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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Es war Frau Pfäffling zumute, wie wenn sich die Nacht herniedergesenkt hätte, eine Nacht, die nicht mehr weichen konnte, deren Finsternis fortan ihre ganze Seele erfüllen mußte. Sie wandelte wie im Traum durch die Tage, die nun folgten, Tage voll Unruhe waren es, obgleich ihr die Kinder abnahmen, was zu besorgen war, und an die Mutter nur das heranließen, was, wie sie meinten, ihr wohl tun mußte, die herzliche Teilnahme, die ihr von allen Seiten entgegentrat. Stumm war es geworden in der Musikschule, die ihren Direktor betrauerte, erschüttert und aufs tiefste ergriffen, standen sie alle, Schüler und Lehrer, und fragten sich: war er denn nicht von uns allen der Lebensvollste gewesen, kann es denn sein?

Und von dem Gebäude aus verbreitete es sich durch die ganze Stadt, einer fragte den andern: du hast ihn doch auch gekannt, den lebensfrohen Mann, bist der 222 langen Gestalt begegnet mit den lebhaften, jugendlichen Bewegungen, hast die fröhliche Stimme gehört, die Augen gesehen, aus denen Lust und Liebe strahlten? Und jeder hatte ihn gekannt und konnte sich diesen Mann nicht still und leblos vorstellen. Und aus der Stadt drang es hinaus zu all denen, die seine Schüler, seine Kollegen, seine Freunde gewesen waren, und in ungezählter Menge kamen die Teilnahmsbezeugungen. Blumenspenden trafen ein, aus der früheren Heimat, vom Zentralhotel, von der geborenen Vernagelding, von Fräulein Bergmann, Namen aus weit zurückliegenden Jahren tauchten wieder auf. Und dann drängte sich die Menge um das Grab und lauschte dem Chor der Musikschüler, dem Trauermarsch des Orchesters, den ergreifenden Worten des Geistlichen und des Bürgermeisters, bis sie endlich alle wieder heimwärts zogen und der Sarg in der Stille des Friedhofs geborgen war.

Karl war gekommen und mit den Geschwistern zusammen auf dem Friedhof gewesen. Sie hatten die Mutter auf ihre Bitte allein gelassen, nur Walburg blieb zu Hause. Die Treue hatte nichts geredet seit dem Tode ihres Herrn, ein einziger, schmerzlicher Ausruf war über ihre Lippen gekommen: »Unsere arme Frau!« Und so galt auch der tiefste Schmerz der Söhne und Töchter ihrer Mutter. Sie konnten sie sich nicht vorstellen ohne den Vater. Allen andern voran verließen sie den Friedhof in dem dringenden Verlangen, bei der Mutter zu sein, ehe Fremde dazukamen. Und fremd erschienen ihnen alle, mochten sie auch nahe verwandt oder bekannt sein. Als 223 sich die sechs so zusammen fanden, errieten und ehrten die übrigen den Wunsch der Kinder und folgten nur langsam.

Während diese jugendlichen, traurigen Gestalten die Treppen der Musikschule hinaufgingen, die ihres Vaters Reich gewesen, kamen sie sich plötzlich wie Fremdlinge vor in diesem Haus. »Wir müssen ausziehen,« sagte der eine leise. Und damit legte sich schwer auf die Verwaisten das Bewußtsein der tief eingreifenden Folgen, die der Tod des Vaters haben würde.

»Es wird überhaupt alles anders. Wir können nicht fort von der Mutter, Wilhelm, oder doch?« fragte die junge Braut.

»In diesem Jahr gewiß nicht,« entschied Wilhelm, »nun müssen wir zusammenhalten und der Mutter über das Schwerste hinweghelfen.«

Darin stimmten sie alle überein. »Wenn doch auch die Mutter gestorben wäre!« sagte Frieder. Sie entsetzten sich über dieses Wort.

»Frieder, wie gräßlich!« rief Else.

