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Wer ist schuld?

Alexander Herzen: Wer ist schuld? - Kapitel 5
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typefiction
authorAlexander Herzen
titleWer ist schuld?
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorWilhelm Lange
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel.

Wladimir Beltoff.

In – – Uebrigens ist es durchaus nicht nothwendig, mit astronomischer und geographischer Genauigkeit Ort und Zeit anzugeben ... Also: im neunzehnten Jahrhundert fanden in der Gouvernements-Hauptstadt N. die Adelswahlen statt. Es wurde lebhaft in der Stadt. Fortwährend ließ sich Schellengeklingel und das Gerassel der Reisewagen hören; fortwährend kamen die Winterfuhrwerke der Gutsbesitzer, die Kibitken, Gefährte von allen möglichen Gestalten, im Innern mit allerlei Sachen vollgepfropft und äußerlich mit einem ganzen Hofstaat von Dienern in Mänteln und Pelzen geschmückt.

Ein Theil dieser Gefolgschaft wanderte gewöhnlich in der Stadt umher, begrüßte die Krämer und lachte dem an der Thür stehenden Collegen zu; der andere Theil schlief in allen möglichen unbequemen Lagen des menschlichen Körpers.

Nach und nach hatten die Pferde der Gutsbesitzer fast sämmtliche handelnde Personen in die Gouvernementsstadt gebracht; auch der verabschiedete Cornet Drägaloff hatte sich bereits eingefunden und schmückte mit purpurrothen Vorhängen die Fenster seiner Wohnung, die er für sein letztes Geld gemiethet hatte. Er besuchte fünf Gouvernements bei allen Wahlen und während der Hauptjahrmärkte. Er verlor niemals, obgleich er vom Morgen bis zum Abend Karten spielte, und verdiente nichts, obgleich er vom Morgen bis zum Abend gewann.

Auch der General a. D. Chreschtschoff fand sich ein. Er war berühmt wegen seiner Musikanten, reich und trotz seiner fünfundsechszig Jahre ein eifriger Parteigänger. Ueberall, wo er sich bei den Wahlen zeigte, gab er vier Bälle und jedesmal lehnte er aus Gesundheitsrücksichten die Würde eines Adelsmarschalls ab, welche ein dankbarer Adel ihm jedesmal antrug.

In den Salons zeigten sich seltsame Fracks, welche ganze drei Jahre lang verschlossen gehalten worden, mit verschossenen Sammtkragen und von ungeheuerlichen Formen. Zugleich tauchten seltsame Uniformen aus alten Zeiten auf, mit zwei Reihen oder auch nur mit einer Reihe Knöpfe, mit einer oder gar keiner Epaulette.

Vom Morgen bis zum Abend wurden Besuche gemacht. Ein Theil dieser Leute hatte sich drei Jahre lang nicht gesehen und mit einem beklemmenden Gefühl bemerkten sie, wenn sie einander anblickten, daß die Haare noch grauer, die Stirn noch runzliger, das Gesicht noch hagerer geworden war. Es waren dieselben Gesichter und doch schienen es andre zu sein: der Dämon der Zerstörung hatte auf jedem seine Spuren zurückgelassen.

Auf der andern Seite jedoch mußte man mit einer noch beklemmenderen Empfindung ganz das Gegentheil wahrnehmen, und diese drei Jahre waren ganz so verflossen wie die dreizehn oder dreißig Jahre, welche ihnen vorangegangen ...

In der ganzen Stadt wurde nur noch von den Candidaten, den Diners, den Kreismarschällen, den Bällen und Richtern gesprochen. Der Kanzleidirector des Gouverneurs zerbrach sich seit drei Tagen den Kopf über den Entwurf einer Rede; er hatte bereits zwei Buch Papier verdorben, indem er in einem fort geschrieben: »Hochzuverehrende Herren, Hochwohlgeborener Adel von N.!« ... Hier stockte er und begann nachzudenken, ob er fortfahren sollte: »Gestatten Sie mir, von neuem in Ihrer Mitte zu erscheinen,« oder: »ich freue mich, daß es mir vergönnt ist, von neuem in Ihrer Mitte zu erscheinen« ...

