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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Es war wirklich für niemanden, auch für Frieder nicht, möglich, trübselig zu sein, denn die Ferienfreude wehte durch das ganze Haus. Daß Otto, der Einjährige, nicht daran Teil hatte, bemerkten die andern nicht viel. Er allein mußte früh morgens heraus, ihn weckte Walburg, die wachte zur Zeit auf, wenn sie gleich keinen Wecker hörte, und sorgte, daß ihr junger Herr sein Frühstück bekam. Für sie waren die Ferien Prüfungszeiten, denn sie ertrug es schwer, wenn die Schlafzimmer über Gebühr lang besetzt blieben, das Frühstück sich weit in den Vormittag hinein zog und sie nicht zur gewohnten Zeit Ordnung schaffen konnte. Zu ihrem Staunen war darin die kleine Resi ganz anders. Die merkte schon am zweiten Feiertag die veränderte Zeiteinteilung, schloß sich ihr mit Genuß an, hörte nicht mehr auf Walburgs 32 Weckruf, sondern überließ es ihrer gestrengen Tante, am frühen Morgen in der Küche zu sitzen mit dem großen Strickstrumpf, der sichtlich wuchs, bis es endlich lebendig wurde im Hause. Und wie lebendig! Der große Frühstückstisch in der Ferienzeit war der Familie Pfäffling der Inbegriff des Behagens, schon durch den Gegensatz zum Schuljahr. Setzte man sich sonst hastig an den Kaffeetisch, den Blick auf die Uhr gerichtet, so waren sie jetzt alle die Glücklichen, für die keine Stunde schlug, saßen gemütlich beisammen, und hin und her ging das Plaudern, das Mitteilen aus Briefen und Zeitungen, das Planen. Im letzteren war Wilhelm vor allem Meister. Er studierte Naturwissenschaften, und was die Welt bewegte, das beeinflußte sofort auch seine Zukunftspläne. War die Zeitung erfüllt von einer neuen Nordpolfahrt, so dachte er daran, sich dieser anzuschließen. Galt es, die Tsetsefliege in Afrika zu bekämpfen, so lockte ihn diese Aufgabe, dann wieder dachte er sich in den Beruf eines Gletscherforschers hinein. Und für alle diese Pläne mußte sich die ganze Familie mitbegeistern, sich mit ihm versenken in die Karten und Bücher, die er zu seiner Vorbereitung herbeischaffte. In Wilhelms Augen lag die Schwierigkeit der Berufswahl nur darin, daß ein Mensch nicht Vieles zugleich treiben kann, sechsfach hätte er leben mögen! Seit er gestern Karls Reisegefährten gesprochen, der als Farmer nach Südwest abzureisen im Begriff stand, war er Feuer und Flamme für diesen Plan.

»Der junge Scheffel wollte uns ja einen Besuch 33 machen,« sagte Herr Pfäffling, »er kann dir noch mehr erzählen von seinem Plan.«

»Der beneidenswerte Mensch!« rief Wilhelm, »er kann nicht viel älter sein als ich und hat schon das Geld, eine Farm zu kaufen. Wie hat er das nur angestellt? Er soll herüberkommen und erzählen, wir wollen ihn holen!«

»Aber jetzt noch nicht!« riefen wie aus einem Munde Frau Pfäffling und ihre älteste Tochter. »Wir müssen doch zuerst Ordnung machen im Haus.«

»Das ist schnell geschehen,« rief Wilhelm, und gewandt begann der lange Student die Kaffeetassen künstlich auf dem Brett aufzutürmen. »Gebt Karl ein Staubtuch, der soll sich nur auch nützlich machen und nicht meinen, weil er jetzt der einzige Ausstudierte unter uns ist, sei er zu vornehm, um Staub zu wischen?« Lachend brachte Else dem großen Bruder das Tuch, mit dem er etwas unbeholfen, den Zwicker auf der Nase, mit der Pünktlichkeit des Philologen den Staub zu wischen begann. Als alle Geschwister so plötzlich vom Frühstückstisch aufstanden, sah Frieder erstaunt um sich. »Was gibt es denn?« fragte er, »wer kommt eigentlich?«