Er ließ sich nicht beirren. »Wie kann die Mutter weiter leben ohne den Vater?«

Als sie in diesen leisen Gesprächen die Treppe hinaufgingen, sahen sie oben an der Türe die Mutter stehen. Sie streckte den jungen, betrübten Menschenkindern die Hände entgegen mit einem schwachen Versuch zu lächeln. Die einsame Stunde hindurch hatte sie gerungen nach Fassung, denn übermächtig war in dem Augenblick, wo man den Sarg aus ihrem Hause getragen hatte, die Verzweiflung über sie 224 gekommen, und die Schatten des Todes hatten sich in ihr Herz gesenkt, so tief und schwer, daß sie ganz und gar erlegen war. Aber dann war aus der Tiefe ihrer Seele der Hilferuf gedrungen: »Jetzt hilf mir, Gott, ich kann mir selbst nicht helfen, und der mir immer geholfen hat so treu in jeder Stunde, der ist nicht mehr bei mir.« Darauf war es lichter geworden in ihrer umnachteten Seele, und es kam ihr ein Wort in Erinnerung, das sie einst gelesen und das jetzt das schauerliche Gefühl der Trennung milderte: »Er ruht in Gott, ich lebe in Gott, so bleiben wir vereint in Gott.« Und erhoben über ihren Schmerz raffte sie sich auf und war bereit, der nächsten Stunde entgegen zu gehen. Nur dieser Stunde, denn an die weiteren Stunden, die Tage, die Jahre der Vereinsamung, die kommen würden, an die konnte sie nicht denken, vor der Zukunft verschloß sie die Augen. Aber der Gegenwart wollte sie gewachsen sein.

Sie hörte die vielen Schritte auf der Treppe. »Du mußt dich fassen,« sagte sie sich, und öffnete die Türe, um fortan allein die Lebensaufgabe zu übernehmen, die ihr nun entgegentrat in ihren Kindern. Der freundliche Zug auf ihrem blassen Gesicht entging nicht den Blicken der Kinder und erweckte in ihnen die erste leise Hoffnung, daß die Mutter doch ohne den Vater leben könne.

Ein paar Tage später bat der Bürgermeister um eine kurze Unterredung mit Frau Pfäffling. Sie empfing ihn in ihres Mannes Zimmer. Obwohl sie gefaßt sein wollte, wurde sie beim Anblick dieses Mannes vom Schmerz überwältigt. Aber auch der 225 alte Herr war im ersten Augenblick zu bewegt, um Worte zu finden.

»Verzeihen Sie,« sagte nun Frau Pfäffling, »daß mich eben jetzt die Trauer so übermannt hat. Vielleicht ist es, weil ich noch nie ohne meinen Mann mit Ihnen beisammen war und ich mich so manchmal in diesem Zimmer Ihres guten Einverständnisses mit ihm gefreut habe.«

»Ich möchte, daß Sie sich auch heute ein wenig über meinen Besuch freuen,« entgegnete der Bürgermeister, »und hoffe, daß Ihnen meine Mitteilung angenehm ist. Wir haben nämlich am gestrigen Abend noch eine außerordentliche Sitzung gehalten, in der der Antrag gestellt wurde, der Witwe des Direktors noch auf die nächsten fünf Jahre die Wohnung frei zu überlassen. Begründet wurde es damit, daß der verstorbene Direktor während seiner Amtsführung jahraus jahrein mehr für die Anstalt getan hat, als seine Pflicht war, und als äußere Anerkennung für all diese Leistungen wurde einstimmig und ohne jeden Widerspruch dieser Beschluß gefaßt. Wenn Sie der Sitzung beigewohnt hätten, Frau Direktor, so hätte Sie jedes Wort gefreut, das hierüber gesprochen wurde, das versichere ich Ihnen. Es wurde auch erwähnt, daß nach Verlauf von fünf Jahren wohl alle Ihre Kinder selbständig sein würden und Sie dann sorglos in die Zukunft sehen könnten.«

Frau Pfäffling konnte nur die Hand des Mannes drücken. Daß sie und ihre Kinder ernten sollten, was ihr Mann gesät, daß sie die Fürsorge seines Freundes erfahren durften, bewegte sie tief. Er verstand 226 das und bemühte sich, sie auf andere Gedanken zu bringen. »Sie sind noch so reich, Frau Direktor! Es ist eine wahre Freude, wie Ihre Jugend herangewachsen ist. Herr Otto soll ja ein glänzendes Examen gemacht haben, solche Juristen bringen es weit. Und wenn ich recht weiß, wollen zwei ihrer Kinder nach Afrika, woher haben sie denn nur diese Unternehmungslust?«

»Die liegt wohl in jedem gesunden, jungen Menschenkind,« antwortete Frau Pfäffling, »nur wird sie oft unterdrückt durch die ängstliche Fürsorge der Eltern. Mein Mann ist gar nicht ängstlich, nicht ängstlich gewesen,« fügte die Frau hinzu, die noch nicht gewöhnt war, als Witwe zu sprechen.

