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Weltreise eines Deutschen

Alfons Paquet: Weltreise eines Deutschen - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleWeltreise eines Deutschen
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectid64517c33
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Lotteriegewinn

Aber die Lotterien geben heute als Gewinne neben Häusern, Bargeld oder Silberschmuck ein Dampferbillett, eine Weltreise im Werte von zwanzigtausend Mark, Taschengeld einbegriffen. Es ist plötzlich als fiele ein schmaler Lichtstrahl durch einen großen dichten Vorhang. Das junge Mädchen auf der Elektrischen trägt in ihrer kleinen Geldtasche statt eines Silberstückes das Lotterielos: das Lotterielos liegt unter einem Kopfkissen. Jener heimliche Bücherleser da, der tagsüber die Registratur der Bankfiliale in Ordnung hält, hat die Absicht, das Los zu gewinnen. Er befindet sich in zahlreicher Gesellschaft. Diese Gesellschaft kennt sich selber nicht, sie ist wie eine Radiogemeinde, jeder hört dieselben Töne. Einer an seinem Schreibtisch, die Zigarre im Munde, schaut zerstreut dabei auf die Bretterzäune einer Großstadtstraße. Der andere steht am offenen Fenster in ländlicher Einsamkeit mit Heugeruch und Sternen überm Wald, und das Weltall tönt ihm in Noten von Mozart.

Aber das Bild der Weltreise haben alle, der Lehrling, der hinterm Ladentisch an das Fußballspiel von gestern denkt, und der Kassenarzt, der nach beendeter Sprechstunde die knarrenden Treppen zu irgendeinem Kranken hinaufsteigt. Alle sehen einen Augenblick auf die nächste leere Kalkwand, da spiegelt sich auf einmal das Meer als eine durchsichtige Fläche mit blaugrünen Schatten und lustigen, sehr hellblauen Streifen, Schiffe sind darüber ausgestreut wie Späne, am deutlichsten ein Schiff mit hochaufgerichteten schwarzen Wänden, zugespitzt wie ein Keil, auf der hellen ellipsenförmigen Fläche des Decks mit den stählernen Pfahlmasten das breite dreistöckige vielfenstrige weiße Haus. – Was sag ich? Eine Stadt mit Straßen, Terrassen, Türen, Gängen, Salons, Treppen und Küchen. Ein flacher gläserner Deckel darüber und ein paar Dutzend Ventilatoren, die aufrechtstehenden Tabakspfeifen gleichen, mit runden kugeligen Köpfen und ewig geöffneten roten Mäulern. Und noch höher die drei Säulen der mächtigen gelben Schornsteine mit den blauen Ringen, aus denen der fette schwarze Rauch unablässig wie ein dünner Zopf hinwegfließt.

Und am Horizont, wie eine Vision, schöner, schwebender, aufweckender als irgendein Plakat, die Erdkugel, blau wie eine chinesische Vase. An der linken Seite hängt Afrika traubenförmig herunter, darüber das andere größere Festland, angebissen wie ein Kuchen, von Umriß wie die dämmernde Silhouette der Bremer Stadtmusikanten, ein Tier über dem andern mit dem Hahn obendrauf und einem schmalen, zum Nordrand Afrikas ausgestreckten Köpfchen; Asien mit dem kleinen, zerklüfteten Europa. Und nun an den Zipfeln und Ecken dieses Festlandes aufgehängt wie eine Girlande: die Weltreise! Wie ein Faden, lang herausgezogen aus dem Spinnennetz der Schienenwege, die Bahn, die über die Breite des ganzen Festlandes gelegt ist bis an das Gelbe Meer! Wie ein Strich von funkelndem Kielwasser, der sich durch die überhell besonnten Tropen zieht und sich in das Schwarzblau des Stillen Ozeans hinüberbiegt, der schmale klare Schiffsweg!