»Das ist wieder echt Frieder,« rief Else lachend, »er sitzt dabei und weiß von gar nichts!«

»Bist du immer noch der alte Träumer?« fragte Karl, gab aber doch gutmütig Bescheid. »Hilf auch, Frieder,« sagte er dann, »sieh, die Stühle stehen so durcheinander, stelle du sie an ihren Platz.«

Mit vereinten Kräften war bald die Ordnung 34 hergestellt, der Besuch mochte kommen. Frieder war der selbstverständliche Gesandte in das Nachbarhaus. Dieses gehörte Fräulein Scheffel, die hier mit den beiden ihr anvertrauten Missionskindern, Ulrich und Ulrike, wohnte und ihnen die Eltern, die in Indien lebten, ersetzen sollte. Täglich verkehrte Frieder mit Ulrich, auch Else hatte an Ulrike eine Altersgenossin und in den Ferien waren die beiden aneinandergrenzenden Gärten ihr gemeinsamer Aufenthalt geworden.

Frieder ging, den Auftrag zu besorgen. Herr Pfäffling folgte ihm. Schon den ganzen Morgen hatte es ihn gedrängt, ein gutes Wort mit seinem Sohn zu sprechen, der so in Gedanken verloren mit traurigem Ausdruck am Tisch gesessen. Während er neben ihm die breiten Treppen hinunterging und sich dem langsamen Gang seines Frieders anbequemte, sagte er: »Wir wollen uns ausdenken, wie du in den Ferien recht vorwärts kommen kannst in der Musik. Du mußt nicht meinen, daß ich kein Herz für dein Studium hätte. Ich will dich von dem einen und anderen Schulfach befreien lassen, damit du mehr Zeit gewinnst.«

»Ach, das gibt nicht viel aus,« sagte Frieder niedergeschlagen.

»Doch einige Stunden in der Woche, berechne nur, wie viel das ausmacht im Jahr und zähle dazu, wie viel freie Stunden du hast an Sonn- und Feiertagen, und vollends in den Ferien, du wirst staunen, was für eine große Zahl das gibt, da kann ein junger Musiker wie du schon etwas erreichen.«

35 Auf diese Weise ließ Herr Pfäffling zu, daß Frieder neben der Schule ganz in der Musik weiter lebe, und er wußte doch, daß das nicht gut tue. Aber ihm erschien es als das wichtigste, daß der Sohn die Liebe zum Vater nicht verliere, darum kam er ihm entgegen, so weit er konnte. Sie waren an das Hoftor gekommen, der Direktor wollte in das Haus zurück. »Vater,« begann da Frieder und sah ernst zu ihm auf, »muß man denn sein ganzes Leben lang immer tun, was vernünftig ist, oder darf man später tun, was einem lieb ist?«

»Freilich darf man,« erwiderte lebhaft der Direktor, denn der schwermütige Blick des jungen Menschenkindes drängte ihn sofort zu dieser Antwort. Dann erst besann er sich: »Weißt du, Frieder, wenn man erwachsen ist, dann ist einem nur das Vernünftige lieb, das fällt später zusammen.« Frieder konnte sich das nicht vorstellen. »So weit bin ich jedenfalls noch lange, lange nicht,« bemerkte er.

