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Weltfreden

Heinrich Smidt: Weltfreden - Kapitel 2
Quellenangabe
authorHeinrich Smidt
booktitleSee-Novellen
titleWeltfreden
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Bis noch vor ganz kurzer Zeit bemerkte man aus den Fenstern des Hamburger Baumhauses die letzten Ueberreste eines aufgelegten Holländischen Barkschiffes, das bereits am Ausgange des vorigen Jahrhunderts aus der Fahrt gesetzt wurde.

Wenn auch in Holland gebaut, war es doch bald nachdem es vom Stapel gelassen worden, in den Besitz eines Deutschen Kaufmannes gekommen, und hatte ununterbrochen unter Hamburger Flagge gefahren. Und als es nun im Laufe der Jahre zum fernern Dienst unbrauchbar ward, wurde es nicht, wie sonst wohl üblich, zusammengeschlagen, sondern man legte es an die bezeichnete Stelle, und erhielt es sorgfältig, so lange als irgend thunlich, damit es ein lebendes Erinnerungszeichen an jene Scenen sei, die auf den nachfolgenden Blättern erzählt werden sollen.

Ich erinnere mich des alten Wracks noch ganz deutlich. Der breite, nach vornen abgestumpfte Rumpf ragte hoch aus dem Wasser und war von unten bis oben mit Steinkohlentheer überstrichen, nur in der Gegend der Wasserlinie war dieser von der stets vorüberrauschenden Fluth abgespült und es wies sich dort kahles Bretterwerk. Eine Leiter hing nicht mehr vom Verdeck herab, denn schon seit Jahren hatte kein menschlicher Fuß dasselbe betreten, und die Reilings fehlten an beiden Seiten, so daß man das Deck von vorne bis hinten überschauen konnte.

Es bot einen unerfreulichen Anblick dar. Die Luken, welche in das Zwischendeck führten, standen auf, und Wind und Regen hatten ungehinderten Durchzug. Nichts von allen dem, was sonst das Verdeck eines Schiffes belebt, und oft anmuthig macht, war hier zu sehen, und nur die einzelnen Maste ragten, ohne alles Takelwerk aus dem Rumpfe hervor; sie waren vordem mit weißer Farbe angestrichen gewesen, aber diese war nur noch an wenigen Stellen sichtbar, während der größte Theil durch die starke Sonnenhitze auseinander gerissen war, und zahlreichen Insecten zur Wohnung diente.

Oft schon hatte ich dies verlassene Fahrzeug aus der Ferne betrachtet und dabei mancherlei Geschichten erzählen hören, die sich an dasselbe knüpften. Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte an Bord und den Schauplatz jener Grauen erregenden Begebenheiten betreten. Nur mit Mühe gelang es mir, von dem Bote aus zu der hohen Rüst emporzuklettern und von derselben mich auf das Verdeck zu schwingen. Grabesschauer wehten mich an, als ich das Quarterdeck betrat und halb furchtsam, halb neugierig umherschaute. Die Kajütskappe wölbte sich noch über dem Eingang zu der Wohnung des Capitains, aber die Thüren vor derselben waren verschwunden. Ich stieg die Treppe hinab und betrat die Cajüte. Die Fenster standen auf und der Regen, der im Laufe der Jahre ungehindert hineingeströmt war, hatte von der einst so prächtigen Täfelei allen Glanz abgewaschen, nur einen Blutfleck in der Mitte des Fußbodens hatte er nicht vertilgen können, er starrte den Fremdling als ein Zeichen früher begangener Verbrechen an.

Mir graute, als ich den Blutfleck sah und eilte auf das Verdeck zurück. Während ich in der Cajüte gewesen war, hatte sich ein Sturm erhoben, die Maste, die nicht mehr fest standen bewegten sich und dies brachte eine widerliche Musik hervor, von der ich mich unangenehm berührt fühlte. Ich warf einen Blick durch die Luken in den Raum und sah in einen klaren Wasserspiegel, der sich nach und nach aus der eindringenden Fluth gesammelt hatte. Der vordere Theil des Verdecks war ganz leer, und selbst die Ankerspille war verschwunden. Es war nur der enge Raum eines Verdecks, das mich umgab, aber er erschien mir als die weiteste Einöde.