»Ja, ja, das mag der eine Grund sein, und der andere, daß Ihre Kinder nicht so anspruchsvoll sind wie die meisten heutzutage; wenn man so nach Afrika hineingeht, muß man wohl auf manche Bequemlichkeit verzichten, im Schnellzug kann man nicht an die Farm fahren, und in den Sandwüsten nach Wasser suchen, ist auch nichts Leichtes. Darum Achtung vor Ihren Kindern, Frau Direktor, Sie dürfen stolz sein! Wer weiß auch, welche Lorbeeren Ihr Jüngster noch heim bringt; Herr Direktor hielt große Stücke von seinem musikalischen Talent!« So suchte in seiner Herzensgüte dieser treue Freund des Verstorbenen alles hervor, was nach seiner Meinung die Trauernde erfreuen konnte. Er kannte nicht das Wort: »Freude, tu sacht, daß der Schmerz nicht erwacht.« Ihrem Gemüt tat jede Bewegung weh, sie konnte sich ja nicht allein freuen, hatte es verlernt in 227 den langen Jahren der Gemeinsamkeit. So saß sie nun da, im fortwährenden Kampf die Fassung zu bewahren, und es war ihr eine Erlösung, als der Bürgermeister sich erhob. Sie nahm alle Kraft zusammen und trug ihm den Dank auf für die großmütige Überlassung der Wohnung. Er drückte ihr herzlich die Hand. »Seien Sie tapfer, Frau Direktor, Sie müssen Ihren Kindern nun alles sein!«

Er ging. Sie dachte an sein letztes Wort. Sie sollte ihren Kindern etwas sein? »Was bin ich denn ohne meinen Mann?« fragte sie sich schmerzvoll. »Wie kann ein Halbes ganz sein? Sonst sagt man wohl, die Frau ist des Hauses Sonne, bei uns war es der Mann. Seine herzerquickende Fröhlichkeit hat immer die Wage gehalten meinem ernsten, sorglichen Wesen, jetzt aber ist die Wage mit schwerem Gewicht belastet. Unser Haus war wie ein Garten, in dem die Sonne schien, jetzt hat sich die Trauer wie eine hohe Mauer rings herum aufgetürmt und alles steht im tiefen Schatten. Niemand im Hause weiß das, aber sie werden alle darunter leiden, alle!«

Während sie versunken in ihrem Schmerz an dem Pult ihres Mannes lehnte, stand in Gedanken verloren in seinem Schlafzimmer Frieder. Er hatte sich aus dem Kreis der Geschwister entfernt, die beisammen saßen und die eingelaufenen Briefe durchsahen. Sein Gemüt war aufs tiefste erschüttert. Er konnte sich nicht aussprechen bei den Geschwistern, und er scheute sich, die Violine erklingen zu lassen, der er sonst seine Gefühle anvertraute. So bedrängte ihn der zurückgehaltene Schmerz um so mächtiger, der 228 Schmerz um den Vater, aber noch mehr der Mutter Schmerz. Er überdachte, wie es gewesen war in all den Jahren seines Lebens, und es stiegen unendlich viele Züge vor ihm auf, die ihm die Zusammengehörigkeit von Vater und Mutter vor die Seele führten. Wie war sie immer, wenn sie von einem Ausgang heimkam, zuerst nach ihres Mannes Zimmer gegangen. Die Kinder wußten es schon, ehe sie den Vater begrüßt hatte, war sie für nichts zu haben. Und der Vater, wenn er heraufkam, wie rief er fast noch auf der Treppe ihren Namen. Wer nannte sie jetzt noch Cäcilie? Niemand im Haus; sie war nur noch die Mutter. »Cäcilie!« wie hatte das immer so zuversichtlich und hoffnungsfroh getönt! Es klang ihm noch im Ohr, er ahmte den Ruf nach: nein, noch froher, noch verlangender hatte es aus des Vaters Mund geklungen, er wiederholte den Ruf »Cäcilie«, bis er den richtigen Ton traf. Da tat sich die Türe auf, blaß und verstört sah die Mutter herein. Frieder erschrak. Hatte sie ihn gehört? Was hatte er ihr angetan! Er errötete wie ein Kind. »Verzeih, Mutter,« sagte er, »ich war mir nicht bewußt, daß ich laut rief. Ich mußte daran denken, wie der Vater so oft nach dir gerufen hat in einem so besonderen Ton, und wie es dir fehlen muß, daß niemand mehr so nach dir ruft.«

