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Weltreise eines Deutschen

Alfons Paquet: Weltreise eines Deutschen - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleWeltreise eines Deutschen
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectid64517c33
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Goethes Vaterstadt

Die Verwandlung

Goethe fand 1814 seine Vaterstadt Frankfurt, die freie Reichsstadt, sehr geschäftig und zerstreuend geworden; sie hatte schon vierzigtausend Einwohner. Um 1876 waren es doppelt so viele, heute sind es vierhunderttausend mehr. Lebendiges Fleisch, das wohnen und sich regen will, ist dem alten Gemeinwesen zugewachsen, namenlos und ohne Maß, ein Zustrom, magnetisch hergelockt von jungen, spät gegründeten Industrien. Die alte Stadtrepublik, regiert von einem eigensinnigen und verwöhnten Patriziat, endete 1866 mit dem Bürgermeister, der sich aus Gram über das soldatische Gesicht seiner Zeit in seinem Garten erhängte. Es kam eine neue Zeit. Aus den Dörfern, den Bischofsstädten und Kleinresidenzen der Rhön und des Maintales, aus den Landschaften des Westerwaldes, der Pfalz und der Bergstraße, bis an die unsichtbare Einflußgrenze des weithinwirkenden Mannheim, begann das Volk dieser Stadt sich zu ergänzen. Die ins Gefäß der Stadt geschüttete Masse beginnt sich aufzuschichten. Zehntausende von Tagelöhnern, Arbeitern, kleinen Beamten und Geschäftsleuten bilden den neuen Boden mit ihren katholischen, sozialistischen, sportlichen Missionierungen, Vereinen und Parteien; die Massenquartiere, Arbeiterkolonien, Trambahnen, Schulen, Fabriken, Krankenhäuser schnüren um die empfindliche Bürgerstadt den breiten proletarischen Gürtel und durchsetzen ihre Arbeitsstätten und das Leben der Straßen mit einem scharfen Nachwuchs; an den Sonntagen brandet aus den Bahnhöfen die breite Menschenwelle durchs Gebüsch der Taunuswälder und zersplittert Glas und Stöcke an den Felsdenkmälern dieser Höhen. Hier ist, wie an wenigen Orten Europas, der Rohstoff einer noch ungestalteten, aber von nachwirkenden Überlieferungen zur Herrschaft angeleiteten Macht des Volkwesens.

Der Kern der Stadt ist von Durchbrüchen zerrissen. Die einfachen breiten Fronten der alten Bürgerhäuser, deren Giebel schwer und schmucklos überhängen, stehen in der Brandung der Reklamen; die oberen Stockwerke schweben, die unteren sind Fensterscheiben der Abzahlungsgeschäfte, Fischhandlungen, Bierwirtschaften und Kinos geworden, ein Sieb der hinströmenden Menge. Verstümmelte Gassen bergen in ihrem Halbdunkel die mittelalterlichen Pilgerhöfe, Zunftstuben und Stapelhäuser, breite vergessene Torfahrten, die von armseligen Mietsparteien zu Ende gewohnten Paläste der Stadtgeschlechter, die zu Speichern und Turnhallen gewordenen Kirchen der ältesten Parochien, Kreuzgewölbe der entschwundenen Predigerorden, Skapulierbruderschaften und barmherzigen Frauen, kahlgewordene Wände, deren Bilder in die Totenkammern der Museen gerettet sind, abgeschliffene Platten des Bodens, unter denen die früheren Stadtherren modern. Niemand gedenkt mehr des Ghettos von Köln, von Speyer und von Basel; von dem Frankfurter lebt freiwillig ein Nachhall in den Straßen des Ostends und des Fischerfeldes, noch dringen hier aus den armseligen Lesestuben Stimmen, die an die Schulen von Kairo erinnern. Diese Kleinbürgerstraßen, diese klassizistischen Fronten mit den runden Torgängen und dem Geruch der Weinkeller bieten am Samstag mit ihren geputzten Kindern, ihren Zylinderhüten und Schläfenlocken den alten kultischen Kontrast zu dem Werktag ringsum.

