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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Das Brautpaar wurde erwartet. Wer sollte es abholen? Große Beratung. »Ich darf an die Bahn, gelt, bitte!« rief Else, vor Ungeduld brennend.

»Nur nicht zu Viele,« meinte die Mutter.

»Das werden wir gleich bestimmen,« sagte Herr Pfäffling. »Du willst die Schwiegertochter lieber daheim begrüßen, Cäcilie, das weiß ich schon. Und du, Wilhelm?«

»Ich wüßte was Feines. Ich könnte ihnen nach der nächsten Station entgegengehen, in ihren Zug einsteigen und sie begrüßen, dann kennt sie doch eins von uns. Ich denke mir das Ankommen unbehaglich für die Braut, besonders weil ihr Karl die Familie so schildert, als wären wir alle Ideale. Das tut er immer draußen, weil er so ein Familienhammel ist.«

»Gut, gehe du entgegen, das ist ritterlich.« »Ich möchte sie lieber nicht abholen,« sagte Frieder, »es sind immer so viele Menschen am Bahnhof.«

51 »Wenn ich wüßte, wie sie ist,« meinte Marie, »ob sie steif ist und vornehm und ›Sie‹ sagt, oder ob sie gleich verwandtschaftlich tut?«

»Dann bleibe du daheim, wenn du so viele Bedenken hast. Otto wird nicht da sein, wenn der Zug kommt, so darfst du allein mit mir gehen, Else, das älteste und das jüngste Glied der Familie, so wollen wir's machen.«

»Darf ich dann mein weißes Kleid anziehen? Bitte, Mutter!«

»Natürlich, das ist dir die Hauptsache,« sagte Wilhelm lachend. »Dann mußt du auch Blumen überreichen als richtige Festjungfrau.«

»Rosen müssen es sein, nicht wahr, Cäcilie?« sagte der Vater. »Bei uns waren es auch Rosen.«

Die Familie zerstreute sich. Nach kurzer Zeit suchte Frau Pfäffling ihren Mann in seinem Zimmer auf. Er war mit Schreiben beschäftigt. »Du bist an der Arbeit?« fragte sie.

Er legte die Feder aus der Hand und sah sie an. »Und du bist in Sorgen, was gibt's? Komm her.« Nun saßen sie beisammen.

»Ach Wilhelm,« begann sie, »ich kann dir gar nicht sagen, wie beklommen mir zumute ist. Die Braut erwarten und gar keine Ahnung haben wie sie ist!«

»Aber so habe doch Vertrauen in Karl. Er schreibt ja: ›Ich freue mich, sie Euch zu bringen,‹ so hat er das Gefühl, daß sie zu uns paßt.«

»Ja, ja, wenn nur ihr Briefchen nicht gar so kurz wäre, so knapp, ein paar Zeilen, weiter nichts.«

»Aber sie wußte doch, daß sie am nächsten Tage 52 kommt, was soll sie da viel Worte machen? Karl wird neben ihr gestanden sein und gedrängt haben: mach's nur kurz, damit ich dich wieder haben kann. Kannst du dir das nicht vorstellen?«

»Doch, gut, und auch wie das Schreiben gefördert wird, wenn so ein Bräutigam neben einem steht!«

»Nun also, so mach' dir keine Sorgen über den kurzen Brief, du angehende Schwiegermama.«

»Wilhelm, weißt du, worauf zuletzt alles ankommt? Seit Karl fort ist und ich so viel darüber nachgedacht habe, was ich ihm hätte sagen sollen, ist mir klar geworden, was das Wesentliche ist.«

»Nun?«

»Daß sie nach dem Guten strebt, nach dem Göttlichen. Mehr kann man eigentlich gar nicht verlangen. Im Streben nach dem Guten liegt schon, daß sie nicht eigennützig ist, nicht unwahr, nicht so fertig und selbstzufrieden, nicht lieblos. Darin liegt überhaupt alles Edle und Ideale.«

»Ja, aber etwas gehört noch dazu, ein klarer Verstand, damit der Mensch sich selbst erkennt. Die Dummheit ist ein gefährlicher Feind des Guten.«