Und dann sagte er zu seinem ältesten Gehilfen: »Ach, Cyprian Wassiljewitsch, es ist tausendmal leichter, die verwickeltste Criminalsache zu entwirren, als eine Rede niederzuschreiben!«

»Erbitten Sie sich doch von Anton Antonowitsch die Mustersammlung. Wie ich mich erinnere, giebt es darunter auch Reden.«

»Eine vorzügliche Idee!« sprach der Kanzleidirector, seinem Gehilfen derb auf die Schulter klopfend. »Ja, ja, dieser Cyprian Cyprianowitsch!«

Der Kanzleidirector glaubte einen sehr hübschen Witz zu machen, indem er seinen Gehilfen bald bei seinem richtigen Vatersnamen nannte, bald ihm einen beliebigen andichtete. Noch an demselben Abend schrieb er einige Zeilen zusammen, indem er sich die Rede des Fürsten Cholwski in Karamsin's Erzählung »Marfa« zum Muster nahm.

Mitten in diesen allgemeinen, schwierigen Beschäftigungen wurde plötzlich die Aufmerksamkeit der Stadt, welche ohnehin schon so gespannt war, auf eine niemandem bekannte Persönlichkeit gelenkt, – auf eine Persönlichkeit, welche niemand erwartet hatte, nicht einmal der Cornet Drägaloff, der alle erwartete, – eine Persönlichkeit, an die niemand gedacht hatte, welche vollkommen überflüssig war in der patriarchalischen Familie der Gemeindehäupter – welche wie aus den Wolken gefallen schien, in Wirklichkeit jedoch in einem sehr schönen englischen Wagen in die Stadt kutschirt kam.

Diese Persönlichkeit war der verabschiedete Gouvernementssecretär Wladimir Petrowitsch Beltoff. Was er in Bezug auf seinen Rang zu leicht wog, das wurde vollständig wieder wett gemacht durch ein schuldenfreies Gut mit dreitausend Seelen.

Dieses Gut, Bjeloje-Pole genannt, war den Wahlcandidaten sowie den Wählern sehr wohl bekannt; allein der Besitzer von Bjeloje-Pole war ihnen eine Art Mythus, eine Fabelgestalt, von der man sich zuweilen alle möglichen Dinge erzählte, just wie man sich von fernen Ländern, von Kamtschatka oder Californien die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Dinge mittheilt. Vor einigen Jahren hatte man sich z. B. erzählt, Beltoff sei sofort nach Beendigung seiner Universitätsstudien bei dem Minister in Gunst gekommen; dann wußte man wieder mitzutheilen, Beltoff habe sich mit dem Minister entzweit und seinem Vorgesetzten zum Possen den Abschied genommen.

Das glaubte man nicht. Es giebt Personen, von denen man in der Provinz sich eine ganz bestimmte Vorstellung gemacht hat. Mit solchen Persönlichkeiten kann man sich nicht entzweien; man kann und soll ihnen nur Hochachtung bezeigen; war es also auch nur wahrscheinlich, daß Beltoff es gewagt hätte – –? Nein! Es müßte denn sein, daß er ihren gerechten Zorn auf sein Haupt geladen, gespielt oder getrunken oder irgend jemandes Tochter verführt habe.

Dann wieder hieß es, er sei nach Frankreich gereist, und gelehrte und scharfsinnige Köpfe setzten hinzu, daß er niemals zurückkehren würde, daß er einer Freimaurerloge in Paris angehöre und diese Loge ihn beauftragt habe, in irgend einer Angelegenheit nach Amerika zu gehen.

»Das ist sehr wahrscheinlich,« sagten viele, »er war von Kindsbeinen an wie verlassen; sein Vater starb, wenn wir recht wissen, in demselben Jahre, in welchem er zur Welt kam; ihr wißt, von welcher Herkunft seine Mutter ist; zudem ist sie ein leichtfertiges Wesen, eine exaltée, und ihr Hauslehrer war ein verdorbener Mensch, der niemandem die ihm schuldige Achtung erwies.«

Nun, dies alles erklärte zur Genüge, warum er seine Wirtschaft vernachlässigte, obgleich seine Bauern für reich galten und Stiefel trugen. Endlich, während der drei letzten Jahre hatten sie seiner gar nicht mehr erwähnt, – und da mit einem Mal erscheint diese seltsame Persönlichkeit, der von der Pariser Freimaurerloge nach Amerika geschickte Vertrauensmann, – der Mensch, der mit demjenigen sich überworfen hatte, dem er die tiefste Hochachtung erweisen sollte, der für alle Zeit nach Frankreich gereist war, – mit einem Mal erscheint er vor der Gesellschaft von N., und zwar um Stimmen für sich zu sammeln bei den Adelswahlen.

