Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfons Paquet >

Weltreise eines Deutschen

Alfons Paquet: Weltreise eines Deutschen - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleWeltreise eines Deutschen
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectid64517c33
Schließen

Navigation:

Byzanz

Die Ufer

Wir haben das Marmarameer durchfahren. Im Sonnenaufgang sehen wir Stambul, den langgestreckten Hügelrücken, die Mauerzinnen, Gärten, Minaretts und Moscheen im zartesten Goldrot glühend, auf milchweiße Nebel gebettet. Schöner noch als dieses Stambul leuchtete einst das mächtige Byzanz von diesen Hügeln, die Schwester Roms und Jerusalems. Welch eine Weltstadt wird die Sonne kommender Jahrhunderte hier bestrahlen!

Noch stehen die Mauern, die der türkischen Flut widerstanden, als schon Adrianopel zur osmanischen Hauptstadt geworden war; die Bogen der antiken Wasserleitung, wenn auch zerbrochen und mit Gras bewachsen, sind noch immer die aus der Ferne bewunderten Kennzeichen dieser Stadt; alte Kuppeln ragen noch; aber nicht Thrazien, sondern das innere Asien war die Heimat dieser Bauwerke. Vielleicht waren damals weniger Kuppeln zu sehen als Türme, mehr Paläste von italischer Bauart, Glockengestühle, Obelisken und Säulen aus Granit. Wie eine Saat von weißen Halmen sind die schmalen Türme aufgeschossen hohl und zugespitzt, die prächtigeren wie übergroße korinthische Säulen. Im Gebüsch erglänzten die blauen Kacheln der Kioske, schmale Pavillons wie Sonnenschirme aus Straußengefieder, von Sklaven über anmutig lagernden Frauen emporgehalten. Wie leben heute die Menschen in Stambul? Ich sah sie bunt bekleidet, beschaulich, reich und heiter. Damals war diese Stadt dem Reisenden, der aus den Schluchten des Balkans oder aus der gipsernen Hochfläche von Angora herabkam, noch Inbegriff des Geborgenseins, ein fröhliches Zuhaus, ein Bett des Träumens.

Von allerlei zugespitzten Fragen ungerührt, vom Anblick der goldleuchtenden Stadt erregt und hingerissen, habe ich kaum einen Blick für die asiatische Seite. Drüben sind die dunklen Zypressenhaine, die gelblichen Vorstädte, Gassen frei bergan gebaut, auf dem Höhenrücken die riesige Kaserne, das Hospital, die Lagerhäuser von Haidar Pascha. Asien und Europa scheinen vertauscht, das anatolische Ufer trägt das Gepräge von Europa, der Orient ist auf der europäischen Seite. Hier sind Europa und Asien die Ufer der selben wuchtigen blauen Meeresströmung.

Das Schiff ist noch im Bosporus, es fährt langsamer, jetzt steht es still. Die Morgennebel sind dünner geworden, sie umschweben Galata, das mit seinen übereinandergetürmten Geschäftshäusern ein wenig an Neuyork und Gotenburg erinnert. Vor grauen Minaretts, die neben Fahnenstangen und Dachreklamen aus grauen Dächern emporsteigen, liegen die schrägen Kamine vieler Dampfer; der Genueserturm ragt in den weißlichen Himmel. Wir liegen nicht weit von der Brücke, schon regt sich die ewige Prozession des Verkehrs. Die mit Menschen gefüllten Trajektboote stoßen Dampf aus. Ihre Pfiffe peitschen die Luft und wiegen sich zwischen den Hügeln des Goldenen Horns. Die Reisenden verlassen unser Schiff. Karawanen schwarzer altertümlicher Barken ziehen vorüber mit kurzen Masten und groben Segeln, Kisten und Mehlsäcke glänzen im Sonnenlicht. Delphine spielen im Wasser, eine Schar von Quallen treibt in der durchsichtigen schiefergrünen Flut. Handelsdampfer, aneinandergedrängt, bilden Inseln, von einem Gehölz von Masten umgeben.