»Ich auch noch nicht ganz, sonst ließe ich dich nicht neben der Schule so viel Musik treiben!« Frieder wunderte sich über diese Äußerung und es kam ihm die Ahnung, daß er es dem Vater schwer gemacht habe, für ihn das Richtige zu tun. Er konnte das nicht aussprechen, aber er sah mit einem vertrauensvollen Blick auf, und eben nach diesem Ausdruck des wiedergewonnenen Vertrauens hatte der Vater sich gesehnt. »Nun gehe du zu Ulrich,« sagte er freundlich, »und klage bei ihm nicht über deinen unbarmherzigen Vater, sondern lasse dir von ihm helfen auszurechnen, wie viele freie Stunden im Jahr du hast.«

36 Eine Weile später saß Arnold Scheffel, der künftige Afrikaner, am Pfäfflingschen Familientisch. Er war eine große, kräftige Erscheinung, man konnte sich wohl denken, daß er für tropentüchtig galt, und in seinem Wesen lag etwas Selbstbewußtes, Sicheres. Er war mitteilsam und wurde vor allem von Wilhelm so gespannt angehört und bis ins kleinste ausgefragt, daß Frau Pfäffling die Bemerkung dazwischen warf: »Herr Scheffel errät wohl, daß du dich mit ähnlichen Plänen trägst; es steckt meistens ein wenig Selbstsucht dahinter, wenn andere uns so eingehende Teilnahme entgegen bringen.«

Scheffel widersprach: »Diese Sache ist von so großer Wichtigkeit, daß nur Ungebildete davon unberührt bleiben können.« Die Entgegnung lautete etwas schroff. Wilhelm bemerkte es in seinem Eifer nicht und setzte seine Fragen fort: »Muß man nicht ein großes Kapital haben, um da drüben etwas Ordentliches anfangen zu können?«

»Gewiß, jedenfalls mehr als ich besaß. Ich hatte riesiges Glück dadurch, daß mir jemand die halbe Summe zuschickte. Es klingt wie ein Märchen und ist doch wahr. Das Geld kam mir zu von einem Deutschen, der für unsere Kolonien begeistert ist und irgend einem jungen Ansiedler helfen wollte. Wie er von meinem Plan hörte und wer ihm so gutes Zutrauen zu mir einflößte, weiß ich nicht, denn ich kenne ihn nicht, nicht einmal seinen Namen, aber sein Schicksal. Wollen Sie das hören? Ich spreche gern davon, ja man soll es sogar weiter erzählen. Dieser Mann war glücklicher Gatte und Vater und verlor in einem 37 Jahr Frau und Kinder. Nun stand er ganz allein als reicher Mann mit großer Einnahme und soll in der ersten Zeit beinahe gemütskrank gewesen sein und den Tod gesucht haben. Es freute ihn weder seine Arbeit noch die große Einnahme, die ihm zwecklos erschien und ihm nur Bettler zuzog. Nun weiß ich nicht, kam er selbst auf den Einfall oder sein Geschäftsfreund, durch den ich das alles hörte, jedenfalls gab ein Gedanke ihm wieder Lust am Leben und Schaffen. Er beschloß, jedes Jahr für eine Sache, die ihm am Herzen liege, zu arbeiten und so viel er von seinem Verdienst erübrigen könne, im voraus für einen bestimmten Zweck festzusetzen. Er schafft sich dadurch selbst einen Arbeitszwang und Lebenszweck. So hat er in einem Jahr ein paar tausend Mark für einen nationalen Verein gegeben, einmal eine Leibrente gekauft für ein vereinsamtes Fräulein, einmal für eine gefährdete kirchliche Gemeinde eine große Summe gespendet und in diesem Jahr bin ich oder vielmehr Südwestafrika an die Reihe gekommen. Vor Weihnachten wurde mir das Geld von dem Berliner Geschäftsfreund zugeschickt mit einem Brief, in dem all dieses stand und dazu die Bitte, den Geber manchmal durch Nachricht über das Unternehmen zu erfreuen. Der Name des Mannes stand nicht da, hingegen die Bemerkung, daß ich selbst nie wieder etwas bekäme und auch niemand anders an den Geschäftsfreund weisen solle, denn er vermittle grundsätzlich keine Bitten um Gaben, sein Freund habe selbst genug Lebensbeziehungen. Am Schluß der Wunsch, ich möchte zum Segen anderer alleinstehender Menschen sagen, daß man sich durch 38 solche Arbeit von dem entsetzlichen Gefühl eines zwecklosen Daseins befreien könne. Darum habe ich auch Ihnen das so ausführlich mitgeteilt.«

Die ganze Familie hatte aufmerksam zugehört, am meisten schien Marie von der Erzählung ergriffen. »Haben Sie ihm geschrieben, gleich, so daß er es noch zu Weihnachten bekam?« fragte sie lebhaft.