Das alles hatte für die Bürger von N. außerordentlich viel Unbegreifliches. Wie merkwürdig, daß er den Dienst im Gubernium dem in der Residenz vorzog! Wie merkwürdig, daß ihm so sehr an einer solchen Stelle gelegen war! Und zudem: Paris und eine Adelsversammlung, dreitausend Seelen und der Rang eines Gouvernementssecretärs! Nun, das war mehr als genug, um die ohnehin sehr beschäftigten Bewohner von N. in Anspruch zu nehmen.

Der fähigste Kopf in der Stadt war ganz ohne Zweifel der Präsident des Criminalgerichts. Er entschied endgiltig, und ohne daß man das Recht hatte, zu appelliren, alle Fragen, welche die Gesellschaft beschäftigten; zu ihm kam man, um sich in Familienangelegenheiten Raths zu erholen. Er war sehr gelehrt, ein Literat und Philosoph, er hatte nur einen Nebenbuhler: den Inspector der Medizinalbehörde, Semen Iwanowitsch Krupoff mit Namen, und dessen Gegenwart machte den Präsidenten wirklich verlegen. Allein Krupoff's Autorität wurde durchaus nicht von allen anerkannt, namentlich seitdem eine gewisse Dame aus den aristokratischen Kreisen des Gouvernements, die ebenso empfindsam als gebildet war, in einer großen Gesellschaft gesagt hatte:

»Ich achte Semen Iwanowitsch; aber wie kann jemand, der Leichen betrachtet und sogar mit der Hand berührt, des Weibes Herz, die zarten Empfindungen der Seele begreifen?«

Sämmtliche Damen waren der Ansicht, daß er nichts davon begreifen könne, und entschieden einstimmig, der Präsident des Criminalgerichts, der so grausame Gewohnheiten nicht habe, sei allein fähig, die zarten Fragen zu lösen, bei denen das weibliche Herz ins Spiel komme, von allen andern Fragen ganz zu geschweigen.

Es versteht sich von selbst, daß bei Beltoff's Erscheinen fast allen der Gedanke durch den Kopf ging, was wird Anton Antonowitsch dazu sagen? Aber Anton Antonowitsch war nicht der Mann, an den man so plötzlich die Frage richten konnte: Was halten Sie von Herrn Beltoff?

Weit entfernt. Er ließ sich sogar wie absichtlich (und es ist durchaus wahrscheinlich, daß es in der That absichtlich geschah) drei Tage nach einander weder am Whisttisch des Vicegouverneurs noch am Theetisch des Generals Chräschtschoff sehen.

Nun war der allerneugierigste und unternehmendste Mann in der Stadt ein gewisser Rath mit dem Annenorden im Knopfloch, den er mit so außerordentlicher Geschicklichkeit zu handhaben wußte, daß derselbe, wo er auch saß oder stand, von allen Punkten des Zimmers gesehen werden konnte. Dieser Träger des Sanct-Annenordens faßte den Entschluß, an einem Sonntage vom Gouverneur – bei welchem er an Sonn- und Festtagen nicht fehlen durfte – auf einen Augenblick nach der Kirche zu fahren, und falls er den Präsidenten dort nicht finden sollte, geradeswegs sich zu ihm in die Wohnung zu verfügen. Als der Rath an der Kirche ankam, fragte er den Polizeidiener:

»Ist der Schlitten des Präsidenten hier?«

»Nein, Herr Rath,« antwortete der Polizeidiener; »und der Herr Präsident dürfte auch wohl nicht kommen, denn soeben sah ich seinen Kutscher Pafnuschka in die Schenke gehen.«

Der letztere Umstand schien dem Rath von großer Wichtigkeit zu sein: Anton Antonowitsch wird doch nicht, dachte er, einspännig nach der Domkirche fahren, und wie sollte der Vorreiter Nikoschka die beiden Falben zu lenken verstehen!

Und so begab er sich nicht in die Kirche, sondern zum Präsidenten.

