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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Es hatten sich die Tage gejährt, die eine so tief eingreifende Veränderung in der Familie Pfäffling hervorgebracht hatten. Der schwerste zuerst: der Todestag des Vaters, dann der Abschiedstag von Wilhelm und Marie. Auch Frieder war schon über ein Jahr aus dem Hause, und in der Villa Wildeneck hatte man den Jahrestag der Verlobung auf Wunsch der Braut festlich begangen.

Im zweiten Sommer kam Karl zu Besuch. Seine Frau konnte ihn nicht begleiten; denn sie hatte ein kleines, zartes Büblein, ein Sorgenkind, zu verpflegen. Karl hatte seine Mutter lange nicht mehr gesehen, und nun mußte er sie immer und immer wieder anschauen; denn sie kam ihm verändert vor, gealtert, schmäler, müder in ihren Bewegungen. Er sprach mit Otto und Else davon. Sie hatten das nicht bemerkt. Die Mutter klagte doch auch über nichts und hatte ein so ruhiges Leben. Nun wandte er sich an die Mutter selbst. Sie meinte, Karl könne beruhigt sein, sie sei 291 ganz gesund, nur schlafe sie schlecht, und daher möge es kommen, daß sie nicht so frisch aussehe.

»Aber warum schläfst du schlecht?« beharrte Karl, »das sollte nicht sein.«

»Es kommen mir so viele Gedanken, die mich quälen in der nächtlichen Stille. Die Sorgen überfallen mich da und ich werde nicht Herr darüber. So muß ich nun immer an Marie denken, die ihrer schweren Stunde entgegensieht, und ich kann ihr nicht beistehen und weiß nicht, ob sie auf ihrer Farm die richtige Hilfe haben wird. Und von Wilhelm, der immer so fleißig geschrieben hat, ist nun lange kein Brief mehr gekommen, da beängstigen mich nachts die Gedanken, er möchte irgendwo krank oder verunglückt liegen. Auch um euer Bübchen sorge ich mich, ob es euch bleiben wird. Dann kann ich Frieder nicht verstehen, der einesteils ja glücklich schreibt, aber doch dazwischen Äußerungen tut, die Zukunft läge so dunkel vor ihm, daß ihm immer banger werde, je näher die Entscheidung rücke. Dann wieder treibt mich die Sorge um wegen Ottos Verlobung.«

»Wie ist's denn nun, wie steht er mit seiner Braut? Du schreibst uns nie darüber.«

»Ich mag das gar nicht zu Papier bringen. Wunderlich steht es mit diesem Brautpaar: Sie wissen gar nichts miteinander anzufangen. Sie erwartet aber, daß er jeden Tag mit ihr spazieren fahre oder gehe. Anfangs dauerte das immer ein bis zwei Stunden. Bald klagte mir Otto, das sei solch verlorene Zeit. Und du kennst ihn ja, ihm ist nichts schrecklicher als Zeit verlieren. Aber ist's nicht traurig, wenn der 292 Bräutigam das als verlorene Zeit empfindet? Wahrscheinlich war er auf diesen Spaziergängen recht einsilbig mit seiner Braut; denn diese machte bald den Vorschlag, sie wollten lieber zu mir herauf kommen. Sie kamen, und das erstemal entschuldigte er sich bei ihr, er habe nur eine Kleinigkeit zu arbeiten und wolle sie dann heimbegleiten. Er ging in sein Zimmer und sie saß eine Stunde bei mir. Allmählich haben sie das fest so eingerichtet. Eine Viertelstunde gehen sie spazieren, dann bekomme ich die Braut, oft für ein oder zwei Stunden, manchmal auch Else, wenn sie nicht ihren Kurs hat, und Otto sitzt an seiner Arbeit!«

Karl lachte. »Arme Mutter, da mußt du herhalten und stundenlang unter vier Augen mit dem Löckchen zusammen sein! Was sprecht ihr denn miteinander?«

»Anfangs dachte ich für dies oder jenes ihre Teilnahme hervorzurufen. Aber mir scheint, es schlummert nichts in ihr, dann ist auch nichts zu wecken. Ich glaube, sie hat mich lieb in ihrer Art, aber ich kann es kaum erwidern, und es sind entsetzlich öde Stunden.«

»Das ist zu viel verlangt von dir, Otto soll seine Braut selbst unterhalten.«

»Er muß es trotzdem noch reichlich, am Sonntag beansprucht sie ihn vollständig. Ich glaube, im stillen hat er längst den Tag herbeigesehnt, wo die Familie von Wildeneck zum Sommeraufenthalt verreist, nun ist er gestern ganz bestürzt heimgekommen: sie haben ihn eingeladen, mit ihnen nach Genf und Chamounix zu reisen. Denke dir, eine solch herrliche 293 Reise, und er erschrickt nur darüber! Wie soll das weiter gehen?«

