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Werden und Wachsen

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleWerden und Wachsen
authorAgnes Sapper
year1926
firstpub1910
publisherD. Gundert
addressStuttgart
titleWerden und Wachsen
pages363
created20140530
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Die kleine Wohnung, die zwei Jahre lang fast wie ein Anhängsel der Musikschule erschienen war, stand leer, das junge Ehepaar, das unzählige Male die Wagnerstraße überschritten hatte, war verschwunden. Der Briefträger der Wagnerstraße erriet den Zusammenhang zwischen der geschlossenen Wohnung und den neuerdings regelmäßig einlaufenden Briefen mit dem Poststempel »Siegfeld«. – »Der junge Herr ist wohl nach Siegfeld gekommen?« fragte er Resi.

»Ja, und die Frau auch,« sagte diese. Ja, von Hannas Handschrift mit den großen, kräftigen Zügen waren meistens die Briefe geschrieben, die von der neuen Heimat berichteten, Briefe voll Liebe und Anhänglichkeit, die mit warmer Teilnahme gelesen und erwidert wurden.

Es war kaum genug Ruhe im Hause, um den Weggezogenen nachzutrauern, besonders jetzt nicht, in der ersten Dezemberwoche, die einen Höhepunkt im 156 musikalischen Leben des Hauses bedeutete. In der Musikschule wurde ein großes Konzert veranstaltet, die Proben nahmen nicht nur den Direktor vollauf in Anspruch, auch seine ganze Familie war daran beteiligt. Frieder vor allem, denn er sollte sich zum ersten Male als Solist mit der Geige hören lassen, Wilhelm und Otto gehörten zum Orchester, Marie und Else zum Chor. So hätte bloß Frau Pfäffling nichts mit dem Konzert zu tun gehabt, aber wer hätte sie unbeteiligt nennen wollen? Im Laufe der Jahre war sie sozusagen die Hausfrau der Musikschule geworden, und alle diejenigen, die den Direktor überbeschäftigt fanden, die ihn nicht gerne mit kleinen praktischen Fragen behelligten, stiegen in den dritten Stock hinauf und wandten sich an die Frau, die ruhig und freundlich Bescheid gab oder bereit war, Anfragen zu gelegener Zeit an den Direktor zu vermitteln. An sie wandte sich mit mancherlei Fragen die Bedienung, die für Heizung und Ordnung des Saales zu sorgen hatte, zu ihr kam der Karten- und Zettelverkäufer, bei ihr meldeten sich Lehrer und Schüler der Anstalt, wenn in letzter Stunde noch eine dringende Bitte um Einlaßkarten einlief und doch schon alle vergeben waren. Niemand besann sich, ob sie eigentlich Berechtigung oder Verpflichtung habe, in all diesen Dingen Rede zu stehen, man wußte nur aus Erfahrung, daß ihre weichen Hände sanft eingriffen, leicht alle Knoten lösten, und so übergab man ihr, was verwirrt war.

Der Konzertabend war gekommen und mit ihm war die Unruhe in alle Räume der Wohnung gedrungen. In jedem Schlafzimmer wurde Staat gemacht, 157 ja sogar droben in der Mädchenkammer, denn Resi sollte als Gehilfin bei der Kleiderabgabe tätig sein und war dadurch in so freudiger Erregung wie nur irgend eine Solistin. Der Direktor war zuerst fertig, lief hin und her und trieb die anderen zur Eile. Walburg trug ein Abendessen auf, aber niemand fand die Ruhe, sich daran zu halten. Frau Pfäffling half den jungen Mädchen in die schlichten, weißen Kleider, bis ein Hilferuf aus dem Zimmer der Brüder erscholl. Er kam von Otto, der eben aus einem Abendkolleg heimgekommen war. Er, ein Muster von Ordnung und Pünktlichkeit, hatte sich schon am Mittag tadellosen Kragen, Stulpen und Binde bereit gelegt, um abends rasch fertig zu sein, und fand nun, daß Frieder harmlos von alldem Besitz ergriffen hatte. So wurden nun hastig die Schubladen durchsucht nach würdigem Ersatz, denn Otto hielt viel auf seine äußere Erscheinung. Während des Suchens hörte Frau Pfäffling draußen ihren Mann »Cäcilie« rufen, er kam, sie zu drängen, daß auch sie sich nun schön mache, das seidene Kleid lag ja bereit und mitten in all diesem Durcheinander kam Frieder mit philosophischen Gedanken an sie: »Wozu denn all dieser Umstand, warum putzt man sich für ein Konzert? Wer achtet auf die Kleider während der Musik?« Es hatte aber niemand Muße, auf seine Fragen einzugehen. Er ging hinaus und traf mit Ulrike zusammen, die gekommen war, Else abzuholen. Die beiden Freundinnen hatten im Chor ihre Plätze nebeneinander. Frieder sah auf das junge Mädchen. »Auch du bist ganz festlich gekleidet,« sagte er. »Ich verstehe gar nicht, inwiefern das mit der Musik 158 zusammenhängt. Ich werde nie im Konzertsaal gut spielen.«

»Ja,« sagte Ulrike aufrichtig, »ich glaube auch nicht, daß du so gut spielst, wie in der Stille daheim, aber das merken die andern nicht.«

»Der Vater merkt es, um ihn wäre es mir leid.«

»So denke recht an ihn, vielleicht kannst du alles andere vergessen.«

»Ich weiß nicht. Alles ist so steif und feierlich, so hell und blendend, wie kann man da in Stimmung kommen? Hörst du die Stimmen von unten? Was für ein Getriebe!«

Unten strömten die Menschen in den Saal, oben fanden sich sämtliche Pfäfflinge zusammen.

»Nun seid ihr alle schön,« sagte Frau Pfäffling und sah befriedigt auf ihre Jugend.

»Aber du, Mutter?« rief Marie, »jetzt helfe ich dir noch.« Da kam fast zaghaft der Mutter Antwort: »Laßt mich oben! Ich habe jetzt all die letzten Tage für das Konzert gelebt, nun möchte ich endlich etwas anderes hören als Musik.«

»Du willst nicht ins Konzert?« fragten sie fast einstimmig.

»Lieber möchte ich mich ganz still an die Lampe setzen und lesen.«

Sie sahen sich ganz verblüfft an, dann lachte der Direktor. »Cäcilie,« sagte er, »du bist einzig. Dein Mann dirigiert, dein Jüngster legt sein erste Künstlerprobe ab, vier andere singen und spielen mit und die Mutter vom Ganzen sagt: ich bleibe oben und lese! Andere reisen hierher und zahlen schweres Geld, um 159 das Konzert zu hören, und du gehst nicht eine Treppe hinunter! Ist's dein Ernst?«

»Ja, wenn ihr mir's nicht übel nehmt. Ihr erzählt mir dann, wie es war. Ich habe die Musik so satt, habe solch einen Hunger nach meinen Büchern, seit acht Tagen liegt der zweite Band Bismarckbriefe da und ich habe noch keinen Blick hinein tun können!«

»Arme Mutter!« riefen die Kinder halb im Scherz.

»So lies du in aller Ruhe,« sagte Herr Pfäffling, »von sechs bis acht wird das Konzert dauern, da hast du zwei ganz ungestörte Stunden,« und er drückte ihr zum Abschied die Hand. Sie wünschte ihrem Frieder Glück. »Danke dir, Mutter,« sagte er und zögernd fügte er hinzu: »Du hast das beste Teil erwählt.«

»Und du willst ein Künstler sein?« rief Wilhelm.

»Es ist auch keine Kleinigkeit um das erste Auftreten,« sagte der Direktor, »das macht jedem bange. Aber du kannst ruhig sein, Frieder, es wird dir gut gelingen.«

Frieder schwieg. Er fühlte, daß es nicht Angst war, was ihn mit solcher Unlust vor die Öffentlichkeit treten ließe. Die Mutter geleitete alle bis zur Treppe und sah ihnen nach, bis sie in die strahlende Helle des unteren Stockes kamen. Dann kehrte sie in die verlassene Wohnung zurück und war allein mit der getreuen Walburg, die ein reiches Feld der Tätigkeit fand, indem sie in den verschiedenen Schlafzimmern wieder einen friedlichen Zustand schaffte.

Frau Pfäffling atmete auf in der Stille, verfolgte noch eine Weile mit teilnehmenden Gedanken die Ihrigen in den Konzertsaal, von dem ein dumpfes 160 Gemurmel heraufdrang, und dann nahm sie ihre geliebten Bücher, nahm das Heftchen, in das sie hie und da niederschrieb, was ihr besonders wertvoll erschien, und war der Gegenwart weit entrückt. Der Chorgesang, der nun das Konzert einleitete, störte sie nicht, wenn sie sich in ihre eigene Welt versenken durfte, konnte die schönste Musik sie nicht herauslocken.