Unten haben die Leichter angelegt; Bootsleute, über den Rand gebückt, werfen Angeln aus und füllen ihre Blechkannen mit silberglänzenden Fischen. Man hat die Laderäume geöffnet, der Drehkran arbeitet, ein alter Mann mit schwarzer russischer Matrosenmütze ist der Aufseher; Leute mit Warenlisten stellen sich auf, die Ketten rasseln hinunter. Gehen wir an Land!

Von den Schiffen aus war das Panorama der Städte, die sich hier am Hafen zusammendrängen, schöner. Automobile sausen vorüber, Zweispänner, Lastträger, geschlossene Gruppen von Menschen drängen den einzelnen beiseite. Die Reihe der Geldeinnehmer sperrt den Fußsteig der Brücke; in ihren braunen Überhemden, die Messingbüchse auf der Brust, stehen sie da wie immer; am Geländer lungern indische Soldaten, schwarzbraune schöne Leute in Khaki mit riesigen Schlapphüten.

Russische Frau

Daheim ist Karfreitag, hier merkt man nichts davon. Die Läden, die Schiffsagenturen, die kleinen Kaffeewirtschaften und Garküchen in diesem Viertel haben vollen Betrieb. Ein Getümmel von Wagen und Menschen drängt um die Landungsplätze. Doch zwischen zwei Gassen steht alt und geduckt am lichten Durchgang eine weiße griechische Kirche; seitwärts im Gewölbe stehen die Tische der Kerzenverkäufer; viele Menschen treten durch die reich geschnitzte Tür; drinnen im Kirchenraum fällt das Sonnenlicht in Strahlenbündeln durch farbige runde Fensterscheiben auf goldene Wände, goldene Wappenadler, hohe Leuchter von Gold und Elfenbein; das gefärbte Licht umspielt Köpfe und Schultern der Priester und der Laien, es zaubert blaue und grüne Perücken, gelbe Heiligenscheine, rubinrote Feuerköpfe. Griechische Worte, Gesänge von ernst melodischem Tonfall schweben hier. Durch die hellblau getünchten Kapellen, die den inneren Torweg dieser dem heiligen Antonios geweihten Kirche umgeben, machen Frauen die Runde vor den Gnadenbildern, steigen die Stufen hinunter in das Kellergelaß und trinken mit vielen Bekreuzigungen vom Wasser des geweihten Brunnens. Eine Frau kniet vor dem Bild des Heiligen und Wundertäters Gerassimos von Kephallonia, sie küßt die Glasscheibe zu seinen Füßen. Tiefgebückte weinende Frau; ihre Tränen tropfen auf den schmutzigen Marmor des Fußbodens. Es ist eine Russin. Zum ersten Male fühle ich, daß in dieser Stadt ein Herz schlägt voll Leidenschaft, voll tiefen Kummers. Es ist das russische Herz, das mit dem Rufe nach dieser Stadt in den Krieg zog; nun macht es diese selbe fremde Stadt zum Zeugen seines Elends. Jetzt, wo ich wieder ins Freie trete, sehe ich, daß Konstantinopel eine Stadt der Russen geworden ist. Ich lese es von den Straßenschildern, ich höre es aus dem Gespräch der Vorübergehenden, sehe es an tausend wohlbekannten durchfurchten Mienen. Ich steige die steinerne treppenartige Gasse nach Pera hinauf. Sie steht voller Verkaufstische, ich bin mitten auf einem Markt, ein wenig bunter noch, und es wäre der Markt in Taschkent, aber die Gestalten hier und der Plunder, den sie feilbieten, erinnern mehr an die Sucharewka in Moskau.