»Er soll doch das Verhältnis lösen.«

»Das kommt ihm unehrenhaft vor.«

»Ich meine vielmehr, die Verlobung war unehrenhaft. Ich möchte es ihm gleich sagen, aber er ist in so gereizter Stimmung, es ist nicht gut mit ihm zu reden.«

»Er sagt es sich wohl selber und muß es hart genug büßen. Du kannst dir denken, wie mich das quält!«

Nachdem Karl von all diesen Sorgen gehört hatte, wunderte er sich nicht mehr über der Mutter schlechten Schlaf. Er besann sich auf Abhilfe und gewann die Geschwister für den Plan, daß die Mutter auch einmal eine Erholungsreise machen, in frischer Bergluft sich kräftigen und neue Eindrücke gewinnen solle. Von ihren drei Kindern einmütig bestimmt, gab Frau Pfäffling nach und entschloß sich, nachdem Otto die unvermeidliche Schweizerreise angetreten, das Haus zu schließen und mit Else, die ihre Prüfung als Turnlehrerin bestanden hatte, in die bayrischen Alpen zu reisen. Zunächst fehlte ihr jeder eigene Antrieb zu diesem Unternehmen, und wenn sie sich freute, so war es nur, weil Elses Reiselust und Vorfreude etwas Hinreißendes hatte.

Aber das wurde anders von dem ersten Morgen an, da Frau Pfäffling im Gebirg erwachte. Eine köstlich frische Luft strömte durch das Fenster herein und der Blick fiel auf die Berge, die in wunderbarer Großartigkeit das stille Dorf umgaben. Ergriffen und fast überwältigt von diesem Anblick stand Frau Pfäffling. 294 Welche Herrlichkeit war vor ihr ausgebreitet! Wie wenn es schade wäre um jede Minute, die man versäumte, eilte sie nach Else zu sehen. Sie fand sie noch schlafend und weckte sie: »Else, es ist ein wunderbarer Morgen, zu schön zum Schlafen, sieh nur, wie die Bergspitzen hereinleuchten!« Das junge Mädchen wurde bei diesem Morgengruß gleich hell wach, und es war von dieser Stunde an nicht mehr zu sagen, wer von den beiden mehr die Wonne des Landaufenthalts genoß. Wenn Else in Gesellschaft von anderer Jugend höher hinaufstieg in die Berge und dort noch größere Naturschönheiten genoß, so empfand Frau Pfäffling ein unbeschreibliches Wohlgefühl in dem stillen Frieden der großartigen Umgebung.

Dazu kamen, wie um die Kur zu unterstützen, gleich in den ersten Tagen die ersehnten guten Nachrichten von den beiden Kindern in Afrika. Von der Farm wurde ein kleiner Junge angemeldet, Wilhelm berichtete von wertvollen Marmorfunden.

Am Tag, nachdem sie diese Kunde erhalten hatte, saß Frau Pfäffling am Waldessaum nahe dem Hause. Sie war allein an diesem köstlich duftigen Sommermorgen, denn Else hatte mit andern fröhlichen jungen Menschenkindern eine Bergfahrt unternommen. Wieder nahm Frau Pfäffling die Briefe vor, und in ihre glückliche, dankbare Stimmung mischte sich ein Gefühl der Beschämung. Wie unnötig hatte sie sich gesorgt! Sie erinnerte sich an die schlaflosen Nächte; die hatten ihr geschadet und denen, für die sie gesorgt, nichts genützt. Im Gegenteil, was ihr schadete, war auch zum Nachteil der Kinder, denn sie wollten sie frisch und 295 kräftig haben, noch lange konnte sie ihnen mit Rat und Tat beistehen und ihnen von Wert sein, auch durch ihr Vorbild. Aber dieses Sorgen war ein schlechtes Beispiel, es war, genau betrachtet, nichts als Furcht vor dem, was kommen konnte. Mehr Lebensmut sollte man haben! Nun dachte sie an das kränkliche Kindchen von Karl, dachte an Frieders Ratlosigkeit über seinen künftigen Beruf und an Ottos unglückselige Verlobung. Konnte man denn das Sorgen lassen? Es schien unmöglich, und doch: »Sorget nicht, fürchtet euch nicht,« war Jesu Wunsch und Mahnung. Sie hatte nie gegen diese Sorglichkeit angekämpft, denn ihr Mann hatte ihr darüber hinweggeholfen. Ach, wieviel mußte sie lernen seit seinem Tod! Aber sie hatte auch schon etwas gelernt, sie hatte gelernt, die Trauer zu überwinden, und wie schwer war das gewesen! Nun wollte sie auch das Sorgen überwinden, die Furcht vor dem Schweren, das vielleicht die Zukunft bringen würde. Es konnte doch vorübergehen, warum es dann schon vorher ausmalen und empfinden? Es konnte aber auch kommen, dann würde es tapfer getragen werden, von ihr und von den Kindern. Ja, das war das Schwerste, sich auch darein zu finden, daß die Kinder Leid tragen sollten! Hat nicht die Mutter, seit sie auf der Welt sind, dafür gelebt, danach gestrebt, alles Leid von ihnen abzuwenden? Wie sollte sie jetzt anders denken? Und doch – jetzt standen die Kinder in der vorderen Reihe und mußten den Kampf mit dem Leben aufnehmen, mußten sich erproben auch in bösen Tagen, in der Leidensschule lernen und vorwärts kommen wie sie selbst.