Ein Jahrzehnt genügte, um die Zeil zu zerstören, eine der nobelsten und großartigsten Stadtstraßen des älteren Deutschland. Die Bauten der Barockzeit, in denen sich die Stadt einmal zu erneuern strebte, sind am stärksten überrannt worden; das alte Bundespalais, einst erbaut für den Reichspostmeister Prinzen Thurn und Taxis, ist in das krasse Steinwerk der Reichspost eingemauert, der Peterskirchhof geräumt, die Senckenbergische Anatomie verwüstet. Aber man wird den Verfall des Deutschordenshauses am Sachsenhäuser Ufer, dieses prächtigen Bauwerks, dem der Rückzug Österreichs aus der deutschen Geschichte zum Schicksal wurde, zum Stillstand bringen; auch jenes Bundespalais, das einmal in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Zentrum der deutschen Politik gewesen ist, lebt noch, auch wenn es in seinen gravitätisch prächtigen Sälen nur die bunt ausgefüllten Schränke des Völkermuseums, die Chinasammlungen, die Abklatsche afrikanischer Felsbilder enthält. Über das Mainufer, das einst die fliederbeschatteten Reste der Stadtmauer ins Ländliche führte, ist jetzt zwischen scharf geschnittenen steinernen Hafenbecken der Strich des Güterbahngleises gezogen. Die Kraft und Planung der Stadt hat sich eine Zeitlang ganz vom Flusse fortgewendet in den Bau der Industrieviertel, der Eisenbahndämme, der Großhandelsstraßen mit ihren Dreadnoughtfassaden, der Direktionspaläste mit ihren überhoch ummauerten Höfen, der weither geführten Wasserleitungen mit ihren an den Stadtrand gelegten und dem Blick entzogenen Teichen. Alte Warttürme dienen als Lüftungsschächte für den Dunst der unterirdischen Kanäle. Auf der Landstraße des Vorgeländes, die gestampfter Schutt ist, jagte ein schwarzes Automobil stadtwärts; drinnen, einsam wie in einer Klosterzelle, ein weißbärtiger Herr, der wie ein höheres Wesen erschien durch die fliegende Beförderungsart, die hinter der Glasscheibe das kluge Greisengesicht wie eine Vision davonführte. Das war in der Zeit der großen Umwandlung unter der Verwaltung des Oberbürgermeisters Adickes, des Hannoveraners, an den noch ein Turm des neuen, dem Römer angebauten Rathausbaues, der »lange Franz« erinnert. Kein Klagelied, doch so war es; vieles von den Zerstörungen war notwendig, anderes nicht. Irgendwo im Rausch des Lebensgefühles um neunzehnhundert glänzte ein undeutbares Ziel. Vielleicht an den Regentagen blickte einer durchs Fenster auf die nasse Straße hinunter, den Fuß auf den Stuhl gestellt, die Zigarre im Munde, Falten im Gesicht. Nun ist es überstanden.

Neuer Stadtleib

Vieles hat der Umbau, hat die Schaffung neuer Räume im Stadtbild und die Füllung alter Raumfreiheiten in der Stadt verändert, Straßenzüge haben sich gespalten, andere sind zusammengeflossen; in die Masse der Dächer fügten sich die kleinen Nachbarorte. Aber die Gebirgslinie in der Ferne ist Beruhigung wie immer, und die Altstadt am Fluß ist noch heute das Entzücken der Künstler, die von ihrer Werkstatt kommen und über die Brücke spazieren. Ein wenig zur Seite gerückt in der Front des Mainbildes ragt der Turm des Domes mit der sanft im Geäst sich schließenden Spitze, Höhe ohne Starrheit und Verarmen. Für den Reisenden, der im Schnellzug nach durchfahrener Nacht den Mantel knöpft, ist dieser stolze Wipfel des Pfarrturmes über den Rotsandsteinecken und den Fensterreihen der Häuser am Mainufer noch immer, wie für die Kaiser, die hierherkamen, um sich krönen zu lassen, das Sinnbild der Begegnung Süddeutschlands mit dem deutschen Norden.