Am Obelisk

In Stambul auf dem At-Maidan wärmen sich in der Nachmittagssonne Türkenfamilien, die sich einem endgültigen wortlosen Müßiggang ergeben haben; neben schwarz verhüllten Frauen sitzen Russen auf den Bänken. Der vom deutschen Kaiser gestiftete Brunnen in der Mitte des Rasengartens dient immer ein paar Dutzend Müßiggängern als Hochsitz; über die schwarz polierte Brüstung schauen russische Gesichter neben den türkischen wie aus dem Bogen einer Gondel. Russen, die nichts zu tun haben, stehen vor dem Obelisk gedankenlos; sie wissen nichts von der Bedeutung der geheimnisvollen Säule und diesen seltsamen Hieroglyphen, die so klar geschrieben, so deutlich, so bildhaft sind, daß man meint, jeder müsse sie verstehen; vielleicht wissen aber auch die sämtlichen Gelehrten des Abendlandes nicht mehr als sie. Die Leute betrachten die grünbronzene Schlangensäule, die einst ein byzantinischer Kaiser aus Delphi wegführen ließ, nicht anders als eine zerbrochene Glasflasche, die sich ein wilder Volksstamm als Fetisch auf den Dorfplatz stellt. In den kleinen Restaurants von Stambul, deren Schaufenster die flachen Schüsseln mit süßen und sauren Milchspeisen zeigen, in den Kaffeehäusern, wo nachmittags ein halbes Hundert Menschen beisammensitzt, um auf die Zahlen der Tombola zu warten, die von einem Jungen ausgerufen werden, überall versteht man Russisch. Im Garten des alten Serail, auf dessen verstaubten Rasenflächen das Volk von Stambul den Frühling erwartet, stehen einige zwanzig russische Soldaten mit fantastisch unterschiedlichen Pelzmützen und üben Griffe am Gewehr. Von Zuschauern umgeben, die sich unter den Bäumen gelagert haben, bilden sie später einen Kreis mit dem Offizier in der Mitte und singen mit breiten Bässen und klaren Diskantstimmen einen Chor, der in dieser Umgebung unbeschreiblich fremd und feierlich ist, frei von aller Erdensorge, wie eine gläserne Wolke über den breiten Fluten des Dnjepr.

Der Reichsadler

Hier in dem stillen Stadtteil am Goldenen Horn steht der griechische Vatikan. Der Palast unterscheidet sich kaum von den einfachen blau getünchten Wohnhäusern dieses Viertels. Dieses Haus mit seinen Schreibstuben, die Studierzimmern gleichen, seinen steinernen klösterlichen Korridoren, seinen Empfangsgemächern und Sitzungszimmern, an deren Wänden die gemalten Bilder und vergrößerten Photographien graubärtiger geistlicher Herren mit der hohen Mütze, dem Schulterschleier und den Orden zu sehen sind, ist ein Ausdruck der apostolischen Armut dieser ehrwürdigen geistlichen Behörde. Es bewahrt in seinen Bibliotheken die Überlieferungen des griechischen Volkes seit dem Beginn der türkischen Herrschaft. Hier ruhen die feierlich besiegelten, von den Sultanen jahrhundertelang innegehaltenen Staatsverträge neben den Akten vieler Märtyrer des nationalen Glaubens. Die Kirche im Vorhof des Patriarchatsgebäudes ist klein und unansehnlich, aber innen bewahrt sie mit ihren goldenen Wänden, ihren Thronen, ihren Heiligenbildern und Reliquien einen Rest der erdrückenden Pracht des reichen kaiserlichen Byzanz. Der Thron des ökumenischen Patriarchen war ein paar Jahre unbesetzt, der Verweser des höchsten Kirchenamtes starb kürzlich in London, der neugewählte zeigte sich heute dem Volk in der Kirche des Stadtteils. Er trägt die hohe Krone, den goldstarrenden Mantel, die Priester heben den Kerzenhalter mit flammenden Lichtern über das Evangelienbuch. Eingemauert über der Kirchentür ist der zweiköpfige Adler über den gekreuzten Schlüsseln. Unsterbliches Symbol der Reichsidee! War dies nicht einmal der Adler des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, der Adler der Donaumonarchie, der Adler des Zaren? Das versunkene Byzanz ragt noch mit einer schmalen Spitze aus dem Meer des Vergangenen; es ist als rege sich das Unterirdische, als wolle das Tote wieder empor.