296 Frau Pfäffling verließ den stillen Platz, die Sonne hatte ihn allmählich erreicht, in dem Schatten des Hauses wollte sie schreiben an ihre Tochter in Afrika. Der neue Mut, der sie erfüllte, drängte sie in dieser Stunde zu schreiben; denn es sollte etwas davon hinüberfließen zu der jungen Mutter, die ihn vielleicht nötig haben möchte. Noch einen Blick warf sie auf die ruhige, großartige Aussicht, die sie genossen, einen dankbaren Blick. Hatte sie nicht etwas gelernt in dieser Stunde? Es war doch schön, daß man auch als Großmutter noch lernen konnte, so hatte das Leben noch seinen vollen Wert.

Drei Wochen waren in stillem Frieden hingegangen und die letzte angebrochen. Frau Pfäffling und Else hatten nach einem größeren Ausflug beschlossen, heute einen Rasttag zu halten, und saßen lesend auf einer der Ruhebänke nahe dem Hause. Dazwischen hinein sahen sie wohl über die Bücher hinweg auf die grünen Matten und nach den Bergen, die ihnen immer lieber geworden, je mehr sie mit ihnen Bekanntschaft geschlossen, in ihren Schluchten und auf ihren Gipfeln herumgestiegen waren. Als Else wieder einmal den Kopf hob, sah sie von dem kleinen Sträßchen her, das nach der Bahn führte, einen einzelnen Mann heraufkommen. Sie schaute scharf hin und noch schärfer, sie täuschte sich nicht. »Mutter, sieh dort, Otto kommt!« Frau Pfäffling wollte es nicht glauben. »Aber ganz gewiß,« rief Else und warf ihr Buch beiseite. »Das ist eine nette Überraschung! Es ist ihm langweilig geworden bei seinem Löckchen, nun kommt er noch ein wenig zu uns, das ist fein! Er muß mit mir noch 297 einmal auf alle Berge!« Sie sprang dem Bruder entgegen, bergab. Er war noch eine gute Strecke weit weg. Jetzt sah Frau Pfäffling, daß er die Schwester bemerkte, er grüßte, sie winkte, und nach einer Weile trafen die beiden zusammen. Dann stiegen sie langsam nebeneinander die Straße herauf. Als sie die Höhe erreicht hatten, ging ihnen die Mutter entgegen. Aber sie sahen nicht vergnügt aus, Ottos Gruß war einsilbig, und Else erklärte kurz: »Ich bestelle einstweilen das Zimmer.« Sie ging dem Hause zu und ließ Mutter und Sohn allein. »Ich bin in Gnaden entlassen, Mutter,« kam es widerwillig und kurz von Ottos Lippen.

»Wieso?« Er erwiderte gar nichts, hielt ihr bloß die ausgestreckte Hand hin. An dieser fehlte der schwere, breite Goldreif, den er ein Jahr lang am Finger getragen hatte. Frau Pfäffling sah es. So hatte er denn doch die Last abgeschüttelt, sie war ihm zu schwer geworden. Er hatte getan, was ihm unehrenhaft erschienen war, kein Wunder, daß er finster vor sich blickte! Es legte sich auch ihr schwer auf die Seele. Langsam ging sie mit dem Sohn der Bank zu, die sie vorhin verlassen. »Komm, setze dich zu mir, erzähle mir. Hat sie es schwer genommen? Oder hat sie eingesehen, daß ihr nicht zusammenpaßt?«

»Ich verstehe dich nicht, Mutter, sie hat ja mir den Abschied gegeben, nicht ich ihr.«

»O, so war es?« rief Frau Pfäffling, »sie hat das Verhältnis gelöst? Ach, dann ist's ja ganz anders, Otto!«

»Den beiden Eltern tat's leid, sie konnten mir gar nicht genug Liebe und Ehre erweisen beim Abschied. 298 Aber so fortgeschickt zu werden von solch einem Gänslein ist doch ein schändliches Gefühl!«

»Ach, das macht nichts, Otto, das macht ja garnichts, im Gegenteil, besser hätte es gar nicht gehen können!« Und plötzlich umfaßte die Mutter den Sohn in großer Freudigkeit; es war ihr abgenommen, was sie seit Jahr und Tag schwer bedrückt hatte. »Gott Lob und Dank, daß es so gnädig ausgegangen ist,« sagte sie.