Frau Pfäffling konnte nichts erwidern, überwältigt sank sie auf den Stuhl an Frieders Bett, und der Sohn sah seine Mutter so fassungslos, wie er sie noch nie gesehen. Aber nun trat er nicht scheu zurück, bei diesem Anblick war's ihm, als müsse er 229 den Vater ersetzen. Er schlang den Arm um sie, streichelte ihre Hände und flüsterte ihr zu: »Mutter, mir ist's, wie wenn er seine Liebe für dich hier zurückgelassen hätte, spürst du sie nicht? Sie umgibt dich, du hast sie nicht verloren, sie lebt in uns!« Sie sah zu ihm auf. Es leuchtete in seinen Augen, seine Liebe strömte zu ihr hinüber und linderte ihr Weh. Zum erstenmal gingen ihre Gedanken ab von dem einen, das sie bisher ausschließlich beschäftigte. Sie sah Frieder an, wie stand ihr der Scheue, Verschlossene so mannhaft zur Seite, wie verstand er sie in ihren tiefsten Empfindungen!

»Frieder,« sagte sie jetzt, »du hast dem Vater auf jenem Gang etwas Liebes gesagt, er wollte mir's erzählen und konnte doch nicht mehr!«

»Ja, Mutter, daß ich's über die Lippen brachte, wird mich ewig freuen, er hätte es wahrhaftig viel öfter hören sollen, daß ich ihn lieb habe.«

Und er erzählte von dem letzten Gang, und sie saßen lange beisammen, der Gegenwart entrückt. Allein diese drängt sich den Menschen auf, ob sie wollen oder nicht, und erweist ihnen die bittere Wohltat, sie aus der Welt der Gefühle rücksichtslos herauszureißen in das Leben.

Else war es, die nach Frieder suchte. »Ulrike ist da,« sagte sie, »ihr Bruder ist ganz unerwartet angekommen, und sie möchte, daß du ihn aufsuchst.« Er folgte der Schwester.

»Ist er nicht mit Ulrike herübergekommen?« fragte er, »gewiß ist's ihm zu schwer. Es sieht ihm gleich, daß ihn die Todesnachricht hierher getrieben hat, und 230 er es nun nicht über sich bringt, in unser Haus zu kommen.«

Er ging, mit Ulrike den Jugendfreund aufzusuchen, den er nicht wiedergesehen hatte, seitdem dieser auswärts in einem kaufmännischen Geschäft tätig war.

Als sie das Haus verlassen hatten, hielt ihn das junge Mädchen zurück. »Frieder,« bat sie, »wir wollen langsam gehen, denn ich muß erst mit dir sprechen. Du weißt nicht, warum Ulrich gekommen ist, nicht aus Freundschaft, nein, nein!« Leise, doch in tiefer Erregung fuhr sie fort: »Er ist entlassen worden, Frieder, fortgeschickt!«

»Warum?« fragte Frieder und stand gespannt stille.

»Dir muß ich es ja sagen, dir allein. Er hat Schulden gemacht und dann – etwas aus der Kasse genommen, bloß in der höchsten Not, sagt er,« und bitter fügte sie hinzu: »In der Not! Er hätte nicht in Not kommen müssen, und wenn er darin war, so hätte er lieber verhungern sollen, als so etwas tun. Es ist gräßlich, Frieder, man weiß nicht, wie man ihm ins Gesicht sehen soll, so schämt man sich für ihn!«

Ja, ihr Gesicht glühte vor Scham, und Frieder mochte kein Wort des Vorwurfs aussprechen, so sehr tat ihm das Mädchen leid. Sie waren am Haus angekommen. »Ulrike,« sagte Frieder und blieb zögernd stehen, »warum hast du mich geholt und mir das gesagt? Es wird ihm schrecklich sein und hilft nichts.«

231 »Wir müssen aber helfen, Frieder, und deshalb bin ich zu dir gekommen. Niemand außer uns kümmert sich um ihn, du bist sein Freund oder warst es doch.«

»Nein, nein, ich bin es noch, ich lasse ihn nicht fallen in der Not. Aber was ist zu tun?«

Sie wanderten in leisem Gespräch weiter, die Wagnerstraße hinunter.