Der Präsident, der gar keinen Besuch erwartet hatte, saß in seinem Hauscostüm, das aus einer langen gestrickten Jacke, weiten Beinkleidern und Zeugstiefeln bestand. Er war nicht von hohem Wuchs, hatte aber breite Schultern und einen ungeheuren Kopf (der Geist will Raum haben); alle seine Gesichtszüge drückten eine gewisse Würde, eine Art Feierlichkeit und das Vollbewußtsein seiner Kraft aus. Er pflegte gedehnt, mit Nachdruck, kurz so zu reden, wie es einem Manne geziemt, der alle Fragen endgiltig entscheidet. Wenn jemand so keck war, ihn zu unterbrechen, so hielt er inne, wartete einen oder zwei Augenblicke und dann wiederholte er mit Nachdruck das letzte Wort und setzte seine Rede in demselben Geist, ganz in derselben Weise fort wie er sie angefangen. Widerspruch konnte er nicht vertragen, und es geschah auch niemals, daß er solchen von irgend jemand zu hören bekam, außer von Doctor Krupoff; den übrigen kam es gar nicht in den Sinn, mit ihm zu streiten, selbst wenn viele nicht mit ihm einverstanden waren.

Sogar der Gouverneur war endlich von den hervorragenden geistigen Eigenschaften des Präsidenten durchdrungen, und sagte von ihm, wie von einem ungewöhnlich klugen Manne:

»Ich bitte Sie, er dürfte nicht Präsident des Criminalgerichts sein, er könnte weit höher steigen. Welche Kenntnisse! Und dann, wenn man seine Vorträge anhört – ein wahrer Massillon! Er hat sich im Interesse des Dienstes manche Vortheile entgehen lassen, weil er einen großen Theil seiner Zeit der Lectüre und den Wissenschaften widmet.«

Also dieser Herr, der aus Liebe zu den Wissenschaften so viel geopfert, saß in der Jacke an seinem Schreibtisch. Nachdem er verschiedene Protokolle unterschrieben, wischte er die Feder ab, legte sie auf den Tisch, nahm von dem Bücherständer ein in Saffian gebundenes Buch, öffnete es und begann darin zu lesen. Allmählich verbreitete sich über sein Antlitz ein gewisser süßer Ausdruck der Befriedigung.

Aber das Lesen dauerte nicht lange, denn bald erschien der Rath mit dem Annenorden im Knopfloch.

»Bei Gott, ich war Ihretwegen in großer Unruhe. Da mache ich dem Gouverneur meine Sonntagsaufwartung und Sie, Anton Antonowitsch, sind nicht da. Gestern fehlten Sie beim Whist; an der Kirche war Ihr Schlitten nicht zu sehen; da denke ich, sollte er krank sein? Jeder Mensch kann ja krank werden... Was fehlt Ihnen denn? ... Bei Gott, ich war so in Unruhe!«

»Ich danke Ihnen ergebenst; aber Gott sei Dank habe ich mich über meine Gesundheit nicht zu beklagen: ich bitte Sie, verehrtester Herr Rath, nehmen Sie gefälligst Platz.«

»Ach, Anton Antonowitsch, ich glaube, ich habe Sie gestört ... Sie lasen ja wohl.«

»Hat nichts zu sagen, Verehrtester, hat nichts zu sagen; ich habe Zeit für die Musen und auch für meine guten Freunde.«

»Ich denke, Anton Antonowitsch, es giebt jetzt viel neue Bücher –«

»Die neuen Bücher,« unterbrach der Präsident den diplomatischen Rath, »mag ich nicht leiden; die neuen Bücher mag ich nicht leiden. Soeben las ich da zum hundertsten Mal die Duschenka, und ich versichere Ihnen aufrichtig, mit neuem, wunderbarem Genuß. Welche Leichtigkeit, welcher Witz! ... Ja, ja, Hippolyt Bogdanowitsch hat sein Talent niemandem vererbt.«

Und nun las der Präsident:

Der böse Neid, der stets urtheilet lieblos strenge,
Hat Augen eine Menge,
Und nimmt, was noch so dicht gehüllt in Schleier, wahr.
Ob ihren Schwestern auch es die Prinzessin hehlte,
Und einen Tag und zwei und drei sich also stellte,
Als müßt' ihr Gatte bald erscheinen offenbar.
Die Schwestern schwärzten ihn, dieweil er blieb verhüllet, –
Was kann mit ihren Ränken
Die Mißgunst nicht erdenken!
Er sei, so sagten sie, furchtbar und wutherfüllet ...