Nun wurde sein Gesicht doch heller. »So nimmst du das auf, Mutter? Nun, dann hast wenigstens du eine Freude. Du siehst übrigens prächtig aus und schön ist's bei euch da oben, sogar wenn man von der Schweiz kommt. Die Schönheit dort habe ich doch nicht genießen können, es waren schreckliche Wochen!«

»Wie kam es, daß sie dich frei gab? Hat sie erkannt, daß du sie nicht lieb hast?«

»Sie selbst kaum. Aber es war eine große Gesellschaft in unserem Gasthof, darunter ein Brautpaar, das sich lustig darüber machte, daß ich lieber mit dem alten Herrn als mit ihr ginge. Und dann war auch ein junger Baron da, der ihr schön tat. Da sagte sie eines Tages, während sie Arm in Arm mit mir spazieren ging: ›Die Leute meinen alle, wir passen gar nicht zusammen, jedes von uns könnte mit einem andern glücklicher werden‹. Ich war völlig überrascht. ›Was soll das heißen,‹ fragte ich, ›willst du, daß die Verlobung zurückgehe?‹ ›Ach ja, bitte‹, sagte sie, zog aber nicht einmal den Arm aus dem meinigen. ›Dann will ich gehen‹, erklärte ich. ›Es eilt ja nicht so‹, meinte sie, ›wenn wir heimkommen, können wir ja mit den Eltern reden.‹

299 »Wir waren ziemlich weit vor den andern voraus, so konnte ich sie nicht mitten auf der Straße verlassen, aber ich ließ ihren Arm los. Da schien sie ganz erstaunt: ›Nimm mir's nur nicht übel,‹ bat sie. Auf meinen Vorschlag gaben wir uns die Ringe zurück, sie probierte den meinigen, lachte über die Weite, steckte ihn an ihren Daumen und zeigte mir, wie komisch das aussehe. Das war unser Abschied!«

»Dann wollen wir auch lachen, wie sie, Otto,« sagte Frau Pfäffling, »sie ist ein großes Kind, weiter nichts! Ich bin ja so glückselig, daß du auf gute Art frei geworden bist!«

»Ja, aber eine Demütigung ist's doch für mich, der Baron wird mich auslachen und viele andere auch.«

»Das nimm auf dich, Otto, die Verlobung war ein Unrecht und das wirkt sich aus, aber es hätte viel schlimmer gehen können. Schrecklich wäre mir eine solche Ehe gewesen! Du ahnst nicht, wie ich unter dieser Verlobung gelitten habe. Jetzt brauche ich gar keine Höhenluft mehr und keinen Landaufenthalt, so leicht ist mir's ums Herz!«

Er sah sie nun mit fröhlichem Gesicht an. »O Mutter, du tust mir noch nachträglich leid. Wieviele Stunden hast du dich mit – ich will den Namen noch einmal aussprechen – dem ›Löckchen‹ geplagt, ich danke dir's.« Er nahm aus seiner Brieftasche den Ring und legte ihn in der Mutter Hand. »Nimm du diesen Ring, ich weiß nicht, was ich damit machen soll, behalte ihn zum Andenken an sie, dich hat sie ja wirklich lieb gehabt. Und jetzt sprechen wir nicht mehr davon, es bleibt eine peinliche Erinnerung für mich, aber du 300 hast recht, ich muß es auf mich nehmen. – Übrigens, wie lange bleibt ihr noch hier? Noch eine Woche? Das ist ja herrlich, das gibt eine köstliche Zeit. Nun will ich Else aufsuchen, ich habe vorhin kaum mit ihr gesprochen; es hat sie wohl gekränkt, ich muß sie wieder versöhnen.« Leichten Herzens eilte er dem Hause zu.


Noch einige Tage und die Zeit zur Heimreise war gekommen. Sie trennten sich schwer. Else hätte die köstlichen Wanderungen im Gebirge noch lange fortsetzen mögen, und Otto scheute sich, in die Stadt zu kommen, wo ihn mancher darum ansehen würde, daß ihm die Braut untreu geworden. Für Frau Pfäffling war das Heimkommen wehmütig; sonst hatte ihr Mann sie in ungeduldigem Verlangen abgeholt, heute zum erstenmal fuhr der Zug ein, ohne daß eines ihrer Lieben sie erwartete. Aber in dem Gedränge am Bahnhof tauchte doch unter all den fremden Gesichtern ein liebes und wohlbekanntes auf. Ulrike, noch in Ferien daheim, war den Reisenden entgegengekommen. »Ich habe es kaum aushalten können,« sagte sie zu Else, »immer von meinem Fenster aus die verschlossenen Läden eurer Wohnung zu sehen. Wie ausgestorben war da alles. Aber jetzt ist wieder Leben, auch in eurem Stock. Seit drei Tagen ist Walburg zurück und macht alles rein, sie kann sich gar nicht genug tun, auch die Kleine ist voll Eifer.«

301 Das tat wohl zu hören. Sie gingen zusammen an das Haus, da kam auch schon Walburg herunter und nahm das Gepäck ab. Auch sie hatte daran gedacht, daß es gegen früher ein trauriges Heimkommen sei, und sah deshalb besonders ernst aus.

