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Wer ist schuld?

Alexander Herzen: Wer ist schuld? - Kapitel 8
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typefiction
authorAlexander Herzen
titleWer ist schuld?
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorWilhelm Lange
correctorreuters@abc.de
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Ihr wißt bereits, welch gewaltige, nachhaltige Sensation Beltoff unter den ehrbaren Bewohnern von N. erregte. Gestattet mir nun euch zu erzählen, welchen Eindruck die Bewohner dieser Stadt auf den ehrenwerthen Beltoff machten.

Er stieg im Gasthof Keresberg ab. Auf diesen Namen war er wahrscheinlich nicht getauft, um ihn von andern Gasthöfen zu unterscheiden, da es einen andern in der Stadt nicht gab, sondern vielmehr einer Stadt zu Ehren, welche überhaupt nicht existierte. Dieser Gasthof war die Hoffnung und Verzweiflung aller kleinen Civilbeamten von N., – ihr Trost im Unglück und der Ort ihrer Freude im Glück.

Rechts vom Eingange stand ewig auf ein und derselben Stelle der leidenschaftslose Wirth hinter dem Pult und vor ihm sein Geschäftsführer in weißer Blouse mit breitem Bart und ungeheurem Scheitel nach dem linken Auge hin.

In dieses Pult floß am ersten jedes Monats mehr als die Hälfte des Gehalts, den sämmtliche Gerichtsschreiber, deren Gehilfen und Untergehilfen erhielten.

(Die Secretäre verzehrten selten etwas, wenigstens nicht für eigene Rechnung; vom Secretärsrange an verbinden unsere Beamten mit der Leidenschaft, Geld einzunehmen, auch die Leidenschaft, Geld zu sparen – sie werden conservativ).

Der Wirth griff ernst und würdevoll nach dem Rechenbrett; das verwünschte Pult hob seinen Deckel, verschlang Kassenscheine und Silberrubel, und warf statt ihrer Fünfrubelscheine, Kopeken und sonstiges Kleingeld aus, dann knarrte das Schloß – und das Geld war verschwunden.

Nur in zwei Fällen rührte sich das Pult nicht: Wenn an seinem verhängnisvollen Gitter der Kreiscommissar Jakob Polepitsch erschien – selbstverständlich nicht, um seine Schuld zu bezahlen ... Bisweilen kamen auch Räthe in den Gasthof um Billard zu spielen, Punsch zu trinken und ein paar Flaschen zu entkorken – kurz sich ganz im Stillen hinter dem Rücken ihrer Frauen ein kleines Junggesellenvergnügen zu gestatten – ledige Räthe giebt es ebensowenig wie verheiratete Abbés – und damit ihr Zechen wirklich unentdeckt bliebe, erzählten sie rechts und links wochenlang nur von ihrem Gelage. Die kleinen Beamten versteckten beim Erscheinen solch hoher Beamten ihre Pfeifen hinter dem Rücken (doch so, daß sie zu sehen waren, denn es kam nicht darauf an, daß die Pfeifen versteckt wurden, es galt nur den hohen Beamten die schuldige Hochachtung zu erweisen) machten tiefe Verbeugungen, wobei sie mimisch eine große Verlegenheit zu erkennen gaben und begaben sich in andere Zimmer, ja sie beendeten nicht einmal die Partie auf dem Billard, auf welchem der Cornet Drägaloff in den Stunden, da er nicht Karten spielte, mit seinen kühnen Bällen und merkwürdigen Stößen alle in Erstaunen versetzte.

Der Gastwirth, ein reich gewordener Bauer aus einem benachbarten Dorfe, wußte, wer Beltoff war und welches Vermögen er besaß. Er beschloß daher sofort, ihm eins seiner besten Zimmer zu geben. Dieses Zimmer gab er nur vornehmen Personen, Generalen und großen Kaufleuten – und darum führte er ihn erst in andere Zimmer. Diese waren aber so finster und häßlich, daß, als der Wirth Beltoff in dasjenige führte, welches er ihm bestimmt hatte und dabei die Bemerkung machte: Wenn dies kein Durchgangszimmer wäre, so würde er es ihm mit dem größten Vergnügen überlassen – daß dann Beltoff dem Wirthe eifrig zuredete, ihm dasselbe doch zu geben. Der Mann ward von seiner Beredtsamkeit gerührt und gab endlich nach, was durchaus nicht sein Schade war.