Dem letzten Kaiser, der schon nicht mehr das Symbol eines majestätischen alten Deutschland war, bereitete einst das reiche, moderne Frankfurt die Huldigung in der glasüberwölbten Festhalle, im fleischfarbenen Gewimmel der Köpfe, im Schwarzweiß eines befrackten Sängerfestes von glänzendem hohlem Schall. Ist nicht diese Stadt doch immer der Angelpunkt, die feste Pforte des Reiches gewesen? War nicht für Bismarck, den preußischen Gesandten, der hier ein paar Jahre lebte, Frankfurt ein Ort der Qual, doch auch der inneren Schulung zu dem Werk des preußisch-deutschen Baues, so wie einst für Friedrich die Küstriner Gefangenschaft? An der Mündung des Mains, der stark genug daherfließt, um selbst den Rhein auf ein Stück in seinen Weg zu zwingen, teilt sich die Linie des Rheins in die beiden nach Norden weisenden Senken; die eine setzt sich am Strome fort, die trockene weist nach Hamburg, sie bildet die dichteste Reihe der Hochschulen in ganz Europa. Um den bedeutenden Landstrich der fränkischen Erde, in dessen Mitte Frankfurt liegt, wandelten die Sitze der Reichsmacht wie die Monde um den Planeten; das alte Worms, das üppige Mainz, das mächtige Köln und Aachen, das strenge Goslar, das goldene Augsburg, das fernwinkende stolze Wien, das befehlende Berlin drückten Frankfurt niemals zu den Schatten nieder. Städte, die einst mit Frankfurt wetteiferten, sind in den Hintergrund getreten. Jüngere, größere Städte als Frankfurt, sichtbarer an Weltgeschehen, werden von bedrohlicheren Wandlungen ergriffen. Das Frankfurt der Bankhäuser und der Zeitungen, die für seine Interessen typisch sind, das vom proletarisch kleinbürgerlichen Gürtel eingeschlossene, von den Dämpfen der Industrien umlagerte Frankfurt vollzog an sich selbst den Umschwung in einen neuen Charakter; unzerstörbar in seinem Wesensausdruck, findet es sich wieder in der Reihe jener neuen Städte mit den alten Namen, die ihren Zusammenhang verstärken, mit Rotterdam, Köln und Basel. Frankfurt war Großstadt durch seine Beziehung zu den weltbestimmenden Dingen, als noch die enggestellte Schar seiner Häuser im Kranz von elf Bastionen Platz fand. Ohne jemals der Sitz einer Dynastie gewesen zu sein, hat diese Stadt mehr politisches Getriebe in ihren Mauern gesehen als irgendeine Stadt des alten Festlands. Sie hat Kriege überdauert, ohne zerstört zu werden, sie war Wechselplatz und sammelte ihren Reichtum im Wechsel der Epochen. Es gab unter den Menschen dieser Stadt nicht nur die eine Goethesche Natur, die in ihrem Innern die Weite einer Welt zu bändigen vermochte, und unter den Gelehrten des Geldes nicht nur die Rothschilds. Europäische Veränderungen haben die Bedeutung des Rheintales geändert, das Rheintal war einst der Weg der römischen Bildung in den Norden und Frankfurt der Schauplatz eines majestätischen Getriebes. Das ganze Rheinland beginnt heute als die Verbindung des Weltmeeres mit dem Binnenlande verstanden zu werden. An dieser großen, jetzt nordsüdlich gerichteten Kulturstraße tut Frankfurt seinen Dienst. Im Absterben der Messe und des großen Bücherhandels, im Verfall des Reiches, im Aufstieg des kapitalistischen Zeitalters retteten Kaufleute durch ihre Geschicklichkeit, Bankherren durch ihre Fürsprache, Dichter durch die inneren Kräfte dieses Bodens immer wieder der Stadt ihre Freiheit. Als die Frankfurter Börse aufhörte, die wichtigste des Festlandes zu sein, hielten neue Formen des Fernhandels, des Metallgeschäftes, der Industriebeteiligung, zuletzt die eigenen Industrien die Bedeutung der Handelsstadt auf breiteren Feldern lebendig. Von seiner vielseitigen und überragenden Bedeutung für das Buchgewerbe ist Frankfurt herabgestiegen, aber seine starkbeschäftigten Schriftgießereien, die bis nach Spanien und Rußland liefern, gehen auf das mittelalterliche Frankfurt zurück, das den Druckern bis nach Amsterdam und Venedig seine schöngeschnittenen Bleibuchstaben sandte. Man hat eine neue Messe gegründet; dieses Wiedererstehen der Messe rechtfertigte das Erinnern an die alte, die durch Jahrhunderte aus dem juristischen Vorzug des kaiserlichen Privilegs neben dem geographischen ihre Gewinne zog. Die werkbundmäßigen Gebäude dieser Messe, ihre Plätze, Hallen und Säulengänge begannen dem Gesicht der Stadt einen neuen Zug einzufügen, dessen Geheimnis der Wettstreit der schwarzen und der weißen Kohle ist; Frankfurt liegt auch hier auf der Linie des Überganges.

