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Weltreise eines Deutschen

Alfons Paquet: Weltreise eines Deutschen - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleWeltreise eines Deutschen
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectid64517c33
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Die drei Korinth

Korinthenlandschaft

Gerhart Hauptmann nennt die Bahnlinie, die am Südufer des korinthischen Golfes entlang über den Isthmus nach Athen führt, eine der schönsten der Welt. Der Golf und seine Umgebung erinnern ihn an die Gegend des Gardasees. Ich finde, dieser griechischen Landschaft fehlt die Blumenfülle und die gärtnerische Gepflegtheit, die jene italienische Landschaft mit Bewußtsein so lieblich macht wie ein auf ein jugendliches Haupt gedrückter Kranz. Doch dieses Meer ist herrlicher als irgendein See der Alpen; es ist von einem funkelnden Blau; die veilchenblauen Höhen des mittelgriechischen Gebirges, die sich als nördliche Küste dieses Meeres mit dem kühn geformten niederen und kahlen Helikon und dem stolzen Parnaß erheben, sind mit ihren im Himmel ruhenden Schneeseen, aus denen Schneeströme herniederzufließen scheinen, einfacheren Baues als die Alpen, und doch wirkt das Bewußtsein ihrer Öde und ihrer Reinheit stärker auf die Phantasie. Es ist, als wehte in der kalten Seeluft ein Strom von Leben von dort herüber. Nach der Sage der Alten tanzen auf dem Gipfel des Parnaß die Musen. Ihr Tanz ist nicht vorstellbar als ein Tanz der ausgelassenen Lust, es ist der gemessene seelenbewegende und feierliche Reigentanz der hymnischen Ekstase.

Auf dem Ufer hier, das wie am Rhein am Abhang steiler und bewaldeter Felsen, tief eingesägter Schluchten und tatzenmäßig vorgestreckter Hügel nur einen schmalen Weg für das Bahngeleise übrigläßt, zeigt sich das Meer in immer neuem Glanz, tiefblau, mit dünnen weißlichen Schaumkämmen überzogen. Die kleinen Flüsse des Gebirges, die an der Küste münden, strecken ihre gelben Fächer unter das Meer; ihr Schlammgewölk verwandelt sich in malachitgrüne Streifen, die das edle glashelle Blau durchziehen. Die Siedelungen an der Küste sind ärmlich, doch ihre Ölbaumwaldungen streifen bis an das Meer. Immer stehen in diesen Wäldern einzelne Bäume in einer kleinen, spiegelnden Wasserfläche, in diesen Spiegeln ist jedesmal ein Stück Himmel zur Erde herabgezogen. Die dunkelgrünen Algenwälder des Strandes, von oben herab im durchsichtigen Wasser gesehen, erwecken zuweilen den Eindruck der Erdlosigkeit der Landschaft. Die Küste wird dann breiter. Eine Ebene öffnet sich, sie steigt einem kahlen und zerrissenen Kalkgebirge entgegen. Einst war dieses Stück Landschaft berühmt durch seine Fruchtgärten, die Mohn und Gurken und Maulbeerbäume trugen. Heute ist sie mit Korinthen bepflanzt. Sie ist das Heimatland der kleinen, schwarzen Beere, die auch im übrigen Griechenland gedeiht, doch von Korinth ihren Namen erhielt. Auf dieser Bodenstufe lag Sykion. Die Trümmer dieser Stadt und ihr großes Theater sind ein Steinbruch geworden, der dort oben irgendwo bei einem der Dörfer in der Steppe liegen muß. Diese Handelsstadt prägte einst ihre eigenen Silbermünzen und eine fliegende Taube darauf als Sinnbild; diese silberne Taube flog einst in alle Gegenden der Welt. An der äußeren Lehne dieser Berge vor dem dunklen glockenförmigen Bergklotz, der weithin sichtbar neben der hellen Fläche des Isthmus aufragt, lag Korinth.