Seine Höflichkeit gegen Beltoff machte der ehrenwerthe Wirth gegen alle andern Gäste wieder wett. Das Zimmer war in der That ein Durchgangszimmer; wenn man die Thür schloß, war die einzige anständige Verbindung zwischen dem Saal und dem Billardzimmer abgeschnitten, sodaß diejenigen, welche Billard spielen wollten, durch die Küche gehen mußten.

Ein großer Theil der Besucher fügte sich schweigend in diese Prüfung, wie sie früher sich in alle andern Prüfungen gefügt hatten, mit denen das Schicksal sie heimzusuchen für gut befunden. Uebrigens gab es auch solche, welche laut und bestimmt gegen die grobe Rücksichtslosigkeit des Wirthes protestirten. Ein Assessor, der vor zehn Jahren beim Heere gedient, war im Begriff, einen Billardstock auf dem Rücken des Wirthes zu zerbrechen; er fühlte sich derart beleidigt, daß er seinen energischen Protest in folgender logischen Weise schloß:

»Ich bin auch von Adel; aber hol' mich der Teufel, hätte er es irgend einem General gegeben, dann würde ich nichts sagen; aber seht mal einen solchen Grünschnabel, der da aus Paris kommt. Darf man höflichst fragen, worin ich ihm nachstehe? Auch ich bin von Adel und in unserer Familie der Aelteste, ich bin Inhaber der Militärverdienstmedaille von 1812.«

»Genug declamirt, du Hitzkopf,« sagte der Cornet Drägaloff zu ihm, der auf Beltoff Absichten hatte.

Wie dem auch sein mochte, der Wirth schwieg, machte einen Scherz und that doch mit der apathischen Halsstarrigkeit, mit der höflichen Unbeugsamkeit eines russischen Kaufmanns, was ihm beliebte. Uebrigens konnte das Zimmer, das Beltoff blos erlangt hatte, indem er bei so vielen den kitzlichen point d'honneur verletzte, nur nach den vier abscheulichen Räumlichkeiten gefallen, mit denen der schlaue Wirth seinen Gast abgeschreckt hatte, denn in Wirklichkeit war es schmutzig und unbequem, und von Zeit zu Zeit drang sogar ein Geruch von schmorendem Fett herein, der im Verein mit der beständigen Tabaks-Atmosphäre einen Duft bildete, der selbst einem Eskimo, dem faule Fische Leckerbissen sind, Uebelkeiten bereiten konnte.

Der erste Lärm über die Ankunft hatte sich gelegt. Das Reisegepäck, die Handtasche, die Schatulle wurden aus dem Wagen hereingetragen; und nach all diesen schweren Sachen erschien endlich Gregor Lermolojewitsch, Beltoffs Kammerdiener mit den letzten Reisevorräthen, einem Tabaksbeutel, einer zum Theil geleerten Flasche Bordeaux und den Resten einer gebratenen Truthenne.

Nachdem der Kammerdiener alles hereingebracht und auf Tische und Stühle gelegt, trat er ans Büffet, um sich ein Glas Branntwein geben zu lassen, wobei er dem Büffetkellner versicherte, in Paris habe er die Gewohnheit angenommen, nach Beendigung jeder Arbeit ein großes »Ptiwär« zu trinken (just wie man in Rußland jede Arbeit damit beginnt).

Eine Menge von Beamten, welche die Verhältnisse des Reisenden aus der Quelle zu erfahren wünschten, umschlichen ihn; es muß jedoch bemerkt werden, daß der Kammerdiener nicht sehr mittheilsam war und sie ein wenig von oben herab behandelte; er hatte einige Jahre im Auslande gelebt und war sich dieses Vorzuges stolzbewußt.