Die Besucher des Sonntagsgottesdienstes verlassen die Kirche zwischen Reihen von Bettlern. Am Gartenzaun an der Seite des Vorhofes hängen die Zeitungen, Flugschriften und Bilderbogen des Tages. Bilder des verstorbenen jungen Königs Alexander neben einer hübschen jungen Dame am Steuer seines Automobils; die naive Darstellung des Mordversuches auf Veniselos im Pariser Bahnhof, mit einer Versammlung von Engeln und Schutzheiligen in der Höhe; ein Blatt mit Bildern aller griechischen Freiheitshelden seit Ypsilanti, in der Mitte der Kopf des Kreters Veniselos mit der Professorbrille.

Burjäten

Ich komme von Top Kapu. Top Kapu ist ein hochgelegener alter Torbogen der äußeren Stadtmauer. Als dieses Tor erstürmt wurde, lag dort unter den Erschlagenen der letzte Kaiser von Byzanz. Man erkannte die Leiche nur an den Purpurschuhen. Von hier oben fährt die Elektrische durch die staubbedeckten Trümmerstätten niedergebrannter Stadtteile, die in Gärten übergehen. Die Straßen führen zum Hafen hinunter. Auf der Plattform steht ein Matrose. Er trägt das Wort »Lukull« in goldenen russischen Lettern auf dem Mützenband. Seine Bluse, seine Stiefel, der ganze Mensch ist gut in Ordnung, ein Wolfshund liegt zu seinen Füßen. Ich bewundere das schöne Tier. Er gehört seit einem Jahr auf unsere Jacht, sagt der Matrose. – Sie sind auf einem Kriegsschiff? – Der »Lukull« ist eine kleine Jacht. Auf der Jacht wohnt der General Wrangel. – Sie haben Glück, mein Lieber. – Es ist eine gute Stelle, aber ich werde mich bald nach etwas anderem umsehen müssen. – Wie? Sie können Ihren Platz beliebig verlassen? – Ja. Wir bekommen keinen Sold, nur Essen und Kleidung. Wir können gehen, wenn wir wollen; die Besatzung wird aufgelöst. Ich gehe auf ein Handelsschiff. Ich spreche etwas Italienisch. – Und Rußland? – Wer wird nach Rußland gehen? Dort ist der Hunger. Seit fünf Jahren bin ich draußen. Von allen Übeln fürchte ich den Hunger am meisten. Ich kenne den Hunger, ich war Kriegsgefangener in Österreich. Ich entfloh nach Süden, durch Tirol. – Tirol ... wie hat es Ihnen dort gefallen? – Tirol war entsetzlich. Dort habe ich sie kennengelernt, diese Polen und Ruthenen. – In Tirol? – Ich traf fast nur solche. Die Leute vom Lande dort sind deutsch, das weiß ich, gute Seelen, aber sie hatten selber nichts zu essen. In Italien blieb ich ein Jahr. Dann kam ich hierher.

Ich springe von der Trambahn in der Nähe des Basars. Auch dort sind russische Soldaten in den Gassen. Es sind stämmige kleine Burjäten aus irgendeinem sibirischen Regiment. Sie kommen daher in abgetragenen englischen Uniformstücken mit kurzen Ärmeln; in ihrer Heimat trugen sie Reiterkutten mit roten Gürteln, kleine runde Kappen, eine dünne Pfeife und ein schmales Messer im Stiefelschaft. Wovon lebt ihr eigentlich, frage ich. Ihre gutmütigen apfelähnlichen Mongolengesichter lächeln. Ja, wovon? Wir verkaufen unsere letzten Sachen. Wir wohnen draußen im Militärlager. Sagen Sie mal, sind Sie Amerikaner? – Nein, Deutscher. – Ah! Wir möchten gern nach Deutschland. Kann man hin? – Es ist weit, die Reise ist teuer, und dann die Pässe. – Pässe geben sie uns nicht. Das ist schlimm. Wir hörten zuletzt, die Amerikaner wollten uns helfen, sie werden Schiffe senden und uns nach Wladiwostok bringen. Ist das wahr? – Ich weiß es nicht. – Es wäre nicht schlecht. Was? Nun, mit Gott.