»Gewiß, und ich werde auch den ersten Gruß von Afrika an ihn schicken.«

»O, dann schreiben Sie ihm doch auch, wie das uns allen so gut gefallen hat, ich mach's ihm einmal ganz gewiß nach.«

Die andern lachten. »Ich habe gar nicht gewußt, daß du so vermögend bist,« sagte der Direktor. Marie errötete. »Ich kann doch später so viel verdienen, daß ich's nicht selbst brauche, und manche sind schon glücklich über ein Goldstück« und im stillen spann sie diesen Gedanken weiter, ohne sich ferner in das Gespräch zu mischen, das nun die Verwandten des jungen Mannes, Ulrich und Ulrike, betraf, die ihre ganze Jugendzeit ohne die Eltern zubringen mußten. »Fräulein Scheffel tut ihr möglichstes für die Kinder,« bemerkte Frau Pfäffling.

»Ja, gewiß, sie macht es so gut wie sie es versteht, die alte Tante,« entgegnete der junge Mann, ein wenig von oben herab.

Bald darauf verabschiedete er sich mit dem Versprechen, von der künftigen Farm aus einmal Nachricht an Wilhelm zu schicken.

Frieder und Else waren inzwischen bei Ulrich und Ulrike im Garten von Fräulein Scheffel geblieben. 39 Ulrich war, wie Frieder, kaum 16 Jahre, Ulrike 13, wie Else. Die vier verstanden sich prächtig, die zwei Jungen besonders liebten sich und ihre Freundschaft gründete tief. Bei den Mädchen war es mehr eine Spielkameradschaft, denn Else war zurzeit noch nicht für tiefgehende Freundschaften angelegt, sie wollte lustig sein, weiter nichts. Dazu waren ihr alle Menschen recht, die darauf eingingen, und Ulrike ging darauf ein; sie freute sich an Else, der heiteren Kameradin, und bewunderte sie, weil sie allezeit frisch und fröhlich war und somit gerade die Gaben besaß, die ihr selbst abgingen. Fräulein Scheffel hielt Ulrike manchmal Else als Beispiel vor. »Sieh Else an, wie munter sie ist. So gehört sich's für Mädchen, an solchen hat jedermann seine Freude, du aber machst immer ein so ernstes Gesicht und kannst keinem Menschen gefallen.« Dabei war aber Fräulein Scheffel selbst mit schuld an dem »ernsten Gesicht«. Sie hatte keinen Herzenszug zu diesem Kind, das doch im Verborgenen ein großes Verlangen nach Mutterliebe besaß, sie ließ jederzeit ihre Vorliebe für Ulrich durchmerken, der eine leichter zugängliche Natur war.

Heute hatte Else das Krokettspiel im Garten vorgeschlagen, das sie alle vier gern spielten. Aber Frieder war von seinen Gedanken hingenommen und zerstreut, so daß seine Schwester bald die Geduld verlor. »Du merkst gar nicht auf, mit dir ist heute nichts anzufangen. Komm, Ulrike, wir wollen lieber plaudern.« Sie zog die Freundin mit sich fort. Es war für Frieder eine Wohltat. Nun konnte er endlich dem Freund erzählen, was ihn seit gestern bewegte, sein sehnliches 40 Wünschen und schmerzliches Verzichten. Ulrich hatte zwar wenig eigene Anschauungen und machte im Laufe der Erzählung einige Wandlungen durch, indem er bald den Gründen der Eltern Pfäffling zustimmte, bald Frieders Wunsch, die Schule zu verlassen, gerechtfertigt fand. Aber Frieder war an solches Verhalten seines Freundes gewöhnt und fühlte sich doch beglückt durch Ulrichs warmes Mitgefühl und durch dessen hohe Meinung von seinem musikalischen Talent. Bald saßen die beiden Kameraden über den Gartentisch gebeugt, berechneten die Zahl der schulfreien Stunden, und brachten eine große Summe heraus, so daß Frieder in befriedigter Stimmung war, als er mit Else wieder heimkehrte.