Unterdessen war Beltoff allein. Nachdem er ein Weilchen auf dem Sopha gesessen, trat er ans Fenster, an welchem man die halbe Stadt überschauen konnte. Die prachtvolle Aussicht, welche sich seinem Auge bot, war die allgemeine provinzielle uniformirte: Ein schlecht angestrichener Wartthurm mit den beweglichen Polizeisoldaten war das erste, was ihm in die Augen fiel; die Hauptkirche von alter Bauart ragte hinter dem langen und – wie sich von selbst versteht, gelben Amtsgebäude empor, das in dem bekannten Stil erbaut war. Dann noch zwei oder drei Pfarrkirchen, von denen jede zwei bis drei Epochen der Architektur darstellten; die alt byzantinischen Mauern waren mit griechischem Portal und gothischen Fenstern oder mit beiden zugleich geschmückt. Dann das Haus des Gouverneurs mit einer Vorhalle, welche ein Gensd'arm und zwei, drei bärtige Bittsteller verschönerten. Endlich die Häuser der Einwohner, ganz so beschaffen, wie wir sie in all unsern Städten zu sehen bekommen – mit schwindsüchtigen dicht an die Mauer geklebten Säulen, mit einem Halbgeschoß, das wegen des italienischen, die ganze Wand einnehmenden Fensters im Winter nicht bewohnt werden kann, mit einem verräucherten Flügel, in welchen sich die Dienerschaft und die Pferde theilen. Diese Häuser wurden, wie es Sitte und Brauch ist, von höflichen Herren auf Namen der Frauen getauft.

Ein wenig seitwärts zogen sich die Kaufhallen hin, die äußerlich weiß und innerlich finster und zudem ewig feucht und kalt sind; darin war alles Mögliche zu haben: Kattun, Flor, Piqué – alles außer dem, was man gerade haben wollte; von dem Bilde, das sich seinen Augen bot, ein wenig gerührt, steckte sich Beltoff eine Cigarre an und setzte sich ans Fenster. Es war Thauwetter und Thauwetter hat immer Aehnlichkeit mit dem Frühling; das Wasser tropfte von den Dächern, über die Straßen eilte wie ein Bach der geschmolzene Schnee. Man hatte etwas wie ein Gefühl, daß die Natur nach der abgeworfenen Eisdecke bereits wieder auflebe; aber das empfand nur ein Neuling, der vergebens in den ersten Februartagen in N. den Frühling zu sehen hoffte, die Straße wußte offenbar, daß wieder Frost und Schneegestöber komme und bis zum 27. Mai kein Blättchen sich zeigen würde. Die Straße also freute sich nicht; es herrschte in ihr eine schläfrige Thätigkeit. Zwei, drei schmutzige alte Weiber saßen an der Mauer der Kaufhallen mit getrocknetem Obst. Den Umstand, daß ihnen die Finger nicht froren, wahrnehmend, strickten sie Strümpfe; sie zählten die Maschen und sprachen nur selten miteinander, stocherten sich die Zähne mit Schwefelhölzchen, seufzten und gähnten, wobei sie sich über dem Munde das Kreuzzeichen machten.

Nicht weit von ihnen saß ein alter Kaufmann von etwa siebzig Jahren mit grauem Bart und hoher Zobelmütze und schlief einen sanften Schlaf auf seinem Feldstuhl; von Zeit zu Zeit liefen die Handlungsdiener aus einen Laden in den andern; einige von ihnen wurden bereits geschlossen. Niemand schien etwas zu kaufen, ja es ging fast niemand über die Straße. Doch da kam feierlich ein Polizei-Inspector in seinen Mantel mit Pelzkragen gehüllt raschen, geschäftsartigen Schrittes mit besorgter Miene und mit Acten unter dem Arm daher; die Ladenjünglinge zogen ehrfurchtsvoll den Hut, aber der Polizei-Inspector schenkte ihnen keine Beachtung.

Dann kam noch eine Kutsche von seltsamer Gestalt vorüber; sie glich einem Kürbis, aus welchem ganz genau der vierte Theil herausgeschnitten ist; diesen Kürbis zogen vier abgetriebene Rößlein; der voraufreitende Heiduck und der graubärtige runzlige Kutscher waren in grobes Tuch gekleidet, und hinten auf wackelte der Lakai in grünem gallonirtem Mantel.

In diesem Kürbis saß ein anderer Kürbis – ein wackerer dicker Familienvater und Gutsbesitzer mit einer eigenthümlichen Musterkarte von blauen Adern auf Nase und Wangen; neben ihm seine unzertrennliche Ehehälfte, die nicht einem Kürbis, sondern vielmehr einer Pfefferschote glich; sie hatte statt eines Hutes eine Art Hütte auf dem Kopfe; ihnen gegenüber befand sich ein angenehmer Strauß von drei Dorfgrazien, wahrscheinlich die süße Hoffnung von Mama und Papa, die vermuthlich ihre zärtlichen Herzen mit Besorgnis erfüllte.

