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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Im Herbst dieses Jahres war auch Frieder von dannen gezogen zur Vollendung seiner Studien. Die beiden Kinder, die allein noch im Hause blieben, Otto und Else, standen in weniger inniger Beziehung zu Frau Pfäffling, als alle ihre anderen Kinder. Otto hatte der Mutter nie so sehr bedurft. Zielbewußt war er ohne innere oder äußere Kämpfe seines Weges gegangen. In den Schuljahren, beim Militär, während des Studiums trieb ihn der Ehrgeiz zu äußerster Anstrengung seiner Kräfte und Ausnützung der Zeit. Und jetzt, während seiner Praktikantenjahre, war der Wunsch nach Auszeichnung und Vorwärtskommen nicht weniger treibend als früher, nur noch vielseitiger. Denn nun wollte er auch in gesellschaftlicher Beziehung etwas gelten und verstand es, sich in die Kreise einzuführen, die als die ersten der Stadt galten. Als 268 hübscher, gewandter junger Mann und guter Tänzer wurde er gerne eingeladen und durch ihn war auch Else vielfach zu derartigen Vergnügungen gekommen. Die Trauerzeit hatte darin eine Unterbrechung gebracht. Otto sah viel zu sehr auf das, was als schicklich galt, um in diesem Winter etwas mitzumachen. Es fiel ihm auch nicht schwer, daheim zu bleiben, da ihn weniger die Jugendlust getrieben hatte, als der Wunsch, wertvolle Verbindungen anzuknüpfen. Der gesellschaftliche Verkehr, tadellos durchgeführt, war ebenso sehr eine Anstrengung als ein Vergnügen. So behagte es ihm ganz gut, daß er, ohne gleichgültig zu erscheinen, daheim bleiben konnte, und er freute sich auch an dem näheren Verkehr mit der Mutter. Es kam ihm zum Bewußtsein, daß sie ihm vieles bieten konnte, jetzt, wo der Kreis klein und sie nicht mehr umlagert war von so vielen, die etwas von ihr begehrten. Frau Pfäffling fühlte diese seine Stimmung durch, und es war ihr, als hätte sie etwas an ihm gut zu machen; sie glaubte, daß sie schon in früheren Jahren mehr Fühlung hätte suchen müssen mit dieser etwas trockenen Natur, und sie wollte diesem Sohn nur ihr Bestes geben. Sie konnte über alles sprechen mit dem klar denkenden jungen Mann, und wenn er ihr berichtete aus seinem Beruf, so freute sie sich über sein richtiges Urteil. Nur dem Seelischen, dem Religiösen und allem, wozu die Kräfte des Gemütes den Weg finden, stand er ablehnend gegenüber, der Verstand war zur Zeit vollständig Alleinherrscher und einziger Lenker seines Wesens. Aber die Mutter hoffte auf diesem Gebiet etwas zu wecken, war er doch 269 ein Pfäffling, wie sollte der hierin ganz leer ausgegangen sein?

Weniger leicht als Otto fand sich Else in die Stille des Hauses. Sie war von klein an von so viel Lust und Leben umgeben gewesen, daß sie das alles bitter vermißte. Auch hatte sie sich immer mehr an die Geschwister und an den Vater gehalten als an die Mutter. Denn sie alle verzogen die Jüngste, die wie ein munteres Singvögelein die allgemeine Fröhlichkeit erhöhte. Jetzt wußte Frau Pfäffling die Tochter nicht recht zu nehmen. Sie hatte Mitleid mit ihr, deren Leben plötzlich so verödet war, und hätte ihr gerne über die schwere Zeit hinweggeholfen. Sie bemühte sich, ihr Freude zu verschaffen, schickte sie zu ihren Freundinnen, daß sie sich mit diesen vergnüge, es war aber, als ob Else dadurch nur begehrlicher würde, und ihre fröhliche Heiterkeit verschwand immer mehr. Frau Pfäffling hatte gegen ihren eigenen Kleinmut zu kämpfen. War sie denn gar nichts ohne ihren Mann? Konnte sie nicht machen, daß die Tochter sich glücklich fühle daheim?

In dieser Zeit kam Ulrike, sich zu verabschieden, da sie im Begriff war, die Stadt auf Jahr und Tag zu verlassen. Sie wollte in einer großen Haushaltung lernen und üben, was ihr für den späteren Lebensplan nötig dünkte. Die beiden Freundinnen schienen gegen ihre früheren Jahre wie vertauscht. Else war jetzt still, Ulrike lebhaft und angeregt. Auch äußerlich betrachtet schien in diesem Augenblick Ulrike die anziehendere, denn ihre Augen blickten munter in die Welt und der Ausdruck ihres Gesichtes war voll 270 Lebensmut. Else dagegen sah gelangweilt und mißmutig aus und hörte schweigend dem Gespräch zwischen Ulrike und Frau Pfäffling zu, bis die Freundin sich verabschiedete und Else sie an ihr Haus begleitete. »Nun gehst auch du fort,« sagte sie unterwegs zur Freundin, »ich möchte nur wissen, zu was ich noch da bin!«

»Für deine Mutter,« entgegnete Ulrike, »wenn sie dich nicht als Trost hätte, wäre es doch gar nicht mehr zu ertragen für sie.« Aber Else hatte nicht das Gefühl, ein großer Trost zu sein, und gestand es offen. Immerhin kehrte sie mit dem Wunsche zurück, liebenswürdiger zu sein; wie ein leiser Vorwurf hatten Ulrikens Worte sie berührt.