Städtchen

Hier verlasse ich den Zug in der Halle. Blaue Güterwagen stehen auf dem Geleise, es sind zweistöckige Käfige auf Rädern für den Transport von Schafen. Sonst ist wenig da, was an den modernen Verkehr erinnert. Ich lasse die weiße Stadt schon hinter mir und wandere am Strand in der Richtung auf die Landenge. Noch hält oben auf dem Bahndamm der Zug. Meine Füße setzen gleichsam die Bewegung dieses Zuges fort, um sie in der Krümmung der Bucht, die das Meer beendet, auszulaufen. Auch der Eisenbahnzug setzt sich wieder in Fahrt. Jemand winkt mir aus einem Wagenfenster. In diesem Winken aus dem Fenster des Eisenbahnzuges ernte ich vielleicht eine Herzlichkeit, die andere gesät haben; ich kann nicht anders als dieses eifrige Winken zu erwidern, dann gehe ich auf der hellen, kristallharten Landstraße meinen Weg. Der Zug verschwindet in einer Bodenfalte, ich höre ihn in der Ferne pfeifen und über die Brücke des Isthmus rollen.

Das Städtchen, das am nordöstlichen Winkel des Golfes zu Füßen eines olivenfarbigen Gebirgszuges liegt, ist eine Stunde Wegs entfernt. Der Weg führt über niedere und kahle Hügel, unterwegs muß der Kanal überschritten werden. Ein Karren auf zwei hohen Rädern überholt mich, aber ich hole ihn an der Fähre wieder ein. Zwei Fährleute sind da. Sie tragen rauhe Kapuzenmäntel aus blaugefärbter Wolle und sehen aus wie Mönche. An der Kette, die über der Fähre läuft, ziehen diese Männer mit dem Eisenhaken, der an ihrem Schultergurt befestigt ist, Menschen, Wagen, Pferde über den schmalen Wasserlauf hinüber. Die Bauern auf der Fähre sind freundliche Leute, sie gewähren meine Bitte, mich in ihrem Karren mitzunehmen. Wir traben am Meer entlang. Ein junger Kaufmannsgehilfe, der mitfährt, läßt es sich, nachdem wir angekommen sind, nicht nehmen, mir den Ort zu zeigen. Das Städtchen heißt Lutraki. Es besteht aus bunten, hübschen Häusern, die wohlhabenden Athenern als Sommerfrische dienen. Der Ort ist wegen seiner Mineralquellen berühmt; am Strandweg, der in einen Felspfad übergeht, steht das Kurhaus. Badehütten und Gärten sind am Meeresufer. Wir gehen unter den Platanen zur Stadt zurück, mein Führer bewirtet mich in einem von ländlichen Müßiggängern und Triktrakspielern besuchten Kaffeneion mit einem Täßchen Schwarzkaffee und begleitet mich dann noch bis zur Stadtgrenze.

Fährleute

Es ist Abend geworden, der Sturm ist stark, ich habe das aufgewühlte, stark rauschende und vollkommen leere Meer zur Rechten, links in einem Bodenkessel flutet ein Saatfeld. Mitten in den Feldern steht eine kleine Kapelle, die Ölbäume, die sie umgeben, rauschen noch stärker als die Brandung. Über der Landschaft liegt jenes tiefe, farbige Leuchten, das der Dunkelheit vorangeht; blasse Goldwolken stehen über den Bergen. Der Neumond, scharf wie ein Messer, und ein elektrisch leuchtender Stern in seiner Nähe haben die Herrschaft angetreten. Der Himmel ist von einer makellosen Klarheit. Das kosmische Paar steht über der Stätte des alten Korinth, es ist wie die siderische Verkörperung eines Gefühls. Wie stark erweckt doch das köstliche, fast körperliche Halbrund der Mondsichel die Vorstellung des jungfräulichen Weibes. Der Venusstern brennt wie ein Stern der Lusterfüllung.