In diesem Augenblick brach ein furchtbarer Platzregen los, der mich in wenigen Sekunden bis auf die Haut durchnäßt haben würde; ich überwand meinen Widerwillen und sprang unter Deck, dem Orte zu, wo einst das Kabelgat gewesen war. In der Mitte dieses Raumes lagen die Reste eines alten Ankertau's; ich wählte dasselbe zu meinem Sitze, und überließ mich meinen Gedanken, während der Regen mit Macht auf das Verdeck niederschlug, und das dadurch verursachte dumpfe Geräusch an allen Enden des Raumes wiederhallte. Unwillkürlich schloß ich die Augen und eingewiegt von dem einförmigen Getöse versank ich in einen Halbschlummer, in jenen Zustand, der uns für jeden Eindruck von aussen her empfänglich macht, aber uns nicht Kraft genug läßt, uns den Beängstigungen, denen wir unterliegen, zu entreißen.

Widerwärtige Gestalten, in kolossalen Umrissen erhoben sich vor mir, und bewegten sich in den seltsamsten Verschlingungen. Ich sah zwei ernste Männer mit wuthentflammten Gesichtern einander gegenüber, die blanken Säbel in der Hand und den Strahl des Verderbens im Auge. Zwischen Beiden erhob eine zarte weibliche Figur die Hände flehend zum Himmel, während ein Strom von Thränen die bleichen Wangen herab schoß. Plötzlich holte der Eine zu einem furchtbaren Schlage aus, und stürzte seinen Gegner todt zu Boden, während die Frauengestalt leblos neben den Erschlagenen hinsank, und der Mörder unbeweglich wie eine Statue stand. Da trat eine riesengroße Erscheinung, in einen blutrothen Mantel gehüllt, aus der Wand hervor, und legte mit heiserem Lachen einen Strick um den Hals des Mörders. – Ich erwachte mit einem lauten Schrei. Vergebens suchte ich mir in den ersten Augenblicken zu sagen, wo ich war, erst nach und nach kehrte mir die klare Besinnung zurück. Wie vom Fieberfrost geschüttelt sprang ich auf das Verdeck, achtete nicht des herabstürzenden Regens und athmete wieder frei, als ich mit meinem Bot an die Brücke des Baumhauses legte.

Wenn man den Theil des Elbstrandes besucht, der sich zwischen Blankenese und Schulau ausdehnt, erblickt man mitten in diesem menschenleeren, sandreichen Strich eine überaus freundliche Oase. Auf einer üppigen blumenreichen, von Quellen durchschnittenen Wiese, die zwischen zwei hohen Hügeln eingeklemmt ist, erhebt sich, unter hohen grünenden Bäumen ein freundliches, im Niederländischen Styl erbautes Häuschen. Jetzt nennt man diesen Ort nach seinem derzeitigen Besitzer »zum kleinen Hain«, ehedem aber lebte hier ein Dänischer Edelmann, der in eine Verschwörung gegen das Leben des Königs verwickelt gewesen sein sollte, dem man aber das angeschuldigte Verbrechen nicht beweisen konnte, und der sich nun mit seinem bösen Gewissen hierhergeflüchtet hatte, um den Tag zu erwarten, der ihm gebot, vor dem Richter zu erscheinen, der kein Ansehn der Person kennt und vor dem die dichteste Finsterniß ist, wie der hellste Tag.