»Wie kommst du darauf? Ist dir etwas in ihrem Brief dumm vorgekommen?«

»Aber bewahre, Cäcilie, ich habe jetzt gar nicht mehr an den Brief und die Braut gedacht, ich spreche nur ganz allgemein. Sei doch nicht so ängstlich. Du strebst auch nach dem Guten – die Ängstlichkeit gehört aber nicht zum Guten.«

»Ach ja; es wäre fein, wenn sie mehr deine heitere Art hätte!«

53 »Immer ›sie‹, du hast heute nur Sinn für ›sie‹. Du bist eben darin ein rechter Neuling. Warte nur, wenn wir erst vier Schwiegertöchter und zwei Schwiegersöhne haben, wirst du es nicht mehr so genau nehmen.«

»Mit den andern werde ich auch rechtzeitig über solche Dinge reden. Mein ganzes Unbehagen kommt daher, daß ich in diesen Tagen etwas versäumt habe.«

»Glaube doch nicht, daß solche Spezialanweisungen viel ausmachen! Die jungen Leute folgen eben ihrem Sinn und ihrer Neigung. Und daß diese rein und gut werden möchten, darauf hin haben wir gearbeitet, seit wir Kinder haben, und das wird auch jetzt zum Ausdruck kommen. Seit seiner Geburt hast du deinen Sohn ausgerüstet auch für diesen Tag und kannst getrost sein. Ich würde mich jetzt an deiner Stelle recht freuen!«

Frau Pfäfflings bedrückte Stimmung wich. Glücklich und dankbar sah sie zu ihrem Mann auf. »Ja, ja, ich will mich jetzt nur noch freuen. Ob wohl Karl seiner Frau auch einmal so gut zusprechen kann wie du mir?«

Der Direktor zog nun ein sehr bedenkliches Gesicht und sprach mit tiefem Ernst: »Nein, Cäcilie, das wird er nicht können, das hätte ich ihm sagen sollen und habe es versäumt, und so haben wir ja wieder etwas, worüber wir uns Sorgen machen können!«

Da ging sie fröhlich lachend aus seinem Zimmer, suchte ihren Frieder auf, fand ihn musizierend und sagte: »Wenn wir heute abend mit dem Brautpaar im Garten sitzen, könntest du zur Überraschung ein Hornsolo spielen.« Im Gastzimmer fand sie Marie und Else, die es mit Blumen schmückten, lobte freundlich ihr Werk und ging dann, das Silber herauszunehmen, 54 um den Tisch festlich zu decken. »Die Mutter sieht aus, wie am Weihnachtsabend,« sagten die Kinder.

Es war spät am Nachmittag. Herr Pfäffling war mit Else an die Bahn gegangen, seine Frau horchte gespannt nach der Straße hinunter. Jetzt kam ein einzelner Fußgänger in ungewöhnlicher Eile auf das Haus zu. Es war Wilhelm, eilfertig sprang er die Treppen herauf. »Mutter, ich bin nur ein wenig vorausgesprungen, sie werden gleich kommen, denn sie kann stramm marschieren.«

Dies war das erste, was Frau Pfäffling über ihre künftige Schwiegertochter erfuhr. »Für deine Braut wäre das die Hauptsache,« sagte sie.

»Erzähle doch, wie sie sonst ist,« drängte Marie. »Frisch und flott, Malerin oder so etwas.« Aber schon kamen die Erwarteten die Treppe herauf, voran das junge Paar. Frau Pfäffling stand oben, hörte ein fröhliches Lachen und rief hinunter: »Willkommen!« Da blickten von unten ein paar muntere braune Augen herauf. »Das muß die Mutter sein!« rief eine frische Stimme in etwas oberbayerischer Mundart und lebhaft dem Bräutigam voraus eilend kam die Braut, eine mittelgroße, kräftige Gestalt, herauf und streckte Frau Pfäffling die Hand entgegen. »Darf ich Mutter sagen?« Sie fand sich warm und innig an ein Mutterherz gezogen. »Nun laß' mich auch her, Hanna,« sagte Karl. Er strahlte mit dem ganzen Gesicht und in seiner überströmenden Freude umarmte und küßte er die Mutter und machte nicht Platz für seinen Vater und Else, die auch zur Türe herein wollten, bis Hanna, dies bemerkend, ihn von der Mutter weg zu sich zog. 55 »Karl, sie wird schon eifersüchtig!« rief Wilhelm, der sich nun schon als alter Bekannter fühlte.