Ich gelange an den Kanal, es ist fast dunkel. Ich rufe, die Fährleute kommen aus ihrer Hütte. Über ihnen auf der Höhe wird ein Wanderer sichtbar. Ich warte; ein Stein zu Füßen des Blinkfeuers am Ende des Kanals ist mein Sitz. Vollkommene Ruhe dieses Abends. Das Blinkfeuer leuchtet auf, aber es sind keine Schiffe da, denen es den Weg weist. Die Bogenlampen, die den Kanal begleiten, öffnen jetzt ihre Augen und werfen ihren bleichen Schein auf die schmale, flache, zitternde Wasserfläche des Einschnitts. Die Fähre stößt ans Ufer, ich betrete die Planken, aber die Fährleute und der Wanderer begeben sich in die kleine Erdhütte hier, die wohl dafür da ist, Wartenden als Unterschlupf zu dienen. Kaum in die Hütte verschwunden, streckt einer den Kopf hervor und ruft mich. Ich trete zögernd in die Tür. In dem höhlenartigen Raum sind ein paar Sitze und ein Holztisch. Einer der Blauvermummten holt aus einem Versteck die Blechkanne und füllt vier schmutzige Gläser. Der Mann, der mich rief, ist ein Bauer, er war zweimal in Amerika. Er hat drüben in Nevada einen Sohn, der Junge ist fünfundzwanzig Jahre alt, Führer eines Dampfpfluges; die drei Töchter sind daheim. Der Wein, den wir trinken, ist bitter wie Galle, er ist stärker geharzt als alles, was ich kenne. Wir stoßen an und wünschen einander Gutes. Einer der Männer stellt einen Blechnapf mit gesalzenen Erbsen auf den Tisch. Nun sprechen wir von Deutschland. Es ist als wüßten sie alles, wir sprechen wie von einem fernen Menschen und von einem unbegreiflich großen Schicksal. Das zweite Glas schmeckt schon irdener; wir trinken auf das Wohl des griechischen Volkes und des deutschen. Die rauhe Gastfreundschaft dieser einfachen Männer erfüllt mich mit einem tiefen Dankgefühl, ich empfange hier etwas von der heimlichen, grenzenlosen Bewunderung, die draußen dem verrufenen Volk entgegenschlägt, sie hält sich an keinen Namen und an keine besondere Tat, sie weht nur über jene Abgründe des Schweigens hinweg, die zuweilen unsere Nächte schlaflos machten, sie kommt aus einem Volk, das den Weg des Leidens kennt. Das dritte Glas, das wir trinken, ist voll heimlicher Süße. Der Bauer reicht mir die Hand und verschwindet in die Nacht. Seine Hütte liegt irgendwo dort draußen in den Feldern.

Die Fährleute spannen sich wieder in ihr Joch. Mit einem Aufschrei der Anstrengung werfen sie den eisernen Haken wieder beiseite, die Fähre ist festgefahren. Ich helfe sie abstoßen. Nun schreiten die Fergen mit gleichmäßigem Schritt, tief vorgeneigt, ihren langsamen Gang an der Kette. Wie wäre es, wenn das niedere Volk nicht seine einfache Arbeit täte. Diese Arbeit ist oft hart, fast viehisch, aber auf ihr ruht der Friede der Landschaft. Das Wasser plätschert am Bug, wir landen sanft im Dunkeln. Einer der Kapuzenmänner zeigt mir den Stein, auf den ich treten muß, um trockenen Fußes aufs Land zu kommen; die beiden rufen ein Gutenacht zu mir herüber, ich gehe an ihren geduckten Hütten vorüber die Landstraße hinauf –

Und erreiche die Höhe des Hügels. Neumond und Venus beherrschen königlich den Himmel; sie sind wie geladen mit einer bedeutungsvollen fernwirkenden Kraft. Unten liegen die Berge wie Falten eines abgeworfenen Gewandes. Ohne den Blick von den Sternen zu wenden, gehe ich durch die kühle Nacht. Die Mondsichel, bleich und schmal, ist seligste Hingegebenheit. Der Stern zittert wie in einem frischgezündeten Licht. Es ist als umfasse das Weltall schweigend wie ein einziger gewaltiger Zuschauer diese beiden Leuchten und ihr herrliches Spiel.