Kaffeeklatsch

Auf der Höhe von Pera steht das weiße Gebäude der Deutschen Botschaft. Es ist ein stiller, von eisernen Lanzen umgebener Palast. Alle Fensterläden geschlossen. Ich habe Erinnerungen an dieses Haus, an ein Gespräch mit dem klugen alternden Mann am Schreibtisch. Wie eine Festung ragte dieses schwere Haus an der Grenze der Erdteile, weit schimmerte es nach Asien hinüber, Antennen waren auf seinem Dach. Auf dem unbebauten Grundstück nebenan ist eine dürftige Gartenlaube, man sitzt bei einem Täßchen Kaffee, man kann auch hier die Aussicht auf den Bosporus genießen, solange jenes große Haus daneben tot ist. Ich plaudere mit einem amerikanischen Matrosen. Er gehört zur Besatzung eines Zerstörers, der im Hafen liegt. Der Mann erzählt von seinem Leben hier, von dem kleinen Kriegsschiff da unten, es unternimmt jeden Samstag eine Fahrt nach irgendeinem Hafen des Schwarzen Meeres. Das Schiff fuhr zur Zeit der Panik nach Odessa. Es nahm 600 Flüchtlinge an Bord. Frauen und Kinder lagen an Deck bis unter die Geschütze. Ein Maschinengewehr stand auf der Brücke, schußbereit für den Fall, daß Bolschewiken dabei wären. Es ist ein klein gewachsener lebhafter Mann, bei Neuyork geboren, von französischer Abstammung. Er ist Torpedomaat, aber er hat wenig Dienst, er wohnt schon seit zwei Jahren in der Stadt. Er wird nächstens heiraten, eine Französin aus Konstantinopel. Dann wird er mit seiner Frau nach Neuyork zurückkehren; man hat ihm eine gute Stellung bei einem Fliegercorps angeboten, 290 Dollar monatlich, Dienst von acht bis drei, einen Probeflug pro Monat. 1917 war er in der Nordsee auf Jagd nach U-Booten; sie hatten ein schweres Gefecht mit U 55 und schleppten dann sein Wrack nach Liverpool; er war verwundet und kam in ein Hospital. Das war mein Krieg, sagt der Mann. Wenn es wieder Krieg gibt, nun, man bleibt nicht immer an der Front. Die Rekruten aus den Staaten werden zu uns herausgeschickt und bekommen hier draußen ihre Ausbildung. Auch von hier nehmen wir Leute an, die früher in den Staaten waren. Wir haben da unten ein Schiff, auf dem es nicht einen Mann gibt, der aus den Staaten ist; es sind Amerikaner, aber geborene Griechen, Russen, Skandinavier, Schotten, Deutsche und Türken. Ja, es gibt auch Filipinos bei uns, gelbe Leute, die amerikanische Uniformen tragen.

Der Mann war früher Mechaniker; er fühlt sich ungefähr wie ein kleiner Rentner in Uniform; die Möglichkeit von Unfällen bei diesem Militärgeschäft wird nüchtern in Betracht gezogen. Er stellt fest, daß er seit Jahren eigentlich nichts mehr gearbeitet hat. Aber er ist mit dem Schicksal zufrieden; und wir sitzen unter dem dünnen Laubdach neben dem riesigen weißen Hause und trinken mit einer von den Türken gelernten Ruhe unsern Kaffee.

Das geblümte Sofa

Ich gehe in den hölzernen, vollkommen stillen, nicht einmal von spielenden Kindern belebten Gassen der oberen Viertel von Stambul umher, um ein Haus zu suchen, das schließlich unauffindbar ist; vielleicht fiel es einem der Brände der letzten Monate zum Opfer. Hier werde ich auf einen halb versteckten Hof aufmerksam, in dem ein unansehnliches altes Steingebäude steht. Es ist der Eingang zu der Zisterne Jere Batan. Die Zisterne ist ein von uralten korinthischen Säulen getragenes Gewölbe über einem unterirdischen See. Dort unten ist es still wie in einer Kirche. Unter einer dürftigen elektrischen Beleuchtung fahren in einem Boot ein paar bummelnde Soldaten wie Puppen umher. Ich gehe durch die Basare. Sie sind ein Labyrinth von dunkelblau ausgemalten, halbdunklen, von schrägen Sonnenstrahlen durchschnittenen Gewölben, größer als Kirchengewölbe, fantastischer; dort mitten zwischen den mit tausendfarbenem Kram gefüllten Läden Tee zu trinken bei zwei alten Perserkaufleuten, die auf ihrem Sofa in der Nische sitzen und Triktrak spielen: das ist das wahre Leben! Welch ein sonderbares, niederes, fensterloses Steingebäude an dem großen Platz vor der Moschee des Sultans Bajasid; der Torbogen ist offen, man sieht einen Rasenplatz, ein Brunnenbecken, einen Kreuzgang. Junge Männer in weißen Turbanen sitzen zwischen den Säulen. Sie plaudern mit einem Besucher, einem russischen Studenten, einem Eindringling wie ich; man zeigt uns die Zellen der Theologiestudierenden, die kleinen gewölbten Hörsäle.