Unten im glänzend erleuchteten Saal war jeder Platz besetzt, oben auf dem Podium im Halbkreis saß der Chor der Sänger und Sängerinnen, weiter nach vorne das Orchester, und mitten unter diesem stand am Pult der Direktor. Seine hohe, schlanke Gestalt zog aller Augen auf sich, denn in seinen lebhaften Bewegungen und ausdrucksvollen Mienen spielte sich alles ab, was er als Dirigent aus seinem Chor und Orchester herauslockte, und es konnte wohl keiner träge oder gleichgültig nach diesem Dirigentenstab blicken. So war es ein prächtiges Zusammenwirken, und die Zuhörer wurden gepackt und hingerissen.

Mitten unter dem rauschenden Beifall, der dem ersten Stück zuteil wurde, trat unbemerkt durch die hintere Saaltüre ein Mann und suchte sich an der Seite einen halb verdeckten Stehplatz. Dort lehnend stand er und achtete nicht auf die Musik. Er fühlte sich wie von einem Schwindel erfaßt in dem Licht und Glanz des Saales, in der Umgebung all der geputzten Menschen, denn es war ein Mann, der sich plötzlich auf einem Gipfel der Kultur stehend befand, nachdem er jahrelang in der einsamen Wildnis von Afrika gelebt hatte. Der große, breite, gebräunte Mann war Arnold Scheffel, heute erst von Afrika angekommen. 161 Hergereist war er mit dem schnellsten Schiff, dem eilendsten Zug, denn er konnte eigentlich seine Farm nicht verlassen. Aber er wagte es, denn er war einer von den Mutigen, Unternehmenden. Er kam, um sich die Braut zu gewinnen, nach der sein ganzes Herz begehrte, und er setzte um dieses Besitzes willen alles aufs Spiel. Und nun war er diesen Abend angekommen, im Gasthaus abgestiegen und zu seiner Tante, Fräulein Scheffel, gegangen. Dort hatte er erfahren, daß sie sowohl wie die ganze Familie Pfäffling im Konzert sei. Also mußte auch er hinüber. Aber er würde keine Einlaßkarte mehr bekommen. Wenngleich, wie wir wissen, das unbegrenzte Selbstvertrauen des jungen Mannes einen Stoß erlitten hatte, so blieb ihm doch noch ein gut Teil seiner gewalttätigen Natur. Es kam ihm selbstverständlich vor, daß er sich den Zutritt irgendwie erzwingen würde. Mit dieser Zuversicht betrat er die Musikschule. Im Vorraum sagte man ihm, daß längst alle Plätze verkauft seien. Als ob ihn diese Mitteilung nicht anginge, legte er das Eintrittsgeld auf den Tisch, zog aus seiner Tasche den Paß, der ihm in Afrika gute Dienste geleistet hatte, zeigte ihn und sagte: »Ich komme soeben aus Afrika, konnte deshalb die Karte nicht vorher bestellen. Ich werde mich bei Herrn Direktor Pfäffling selbst rechtfertigen.« Und während der Kassier sich besann, ob wohl der große Afrikaner vor andern ein Vorrecht habe, nahm schon die eifrige kleine Resi den Mantel in Empfang und der Fremde ging in den Saal. Benommen von den längst entwöhnten Eindrücken stand er nun da. Was er sah und hörte, war schön, und erst 162 allmählich wurde ihm klar, warum sich ein immer schwererer Druck auf ihn senkte, je deutlicher ihm diese Schönheit zum Bewußtsein kam. Wie konnte man aus solcher Umgebung heraus ein junges Menschenkind nehmen und in die große Einsamkeit versetzen, aus der er kam? Er sah zu dem Podium auf, nach dem Kranz der jungen Sängerinnen. Wie sollte freiwillig eines dieser vom Glück umgebenen Geschöpfe ihm folgen? Und nun spähte er mit dem scharfen Auge, das an weite Fernen gewöhnt war, nach den einzelnen Gestalten, ob er wohl die herausfinden würde, die ihn diese drei Jahre begleitet hatte? Er schaute vergeblich nach ihr aus. Viele waren verdeckt durch die vor ihnen Stehenden oder durch die Notenblätter, die sie in der Hand hielten. Aber als der Chorgesang verklungen war und eine kleine Pause entstand, bewegten sich die Sängerinnen freier, und wie um seinem Wunsch entgegenzukommen, löste sich eine einzelne junge Gestalt im weißen Kleide aus einer der Gruppen und ging allein über den schmalen, freien Raum, der die Sopran Singenden von den Altistinnen trennte. Er verfolgte sie mit gespannten Blicken; sie konnte es sein, das war ihre anmutige Figur, ihr blondes Haar. Aber noch war ihr Gesicht abgewandt. Jetzt traten zwei junge Mädchen ihr entgegen, sie wandte sich diesen zu und zugleich ihm, der nun das liebliche Gesicht mit dem so gewinnenden Ausdruck deutlich erkannte. Reifer war sie geworden, voller die Gestalt, aber sofort übte ihre Erscheinung wieder die alte Anziehungskraft auf ihn aus. In diesem Augenblick trat ein junger Mann, die Violine in der Hand, auf sie zu und sprach 163 sie an. War es einer ihrer Brüder? Nein. Obgleich er ihm den Rücken kehrte, wußte Arnold Scheffel doch, Wilhelm und Otto waren größer. Er erschrak. Wie vertraulich, mit welch herzlichem Ausdruck sprach das junge Mädchen mit diesem Violinspieler! Aber nun ging sie an ihren Platz zurück. Stille trat ein, der junge Mann trat allein vor und verbeugte sich etwas ungelenk vor dem Publikum. Er war also ein Künstler, aber, sagte sich Scheffel zum Trost, ein sehr junger. Und nun hörte er zwei Schüler, die neben ihm Stehplätze hatten, einander zuflüstern: »Das ist Frieder Pfäffling.«

Freilich, der war's, Ulrichs Freund; an ihn, der damals fast noch ein Knabe war, hatte er gar nicht gedacht! Der spielte nun, und zum ersten Male an diesem Abend wurde Arnold von seinen Gedanken abgelenkt und von der Musik gefangen genommen. Denn das Spiel ging ihm zu Herzen. Es war seelenvoll, tief empfunden und zwang die Zuhörer zu atemlosem Lauschen. Niemand konnte es gewaltiger packen als den jungen Mann, dessen Gefühle in dieser Stunde aufs höchste erregt waren. Er glaubte aus diesen Geigenstrichen nicht mehr den Bruder des geliebten Mädchens, sondern sie selbst zu hören; war es nicht eine verwandte Seele, die aus diesen reinen, seelenvollen Tönen sprach? Zwischen den anderen Mädchenköpfen sah er zu Zeiten den von Marie, die gespannt nach dem Bruder sah, und als das Stück zu Ende war und der Beifall verstummte, traten sie alle zusammen, die Pfäfflinge, unbekümmert um die Zuhörerschaft, die sich wohl an der Familienzusammenkunft ergötzen 164 mochte. Pfäffling, der Vater, mit lebhaften Gebärden, Wilhelm, der lange, schlanke, mit dem lachenden Gesicht, Otto, der hübsche Student, und Marie mit zwei jüngeren Mädchen, die Arnold halb erkannte, halb erriet als Ulrike und Else.

Als aber die Orchestermusik begann, verließ unser Afrikaner den Saal. Er hatte nicht mehr die nötige Ruhe zuzuhören, und überdies kam ihm der Gedanke, im oberen Stock dem Dienstmädchen seine Karte abzugeben und sich auf den nächsten Morgen zum Besuch in der Familie Pfäffling anzukündigen. Er wollte nicht ganz unangemeldet kommen.

So stieg er die Treppe zu der Direktorswohnung hinauf und klingelte. Frau Pfäffling wußte, daß Walburg das Klingeln nicht hören konnte. So legte sie ihren »Bismarck« beiseite und ging selbst zu öffnen. Sie erschrak ein wenig über den unvermuteten Anblick der großen Gestalt, die ihr im ersten Augenblick unbekannt erschien. Aber auch Scheffel war betroffen. An die Möglichkeit hatte er nicht gedacht, daß Frau Pfäffling ihm entgegentreten würde. Doch faßte er sich schnell und stellte sich vor: »Arnold Scheffel. Entschuldigen Sie den späten Besuch, ich wollte nur meine Karte abgeben und fragen, ob ich Sie morgen sprechen könnte.« Frau Pfäffling erkannte ihn wieder, und im Augenblick durchzuckte sie eine Ahnung davon, was dieser Besuch bedeute. Eine heiße Erregung machte, daß sie errötete, und die zarte Frau erinnerte dadurch an ihre Tochter. Das bewegte den jungen Mann. »Darf ich morgen kommen,« fragte er mit einer Bescheidenheit, die ihm früher fremd war, 165 »oder darf ich mich vielleicht noch heute abend aussprechen? Ich bin nur wegen dieses Besuches aus Afrika gekommen.«

»Wir sind jetzt ganz ungestört,« sagte Frau Pfäffling und ging dem Gast voran in das große Wohnzimmer, wo die Lampe brannte. Deutlich erinnerte sich der junge Mann dieses behaglichen Zimmers, der große Tisch stand noch an derselben Stelle, und er hätte den Platz bezeichnen können, an dem damals Marie gesessen war. Aber heute führte ihn Frau Pfäffling an den kleinen Seitentisch, auf dem ihr Buch noch aufgeschlagen lag. Sie setzten sich einander gegenüber und einen Augenblick herrschte eine peinliche Stille. Frau Pfäffling unterbrach sie zuerst. »Es ist selten so still um mich herum wie eben jetzt. Sie können mir ruhig erzählen, was Sie herführt.«

»Es hat mich die Hoffnung hergeführt, daß ich Ihre Tochter Marie doch für mich gewinnen könnte, weil ich glaube, daß ich jetzt frei bin von der Selbstüberschätzung, die mir vor drei Jahren diesen Wunsch vereitelt hat. Aber ich bin heute abend ganz kleinmütig geworden. Ich war in dem Konzert, fühlte erst wieder, welchen Zauber auf den Menschen das Leben in Kunst und Geselligkeit ausübt. Überdies sah ich Ihre Tochter umgeben von Geschwistern und Freundinnen, und es kommt mir nun selbst ein Unding vor, sie herauszureißen aus allem, was ihr lieb ist. Es geht ja gar nicht und ich wäre besser in Afrika geblieben.«

Er schwieg. »Vermissen Sie für sich selbst all diese Anregung nicht, die Ihnen jetzt wieder entgegentritt?« fragte Frau Pfäffling.