Rausch der Frühe

Korinth. Man spricht den Namen wie einen Daktylus. Das th ist weich wie im Englischen. Korinthos.

Heute sind es drei Stätten, die diesen Namen tragen. Am Meer, weiß und sommerlich glühend, von Staubwolken durchfegt, liegt Neu-Korinth. Seine Straßen sind breit, offen und wie mit dem Lineal gezogen. Es ist eine eigentümlich leblose Stadt, trotz ihren großen, von einem Wald ungepflegter Platanen beschatteten Plätzen. Das Meer rauscht in ihren Schlaf. Neu-Korinth ist nur von ein paar tausend Menschen bewohnt. In den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts versuchte die Regierung an der Mündung des Durchstichs, da, wo die Fährleute ihre Hütten haben, eine Stadt zu gründen; man gab ihr den Namen Poseidoneia. Das alte Korinth war einmal die Mutterstadt der wichtigsten über See gelegenen griechischen Kolonien im Abendlande. Korinth besiedelte einst Korfu und Sizilien, vielleicht auch jenes italische Poseidoneia, dessen Ruine jetzt Pästum heißt. Das neue Griechenland dachte einen Augenblick daran, hier die Hauptstadt des Landes zu erbauen. Schließlich entschied es sich doch für Athen.

In der Frühe steh ich am Fenster, über der Stadt liegt der Glanz des Sonnenaufgangs, das Meer rauscht wie ein Eisenbahnzug, es hat mich aufgeweckt. Der Wind pfeift durch die leeren stillen Straßen, eine Kirchgängerin kommt unten des Weges, ihre schneeweißen Bauernkleider wehen um die kräftigen Glieder, das Kopftuch umhüllt ein schönes und strenges Gesicht, das sich zur Seite wendet. Ich geh an den Strand; das Meer, blau und zornig funkelnd, rauscht gegen das Kiesgeröll und zerbricht in glänzenden Sprühregen über der zertrümmerten Mole. Die Hauptstraße der Stadt liegt noch im Tagesschlafe; zwei junge Leute kommen des Weges, betrunken von irgendeinem Maskenball; sie taumeln und singen, ihre Haare flattern, der eine trägt ein rotes Tuch über der Schulter und eine Geige, der andere einen dünnen Mantel, aus dem ein Pierrotkostüm hervorschaut; sie entdecken eine Ruhebank, stürzen hin und tragen sie vom Meeresufer fort. In der Mitte der Straße, das Meer gegen sich, setzen sie sich nieder und lärmen, auf der Bank reitend. Verwegenes Ankämpfen gegen den Tag, die Kälte und den Sturmwind! Hinreißende, jugendliche Verachtung des Kalenders und der Polizeivorschriften! Der Rausch dieser Menschen vereinigt sich mit dem Rausch, den das Meer erzeugt. Es lockt mich, den Ausgeschlafenen, ins dämonische Spiel dieser beiden Menschen Gesang zu mischen, aber ich erschrecke vor jener unsichtbaren Schwelle des Irreseins, die nur der Trunkene ungestraft überschreitet. Ich habe den Weg nach Akrokorinth noch vor mir.

Der Fahrweg

Die Stätte des alten Korinth liegt fast eine Meile entfernt von dem neuen. Es ist ein runzeliger Fahrweg querfeldein. Weißliche, noch unbelaubte Feigenbäume ragen aus den Feldern, weiße Papierbüschel flattern überall zum Schutze der Saaten gegen Sperlinge und Krähen. Das Laub der Ölbäume rauscht im Morgenwind wie reißende Seide: in ihrem ewigen Kampf mit dem Wind sind die Stämme der Ölbäume, die ohnehin etwas Knorriges und Verschrobenes haben, alle ein wenig nach Südosten geneigt. Bäche sind quer über den Feldweg gelenkt, am Rain ist das Wasser in spiegelnden Tümpeln gesammelt, aus den kleinen Seen ergießt es sich über die Felder in schmalen Rinnsalen, die von den Landleuten täglich geändert werden, indem sie die Durchlässe mit ein paar Lehmklumpen verstopfen oder neue Durchlässe mit einem Schlag der Hacke öffnen. Diese mäandrische Art der Bewässerung ist höchst einfach. Vor Jahrtausenden kann sie nicht anders gewesen sein.

