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Weltreise eines Deutschen

Alfons Paquet: Weltreise eines Deutschen - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorAlfons Paquet
titleWeltreise eines Deutschen
publisherBüchergilde Gutenberg
year1934
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150826
projectid64517c33
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Eine Randstadt

Felsen, Deiche, Skulpturen

Der täglich einmal nach Kalgan abgehende Zug führt uns nordwärts. Von Peking bis zu dieser letzten chinesischen Stadt vor der mongolischen Grenze beträgt die Entfernung kaum hundertfünfzig Kilometer. Trotzdem dauert die Reise fast einen Tag. Wir sind eine kleine Gesellschaft. Die Fahrt bringt uns zu den Bergen, die man von den Mauern Pekings sieht. Sie gleichen von fern den Wellen eines brandenden Meeres, das am schönsten ist in der feurigen Durchsichtigkeit der Sonnenuntergänge. Dieses von den lückenlosen Bändern uralter Mauern überzogene Kettengebirge schützte in der Vergangenheit die nordchinesischen Niederungen vor den Hunnenvölkern. Nur wenige Karawanenstraßen führen über die Pässe und sammeln sich in Kalgan noch einmal, um dann nach allen Richtungen durch die staubigen Lößlandschaften und über den harten Boden der Gobi auszustrahlen. Jetzt erleichtert die Eisenbahn den Reisenden die beschwerliche Reise bis Kalgan. Die Chinesen sind stolz auf diesen Bahnbau. Sie haben ihn trotz großer technischer Schwierigkeiten ohne fremde Hilfe ausgeführt. Ein in Amerika geschulter chinesischer Ingenieur hat sie gebaut, die Geldmittel stammen aus dem Reingewinn der Peking-Mukdener Eisenbahn, und alle Angestellten sind Landsleute des aus Kanton stammenden Erbauers. Man erkennt diese Kantonesen sofort an ihren italienisch lebhaften Gesichtern und ihren wie aus braunem Ölpapier geschnittenen dünnen Seidenkleidern.

Gegen Mittag verläßt der Zug das Städtchen Nankou am Fuß des Gebirges, den Ausgangspunkt der Ritte zu den Kaisergräbern. Sehr langsam geht's in den scharf eingeschnittenen Schluchten aufwärts. Die chinesischen Passagiere sitzen gemütlich auf der Plattform; wir schauen über blaue Glasfenster hinaus auf das zurückbleibende weite Tiefland und den noch weiteren Himmel, ehe die Felsen ihn schließen. Der Zug wirft plumpe Schatten auf die Hänge von aufgerissener Erde, die sich in ihrem gleichmäßigen frischen Braun wie die Spur einer gigantischen Wühlarbeit von den schwarzgrünen verwitterten Felsen unterscheiden. Die schweizerische Maschine schnauft schallend. Die Tunnels sind wie eine Reihe hintereinander offenstehender Pforten. Mit kunstvollen Schleifen umschraubt das Geleise die Abhänge; es überquert die mit Geröll bedeckten Täler auf riesigen, unglaublich breiten Dämmen. Fast immer behält man Felswände, Karawanenstraßen im Auge. An Engpässen und Brücken liegen Herbergen, deren weite, von Bruchsteinmauern und Reisighecken geschützte Höfe den Kamelen und Maultieren ein Lager bieten. Oft stehen Tempel zu Seiten des Weges auf den Abhängen. Lebensgroße Wächterfiguren in altertümlicher Tracht, mit Waffen in den Händen, stehen in halboffenen Hallen; in eine schwarze Felswand hat der Meißel eines frommen Künstlers einen dicken Buddha eingegraben. Und von Höhe zu Höhe, die steilsten Abhänge hinab und die Täler sperrend, zieht sich die Mauer. Ihre sehr einsamen Wachttürme hängen wie Adlernester auf den fernsten Spitzen, die blockförmigen zerfallenen Zinnen erheben sich wie Flossen über dem Rumpf der Berge, sie sind da und dort zu trotzigen Kastellen zusammengezogen oder wie Stufen hintereinander aufgebaut. Mitten zwischen den fast abgetragenen Wänden einer alten Feste grünen jetzt die Furchen des ewig jugendlichen Ackerbaues.