Ist es ein Filmstreifen, der abrollt? Meinetwegen! Es ist ein Film für die Augen, aber auch für die Haut; glühende Sonne, kühle Brisen, dampfende Seeluft. Ein Film für die Ohren, zusammengesetzt aus dem Rasseln der Ankerketten, dem Poltern der Landungstreppen, dem leisen festen Knarren des fahrenden Schiffes, dem ewigen Geräusch des Meeres, dem verborgenen Stampfen der Maschinen, dem Plätschern von Gesprächen an der Reling und von Musik im Salon, dem wahnsinnigen Geschrei der Häfen, der Baßmusik der Schiffssirenen in den Mastenwäldern, dem Trommeln, Rasseln und Gequietsche phantastischer, zauberhafter, rätselhaft bunter Umzüge an Land, dem Rasseln, Schnauben und Pfeifen kleiner Schmalspurbahnen, die »ins Innere« enteilen. Ausflüge von Bombay zu den strahlenden Bauwerken verschollener Großmogule, Ausflüge in die Felder und Gummibaumwälder hinter Singapur, das traumhaft farbige Madras, Batavia mit der großblätterigen blumenglühenden geheimnislosen Wildnis des Gartens von Buitenzorg mit ihren sprudelnden Flüssen. Kanton mit zehntausend hölzernen Booten auf dem Fluß, mit wimmelnden, goldstrotzenden, schmierigen, von halbnackten Menschen wie von Maden wimmelnden Gassen, mit den Augen, Gebärden, Stirnen dieser gelben Menschen, die Feen, Genien und Dämonen beherbergen. Üppig verzierte neunstöckige Pagodenpyramiden. Mönchische Bäume über klaren Weihern mit spielenden Karpfen und zahmen Schildkröten. Rotlackierte Tempel mit unverständlichen Geräten und figurinenhaften Dienern. Eine Reise an der gewaltigen Fassade einer Welt vorüber, die seit Jahrtausenden lärmt, baut, seufzt, stirbt, musiziert, ihre Trommeln schlägt und Kunststücke übt, mit abgewandten unerforschlichen Hintergründen. Und hinter dem Reisenden die aufmerksam korrekte, schmucklose, sprachlose Bereitschaft der braunen, gelben Diener und Angestellten; – zuviel Gesichter, als daß sie haften könnten! Zuviel Verse zum Behalten! Zwischen tausend höflichen, ernsten, lächelnden Mienen, zwischen funkelnden, noblen, gemeinen, geilen Gesichtern ein Rausch der Einzigartigkeit! Ein Rausch der Zugehörigkeit zu der Rasse, die das Glück erfunden hat und glaubt, es in einem Nippen an dem großen Rauschtrank zu fassen.

Bewußt und abweisend steht das schwarze hohe Schiff mit dem weißen Deckhaus zwischen den anderen kleineren, verwitterten Dampfern, den Seglerflotten der fremden Häfen, über den von Auswanderern und Arbeitern wimmelnden Molen. Fremde Schriftzeichen, Signale, Gestalten, Schleier, Tücher über lockenden Gliedern, Gongschläge und Gezirp aus überfüllten, brüllenden Theatern, Klirren, Schellen und Warnungsschreie in übervölkerten, von Staubwolken überfegten, von schaukelnden Fahnen, Schildern und Quasten eingerahmten Gassen, fremde schweigsame Soldaten, deren Haltung Kraft, Gehorsam und Strenge ausdrückt, Wildnisse der Hafengassen und Paradiese der Parks und der von Wassertropfen funkelnden Gärten um die luftigen Wohnhäuser an Bergabhängen! Und als Heimat das Schiff, das Küsten entdeckt und sie berührt, als ob es jedesmal gelte, eine wichtige Botschaft auszurichten, und sie jedesmal wieder verläßt, um in den Horizont wie eine Ente unterzutauchen. Stille große Glanzlandschaften mit ihren Segeln wie Frauengestalten in weißen Gewändern. Gewaltige Blumenlieblichkeit von Hawai. Und zuletzt die aufpeitschenden Pfiffe, Glocken und Hupen, Expreßgeschwindigkeiten, Luftigkeiten, Prärien, Städte, Lichtertürme, metallfunkelnden Dinge in dem großen winterkalten Amerika.