Auch dieser wandelnde Küchengarten zog vorüber und wiederum ward es still ... Da ließ sich aus einem Quergäßchen ein fröhliches russisches Lied vernehmen und nach einem Augenblick erschienen auf der Straße drei Burschen in kurzen rothen Hemden, mit geschmückten Hüten, athletischen Gliedern und jener Verwegenheit auf dem Gesicht, die wir alle kennen. Der eine von ihnen trug eine Balalaika, aber nicht, um Musik zu machen: der Bursch mit der Balalaika konnte seine Füße kaum im Zaume halten; man sah es der Beweglichkeit seiner Schultern an, wie sehr es ihn nach einem Tänzchen verlangte – aber warum tanzte er denn nicht wirklich?

Das hatte folgenden Grund. Plötzlich erschien, wie aus der Erde gewachsen, ein Polizeidiener. Er kam mit einem Stock in den Händen aus einer der Kaufhallen, und das Lied, das für einen Augenblick die langweilige Ruhe unterbrochen hatte, verstummte sofort; der ehrenwerthe Hüter der Ruhe ging stets wieder in die Kaufhalle, wie die Spinne in ihren dunkeln Winkel zurückkehrt, wenn sie sich an Fliegenhirn satt gefressen hat.

Jetzt wurde es noch stiller. Zugleich begann es dunkel zu werden. Beltoff schaute hinaus – und ein schreckliches Gefühl der Vereinsamung erfaßte ihn, es lag ihm wie ein Alp auf der Brust, er hatte offenbar nicht Luft genug zu athmen, vielleicht in Folge des Fettgeruchs und des Tabaksqualms, der aus dem untern Stock heraufdrang.

Er griff nach seiner Mütze, zog sich den Ueberrock an, schloß die Thür ab und ging hinaus auf die Straße.

Die Stadt war nicht groß und es war leicht, sie von einem Ende bis zum andern zu durchwandern. Ueberall dieselbe Oede; zwar begegnete ihm da und dort ein Mensch; eine erschöpfte Magd klomm mit einer Trage auf den Schultern bergauf, schritt barfuß über das Eis und blieb schwer aufathmend stehen. Ein Pope von dickem freundlichem Aeußern saß im Hausrock an der Thür und sah ihr zu; dann begegneten ihm noch halb betrunkene Schreiber oder ein dicker Rath – und alles war so schmutzig, so schlecht gekleidet, nicht aus Armuth, sondern aus Unsauberkeit, und alles ging so anspruchsvoll und affectirt einher: Der Titularrath stolzirte so würdevoll über die Straße, als wäre er ein römischer Senator ... und der Collegienregistrator mit einer Miene, als wäre er Titularrath; auch der Polizeimeister kam im Schlitten vorbeigejagt; mit majestätischer Grazie grüßte er die Räthe und zeigte mit bekümmertem Gesicht auf ein Blatt Papier, das er an die Brust gesteckt hatte – das bedeutete, daß er mit dem Tagesbericht zu Seiner Excellenz fahre ...

Endlich kamen noch zwei dicke Kaufmannsfrauen, die Köchin hinter ihnen trug Badebesen und einen Korb; ihre rothen Wangen bewiesen, daß sie die Badebesen nicht umsonst mitbrachte. Sonst begegnete Beltoff niemand.

»Was bedeutet diese Ruhe?« dachte er, tiefes Nachdenken oder tiefe Gedankenlosigkeit? Trauer oder einfach Faulheit? ... ich begreife es nicht ... Und warum ist mir diese Ruhe so bedrückend, daß ich gleich wieder abreisen möchte? Warum lastet sie so auf mir? Ich liebe ja doch die Ruhe. Die Ruhe auf dem Meere, im Dorfe, ja selbst auf dem Felde, auf dem gleichmäßigen sich weithin dehnenden Felde erfüllt mich mit einer besondern poetischen Andacht. Mit einem wohlthuenden Selbstvergessen. Hier ist das anders. Dort bedeutet die Ruhe Unendlichkeit, hier aber ist alles so bedrückend, hier ist alles so eng, so klein, hier stehen ringsum so erbärmliche Gebäude; wenn es noch Ruinen wären, aber so aufgeschmückt, so geweißt; und wo sind die Bewohner? Ist diese Stadt vielleicht gestern mit Sturm eingenommen worden oder hat hier die Pest gewüthet? Nichts von alledem: die Bewohner sind zu Hause, die Bewohner pflegen der Ruhe; aber wann haben sie denn gearbeitet?