166 »Nie,« erwiderte Arnold Scheffel. »Für mich persönlich habe ich keinen Augenblick meine Übersiedelung bereut.«

»Erzählen Sie mir von drüben,« sagte Frau Pfäffling, und nach kleinem Zögern fügte sie hinzu, »und wenn Sie wollen, daß unser Zusammensein einen Zweck hat, dann erzählen Sie mir nicht nur von Land und Leuten, sondern von Ihnen, lassen Sie mich den kennen lernen, der meine Tochter so lieb hat.« Sie sah ihn an, als wollte sie in sein innerstes Herz blicken, und das gab ihm Hoffnung und Mut. Mit vollkommener Offenheit berichtete er ihr von allem Geschick und Mißgeschick, und nach und nach entstand vor ihr das Bild eines festen, willensstarken und reinen Mannes, eines Deutschen, der wohl eines edlen deutschen Mädchens wert war.

Aber mitten in diesem Gespräch stand Frau Pfäffling rasch auf. Sie hatte draußen leichte Schritte gehört und unten war die Musik verstummt. Es konnte eines der Kinder sein, sie hatten den Schlüssel. »Mutter!« rief eine Stimme. »Bleiben Sie,« bat Frau Pfäffling. »Es wird Marie sein, es ist nicht der richtige Augenblick für Sie, mit ihr zu sprechen.« Sie ging hinaus auf den Vorplatz, die Zimmertüre blieb angelehnt. »Mutter,« sagte Marie, »ich möchte nur nach dir sehen in deiner Einsamkeit und dir erzählen, daß alles gut geht, Frieder hat fein gespielt. Du siehst ganz angeregt aus, Mutter, unterhältst du dich so gut mit deinem Bismarck?«

»Ja, ja,« sagte lächelnd Frau Pfäffling und zog Marie, die nach dem Wohnzimmer strebte, in die 167 entgegengesetzte Richtung. »Gehe nur wieder hinunter, Kind, damit du dich nicht verspätest.«

»O, die Pause dauert lange. Hast du denn Tee getrunken, Mutter? Nicht? Du kannst doch nicht auf uns warten. Komm, laß mich dir schnell ein Täßchen Tee anbrühen und hereinbringen. Ich will dich gar nicht lange stören in dem Zusammensein mit deinem großen Mann.«

Frau Pfäffling wehrte ab. »Ich möchte lieber gar nicht gestört werden, liebes Kind, geh du nur hinunter, ich verspreche dir, daß ich mir von Walburg Tee machen lasse.«

»Nun, dann will ich gehen und sorgen, daß Frieder nicht heraufkommt, er hatte es vor, aber von allen Seiten beglückwünscht man ihn und er steht so verlegen da und wünscht sich weit weg. Jetzt hast du noch eine ganze Stunde Ruhe, Mütterlein, gib mir doch wenigstens einen Kuß, weil du mich so schnöde fortschickst.«

Frau Pfäffling kehrte in das Zimmer zurück, sie fand Arnold Scheffel in sichtlicher Erregung dicht an der Türe. »Wie gerne möchte ich das als ein gutes Zeichen deuten, daß Ihre Tochter hereingestrebt hat! Aber es war ja nur die Liebe zur Mutter und die rührende Fürsorge, die sie gedrängt hat. Wie hängt sie an Ihnen,« fuhr er ernst und bedenklich fort, »wie sollte sie sich loslösen können aus solcher Heimat! Sagen Sie mir doch, halten Sie es überhaupt für denkbar und können Sie ein gutes Wort für mich einlegen?«

Das Mutterherz wurde durch diese Frage tief bewegt. War es denn möglich? Konnte sie für ihn 168 eintreten?Sie blickte zu ihm auf, sah in die starken, männlichen Züge, in die Augen, die voll gespannter Erwartung fest auf sie gerichtet waren. Und plötzlich von gutem Vertrauen erfaßt, antwortete sie: »Ja.« Sie wollte noch etwas sagen, war aber zu sehr ergriffen und wiederholte nur noch einmal wie in festem Beschluß: »Ja.«

Das war ihm genug. Er reichte ihr die Hand und sagte: »Ich danke Ihnen.« Sie fühlten beide, daß alle weiteren Worte jetzt unnötig waren. »Ich will Sie nicht länger stören,« sagte er, und in warmem Ton mit einem guten Lächeln, das seinen starken Gesichtszügen einen eigenen Reiz verlieh, fügte er hinzu: »Lassen Sie sich jetzt eine Tasse Tee von Walburg bringen, Sie haben es Fräulein Marie versprochen und es wird Ihnen gut tun!«

Der Eindruck der fürsorgenden Worte, des freundlichen Blicks, der dabei aus seinen Augen geleuchtet hatte, blieb ihr, als Arnold Scheffel gegangen war, und beruhigte ihr banges, klopfendes Herz.

Eine Stunde später wurde es lebendig in der Wohnung; erfüllt von den Erlebnissen des Abends kam die ganze Familie zu der Mutter und von allen Seiten wurde berichtet. Über das Ganze waren sie hochbefriedigt, aber manche Einzelheiten hatten zu wünschen übrig gelassen und diesen musikalischen Menschen entging kein Ton, der nicht ganz rein, kein Einsetzen, das nicht genau im richtigen Augenblick erfolgt war. Nun kamen sie auf Frieders Spiel zu sprechen. »Das hättest du sehen sollen, Mutter,« sagte Wilhelm. »Als er fertig war, wurde gehörig geklatscht, und ich 169 sah ihm auf den ersten Blick an, daß ihm das zuwider war.«

»Aber natürlich,« sagte Frieder, »auf das Pianissimo hin, während noch der letzte Ton von Brahms verklang, dies unmelodische Klatschen, es war abscheulich!«

»Laß mich nur ausreden,« fiel Wilhelm ein. »Ich kenne doch meinen Frieder und dachte mir gleich, der vergißt in seiner Bestürzung über das Klatschen die übliche Verbeugung. Ich bitte dich, Mutter, wie sieht das aus, wenn die ganze Zuhörerschaft Beifall klatscht und so ein junger Mensch kehrt den Rücken und trollt sich, ohne zu danken! Richtig, Frieder will schon eine Wendung machen, zum Glück nach meiner Seite. Aber ich beuge mich vor und rufe ihm halblaut zu: ›Danken!‹ Da fährt er ganz erschrocken herum, wendet sich wieder den Leuten zu und verbeugt sich um so eifriger nach allen Seiten. Es war reizend zu sehen.«

»Vater,« sagte Frieder, »hoffentlich muß ich nicht noch einmal vorspielen.« Aber auf diese Äußerung folgten einstimmig mißbilligende Ausrufe von all den Familiengliedern, die ihn umgaben: »Nach solchem Erfolg!« »Was willst du denn sonst, du Musikant?« »Ein anderer wäre glückselig an deiner Stelle!« Da wußte er sich nicht mehr zu wehren und war froh, als über anderes geredet wurde. Aber es blieb eine Mißstimmung in ihm, dem jungen Künstler, den heute viele seiner Genossen beneidet hatten um sein Können und seinen Erfolg. Noch spät, als wieder Ruhe im Hause war und er zu Bett lag, quälte er sich mit Fragen und Vorwürfen. »Warum kann ich nicht glücklich 170 sein, wenn alle mich glücklich preisen? Was will ich denn mehr? Ich verstehe mich selbst nicht!« Und als tiefer Seufzer kam es über seine Lippen: »O du leidenschaftlich geliebte Musik, du meine Wonne und meine Qual, was willst du mit mir?« Er fand keine Antwort, aber es gab eine Aussicht, die auch jetzt in sein Dunkel hell hereinleuchtete: In Bälde durfte er nach Leipzig ziehen und dort sein Studium fortsetzen. Dort würde er Meister seiner Kunst treffen und die konnten auch ihm einen Weg weisen. Das war die Hoffnung, die ihm auch jetzt Ruhe und Schlummer brachte.