»Gestern kam er, Frieder, sah aus so jämmerlich, wie das böse Gewissen selbst. Der Tante sagte er, er habe Urlaub. Dann kam er in mein Zimmer und weinte wie ein Kind und erzählte mir alles. Sein Lehrherr hat ihn aus Mitleid nicht verklagt, hat auch anderen gegenüber seine Schande nicht aufgedeckt, aber an unseren Vater hat er alles geschrieben und ihn aufgefordert, seinen Sohn zu sich nach Indien kommen zu lassen, und dann hat er Ulrich hierher geschickt, ohne Zeugnis; er solle bei uns warten, bis der Vater ihm Antwort schreibe. Und das will nun Ulrich nicht, weil er des Vaters Vorwürfe fürchtet.«

»Was will er sonst?«

»Verschwinden will er, irgendwie, sei es nach Algier oder nach Amerika. Aber das soll er nicht, Frieder, das darf er nicht. Er hat ja kein Geld, so wird er betteln oder stehlen oder elend zugrunde gehen. Also müssen wir ihn hier halten, Frieder, bis der Vater antwortet; das dauert ja freilich lange, ach, entsetzlich lange. Aber ich muß ihn halten, schon dem Vater zu Liebe. Ich habe die ganze Nacht darüber gegrübelt, ich weiß keinen andern Ausweg.«

232 »Du tust mir so leid, Ulrike, immer mußt du dem Bruder ein Halt sein, statt er dir!«

»Es war eine entsetzliche Nacht, Frieder. So oft ich einen Laut hörte, dachte ich, nun geht er heimlich davon! Endlich habe ich mich vor seine Türe gesetzt, und gegen Morgen habe ich an meinen Vater geschrieben; ich glaube, auf diesen Brief hin wird die Antwort telegraphisch kommen, dann dauert es doch nicht so furchtbar lang! Aber hilf mir, du hast Einfluß auf Ulrich, ich allein kann ihn nicht halten.« Immer weiter hatten sie sich vom Hause entfernt. Jetzt wandte sich Frieder mit einer ihm sonst ungewohnten Entschiedenheit. »Natürlich helfe ich dir, Ulrike. An meinem Wilhelm hättest du freilich bessere Hilfe, aber wenn wir zwei zusammenhalten, werden wir schon fertig mit Ulrich.« Sie sahen sich im gleichen Augenblick an. Was hatten sie sich anzusehen? Sie wußten doch genau, wie sie aussahen. Ja, aber in diesem Augenblick wollte er die sehen, die ihm so stark erschien und doch um seine Hilfe bat. Und sie wollte den sehen, der gesagt hatte: »wir zwei«. So trafen sich ihre Blicke, und er entdeckte, daß ihre klaren, lebhaften braunen Augen aus tatkräftigen Zügen hervorblitzten und von sprühender Lebenskraft zeugten, und sie fand, daß aus seinen dunkelgrauen Augen eine Seele leuchtete, in deren Tiefe man sein Bestes versenken durfte. Wortlos, in Gedanken versunken, kehrten sie um, wandten sich dem kleinen Haus zu und sahen plötzlich Ulrich vor sich. Unter einem großen Wettermantel halb verborgen trug er einen Handkoffer. Er blieb einen Augenblick betreten stehen, als 233 er die zwei wahrnahm. Sein Blick fiel auf den Trauerflor an Frieders Arm. Das schien ihn zu bewegen. »Frieder,« sagte er, »glaube nicht, daß ich gleichgültig bin, im Gegenteil. Aber ich muß verreisen, mein Zug geht gleich ab, leb wohl, Ulrike.« Er grüßte.