Ein wenig schüchtern und errötend trat jetzt Marie der Braut entgegen. Ein freundlicher Ausruf war Hannas Begrüßung, als sie die junge, anmutige Schwägerin gewahr wurde. »Wie fein, so eine liebliche Schwester zu bekommen, Karl, da hättest du noch zartere Farben aufsetzen müssen bei deiner Schilderung!«

In diesem Augenblick kam auch Otto die Treppe herauf. Achtungsvoll militärisch begrüßte er die künftige Schwägerin. Den langen Gang entlang wurde die Braut nach dem Wohnzimmer geführt an der Küchentüre vorbei. Unter dieser stand Walburg, trat über die Schwelle und sagte mit feierlichem Ernst zu Hanna: »Der Herr segne Ihren Eingang.« Dann gab sie dem Schwesterkind ein Zeichen und Resi, in frischer, weißer Schürze, trat vor, knixte und beglückwünschte die Fräulein Braut. »Wo ist denn Frieder?« fragte Herr Pfäffling, als sich die ganze Gesellschaft in das mit Blumen geschmückte Zimmer begab. »Frieder? Ja, wo ist er?« »Er wird überhört haben, daß wir angekommen sind.« Wilhelm machte die Türe auf und rief: »Frieder!« daß es durch das ganze Stockwerk klang, dann riefen die andern alle mit und lachten über das Geschrei und waren froh, daß die erste Begrüßung vorüber war.

»Frieder wird im Garten sein und vergessen haben, daß sein Bruder heute die Braut heimbringt.« Das war aber ein Irrtum von Wilhelm. Frieder war im Gegenteil so von diesem Ereignis erfüllt, daß er ein Festlied zur Begrüßung ersann, worüber er nun 56 allerdings den Augenblick der Begrüßung übersehen hatte und etwas beschämt war, als Else ihn holte. »Sie ist lustig, Frieder,« sagte sie unterwegs, »sie macht immer Spaß mit mir und spricht so nett aus. »Elserl« nennt sie mich, das klingt so komisch. Komm' nur herein, man braucht sich gar nicht vor ihr zu scheuen.«

Sie saßen schon alle plaudernd um den Tisch, als Frieder eintrat, aber die Braut bemerkte den etwas verlegenen Jungen. »Das ist wohl Frieder,« sagte sie, stand lebhaft auf, ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit freundlichen Worten.

»Wie sieht er dir so ähnlich, Mutter,« sagte sie, »mehr als irgend eines von den andern.« Und als Frieder nach dem leeren Stuhl neben Frau Pfäffling ging, fügte sie hinzu: »Dein Platz ist natürlich neben der Mutter, da gehörst du hin.« Mutter und Sohn sahen sich an, sie waren wohl der Meinung gewesen, es sei nur Zufall, daß sie nebeneinander saßen, und fanden nun plötzlich einen Sinn darin.

Keine Viertelstunde war vergangen, seit die Braut das Haus betreten, und man saß schon beim Essen. Diese gute deutsche Sitte, von Ausländern oft verhöhnt, bewährte sich auch in der Familie Pfäffling wieder, denn indem sie das Alltäglichste gemeinsam taten, ergab sich schneller ein zwangloses Gespräch, ein gegenseitiges Kennenlernen, als wenn sie sich steif im Besuchszimmer gegenüber gesessen wären, um eine Unterhaltung zu führen. Hanna fühlte sich bald behaglich in diesem Familienkreis. Hier saß nicht obenan ein wunderlicher Eheherr, nach dessen Ansprüchen die Hausfrau sich ängstlich richtet, nicht ein streng auf sein 57 Ansehen bedachter Vater, vor dem die Kinder verstummen. Nein, ein fröhlicher, unbefangener Ton klang vom obersten Sitz bis zum untersten, und in diesen einzustimmen fiel Hanna leicht. »Wie harmonisch es an eurem Tisch ist,« bemerkte sie, »so ganz anders als in unserer Pension in München, da sind alle auf Krakehl gestellt.«

