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Weltmusik

Karl Henckell: Weltmusik - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleWeltmusik
authorKarl Henckell
year1918
publisherVerlag von Franz Hanfstaengl
addressMünchen
titleWeltmusik
created20040117
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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Geistesruf

              Horch! Im Gewirr der unversöhnten Chöre,
Dem Schall der Welt, die lärmend mich umkreist,
Ist mir, wie wenn ich eine Stimme höre,
Die mich durchzuckt. So wirkt ein mächtiger Geist.
Der Ruf gilt mir. Weh jedem, der ihn störe!
Ich weiß nicht, was du bist und wie du heißt:
    Entringst du dich dem Urgrund der Gefühle?
    Bist du mein Lebenswort im Zeitgewühle?

»Dein Dämon bin ich: Keiner, der berücke.
Wie du mich suchst, so werd' ich offenbar.
Ich locke dich mit keinem Jenseitsglücke,
Das nicht in deinem Blut und Wesen wahr.
Hängst du am Wahn? Bedarf dein Wuchs der Krücke?
Scheust du den Schritt auf eigene Gefahr?
    O nein, du hast dem fremden Gängelbande
    Dich selbst entwunden, bis zum Todesrande.«

Du meines Lebens Licht und höchste Stimme,
Zu dir bekenn' ich mich in Lust und Qual;
Du gibst mir Mut, und ohne Krücke klimme
Gefaßt ich aufwärts aus dem trüben Tal.
Und wenn ich über das Idol ergrimme,
So grüßt mich sternenmild der Sehnsucht Strahl,
    Den Weg voran, den freie Wandrer ziehen,
    Die nicht vor toten Wunderzeichen knieen.

»Zu lange, Mensch, hast du in Lohn und Frone
Dem Gott gedient, der dein Geschöpf und Bild,
In Furcht und Hoffnung nahtest du dem Throne,
Den einst du türmtest in das Luftgefild.
Wo sich unendlich spannt die Sternenzone
Und Licht an Licht aus Nebelschleiern quillt,
    Da vor den Himmel zogst du Gitterwände
    Und schürtest tief im Erdschoß Höllenbrände.«

Genug, mein Geist, von abgestreiften Banden,
In denen Trägheit, ach, noch viele hält!
Sie haben die Propheten nicht verstanden
Und meist zum Fetisch das Symbol entstellt.
Den echten Wein aus wahren Lebenslanden,
Sie haben ihn verdorben und vergällt,
    Woran die Gottkraft nimmermehr beteiligt,
    Die hohle Formel haben sie geheiligt.

»Getrost, auch ihnen kann der Tag erscheinen,
Wo der Erkenntnis Funke sie berührt.
Euch aber muß, die Sehenden, vereinen
Ein glühend Streben, das zur Freiheit führt.
Der Sinn der neuen Menschheit sucht die Seinen,
Daß sie sich sammeln, wenn der Kampf sie kürt,
    Von zäher Herrschsucht schmählich aufgezwungen,
    Die töten möchte, was dem Licht entsprungen.«

Geist, der mich rief und den ich nicht verrate,
Der Satzung feigem Vorteilsflüstern taub,
Geist, so verhaßt den Wächtern im Ornate,
Die dir gebieten wollen: »Schweig und glaub!«
Verdächtigt von den schlauen Herrn im Staate,
Die sich dem Dogma beugen in den Staub –
    Der du fürwahr nicht Huld noch Gunst verschwendest,
    Gesegnet sei, daß du uns Segen spendest!

»So sei der lebensvollen Denker Wille
Zur edlen Wahrheit Vorbild deinem Mut!
Er stähle dich in schöpferischer Stille,
Er trage stark dich durch die Lebensflut!
Daß Geist, Gefühl und Tat zusammenquille
Und deine Sehnsucht in der Einheit ruht,
    Die reingestimmt du, Künstler Mensch, gestaltest,
    Wenn du zur Freiheit das Gesetz entfaltest.«

Wie schön erblüht Vernunft zum Ideale,
Wenn sie ein tiefer Dämon warm verklärt!
Gleich einem Festtrank aus kristallner Schale
Schäumt auf der Wein, darin Begeistrung gärt.
Doch fern der Feier bleibe das Banale,
Das, gläubig oder gottlos, ewig währt –
    Und wie ein Hauch aus hohen Dunkelheiten
    Mag durch die Herzen das Geheimnis gleiten.

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