»Das ist,« unterbrach ihn der Rath, »das ist genau Wort für Wort so, wie jetzt bei uns über den Reisenden gesprochen wird, der unsere Stadt besucht; welches Vergnügen die Leute doch am Klatsch haben.«

Der Präsident sah ihn strenge an und fuhr fort, als hätte er nichts gesehen oder gehört:

Er war, so sagten sie, fruchtbar und wutherfüllet,
Ein Ungeheuer sei der Gatte Duschenka's.
Und der Verschwiegenheit Gebot sie jetzt vergaß:
War es der Schwestern Schuld und mußt es so geschehen,
War's Duschenka's Vergehen –
Sie eilte zu gestehen,
Daß einem Schatten sie sich liebend anvermählte.
Auch wann er zu ihr kam, den Schwestern sie erzählte,
Und alles, was geschah, beschrieb sie da aufs Haar.
Nur eines war ihr selbst nicht klar:
Was wohl ihr Gatte sei und was sie aus ihm mache,
Ob es ein Zauberer, ein Gott, ein Geist, ein Drache.Nach Wolfsohn.

»Das ist eine Dichtung, nicht leeres Wortgeklingel, nein, eine Dichtung voll Herz und Seele. Ich, mein verehrtester Herr Rath, verstehe die neuen Dichter nicht, Wassili Andrejewitsch Schukowski so wenig wie die anderen – sei es, daß mein Fassungsvermögen zu gering ist, sei es, daß es mir an moderner Bildung gebricht.«

Der Rath, der Zeit seines Lebens nichts anderes gelesen hatte, als die Resolutionen der Gouvernementsbehörde und auch davon nur die seiner Abtheilung – bei den anderen hielt er sich schon aus Zartgefühl verpflichtet zu unterschreiben, ohne die Akten gelesen zu haben – bemerkte:

»Ohne Zweifel, doch glaube ich, die Herren, welche aus der Residenz kommen, denken anders darüber.«

»Was gehen uns die an!« antwortete der Präsident; »ich weiß sehr wohl, daß alle jetzt erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften den Puschkin loben; gelesen habe ich ihn nicht; glatte Verse, aber ohne Gedanken, ohne Empfindung, und für mich ist alles Hohlheit, wenn hier nichts ist.« (Hier zeigte er irrtümlicherweise auf die rechte Seite der Brust.)

»Auch ich lese sehr gern,« fuhr der Rath fort, dem es gar nicht gelingen wollte, das Gesprächsthema an sich zu reißen; »aber ich habe gar keine Zeit dazu. Morgens hockt man über den verwünschten Akten; die Amtspflichten gewähren Geist und Herz wahrlich wenig Nahrung; des Abends sitzt man beim Boston oder Whist.«

»Wer Lust zum Lesen hat,« versetzte mit zurückhaltendem Lächeln der Präsident, »der wird nicht jeden Abend am Kartentisch sitzen.«

»Natürlich nicht; so z. B. behauptet man von diesem Beltoff, daß er nie eine Karte in die Hand nehme, sondern immer lese.«

Der Präsident schwieg.

»Sie haben wahrscheinlich von seiner Ankunft gehört?«

»Ich hörte so etwas der Art,« entgegnete gleichgiltig der philosophische Richter.

»Man behauptet, er sei schrecklich gelehrt; das wäre Ihr Mann; ja, wahrhaftig, er soll sogar Italienisch verstehen.«

»Wie können wir uns ihm gleichstellen,« erwiderte der Präsident im Gefühl seines eigenen Werthes; »wie können wir uns ihm gleichstellen! Wir haben von Herrn Beltoff gehört: er war im Auslande und hat in den Ministerien gedient; wie können wir Bären aus der Provinz uns mit ihm vergleichen! Uebrigens wollen wir sehen. Ich habe nicht die Ehre ihn persönlich zu kennen, er hat mich nicht besucht.«

»Er war auch nicht bei Sr. Excellenz, und ist doch, glaube ich, schon vor fünf Tagen hier angekommen. – Ganz recht, heute Mittag werden's fünf Tage. Ich speiste mit Maxim Iwanowitsch beim Polizeimeister zu Mittag und erinnere mich, als wär's heute gewesen – wir waren gerade beim Pudding, da hörten wir das Postglöckchen: Maxim Iwanowitsch – Sie kennen ja seine Schwäche – konnte nicht an sich halten: Liebe Wera Wassiljewna, verzeihen Sie, und damit lief er ans Fenster und rief plötzlich aus: Ein sechsspänniger Wagen, und was für ein Wagen! Ich trete ebenfalls ans Fenster: richtig, ein sechsspänniger ausgezeichneter Wagen. Bei Gott, JoachimEin Petersburger Wagenbauer. muß ihn gebaut haben. Der Polizeimeister fragte sofort den Unteroffizier. »Beltoff aus Petersburg« hieß es.«