Durch das so verschiedene Wesen der beiden jungen Mädchen war inzwischen bei Frau Pfäffling der Gedanke erwacht, daß es wohl nicht Vergnügen und Geselligkeit sei, was Else fehle, sondern Arbeit und Lebensberuf. Ein festes Lebensziel oder die Vorbereitung auf ein solches konnte ihrem Leben Wert und Inhalt geben und mochte die üble Laune vertreiben.

»Wie sehr Ulrike sich freut auf ihre Lehrzeit,« begann Frau Pfäffling, als Else zurückkehrte und sich zu der Mutter an den Nähtisch setzte, »man merkt ihrem ganzen Wesen das fröhliche Streben an.«

»Ja, es wundert mich,« entgegnete Else, »denn nach allem, was sie sagt, wird sie wenig Vergnügen dort haben.«

»Aber einen festen Beruf, und sie, die so gesund und frisch ist, hat das Bedürfnis, etwas zu leisten. Ich glaube, es geht dir ebenso, Else; in unserem 271 Hauswesen, das jetzt so klein geworden ist, fehlt es dir an Arbeit.«

Else sah überrascht auf. »Mir fehlt es doch nicht an Arbeit?« und ein wenig gekränkt fuhr sie fort: »Ich wüßte nicht, daß ich in den letzten Wochen viel anderes getan hätte als genäht und geräumt, Klavier geübt und Ausgänge besorgt. Du weißt gar nicht, Mutter, wie viel weniger meine Freundinnen tun müssen.«

»Dann sind sie kein gutes Vorbild und auch nicht zu beneiden. Übrigens ist es nicht bei allen so, wie du sagst.«

»Nein, manche bilden sich ja zu einem Beruf aus, weil sie etwas verdienen müssen,« und zögernd fuhr sie fort: »aber bei uns ist das ja nicht nötig, oder ist es jetzt vielleicht anders durch des Vaters Tod?« Sie legte die Arbeit aus der Hand und sah gespannt auf, doch noch ehe Frau Pfäffling antworten konnte, fuhr sie fort: »Mir sagt man immer gar nichts, wie wenn ich noch ein Kind wäre, weil ich die Jüngste bin.«

»Du hast bisher nur von lustigen Dingen hören wollen, Else, und wer das will, dem kann man nicht Einblick in alle Lebensverhältnisse geben. Aber wenn dir auch ernste Gedanken kommen, so will ich gerne alles mit dir beraten. Du bist ja jetzt meine einzige Tochter, meine kleine und große zugleich.« Sie zog Else an sich und fuhr fort: »Es ist nicht so, als ob wir durch des Vaters Tod in Not gekommen wären, durch seine Fürsorge und durch der Großmutter Erbe ist genug da, daß wir, wenn nicht ein besonderer Unglücksfall eintritt, davon leben können. Aus diesem Grunde wäre es nicht notwendig, daß du auf Erwerb 272 ausgehst, darum haben wir früher nie daran gedacht, dich für irgend einen bestimmten Beruf ausbilden zu lassen, aber es wäre vielleicht trotzdem besser gewesen. Was meinst du, sollten wir es nachholen, solange es noch Zeit ist?«

Else saß nachdenklich da, sie schien zunächst nicht für diesen Gedanken eingenommen. »Wenn es doch nicht nötig ist?« bemerkte sie.

»Vielleicht nicht nötig wegen der Einnahme, aber nötig zu deinem Glück. So ein junges, gesundes Menschenkind wie du kann doch nicht befriedigt sein, wenn es nicht etwas Tüchtiges leistet. Ja, wenn ich alt oder kränklich wäre und unser Hauswesen nicht mehr versorgen könnte, dann hättest du deinen Beruf daheim, aber wie wenig ist jetzt deine Zeit ausgefüllt! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es dem Menschen so wohl tut, wenn er etwas ernstlich lernt, und welch ein befriedigendes Gefühl es gibt, wenn das Ziel erreicht ist und man auch irgend einen Platz in der Welt ausfüllt, anstatt unter all den fleißigen Menschenkindern unnötig herumzustehen.«

Während die Mutter so sprach, lehnte Else am Fenster und sah hinunter in das lebhafte Getriebe der Straße. Frau Pfäffling folgte ihren Blicken und trat zu ihr: »Sieh nur die Straße hinauf und hinunter,« sagte sie, »wie all die Leute eilen, um bis zwei Uhr an ihrem Posten zu stehen, ein ganzer Strom ist das täglich, wer möchte da nicht mittun?«

