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Weltmusik

Karl Henckell: Weltmusik - Kapitel 69
Quellenangabe
typepoem
booktitleWeltmusik
authorKarl Henckell
year1918
publisherVerlag von Franz Hanfstaengl
addressMünchen
titleWeltmusik
created20040117
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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Stimme des Berges

              Zerflatternd schwanden schwere Nebelschuppen
Vom Antlitz des Gebirges langsam hin.
Weiß schweben Wolken um befreite Kuppen –
So weht Allvaters Bart seit Urbeginn.
Der Himmel sandte seine Säubertruppen,
Die frischen Morgenwinde. Siegerin
            Wird Sonne. Ihre tausend Strahlenhände
            Ergreifen hell die finstern Felsenwände.

Von diesem Gipfel, wo die Geister thronen
Der überwindend schöpfertrunkenen Lust,
Schau ich die Welt gemarterter Millionen,
Der unerhörten Daseinsqual bewußt.
Schau ich die Völker, die auf Erden wohnen,
Wie sie sich selbst zerfleischen Brust an Brust,
            Schau ich der Menschheit Leib vom blutigen Kleide
            Geschändet bis ins tiefste Eingeweide.

Von diesem Gipfel, wo die Geister lauschen
Des Sonnenlichtes seliger Symphonie,
Hör' ich den Schreckensstrom der Leiden rauschen,
Ein wimmernd Heulen wie von Schlächtervieh.
Hör' ich Gebet mit wildem Fluch vertauschen
Und Todesschrei, wie er aus Jesus schrie,
            Hör' ich des Lebens mildere Akkorde
            Zerschell'n im wüsten Lärm der Massenmorde.

Und von den Schreien, die gen Himmel branden,
Fühl' ich erbeben dieses Berges Mark,
Was Menschen jemals Menschliches empfanden,
Rührt an der Erde Festen riesenstark.
Ich fühle, wie ein Herz aus allen Landen
Zusammenpocht hier in Prometheus Park –
            Ich fühle sich der Seelen Seele spannen
            Im Kerne des Granits – den Fluch zu bannen:

»Zu viel Entsetzen trug der Erde Rücken,
Die Mutter Gäa trug zu viel des Wehs,
O bräche der Zerstörerstern zu Stücken,
Versinkend in dem Pfuhl des Höllensees!
Mir graut, mich jung mit grünem Laub zu schmücken,
Befleckt vom Mal des mordgetränkten Schnees.
            Besudelt und verpestet Wälder, Auen!
            Mein Sinn vergeht vor Grauen, Grauen, Grauen.

Schuf Er mich nicht zum ewigen Paradiese,
Der den Gestirnen ihre Bahnen weist,
Und will Er, daß in stetem Kampf erkiese
Der Erdensohn, was er sein Schicksal heißt,
Daß er im Ringen nur sich glücklich priese,
Erlöser seiner selbst durch Tatengeist –
            So mög' Er ihm, der heldisch sich erhoben,
            Auch Kraft verleihn, den höchsten Kampf zu proben.

Und meiner Stimme zürnend Ungewittern
Dröhnt dir, o Mensch, die letzte Warnung zu:
Verblendeter! Die Heiligtümer zittern.
Wie lange noch, wie lange rasest du?
Die Säulen bersten, und die Balken splittern,
Der Bau des Lebens bricht. O lasest du
            So blind im Buch der Dichter und der Weisen?
            Nie wird die Welt geheilt durch Blut und Eisen.

Aus rohen Banden gieriger Gewalten
Entkette dich zu menschenwürdigem Bund!
Dein Völkerschicksal mußt du frei gestalten
Durch Recht und Ordnung! spricht der Erde Mund.
Die Tigertatzen, die dein Hirn umkrallten,
Beschneide kühn! Sie reißen todeswund.
            Zu edlern Kämpfen deine Kraft zu stählen,
            Sollst du, o Mensch, den Bund der Freiheit wählen!«

So mächtig klang der Erde Klag' und Mahnen
Mit weher Mutterstimme mir ans Ohr. –
Nun sei mir Losungswort, den Weg zu bahnen,
Der neu erschließt des künftigen Lebens Tor!
Zieht hell voran, ihr weißen Wolkenfahnen,
Weltfriedenszeichen zart im Purpurflor:
            Muß sich die irre Zeit in Krämpfen winden,
            Die Binde fällt. Der Wahn muß Heilung finden.

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