Und Beltoff fühlte sich unwillkürlich in die geräuschvollen, von Menschen belebten Straßen anderer Städtchen versetzt, die weniger patriarchalisch und dem Weltgetriebe mehr zugeneigt waren.

Es erfaßte ihn jenes unangenehme Gefühl, das gewöhnlich jeden falschen Schritt im Leben begleitet, namentlich wenn wir uns desselben bewußt zu werden anfangen, und traurig begab er sich nach Hause.

Als er den Gasthof erreicht hatte, ertönte dumpfes langgezogenes Glockengeläut von einem Kloster in der Nähe der Stadt; diese Klänge erinnerten Wladimir an etwas längst Vergangenes, er ging den Tönen nach, aber da plötzlich lächelte er, schüttelte den Kopf und kehrte schnellen Schrittes nach Hause zurück. Armes Opfer eines Jahrhunderts voller Zweifel, in N. durftest du keine Ruhe suchen!

Nach einigen Tagen, welche Beltoff mit dem gründlichen Lesen und Studiren der Verordnungen über die Adelswahlen zugebracht hatte, ging er mit einer gewissen Sorgfalt gekleidet aus, um die nothwendigen Besuche zu machen. Drei Stunden später kehrte er mit heftigem Kopfweh, sichtlich verstört und ermüdet nach Hause zurück, verlangte Pfeffermünzthee und benetzte sich den Kopf mit kölnischem Wasser.

Das kölnische Wasser und der Pfeffermünzthee brachten seine Gedanken ein wenig wieder in Ordnung, und allein auf dem Sopha liegend, runzelte er bald die Stirn, bald lachte er fast auf. Er ging nämlich im Geiste alles das wieder durch, was er gesehen hatte, von dem Vorzimmer des Gouverneurs, wo er einige Augenblicke sehr angenehm mit einem Gensd'arm, zwei Kaufleuten erster Gilde und zwei Lakaien zugebracht hatte, die alle Eintretenden und Fortgehenden in sehr origineller Weise grüßten, indem sie sagten: »Wir gratuliren zu den vergangenen Feiertagen,« wobei sie wie stolze Briten die Hand hinhielten – dieselbe Hand, welche das Glück hatte, täglich den General in den Wagen zu heben, – bis zu dem Salon des Adelsmarschalls, in welchem ihn der ehrenwerthe Vertreter des glänzenden Adels von N. versichert hatte, man könne nirgend die Civilformen so gut erlernen, wie im Militärdienst, weil dieser dem Menschen die Hauptsache verleihe; und habe man die Hauptsache inne, so sei es natürlich kinderleicht, sich alle übrigen anzueignen; dann hatte er Beltoff mitgetheilt, daß er ein wahrer Patriot sei, auf seinem Gute eine steinerne Kirche bauen lasse und diejenigen Edelleute nicht leiden möge, welche statt in der Cavallerie zu dienen und sich mit der Verwaltung ihrer Güter zu beschäftigen, Karten spielten, Französinnen unterhielten und nach Paris reisten; das alles sollte nichts anderes als eine Art Stichelei auf Beltoff sein.

Die Reihe der Personen, die Beltoff gesehen, wollte ihm nicht aus dem Kopf: bald schwebte ihm der Gouvernements-Procurator vor, der in drei Minuten Zeit gefunden, ihm sechs Mal zu sagen: »Sie sind selbst ein Mann von Bildung, Sie begreifen, daß für mich der Herr Gouverneur eine Nebenperson ist. Ich schreibe direct an den Justizminister, der Justizminister – das ist der Generalprocurator. Ist der Gouverneur gut, dann thue ich ihm alles zu Gefallen, was ich vermag: ›gelesen gelesen gelesen,‹ und damit abgemacht! – ist er anders, so erweise ich ihm zwar volle Hochachtung, ganz wie sie seinem hohen Range zukommt; na aber weiter thue ich nichts; zwingen laß ich mich nicht; ich bin ja doch kein Gouvernementsrath.«

Und dabei nahm er jedes Mal aus einer silbernen Dose eine Prise Tabak, der äußerlich auffallend dem französischen glich, sich aber durch seinen abscheulichen Geruch von demselben unterschied.