Nichts ist schöner als eine sonnige Vormittagsstunde unter dem Zeltdach des kleinen persischen Teehauses, ein wenig abseits von dem Markt hinter der Moschee der Sultanin-Mutter. Kanarienvögel zwitschern in den sich schaukelnden Käfigen. Die kleinen gelblichen Marmortische tragen keinen anderen Schmuck als die rot lackierten Tellerchen mit den sprossenden Halmen einer zwerghaften zartgrünen Lauchpflanze. Auf den Tischchen stehen Wasserpfeifen; in den Glaskugeln steigen zuweilen Luftblasen auf; im kronenartigen Aufsatz dieser Glaskugeln glüht die weiße Asche; die dasitzenden Männer blasen dünne Rauchwölkchen aus. Inmitten dieser Männer steht einer, der die Preise nennt; es handelt sich um eine Versteigerung fleischfarbener Hyazinthen, frischen Goldlacks, bernsteingelber Narzissen, dunkler Veilchenbündel. Die Aufkäufer bergen die Blumenmengen in ihren schmalen, mit weißem feuchten Flor bedeckten Körben. Friedlich sitzen türkische Männer am Nachmittag in dem Gärtchen der Suleiman-Moschee, um abzuwarten, bis der weiße Turban des Imans auf der Galerie des Minaretts erscheint. Jetzt ruft die Stimme, sie übertönt nur ein wenig wie von fernher den Lärm der nicht weit entfernten Straße, die Männer erheben sich ohne Eile und verschwinden in der von prächtigen Kolonnaden umgebenen Moschee. Leise klappen die Bastmatten am Eingang des feierlichen Raumes. Die Besucher gehen, mit den Pantoffeln in der Hand, zu ihren Plätzen unter den Säulen der Kanzel, die aus grauem Marmor sind, oder mitten unter das von kühnen Bogen aus weißem und schwarzem Marmor getragene, von tausend herabhängenden Lampen gezierte Domgewölbe. Mit dem stillen Dastehen, mit einem fast unwillkürlichen Erheben der Handflächen in die Höhe der Ohren beginnt die Versenkung in das Gebet. Dann das Zusammenlegen der Hände in die Magengrube, das tiefe befreiende Aufseufzen. Darauf die vollkommene Beugung, das Niederwerfen des Körpers, das wiederholte Berühren des Bodens mit der Stirn, das Wiederaufstehen und Niedersitzen. Jetzt rezitiert ein Vorleser, den man nicht sieht, mit einer hohen, dringlichen, fast überirdischen Stimme die Suren des Korans. Die Muselmänner treten in Reihen vor die Nische, Lastträger neben Offizieren, weißbärtige Priester neben Knaben. Dieser außerordentliche Augenblick ist der Höhepunkt des Gottesdienstes. Er dauert nur wenige Minuten. Dann treten die einzelnen auf ihre Plätze zurück und hocken nieder, mit flach aufs Knie gelegten, nach oben offenen Händen. Schließlich nimmt jede dieser Menschengestalten noch einmal einen Augenblick die Haltung der Säule ein, eine Handbewegung über die Stirn, man geht zum Ausgang und schlüpft wieder in die Schuhe. Die Sonne draußen wirft ihren warmen orangenen Glanz auf den Platz. Das Erlebnis einer solchen Andacht, die alltäglich ist wie das Brot, und deren Zeremoniell nicht einfacher sein könnte, läßt einem die Macht des Islams begreifen. Merkwürdig, wir können uns den Orient ohne Islam nicht denken. Es ist, als hätte diese Religion alles Innerliche an sich gezogen, das einst in den Kulturen der alten Welt vorhanden war, delphische Versenkung, zusammenschließende Macht des Einheitsglaubens.