Ja, es ist eine mächtig lebendige Sache, den Planeten auf dieser Prachtstraße zu umfahren, ohne Seitenwege, so wie einst die Kaiserin Katharina mit ihrem Impresario, dem unsterblichen Schmeichler Potemkin, das gewaltige öde Rußland bereiste, überall begrüßt von lachenden Bauern, von bunten wohlgeübten Sängerchören, von ungeduldig scharrenden Postpferden. Drei Monate herausgehoben sein aus dem Gedränge! Drei Monate diese Welt, diese Straße der Wirklichkeiten einmal von der anderen Seite zu sehen, von der gutmütig gefügigen Seite, als lauter Herrlichkeit und Ordnung, als ein liebes Tier, das seine Elefantenkräfte zu unterwürfigen Kunststücken darbietet.

Phantastische Möglichkeit der Lotterie, daß dieses Ganze, dieser Gewinn auf Menschen treffen könnte, die sich mit einer unabgestumpften Kraft des Erlebens, ohne Übergang, dem Ungewöhnlichen, Zauberhaften hingeben. Zuerst werden sie niedergeschmettert sein wie von einem Blitz, dann mit dem Zaubermantel jäh herausgerissen aus den Grauheiten ihres Alltags, aus der Provinzstadt, aus verstaubten Laubwäldern, aus dem säuerlichen Duft von Äpfelwein. Vielleicht wird es die gewaltigste, nie wieder auszulöschende Erschütterung eines schon auf Verzicht gestellten Lebens, diese Reise auf dem Luxusschiff, das den Landmenschen von der Enge, der Notdürftigkeit, dem Unbehagen der Seefahrt auf kleinen, ärmeren Schiffen nichts ahnen läßt. In den breiten weißlackierten Gängen stößt der Fuß des Bewohners nicht an die Schaufel des Heizers, an die Wasserkranen oder Heizkörper, der Kopf des Gastes kommt nicht mit Ventilatoren oder Schaltkästen in Berührung, sein Messingbett steht breit im geräumigen Schlafzimmer, er wäscht sich am alabasternen Waschtisch, badet und turnt in der gläsernen Halle, auf seinem Eßtisch duften die fremdartigen wächsernen Blumen. Über allen Ungetümen und Abgründen der Erde und des Meeres, im heißen Hauch der tropischen Nächte schwebt der Wintergarten des Schiffs, umkränzt von Lichterschnüren. Die jungen Leute wollen tanzen? Der Teppich ist im Nu zusammengerollt und beiseite. Und das Schweben des Schiffs und der Jugend verschmilzt und steigert sich ins Unbegreifliche.

Was für Träume! Wieviel einfacher, nüchterner ist auch hier die Erfüllung. Wie mühsam gedeiht sie endlich, in wieviel Absätzen, Rückschlägen, Verzögerungen, aus wieviel Stückwerk, bis sie endlich aufwächst zum Erlebnis von Generationen.

Aber wir Binnenmenschen, die den küstenreichen, weit ins Meer ausgestreckten Teil der alten Welt bewohnen, kämpfen um den Zugang zur Weite. Alle unsere Bahnen sind wie Flugstrecken zu den Küsten. Unsere Räder führen alle dahin, wo die Schiffe warten, um den großen Anlauf in sich aufzunehmen.

Und wir werden nicht ruhen, bis wir in Jahrhunderten unsere Bestimmung erreicht haben, Seevölker zu sein. Bis wir seemäßig, frei, überallhin beweglich, ungehemmt und ungesondert leben wie der Wasserkörper, der die Erde umgibt. In dieser Entwicklungsrichtung schlummern unsere besten Kräfte. Wir sind die Vorläufer unausdenkbarer Künftigheiten!

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