Else lachte. »Was heißt denn das?« fragte sie. Drei Erklärungen kamen gleichzeitig, so daß keine zu verstehen war und es nur ein Gelächter gab. Aber Else wollte Antwort haben. »Du Schulmeister,« sagte sie zu Karl, »sage du mir, was das heißt.«

»Es heißt, daß die Damen dort nicht immer so friedlicher Stimmung sind wie wir.«

»Weil es auch keiner einzigen so gut geht wie dir, Elserl,« fügte Hanna hinzu.

»Mir geht es doch nicht so besonders gut?« fragte Else verwundert.

»Hoho,« rief Wilhelm, »geh' nur erst einmal heraus aus dem Pfäfflingsnest, dann wirst du's merken. Mutter, das Kind muß einmal fort, es ist ihm zu wohl!«

Else lachte vergnügt. »Ich gehe auch einmal fort, nach München, zu dir möchte ich, Hanna,« setzte sie schmeichelnd hinzu. Hanna reichte ihr die Hand über den Tisch, die Liebeserklärung der kleinen Schwägerin freute sie. Sie erzählte nun von ihrem Leben in München, wo sie als Schülerin in der Kunstgewerbeschule gelernt hatte und nun mit Entwürfen für Buchschmuck und Handarbeiten ihren Unterhalt selbst bestritt. Während sie so bescheiden aber doch mit Selbstgefühl ihr Tun und Treiben schilderte, aus dem man wohl 58 die Tüchtigkeit ihres Wesens erkennen konnte, streiften Karls Blicke bald zum Vater, bald zur Mutter und schienen zu fragen: »Kann ich nicht stolz sein auf sie?«

Nach dem Essen führte Karl seine Braut in den Garten, da wandelten sie allein hin und her. Lebhaft sprach Hanna ihre Eindrücke aus. »Du glaubst gar nicht, wie anziehend so ein Familienkreis für mich ist. Wie mir auch das Essen geschmeckt hat, ich habe mich ordentlich meines Appetits geschämt! Weißt du, zuerst war mir's doch ein wenig unheimlich, weil du immer mit solcher Hochachtung von den Eltern gesprochen hast. So ein Vater, bei dem auch die erwachsenen Kinder noch keine eigene Meinung haben dürfen, oder so eine musterhafte Hausfrau, die auf den ersten Blick jeden Flecken sieht, ist mir etwas Schreckliches. Aber ich war eigentlich schon beruhigt, als ich Wilhelm in seiner seelenvergnügten Art sah. Und wie herzlich waren Vater und Mutter gleich mit mir, sie müssen dich furchtbar gern mögen, daß sie deine Braut so warmherzig empfangen. – Marie ist zum Verlieben, so recht jungfräulich, sie sollte nur die blonden Zöpfe um den Kopf winden, das paßte besser zu ihr als die hohe Haartracht. Die hat mir's gleich angetan mit ihren seelenvollen Augen.

»Otto ist mir noch nicht so anziehend, ich weiß nicht, macht es das stramm Militärische, das er an sich hat, oder dachte er: so etwas extra Feines ist die Schwägerin nicht, jedenfalls war er ein wenig steif. Aber ein netter Kerl ist dein Elserl, so ein wenig das verwöhnte Nesthäkchen, wie sie immer dem Frieder sanfte Stöße gibt, damit er ihr zuschiebt, was sie gerne auf dem 59 Teller hätte, und wie gutmütig der das tut, das ist zu nett zu sehen. Was hat der Junge für Augen und für einen Ausdruck im Gesicht! Hinter dem steckt noch am meisten – dich ausgenommen!« fügte sie lachend hinzu, und da die beiden nun auf das Lieblingsthema aller Brautleute zu sprechen kamen, nämlich auf sich selbst, so belauschen wir sie nicht weiter.