Aber als sie nun mit Reisetaschen beladen hinter den Angekommenen die Treppe hinaufging, sah Frau Pfäffling zufällig zurück und fand an ihrer alten getreuen Walburg einen ganz ungeahnt heiteren und glücklichen Ausdruck. Es freute sie. Der Fleißigen hatte wohl auch das Ausruhen wohl getan. »War's schön daheim?« rief sie Walburg zu. Diese verstand nicht, aber sie antwortete: »Daß Sie so gut aussehen, ein Gotteswunder!« Nun wußte Frau Pfäffling, woher der frohe Ausdruck kam! Oben in den alten Räumen war ihr wehe und wohl zugleich. Einen Blick mußte sie in ihres Mannes Zimmer werfen und auf sein Bild. Heiter und freundlich war dieses. Sie versenkte sich in den Anblick. »Ich strebe dir nach,« sagte sie dann leise, »ich habe es erfaßt, dein sorgloses, tapferes Wesen, in mir soll es weiter leben.«

So ging sie mit frischer Kraft wieder an ihr Tagewerk. Allen hatte diese Unterbrechung des gewohnten Lebens wohl getan, sie hatten es einmal wie von der Ferne betrachtet, wo man das Ganze besser überblickt, und sahen klarer, wie viel Gutes sich daraus machen ließ. So nahm ein jedes mit neuem Mut Stellung dazu.

Wenn aber die Stunde schlug, in der sonst Otto seine Braut abgeholt hatte und Frau Pfäffling für sie bereit sein mußte, so kamen sich beide, ohne es auszusprechen, wie von einem Frondienst befreit vor. 302 Hatte doch Frau Pfäffling selbst ihre alte liebste Gewohnheit so manchesmal opfern und auf ihr Lesestündchen verzichten müssen. Nun konnte sie ihre Bücher wieder vornehmen, und manches gute Wort daraus gelangte durch die Briefe zu ihren fernen Kindern. Hie und da kam es auch vor, daß Otto, der seit Jahren nur gelesen hatte, was in sein Studium einschlug, nach irgend einem der Bücher griff, die der Mutter so viel wert waren. Sie sah dies mit stiller Freude und sorgte, daß ihm in die Hände fiel, was ihn fördern konnte. Seine Lebenserfahrung hatte dem Verstandesmenschen gezeigt, daß das Gemüt auch eine Seite der menschlichen Natur ist, die sich nicht ungestraft ausschalten läßt. Und nun kam ihm der Gedanke, daß es wohl noch andere Seiten des Lebens geben möchte, die er bisher unbeachtet gelassen, und die von Wichtigkeit sein konnten, wenn man nicht nur Jurist, sondern auch Vollmensch sein wollte.

Mit zwanzig Jahren hatte er geglaubt, mit aller Religion fertig zu sein, mit sechsundzwanzig fing er an darüber nachzudenken; so hatte er auch philosophische Gedanken für unpraktische Zeitverschwendung gehalten, während ihm jetzt eine Ahnung kam, daß die Frage nach dem »Woher?« und »Wohin?« den menschlichen Geist wohl beschäftigen dürfe. Die Nüchternheit und Einseitigkeit seines bisherigen Strebens kam ihm zum Bewußtsein. Er sah die Mutter an und fand, daß die guten und tiefen Gedanken, denen sie Raum gegeben und Zeit gegönnt, neben aller häuslichen Pflichterfüllung sie zu dem gemacht hatten, was sie war, und beschloß, sein Schifflein aus dem 303 schnurgeraden aber engen Kanal herauszulenken in den breiten Strom des Lebens.

Einige Wochen waren seit ihrer Rückkehr vergangen, als Frau Pfäffling mitten in der Stadt, Ausgänge besorgend, hinter sich eine Stimme rufen hörte: »Mutter, Mutter!« Sie wandte sich verwundert um: es war Ludowika von Wildeneck, die sie so anrief und nun mit ihrem hellsten Lachen die Freude des unverhofften Wiedersehens aussprach. Sie habe immer schon Sehnsucht nach der Mutter gehabt, die Stunden seien doch so schön gewesen, die sie bei ihr zugebracht habe. Und dann neben Frau Pfäffling hergehend, erzählte sie vertrauensvoll: »Dir darf ich es wohl sagen, Mutter, im stillen bin ich wieder verlobt, die Eltern wollen es aber diesmal nicht veröffentlichen, man weiß doch nie, wie es geht, nicht wahr? Wenn du es Otto erzählst, so sage es ihm nur, es sei nicht der Baron, der in Chamounix war, das wird ihm recht sein, denn diesen hat er nicht leiden können. Ein Hamburger ist's. Grüße auch Otto, er war doch mein Erster, da ist man immer noch ein wenig anhänglich.« Sie entfernte sich mit traulichen Worten, so harmlos, als wäre nie etwas Peinliches vorgefallen. Lächelnd mußte Frau Pfäffling dem großen Kind nachsehen. Mochte sie glücklich werden mit dem Hamburger!