Frau Pfäffling hatte am Konzertabend niemand mitgeteilt, daß sie in ihrem stillen Zimmer ein Erlebnis gehabt, das länger als das Konzert nachklingen sollte im Leben der Familie. Sie gönnte allen die Nachtruhe nach dem bewegten Tag. Früh am nächsten Morgen wollte sie mit Marie sprechen und war überrascht, als diese ihr zuvorkam und sie beiseite zog.

»Mutter,« sagte sie, »Resi behauptet, Herr Scheffel, du weißt doch, der junge Afrikaner, sei hier. Wilhelm wird es natürlich gar nicht erwarten können, mit ihm über Afrika zu sprechen. Bitte, sage ihm doch, er solle ihn nicht auffordern, uns zu besuchen, oder wenn er von selbst kommt, ihn nicht ins Wohnzimmer 171 führen. Ich möchte ihn natürlich nicht sehen, aber Wilhelm wird nicht daran denken.«

»Wenn er aber nach uns, nicht nach Wilhelm fragt?«

»Dann wird er euch allein sprechen und ihr werdet ihn nicht zu Tisch einladen.«

»Und wenn er nach dir fragt?«

»Das tut er doch nicht? Oder meinst du, weil er so hochmütig ist und so geringschätzig gegen junge Mädchen, möchte er zeigen, daß ihm meine Antwort damals ganz einerlei war?«

»Nein, das meine ich nicht, Marie, ich meine etwas anderes. Es könnte doch sein, daß er nicht so hochmütig ist, wie es damals schien, und daß er nicht gering denkt von dir, sondern im Gegenteil die alte Neigung treu bewahrt hat und nun noch einmal persönlich fragen möchte, ob du ihn lieb hast.«

»O Mutter, dann lasse ihn nur gar nicht zu der Frage kommen. Vor drei Jahren hätte ich gleich ›Ja‹ gesagt, ich glaube, damals habe ich gedacht, alle Männer seien so wie der Vater und die Brüder, aber jetzt ist das anders. Ich habe auch von Hanna vieles gehört. Weißt du, Mutter, solchen Männern, die von den Frauen gering denken, kann ich gar nicht recht ins Gesicht sehen.«

»Ich verstehe dich, liebes Kind. Aber laß dir sagen: Gestern abend war Arnold Scheffel bei mir, denn er ist von Afrika zu dem einzigen Zweck gekommen, dich für sich zu gewinnen. Ich habe lange mit ihm gesprochen, und eines möchte ich bestimmt sagen: Du kannst ihm und er kann dir ruhig und offen ins Gesicht sehen.«

172 »O Mutter, ich wollte, er wäre nicht gekommen. Damals warst du gegen ihn und jetzt bist du für ihn, ich weiß gar nicht, was ich denken soll!«

»Kind, ob ich für oder gegen ihn bin, immer bin ich für dich, wir gehören ganz und gar zusammen und wollen beide nichts als dein Glück, du und ich.«

Marie umschlang plötzlich die Mutter mit stürmischer Liebe. »Das weiß ich, Mutter. Wir bleiben auch beisammen, wie könnte ich fort von dir bis nach Afrika!«

»Das könntest du nur, wenn du jemand noch lieber hättest als mich.«

»Und das ist nicht möglich!«

»Es muß doch möglich sein,« sagte Frau Pfäffling und zog die Tochter an sich. »Ich hing auch mit inniger Liebe an meiner Mutter und dann ist ein Wilhelm Pfäffling gekommen und ich bin mit ihm von Ostpreußen hierhergezogen, nur aus Liebe.«

Marie wurde nachdenklich. »Du und der Vater,« sagte sie, »ja, wenn man sich so lieb hat! Daneben an Herrn Scheffel zu denken, ist lächerlich!«

»Lächerlich nicht, das jedenfalls nicht,« entgegnete die Mutter bestimmt. »Denke nicht immer an den übermütigen, verwöhnten jungen Mann von vor drei Jahren. Er ist ein ernster, durch harte Arbeit und schwere Erfahrungen gereifter Mann geworden. Er wird es männlich tragen, wenn er deine Liebe nicht gewinnen kann, trotzdem er dir so lange treu geblieben ist, aber er darf doch erwarten, daß du ihm antwortest und nicht dem unfertigen Jüngling von damals.«

173 »Ja, dann muß ich ihn wohl sprechen. Wann kommt er, wie war das gestern?«

Frau Pfäffling erzählte der Tochter von den Gesprächen des gestrigen Abends und wie nahe sie Scheffel schon gewesen. Dann schloß sie: »Er wird heute vormittag kommen, zunächst zum Vater.«

»Bleibt er lange hier?«

»Nein, so kurz wie möglich. Seine ganze Wirtschaft steht auf dem Spiel. Er hat nur Arbeiter und einen treuen, deutschen Farmer in der Nähe, der versprochen hat, manchmal nach seiner Farm zu sehen.«

»Der wird es doch ordentlich besorgen, Mutter?« sagte Marie ängstlich und verlor sich in Gedanken.

Frau Pfäffling ging ihrer Arbeit nach in stillem Selbstgespräch. »Sie sorgt sich einstweilen für seine Farm,« sagte sie sich, »so weit konnte ich dem Freier helfen, das andere muß er selbst zustande bringen.«

In derselben Morgenstunde war der junge Scheffel zu seiner Tante gekommen, um sie und Ulrike zu begrüßen. Seine plötzliche Ankunft in Marstadt, die er durch Geschäfte begründete, überraschte Fräulein Scheffel, und der unerwartete Gast, der große Mann in ihrer kleinen Haushaltung, brachte sie in sichtliche Aufregung. Dagegen half auch nicht, daß er versicherte, er sei im Gasthof abgestiegen und werde dort essen, sie lief dennoch geschäftig in die Küche. Nach kurzer Zeit folgte Ulrike, um ihr die Arbeit abzunehmen, aber die Tante ließ es nicht zu. »Es ist mir viel lieber, du sorgst für Unterhaltung,« sagte sie leise, »ich habe früher einmal eine unangenehme Sache mit ihm 174 gehabt und möchte nicht allein mit ihm sein, sonst kommt die Rede darauf.« So kehrte Ulrike in das Zimmer zurück. Sie tat es gerne, denn sie hatte außer diesem Vetter keine Verwandten im Land, auch ihr Bruder war nun auswärts in einem Geschäft und es freute sie, daß sich jemand nach ihm und nach ihrem Vater in Indien erkundigte und von der Mutter redete, die vor zwei Jahren gestorben war. So sprachen die beiden über gemeinsame Verwandte, empfanden eine Art Zusammengehörigkeit und verstanden sich gut. Er sah sich Ulrike aufmerksam an und fand, daß sie ein anziehendes, junges Mädchen geworden war. Hübsch erschien sie ihm nicht, denn die Züge ihres Gesichtes waren stark ausgeprägt, der Ausdruck ernst, die Gestalt schmal. Auf einem andern Gebiet lag das, was diese junge Persönlichkeit anziehend machte. Etwas Festes, Gehaltenes trat in ihrem Wesen zutage, eine gerade, kernige Ausdrucksweise gab ihrer Rede etwas Eigenartiges; selbstgedacht und wahr empfunden schien alles zu sein, was sie sagte, nichts Nachgesagtes, Gedankenloses. Sie mochte wohl auch verschwiegen sein und vieles innerlich allein durchkämpfen, das schienen die fest geschlossenen Lippen anzudeuten.

Arnold Scheffel dachte, daß sie wohl innerlich ebenso wie äußerlich über ihre Tante hinausgewachsen sei. »Bist du immer gern hier,« fragte er sie, »und wirst du bei der Tante bleiben?«

»Ein Jahr bleibe ich noch hier und besuche die Handarbeitsschule. Seit ich ein Ende absehe, bleibe ich gerne noch so lange. Vorher war mir's schrecklich, 175 das darf ich dir wohl sagen, du kennst ja die Tante. Sie ist gut, sie würde geduldig Lämmer hüten und Hühnchen aufziehen, aber Menschen bilden kann sie nicht.«

»Es ist ihr doch nicht schlecht gelungen bei dir und deinem Bruder.«

»Ulrich ist liebenswürdig, aber er sagt zu allem ›ja‹, ich habe immer Angst um ihn. Und ich – ich verdanke alles, was in mir geworden ist, Pfäfflings.«

»Bist du noch immer so viel bei ihnen?«

»Ja, täglich. Drüben ist meine Heimat, meine innere. Drüben wurde auch über meine Zukunft entschieden, nach Frau Pfäfflings Rat habe ich meinen Lebensplan entworfen. Die Tante kennt nur den einen Gesichtspunkt: ›Wo ist man am besten versorgt?‹ Darum konnte ich mich nicht mit ihr verständigen. Frau Pfäfflings Standpunkt ist, der Mensch soll nach dem Beruf trachten, bei dem er sich am besten entwickelt und innerlich vorwärts kommt.«

»Ja, es ist ein höherer Zug in der Familie,« sagte Arnold nachdenklich. »Und was ist nun dein Lebensplan?«

»Mein Endziel ist, an solch mutterlosen Kindern, wie wir waren, Mutterstelle zu vertreten. Wie und wo, das wird sich dann schon finden. Zunächst will ich einige Jahre Haushaltung und Krankenpflege lernen.«

»Du wirst nicht reich werden bei diesem Beruf, aber ich kann mir vorstellen, daß du glücklich dabei wirst.«

»Ich bin es schon durch den Plan geworden, erst 176 seitdem freut mich mein Leben, vorher kam es mir so zwecklos vor.«

»Du siehst klar in die Welt, Ulrike. Ich wünsche dir Glück zu deinem Vorhaben.«

Sie schwiegen eine Weile, ein jedes hing seinen Gedanken nach. Dann nahm er das Gespräch wieder auf. »Ulrike, wir sind so nahe Verwandte und wollen einander vertrauen. Laß dir sagen: So wie über deine Lebensfrage bei Pfäfflings beschlossen wurde, soll sich auch meine in diesen Tagen dort entscheiden. Meine sogenannten ›Geschäfte‹ beziehen sich lediglich auf Marie Pfäffling. Errätst du? Weißt du von dem, was früher zwischen uns war?«

»Ja,« erwiderte Ulrike. Ihr Gesicht wurde plötzlich sehr ernst. Sie schwieg.