Sie sahen durch das weit geöffnete Fenster. Lehrer und Lehrerinnen, Beamte und Arbeiter, Schulkinder und Ladnerinnen, alles ging der Stadt zu. Auch 273 gegenüber in den Gärten wurde gearbeitet, fleißig rührten sich überall die Hände. Aber nun tauchte ein junges Paar auf, das ging gegen den Strom. Diese beiden noch jungen Menschenkinder schienen heute keinen Anteil an der großen Arbeitsbewegung zu haben, sie lachten, sahen sich zärtlich in die Augen und wanderten Arm in Arm dem Freien zu. »So ist's doch am schönsten,« sagte Else leise zur Mutter, »schöner als allein dem Beruf nachgehen.«

Frau Pfäffling legte den Arm um ihre Tochter. »Ja, Kind, gewiß, und dieses Glück möchte ich dir auch wünschen, wie es mir und Marie zuteil wurde. Aber es kommt nicht dadurch, daß man davon träumt und darauf wartet. In solchem Warten hat schon manches junge Menschenkind seine schönsten Lebensjahre ungenützt verfließen lassen. Wenn aber ein Mädchen fest in seiner Arbeit steht mit dem Gedanken: kommt das Liebesglück, so ist's gut, kommt es nicht, so ist mein Leben doch von Wert, so bleibt es fröhlich, geht sicher seinen Weg und wird dadurch nur liebenswerter.«

Else schien jetzt für der Mutter Ansicht gewonnen, aber kleinmütig sagte sie: »Wenn ich nur für irgend etwas recht Talent hätte statt zu allem ein wenig. Mein Singen reicht nicht aus, mit Zeichnen und Malen ist's nicht weit her, zum Studieren passe ich gar nicht und zum Häuslichen fehlt mir die Lust.« Und nach einer Pause fuhr sie fort: »Eines kann ich ja, das möchte ich gleich zum Beruf wählen, aber du hast ein Vorurteil dagegen.«

»Ein Vorurteil? Wenn es nur das ist, darüber könnten wir ja Herr werden. Was meinst du?«

274 Else sah der Mutter lustig in die Augen, fröhlich und übermütig wie früher erschien das lachende Gesicht des jungen Mädchens. Frau Pfäffling war überrascht. Welcher Wunsch konnte so das ganze Aussehen in einem Augenblick verändern? Wenn irgend möglich, mußte man dazu ›ja‹ sagen. Es war ihr ordentlich bange auf die Antwort, als sie noch einmal fragte: »Nun, was ist's denn, das du gerne ergreifen möchtest?«

»Turnen möchte ich und alles was dazu gehört, Sport und Spiel, Tanz und Reigen; aber das ist dir nicht ernsthaft genug, das weiß ich schon, Mutter!«

»Als Lebensberuf möchtest du das?« fragte staunend Frau Pfäffling.

»Ja, als Lehrerin, solche braucht man ja doch in den Töchterschulen. In dem Fach könnte ich etwas leisten, was man da lehrt, habe ich immer von selbst gekonnt, und den Reigen, den ich einmal für unsere Schulfeier ausgedacht habe, machen sie heute noch in der Töchterschule.«

Nachdenklich bemerkte Frau Pfäffling: »Du hast eben deines Vaters Gefühl für Rhythmus und Takt, hast auch seine Beweglichkeit.«

»Ich glaube, du bist gar nicht einmal so furchtbar dagegen?« fragte Else und sah freudig überrascht die Mutter an.

Nein, Frau Pfäffling war nicht dagegen, sie war nur erstaunt. Wie ferne lag ihrer Natur, was der Tochter verlockend schien! Aber das war kein Grund, sie abzuhalten. Dies junge Wesen, das ihr nach Gaben und Neigung so unähnlich war, mußte natürlich einen 275 andern Weg einschlagen, und es war ja kein schlechter Weg. »Nein,« sagte sie nach kurzer Überlegung, »ich bin nicht dagegen. Wenn du diesen Beruf mit Ernst ergreifst, wird er für dich auch den Segen haben, der in jeder richtigen Arbeit liegt. Du mußt dich nur selbst recht besinnen, ob er dich wohl auf die Dauer befriedigt!«

»Auf die Dauer?« sagte Else nachdenklich, »eine alte Turnlehrerin kann ich mir freilich nicht nett denken, aber ich bin doch noch so jung! Zehn oder zwanzig Jahre lang könnte ich es wohl treiben!«

»Weiter hinaus wollen wir auch nicht sorgen. Das Leben bringt immer von selbst wieder Aufgaben, und es ist gut, wenn Kräfte dafür frei werden. In jeder Stadt braucht man jetzt Frauen, die ihre Zeit sozialen Aufgaben widmen, es würde mich freuen, Else, wenn ich dächte, daß du später einmal für solche Arbeit zu haben bist. Aber zunächst wird dein Plan ganz gut für dich passen.«

Eifrig wurden nun diese Gedanken weiter gesponnen, und fröhlich, wie schon seit langem nicht mehr, ging Else, noch diesen Abend die ersten Erkundigungen wegen ihres neuen Lebensplanes einzuziehen. Während nun Mutter und Tochter sich besser als je in diesem gemeinsamen Vorhaben verstanden, fanden sie einen unerwarteten Widerstand bei Otto. Ihm dünkte es nicht vornehm genug, daß seine Schwester ein Leben der Arbeit beginnen wollte. Die beiden Geschwister kamen ernstlich miteinander in Streit, und Else, der scharfen juristischen Logik des Bruders nicht gewachsen, rief die Mutter zu Hilfe.

