Gute Nacht, Bruderherz,« sagte Wilhelm. »Herr Schutzmann, wenn Sie dableiben wollen und mich gegen Eisbären verteidigen, habe ich nichts dagegen.«

Der schien aber keine Lust zu haben, folgte Otto und überzeugte sich noch, daß dieser den Schlüssel zum Musikschulgebäude hatte. Gutmütig bot Otto dem Schutzmann noch eine Zigarre an, indem er teilnehmend sagte: »Eine kalte Nacht haben Sie zu ihrem Dienst, ich kenne das vom Militär!« Dankbar nahm der Schutzmann die Zigarre und sagte sich, während er von dannen ging: »Ein hartes Semester ist das für so einen jungen 78 Herrn – wenn's überhaupt wahr ist, bei den Studenten weiß man nie, ob sie einen nicht verulken.«

Gegen Morgen, es mochte fünf Uhr sein, erwachte Otto. Wilhelm trat in das gemeinsame Schlafzimmer. »Nun, wie war's, erfroren bist du scheint's nicht?«

»Weißt du, wie's war? Es ist zum Lachen! Warm war's, lästig warm! Schon nach einer Viertelstunde wäre ich am liebsten aus meinen Kleidern gefahren, ich hielt aber aus und schlief schließlich ein. Wie ich nun vorhin aufwache, bin ich über und über warm, mehr als je im Bett. Nein, unsere Kälte ist lächerlich, nun hat sich auch der Himmel überzogen, wahrscheinlich bekommen wir Tauwetter, und das will ein Winter sein! Ich gehe an den Nordpol!« Einstweilen streckte er sich noch behaglich in sein Bett.

Obgleich nun Wilhelms Polarnacht keine Heldentat war, so wurde sie doch der Anlaß, daß er noch diesen Winter in den Beruf des Naturforschers hineinkam.

Es war in der Weihnachtszeit, Karl war in Ferien gekommen, auch Hanna fand sich zum Fest ein, glücklich über das Zusammensein, das ihnen daheim vergönnt war, die anderen wiederum beglückend durch ihre Freude. Als nun die Mitteilungen traulich hin und her gingen über alles, was man inzwischen erlebt hatte, da entfernte sich Else unbemerkt und kam leise zurück, Wilhelms Pelzkapuze über sich gestülpt, die Felle um sich geschlagen und freute sich nicht wenig, daß Hanna einen lauten Schreckensruf tat, als die Pelzgestalt plötzlich hinter ihr herkam und sie mit der haarigen Kapuze im Gesicht streifte. Dadurch kam das Gespräch auf Wilhelms Einfall und seine Pläne.

79 »Du wärst der Rechte für so eine Winterstation in den Bergen,« sagte nun Hanna, »die Münchner suchen ja eben einen, der – ich weiß nicht auf welchem Gipfel – die Witterungsbeobachtungen machen soll. Der bisher droben war, soll nun abgelöst werden. Es hat sich aber bisher kein Liebhaber für diese winterliche Bergeinsamkeit gefunden.«

Wilhelm war wie elektrisiert. »Da melde ich mich, umgehend, telegraphisch! Du bist eine großartige Schwägerin, sage mir nur eine Adresse!«

Daß Einwände aller Art gegen diesen plötzlichen Entschluß und diese Unterbrechung des Universitätsstudiums erhoben wurden, läßt sich denken, aber alle Bedenken schmolzen wie Schneeballen an der Glut des Wunsches, den der junge Naturforscher mit hinreißender Beredsamkeit äußerte. Man konnte einfach nicht widerstehen, man wurde hineingezogen in seine Unternehmungslust, und nach einer Viertelstunde machte er sich schon, vom Brautpaar begleitet, auf den Weg zum Fernsprechamt, um in München da und dort nachzufragen. Es zeigte sich wieder, daß die junge Schwägerin stramm marschieren konnte, sie hätte sonst Wilhelms beflügeltem Schritt nicht folgen können. Die anderen warteten daheim, begierig, welche Auskunft Wilhelm bekommen würde.

Frieder stand wieder einmal in Gedanken versunken. Vernünftigerweise – das hatten die Eltern gesagt – hätte Wilhelm zuerst seine Studienjahre vollenden, sein Examen machen und dann erst solche Dinge unternehmen sollen. Aber sie hatten es doch zugelassen. Ihm nicht. Er gönnte Wilhelm von ganzem 80 Herzen die Erfüllung seines Wunsches, es berührte nur einen wunden Punkt bei ihm. Aber es ging ihm merkwürdig, er machte nun die Entdeckung, daß der wunde Punkt gar nicht mehr so schmerzte. Nein, wirklich, seit er sich aufgerafft hatte aus seiner mißmutigen Stimmung und seinem Dahinträumen, gelang ihm alles besser, er fühlte sich körperlich und gemütlich frischer, ja sogar musikalisch befriedigt, denn in der beschränkten Stundenzahl, die er auf die Musik wandte, wurde ihm diese zu einem so hoch gesteigerten Genuß, wie er ihn vorher nicht gekannt, und schien ihn rascher zu fördern. Dies alles hatte er schon in den letzten Wochen dunkel empfunden, aber in dieser Stunde wurde es ihm klar und weckte in ihm ein beglückendes Selbstbewußtsein, von dem er noch vor wenigen Monaten als verträumter Junge keine Ahnung gehabt hatte.