Als Olaf Oeresund hier anlangte, und sich eine Wohnung erbauen ließ, wovon man jetzt kaum noch einige Ueberreste sieht, begleiteten ihn seine Gattin und sein einziger Sohn, damals ein Knabe von fünf Jahren, Namens Ralph. In seinem Gefolge befand sich nur eine Frau, deren Mann, ein treuer Diener Oeresund's, im Kampfe seinem Herrn zur Seite gefallen war, weil er das Leben desselben schützen wollte. Der Edelmann hatte die Gattin seines treuen Anhängers bei sich aufgenommen und geschworen, sie und ihr einziges Kind, einen Knaben von Ralph's Alter nicht zu verlassen, und den freundlichen Oskar mit seinem eigenen Sohn zu erziehen. Also beruhigt schied die arme Mutter, die den Tod ihres geliebten Gatten nicht zu überwinden vermochte, von dieser Welt, und ließ ihren Sohn als Waise unter dem Schutze ihrer Herrschaft zurück.

Ein Jahr verstrich; Oeresund, der noch stets eine günstige Wendung seines Schicksals vermuthet hatte, und sich in dieser Erwartung getäuscht sah, ward immer verschlossener, immer wortkarger; die Knaben, die an ihn gewiesen waren, erfreuten sich seiner Leitung nur wenig, und waren nahe daran, gänzlich zu verwildern. Die Gattin des Edelmanns, die den Zustand ihres Gatten sah, fühlte sich tief von den Leiden desselben ergriffen, aber minder stark als er, vermochte sie das Uebermaß des Jammers nicht zu ertragen, sie verfiel dem Tode und ehe noch, im zweiten Jahre ihrer Verbannung, der Herbstwind die Blätter von den Bäumen riß, hatte sie bereits geendet.

Wenn es sonst zu begegnen pflegt, daß Menschen die dem Gram zur Beute geworden sind, durch wiederholte Unglücksfälle, die sie treffen, endlich ganz fühllos werden, so brachte der Tod seiner Gattin auf Oeresund eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervor. Er schreckte aus seinem dumpfen Hinbrüten auf, blickte auf die beiden Knaben, die jetzt an ihn gewiesen waren, und entschloß sich, sich ihrer Erziehung mit aller Kraft und Energie zu widmen, die ihm noch geblieben war.

Seine politischen Schwächen hinweggedacht, war Oeresund ein vollkommener Edelmann, der, in Hinsicht auf vieles Wissen, seiner Zeit weit vorangeeilt war, und jede ritterliche Tugend besaß. Er nahm sich der beiden Knaben mit Eifer an, und da sie von der Natur mit einer leichten Fassungsgabe beschenkt worden waren, begriffen sie bald, was der Vater sie lehrte.

Mehrere Jahre waren auf diese Weise verstrichen, ohne daß Ralph und Oskar jemals mit andern lebenden Wesen, als mit den Fischern der umliegenden Gegend in Berührung gekommen waren. Diese rauhen aber gutherzigen Männer hatten die freundlichen, wohlgebildeten Knaben gern, nahmen sie mit auf ihren Streifzügen, lehrten sie die Stellung der Segel, sowie die Führung des Steuers und brachten ihnen so, ohne es selbst zu wollen, einen Geschmack am Seefahren bei, der sie bestimmte, sich einst diesem Gewerbe zu widmen und dem Kampf des ungetreusten aller Elemente während ihres Lebens Trotz zu bieten.

Oeresund hatte längere Zeit gekränkelt und sein Zustand verrieth ernstliche Besorgnisse. Die beiden Knaben wagten es daher auch nicht, sich auf lange Zeit von ihm zu entfernen und in der Regel blieb einer von ihnen als Wächter bei dem Kranken zurück. Eines Tages jedoch, als Oeresund sich besonders kräftig fühlte, erlaubten sich die beiden Knaben, von dem Vater selbst dazu ermuntert, einen gemeinschaftlichen Spaziergang. In jugendlich froher Lust eilten sie längs dem Strande hin und blickten auf den stolzen Strom, der seine Wogen majestätisch der Nordsee zu wälzte; wunderbare Gedanken bemächtigten sich ihrer bei diesem Anblick und im Geiste sahen sie sich von diesen Wellen fortgetragen dem Meere zu, das jetzt der unbekannte Schauplatz aller ihrer Hoffnungen und Erwartungen war.