Eine Panik von Finsternis, Schwefeldämpfen und Hitze treibt uns in den Wagen. Der Zug durchfährt den letzten, anderthalb Kilometer langen Tunnel. Dann dehnt sich vor uns graublaue Erde, ein zerrissener, wie von Hitze gesprengter Boden mit kahlen Höhen, die riesigen hingeschütteten Sandhaufen gleichen. Kaum entdeckt man die kastenähnlichen Lehmhütten der Menschen. Zwischen scharfgeschnittenen Dünen schleppt ein träg verästelter Fluß sein blaßbraunes Wasser. Dann wieder grünen und glänzen Reisfelder mitten im Sande.

Alte Präfekturstadt

In einem breiten Talbecken dieser Landschaft hält der Zug unweit Süenhuafu. Ein heißer Dunstschwall verschleiert den Rand der Ebene, am Himmel stehen elektrisch leuchtende Wolken. Wegen des Drachenfestes spaziert das Volk in Scharen feiernd und gaffend um den mit Güterwagen gefüllten Bahnhof, auf dem Bahndamm und auf den terrassenförmigen Feldern. Die Stadt ist in ein Quadrat hoher Mauern eingeschlossen, die an der Westseite von den wandernden Dünen bis zu ihrer vollen Höhe mit Sand überschüttet sind. Ein Gürtel von verwitterten Grabhügeln und Ehrentoren, der die Stadt umgibt, bezeugt ihr Alter. Noch im achtzehnten Jahrhundert wohnten Mongolen in dieser Gegend, und die Stadt konnte sich nur als Festung gegen sie behaupten. Richthofen fand hier vor vierzig Jahren den Raum innerhalb des gewaltigen Mauernvierecks nur zu einem geringen Teil von bewohnten Plätzen eingenommen. Heute ist die Stadt um das Mehrfache bevölkert und vor den Nomaden sicher.

Übrigens lebte hier der bekannte Splingaert, ein Flame von einfacher Herkunft, den das Schicksal in jungen Jahren nach China verschlagen hatte. Er begleitete den Freiherrn v. Richthofen auf mehreren Reisen im Innern Chinas und wurde dem großen Geographen ein unersetzlicher Gefährte. Der Mann ließ sich später ganz in China nieder, trat in den Staatsdienst und brachte es zum Rang eines hohen Mandarins. Er heiratete eine Chinesin, die ihm zweiundzwanzig Kinder schenkte, und starb im Jahre 1906.

Einkehr

An den Bergen, die näher an das Geleise herantreten, sieht man schwarze Schichten und dazwischen die von den Chinesen gegrabenen Stollen, die von ihnen Kohlebrunnen genannt werden. Der Saum des Lößgebietes bis weit nach Schansi hinein ist reich an Steinkohle. Die Gruben sind in diesem holzarmen Lande sehr wichtig für den Betrieb der Eisenbahnen. Allmählich umschließt uns ein breiter, nur nach Süden offener, sonst von kahlen Felsabhängen umgebener Talkessel. Im nordwestlichen Winkel liegt Kalgan mit seinen erdfarbenen Dächern, die wie auf verdeckten Felsblöcken übereinandergetürmt scheinen. Selten mischen sich ein paar grüne Wipfel hinein.

So unansehnlich sich Kalgan von außen zeigt, aus so bunten Elementen setzt sich das Leben der Märkte und Gasthäuser hier zusammen. Europäer gibt es sehr wenige in dieser aus allen asiatischen Elementen gemischten Bevölkerung, es sind ein paar Missionare, katholische Belgier, protestantische Schweden und einige russische Familien. Alle wohnen für sich, ohne Berührung miteinander.