»Ulrike ist doch oft recht wunderlich,« sagte Else unterwegs. »Ich habe ihr erzählt, daß du aus der Schule wolltest und die Eltern es nicht erlaubten. Und was meinst du, daß sie gesagt hat? Zuerst überhaupt gar nichts, da weiß man immer nicht, hat sie zugehört oder nicht. Sie hat auch gewiß nur halb aufgemerkt, denn endlich sagte sie ganz ernsthaft: »Ihr habt eben eure Eltern, euch geht es gut!« Du weißt doch, daß sie immer so für unsere Eltern schwärmt, aber diese Antwort paßt doch gar nicht, wenn einem der Vater gerade das verbietet, was man gerne möchte. Nicht? Was meinst du, Frieder? Was du meinst, möchte ich gern wissen! Ach was, du bist gerade so langsam wie sie!«

»Ich muß mich doch erst darüber besinnen!«

Sie waren schon all die Treppen der Musikschule hinaufgestiegen, Else wußte kaum mehr, wovon die 41 Rede gewesen war, als Frieder endlich sagte: »Doch Else, sie hat schon aufgemerkt und ihre Antwort paßt.«

Während so die beiden Geschwister an Ulrike dachten, sagte diese zu ihrem Bruder: »Ulrich, du mußt noch ein Jahr in die Schule gehen, dem Frieder zuliebe.«

»Meinst du?«

»Ja, sonst wird es ihm gar so schwer!«

»Also.« Damit war es schon abgemacht, denn Fräulein Scheffel hatte darüber keine eigene Meinung und die Eltern, die waren ja so weit, weit weg in Indien, da konnte man nicht erst anfragen. Ulrich wollte in eine Handelsschule eintreten, das konnte er auch später, der Freund ging ihm vor. So beschlossen die beiden, die noch halbe Kinder waren.


Es war ein köstlicher Sommertag, vom Garten herein zog der Blumenduft, die ganze Familie Pfäffling rüstete sich zu einem Waldspaziergang. In fröhlichster Laune trieb der Direktor zur Eile an. »Nur schnell aus der Stadt, draußen im Wald wird's erst schön,« drängte er, und es war komisch zu sehen, wie er abwechselnd in den schnellen Schritt verfiel, der seiner Natur lag, und dann wieder in den gemäßigten, der den Kräften seiner Frau entsprach. Diese erbarmte 42 sich seiner Ungeduld. »So geht das nicht,« sagte sie, »wir fahren heute einmal mit der Straßenbahn hinaus bis an den Wald.«

»Die ganze große Gesellschaft?« rief der Direktor. »Kinder, was habt ihr für eine verschwenderische Mutter! Aber sie hat recht, springt nur, daß wir den nächsten Wagen erreichen.«

Im Wald war es köstlich. »Ist das ein Hochgefühl,« sagte Herr Pfäffling tief aufatmend, »von den staubigen, blendenden Straßen weg in den schattigen, würzigen Tannenwald zu kommen! Cäcilie, das wird dir auch wohl tun,« und er gesellte sich zu seiner Frau.