Bald sah Beltoff den Präsidenten des Civilgerichtshofes, einen hageren, langen, schmutzigen, geizigen Mann, der durch Unreinlichkeit seine Uneigennützigkeit documentiren wollte; bald sah er den General Gräschtschoff, umgeben von zwei aus dem Dienst entlassenen Isprawniks,Der Isprawnik entspricht ungefähr dem preußischen Landrath von armen Gutsbesitzern, Hühnerhunden, Hundewärtern, Hausleibeigenen, drei Nichten und zwei Schwestern.

Der General schrie in Beltoffs Erinnerung eben so laut wie zu Hause in seinem Zimmer, wo er seinen Diener aus dem Vorzimmer hineingepfiffen und mit der größten Menschenliebe seinen Hühnerhund behandelt hatte. Dann wieder dachte er an den uns wohlbekannten Präsidenten des Criminalgerichts Anton Antonowitsch in seinem froschfarbenen Schlafrock, sowie an die Gesellschaft des Rathes mit dem Annenorden im Knopfloch.

Als endlich nach und nach diese ehrenwerthe Gesellschaft in Beltoffs Erinnerungen in den Hintergrund traten und alles in die eine phantastische Person eines gewissen kolossalen Beamten zusammenfloß, der finster die Brauen zusammenzog, einsilbig und nachgiebig war, sich aber seiner Haut wehrte, – da sah Beltoff, daß er diesen Goliath nicht würde überwinden können, daß ihn nicht blos keine gewöhnliche Schleuder zu Boden strecken würde, sondern nicht einmal der Granitblock, auf dem das Denkmal Peters I. ruht.

Seltsam, seitdem Beltoff ins Ausland gereist war, hatte er viel in Gedanken und Leidenschaften in beständiger Aufregung des Geistes und Herzens gelebt. Dem Menschen, in welchem irgend ein kräftiger Gedanke sich bewegt, geht das Leben nicht umsonst dahin ... Aeußerlich ist das nicht sichtbar, das Heut verrinnt wie das Gestern, alles ist sehr gewöhnlich, aber da sieht man sich plötzlich um und bemerkt mit Erstaunen, daß man eine ungeheure Strecke zurückgelegt, daß man unendlich viel gelebt und verlebt.

So war es auch mit Beltoff. Auch er hatte unendlich viel gelebt und viel verlebt; aber er blieb noch nicht stehen. Zum zweiten Mal kam Beltoff mit der Wirklichkeit in Berührung, unter denselben Bedingungen wie damals in der Kanzlei – und wiederum erschrak er vor ihr.

Es gebrach ihm an jenem praktischen Sinne, der den Menschen den Zusammenhang der Ereignisse im Leben erfassen lehrt; er hatte mit der ihn umgebenden Welt zu wenig gemein. Der Grund seiner Vereinsamung war begreiflich: Joseph hatte ihn zu einem Menschen im allgemeinen, wie Rousseau seinen Emil gebildet. Die Universität fuhr fort, diese allgemeine Bildung weiter zu entwickeln; ein Freundeskreis von fünf bis sechs Jünglingen voller Träumereien, voller Hoffnungen, die um so größer waren, je weniger sie das Leben außerhalb der Hörsäle kannten, – dies alles erhielt Beltoff mehr und mehr in einem Ideenkreise, mit dem er wenig gemein hatte und welcher der Welt, in welcher er später leben mußte, fremd war. Endlich schlossen sich die Pforten der Schule und der Freundeskreis, der ein ewiger das ganze Leben hindurch währender sein sollte, verblaßte immer mehr und blieb ihm nur noch in der Erinnerung, oder lebte nur bei zufälligen unbequemen Begegnungen oder beim Becher Wein wieder auf. Etwas geräuschvoll öffneten sich ihm andere Thüren. Beltoff trat durch dieselben ein und befand sich in einer Gegend, welche ihm so unbekannt, so fremd war, daß er sich in nichts zurechtfinden konnte; nach keiner Seite hin sympathisirte er mit dem Leben, das ihn umgab, er besaß nicht die Fähigkeit, ein tüchtiger Gutsbesitzer, ein ausgezeichneter Offizier, ein eifriger Beamter zu werden – und da blieb ihm in der Wirklichkeit weiter nichts übrig, als die Stellung eines Müßiggängers, eines Spielers und Zechers; zur Ehre unseres Helden müssen wir gestehen, daß er für den letzteren Beruf weit mehr Sympathie fühlte, als für die ersteren; aber auch da war es ihm nicht möglich, sich frei gehen zu lassen: er war zu gebildet und die Ausschweifungen seiner Herren Zechbrüder fand er zu schmutzig und zu roh. Er versuchte es mit der Medicin und der Malerei, verschwendete und verspielte einiges und reiste dann ins Ausland.