Das Gasthaus liegt hinter einer Reihe mächtiger Pappeln am Saum der Stadt. Den mäßig großen, mit Steinplatten belegten Hof umgibt ein Gang mit den offenen zellenförmigen Gaststuben. In der Mitte grünt ein Garten mit großblätterigen stämmigen Rebstöcken, die sich in diesem rauhen Klima nur erhalten, wenn sie während des Winters in die Erde gegraben sind. Ein Regenschauer verdüstert den Abend. Doch machen wir noch einen Gang durch die Stadt. Ein Trüppchen neugieriger Menschen folgt uns durch die dämmerigen Straßen. Über den schmalen Fluß führt eine Brücke aus weißem Marmor mit einem Geländer von schöner Steinmetzarbeit. Man sieht viele Gedenktafeln, Peilos in reicher Form und kunstvoll gearbeitete Mauern, doch alle sind zerstoßen, gelbgrau vor Schmutz und schmierig vom Schlamm der Pfützen. In Scharen sitzt das Volk vor seinen Eßnäpfen unter den Zeltdächern der Speiseküchen. Die Fußsteige, die die einzige Möglichkeit bieten, den mit Kohleblöcken, mit Ballen Häute und Wolle beladenen Maultieren auszuweichen, sind so schmal, daß man nur im Gänsemarsch gehen kann. Sie führen fast einen Meter über dem von den Hufen gekneteten Straßenschmutz an den Häusern vorüber. Werkstätten und Läden sind noch offen, doch es ist Feierabend. Die Verkäufer machen am Ladentisch ein Spielchen Schach. Dort steht ein beschaulicher Mann, auf der Hand ein zahmes graues Vögelchen mit einer blauen Seidenquaste auf dem Rücken. Man sieht Spaziergänger, die in zierlich geflochtenen Käfigen kleine Singvögel umhertragen, die laut schmettern, wenn der Käfig ein wenig geschwungen wird. An dem warmen dunklen Abend sitzen wir dann im Garten unseres Gasthauses und lauschen dem Lärm aus einem benachbarten Theater: der schrillen Fistel einer Sängerin und der unermüdlichen Saitenmusik, die an das feine Singen der Schnaken erinnert.

Grenzmarkt

Ein Morgenspaziergang offenbart uns die ganze Ausdehnung der Stadt. Mit ihren belebten Hauptstraßen, den reichen Konturen der seitwärts gesehenen Häuser, den kräftig gerippten und von bizarren Aufbauten gezierten Dächern, den stattlichen Plätzen, die sich unvermutet hinter den winkligen Torfahrten der Stadtmauer öffnen und große, von Theatergerüsten überragte Märkte aufweisen, mit ihren kunstvoll gebauten, doch im Gewirre der Höfe und Häuser oft nur an den hohen Masten und steilen Terrassen kenntlichen Tempeln bietet sie eine fremdartige Szenerie. Man findet in den Läden nicht die luxuriösen Schmucksachen, Pelze, Bücher, Arzneien wie in Mukden und Peking. Rauhe scharfkantige Gefäße aus rotem Kupfer, Töpferwaren mit dicker metallisch glänzender Schwarzglasur stehen zum Verkauf, schwere eiserne Ketten, Schlösser und Herdgestelle, wie man sie in den Jurten der Mongolen wiederfindet, lange Pfeifen, mit Goldfäden gestickte Tabaksbeutel, fein gearbeitete Köcher mit schmalen eisernen Messern und beinernen Eßstäbchen, irdene Trinkflaschen für die Wüstenreise, amerikanische Baumwollstoffe, die in den Färbereien von Kalgan mit deutschen Färbemitteln in rote, gelbe, blaue Kleiderstoffe für den mongolischen Gebrauch verwandelt wurden, trichterförmige, mit Murmeltierpelz verbrämte Kappen mit Pfauenfederbüschen und langen breiten rotseidenen Schleifen, Schnupftabakfläschchen aus bemaltem Glas, billige Stereoskope und Ferngläser französischer und japanischer Herkunft, schieferblaue seidene Opfertücher, grobe Teppiche, die aus bräunlichweißen und blauen Wollfäden geflochten sind. Aus der Umgegend kommen Früchte und Gemüse, aus dem fernen Kansu stammt ein aus komprimiertem Aprikosensaft hergestelltes rotbraunes, wie Guttapercha aussehendes Papier, das in kleinen Portionen in heißem Wasser aufgelöst ein angenehmes säuerliches Getränk ergibt. Die Mongolei liefert Felle von Ziegen und Schafen, Rinderhäute, Filz, Kamelwolle. In den Höfen des Salzmandarins wird das an den mongolischen Seen gewonnene Salz aufgestapelt, das die Karawanen bringen.