»Nun, hoffnungsvoll scheinst du die Sache nicht anzusehen, was denkst du?«

»Wenn ich dich früher so gekannt hätte, wie du jetzt bist, hätte ich zu deinem Besten reden können.«

»Du hast wohl ungünstig über mich geurteilt?«

»Damals ja. Ich gönnte dir Marie nicht, das sprach ich drüben aus. Ich konnte nicht anders, Arnold, weil ich dachte, Marie würde unglücklich mit dir. Du warst so herrisch gegen uns. Aber ich war ein halbes Kind, sie haben vielleicht nicht auf mein Urteil geachtet oder es längst vergessen, und doch tut es mir leid. Wann gehst du zu Pfäfflings?«

»Zwischen elf und zwölf Uhr. Früher wird es nicht passend sein.«

»Laß mich drüben anfragen, wann du kommen kannst. Dann finde ich Gelegenheit mit Frau 177 Pfäffling ein Wort zu reden und kann zurücknehmen, was ich früher gesagt habe und was jetzt nicht mehr wahr ist.«

»Gut, Ulrike, tue das, mir ist eine Bundesgenossin von Nöten. Überdies brennt mir der Boden unter den Füßen, denn bei meiner Ankunft hier fand ich ein Telegramm vor mit schlechten Berichten. Es geht noch schlimmer zu auf meiner Farm als ich fürchtete. Es war eine Tollkühnheit, sie zu verlassen. Ich muß mit dem nächsten Schiff wieder abreisen.«

Es war zehn Uhr, als Ulrike Frau Pfäffling aufsuchte und sie im Auftrag ihres Vetters fragte, wann dieser kommen könne. »Mein Mann ist von zehn bis elf frei und wird Herrn Scheffel in seinem Zimmer erwarten. Magst du ihm das sagen?«

Ulrike zögerte einen Augenblick. Sie wurde sich bewußt, daß sie zarte Dinge berühren wollte. »Hast du noch etwas auszurichten?« fragte Frau Pfäffling.

»Nein, aber ich muß etwas zurücknehmen, was ich früher gesagt habe. Vielleicht wissen Sie es längst nicht mehr, aber es quält mich, weil es jetzt nicht mehr wahr ist.«

»Sprich nur offen, Ulrike,« sagte Frau Pfäffling und sah dem jungen Mädchen, das so ernst vor ihr stand, freundlich in die tiefen, klaren Augen.

»Ich sagte einmal, daß ich Marie meinem Vetter nicht gönnen würde, aber er hat jetzt nichts mehr von dem hochfahrenden Wesen, das mich früher reizte. Jetzt wollte ich, sie könnte ›ja‹ sagen.« Rasch, ohne eine Gegenrede abzuwarten, eilte sie davon.

Arnold Scheffel fühlte die Verpflichtung, dem 178 Vater des geliebten Mädchens, noch ehe er um dieses warb, Einblick in seine wirtschaftliche Lage zu geben. Er hatte zu diesem Zweck die nötigen Papiere mitgebracht, Zeugnisse der Behörden, Darstellungen der Vermögensverhältnisse, Mitteilungen über die gesundheitlichen Verhältnisse der Gegend, in der er seine Farm erbaut hatte. Aber der Direktor wollte von alledem nichts sehen und hören.

»Was hilft das alles und wenn es noch so glänzend wäre!« rief er von seinem Stuhl aufspringend. »Zu einem solchen Abschied aus dem Elternhaus entschließt sich doch nur ein Mädchen, das daheim unglücklich ist und um jeden Preis heiraten möchte, oder das eine tiefe Liebe hat, die ihr über alles andere hinweghilft. Beides ist nicht der Fall bei meiner Tochter, das wußten Sie ja. Ich bin ganz außer mir, daß Sie die Torheit begangen haben, hierher zu reisen! Sie können ja unberechenbaren Schaden davon haben! Hätten Sie wenigstens schriftlich noch einmal angefragt!«

»Das hätte nichts genützt.«

»Das hätte keine solche Unsummen gekostet,« fuhr der Direktor fort, »ich kann Ihnen sagen, uns ist nichts schrecklicher als andern Menschen zu schaden, und in diese Lage haben Sie uns gebracht, denn es wird Ihr heller Schaden sein. Ich kann doch nicht meinem Kind zureden: ›Nimm den Mann, weil er sich's so viel hat kosten lassen‹?«

»Nein, gewiß sollen Sie das nicht sagen!«

»Aber was denn? Sagen Sie selbst, warum sollte sie denn mit Ihnen gehen, da doch bei ihr keine Liebe ist?« Er hielt inne in seinem Lauf und blieb vor 179 Scheffel stehen. Dieser war blaß geworden. Daß der Vater, der sein Kind kannte, die Sache für hoffnungslos hielt, beunruhigte ihn. Gestern abend im Konzert war er ja selbst dieser Ansicht gewesen. Dann hatte aber das Gespräch mit der Mutter ihn ermutigt. Von dieser hatte er doch ein Jawort erhalten, ein ›Ja‹ auf die Frage, ob sie es für möglich halte. Und auf der langen Reise, hatte er da nicht alle Zweifel immer wieder mit dem Gefühl besiegt, daß er eine Liebe mit sich bringe, die stark genug sein würde, Gegenliebe zu erwecken? Ja, dies allein war seine Macht, seine Hoffnung. Nur kam es ihm schwer vor, das dem Vater gegenüber auszusprechen, er fühlte auch, wenn ihm der Direktor in seiner Erregung darauf eine geringschätzige Antwort geben würde, so könnte er diese nicht ruhig hinnehmen. Rasch ging ihm dies alles durch den Sinn.

Aber während er sich besann, wie er die Angelegenheit weiter führen sollte, hatte sich Herr Pfäfflings erste Erregung gelegt und er sagte in ruhigerem Ton: »Entschuldigen Sie meine Heftigkeit, sie kommt ja nur von dem mir unerträglichen Gedanken, daß Sie eine Enttäuschung erleben sollen. Ich habe eine große Hochachtung vor treuer Liebe, und meine Frau hat mir von der Ihrigen gesprochen.«

Darauf hin faßte der junge Mann wieder Mut. »Solche Liebe auch bei Ihrer Tochter zu erwecken, ist meine einzige Hoffnung,« sagte er. »Darf ich sie sprechen, allein mit ihr sein?«

»Ja, gewiß, kommen Sie mit mir,« erwiderte Herr Pfäffling, indem er den Gast aus seinem Zimmer geleitete, »und ich wünsche Ihnen Glück, ja wahrhaftig, 180 von Herzen, trotzdem sich's um den dunklen Erdteil handelt.«

»Er ist nicht mehr so dunkel und soll immer heller werden,« entgegnete Scheffel.

Der Direktor führte den jungen Mann in ein kleines, für Besuche eingerichtetes Zimmer, in dem Frau Pfäffling mit Marie saß. Eine kurze Begrüßung, und die Eltern verließen das Zimmer.

Marie begriff, daß es so sein mußte, aber doch sah sie den Eltern nach, wie wenn sie nicht glauben könnte, daß sie wirklich gingen und sie allein ließen mit dem Manne, der nun lauter Dinge sagen würde, vor denen sie bangte. Aber Arnold Scheffel bemerkte den ängstlichen Blick und er hatte nicht umsonst auf hohem Meer wochenlang diese Stunde kommen sehen. Er wollte nicht, daß sie peinlich sei für das junge Mädchen, und er hatte sich wohl ausgedacht, wie er ihr darüber weghelfen konnte. An dem Punkt wollte er anknüpfen, in dem allein sie sich schon einmal verstanden hatten.