Auf der Landstraße begegnet mir ein Karren; ein Junge treibt das Pferd, neben ihm sitzt ein Mädchen, den Kopf umhüllt mit dem blauweißen Leintuch, die schlanken Beine, städtisch, bis an die Knie in braunen Strümpfen. Es ist Sonntag. Auf den Feldern fehlen die Landleute. Ein paar Bäuerinnen wandern. Mund und Stirn sind verhüllt wie bei den Türkinnen; fast erstaunlich, daß sie nicht noch wie diese in schwarze Säcke gekleidet sind, aber ihre Kleider sind hellblau, rein und fröhlich wie Wiesenblumen.

Felsen erheben sich, deren Fläche mit dürftiger Weide bewachsen ist. Ein buckeliger Fahrweg führt durch die Schlucht. Der Fuß betritt alte Pflasterung. Die mit gelben und schwarzen Moosen getigerten Felsen sind reich an Löchern und von roten Anemonen umflutet. Alle menschlichen Bauten aus der alten Zeit sind verschwunden bis auf die berühmten Tempelsäulen, die in der Ferne ragen. Mauern umgaben den Berg und reichten bis an das Meer hinab; die so umfriedigte Fläche der Stadt hatte einen Umfang von zwanzig Kilometern. Nur die Spur der Räder ist geblieben, dieser Karrenräder, die jahrhundertelang immer denselben Weg zwischen dem hochgelegenen Markt und dem Hafen zurücklegten. Dreht man sich auf diesem Felsen um, so erscheint der Golf und das jenseitige weiße Gebirge herrlich. Auf einer solchen Schwelle zwischen dem Meer und den Bergen zu wohnen, konnte wohl einem Diogenes genug sein; sich dabei eine Tonne als Behausung zu wählen, erscheint in der Tat als ein Einfall, der eines Philosophen würdig ist, seine Tonne konnte er dahin rollen, wo es ihm am besten gefiel; aus der Öffnung schaute er wie aus einem Fernrohr, sie ließ sich richten wohin er wollte und war niemand im Wege, darum konnte ein Diogenes auch von Alexander verlangen, daß er nicht zwischen ihm und der Sonne im Wege sei. Vielleicht sah ein Weiser von solcher Überlegenheit in dieser Landschaft mehr als nur ein Stück Natur. Vielleicht sah er schon mit den Augen eines jener Gnostiker in die Welt, die sagten, daß die sinnliche Welt aus den Affekten entstanden sei, aber aus den Affekten des schwächsten, des weiblichsten Äons, nämlich der Sophia, die eine Mißgeburt war und sich vergebens nach Vereinigung mit dem Urwesen sehnte; ihre Tränen seien Quellen, Meere und Ströme, ihr Erstarren vor dem göttlichen Wort seien Felsen und Berge geworden, ihre Erlösungshoffnung aber wie Licht und Äther. Hier lebt der Geist des Weisen in einem Palast; auch der Schmetterling liegt in seiner Puppe wie in einer Tonne zusammengekauert, unterdessen malen sich auf seine Flügel die reinen Linien, die großen Augen, die Farben aus tausend Stäubchen seliger Augenblicke. Diogenes sah die Berge und die Wolken, die von Menschen wimmelnden Theater und Landstraßen in den Feldern; den Flug der Vögel, das Segeln der Barken; aus keinem Haus von Stein hätte er mehr als aus seiner Tonne zu sehen und es nirgends so zu sehen vermocht, wie es ist.