Noch kauert die Wahrsagerin auf den Stufen der Moschee: hexenartiges Weib in violettem Seidenkleid, das vor Staub und Sonne die Farbe der Erde angenommen hat. Sie schüttelt klappernde Dinge in ihren Händen und streut dieses Gemisch von Knöpfen, Steinen, Obstkernen und Münzen auf ihren Teppich; ihr Ausdruck ist von einer fast interesselosen Verschlagenheit; ledernes Gesicht mit kupferbraunen Augen ohne Wimpern; es scheint die Menschen, die vor ihr stehen, nicht zu beachten und durchdringt sie doch mit seinem sibyllischen Blick.

Inder, Russen und die Zukunft

An der von grünen Abhängen umsäumten Spitze des Goldenen Horns liegt Ejub. Es ist ein versprengter Stadtteil, ein Dorf, eine einzige Straße, ein fast unberührter Rest. Die Gasse besteht nur aus ein paar schmalen reinlichen Läden; hier sind die mit Nüssen, Zimt, Muskat, Rosinen und Henna gefüllten Schalen der Gewürzverkäufer, die aus bemalten Spänen hergestellten Puppen und Schiffchen der Spielwarenhändler, die offene Werkstatt eines Steinmetzen mit ihrer Menge von bretterähnlichen, vom mehlweißen Kalkstaub bedeckten, unfertig hingelehnten Grabsäulen, deren zierliche Ornamente, Ranken, Turbane und Laubgewinde seit Jahrhunderten das Grab der Muselmänner schmücken. Zwischen den Buden der Handwerker bewegen sich Fuhrwerke, Fußgänger und Schafherden. Aus der offenen Tür einer Speisewirtschaft, deren Wände mit gelben Plakaten, alten Zinntellern, kalligraphischen Sprüchen und gläsernen Sultansbildern geschmückt sind, weht der Geruch von gerösteten Fleischstücken. Nicht weit von der von bunten Nachen umgebenen Landungsstelle des Lokaldampfers steht, neu erbaut und nüchtern, eine Knabenschule mit ihrer schmucklosen Miniaturmoschee. Aber ein halb zerfallenes Mausoleum, ein entzückendes Bauwerk der türkischen Renaissance in einem Gärtchen, das in Blüten schwimmt, ist der wirkliche Anfang dieser Gasse. Sie führt geradewegs in den Torbogen der stolzesten Moschee, die der Eroberer Konstantinopels dem Andenken eines Fahnenträgers des Propheten errichtete.

Unter den Torbogen haben Briefschreiber und Händler ihre Tische, in der Mitte des weiten, mit Steinplatten bedeckten Vorhofes steht ein schöner kioskähnlicher Brunnen mit niedrigen Stufen für die religiösen Waschungen; unter silbergrauen, noch unbelaubten Platanen spaziert ein zahmer Storch mitten in einer Schar von perlgrauen Tauben. Prächtige Grabdenkmäler mit vergoldeten Gittern, mit grün oder rot gefärbten Flächen und fliegenden zarten Schriftzügen, bilden den Anfang eines riesigen Friedhofs, dessen zusammengedrängte Steine sich in einer Wildnis von Zypressen, Immergrün, Efeu und dunklen Frühlingsblumen verlieren. Der innere Vorhof ist ein Durchgang zwischen den Säulen der Moschee und einer mit schimmernden blauen Kacheln bedeckten Wand. Er ist von vierhundertjährigen Platanen ausgefüllt. Die starken Bäume sind von einem niederen Gitter umgeben, ihre Äste wachsen zu einer einzigen prachtvollen Krone zusammen. An dieser blauglänzenden Wand stehen einzelne Beter vor den Luken der Grabkapellen. Man sieht im Halbdunkel der Gewölbe die von enormen Kerzen umgebenen, unförmigen, von Seidenstoffen und Brokaten bedeckten Katafalke. In einer dieser Kapellen befindet sich eine von Ehrfurcht stumme Gruppe von Besuchern. Es sind Frauen. Der Sakristan erklärt ihnen die Heiligkeit des Ortes und vollzieht eine magische Handlung: er ergreift eine aus klappernden walnußgroßen Holzstücken bestehende Kette, einen riesigen Rosenkranz, und läßt sie mehrmals über die Gestalten der Frauen und über die Kinder, die sie auf den Armen tragen, heruntergleiten.