276 »Du kannst nicht leugnen, Mutter,« sagte Otto, »daß viele Menschen geringer denken von Mädchen, die bezahlte Stellungen annehmen, als von Damen, die sich bloß in der Gesellschaft bewegen und höchstens im eigenen Haus leichte Arbeit mitmachen.«

»Gewiß gibt es immer noch solche, wiewohl viel weniger als früher,« gab Frau Pfäffling zu, »aber wir brauchen uns doch nicht nach dieser Leute Auffassung zu richten.«

»Ich muß mich aber darnach richten, weil ich mit ihnen leben muß und will,« entgegnete Otto.

»Du wirst hoffentlich dennoch deine eigenen Grundsätze vertreten.«

»Ja, wenn ich erst einmal festen Fuß gefaßt habe. Aber zunächst muß ich mich den ihrigen anpassen, sonst ist es mein eigener Schaden. Ich habe dich auch bitten wollen, Mutter, daß du ein wenig mehr auf den äußeren Schein im Hause hältst. Zum Beispiel wäre es mir recht lieb, wenn wir einmal ein richtiges Dienstmädchen hätten, so daß unsere Besuche nicht entweder von einer Schwerhörigen oder einem Kinde empfangen würden.«

»Du bist häßlich, Otto!« fuhr Else auf.

Der Bruder ließ sich nicht beirren. »Vielleicht könnte man auch eine Schale für Besuchskarten draußen aufstellen, man hat das jetzt allgemein, das Mädchen braucht dann die Karte nicht mit der Hand zu berühren. Und noch verschiedene solche Kleinigkeiten wären angezeigt.« Frau Pfäffling wurde es weh zumute. Sie hatte den Eindruck, daß mit solchen Änderungen die schlichte, einfache Art verdrängt werden 277 sollte, die ihr lieb und heimisch war. Aber sie wünschte doch so sehr, daß die großen Kinder sich wohl fühlen sollten daheim. Otto mochte ihre Stimmung durchfühlen. »Ich meine nur, so allmählich könnte man einiges verfeinern, wenn es dir paßt,« sagte er einlenkend.

»Ich will mir das noch überlegen,« erwiderte Frau Pfäffling.

»Es hat der Mutter wehe getan,« sagte Else, als sie mit Otto allein war, »ich weiß auch nicht, warum du solche Vorschläge machst, die gar nicht für unser Haus passen!«

»Du wirst bald erfahren, warum. Es muß sein!«

»Spiele nicht so den Herrn, Otto! Ich wollte, Wilhelm wäre noch hier!«

Frau Pfäffling war in ihres Mannes Zimmer. Sie konnte es nicht lassen, immer wieder hier ihre Zuflucht zu suchen, so sehr ein Gefühl des Heimwehs sie übermannte in dieser Umgebung. Oft war doch auch etwas von seinem fröhlichen Lebensmut in diesem Raum über sie gekommen und hatte ihr über mancherlei Bedenken hinweggeholfen. Auch heute kam sie bald zur Klarheit und als sie Otto über den Vorplatz gehen hörte, rief sie ihn herein.

»Otto,« sagte sie, und ihre Stimme war freundlich, aber fest, »ich will in unserem Haus nie an Einrichtungen festhalten bloß aus dem Grund, weil sie bisher so waren; aber der Grundzug wird immer derselbe bleiben, das Schlichte und Einfache. Du weißt, wie sehr mir das im Wesen liegt, und es ist ja von uns Eltern auch auf euch übergegangen. So wäre es doch 278 unnatürlich, wenn es nicht zum Ausdruck käme in unserem Hauswesen.«

»Mir persönlich liegt ja auch nichts an solchen Verfeinerungen, es ist mir nur wegen anderer.«

»Mache dir doch deshalb keine Sorgen, wer zu dir kommt, weiß ja, daß du zur Zeit noch im Elternhaus wohnst. In deinem eigenen Haushalt wird einmal dein Geist zum Ausdruck kommen.«

»Es ist wohl besser, Mutter, daß ich dir offen sage, weshalb ich solche Vorschläge machte. Es ist mir sehr wichtig wegen der neuen, sehr vornehmen Beziehungen, in die unser Haus treten wird. Meine Verlobung mit Fräulein von Wildeneck steht bevor. Du kennst sie ja nicht, aber du weißt doch, daß die Familie adelig und reich ist und Verbindungen mit den höchsten Kreisen hat. So wirst du verstehen, daß diese Vorzüge einige Opfer von uns verlangen.«