Forum

Ein ärmliches Dorf, aus Lehmziegeln erbaut, liegt auf der Stätte des alten Korinth. Die unbesteigliche Vorderwand des Bergklotzes erhebt sich hinter ihm. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erschütterte ein Erdbeben den Boden, die Dorfbewohner flohen, die meisten suchten Zuflucht am Meeresufer und wurden Bürger in Neu-Korinth. Es ist, als hätte das Erdbeben erst gestern stattgefunden, so verlassen sind die mit Geröll und Kehricht bedeckten Gassen. Ein Labyrinth von Feldwegen führt zwischen den Bauerngehöften hin, ich verirre mich in einem mit Lauch und Saatgetreide bepflanzten Garten, an seiner Mauer liegt ein mit klarem Wasser gefülltes Becken vom Umfang eines großen Zimmers, das kupferfarbenen Enten zum Aufenthalt dient. Erst in der Mitte des Dorfes begegne ich Menschen, ein Weib in einem safrangelben Gewand tritt aus einer Hoftür, wie ein Spuk leuchtet und schwindet die belebende Erscheinung. Der Dorfplatz ist klein und von Eukalyptusbäumen beschattet; unter den Bäumen führt eine doppelte Treppe zur steingefaßten Quelle nieder. Nahe dieser Quelle ist die Grube, die man durch ein Tor wie einen Hof betritt; dort unten, haustief, liegt aufgedeckt ein Teilchen der antiken Stadt, es ist der Marktplatz über einer sanft ansteigenden Stufenstraße mit Säulen und Kaufmannsgewölben an der Seite. Hier hat Paulus gepredigt. Die Steinklötze, die hier stehen, waren die Postamente berühmter Statuen, auf dem Fundament der Propyläen strahlte einst das goldene Viergespann des Phaeton und des Helios. Ein leises Glucksen tönt durch die Stille. Es kommt aus den Felsenkammern, aus den Quellhäusern der Pirene. Auf zerbrochenen weißen Stufen, durch zerfallene Hausgänge und über Säulenreste hinwegsteigend, gehe ich zu den alten Bädern hin. Die Bergwand oben trägt ein rötlich bemaltes Bauernhaus, hier unten sind die steinernen Wasserkammern. Geräumige Stollen führen tief in den Berg. Aus diesen Stollen findet die klare Flut mit ihrem ewigen leisen Rauschen den alten Weg. Noch sind die Kammern mit Löwenköpfen verziert, man sieht an den Wänden auf dunkelfarbenem verwittertem Grunde die von den antiken Künstlern gemalten Wassertiere, Krebse und Fische. Wie klein ist der ausgegrabene Bereich; in der Wildnis der Büsche, der Gräser, der von Flechten überzogenen Marmorstücke und der von schwerblätterigen Stauden beschatteten Steingebälke hier unten öffnen sich einzelne Brunnenlöcher, in deren Tiefe der Himmel zittert. Oben, nur in Schulterhöhe über der Schutzmauer sichtbar, gehen Dorfbewohner vorüber, dunkel vermummte Gestalten.

Der Felsklotz

Die Umgebung des Dorfes ist ein unendliches Blachfeld. Nahe den traurigen Resten des Tempels ragt der Fels der Glauke, von schachtartigen Brunnenkammern durchbrochen. Auch dieses aus dem gewachsenen Fels gegrabene Bauwerk steht wie ein Geheimnis in dieser kahlen, sanft und schattig gefärbten Landschaft. Hier dehnte sich bis an den zerrissenen und schroffen Abhang des Festungsberges die antike Stadt. Die mit Steinen besäte Fläche ist von wenigen Pfaden durchzogen. Sie dient, in der Nähe eines alten Brunnens, als Schafweide, für die Aussaat ist dieser Acker nicht brauchbar. Der Berg scheint dem Dorfe ganz nahe, aber der einzige Weg, auf dem er zugänglich ist, führt in einem weit ausholenden Bogen durch baumlose Steinregionen. An seinen Abhängen gedeiht die wächserne Asfodelosblume; hier wogen die gelbgrünen Doldenhäupter der Wolfsmilch, derselben Pflanze, die bei uns in Deutschland eine kleine Blume des Waldrandes, in tropischen Ländern ein Baum ist; hier hält sie die Mitte, zuweilen ist es, als ob sie es sei, die einen flüchtigen Duft in den Seewind mischte, der heftig gegen den Berg braust.