Draußen stehen als Zuschauer indische Soldaten. Sie sind neugierig, aber sie wagen diesen engen Raum nicht zu betreten. Sie tragen Turbane aus straff gespanntem hellbraunem Leinen mit einer metallenen Spitze, ihre Haltung ist von einer Würde, die ihrem militärischen Anzug nicht widerspricht. Der stattlichste dieser Männer trägt einen blauschwarzen Backenbart, der zu glänzenden Locken gerollt und schmal wie eine Kinnkette ist. Nichts erscheint mir rätselhafter als diese Inder in ihrer unauffälligen strengen Gepflegtheit und in der schweigsamen Schüchternheit, mit der sie sich überall in der Stadt bewegen. Vielleicht sind sie so schweigsam, weil sie nur der Sprache ihrer fernen Heimatländer mächtig sind. Aber sie scheinen diese Stadt zu lieben. Unvermutet begegnet man ihnen in allen wirklich anziehenden Gegenden der Stadt.

Vielleicht werden sie eines Tages wieder aus dieser Stadt verschwinden. Ob auch diese slawische Völkerwanderung wohl jemals wieder in ihre Heimat zurückströmen wird? In diesen Massen sind Existenzen, die sich jetzt mit stoischer Ruhe unter das Joch der Armut fügen. Viele sind für den vulkanischen Boden Konstantinopels wie geschaffen; ihre Anpassungsfähigkeit, ihre Zähigkeit, ihr Erfindungsreichtum ist unbegrenzt. Von diesen Hunderttausenden der Flüchtlinge werden zuerst jene vergehen, die der grausamen Auslese des Elends zum Opfer fallen. Dann die anderen, die vielleicht einmal nach Rußland heimkehren. Aber viele werden in Konstantinopel bleiben und den Stempel unverwischbar machen, den sie der Stadt jetzt aufgedrückt haben. Aus Dalni und Port Arthur ist das Russentum verschwunden ohne eine andere Spur zu hinterlassen als steinerne Kirchentürme und flache Eisendächer. Hier wird es anders sein. Konstantinopel ist gleichsam das Schwemmgebiet aller russischen Ströme, die nach Süden führen, es ist das Holland dieser Ströme, es wird durch den slawischen Schlamm fruchtbar gemacht. Kein Anerbieten zur Auswanderung nach Brasilien, keine Einladung, auf dem Boden Serbiens die Änderung abzuwarten, wird die Russen bewegen können, sich aus Konstantinopel gänzlich zu entfernen. Werden eines Tages auch ihre Kirchen und ihre Theater hier entstehen wie ihre großen Genossenschaften und ihre kleinen Teestuben? Die kirschroten Abende und der märchenhafte Umriß der blau hingestreckten, von Minaretts übersäten Anhöhe von Stambul davor wird bleiben, auch wenn diese Stadt einmal aufgehört hat, türkisch zu sein. Die russische Flut wird ein Beitrag sein im Mischkrug dieser Weltstadt. Die Städte an allen großen Strömen und Häfen des Festlandes sind in einem neuen Werden. Istambul, das gewesene Byzanz, das Konstantinopel von gestern, ist die erste im Kranz der herrlichen Häfen, die das europäische Festland vom Schwarzen Meere bis zum Bottnischen Meerbusen umgeben. Es ist die Bestimmung dieser Städte, für alle da zu sein.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.