Sie nahm seinen Arm und hielt ihn zurück, während die Jugend voranging. »Das schönste ist die Stille,« sagte sie leise, »nichts hört man als das echt sommerliche Gesumme der Bienen oder Mücken, wonnig ist das.«

»Gut, daß man sich in der Stadt an den Lärm gewöhnt und sich der fortwährenden Geräusche gar nicht so bewußt wird, denn wir gehören eben einmal hinein in dies Getriebe.«

»Ja, und treiben selbst mit,« sagte seine Frau. »Wir Pfäfflinge dürfen uns eigentlich nicht beschweren, unsere Sechs gehören nicht zu den Stillen!«

Die Jugend wartete auf die Eltern, und als sie nun zusammen kamen, stimmten sie ein Lied an und Herr Pfäffling sang kräftig mit, während sie gemeinsam weiter wanderten. Dieser Chor konnte sich hören lassen; sie waren alle musikalisch, die jungen Pfäfflinge, außer dem Ältesten, der darin seiner Mutter Kind 43 war. So schloß sich auch Karl jetzt der Mutter an, während sich der Chor zusammenhielt.

Es war ein Glücksfall in dieser großen Familie, wenn es einem der Kinder gelang, die Mutter ein wenig für sich allein zu haben. Karl nutzte den Augenblick, er hatte ihn schon lange erwünscht. Langsam, immer langsamer ging er neben der Mutter, so daß bald ein Stück Weg zwischen ihnen und den Sängern lag. Frau Pfäffling fühlte es immer, wenn eines sie suchte, und kam ihm entgegen, aber sie wußte auch aus langer Erfahrung, daß die traulichen Zwiegespräche nur zu schnell unterbrochen wurden, darum sagte sie nun zu dem Ältesten: »Es sind immer nur Augenblicke, die wir zwei allein sind, nun kann man ein vertrauliches Wort reden.«

»Das wollte ich auch schon vom ersten Ferientag an,« erwiderte Karl, und doch schwieg er nun.

»Ich freue mich so, daß du offenbar befriedigt bist von deinem Beruf,« fuhr Frau Pfäffling fort, »man merkt dir die glückliche Stimmung an.«

»Mutter,« entgegnete Karl in gedämpftem Ton, »freust du dich auch, wenn ich dir sage, daß diese Stimmung einen besonderen Grund hat? Freust du dich, wenn ich euch das nächste Mal vielleicht eine Braut mitbringe? Es wäre mir sehr leid, wenn ihr dächtet, es sei zu früh, ich hätte noch länger warten sollen. Denn dann geht mir vielleicht das Mädchen verloren, das ich mir wünsche.«

Die Mutter ergriff die Hand ihres Sohnes. So viel sie schon mit ihren Kindern erlebt hatte, dies trat zum erstenmal an sie heran. Es bewegte sie mächtig. »Wir 44 freuen uns, wir freuen uns viel mehr als du dir denken kannst, wenn es nur die rechte für dich ist. Bist du noch frei oder hast du das entscheidende Wort schon gesprochen?«

»Ganz frei, Mutter, nur zu sehr, ich habe keine Ahnung, ob sie mich will. Aber was heißt du ›die rechte für mich‹?«

»Eine mit gutem Charakter, und Karl, auch mit guter Gesundheit, denn sieh – –«

Der Waldweg machte eine Biegung, und plötzlich stand vor den Beiden die ganze Gesellschaft wartend. »Sprich nicht davon,« konnte Karl eben noch der Mutter zuflüstern, dann wurde er in die allgemeine lebhafte Unterhaltung hineingezogen.

Es fand sich an diesem Tage für Karl keine Gelegenheit mehr, das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen. Aber der Mutter Worte hatten ihm doch schon die frohe Zuversicht gegeben, daß ihr eine Schwiegertochter willkommen wäre, und die er meinte, war gewiß die rechte. Als er in später Abendstunde mit Wilhelm, seinem Schlafkameraden und Lieblingsbruder, beisammen war, da trieb es ihn, diesem das Mädchen zu schildern, das sein Herz gewonnen hatte und um das er freien wollte. Wilhelm konnte dem Bruder zuerst kaum glauben. »An so etwas denkst du schon, Karl? Man könnte meinen, du seist zehn Jahre älter als ich! Stelle dir mich als Ehemann vor, rein lächerlich wäre das! Aber es ist ja wahr, du bist schon in Amt und Würden und ein gesetzter Mann. Also Glück zu, wenn sie so ein feines Mädchen ist, wie du sagst; ich gratuliere!«