»Bleibe!« rief Ulrike flehend, aber sie stand wie gelähmt vor Schrecken. Der Anblick ihrer Schwäche gab Frieder eine ungewohnte Tatkraft. Konnte sie nicht mehr, so mußte er eintreten. »Ich folge ihm,« sagte er und rief den Namen des Freundes. Dieser wandte den Kopf, und als er sah, daß die Schwester zurückblieb, hielt er doch einen Augenblick still und ließ sich von Frieder einholen. Dieser hatte nicht die Gabe raschen Handelns und großer Geistesgegenwart. Der Weg zur Bahn war nicht weit, zu kurz, um einen Menschen, der nicht hören wollte, von seinem Vorhaben abzubringen. Und Ulrich wollte nicht hören. Er sprach mit unnatürlicher Hast immerfort über die Trauer der Familie Pfäffling, hielt sich möglichst nahe an andere, die des Weges kamen, und ließ Frieder nicht zu Worte kommen. So verrannen die kostbaren Minuten. Frieder dachte an Ulrike. Sie hoffte auf seine Hilfe, er mußte helfen und konnte doch nicht. Sie waren am Bahnhof und standen vor dem Schalter, andere Leute neben ihnen. Frieder flüsterte dem Freund zu, gute, bittende, drängende Worte, der achtete nicht darauf, zog seinen Beutel und verlangte eine Fahrkarte. Sie kostete viel, seine Barschaft war nicht groß, nur wenig blieb ihm zurück. Und in dem Augenblick, da er vom Schalter wegtrat und dies wenige überzählte, geschah, was er für ganz unmöglich 234 gehalten hätte: Frieder griff nach der Karte und zerriß sie in Stücke. Der Vorfall blieb nicht ganz unbemerkt, zwei Reisende sahen erstaunt auf die jungen Leute, war das Spaß oder gab's nun Streit zwischen den zweien? Keines von beiden. Die Freunde sahen sich an und waren beide sprachlos, Frieder, weil er – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben – gewalttätig gehandelt hatte und damit so aus seiner Natur gefallen war, daß er über sich selbst verblüfft stand; Ulrich aber, der nun, fast mittellos, keine Möglichkeit mehr sah, fortzukommen, sah scheu umher. Als ein Mensch mit bösem Gewissen, knapp dem Gericht entgangen, fürchtete er jedes Aufsehen, entfernte sich vom Schalter und folgte nun willenlos seinem Freund, der ihn vom Bahnhof wegführte. »Du hast mich um mein letztes Geld gebracht!« sagte er außen, aber er sprach es mehr wie ein schmollendes Kind, das sich über eine Strafe beklagt, als wie ein Mann, dem Gewalt geschehen war.

»Ulrich, das will ich dir später ersetzen, verlaß dich darauf!« versicherte Frieder, »ich habe mir nicht anders helfen können, du mußt doch hier bleiben!« Langsam gingen die beiden jungen Leute den Weg zurück, den sie so stürmisch hergekommen waren. Die alte, schwärmerische Freundschaft, die Ulrich für Frieder empfunden hatte, erwachte wieder, und im Gefühl seiner unsicheren Lage gab er sich dem Einfluß des Freundes rückhaltlos hin. Frieder dachte im stillen an Ulrike. In welcher Spannung mußte sie sein! Schon von ferne sah er sie aus dem Fenster schauen, nun verschwand sie. Ordentlich stolz fühlte er sich, daß 235 er ihr den Bruder zurückbrachte, glücklich, daß sie nicht umsonst seine Hilfe begehrt hatte.

Im Gärtchen vor dem Haus kam ihnen Ulrike entgegen. Anscheinend ruhig sagte sie zu dem Bruder. »So ist's recht, Ulrich, du sollst sehen, es wird alles gut.« Dabei drückte sie aber die Hand ihres Bundesgenossen mit einer Kraft, die ihn fühlen ließ, was sie an Angst ausgestanden hatte und an Dankbarkeit empfand. Frieder ging, Ulrike übernahm die Führung des schwachen Bruders und er ließ sich leiten. »Wir wollen der Tante sagen, daß du nach Indien gehst, Ulrich; bis die Antwort vom Vater kommt, bleibst du bei uns; jedermann wird begreifen, daß wir Geschwister die letzten Wochen vor deiner Abreise beisammen sein wollen, und niemand fragt nach weiteren Gründen. Wollte dich doch der Vater schon mitnehmen, als er das letztemal hier war.«

»Hätte er es doch getan,«sagte Ulrich kläglich, »dann wäre alles anders gekommen!«

Allerdings irrte sich Ulrike mit der Annahme, daß sich niemand Gedanken machen würde über Ulrichs plötzliches Erscheinen. Gleich bei seiner Rückkehr mußte Frieder das erfahren. »Ulrike hat sich gar nicht gefreut über ihres Bruders Kommen,« sagte Else, »das kann ich nicht verstehen,« und Wilhelm meinte: »Sicher hat er Krach gehabt mit seinem Lehrherrn und weiß nun nicht wohin.«

»Wenn er nur nicht schlimme Sachen gemacht hat,« bemerkte Otto, indem er mit scharfem Blick nach Frieder sah, der nicht Rede stehen wollte.