»Mir, ich muß es offen gestehen,« begann der Präsident etwas geheimnisvoll, »hat dieser Herr etwas Verdächtiges: entweder hat er alles verschwendet, steht mit der Polizei in Verbindung oder selbst unter Polizeiaufsicht. Ich bitte Sie, kommt einer 900 Werst zu den Wahlen daher gefahren, wenn er 3000 Seelen besitzt!«

»Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Ich gestehe, ich gäbe viel darum, wenn Sie ihn sehen könnten; Sie sind sofort darüber im Klaren, wie die Dinge stehen. Gestern nach dem Essen ging ich spazieren, Semen Iwanowitsch hat's mir meiner Gesundheit wegen vorgeschrieben, da kam ich ein paarmal am Gasthofe vorbei; plötzlich tritt ein junger Mann in den Hausflur; ich glaubte, er sei es und fragte den Kellner; das sei sein Kammerdiener, sagte er; er war wie unsereins gekleidet; war gar nicht zu erkennen, daß es ein Diener sei ... Ach, mein Gott, an Ihrem Haus hält ein Wagen!«

»Na, wundert Sie das?« entgegnete stoisch der Präsident; »mich besuchen sehr oft gute Bekannte.«

»Ja, aber vielleicht –«

In diesem Augenblicke trat ein dickes, rothwangiges Stubenmädchen in tiefem Negligé ins Zimmer und sagte:

»Da ist ein Herr, ein Gutsbesitzer, den ich noch nie gesehen habe, soll ich ihn hereinlassen?«

»Gieb mir meinen Schlafrock und sage, ich lasse bitten ...«

Etwas wie ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, als er sich seinen seidenen Schlafrock von unbestimmter Farbe anzog. Der Rath stand vom Stuhl auf; er war in heftiger Aufregung.

Ein Mann von 30 Jahren, anständig wenn auch einfach gekleidet, trat herein und machte dem Herrn vom Hause eine höfliche Verbeugung. Er war schlank, hager, und auf seinem Gesicht paarte sich seltsam ein gutmüthiger Blick mit einem spöttischen Zug um die Lippen; der Ausdruck eines gesetzten Mannes mit dem eines verzogenen Kindes. Es zeigte die Spuren langen, bitteren Nachdenkens und zugleich die Spur von Leidenschaften, welche noch nicht gebändigt zu sein schienen.

Der Präsident erhob sich, ohne seiner Würde das Geringste zu vergeben, von seinem Stuhl, nahm eine Miene an, als wollte er seinem Besuch entgegengehen, blieb aber auf derselben Stelle stehen.

»Ich bin der Gutsbesitzer Beltoff hier aus der Umgegend; ich bin hierher zu den Wahlen gekommen und habe es für meine Pflicht gehalten, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

»Außerordentlich erfreut,« sprach der Präsident; »außerordentlich erfreut und bitte ergebenst, mein geehrter Herr, Platz zu nehmen.«

Alle setzten sich.

»Sind Sie schon lange hier?«

»Seit fünf Tagen!«

»Und woher kommen Sie?«

»Aus Petersburg.«

»Nun, da muß Ihnen nach dem hauptstädtischen Lärm das eintönige Leben einer kleinen Provinzialstadt sehr langweilig vorkommen.«

»Das wüßte ich nicht; wirklich, das kann ich nicht sagen; ich habe es in großen Städten sehr langweilig gefunden.«

Lassen wir auf einige Augenblicke oder auf einige Seiten den Präsidenten und den Rath allein, der, seit er den Annenorden im Knopfloch hatte, noch niemals so entzückt gewesen wie heute: er verschlang den Fremden förmlich mit Herz und Geist, mit Aug' und Ohr; er sah ihm alles ab – auch das, daß seine Weste nicht bis auf den letzten Knopf zugemacht war, und daß in der unteren Zahnreihe an der rechten Seite ein Zahn fehlte u. s. w. Aber überlassen wir die Herren sich selbst, und beschäftigen wir uns wie die Bewohner von N. ausschließlich mit dem seltsamen Gaste.

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