»Erinnern Sie sich noch, Fräulein Marie,« sagte er, sich ihr gegenüber an den kleinen Tisch setzend, »was ich Ihnen vor drei Jahren über den Mann erzählte, der mir zu der Farm verhalf? Ich habe gedacht, Sie würden vielleicht gerne hören, was er seitdem noch Gutes getan hat und habe einiges darüber aufgeschrieben.« Er nahm seine Brieftasche. Marie atmete auf. Freilich verlangte sie das zu hören, in diesem Augenblick sogar glühend, ihrem Ton war die Erleichterung anzuhören, die sie empfand, denn sie war keine von den gewandten Damen, die unter gleichmäßigem 181 Lächeln alles zu verbergen verstehen. Dankbar rückte sie ihren Stuhl näher an den Tisch. Arnold Scheffel wurde es warm ums Herz, sah doch das Mädchen schon anders aus als bei seinem Eintritt. Er fing an, ihr zu erzählen von den verschiedenen gemeinnützigen Unternehmungen des reichen Mannes, und daß der Vereinsamte manche Freude dadurch erlebte. »Auch ich hätte ihm gerne einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit geschickt,« fuhr Arnold fort und nahm aus seiner Brieftasche einige Photographien. »Sehen Sie, diese Aufnahmen meiner Farm und ihrer Umgebung habe ich für ihn gemacht und will sie ihm durch seinen Geschäftsfreund zuschicken lassen.« Er zeigte die Bilder und erzählte, wie er das Haus mit unsäglicher Mühe ohne geschulte Arbeiter hatte bauen müssen, zeigte den Brunnen, dies kostbarste Gut in der wasserarmen Gegend, den kleinen Garten mit heimischem Gemüse und Blumen, den mit Dornen umhegten Viehkral, in dem die Rinder grasten. Er sprach mit Wärme davon, wie das alles so allmählich geworden war, nach manchem Mißerfolg, und sie verstand ihn, als er sagte, daß er sich für alle Mühe entschädigt fühle, wenn er auf dies Stück Erde blicke, das eine Wildnis gewesen und jetzt nutzbar gemacht sei.

Alle diese Dinge waren Marie nicht fremd. »Mutter besitzt die Bücher von Frau von Falkenhausen und von Frau von Eckenbrecher, die ihr Leben in Afrika so ergreifend schildern,« sagte sie, »und hat uns daraus vorgelesen.«

Auch er kannte die Schriften und ergänzte sie durch manche Mitteilungen. Dann sprach er von den 182 Versuchen und Verbesserungen, die er im Laufe der Jahre unternehmen wolle, wie das immer neuen Reiz habe, und was es für ein Hochgefühl sei, so weit man sehe, eigenen Grund und Boden, mühsam erworbenen Besitz, vor sich zu haben. Mit wachsendem Verständnis hatte Marie zugehört und immer größer wurde ihre Achtung vor dem Streben dieses Mannes und ihre Teilnahme an seinem Ergehen.

»Das müssen Sie Wilhelm einmal erzählen,« sagte sie lebhaft, »und ihm die Bilder zeigen, er wird voll Begeisterung sein!« Ihre eigenen Augen leuchteten dabei und dieses Leuchten war für Scheffel wichtiger als Wilhelms Begeisterung. Aber diesen Augen gegenüber noch länger ruhig und sachlich weiter zu erzählen, vermochte er nicht, und doch fürchtete er, alles zu verderben, wenn er jetzt schon die entscheidende Frage vorbrachte, so tat er sich Gewalt an, nahm die Bilder zusammen und stand auf. »Ich denke, es ist bald Mittagszeit,« sagte er, »ich werde wohl gehen müssen. Darf ich bald wiederkommen?«

Marie war betroffen. Sie wußte doch, daß er nicht aus Afrika hergereist war, um ihr Bilder zu zeigen, ja, sie hatte längst gefühlt, daß nur die Rücksicht auf sie ihm diese Zurückhaltung auferlegte. Sie wollte aber kein feiges Mädchen sein, tapfer wollte sie sich zeigen.

»Wenn Sie noch ein wenig Zeit haben,« sagte sie, »so möchte ich Sie etwas fragen.« Es klang nicht tapfer, sondern schüchtern, und er merkte, wie sie sich die Worte abringen mußte. Er kam ihr zu Hilfe. »Ja, Fräulein Marie, sprechen Sie jetzt. Ich glaube, Sie 183 haben allerlei gegen mich und ich möchte mich gerne rechtfertigen. Greifen Sie mich wacker an, damit ich mich verteidigen kann!« Er hatte etwas so Offenes, Freundliches, als er dies sprach, daß er Vertrauen erwecken mußte. Als Marie noch einen Augenblick zögerte, fuhr er fort: »Wollen Sie mich über das zur Rede stellen, was Tante Scheffel Ihnen einst von mir erzählt hat?«

»O nein,« wehrte Marie rasch ab, »davon wollen wir nicht reden.« Und unwillkürlich an ihrer Mutter Worte erinnernd, fügte sie hinzu: »Wie Sie vor drei Jahren gedacht haben, denken Sie jetzt vielleicht nicht mehr. Aber etwas anderes möchte ich fragen.« Sie zögerte und konnte nicht verhindern, daß sie, die mutig hatte sein wollen, tief errötete. »Ich verstehe es gar nicht,« fuhr sie fort, »wenn ein ernster Mann ein Mädchen zur Frau haben will, das er nur etwa eine Stunde gesehen hat, wie Sie mich damals. Ich habe vielleicht drei Sätze gesprochen, das war alles. So wissen Sie doch gar nicht, wie ich bin!«

Arnold Scheffel fühlte eine unbändige Freude darüber, daß sie so auf den Kern der Sache losging und war nicht gleich zu einer vernünftigen Beantwortung der Frage fähig. »O doch, ich weiß ganz gut, wie Sie sind!« rief er.

Aber damit gab sie sich nicht zufrieden. »Nein, das kann ja gar nicht sein. Zuerst sieht man doch nur das Äußere, und wenn ein Mann sich dadurch bestimmen läßt, hätte ich immer Angst, später, wenn man anders aussieht, reut es ihn. Oder auch: wenn er dich näher kennen lernt, gefällt ihm dein Wesen nicht oder es 184 paßt nicht zu dem seinigen. Ich habe immer gedacht,« setzte sie etwas zaghaft hinzu, »nur ganz oberflächliche Menschen machen es so.«

Nun nahm er die Frage ernst.

»Ja,« sagte er, »es ist wahr, bei andern würde ich vielleicht auch so urteilen. Aber ich weiß doch, daß es bei mir kein oberflächliches Gefühl war, sonst hätte es mich nicht drei Jahre hindurch begleitet, es hat mir keine Ruhe gelassen und hat mich jetzt zu dem Wagnis gedrängt, meine Farm zu verlassen. Wie soll ich das erklären?

»Als ich vor drei Jahren kam, hat mir gleich das Zusammentreffen an der Bahn, wo Ihr Vater und Ihr Bruder Wilhelm den Ältesten abholten, einen Eindruck gemacht. Die fröhliche Harmonie zwischen Ihrem Vater und seinen erwachsenen Söhnen fiel mir auf, war mir etwas ganz Ungewohntes. Und als ich dann bei Tante Scheffel wohnte und Ulrich und Ulrike von der Begegnung erzählte, da sagte Ulrike – ich sehe heute noch ihre ernsten Augen auf mich gerichtet – ›ja, Pfäfflings! Wenn wir die nicht hätten, könnte nichts aus uns werden.‹ Dann kam ich in Ihren Familienkreis. Sie sind darin aufgewachsen, Fräulein Marie, und können deshalb kaum verstehen, wie anziehend ein solcher einem jungen Mann ist, der nie ein schönes Familienleben kennen gelernt hat. Bei mir zu Hause ging der Vater seine Wege, die Mutter die ihrigen. Jetzt leben sie beide nicht mehr. Ich war aber damals erfüllt von dem Plan, deutsches Leben nach Afrika zu verpflanzen, und hatte von dem Ideal der deutschen Familie viel in Kolonialversammlungen 185 reden hören, aber es war nur ein allgemeiner Begriff gewesen, bis ich in das Haus Pfäffling kam. Jetzt sah ich das Erstrebte vor mir. Ich fühlte die Kraft und den Halt, das Glück und den Einfluß eines solchen Familienlebens, und die Sehnsucht danach erwachte in mir. Und ich sah die feinste Blüte, die dieser gesunde Boden hervorgebracht hatte, die Tochter des Hauses. Freilich hat sie sich mir nur von ferne gezeigt, nur flüchtig zugeneigt, aber doch genug, um mein Verlangen danach zu wecken. So können Sie vielleicht verstehen, daß ich Sie näher kannte, als man glauben sollte, weil ich Sie im Zusammenhang mit den Ihrigen sah, mit dem Boden, in dem Sie wurzelten, mit der Luft, die Sie umgab, und so auch die tieferen Seiten Ihres Wesens ahnend erraten konnte. Das ist mehr als unzählige Begegnungen in Gesellschaft oder im Ballsaal, glauben Sie nicht?«

»Ja,« entgegnete Marie und sie fügte hinzu: »Ich konnte Sie nicht so kennen lernen.«

»Nein, das weiß ich wohl. Ich wollte, Sie könnten mich drüben sehen, dann würden Sie leichter Vertrauen fassen. Es war vielleicht gut, daß es vor drei Jahren nicht nach meinem Willen ging, ich war damals noch so ganz von mir selbst eingenommen und griff nach allem mit rauhen Händen. Jetzt verstünde ich besser, Feines zart anzufassen. Ich bin freilich ein so vierschrötiger Mensch, daß man mir das schwer glauben wird.«

Da sah Marie vertrauensvoll zu ihm auf und sagte: »Ich glaube es Ihnen doch.«

Damit hatte sich ihm die Blüte zugeneigt. Seine 186 mühsam bewahrte Ruhe war dahin, in mächtig aufwallender Freude wußte er sie ganz an sich zu ziehen.