Frau Pfäffling war es, als ob sich ihr eine kalte Hand auf das Herz legte. Denn nicht nur die kühlen Worte des Sohnes berührten sie frostig, auch sein Aussehen war ihr fremd und unverständlich. Er schien ihrem Blick auszuweichen, und ein nervöses Zucken im Gesicht schien zu sagen: sprich nicht viel darüber, ich kann es nicht vertragen. Darum fragte sie auch nur: »Ist es fest, hast du dich schon ausgesprochen?«

»Ja, das heißt, auf morgen vormittag habe ich Herrn von Wildeneck meinen Besuch angesagt. Er und seine Familie wissen, zu welchem Zweck ich komme.«

»Dann kann ich nur Glück wünschen, Otto, und tue es von Herzen.«

279 »Danke, Mutter,« sagte er und ergriff die Hand, die sie ihm geboten hatte. Eine Weile schwiegen beide, dann begann Otto: »Es hätte ja keinen Sinn, wenn ich nicht ganz offen mit dir reden wollte, Mutter. Eine Liebesgeschichte und Herzensneigung, wie es sonst in unserer Familie üblich ist, ist es nicht. Aber du kennst mich ja. Ich weiß mir eben noch anderes als nur Familienglück, zum Beispiel hohe Stellung und Vermögen. Durch nichts kann man sich so rasch hinaufarbeiten als durch so eine Verbindung. Der Vater des Fräuleins der höchste Regierungsbeamte, die Mutter von altem Adel, das sind Vorzüge, wie ich sie nicht so leicht wieder beisammen finde. Es ist kein übereilter Schritt, ich habe schon lange den Plan, und daß ich nicht früher mit dir sprach, darfst du mir nicht übel nehmen. Ich wußte, daß du in solchen Dingen anders denkst als ich und wollte dich nicht beunruhigen.«

Die Offenheit des Sohnes tat der Mutter wohl. »Es ist gut, daß du so ehrlich mit mir sprichst, Otto, aber ich wollte doch, du hättest es schon früher getan. Wer recht fest von seiner guten Sache überzeugt ist, der kann doch die Bedenken anderer ruhig anhören.«

»Ja, Mutter, Verstandesgründe hätte ich auch ruhig angehört und widerlegt, aber wenn du mit Gefühlen und Empfindungen kommst, dann ist nicht viel zu wollen. Aber bitte, sprechen wir nicht weiter darüber, bis der morgende Vormittag vorbei ist. Das Gesagte bleibt natürlich unter uns.«

So gingen sie auseinander. Über die Person der Braut war kein Wort gefallen. Frau Pfäffling sagte sich an diesem Tage immer wieder vor, Otto passe 280 wohl am besten zu einer Verbindung, bei der weniger das Gemüt als der Verstand in Betracht komme, und suchte sich zu beruhigen, aber es wollte nicht recht gelingen; Otto mochte ohne Neigung freien, aber gab es denn auch ein Mädchen, das nicht nach Liebe frug?

Am nächsten Morgen half Frau Pfäffling ihrem Sohn, der, hastiger als sonst seine Art war, nach seiner feinsten Wäsche suchte, sie nahm die Bürste zur Hand gegen das letzte Stäubchen auf seinem Anzug. Während er so ihre mütterliche Fürsorge empfinden mußte, gab sie ihm, der absichtlich jedes Gespräch vermied, doch noch ein Wort mit auf den Weg.

»Eines, Otto, laß mich dir noch sagen: Wenn du ohne Liebe um ein Mädchen wirbst –«

Er unterbrach sie ungeduldig: »Ganz so ist's nicht, wie du meinst.«

»Gut. Ich möchte nur sagen, gib wenigstens nicht Gefühle vor, die du nicht hast, verstricke dich nicht in Unwahrheit und täusche das Mädchen nicht.«

»Ach nein, bewahre. Sie ist nicht so wie etwa unsere Marie; die beiden älteren Töchter haben sich auch nicht nach Neigung verheiratet, das spielt keine Rolle in dieser Familie. Gib doch, bitte, die andere Halsbinde, sie paßt besser.«

Tadellos anzusehen war der junge Mann, als er nun fort ging, für jeden Kreis fein genug, in die vornehmste Familie passend. Und er wurde auch aufgenommen. Fröhlich, ja glücklich sah er aus, als er nach einer Stunde zurückkam und Mutter und Schwester seine Verlobung verkündigte. Else, besser bekannt 281 in der Stadt als ihre Mutter, wußte gleich, um wen es sich handelte. »Otto, doch nicht die große, blonde?«

Er schien das überhört zu haben, sah gar nicht auf Else, sondern wandte sich an die Mutter. »Ludowika heißt sie und ist eine stattliche Erscheinung. So viel ich weiß, ist sie fünfundzwanzig Jahre alt, hat aber noch etwas recht Kindliches.«

»Du warst im vorigen Jahr dort eingeladen, habt ihr euch da kennen gelernt?«

»Ja und beim Tennis. Du wirst sehen, Mutter, wie prächtig die Villa Wildeneck ist. Ich habe versprochen, daß ihr heute Nachmittag mit mir dort Besuch macht.«

»Heute? Und wann bringst du mir die Braut?« fragte Frau Pfäffling dagegen.