Dies war früher der Weg der Reiter, der Wagen, des großen alltäglichen Hin und Her. Der Pfad ist unebener zerriebener Stein, ein rötlicher und zerrissener Schiefer. Da und dort festigt ihn noch immer das Pflaster von einst. Oben sinkt der Fußweg in die alten Festungsgräben nieder, um sich steil wieder herauszuarbeiten; er umgeht die zerbrochenen Bogen der Brücke vor dem Festungstore. Zwischen gelben Mauern und schroffen Felsenabhängen führt die Gasse aufwärts zu den verlassenen Bastionen. Noch liegen die Rohre venezianischer Geschütze umher. Das Steingeröll wird kantig wie ein geschaffenes Hindernis, zerfallene Häuser stehen am Wege, verlassene Kirchen, kleine kastenähnliche Moscheen mit zugemauerten Eingängen. Auf der vorletzten Stufe des Berges mitten aus den Trümmern ragt ein Türmchen. Seine Pforte ist offen, drinnen ist eine Wendeltreppe, es sind dreißig Stufen, das Auge erreicht den Mauerschlitz der Luke; von der Spitze dieser schmalen, oben geschlossenen Röhre ist der ganze Stadtbezirk zu übersehen. Diese von weiten und zinnengekrönten Mauern umgürtete Bergstadt war vor Jahrtausenden dem Helios geweiht, sie ging später in den Besitz der Aphrodite über, dort drüben in den Steinen ragte der Tempel der Göttin und ihrer Priesterinnen. Herrlicher, verschwiegener Wallfahrtsort. Der Berg ist gewaltig wie der Hohentwiel, doch einsamer; seine Öde und Zerfallenheit ist furchtbar. Hier oben wechselten die Völker wie Bilder einer Uhr. Hier herrscht das Grauen des Hades am hellen Tage. Es liegt ein eigentümlicher Ansporn darin, auf diesen umhergestreuten und von Disteln überwucherten Steinen immer höher zu klettern. Der Sturmwind ist so stark, daß das Klettern ein Kriechen ist. Erst auf der obersten Höhe, zwischen alten Torbogen und leeren Fensterhöhlen, über halb verschütteten Gewölben ruht der Fuß. Die Gräser dieser wilden Wiese beben. Keine Menschenseele ist auf dem Berg, selbst die Hirten mit ihren Ziegen bleiben ihm fern. Doch nun umfaßt der Blick die schroffe öde Kahlheit der Nachbarberge, die sagenhafte Einsamkeit dieser Bergwelt, die rotgestreiften Täler. Aus alten Gewölben hervor, die einen Schutz bieten, folgt der Blick, den Abgrund vor Augen, den Raubvögeln bei ihren Kreisen in der Luft. Den letzten Gipfel des Berges bildet ein riesiger Steinhaufen; er erinnert an ein tibetisches Denkmal. In der Ferne leuchtet ein Weiß und Blau. Unten zu beiden Seiten des weißen Isthmus die blauen Meere. Wie auf einem ungeheuren Turme richtet die Menschengestalt sich auf und steht mit schmalen Füßen auf dem Rücken des besiegten Berges. Hier ist die Mitte des vom Meer umfaßten, aus dem Meer geborenen Hellas. Nur Parnaß und Helikon im Norden, im Süden die zackige Gipfelwelt Arkadiens, begrenzen den Blick; sie allein hindern ihn, das ganze Griechenland zu umfassen. Aber auch sie lassen noch immer die Hälfte von Griechenland übrig. In der östlichen Ferne leuchtet aus dem Meer das rötliche Salamis, ein wenig zur Seite schimmert aus gelblicher Fläche das weiße Schloß von Athen.

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