Eine Fahrstraße mit Verkaufsbuden an der einen und den Mauern großer Amtsgebäude an der anderen Seite führt vor das altertümliche Stadttor. Man kommt am Gehöft des Militärgouverneurs der Schaho-Mongolen vorüber, dessen Macht bis nach Urga über ein Gebiet von der Größe Deutschlands hinaufreicht. Die gefüllten schwarzen Tonnen im Hofe einer Hirseschnapsfabrik verbreiten einen scharfen aromatischen Essiggeruch über das Stadtviertel. Ein altes Tempelgehöft beherbergt die Behörde zur Unterdrückung des Opiumrauchens. Ein anderes dient als Station der staatlichen Kurierpost, deren schnellste Reiter Urga in neun Tagen und Nächten, Uliassutai in zwölf bis vierzehn Tagen erreichen. Grelle gelbe Plakate mit mongolischer, chinesischer und arabischer Schrift preisen die Pirat-Zigaretten der anglo-amerikanischen Tabaksgesellschaft, und neben den Anpreisungen japanischer Pillen an den uralten, mit rostigen Eisenstücken gepanzerten Torflügeln der Mauer hängt ein Anschlag der Stadtregierung zur Aufklärung der über die Erscheinung eines Kometen beunruhigten Bevölkerung. »Der Komet verursacht keinen Schaden«, heißt die Überschrift. Das Blatt zeigt in Holzschnittmanier eine Darstellung der Bahn des Kometen im Raum und ein Bild der Menschen, die vor einer Stadt stehend seinen himmlischen Glanz bewundern.

Hinter den Bergzügen, die Kalgan umsäumen, beginnt die mongolische Hochebene. Dort breitet sich seit einigen Jahren die Einwanderung von Schantungbauern aus. Die bettelarmen Familien erhalten das Land unentgeltlich, Saatgetreide und Pflüge liefern die vom Staat unterstützten Ansiedelungsgesellschaften. Wo der chinesische Bauer hinkommt, da zieht sich der Nomade zurück. Schon vor vierzig Jahren fand Richthofen in einigen dieser neuen Chinesendörfer Gemeinden der katholischen Mission. Auch andere Missionen sind unter den Einwanderern tätig gewesen. Man findet in den neuen Steppendörfern der südöstlichen Mongolei nebeneinander christliche Kirchen, Buddhatempel, Lamaklöster und Moscheen. Kaigan mit seinen vier Moscheen ist ein Ausgangspunkt des Islams. Der Anschluß an die mohammedanischen Gemeinden bietet den zuwandernden chinesischen Familien einen wirtschaftlichen Halt.

Der Mufti

Die größte der Moscheen Kalgans liegt an der Stadtmauer in einem dicht besiedelten, doch stillen Viertel, weithin erkennbar an ihren pyramidenförmigen Türmen. Weiße Tauben gurren auf dem glänzenden kaffeebraunen Dach. Zedern und Kiefern stehen im Vorhof, dessen Mauern mit roten Flachreliefs von schöner alter Arbeit geschmückt sind. Der Mufti selbst führt uns zum Brunnen, in dessen Nähe die Stiftungsurkunde auf einer steinernen Tafel in die Mauer eingelassen ist. Die Moschee ist über zweihundert Jahre alt; sie stammt aus der Regierungszeit des Kaisers Kanghi. Der Bau ist nach Westen orientiert, in der Richtung auf Mekka. Der mäßig große Saal mit seinen vielen Lampen an der Decke, den Gebetnischen und der Kanzel unterscheidet sich nur durch das natürliche Vorherrschen des chinesischen Stilcharakters von den türkischen Moscheen. Die Sprüche an der Decke wechseln in arabischen und chinesischen Schriftzeichen.

Unser Führer ist trotz seiner Kleidung und Sprache kein Chinese; sein Gesicht zeigt einen dunklen fremdartigen Typus. Wir fragen ihn ein wenig aus. Er stammt aus Turkestan wie fast alle Mitglieder seiner über 200 Familien zählenden Gemeinde; außer Chinesisch kann er auch Arabisch. Das bestaunen wir, und er gibt uns stolz zur Antwort: »Mohammed sprach arabisch. Ihr seid Christen. Jesus hat syrisch gesprochen, aber keiner von euch kann Syrisch.«

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