45 »Viel zu früh, Wilhelm, es ist nämlich noch ein anderer um den Weg, und der ist leider nicht in Ferien verreist, wer weiß, wie es steht, bis ich wieder hinkomme.«

»Warum hast du denn das Ding nicht vor deiner Abreise ins reine gebracht?«

»Tätest du so etwas, ohne zu Hause vorher ein Wort zu sagen?«

»Nein, aber zuschauen, wie mir ein anderer zuvorkommt, das täte ich noch weniger. Mensch, geh doch morgen hin, wenn's heute schon zu spät ist. Übrigens geht noch ein Nachtschnellzug.«

Karl lachte über des Bruders Eifer. »Dir eilt es immer, du bist ganz wie der Vater.«

»Darum werde ich dir jetzt noch eine väterliche Ermahnung geben. Nämlich, wenn du zu deiner Zukünftigen kommst, so schreie nicht so laut, sie meint sonst, du machst ihr Grobheiten.«

»Schreie ich denn?«

»Wir schreien alle, wir Pfäfflinge, weil man sonst nicht zu Wort kommt bei uns, wenigstens mir hat man das schon oft gesagt und du wirst auch nicht besser sein als ich.«

»Gut, hast du noch etwas auf dem Herzen?«

»Nur noch eins. Wenn du nicht mit ihr zurecht kommst, telegraphierst du mir, dann komme ich sofort und du wirst sehen, ich bringe sie herum. Verlasse dich auf mich.«

»Das ist Unsinn, Wilhelm! Aber ein guter Kerl bist du doch; gute Nacht!«

»Gute Nacht; fein wäre es, wenn eine junge Frau 46 Pfäffling käme, es würde mich riesig freuen, Karl. Ich wünsche dir Glück.«

Am nächsten Morgen beim Frühstück erklärte Karl mit harmloser Miene, daß er sich von seinem kleinen Gehalt eine kurze Ferienreise gestatten und für einige Tage einen Ausflug machen werde. Sie wunderten sich alle, daß er den fröhlichen Familienkreis schon wieder verlassen wolle und nicht einmal den Versuch machte, einen der Brüder zum Reisebegleiter zu bekommen. Auch hatte sich der Himmel überzogen, das Wetter versprach nicht viel Gutes. Er ließ sich alle Fragen, alle Vorstellungen der Geschwister gefallen und gab keine nähere Auskunft. Die Eltern fragten nicht viel. Es war ihnen klar, daß es sich um etwas anderes als einen Ferienausflug handle. Bisher hatte dieser Sohn nie etwas Wichtiges unternommen, ohne mit ihnen zu beraten. Diesmal wollte er selbständig handeln, und sie hatten Vertrauen in ihn. Als er sich verabschiedete, war sein Blick ernster, sein Händedruck fester und liebevoller als sonst, wenn er sich für Monate trennte. Beide Eltern waren bewegt. »Komme glücklich zurück,« war das einzige, was die Mutter ihm vor allen andern sagen konnte.