»Du denkst immer gleich Schlechtes,« entgegnete 236 ihm Marie, »Ulrich war von jeher ein guter Mensch, Frieder, nimm doch deinen Freund in Schutz!«

»Er soll nach Indien, Missionskaufmann werden,« sagte nun Frieder.

»So, so, warum denn so plötzlich, mitten aus seiner Lehrzeit heraus?« fragte Otto.

»Laß doch das Verhör, Otto,« bemerkte Wilhelm, »wenn Frieder da etwas mit dem Mantel der Liebe zudeckt, so wollen wir es nicht ans Licht zerren!«

Darauf ließen sie das Gespräch fallen, die Geschwister zerstreuten sich, Frieder blieb allein, innerlich noch vollständig mit dem Erlebten beschäftigt.

Zum erstenmal seit des Vaters Tod hatte etwas vermocht, seine Gedanken von der Trauer abzulenken und andere Gefühle in ihm zu erwecken. Nun trat die Mutter in das Zimmer, und er war wieder mit seiner ganzen warmen Empfindung bei ihr und folgte ihr mit den Blicken. Wie merkwürdig schien sie ihm! Ihr Schritt, ihre Bewegungen, ihre Stimme, war nicht alles anders als früher, auch wenn sie den gewohnten, alltäglichen Geschäften nachging? Es tat wehe, sie anzusehen, ihre ganze Persönlichkeit stand unter dem Zeichen des Leidens. Sie ging an ihren Schreibtisch, um die Ausgaben des Tages in ihr Buch einzutragen. Selbst dabei kam sie ihm verändert vor. Er konnte nicht anders, er mußte zu ihr gehen. »Mutter,« fragte er, »bist du denn keinen Augenblick frei von dem Schmerz um den Vater? Es ist doch nicht möglich, daß du auch an ihn denkst, während du deine Zahlen zusammen rechnest?«

»Nein,« erwiderte die Mutter und legte den Stift 237 aus der Hand, »ich habe eben an nichts anderes als an meine Rechnung gedacht.«

»Aber du hast es anders gemacht als sonst, ich weiß nicht, was es ist, es fehlt etwas an dir, das tut mir so weh, und ich kann mir doch nicht erklären, was es ist.«

»Vielleicht ist's dies, daß immer der Vater die Triebfeder zu all meinem Tun war, jetzt fehlt sie, und darum geht mir alles so schwer und langsam von der Hand. Du weißt ja, wie frisch und lebhaft der Vater war, jederzeit war ich von ihm erfüllt, mir selbst unbewußt, war er meine Kraft.«

»Erzähle mir doch, Mutter, war das immer so, war der Vater dir das alles schon als ganz junger Mann?«

»Nein, das ist so allmählich durch die Zeit geworden.« Sie lehnte sich in wehmütigen Gedanken zurück, Frieder stand neben ihr.

»Mutter,« begann er nach einer Weile halblaut, »ich denke mir, die Zeit hat das nicht gemacht, daß der Vater so geworden ist, sondern du. Ich glaube, Mutter, daß ein Mann alles werden kann durch die Frau; ich glaube, daß da ein träumerischer Mensch hell wach wird und ein schüchterner keck, ja gewalttätig, wenn er fühlt, daß sie es jetzt so haben möchte.« Die Mutter, erstaunt über dieses Glaubensbekenntnis ihres Sohnes, sah ihn forschend an. Da wandte er sich ab und ging bald hinaus und hinunter in das Instrumentenzimmer der Musikschule. Er hatte die Violine noch nicht in die Hand genommen seit des Vaters Tod, jetzt drängte es ihn dazu. Er holte das 238 Instrument langsam aus dem Kasten, strich wie zärtlich mit der Hand über seine kostbare Geige und redete sie an. »Wir haben uns viel Neues zu sagen, gib deine tiefsten Töne zur Klage und auch die silberhellen zur Freude. Aber die ganz leise, leise, nichts verraten!« Und er begann zu spielen und klagte um seinen Vater, und es ward ihm dabei so unendlich wehe, daß ihm jede andere Empfindung verging. Die silberhellen Töne erklangen nicht, nur das bittere, herbe Leid sprach aus den durchdringenden, klagenden Tönen. 239

 


 

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