»Wir haben das noch nicht verabredet, aber wenn sie dich kennen gelernt hat, wird sie gerne kommen.«

»Du mußt sie schon zuerst zu mir bringen, Otto, anders wäre das nicht passend.«

»Aber Mutter, das geht doch nicht. Sie sind nicht hochmütig, aber doch auch nicht ohne Standesvorurteil und nehmen natürlich an, daß ihr euch geehrt fühlt durch die Verwandtschaft. Die beiden anderen Schwiegersöhne sind adelig.« Dringender wurde seine Bitte: »Mutter, du legst ja nie Wert auf solche Äußerlichkeiten, und kannst doch in diesem Fall einen Schritt entgegen kommen!«

Else stimmte dem Bruder zu: »Das wirst du schon tun müssen, Mutter, die kommt nicht zuerst zu dir.«

»Und ich habe es überdies versprochen,« fügte Otto bei und sah gespannt auf seine Mutter. Aber Frau Pfäffling schien ihrer Sache ganz sicher. »Davon kann 282 gar keine Rede sein,« sagte sie mit ungewohnter Bestimmtheit, »bei bescheidenen Leuten würde ich gerne jeden Schritt entgegen tun, aber hier würde uns das von Anfang an in eine schiefe Stellung bringen. Denn sie selbst wissen natürlich genau, daß das junge Mädchen die ältere Frau aufsucht und nicht umgekehrt. Aber du kannst mit Otto gehen, Else, es ist ganz natürlich, daß du der künftigen Schwägerin freundlich entgegenkommst, und dann richtest du ihr Grüße von mir aus und sagst, daß ich mich freue, sie kennen zu lernen und sie mir morgen herzlich willkommen ist.« Otto biß sich auf die Lippen und sagte kein Wort mehr. Else versank in Gedanken. »Was soll ich anziehen?« fragte sie nach einer Weile. Otto sah bei dieser Frage mit so gespanntem Blick auf die Mutter, daß ihr der Sohn leid tat. Freundlich, ja heiter sagte sie zu Else: »Ich meine, du legst die Trauer ab für diese Stunde und gehst im hellen Kleid zu der Braut. Ich will ihr auch schöne Rosen schicken als Gruß, das wird hübsch aussehen. Otto, du könntest sie beim Gärtner bestellen, daß sie fein gebunden werden.«

Da erkannte der Sohn, daß die Mutter ihm zuliebe tun wollte, was sie irgend für recht hielt, und kam nicht mehr zurück auf seine erste Bitte. Er ging, die Blumen zu bestellen.

Kaum hatte er das Zimmer verlassen, als Else, halb lachend, halb ärgerlich ausrief: »Mutter, ich kann Otto nicht begreifen, daß er die zur Braut will! Jedermann lächelt über sie, weil sie so albern und kindisch tut! Daß gerade Otto, der so gescheit ist, die lieb hat, kann ich gar nicht verstehen. Ich habe immer gedacht, 283 sie sei dumm, aber dann würde er sie doch nicht gern haben. Die beiden anderen Fräulein von Wildeneck waren viel höher geachtet als eben diese! Du wirst dich wundern, Mutter!« Sie lachte.

»Vielleicht hat sie nur äußerlich eine ungeschickte Art. Hast du auch die Eltern schon gesehen?«

»Die Mutter. Sie ist oft mit den Töchtern auf die Schlittschuhbahn gekommen, da war immer ein ganzer Hofstaat um sie herum, ich kann mir denken, daß Otto stolz ist!«

»Nun richte deine Kleid,« mahnte die Mutter. »Otto wird sich freuen, wenn du nett hergerichtet bist.«

»Wie sonderbar, das Schwarze so wegzulegen,« bemerkte Else nachdenklich.

»Das sind nur Äußerlichkeiten, die tun wir Otto zuliebe. Aber wenn du nun öfter in dies vornehme Haus kommen solltest, dann bleibe du des Vaters Art treu, ganz wahrhaftig und schlicht, wie er immer war. Denke, wie er trotzdem überall geschätzt wurde und sich wohl fühlte.«

Es war ein hübscher Anblick, als Else, die schlanke junge Gestalt im weißen Kleid mit den Rosen in der Hand, den Bruder begleitete. »Was willst du sagen, wenn Frau von Wildeneck dich fragt, warum die Mutter nicht mitkommt?« fragte er, als sie der Villa nahe kamen.