Mit stillem, sorgendem Herzen begleitete Frau Pfäffling ihren Ältesten. Man merkte ihr nicht viel an, außer daß sie weniger sprach und manchmal nicht recht beachtete, was um sie her vorging. Anders ihr Mann. Bei ihm äußerte sich jede Gemütsbewegung in gesteigerter Unruhe; er hielt es nicht lange an einem Platze aus und war bald da bald dort zu sehen. Die Eltern wußten nicht, daß Wilhelm eingeweiht war in Karls 47 Geheimnis, ja noch genauer als sie selbst. Aber im Laufe des Tages zeigte sich auch bei ihm, der ganz seines Vaters Natur hatte, dieselbe Unrast, und da sie beide Ferien hatten und durch das Wetter nicht hinausgelockt wurden, so war ihr unruhiges Umherschweifen keine kleine Geduldsprobe für die Mutter, die so gerne ein wenig ihrer Natur nachgegeben und stille des Sohnes gedacht hätte, der heute seines Glückes Schmied sein wollte. Da kam ihr, der Hausfrau, ein rettender Gedanke; sie machte ihrem Mann einen Vorschlag. »Du könntest wohl mit Wilhelm hinauswandern zu unserem Kartoffelbauern und mit ihm sprechen; das bißchen Regen wird euch nichts ausmachen.« Sie waren gleich dazu bereit, und mit Befriedigung sah Frau Pfäffling nach kurzer Zeit die beiden hohen Gestalten mit langen Schritten die Wagnerstraße hinunter wandern. Im Gespräch vorsichtig prüfend gelangten Vater und Sohn bald zu der Erkenntnis, daß jeder wußte, was der andere vor ihm verborgen hatte, und so konnten sie offen besprechen, was sie beschäftigte.

Frau Pfäffling dachte sich nun aller Kinder mit Geschick für ein Stündchen zu entledigen. »Begleite doch Frieder ein wenig zu seiner Geige,« schlug sie Marie vor, »drüben in des Vaters Zimmer, du kommst so selten dazu.« Das ging glatt durch. Nun mußte sie nur noch Elschens Plappermäulchen beschäftigen. »Du kannst die Zeitschrift zu Fräulein Scheffel tragen und ein Stündchen bei Ulrike bleiben.« Schnell war die Kleine verschwunden und in demselben Augenblick ließ Frau Pfäffling, die am Nähtisch saß, ihre Arbeit 48 ruhen, sie hatte mit sich selbst zu tun. »Du hättest ihm noch ein Wort sagen sollen,« sagte sie sich, »er hat ja doch im Wald davon angefangen . . . . Es war keine Gelegenheit mehr . . . . Die hättest du dir eben schaffen müssen, du bist auch immer so schwerfällig; wenn das Lebensglück eines Kindes auf dem Spiel steht, so redet man doch, was einem das Herz eingibt, wozu hat man sonst seine Lebenserfahrung! Und er kennt sich selbst noch nicht. Wenn er sich bestechen läßt durch oberflächliche Reize, so wird er unglücklich in seiner Ehe, denn er ist so ein Gemütsmensch. Otto wäre da anders. Er sieht mehr aufs Äußere und würde sich immer wieder daran freuen, aber Karl nicht, ihm möchte ich so ein Eheglück wünschen wie das unsrige. Vielleicht gelingt es ihm gar nicht, dagegen hättest du ihn auch wappnen sollen. Ach, nun klingelt es, keine fünf Minuten hat man für seine Gedanken, darum macht man auch seine Sache so schlecht!«

Otto war's, der Einjährige. Durchnäßt, bespritzt vom Straßenkot, hungrig und durstig, kam er von einer Felddienstübung heim, auch Else stand schon wieder da, sie hatte die Freundin nicht getroffen; Walburg kam herein, brauchte Geld zu Ausgängen, und nun klingelte wieder jemand und Resi kam und legte ein Papier auf den Seitentisch. Keine Ruhe mehr! Es ist eine stille Qual, wenn ein Mensch nachdenken möchte über Lebensfragen und muß Bescheid geben über Essen und Trinken und die hundert kleinen Dinge des täglichen Lebens. Aber es muß sein, und Frau Pfäffling sorgte für ihren Soldaten und gab allen, was sie brauchten. Zuletzt griff sie noch nach 49 dem Papier, das Resi so achtlos hingelegt hatte, das war ja ein Telegramm! Es wollte sich gar nicht öffnen lassen, da Papiere nie auseinander gehen, wenn zitternde Hände sie öffnen wollen. Und wie sollten Frau Pfäfflings Hände nicht zittern, ihr Mutterherz nicht klopfen! Sie wußte ja nun und hier stand es: Ihr Karl hatte eine Braut. 50

 


 

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