304 Das altgewohnte Leben in der Stadt fing schon an, die schöne Erinnerung an den Landaufenthalt zu verwischen, als von diesem noch eine Wirkung ausging. Frau Pfäfflings Brief, der seinen Weg von dem kleinen Gebirgsdorf nach der afrikanischen Farm finden mußte, kam jetzt erst an Ort und Stelle. Es war der erste Brief seit der Geburt des Kleinen, seine Ankunft ein frohes Ereignis für die junge Farmerin. Wie hatte sie sich danach gesehnt! Schon war ein fester gedeihlicher Junge aus dem Neugeborenen geworden, und noch fehlte der Glückwunsch der Großmutter! Jetzt endlich! Aber der Brief kam an einem Tag, da die junge Mutter immerfort mit den Tränen zu kämpfen hatte. Arnold mußte nach Windhuk reisen, er hatte seine Geschäfte schon seit Wochen verschoben, nun ging es nicht länger. Im vorigen Jahr hatte sie ihn begleitet, jetzt konnte sie das Kindlein weder verlassen noch mitnehmen. Zum erstenmal mußte sie allein bleiben ohne ihren starken Beschützer, Wochen lang. Wohl hatte sie treue, erprobte Leute auf der Farm, aber es gab auch feindselig gesinnte, und wenn solche hörten, daß der Herr verreist war, was konnte da geschehen? Und was konnte ihrem Mann widerfahren und an das Kindlein kommen? Beängstigend lag die Trennung vor ihr. In dieser Stimmung berührten sie ganz wunderbar die Worte des Briefes. Ob sie auch eine tapfere junge Mutter sei, wollte Frau Pfäffling wissen. Ob sie nicht mit Angst und Sorgen ihr Kindlein aufziehe, sondern in fröhlicher Zuversicht? Und dann hieß es weiter in dem Brief: »Du bist ja von allen bewundert worden ob Deines Mutes, als Du 305 damals so rasch entschlossen warst, nach Afrika zu reisen, aber ich weiß, es war die Liebe, die Dich über alles hinweg hob. Die Liebe kann uns aber auch recht sorglich machen, und ich glaube, das liegt in Deiner Natur, wie in meiner. Ich möchte aber, daß Du darin tapferer würdest als ich war. Nach des Vaters Tod habe ich allmählich erkannt und in den letzten Tagen ist es mir so recht klar geworden, daß dieses Sorgen im Grund nur Feigheit ist und so ganz und gar nichts von Jesu Art an sich hat. Ich möchte wünschen, daß Du früher als ich zu dieser Erkenntnis kämest und Dir sagtest: Ich lasse mir das Glück nicht verbittern durch die Furcht. Wenn Schweres kommen sollte, werde ich es auch mutig durchmachen.«

Am Korbwagen ihres Kindes saß Marie und las, und nach ihrer Mutter Art erwog sie ernsthaft die Worte. Wie sehr waren diese am Platz! »Mutter, wie kennst du mich so gut! Alle sagten, alle schrieben, ich sei mutig. Aber du hast recht, im Grund bin ich's nicht!«

Ihr Mann kam herein, geschäftig, ernst, sorgenvoll. Das Verlassen der Farm war immer schwer, aber diesmal am meisten. Die Frau in Tränen zurücklassen mit einem so jungen Kind, das ging dem Mann gegen die Natur, ihm, der sonst alles Schwere auf sich nahm und seine kleine Frau durch Fürsorge verwöhnte. Heute nacht hatte er sich gesagt, daß es doch wohl besser gewesen wäre, Frau und Kind über diese Zeit auf die nächste Farm zu bringen. Es war schon früher die Rede davon gewesen, aber der dortige Farmer hatte ihm abgeredet, er meinte, die Leute würden alles 306 besser in Ordnung halten, wenn die Farmerin da wäre, er wisse das aus eigener Erfahrung. Aber freilich, die Farmerin da drüben war eine erfahrene und mutige Frau, die konnte wohl allein bleiben, seine war jung und verzagt, er hätte es anders einrichten sollen – jetzt war es zu spät.

Als er in das Zimmer trat, sah er Marie vertieft in ihren Brief. Es war ihm nur halb erwünscht, daß heute einer kam, denn wenn diese Briefe aus der Heimat auch die größte Freude waren, so stimmten sie doch wehmütig. Er stand am Tisch, verbesserte etwas an den Riemen seines Reisegepäcks und warf dazwischen einen Blick nach seiner jungen Frau. Sie las nicht mehr, schien in Gedanken wohl weit, weit von ihm weg bei der Mutter. Er war fast eifersüchtig, daß sie heute, am letzten Tag vor der Abreise, doch mit ganzem Herzen in der alten Heimat sein konnte, wie es den Anschein hatte.

Plötzlich wandte sich Marie, sah in sein ernstes Gesicht, sprang auf, trat zu ihm und schlang den Arm um ihn.

»Ich bin gerade so gezankt worden,« sagte sie zu ihm.