Der Main

Diese Stadt wendet ihr Gesicht wieder zu dem Flusse, den sie während eines Menschenalters vergessen hatte. Auf ihre alte Brücke setzte sie im Vormärz das Standbild Karls des Großen als einen Ausdruck der Sehnsucht nach dem Reich, die dem Ausbruch von 1848 voranging. Frankfurt diente dem Reich, das noch nicht war, als es in der Paulskirche der buntesten, gedankenreichsten aller bis dahin auf deutschem Boden gewesenen Versammlungen von Vertretern aller deutschen Völker ein Dach bot. Damals sandten alle die stolzen und vielgestaltigen Landschaften, die den innereuropäischen Zusammenhang im deutschen Wort empfanden, ihre Boten nach Frankfurt, um hier die Zukunft zu befragen. Diese frühe Stunde gebar zunächst noch traumhaft, zögernd und unterdrückbar den Gedanken, in der deutschen Republik die Form der Schweizer Eidgenossenschaft, der alten rheinischen Städtebünde und der Hansa als den Weg für das werdende Reich zu übernehmen.

Die alte Mainbrücke ist eine Betonung des geordneten Flußüberganges, der einst für das Reich so wichtig war wie die Stadt selber. Sie war ein Sinnbild der Vereinigung des Südens mit dem Norden. Das Schwergewicht der Gewalten lag im Süden, doch die Reibung und Begegnung mit dem Norden verlangte den Treffpunkt. Für diese steinerne Brücke, deren Bau ein frommes Werk war, sammelten die Bischöfe bis nach Italien hinein. Die Länge dieser Brücke war die größte Breite des Flusses auf seinem ganzen Lauf; nach Osten hin war sie ein Abschluß, anzusehen wie das Ende eines Sees. Wohl schlüpften Flöße und Kähne durch ihre Gewölbe und mischten das Ländliche von den Wäldern, Steinbrüchen, Getreidefeldern und Weinbergen Frankens in die festen Auswirkungen des Rheins am Gestade vor dem Saalhof, dem ältesten Ansatz der reichsstädtischen Bedeutung. Heute steht über dem schmäler gewordenen, hoch eingemauerten Fluß die neue Brücke mit ihren breiter gezogenen Bogen in ihrem kühlen bläulichen Rot. Die Brücke und die Türme des Domes, die alten Nachbarn aus dem gleichen Sandstein vom Spessart, geben wieder dem Stadtbild bei schräger Sonne vor den fernen blauen Buckeln des Taunus die Glut und die Farbe, die viele Maler verherrlicht haben. Und hier bei der Brücke, deren Baubestandteile zehn Jahre lang neben Schiffsankern und Eisenröhren am Ufer des Flusses wie eine riesige Steinmetzwerkstatt aufgeschichtet waren, setzen die alten Perspektiven wieder ein: die eine den Fluß hinab, die andere hinauf den glänzenden und vielgewundenen Flußweg, der aus vierzig Gewässern zusammenrinnt. Der Main endet nicht mehr in Bächen und Quellen, seit für den Kanal zur Donau hier