Es dauerte nicht lange, da kam Frau Pfäffling in den Garten und suchte ihr junges Paar. »Die Mutter! Ich lasse dich allein mit ihr, Hanna, ich will auch mit dem Vater sprechen.«

Karl ging und suchte seinen Vater aus, hatte Sorge, ob dieser es ihm nicht übelgenommen, daß er selbständig, ohne sich ihm anzuvertrauen, gehandelt hatte. Aber er erkannte wieder, was sich schon immer bewährt hatte, daß keine Spur von Empfindlichkeit im Herzen seines Vater Raum hatte, er fand warme Anerkennung der Braut, herzliche Mitfreude und treue Beratung über die Zukunft, die noch sehr ungewisse, ferne Aussichten zur Vereinigung des Paares bot.

Inzwischen saß Frau Pfäffling mit der Schwiegertochter in dem stillen Garten. Die junge Braut machte es der Mutter leicht, sie sprach mit voller Offenheit und schien ganz unbekümmert um den Eindruck, den ihre Mitteilungen machen würden.

»Von der Haushaltung verstehe ich zurzeit noch gar nichts. Aber das wird sich doch lernen lassen, nicht, Mutter? Ich habe ja immer nur gezeichnet und gemalt und will nun so weiter machen, bis wir heiraten können. Das dauert wohl noch ein paar Jahre, meint Karl, inzwischen schaffe ich mir eine Aussteuer an. Ich 60 werde furchtbar sparen, mir höchstens noch am Sonntag Zigaretten gestatten. Du mußt mir sagen, Mutter, wieviel man braucht, ich habe keine Ahnung. Von meiner ersten Mutter ist noch etwas da, und mein Vater kann ganz wohl auch Geld hergeben, er hat schon welches, zeigt's nur nicht gern. Aber Karl mag nicht darum bitten. Karl ist ein feinfühlender Mensch, weißt du, Mutter, das hat mich zuerst für ihn gewonnen und dann hat er so etwas Zuverlässiges, durch und durch Treues, das schätze ich so hoch. Ich habe ja ganz andere, geistreiche Naturen in München kennen gelernt, und früher hätte ich ihm solche vorgezogen. Ich sage dir, mit achtzehn Jahren da habe ich mit Begeisterung den Männern und Frauen zugestimmt, die von Nietzsche schwärmten und Ellen Keys »freie Liebe« vortrugen. Aber dann habe ich diese Menschen leben sehen und das hat mich abgekühlt.

»Und so ist mir's auch ergangen mit der Religion. Ich habe alles weggeworfen, freireligiös war unser ganzer Kreis, jeder, hieß es, solle selbst auf seine Weise seinen Gott suchen. Aber, weißt du, unter allen, die zu uns gehörten, war nur Eine, die wirklich noch suchte, alle anderen kamen in unserem Getriebe nicht mehr dazu, auch nur ein ernstes Buch zu lesen oder ein solches Wort zu überdenken, und sie kamen herunter. Es hätte nicht sein müssen nach unserem Begriff, aber es war in Wirklichkeit doch so.

»Ich war noch ganz im Kampf mit diesen Anschauungen, als ich die Familie kennen lernte, in der ich später auch Karl traf. Eine einfache Familie war es – ähnlich wie die eurige, – die sah ich leben, und 61 da fühlte ich Halt und Sittlichkeit, festen Boden statt schwankendem Moorgrund, und wenn ich gleich nicht recht erklären kann, warum unsere schönen Ideale falsch waren – überzeugt bin ich doch davon.«

»Hanna, wie alt bist du eigentlich,« fragte Frau Pfäffling.

»Vierundzwanzig, Mutter. Du denkst, es wäre schöner für Karl, wenn ich jünger wäre; ich glaube es auch. Ich habe schon so viel erfahren, mehr als er, und wir sind gleich alt. Der Mann sollte älter sein. Aber nun ist's einmal so, gelt, Mutter, es wird doch gut gehen? Du mußt mir ein wenig dazu helfen.«

Frau Pfäffling zog das Mädchen an sich und küßte sie. Wahrhaftig, sie wollte dazu tun, was sie nur konnte. »Es gibt einen Spruch,« sagte sie, »mir scheint. der paßt gerade auf dich: »Dem Aufrichtigen läßt es Gott gelingen.« 62

 


 

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