»Von wem?«

»Von der Mutter und dann von mir selbst. Weißt du, weil du es nie tust, so müssen andere Stimmen das besorgen.« Jetzt legte er das Riemenzeug beiseite, setzte sich, zog sie auf seine Kniee, und wollte mehr wissen. Sie hatte den Brief in der Hand und las ihm daraus vor. »Die Mutter hat so recht,« sagte sie, »wie habe ich mich gesorgt! Keine Spur von Mut habe ich!« 307 In diesem Augenblick kroch durch die halb offene Türe eine große, häßliche Spinne herein. Sie sahen sie beide. Arnold ließ seine Frau los, er wußte, daß sie keine Heldin war diesem Ungeziefer gegenüber, und wollte die Spinne zertreten. Sie lief ihm zuvor und tat es selbst. Dann sah sie ihn stolz und lachend an: »Doch eine Spur von Mut, nicht? Gehe nur getrost fort, ich will mich schon wacker halten und für dein Kind und deine Farm sorgen. Es ist ganz gut, daß du einmal fortgehst, ganz gut!« sagte sie, lachte und wischte sich doch dabei die Tränen, und sie merkten beide, daß sie sich noch viel lieber hatten, als eines von dem andern gewußt hatte.

Es war Maries Ehrgeiz, daß alles in guter Ordnung bleibe während ihrer Alleinherrschaft. Zuerst scheute sie sich wohl, den Arbeitern nachzugehen und sich die Aufsicht anzumaßen. Da kam ihr in den Sinn, ihr Söhnlein auf den Arm zu nehmen und so die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Der Kleine war für die Schwarzen ein Wunderkind. Große Weiße, Männer und Frauen, hatten sie alle schon gesehen, aber daß auch das Wochenkind schon so weiß und rosig war, das erregte ihr Staunen. Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?

Unter den Schwarzen, die den Garten besorgten, war einer, der immer mit dem freundlichsten Grinsen und besonderer Bewunderung nach dem Kindlein 308 sah. Er hatte auch, wenn der Korbwagen mit dem Kleinen im Garten stand, beständig ein Auge darauf, kein Insekt durfte ihn plagen, keine Schlange konnte unbemerkt um den Wagen schleichen. Als er so einmal bewundernd dabei stand und Marie das Bettchen aufschütteln wollte, bot sie dem Schwarzen das Kind zum Halten hin. Er nahm behutsam und mit sichtlichem Stolz das weiße Bündelchen in seine schwarzen Arme und dann rannte er plötzlich damit davon. Marie stand sprachlos. Böses konnte sie ihm nicht zutrauen, aber was hatte er vor mit ihrem Kinde? Sie folgte dem behend Dahinspringenden, sah ihn mit dem Kind den Hütten der Eingeborenen zueilen und in seinem Pontok verschwinden. Nun war ihr doch angst, sie lief so schnell sie konnte. Als sie in die Hütte trat, war der Mann mit dem Kind der Mittelpunkt eines bewundernden Kreises, alle Familienglieder, der alte Vater, die Brüder und ihre Weiber standen um ihn herum, und deutlich war zu erkennen, wie stolz sich der Schwarze fühlte, daß die junge Frau ihm dies kostbare Gut anvertraut hatte. Er ließ es auch nicht aus den Händen, die andern durften den kleinen Gast nicht berühren.

Dieser Anblick machte die junge Mutter glücklich und stolz, wenn es gleich nur Schwarze waren, die den Kreis der Verehrer bildeten; unvermittelt und erheiternd kam ihr der Gedanke, was für Augen die getreue Walburg machen würde, wenn sie diesen kleinen Pfäfflingsenkel so umgeben sähe von halbnackten Wilden? Sorglich wurde nun das Kind wieder in den Korbwagen zurückgetragen. Freilich war aus diesem 309 inzwischen ein Spitzentüchlein gestohlen worden, aber gegen solche Vorkommnisse war Marie schon abgehärtet, das kleine Kindermädchen mochte es genommen haben, die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte.

Die längste Zeit der Trennung war schon vorüber, die Sehnsucht der Vereinsamten wuchs, aber nebenher ging die Freude, daß alles in gutem Gang geblieben und der Sohn sichtlich gediehen war. Welch glückliches Wiedersehen mußte das geben! Träumend davon saß Marie neben dem schlafenden Kind, sie mußte schon größere Hemdchen nähen, wie wuchs der Kleine so rasch! Plötzlich legte sie die Arbeit aus der Hand, sie hörte einen Reiter antraben, hörte zorniges Hundegebell und staunende Ausrufe der Leute. Es mußte ein Fremder sein. Sie trat hinaus auf die Veranda, und in diesem Augenblick sah sie den Reiter vom Pferd springen. Ein Fremder? Ja, für die Leute, aber für sie? Nein, kein Fremder, ein so Wohlbekannter, daß ihr das Herz vor Freude erzitterte, ein unerwarteter Gast freilich, aber der liebste, den sie sich denken konnte! »Wilhelm,« rief sie, »Wilhelm!« Und der lange, hagere Mensch schwenkte den Hut, warf den Leuten die Zügel des Pferdes zu, sprang die Staffeln zum Hause hinauf und hielt seine glückselig strahlende Schwester im Arm! Sie fand kaum Worte vor Überraschung. »Arnold ist verreist!« war ihr erster Ausruf. »Ich dachte mir's halb und halb, du schriebst ja, er habe es vor um diese Zeit. Da nahm ich mir einen kleinen Urlaub, den ersten, seit ich im Lande bin.«