der Spaten angesetzt wurde. In Zukunft werden die Schiffe, die vom fernen Flandern, vom Elsaß und von der Schweiz den Weg nach Frankfurt finden, nicht umzukehren brauchen wie einst. Sie werden durch diese Bogen hindurch mit jungen, sommerglühenden Ländern bis zum Schwarzen Meer hin Schiffahrt treiben. Der Fluß mit seinen blinkenden Wasserstufen in den klar geschnittenen Ufern schließt das Land weit auf, er öffnet die ungeheueren Horizonte. Es ist der Horizont des Rheintales bis hin zur Nordsee, in deren äußerster Ferne die Weltstädte der atlantischen Inseln und des Randes von Amerika dämmern. Und es ist zur Morgenseite der Horizont bis hin zu den Mündungen der Donau, von denen jenseits der dunkelblauen weißschäumenden Meeresfläche die alten Felsenstraßen nach Persien führen. Der Saumpfad und das alte hölzerne Mainboot sind vergessen, die von Motoren gezogenen Kähne rollen wie Weberschiffchen einander im großen Binnenverkehr des Erdteiles entgegen. Wie früher eilen die Füße und die Räder quer über diese Wasserstraße. Der vertraute, doch in seiner Einzigkeit unverbrauchte Übergang zwischen Süden und Norden kreuzt die noch unerschlossene Westostverbindung. Hier ist einer der Punkte in Europa, wo die Himmelsrichtungen selber sichtbar werden.

Flug nach Nürnberg

Gestern morgen flog ich nach Fürth. Als ich mittags in Nürnberg spazieren gegangen, vor derselben Halle, bei der ich niedergestiegen, auch wieder in die Luft hinaufgeflogen war und am Nachmittag über die Zeil ging, merkte ich, daß ich ein Märchen mit mir herumtrug. Und als am Abend in Ginnheim einer beim Äpfelwein eine illustrierte amerikanische Zeitschrift herauszog und das Geschwader der Weltflieger zeigte, das jetzt um diesen Planeten herum unterwegs ist, wobei dann ein anderer bemerkte, daß er doch einmal was von geschlossenen Flugzeugen gehört habe, konnte ich natürlich mitteilen, daß ich erst heute in einem geschlossenen geflogen sei.

Es ist sehr nett, plötzlich um den Kopf etwas vom Nimbus des Abenteurers und des Fachmannes zugleich zu haben. Ich gebe zu, daß eine kleine Reise in einem der Flugzeuge der Deutschen Lufthansa, die auch Frankfurt zu einem ihrer Stützpunkte gemacht hat und uns pünktlich auf die Minute mit den übrigen Flughäfen Mitteleuropas verbindet, nur eine Heldenleistung in der Etappe ist. Dafür ist ihr Dienst viel zu sicher. Eine Angelegenheit für Menschen des Erdbodens, die endlich den Pionieren folgen, wie schließlich einmal alle ihnen folgen werden; eine Beförderungsart für lebende Gegenstände, die nicht selber fliegen, sondern geflogen werden wie die Maus im Schnabel des Falken.