Selbstverständlich fand er auch dort keine wirkliche Beschäftigung; er befaßte sich systemlos mit allem auf der Welt; er setzte die deutschen Specialisten durch die Vielseitigkeit seines russischen Geistes und die Franzosen durch seinen Tiefsinn in Erstaunen. Aber während die Deutschen und Franzosen viel leisteten, that er nichts, vergeudete seine Zeit, schoß nach der Scheibe, saß bis tief in die Nacht in Restaurationen und gab Leib und Seele und Börse irgend einer Lorette hin.

Ein solches Leben mußte endlich ein krankhaftes Bedürfnis nach Thätigkeit wach rufen. Wenn auch inmitten seines offenbaren Müßigganges Beltoff in Gedanken und Leidenschaften ein kräftiges Leben lebte, so bewahrte er doch von Jugend auf in allen seinen Lebensverhältnissen den völligen Mangel jedes praktischen Sinnes.

Das war der Grund, daß Beltoff von Verlangen nach Thätigkeit verzehrt, zunächst den schönen und löblichen Vorsatz faßte, sich bei den Adelswahlen um eine Stellung zu bewerben, und dann zweitens nicht blos erstaunt wurde, als er die Leute sah, welche er von seiner Geburt an hätte kennen müssen, oder nach denen er sich hätte erkundigen sollen, wenn er in so nahe Beziehungen zu ihnen treten wollte, sondern daß er sich auch durch ihre Sprache, ihre Manieren, ihre Denkart so sehr verblüffen ließ, daß er bereit war, ohne jede Anstrengung, ohne Kampf den Plan aufzugeben, der ihn mehrere Monate beschäftigt hatte.

Glücklich der Mensch, der das Begonnene fortsetzt, dem eine Thätigkeit beschieden ist: er gewöhnt sich früh daran und verliert nicht die Hälfte seines Lebens mit wählen, er concentrirt sich, beschränkt sich, um sich nicht zu zersplittern – er bringt etwas zu stande.

Wir fangen in der Regel von vorne an; wir erben von unsern Vätern nur das bewegliche und unbewegliche Vermögen, und auch das bewahren wir nur schlecht; darum wollen wir während des größten Theils unseres Lebens nichts thun, und wollen wir etwas thun, so schweifen wir in die unendliche Steppe oder in irgend eine sonstige Wüste hinaus – wir haben völlige Freiheit, kommen aber niemals an ein Ziel: das ist unsere vielseitige Unthätigkeit, unsere thätige Faulheit.

Beltoff gehörte vollständig zu diesen Leuten. Trotz der Reife seiner Gedanken war er noch völlig unmündig, kurz jetzt im Alter von dreißig Jahren bereitete er sich noch wie ein sechzehnjähriger Knabe auf seinen Lebensberuf vor, ohne zu bemerken, daß die Thür, der er sich mehr und mehr näherte, nicht diejenige war, durch welche die Gladiatoren hereinkommen, sondern diejenige, durch welche man ihre Leichen hinausträgt.

»Natürlich ist Beltoff an vielem selbst schuld,« wird man mir einwenden.

Ich bin ganz eurer Ansicht, andere aber glauben, für die Menschen sei manche Schuld besser, als alles Recht. So verkehrt ist alles in der Welt.

Nun waren, seit Beltoff sich in N. niedergelassen, keine vier Wochen verflossen und schon war es ihm gelungen, sich den Haß des ganzen Gutsbesitzerkreises zuzuziehen, was übrigens die Beamten nicht hinderte, ihn ihrerseits ebenfalls zu hassen.

Unter seinen Hassern gab es viele, die ihn nicht einmal von Ansehen kannten, andere, die, wenn sie ihn auch gesehen, doch in keinerlei Beziehungen zu ihm getreten waren. Dies war von ihrer Seite ein ganz reiner uneigennütziger Haß; aber auch die uneigennützigsten Empfindungen haben irgend einen Grund. Und der Grund des Hasses, den diese Menschen gegen Beltoff hegten, ist nicht schwer zu errathen. Die Gutsbesitzer und Beamten bildeten ihre eigenen mehr oder weniger abgeschlossenen aber eng verwandtschaftlichen Kreise; sie hatten ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Zänkereien, ihre eigenen Parteiungen, ihre eigenen öffentlichen Meinungen, ihre eigenen Gewohnheiten – die übrigens allen Provinzialedelleuten und Provinzialbeamten des ganzen Reiches gemein sind.