Die untergehende Sonne mahnte sie zur Heimkehr, und im vollen Laufe kehrten sie zu dem Hause des Vaters zurück. Aber wie erstaunten sie als sie in die Thür des Wohnzimmers traten, und einen fremden Mann erblickten, der an dem Bette des Vaters saß und Theil nehmend dessen Hand hielt. Schüchtern blieben sie stehen und waren im Begriff umzukehren, als der Vater ihnen winkte.

»Kommet näher, meine Kinder,« sprach er mit mattem Lächeln. »Ich fühle, daß meine Stunde gekommen ist. Nicht hilflos und allein lasse ich euch in der Welt zurück, da mein Freund Erick Banner versprochen hat, für euch zu sorgen, bis ihr selbst die Kraft und den Muth dazu habt. Geht zu ihm, meine Kinder und gewinnt die Liebe dieses Mannes, der euch von nun an Freund, Lehrer und Vater sein wird.«

Die Knaben gehorchten und küßten die Hand Erick Banner's, der ihnen einige freundliche Worte sagte und sich dann an den Vater wandte: Olaf Oeresund, du magst ruhig sterben, ich nehme diese beiden Knaben an Kindesstatt bei mir auf. Wenn mir der Himmel auch keine Reichthümer gegeben hat, die ich ihnen hinterlassen kann, so will ich doch ein Paar rechtliche Männer aus ihnen machen, die im Stande sind, sich selbst ein irdisches Glück zu gründen. Und jetzt noch Eines, das Wichtigste! du warst sonst reich und mächtig, ein unseliges Geschick hat dir deine Güter und Freunde geraubt, aber die Zeit ist wandelbar, und Herrscherlaune möchte einst deinem Sohne das Erbtheil seiner Väter zurückgeben wollen. Wohlan denn, wer von diesen beiden Knaben ist drin Sohn und wer ist es nicht? Ich will, wenn ich dies weiß, den andern nicht geringer halten, aber ich muß es wissen, damit ich dereinst die Rechte deines Sohnes vertreten kann.«

Oeresund erhob sich von seinem Lager, ergriff die Hand des Freundes und sprach leise aufgeregt: »Erick Banner! warum soll ich den Namen meines Sohnes kund geben, da er ihn doch nicht tragen darf? Warum soll er selbst seine hohe Geburt wissen, die ihm nichts als ein steter quälender Dämon sein wird? Besser, er bleibt in der Unwissenheit. Ich habe beide Knaben immer gleich gehalten und mein letzter Segen, den ich ihnen ertheile ist, daß sie nie auf der schwankenden Höhe, die ihrem Vater die Ruhe und das Glück seines Lebens gekostet hat, gesehen werden mögen. Sie sind von Jugend auf unzertrennlich gewesen, sie haben in einander den höchsten Schatz des Lebens gefunden, einen Freund. Soll ich zwischen die Gleichgesinnten und Gleichgestellten das Gespenst einstiger Größe stellen, das der Eine von ihnen zu verfolgen berechtigt ist, während der Andere das Gefühl seiner Freundschaft von Neid und Mißgunst erstickt sieht? Sie sollen nicht wissen, als daß sie die Söhne eines Mannes von Ehre sind, dessen Segen auf ihnen ruht, so lange sie auf der Bahn des Rechtes wandeln. Nimm sie hin Erick Banner, wie ich sie dir übergebe, und wenn das Hellsehen in dieser Sache dein Gewissen beruhigt, so nimm diese Papiere, du wirst darin die untrüglichste Auskunft über die Abstammung beider Knaben finden. Jetzt verlaßt mich, ich bedarf der Ruhe.«

Erick Banner ging mit den Knaben hinaus, und Olaf Oeresund versank in einen Schlummer, aus welchem er nicht wieder erwachen sollte.