Es war halb neun, ein sonniger Morgen mit etwas Dunst über der Erde und ein paar fragwürdigen Wolkengebilden am Himmel. Auf der Wiese vor dem alten Rebstöcker Hof stand die Flugmaschine, weißlich glänzendes Ding mit ausgebreiteten Aluminiumflügeln; der Kopf des Führers in der Lederhaube sah schon aus dem schmalen Ausschnitt heraus, der beim Vogel die Gegend des Halses wäre. Der Propeller begann sich herumzuwerfen, plötzlich war er nur noch eine brausende Scheibe von dünnstem Sonnenglanz. Da setzte ich den Fuß auf die handgroßen metallenen Stufen über dem Flügel der Maschine, zog das Türchen hinter mir zu, stellte den Spazierstock in die Ecke, die Maschine rumpelte über die Wiese, lief und war mit einemmal über den Gärten, den Hausdächern und dem frischen Laub, das der Frühling in allerlei Wäldchen zusammenträgt. Von dem leicht gewölbten Wellblech des Flügels, der ein paar Krumen Erde von meinen Stiefelsohlen mit in die Höhe nimmt, gleitet der Blick auf das schwärzliche, tausendfach klaffende Frankfurt, auf das derbe silbergelbe S des Mains hinunter. Erstaunlich große Stadt mit ihren grünen Lücken, ihren körnigen Ausstrahlungen, ihren zusammengefaßten, umsponnenen Nebenstädten, ihren lockeren Rändern, die endlich in Höfen und Dörfern auseinandertropfen.

Was für eine unruhige, qualvoll in die Ferne hingekrümmte Schlange ist doch der friedlich harmlose Main! Unten sind Wälder, von schnurgeraden Straßen durchzogen, aufgeteilt wie Torten, dünnglänzende Teiche darin. Felder dehnen sich glatt und menschenleer, falten sich mit der Bodenbewegung auseinander, ziehen die Wirbel und Krümmungen des Bodens geschmeidig nach. Ich sehe sehr weit nach beiden Seiten. Ich erinnere mich, in den Alpen schon höher gestanden zu haben, aber diese Aussicht, ohne den Sockel eines Berges darunter, zeigt die Erde wie eine Wüste, Wolkenschatten darauf wie Bäume. Unten die Wege, zahllos, überall wieder zueinander findend, gradlinige Landstraßen, gebogene schwarze Eisenbahnstriche. Wege, die sternartig zusammentreffen, Varianten und Verdoppelungen des Kreuzes, Haken, die von den hellen Straßen zu einzelnen Gehöften, aus der kleinen Stadt da unten zu einer Fabrik hinübergreifen. Der Fluß schimmert dunstig in der Ferne, die Mäander der kleineren Wasserläufe strahlen. Und immer wieder die Erde mit zehntausend Äckern, mit unglaublich feinem Pinsel geglättet, aufgeteilt ohne Rest, tausendjähriger Menschenbesitz mit der Natur verschmolzen; ein einziges aufgeschlagenes Grundbuch. Mehr als ein Grundbuch! Wer las jemals die Daten, die in urtümlichen Flurnamen, in sagenhaften Grenzsteinen, zu Erde gewordenen Denkmälern dort unten in Wäldern und Äckern aufgeschrieben sind? Unser Auge gleitet über sie fort wie über die Seiten eines Buches, dessen Schriftzeichen sich von uns entfernt haben, unwiederbringlich, nur mit tiefster Geduld noch zu entziffern.