Es war Mittagszeit und die Familie Pfäffling vollzählig versammelt, nur Marie fehlte noch. Da ging die Türe auf, und ein strahlendes Paar trat ein, Seite an Seite, Hand in Hand, mit dem gleichen glücklichen Blick.

»Dürfen wir uns als Brautpaar vorstellen?« fragte Arnold, Marie zu den Eltern führend.

»Vorstellung überflüssig,« rief Wilhelm, »willkommen, Schwager!« Er hatte recht, Worte waren nicht nötig, um dieses lebende Bild zu verstehen. Wilhelms fröhliche Begrüßung half den Eltern über den Augenblick tiefer Bewegung hinweg, und seine freudige Auffassung teilte sich wie ein elektrischer Funke den Geschwistern mit, Else vor allem mußte die Schwester so stürmisch umarmen, daß Arnold die Braut ganz und gar abgeben mußte. Otto beglückwünschte das Paar in aller Form, Frieder folgte dem Beispiel, nicht in so schönen Worten, aber um so herzlicher. Entgegen ihrer sonstigen Natur war es diesmal von beiden Eltern der Vater, der sorglicher und zurückhaltender dem Ereignis gegenüberstand. Er empfand es als eine harte Zumutung, daß er diese seine liebliche Tochter, an der er sich täglich freute, nun fröhlichen Herzens hergeben solle, und zwar einem Manne, von dem er gestern noch überzeugt war, daß er Maries Liebe nicht besäße. Aber es währte nicht lange, so wurden auch seine Bedenken überwunden; denn es ging eine sieghafte Freude von dem jungen Manne aus, der endlich 187 ausgetilgt sah, was er einst selbst verschuldet hatte, und von dem Mädchen, das mit beglückendem Stolz empfand, wie teuer sie ihm war.

Solch strahlendem Liebesglück lange zu widerstehen, lag nicht in des Direktors Natur, und bald schlug auch er einen herzlichen Ton an gegenüber dem neu gewonnenen Sohn, und in ungeteilter Fröhlichkeit saß die ganze Familie am ersten gemeinsamen Mittagessen.

Als Resi, schmuck und nett, die Suppenschüssel aufgetragen hatte, frug Arnold seine Braut: »Ist das die Walburg, die gestern abend für die Mutter Tee machen sollte?«

»Nein, nein. Walburg ist die große, stattliche Person, die schon viele Jahre bei uns ist. Sie ist fast taub, aber goldtreu, ihr muß ich dich vorstellen.« Resi war eigentlich schon aus dem Zimmer gewesen bei diesen Worten, aber sie wußte es in solchen Fällen wohl einzurichten, daß sie auch vor der Türe noch einiges vernahm, sie sorgte für Ausgleich, weil Walburg gar zu wenig hörte. Resi tat das ja nur zum allgemeinen Besten, so konnte sie jetzt die Botschaft in die Küche bringen. Man mußte sich doch vorbereiten auf solchen Besuch! Rasch ergriff sie die kleine Tafel, deren man sich bediente, wenn es galt, Walburg etwas zu erklären. Es stand noch die Mitteilung der Verlobung darauf, die Frau Pfäffling vor Tisch der treuen Dienerin gemacht hatte. Resi löschte sie aus und schrieb: »Fräulein Marie bringt ihren Herrn Bräutigam in die Küche!«

Walburg nickte und verfiel in tiefes Sinnen. Sie 188 begriff nicht, daß die Eltern es über sich brachten, ihre schöne, blonde Fräulein Marie zu den Schwarzen, zu den Wilden ziehen zu lassen! Die hätte doch ein besseres Los verdient!

Inzwischen fuhr Resi eifrig umher, stellte das Geschirr zusammen, verwischte die Spuren des Kochens, so daß alles sauber aussah, als das Brautpaar hereinkam. Aber dann folgte sie einem gestrengen Blick Walburgs, der sie hinausgehen hieß.

Marie trat mit Arnold dicht an Walburg heran und rief ihr ins Ohr: »Mein Bräutigam.« Dieser sah erstaunt auf die Gestalt, die fast seine Größe hatte und ihn mit solch ernstem, prüfendem Blick ansah, daß er nicht mehr wußte, hatte er eine Dienerin vor sich oder ein Familienglied, das seinen Segen geben oder verweigern konnte. Etwas von seiner früheren Art regte sich in ihm, so daß er schon geneigt war, mit seiner Braut Kehrt zu machen, als Walburg in der eintönigen Weise der Tauben sagte: »Für uns ist das halt schwer,« und die Tränen traten der treuen Person in die Augen. Arnold zog unwillkürlich seine Braut an sich und sagte zu ihr: »Walburg hat ganz recht.«

Aber Marie schüttelte lebhaft den Kopf, nahm das Täfelchen und schrieb: »Du mußt uns Glück wünschen und dich mit mir freuen!« Walburg las es. »In Gottes Namen,« sagte sie feierlich, »ich wünsche Ihnen ja Glück zu Ihrem schweren Unternehmen,« und die großen, arbeitsharten Hände faltend, setzte sie hinzu: »Da heißt es eben beten: Soll's uns hart ergehn, laß uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen 189 niemals über Lasten klagen, denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.«

Eigentümlich ergriffen verließen die beiden die Küche und gingen miteinander in das kleine Zimmer, in dem sie sich an diesem Morgen zusammengefunden hatten. Arnold trat sinnend und schweigend an das Fenster. Marie blickte ihn fragend an. Was mochte ihn beschäftigen? Wie wenig kannte sie ihn doch noch! Sie stand dicht neben ihm, er schien aber nicht an sie zu denken. Doch das währte nicht lange, dann fühlte sie sich von seinem Arm umfaßt: »Das ist ein gutes Wort für uns: ›Laß uns feste stehn.‹ Komm, schreibe es mir in mein Buch und ich schreibe es dir, das soll uns binden, bis wir vereinigt sind.« Nun saßen sie wieder an dem kleinen Tisch, schrieben und tauschten die Blätter. Er sah ihre Handschrift zum erstenmal. »Ich habe gar keine richtige feste Schrift,« sagte Marie.

»Die wird schon fest werden, wenn du erst mein Kampfgenosse bist in Afrika.«

Noch einmal waren der Direktor und sein Schwiegersohn an diesem Tage beisammen, wieder lagen die Papiere ausgebreitet, diesmal wurden sie nicht zurückgeschoben. Wahrhaftig, es war keine Kleinigkeit, die Tochter in solche Verhältnisse zu geben, der Vater durfte sich wohl darum bekümmern. Aber der junge Mann hatte gut gesorgt, ehe er den Weg eingeschlagen hatte, der ihn auf gesicherten Bahnen brachte, seine Hinterbliebenen sollten einmal nicht mittellos dastehen.

»Mit der Einrichtung beschränken wir uns auf das 190 Nötigste,« meinte Arnold, »und schaffen uns erst allmählich aus eigenem Erwerb ein Stück nach dem andern an. Was irgend zu erübrigen ist von Maries großmütterlichem Erbteil, lassen wir in Deutschland zurück in euren Händen, das kann uns in schlechten Zeiten eine große Beruhigung sein.«

Bald kam Frau Pfäffling mit Marie in das Zimmer, das ältere und das junge Paar saßen sich gegenüber in traulichem Gespräch. Die Jungen glaubten heute den Höhepunkt des Liebesglücks erreicht zu haben. Sie wären verwundert gewesen, hätten sie der Eltern Gedanken erraten; ihnen erschien das Glück der Kinder zunächst nur als eine Hoffnung auf das, was sich bei ihnen schön und tief beglückend erfüllt hatte. Ihr stilles Wünschen hieß: Möchten sie so glücklich werden, wie wir sind! Doch diese Empfindungen blieben unausgesprochen, praktische Fragen drängten sich in den Vordergrund, vor allem die eine, brennende: wann und wo konnte die Vereinigung stattfinden?

»Ist nicht eine Ausbildung als Farmerin nötig?« fragte Frau Pfäffling, sich Arnolds Vorschlages von früher erinnernd. Er dachte jetzt anders darüber.