Man kam von dem Kirchhofe zurück, nachdem die letzte Ruhestätte des Entschlafenen mit einem einfachen Kreuze verziert worden, und noch an demselben Tage nahmen die Kinder von dem jetzt ganz verödeten väterlichen Hause Abschied, um unter dem Geleit ihres jetzigen Führers die Reise nach der Residenz Koppenhagen anzutreten.

Erick Banner hielt redlich das dem Freunde gegebene Wort, er führte die beiden Knaben in sein Haus, hielt sie wie seine Söhne und gestattete keinem einen Vorzug vor dem andern.

Mehrere Jahre verstrichen und die Erziehung der jungen Waisen war vollendet. Es galt nun, sie einem Berufe zuzuführen, dem sie sich mit Leidenschaft zu widmen beabsichtigten und ihr Pflegevater richtete sein Augenmerk auf die Dänische Kriegs-Marine.

Es war gerade damals eine für den beabsichtigten Zweck günstige Zeit, denn Dänemark, mit Schweden im rastlosen Krieg begriffen, brauchte stets frisches Seevolk, um seine größern und kleinen Fahrzeuge wohlbemannt zu erhalten, und bald gingen durch die Vermittlung ihres Erziehers Ralph und Oskar an Bord einer Dänischen Kutterbrigg, deren Commandeur sie auf das Dringendste empfohlen wurden. Zwar waren die beiden jungen Leute nicht in die ordentlichen Seelisten mit aufgenommen, sondern als überzählich dem Flottendienst zur Verfügung gestellt worden, doch hatte Erick Banner daran keinen Anstoß genommen, indem sobald kein Friede möglich war, und ihrer Beförderung demnach nichts im Wege stand.

Die Kutterbrigg »Cicade« war völlig segelfertig und am Abend vorher besuchten Ralph und Oskar gemeinschaftlich zuletzt das Haus ihres Pflegevaters. Der Alte ließ es nicht an freundschaftlichen Ermahnungen und sanften Warnungen fehlen, und bat seine Zöglinge flehend, die Wahrheit und das Recht vor allen Dingen hoch zu halten, und nichts zu thun, was den hochgefeierten Namen eines Hauses beflecken könnte, dem einer von ihnen angehörte, für dessen Ehre sie aber beide zu sorgen hätten, da es nicht bekannt sein dürfe, wer von ihnen der rechtmäßige Träger desselben sei.

Ralph und Oskar schwuren mit Thränen in den Augen und mit schallendem Handschlag ihrem väterlichen Freunde stets seiner werth zu bleiben, dann sanken sie sich einander in die Arme, und wiederholten mit lauter Stimme den Schwur gegenseitiger treuer und unverbrüchlicher Freundschaft.

In diesem feierlichen Momente erschien Erick Banner's Tochter, die lieblich zarte zwölfjährige Marie. Sie hatte die beiden Jünglinge wie Brüder lieben gelernt und ihnen ihr ganzes kindliches Gemüth erschlossen. Sie trug zwei Blumenkränze in den kleinen Händchen, zog die willig sich beugenden Jünglinge, die das freundliche Kind durch Thränen anlächelten, zu sich herab, und drückte ihnen die Kränze auf das Haupt.

»Lebt wohl,« sprach sie mit tonloser Stimme. »Zu diesen Kränzen habe ich die letzten Blumen gebraucht, die in meinem Gärtchen zu finden sind. Wenn ihr fort seid, bedarf ich keiner Blumen mehr. Ich werde dann still in meinem Stübchen sitzen, ich werde weinen, werde daran denken, daß ihr bald wieder kommt, und mich freuen. Ach, ich bitte euch, Ralph und Oskar, kommt recht bald wieder.«

Beide Knaben versprachen es, wie man Kinder, etwas zu versprechen pflegt, um sie zu beruhigen, drückten nicht ohne innere Bewegung einen Kuß auf ihre Stirn, und rissen sich dann gewaltsam von der gastlichen Schwelle los, um ihrer fernen, unbekannten Zukunft, die im Nebel gehüllt vor ihnen lag, entgegen zu eilen.