Da sitze ich nun hinter der Glasscheibe, das Kinn in die Hand gestützt, und versuche es zu lesen. Selten, daß sich das Flugzeug durch ein leichtes Schwanken in Erinnerung bringt. Die Luft ist nichts. Ich spüre sie kaum. Das Flugzeug gräbt sich seinen Weg mit einem dunklen Brausen, aus dem das Ohr neben dem Murren des Motors nur ein dünnes Klirren, das leise Knirschen einer Federung heraushört. Neben dem Schauspiel der ungeheueren Aufgeteiltheit der Erde da unten gibt es nur das allgegenwärtige Wasser. Es ist Dunst der Ferne, es ist Wolke, es ist der klare lebendige Schimmer vom Boden her. Kleine Wolken schwimmen vorbei wie eine Herde Medusen. Sie kommen von der Erde wie aus unsichtbaren Ventilen, scheinen das Flugzeug einzuhüllen, sind wie ein Wirbel, ein Bukett von dampffarbenen Blüten, in der Ferne des Horizontes wie eine mit weißglänzenden Ballen bewachsene Mauer. Manchmal kommt es mir vor, als überführen wir Steine, über die das Fahrzeug auf weichen Pneumatiks hinweghüpft.

Wir schauen in die Höfe der Würzburger Zitadelle hinunter, streichen quer über die Stadt. Der Fluß, wie überall, doch hier besonders, verrät mit seinen Wehren und Brücken, seinen harten Ufern, seinen langgezogenen, abgeschliffenen Inseln, seinen Hafenklammern den korrigierenden und zähen Verarbeitungswillen des Menschen; aber die Residenz mit allem kostbaren Barock ist von hier oben nur ein viereckiger steingrauer Kubus, von dem kaum das Dach sich abhebt. Wir streben über den vielgebogenen Fluß nach Bamberg hinüber, erkennen die Stadt an dem zum Flusse quergestellten Dom, an der lockeren roten Dächermenge und dem Keil der blauen Schieferdächer. Immer wieder Bäche, kleine Nebenflüsse, die zu dem größeren Fluß gehören; eine kleine Stadt quillt da unten aus der halbzerbrochenen Stadtmauer wie aus einem Sack.

Und nun, welch ein Meeresarm hier mitten im Lande? Eine Wasserfläche, breit, langgedehnt, steht senkrecht zu unserer Flugrichtung, sie wird deutlicher. Von trockenen Stellen unterbrochen blinken die überschwemmten Wiesen und setzen sich fort in einem ungefähren Zusammenhang wie der Spiegel eines mächtigen Stromes, den die Karte nicht kennt. Dörfer, Waldstücke, einzelne Hügel sind wie Inseln umspült, Alleen ziehen sich quer durch den Glanz. Wäre es nicht nur das Wasser, das von den niederen Höhen her in dieser Bodensenke sich sammelt, sicherlich, dieses Tal der Aisch, das jetzt den Anblick eines großen seichten Strombettes bietet, wäre nicht nur für Tage ein See. Das alles hängt noch hin zum Main. Doch nicht mehr weit von hier, vielleicht auf einer dieser Bergschwellen unter uns, ist die Wasserscheide zur Donau.

Wir senken uns auf den Flugplatz nieder, fliegen tief über die roten Dächer eines Dorfes. Ich steige rasch die kleinen Metallstufen hinunter, sehe die Flughalle mit den Werkstätten, spaziere auf der Landstraße, die ich von oben her schon kenne, an gelbgestickten Wiesen hin, sehe über Gartenzäune auf Beete mit Salatblättern, die noch zart und klein sind wie die Flügelchen des Zitronenfalters. Auch hier ist Überschwemmung. Der Feldweg zur Stadt ist ungangbar. Ich muß über die Brücken nach Fürth hinein. Wie unübersichtlich ist mit einemmal wieder alles! Ich steige aus der Elektrischen mitten in Nürnberg vor der alten schwarzen Lorenzkirche, in der eben eine Hochzeit beginnt, als sei ich den Weg durch die Luft nur gekommen, um an dieser Zeremonie vor den brennenden Altarkerzen teilzunehmen und die weißgeschmückte Braut, die blumenhaften Brautjungfern, die gradlinigen Herren im Frack mit dem silbergestickten Cerevis zu bewundern. Unter dem berühmten Sakramentshäuschen kriecht noch immer der fromme Meister Adam Krafft mit seinen zwei Steinmetzgesellen, er trägt auf seinem Rücken dieses ganze seltsame, rührende, symbolische, stockwerkhohe Turmgebäude mit seinen skulpierten Passionsbildern, kühn gebogenen Ästen und Dornenkränzen mit der dünnen Spitze, die unterm Kirchengewölb in einem Bischofsstab, in einer Blume endet. Und durch die sieben Chorfenster leuchtet herrlich und geheimnisvoll in tiefen Farben derselbe Tag, den ich wie ein Vogel in Bergeshöhen durchfahren habe.