Kommt nach N. ein Rath aus R., so ist er nach acht Tagen ein vielbeschäftigter und hochgeachteter Genosse und College; kommt unser hochverehrter Freund Paul Iwanowitsch Tschitschikoff,Der Held des Gogolschen Romans »Todte Seelen« so würde der Polizeimeister auch ihm zu Ehren ein Fest veranstalten, und andere würden auch um ihn herumschwänzeln und ihn Herzchen nennen – so deutlich würden sie ihre Verwandtschaft mit Paul Iwanowitsch Tschitschikoff begreifen.

Aber Beltoff, ein Mensch, der seinen Abschied genommen, der nicht einmal vierzehn Jahre und sechs Monate bis zur Berechtigung des Dienstzeichens gedient, wie der Gehilfe des Secretärs bemerkte, der alles liebte, was dieser Herr nicht leiden mochte, der während der ganzen Zeit, die sie mit dem nützlichen Kartenspiel verbrachten, verderbliche Bücher las, der Europa durchwanderte, zu Hause fremd und in der Fremde nicht heimisch war, der in seinen Manieren ein feiner Aristokrat und nach seinen Ueberzeugungen ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts war – wie konnte eine Provinzgesellschaft einen solchen Menschen aufnehmen? Er konnte sich ebensowenig für ihre Interessen erwärmen, wie es ihnen ihm gegenüber möglich war, und sie haßten ihn, weil ihr Gefühl ihnen sagte, daß dieser Beltoff ein Protest, eine Art von Anklage gegen ihre Lebensweise, ein Widerspruch gegen die ganze Ordnung derselben sei.

Zu alledem kamen noch eine Menge wichtiger Umstände. Er machte nur wenige Besuche, und zudem spät, stets ging er des Morgens im Ueberrock umher; er sagte weit seltener, als das üblich war, zu dem Herrn Gouverneur »Euer Excellenz« und den Adelsmarschall, einen verabschiedeten Dragonerrittmeister, titulirte er gar nicht, obgleich dieser seiner Stellung nach gerade um diese Zeit ebenfalls die Titulatur Excellenz beanspruchen konnte; ferner behandelte Beltoff seinen Kammerdiener so höflich, daß dies alle Gäste beleidigte, und mit den Damen sprach er wie mit Menschen und benahm sich überhaupt »zu frei«. Dazu kam noch, daß er sich in der niedern Schicht der Büreaukratie schon am Tage seiner Ankunft wegen des directen Durchganges zum Billardzimmer unmöglich gemacht hatte.

Es versteht sich von selbst, daß der Haß gegen Beltoff sich so höflich wie möglich äußerte, daß er sich hinter seinem Rücken Luft machte und in dessen Gegenwart sein Opfer mit solch stumpfer, roher Aufmerksamkeit umgab, daß man den Haß geradezu für Liebe hätte halten können. Ein jeder war bemüht, den Fremdling bei sich zu empfangen, um den Bekannten gegenüber sich damit brüsten zu können, um sich das Recht zu erwerben, zehnmal in einem Gespräch die Worte einzuschalten: »Als Beltoff bei mir war... ich verkehre mit ihm« ... worauf man dann, wie es Sitte und Brauch ist, zum Schluß eine unschuldige Verleumdung hinzufügte.

Die wackeren Bewohner von N. hatten alle Maßregeln getroffen, um Beltoff bei den Wahlen durchfallen zu lassen oder ihm eine solche Stellung zu geben, welche niemand freiwillig gern annahm. Anfangs bemerkte er weder den Haß, mit dem man ihn verfolgte, noch diese parlamentarische Intriguen, und als er dann alles durchschaute, beschloß er mit Selbstverläugnung bis zum Ende auszuhalten ...

Aber seid unbesorgt, aus mir sehr bekannten Gründen, die ich aber als einen schriftstellerischen Kunstgriff geheim halte, verschone ich den Leser mit ferneren Einzelheiten und Schilderungen aus dem Leben der guten Stadt N., jetzt wende ich mich andern Ereignissen zu – aber es sind Privatangelegenheiten, keine amtlichen.

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