Fünf Jahre waren seit jenem Abend verstrichen, als die Kutterbrigg »Cicade« zum ersten Male wieder in der Rinne vor Koppenhagen ankerte. Ralph und Oskar waren während dieser Zeit Männer geworden, sie hatten sich im Kampfe mit den Elementen und dem Feind der Nation gestählt, und dem Staate bereits mehrere nicht unwesentliche Dienste geleistet. Der Commandeur der Cicade hatte sie aus eigner Machtvollkommenheit zu Steuerleuten gemacht und sie der Admiralität auf das Dringendste zum Avancement empfohlen. Kaum hatten sie die nöthigsten Geschäfte verrichtet, als sie, mit Erlaubniß ihres Befehlshabers das Schiff verließen und der Wohnung ihres Pflegevaters zueilten.

Sie traten ein und blieben, vor Erstaunen auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, denn entgegen trat ihnen eine in üppiger Schönheit strahlende Jungfrau, von deren hoher Stirn ein Glanz ausströmte, der sie mit Ehrfurcht für die wunderbare Erscheinung erfüllte. Es war Marie, Erick Banner's Tochter, die herbeigeeilt war, um die Gespielen ihrer Kindheit zu empfangen.

Beide hatten das schöne Mädchen zu gleicher Zeit erblickt, aber Beide, von dem Strahl ihrer Augen getroffen, hatten, leise zitternd, den Blick zu Boden gesenkt und wagten nicht ihn wieder zu erheben.

Marie trat ihnen einige Schritte näher: »Ralph! Oskar!« sprach sie mit herzgewinnendem Ton und reichte ihnen die Hand, »warum steht ihr so fern? Findet ihr euch nicht mehr heimisch in der Wohnung meines, eures Vaters?«

Ralph und Oskar, faßten sich gewaltsam, sie blickten sich einander an, lange und fest. Dieser Blick schloß ihnen ihr Inneres auf, jeder fühlte lebhaft die Veränderung, die mit dem Andern vorgegangen war, dann traten sie gemeinschaftlich auf Marie zu, und begrüßten sie auf eine Weise, die weit entfernt von der traulich unbefangenen Art war, mit der sie sich sonst gegen dieselbe benommen hatten. Es war ein verlorner Abend; das erste unvermuthete Zusammentreffen der drei, sonst eng Verbundenen hatte so zerstörend auf den allgemeinen Frohsinn gewirkt, daß er sich auch dann nicht wiederfinden wollte, als Erick Banner hereintrat, seine Pflegesöhne auf das Herzlichste zu begrüßen, und Marie hinausging, um für die beste Aufnahme ihrer Brüder Sorge zu tragen. Gleich nach beendeter Abendtafel zogen sich die beiden jungen Männer in ihre Zimmer zurück, die Marien's schwesterliche Sorgfalt auf das Festlichste herausgeputzt hatte.

Ralph und Oskar saßen einander gegenüber. Der Nachttrunk, den der Diener vor ihnen hingestellt hatte, blieb unberührt, sie starrten in die Flamme der Kerzen, und nur manchmal rang sich ein stiller Seufzer von ihrer schwerbeladenen Brust.

»Es ist nicht auszuhalten!« rief Ralph endlich aus. Er sprang von seinem Sitze auf, machte einen Gang durch das Zimmer und blieb dann mit übereinandergeschlagenen Armen vor dem Freunde stehen:

»Oskar! Rede! Wie findest du dich unter dem Dache Erick Banner's?«

»Wie in der längst verlornen Heimath!« entgegnete dieser fast tonlos.