310 »Wilhelm, da ist mein Kind,« sagte nun Marie bewegt, faßte den Bruder bei der Hand und führte ihn an den Korb. »Er schläft;« behutsam zog sie den Vorhang auseinander. Wilhelm beugte sich über den Kleinen. »Wahrhaftig, er ist ganz weiß!« bemerkte er. Marie lachte. »Weiß? Aber natürlich!«

»Es sollte einen gar nicht wundern, wenn sie schwarz würden in diesem heißen Land.«

»Wem von uns sieht er ähnlich, Wilhelm?«

»Was will man da sagen? Ist halt noch so ein kleines Möpschen, und ihr seid beide schöner.«

»Aber Wilhelm, er ist doch nicht klein und ist so reizend, du verstehst auch gar nichts von Kindern!« Sie zog die Vorhänge zu. »Aber von Schwestern verstehe ich etwas,« sagte er. »Marie, du siehst blühend aus, prächtig, dir geht's gut, nicht wahr? Wenn du in deinen Briefen nicht schwindelst, so muß Arnold ein ganz leidlicher Ehemann sein.«

Marie strahlte. »Hast du das nicht schon damals bei der Hochzeit gemerkt?« fragte sie.

»Das kann man nicht rechnen, damals war er ja ganz närrisch vor Freude, daß du kamst.«

»Wilhelm, wir sind manchmal noch gerade so närrisch!«

»So? Gut, daß ich das weiß. Wenn er heimkommt, werde ich davonreiten und erst wiederkommen, wenn sich das gelegt hat.« Er sah einen glückseligen Ausdruck in ihrem Gesicht, der galt nicht ihm, sondern einem andern. Aber jetzt kehrten ihre Gedanken zu ihm zurück. »Wilhelm, du mußt lange bei uns bleiben. Weißt du, daß du furchtbar mager geworden bist? Ich 311 werde dich tüchtig herausfüttern, du lieber, guter Kerl du!« Sie war ganz ausgelassen vor Glück und Freude. »Was hast du für Schrammen? Da eine, dort eine, woher kommt denn das?«

»Das geht mit rechten Dingen zu. Wenn man in diesen Bergen herumklettert, gibt's manchen Fall und Stoß. Aber es ist riesig anziehend, so ein unbekanntes Land auf seine verborgenen Reichtümer zu durchforschen. Wir sind manchen Schätzen auf der Spur.«

»So denkst du noch nicht an die Heimkehr?«

»Vor ein paar Jahren nicht.«

»Dann gehen wir miteinander, Wilhelm. Arnold hat mir versprochen, daß ich mit dem Kind heim darf. Wie wird das schön! Es ist gar nicht auszudenken! Aber für immer möchte ich doch nicht zurück, wenn auch Arnold daheim ein Gut bekäme, ich möchte doch nichts lieber als hier Farmerin sein. Und doch haben wir schon Schweres miteinander erlebt, zum Beispiel voriges Jahr, wo ein Heuschreckenschwarm kam. Wie eine dicke, braune Decke lag das über der ganzen Werft, und nach zwei Tagen war jedes Hälmchen abgefressen. Und immer wieder kommt es vor, daß ein Leopard in den Kral eindringt und unter unseren jungen Lämmern wütet. Aber du solltest sehen, wie zäh Arnold den Kampf aufnimmt, und im ganzen kommen wir doch vorwärts. Ich glaube, das Leben daheim käme mir ganz schal vor. Nur daß man so weit getrennt ist, sich nie sieht, das bleibt ein Schmerz. Ganz werde ich nie fertig mit dem Heimweh; gelingt es dir, Wilhelm?«

»Ich denke auch manchmal zur Unzeit an die 312 Wagnerstraße, aber die Briefe, die machen doch, daß man sich ganz verbunden fühlt mit der Mutter und den Geschwistern. Hast du neue Nachrichten?«

Jetzt waren die beiden an einem unerschöpflichen Stoff angelangt, eine Wonne war es für die so lange und so weit von der Heimat getrennten Geschwister, sich aussprechen zu können, und wie wenn man in der Familie Pfäffling wäre, so hörte man an diesem Abend aus der afrikanischen Farm die Namen von Karl und Hanna, von Otto und seinem Löckchen, von Else und Frieder. Marie war es, als sei ihr die Heimat nähergerückt, und dennoch, als sie sich spät abends endlich trennten und die junge Frau mit ihrem Kindchen in die stille Schlafstube kam, fühlte sie deutlicher als je, daß all die Lieben in der alten Heimat ihr die neue nicht mehr ersetzen könnten, daß hier ihr Platz war. 313

 


 

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