»Ich weiß nicht.«

»Sie wird aber fragen.«

»Dann fällt mir schon etwas ein; wenn ich die Menschen vor mir sehe, kommt mir immer ein Wort auf die Zunge.«

284 »Sei vorsichtig, Else!«

Sie lachte. »Keine Angst, ich werde dich nicht in Verlegenheit bringen. Sieh, wie reizend!«

Die Geschwister schritten durch einen Bogengang von blühenden Schlingpflanzen der Villa zu. Ein Diener führte sie in ein kostbar ausgestattetes Empfangszimmer, ein großer Erker rings mit hohen Blattpflanzen geschmückt erregte besonders Elsens Entzücken. Nach wenigen Minuten traten die beiden Damen des Hauses ein. Otto begrüßte sie und stellte Else vor. Frau von Wildeneck, eine stattliche Dame in gewählter Kleidung, hieß Else mit großer Liebenswürdigkeit willkommen, und während der freundlichen Worte glitt ihr Auge prüfend über die ganze Erscheinung des jungen Mädchens. Ihr vornehmer Geschmack konnte befriedigt sein, diese neue Verwandte war ein anmutiger Schmuck für jeden Gesellschaftskreis. Sie führte das junge Mädchen nach dem Erker, bot ihr einen Platz an und sagte in herablassender Freundlichkeit: »Ihre Frau Mutter ist heute noch nicht mitgekommen, ich verstehe es gut, wir werden uns schon noch kennen lernen.« Else wußte nicht recht, was damit gemeint war, glaubte man wohl, die Mutter getraue sich nicht zu kommen? Diesen Anschein durfte es nicht haben. Sie hatte Rosen und Grüße der Braut noch nicht überbringen können, da diese zunächst nur für den Bräutigam Auge und Ohr zu haben schien. »Diese Rosen schickt meine Mutter der Braut und ich habe auch Grüße an Fräulein von Wildeneck auszurichten,« sagte sie.

»Komm doch her, Ludowika,« rief Frau von 285 Wildeneck der Tochter zu, »du hast noch gar keinen Blick für deine junge Schwägerin gehabt!« Auf diesen Ruf kam in etwas tänzelndem Schritt die junge Dame herbei. Sie war groß wie ihre Mutter und von schönen Formen, aber die Gesichtszüge waren ausdrucklos und verschwommen, auch die matten, hellgrauen Augen vermochten ihnen keinen Ausdruck zu geben und das Nichtssagende, Öde in diesem Gesicht wurde nicht besser durch das stete Lächeln, das bei jedem Gespräch ohne ersichtlichen Grund in Lachen überging. Else überreichte die Blumen. »Die Mutter läßt Sie herzlich grüßen und es wird sie freuen, wenn Sie morgen mit Otto zu ihr kommen wollen.«

Das Fräulein nahm dankend die Rosen. »Du sagtest doch, deine Mutter würde zu mir kommen!« wandte sie sich an Otto. Da fiel Else lebhaft ein: »Aber Otto, die Alten kommen doch nicht zu den Jungen, sondern umgekehrt!« und sich der Braut zuwendend, fügte sie hinzu: »Sie müssen ihm nicht in allem folgen, wir Mädchen wissen viel besser, was sich schickt.« Darüber lachte das Fräulein und fand die Bemerkung reizend, aber Frau von Wildeneck sah etwas bedenklich aus. Da wandte sich Else ihr wieder zu: »Meine Mutter ist in tiefer Trauer um den Vater, es ist noch kein Jahr her seit seinem Tode.«

»Ja, ich weiß es, die Beteiligung an der Beerdigung Ihres Herrn Vaters war eine ungewöhnlich große.«

Else mußte bei dieser Erinnerung plötzlich gegen Tränen ankämpfen. »Ich habe der Verlobung zu Ehren heute die Trauer abgelegt,« sagte sie wie zur Entschuldigung.

286 »Gewiß, Sie sind noch in Trauer,« erwiderte Frau von Wildeneck, »und ich begreife vollständig, daß deshalb Ihre Frau Mutter nicht kommt, meine Tochter wird mit Ihrem Bruder hingehen.«

So war diese Sache glücklich beigelegt.

Kurz darauf erschien Herr von Wildeneck, um die neuen Verwandten zu begrüßen. Ritterlich bewillkommte der alte Herr das junge Mädchen, und bald stand er mit Otto am Fenster, eingehend über dessen Zukunft sprechend, bis endlich die Braut dazwischen trat und ihn für sich begehrte.