Ich fliege über den Spessart nach Hause. Der unbekannte Strom dort unten im Lande glänzt noch zusammenhängender, noch gewaltiger jenseits der schütteren Forsten, der alten Honigweiden, die das waldreiche Nürnberg seit alters umgeben. Die vielen blinkenden Weiher. Die beiden ungleichen Schwesterstädte mit ihren Kirchen, alle aus demselben harten tiefgrau-gelben Stein. Und diesseits die Felder, über die ganz leicht und fast gespenstisch rasch und locker, ohne Hindernisse zu finden, der Schatten des Flugzeuges gleitet. Dann der Spessart, nicht so sehr als Gebirge, vielmehr als ein einziges fast unendliches Waldland erkennbar. Selten ein Dach in einem Waldgrund versteckt, selten ein paar Wege, zum Stern zusammengezogen in diesem meist düsteren, zuweilen hell aufschäumenden Grün.

Immer die Siebente

Seit fünf Jahrhunderten ist Frankfurt unter den Städten Deutschlands an Umfang immer die Siebente gewesen, zugleich aber auch in diesem Rang die beständigste im Unbestand und Wechsel der andern. Geschäftsstadt ohne City, deren steinerne Kontore an ruhigen Straßen und im Grünen liegen, politische Stadt ohne Amt, Stadt der Besitzenden und Informierten, deren Aufmerksamkeit auf das Geld ebenso unerschütterlich ist wie ihre Bereitschaft, sich in Neuyork und London wie auf dem eigenen Boden zu bewegen, starkes Gewächs der fränkischen Erde, als ein Sitz bedeutender Arbeit und Unternehmung, zugleich die Mitte zwischen einigen zwanzig Universitäten, Hochschulen, Akademien und Sammlungen der Kunst im westlichen Deutschland, doch ohne die Kriegstaten und Leidenschaften der territorialen Staaten, wuchtig in seiner Passivität, seinem Ausgleich und seiner Dauer. Die Mächte der Zeit ringen in dieser Stadt unsichtbar miteinander, sie gestalten ihren Demos. Geldmacht und Fabrikmacht scheinen hier verbündet, aber in stillen Lehrhäusern, Erlebnissen und Begegnungen zieht sich schärfer als anderswo zusammen, was über das wirtschaftliche Prinzip hinaus seinen Weg in das europäische Schicksal sucht.

Ist nicht diese Stadt die heimliche Hauptstadt Deutschlands, seine Mitte im philosophischen Sinn, goldene Ader, die politisches Glück und Unglück überdauert? Diese Stadt war, was sie als Verkehrsstadt heute ist, schon vor einem Jahrtausend. Sie ist, in sichtbaren und unsichtbaren Dingen, unter den motivierten Städten Europas eine der motiviertesten. Es gibt ein anderes Frankfurt im Osten Deutschlands, es gibt in den Vereinigten Staaten sechs Städte, die den Namen Frankfurt angenommen haben, – keine ist so lebendig, so Gleichgewicht, Gestalt und Weltbeziehung wie die mütterliche Stadt an dem glänzenden Weg zwischen den beiden europäischen Hauptströmen.

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