Herr Pfäffling unterbrach Frieders Gedankengang. Er trat ins Zimmer, fand jedermann mit Briefschreiben beschäftigt, wie das die Feiertage so mit sich bringen, und sagte etwas ungeduldig: »Wie lange doch unsere drei beim Postamt bleiben! Ich gehe ihnen entgegen.«

»Ich gehe mit dir, Vater,« erklärte Frieder.

»Du? So komme!« Herr Pfäffling wunderte sich. Es war bisher viel häufiger gewesen, daß Frieder sagte: »Ich bleibe bei der Mutter,« als »ich gehe mit dem Vater«. Ob Frieder wohl etwas mit ihm besprechen wollte? Wahrscheinlich. Er war wieder einmal träumerisch dagestanden, vielleicht hatte Wilhelms Unternehmungslust bei dem Jungen wieder alte Wünsche erweckt. Sie gingen eine Weile schweigend, 81 dann wollte der Direktor Klarheit haben. »Dein Schulzeugnis ist so leidlich gut ausgefallen,« sagte er.

»An Ostern wird's noch besser werden, Vater.« Frieder sagte dies mit so fröhlicher Zuversicht, daß Herr Pfäffling wußte, woran er war.

»Ja, Frieder, sicher wird es gut und du wirst sehen, wie du dich darüber freust, gerade du, weil du dich zum Lernen überwinden mußt. Es gibt überhaupt nichts, was den Menschen so beglückt, als wenn er spürt, daß er vorwärts kommt, weißt du innerlich vorwärts, meine ich.«

»Ja, ja, ich verstehe dich schon, ich – ja ich verstehe es.« Eigentlich wollte er sagen, »ich habe es schon selbst empfunden,« aber das kam ihm doch unbescheiden vor und er unterdrückte es.

Herr Pfäffling fuhr fort: »Du glaubst gar nicht, Frieder, wie oft ich als Musiker die Erfahrung mache, daß auch der Begabteste es nicht zu einem richtigen Künstler bringt, wenn er ein willensschwacher Mensch ist. Schlechte Neigungen haben wir ja alle, kämpft einer nicht dagegen, so unterliegt er. Nun könnte man denken, er wird vielleicht ein schlechter Charakter, aber doch ein hervorragender Künstler. Das denkt mancher, aber es ist nicht wahr. Lies nur einmal die Lebensbeschreibungen der Größten, auf welchem Gebiet es auch sei, sie sind stets auch willensstarke Männer gewesen. Du mußt jetzt recht viel von großen Männern lesen, Frieder, das stählt. Mache es wie die Mutter: jeden Tag liest sie, nur eine halbe Stunde, du weißt es ja, aber was für prächtige Bücher hat sie so im Laufe ihres Lebens gelesen und wieviel 82 daraus gewonnen für sich und dadurch für euch, für uns alle!«

Herr Pfäffling war sehr rasch gegangen, während er so lebhaft sprach. Nun unterbrach ihn Frieder: »Ich glaube, Vater, wir machen nicht den nächsten Weg und können die Geschwister verfehlen!«

Da blieb der Direktor stehen, rieb sich die Stirn und sagte: »Natürlich verfehlen wir sie da! Ei, ei, was machen wir zwei für Dummheiten! Vielleicht sind sie schon zu Hause, am besten ist's, wir kehren um! Übrigens war es ja ein ganz gesunder Lauf.« So machten sie kehrt, hatten nichts erreicht und fühlten sich doch befriedigt. Von diesem Tage an kam es nicht mehr so selten vor, daß man dem Direktor mit seinem jüngsten Sohne begegnete.

Wilhelm hatte seinen Zweck erreicht, und einige Tage später erhielt er die Nachricht, daß er sich beim Vorstand des Alpenvereins vorstellen solle und dort einen günstigen Tag abwarten, der die Bergbesteigung ermögliche. Er geriet von diesem Augenblick an in fieberhafte Erregung und war nicht leicht zu haben. Denn einmal rief er zu seinen Vorbereitungen die ganze Familie zu Hilfe und dann war er in einem solchen Freudenrausch, daß er alle stürmisch umarmte, die ihm in den Weg kamen, auch die Braut des Bruders, diese Urheberin des Glücks. Und wenn sie sich vor seinen Dankbarkeitsausbrüchen zu ihrem Bräutigam flüchtete, so umschloß Wilhelm mit seinen langen Armen das ganze Brautpaar, dagegen war nichts zu machen.