Auf dem Heimweg war der junge Bräutigam in sehr vergnügter Laune. »Du hast deine Sache gut gemacht, Else, zwar war's nicht eben fein, daß du von den »Alten« gesprochen hast, womit sich doch meine Frau Schwiegermama auch getroffen fühlen mußte, aber der Zweck ist erreicht. Die Mutter hat eigentlich recht gehabt, daß sie nicht mit uns gegangen ist.«

So kamen die Geschwister ganz angeregt nach Hause. »Der alte Herr war reizend, Mutter. Er nimmt sich um mein Vorwärtskommen an. Du wirst bald genug den Erfolg merken. Und morgen bringe ich dir meine Braut.«

Frau Pfäffling konnte zwar diese Zusammenstellung von Erfolg und Braut nicht ohne geheimes Widerstreben mit anhören. Aber als sie den Sohn in so fröhlicher Stimmung sah, sagte sie sich: »Er hat sie eben doch lieb und mag es nur nicht gestehen, es kann ja gar nicht anders sein!« Und sie stimmte ein in den fröhlichen Ton ihrer Kinder und sorgte am nächsten 287 Tag, daß das Empfangszimmer schön geschmückt wurde für den erwarteten Besuch.

Als die Zeit kam, in der Otto die Braut abholen sollte, war er wieder bedrückt. Er hatte der Mutter noch etwas zu sagen, das ihm schwer über die Lippen ging.

Schon war er unter der Türe, als er rasch noch bemerkte: »Bitte, Mutter, sprich meine Braut nicht gleich als künftige Schwiegertochter an, sie ist nicht so an Vertraulichkeiten gewöhnt. Es ist doch etwas anderes als damals bei Hanna.« Er ging. Frau Pfäffling dachte daran, wie ihr einst Hanna die Treppe herauf entgegen geeilt und ihr mit dem Rufe: »Darf ich Mutter sagen?« in die Arme geflogen war. Auch damals hatte ihr Herz bange geklopft, aber dann war die Spannung übergegangen in große, gemeinsame Freude der vollzähligen Familie. Ach, wie so ganz anders stand sie jetzt da! Unerträglich wurde ihr das Warten in der Wehmut und Spannung ihrer betrübten Seele. Und nun hörte sie einen Wagen vor dem Hause halten, sie mochte nicht hinunter schauen, wie gebannt stand sie, bis die Türe aufging und der großen, schönen Erscheinung im blaßblauen Seidenkleid Einlaß gab. Wie im Traum war es ihr, als Otto in aller Form Mutter und Braut miteinander bekannt machte. Er sprach rasch und aufgeregt, das gab Frau Pfäffling die Fassung wieder. Ruhig reichte sie der jungen Dame die Hand, hieß sie willkommen und bat sie, Platz zu nehmen. Und dann bemühte sie sich, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Sie entschuldigte Else, die in der Singprobe sei, und fragte, ob Fräulein 288 von Wildeneck auch singe. Sie verneinte und lachte, und dies Lachen begleitete fast jede Antwort.

Otto verhielt sich einsilbig, die Braut dagegen sah mehr nach dem Bräutigam als nach der Mutter und machte kleine, neckische Scherze, die ein wenig geziert erschienen und über die nur sie selbst lachen konnte. Otto schien dies nicht zu behagen, er holte die Bilder seiner Geschwister, und über dem Anschauen derselben verging ein Viertelstündchen. »Ludowika, wir wollten noch ein wenig spazieren fahren,« mahnte er dann.

»Nun sagst du wieder Ludowika,« entgegnete schmollend die Braut, »du sollst doch Löckchen sagen!«

»Ludowika ist schöner und ich mag Namen nicht gerne verändern,« erwiderte Otto.

»Aber ich habe mich doch als Kind »Locke« genannt und dann hat man Löckchen daraus gemacht, es klingt so nett!«

»Ja, für ein Kind,« sagte Otto, »aber du bist doch kein kleines Mädchen!«

»Bitte, sage Löckchen,« beharrte sie kindisch. Da gab der Bräutigam nach, aber aus seinem Munde klang es nicht wie ein Kosename.

Um so süßer tönte ihre Erwiderung. »So ist's lieb, Öttchen, darfst dir auch ein Küßchen holen.«

Frau Pfäffling wandte sich nach dem Fenster, sie konnte diesen notgedrungenen Kuß nicht mit ansehen. Wußte sie doch, wie sehr ein solches Getue gegen die Natur ihres Sohnes ging.

Das Brautpaar verabschiedete sich, der Wagen fuhr ab. Frau Pfäffling stand noch wie angewurzelt und 289 sah im Geist die beiden. »Armer Mensch, was hast du dir auferlegt, armer, armer Mensch!« Sie konnte gar nicht umhin, dies Wort zu wiederholen. »Du Allerklügster mit den besten Noten, was hast du für eine Torheit begangen!« Mit halbem Lächeln sagte sie vor sich hin: »Löckchen, Öttchen, Küßchen!« Sie schüttelte sich. Sind wir denn noch im Hause Pfäffling? Wie kommt so etwas zu uns herein? Sie mußte an ihren Sohn Wilhelm denken. Das wäre etwas für seinen Humor gewesen. Sie hätte auch gerne gelacht, aber es war doch viel zu traurig. Und als sie noch eine Weile darüber nachgedacht hatte, sagte sie vor sich hin: »Arme Braut, bald wirst du merken, wo es fehlt!« 290

 


 

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