»Ich bin so lange Farmer und Farmerin zugleich gewesen, daß ich wohl das Nötige selbst verstehe. Auch kann sich Marie Rat holen bei den nicht allzuweit entfernten Farmersleuten. Bei diesen könnte auch die Hochzeit sein.«

Auf diese letzte Bemerkung folgte große Stille. Was sich Vater, Mutter und Tochter schon selbst gesagt hatten – daß die Hochzeit nicht im Familienkreis, 191 sondern drüben im fremden Lande sein würde – kam nun zur Aussprache und tat allen dreien gleich weh. Unwillkürlich rückte Marie den Eltern näher. machte ihre Hand frei, die Arnold gefaßt hielt, und griff nach der der Mutter. Der junge Mann wurde sich der Stimmung bewußt, die er wachgerufen hatte. »Es gibt keinen andern Weg,« sagte er bedrückt. »Ich kam ja hierher in der verwegenen Hoffnung, einige Wochen bleiben und dann Marie gleich als Frau mitnehmen zu können, aber nach den eingelaufenen Nachrichten ist daran nicht mehr zu denken, ich muß so schnell wie möglich zurück. Auf der Farm ist viel veruntreut und gestohlen worden, das Vieh vernachlässigt und wer weiß, was in den nächsten Wochen noch geschieht. In solche Zustände möchte ich meine junge Frau nicht einführen, es wird Monate dauern, bis der Schaden wieder ausgeglichen ist.«

»Das hast du mir noch gar nicht erzählt,« sagte Marie teilnahmsvoll, und ihre Hand kam wieder dahin, wo sie vorher gewesen war.

»Du sollst als Braut meine Sorgen noch nicht teilen, du wirst als Frau viele zu tragen haben. Aber um das Eine möchte ich euch bitten: Trefft die Vorbereitungen, und wenn bei mir alles wieder in gutem Stand ist, dann zögert nicht länger, ich bin nun drei Jahre allein gewesen, viel länger halte ich es nicht aus, jetzt schon gar nicht mehr,« schloß er, seine Braut verlangend ansehend. Marie drückte seine Hand und sagte: »Du sollst auch nicht lange warten, ich mache mich bereit.«

Im Wohnzimmer, dicht beisammen in lebhafter 192 Unterhaltung, standen indessen Maries Geschwister, alle vier erregt durch das Ereignis des Tages. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit war wieder einmal das stärkste unter den Pfäfflingskindern. Sie hatten soeben miteinander beredet: Wenn Marie in Afrika war, dann wollte Wilhelm sich einrichten, auch dorthin zu kommen, er konnte ja als Geologe oder Mineraloge wohl dort Arbeit finden. Es stand ihnen fest, daß man die Schwester nicht verlassen durfte.

Eine Woche beglückenden Beisammenseins war dem Brautpaar beschieden, Tage, in denen von allen Seiten Glückwünsche einliefen und die Zimmer kaum all die Myrten und anderen Blumen fassen konnten, die der Direktorstochter die Teilnahme an ihrer Verlobung aussprechen sollten. Kaum zu zählen waren die Briefe und Kärtchen, in denen die Tapferkeit der künftigen Farmerin gerühmt wurde. Wie in einem Taumel des Glücks verflogen diese Tage, dann kam die Trennung auf unbestimmte Zeit in ungemessene Ferne.

Lange Wochen mußte die junge Braut auf die erste Nachricht aus dem fernen Land warten und manchmal wollte es ihr erscheinen, als habe sie nur einen schönen Traum gehabt. Sie konnte sich schwer im alten Gleise zurecht finden; denn sie vermißte die Worte der Liebe, der Hochschätzung und des Verlangens, die sie stündlich von dem Geliebten gehört hatte und die ihr wie eine süße Melodie im Herzen nachklangen. Sie war in dieser Verfassung nicht imstande, die ruhigere Liebe der Eltern und Geschwister, die fern von Bewunderung war, zu würdigen. Auch war sie 193 in den vergangenen Tagen aller Arbeit enthoben gewesen, und es wollte ihr wunderlich erscheinen, als wieder die häuslichen Geschäfte an sie kamen. Sie wurde sich plötzlich bewußt, daß es der Eltern Haushalt sei, in dem sie arbeitete nach der Mutter Angaben, nicht der eigene, in dem sie frei walten könnte, und es überkam sie eine Unlust und innere Unzufriedenheit, die sie nie vorher gekannt hatte.

Frau Pfäffling bemerkte es mit Kummer.

»Kann ein Mensch so schnell vom Glück verwöhnt werden?« sagte sie zu ihrem Mann. »Wo ist die heitere Art und die liebenswürdige Bescheidenheit hingekommen, die immer gute Laune, die Arnold noch besonders an ihr gerühmt hat? Sie ist ganz verändert. So könnte sie ihm nicht gefallen.«

»Sage ihr das, dann wird sie sich auf sich selbst besinnen. Ein solcher Sturm kann wohl das ganze Wesen eines jungen Menschenkindes in Aufruhr bringen, aber du brauchst nicht gleich zu fürchten, daß alles Gute verschwunden sei. Hilf ihr ein wenig, daß sie sich zurecht findet.«

Bald ergab sich ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter; es waren ja ganz neue Gefühle und Gedanken in dem jungen Mädchen erwacht, und oft sprach sie gegen die Mutter aus, was sie bewegte, so auch heute: »Man möchte alle guten Eigenschaften besitzen, an die man vorher gar nicht gedacht hatte, dem Mann zuliebe,« sagte Marie.

»Ja, und alle unschönen Eigenschaften abschütteln. Weißt du, Marie, was jedem Mann an seiner Frau unausstehlich erscheint?«

194 »Was meinst du, Mutter?«

»Wenn sie üble Launen hat.«

Marie entgegnete nichts. Frau Pfäffling fuhr fort: »Arnold ist überzeugt, daß das bei seiner Frau nie vorkommt, er hat es mir ausgesprochen und ich habe ihm darin zugestimmt. Ich werde mich doch nicht getäuscht haben? In diesen Tagen hätte ich es nicht so zuversichtlich bejaht. Aber ich kenne doch mein Kind, es ist ein wenig außer Rand und Band geraten, aber es wird sich doch wieder zurechtfinden?«

»O Mutter,« rief Marie und fiel der Mutter unter Tränen und Schluchzen um den Hals, »eine solche Trennung ist aber auch so schwer!«

Frau Pfäffling streichelte ihr die von Schmerz und Scham glühenden Wangen und tröstete sie, bis Marie sich wieder ihres Liebesglücks bewußt und allmählich getrost wurde. Mit den Tränen zugleich war auch die üble Laune verschwunden, fröhlich ging sie an ihre Arbeit. Vor der Türe traf sie mit Else zusammen. Die junge Schwester sah ihr ins Gesicht: »Heute siehst du recht wie eine Braut aus.«

Marie legte den Arm um sie. »Wir wollen recht vergnügt miteinander sein, so lange wir uns noch haben!« sagte sie fröhlich.

Arnold Scheffel hatte inzwischen auf seiner wochenlangen Fahrt auch etwas zu überwinden: Eine Ungeduld, die ihn fast außer sich bringen wollte. Da saß er untätig auf dem Schiff, und es wäre so dringend nötig gewesen, daß er auf seinem Platz stünde, auf seiner Farm arbeitete von früh bis nacht! Die äußere Ruhe bei der inneren Unruhe machte auch ihn zu 195 einem unharmonischen, rastlosen Menschen. Aber auch er kam wieder zurecht; was bei Marie die Worte der Mutter getan hatten, bewirkten bei ihm die Palmen von Funchal. Es war die zweite Woche seiner Reise. Die Insel Madeira tauchte aus dem tiefblauen Meer auf, das Schiff ging vor Anker, und wie im Herweg, so fuhren auch jetzt wieder viele der Reisenden nach der Hafenstadt Funchal. Wieder wanderte Arnold unter den hohen Palmen, umgeben von der zauberhaften Pflanzenwelt der immergrünen Insel, und er erinnerte sich, daß er vor vier Wochen an dieser Stelle gedacht hatte: Wie könnte ich mich glücklich fühlen in dieser wunderbaren Gottesnatur, wenn ich nur erst wüßte, ob ich den Zweck meiner Reise erreichen werde! Alles andere war ihm daneben gleichgültig erschienen, er hatte bald den Palmen den Rücken gewandt. Und nun, nachdem sich seine Hoffnung aufs schönste erfüllt hatte, weilte er doch wieder mißmutig und ungeduldig unter diesen Palmen? Er dachte darüber nach, wie schnell sich doch der Mensch an das Glück gewöhnt, schämte sich dieser Undankbarkeit, schämte sich vor der Herrlichkeit, die ausgebreitet vor ihm lag und zum zweitenmal ein verschlossenes Herz bei ihm gefunden hatte.

Dann versenkte er sich in die glücklichen Tage, die hinter ihm lagen, und gelobte sich, daß die Sorgen für die Zukunft ihm nicht mehr die köstliche Erinnerung trüben sollten.

Mit offenen Augen und Sinnen wandelte er nun durch die seltene Pracht, dann ging er auf das Telegraphenamt und gab eine Depesche ab an seine Braut, 196 keine Reisenachricht, nein, ein paar Worte, die so ganz aus der Erinnerung kamen. Später, auf dem Schiff, kam es ihm wunderlich vor, daß er nichts anderes telegraphiert hatte, und er hätte es gerne rückgängig gemacht. Aber die Funken hatten seine Worte schon in die Heimat getragen und sie weckten dort neben Sehnsucht und Liebe auch tapfere Gedanken, die vier Worte: »Laß uns feste stehen.« 197

 


 

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