Je mehr aber seine Lebhaftigkeit zutage trat, um so 83 mehr sorgte sich die Mutter. Aus solch einer fröhlichen Umgebung heraus sollte dieser lebenslustige Mensch plötzlich für Wochen oder Monate in die einsame Hütte auf den höchsten Gipfel der Bergesspitze, keine Menschenseele weit und breit, nichts als Schnee und Eis, keine Hilfe, wenn er krank würde? Aber der junge Naturforscher ließ sich nicht bange machen. »Krank? Gesund wird man da droben in der herrlichen, reinen Luft, und Langeweile gibt's nicht, habe ich doch neben meinem Studium meinen ganzen Haushalt zu führen, muß kochen, waschen, putzen, denn meine Hütte soll blitzblank sein. Und dann habe ich ja meine Geige, die muß natürlich mit. Frieder, was meinst du, ein paar Wochen mit der Geige eingesperrt sein, das ließest du dir auch gefallen!«

Auch Hanna fühlte sich gedrungen, die Mutter zu beruhigen. »So schlimm ist es nicht mit der Einsamkeit,« sagte sie, »es gibt auch im Winter Tage, wo einmal einer wagt, hinaufzusteigen nach der Hütte. Die Münchner tun das gerne, ich werde schon welche hinaufschicken, dann bekommst du Nachricht, Mutter.«

Sie waren alle erstaunt, als Wilhelm am Tage vor seiner Abreise erklärte, einen Abschiedsbesuch müsse er doch machen, beim Bürgermeister, denn mit diesem habe er etwas zu besprechen.

Dieser allen Pfäfflings wohlgesinnte Herr empfing zwar Wilhelm auch mit der Frage, die dieser nicht gern hörte, ob er denn nicht ein ganzes Semester verliere? Aber er ließ sich von diesem Gespräch bald abbringen, denn Wilhelm wußte nun schon mit Gewandtheit dies Bedenken zu zerstreuen. »Ich studiere schon nebenbei 84 für mich weiter und dann kostet es die Eltern nichts, ich bekomme sogar Gehalt und das Geld kann ich alles zurücklegen, denn verbrauchen kann einer mit bestem Willen nichts da droben.«

Der Bürgermeister ging nun mit Teilnahme auf die Einzelheiten des Planes ein, ja, er bedankte sich zuletzt für den Besuch, da er wohl wisse, daß junge Leute solche nicht gerne machten. Darauf sagte Wilhelm ehrlich, er habe eben noch ein besonderes Anliegen. Der Braut seines Bruders verdanke er seine Verwendung, und es wäre fein, wenn er dagegen ihr, das heißt seinem Bruder, verhelfen könne zu einer Stelle; die beiden wollten doch gerne bald heiraten. »Ihr Bruder ist noch sehr jung,« meinte der Bürgermeister.

»Aber die Braut nicht.«

»Wer wird so etwas sagen, wenn sie das hörte! Mädchen sind immer jung!«

»Die ist gar nicht so,« entgegnete Wilhelm leichthin, »die sagt jedermann, daß sie vierundzwanzig ist!«

»Vierundzwanzig? Dann ist sie auch wirklich noch jung und es eilt absolut nicht. Überdies habe ich keine Lehrstellen zu vergeben.«

»Ach, Sie können immer etwas machen, Herr Bürgermeister; es gibt hier doch allerhand städtische höhere Schulanstalten, und Karl ist wirklich ein Muster von einem gewissenhaften Menschen, schon seit er auf der Welt ist!«

»Und etwas gesetzter als sein Bruder Wilhelm, nicht wahr?«

»Freilich, mit mir gar nicht zu vergleichen. In dem kleinen Nest, wo er zuerst war, hatten sie eine 85 förmliche Hochachtung vor ihm, aber jetzt wird er bald da, bald dort hingeschickt. Also bitte, Herr Bürgermeister, verschaffen Sie ihm doch bald eine Stelle, eine ganz bescheidene, nur so, daß sie Hochzeit machen können.«

»Nun, wir wollen sehen, was sich machen läßt.« Mit diesen Worten, die bei einem gleichgültigen Mann gar nichts sagen, bei einem freundschaftlich gesinnten wohl zu schönen Hoffnungen berechtigen, verabschiedeten sich die beiden.

»Ich werde daheim kein Wort verraten, um keine vergeblichen Hoffnungen zu wecken,« sagte sich Wilhelm unterwegs. Aber als er in der letzten Nacht vor seiner Abreise mit Karl zusammen schlief, erzählte er ihm jedes Wort, ja fast noch mehr, denn er setzte nicht nur in den Bürgermeister das größte Vertrauen, sondern in das Leben überhaupt. »Du wirst sehen, übers Jahr um diese Zeit bist du längst glücklicher Ehemann, glaub' mir's nur, immer das, was am schönsten ist, geschieht. Aber sag' nichts weiter, es ist doch sicherer.« Und Karl konnte, was Wilhelm zur Zeit noch nicht zustande brachte, er konnte schweigen. 86

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.