»Das ist nicht wahr!« rief hastig der leichtaufgeregte Ralph. »Ein Mensch, der nach einer langen Zeit, die ersehnte Heimath, das Haus seiner Väter wieder betritt, kann wohl von ungestümer Heftigkeit überschäumen, aber er wird nicht still verschlossen vor sich hinbrüten, wie du es jetzt thust.«

»In mir ist es lebendig,« entgegnete Oskar. »Schilt mich unfreundlich, schilt mich undankbar und unnatürlich, aber ich habe dies Haus nie als mein väterliches anseh'n können. Ich weiß, daß Erick Banner nur Vatersorgen für uns gehabt hat, daß er aber nicht unser Vater ist. Wer sind wir überhaupt? Wer ist dein Vater und der Meine? Bist du der Sohn des stolzen Edelmanns und ich der Sohn seines Dieners, oder ist es umgekehrt? Unseliger Zustand der Ungewißheit, worin uns die allzugroße Gewissenhaftigkeit eines Sterbenden setzte.«

»Halt ein!« rief Ralph. »Entheilige nicht das Andenken an einen Mann, dem wir Alles danken, und der uns von jeher mit so ungetheilter Liebe behandelte; schmäle nicht das Andenken Olaf Oeresund's, das ich heilig halten würde, und wenn ich der Sohn seiner niedrigsten Magd wäre.«

Ralph machte abermals einige Gänge durch das Zimmer, dann riß er das Fenster auf und blickte in die düstre Nacht hinaus; aber als ob ihn ein gespenstischer Hauch anwehte, warf er es schnell wieder zu und wendete sich zu dem Freund:

»Ich beschwöre dich, sprich nicht in diesem Tone wieder von Olaf Oeresund. Es war mir eben, als rief er zu mir aus dem Grabe herauf. Undankbarer! Es ist die erste Disharmonie die zwischen uns tritt, so lange wir athmen. Weshalb schmälst du einen Mann, dessen Andenken ich vergöttere? Laß ab von diesem Thun, denn ich fühle es, ich würde es nicht lange gelassen ertragen.«

Oskar verließ seinen Platz ebenfalls und stellte sich dem Freunde gegenüber: »Ich will schweigen, denn ich weiß nicht, ob ich von deinem Vater spreche oder von dem meinigen, und meine Gedanken und Gefühle sollen keinen andern verletzen, am wenigsten wenn dieser mein einziger Freund, mein Bruder ist. O daß ich sagen könnte, ich wäre so ruhig wieder in diese Behausung zurückgekehrt, als ich sie vor fünf Jahren verließ. Ich gebe eine Welt darum, wenn jetzt die Fluth des Atlantischen Oceans unter dem Kiel unserer Brigg brausete.«

»Dieser Meinung warst du vor wenigen Stunden nicht,« antwortete Ralph forschend. »Du bist so leichten Herzens vom Bord gegangen, als eiltest du einem fröhlichen Feste entgegen. Was ist plötzlich störend zwischen dich und deinen Frohsinn getreten? Antworte mir bei unserer Freundschaft, bei unserem Eid, den wir in unserer Jugend geschworen, und bis zu dieser Stunde redlich gehalten haben. Du darfst nichts verheimlichen vor mir, ohne dich des Meineids schuldig zu machen.«

Oskar trat an den Tisch, und füllte ein Glas mit funkelndem Wein und sprach feierlich: »Ich trinke dies auf das Wohl unserer Schwester Marie; sie trat uns wie ein guter Engel auf der Schwelle dieses Hauses entgegen.«

»Ich trinke mit,« sprach Ralph ungewöhnlich erregt, und griff nach einem Glase: »Es gilt Marien's Wohl!« rief er, und stieß so heftig gegen das Glas des Freundes, daß beide zersprangen und der Wein auf den Boden floß.

»Du wirst Marien's Wohl zertrümmern, wenn du nicht zarter mit demselben verfährst!« bemerkte Oskar nicht ohne Bitterkeit. »Pfui über dich Ungestümen!«

»Kann denn ein sündiger Erdenmensch das Wohl eines Engels vernichten?« sprach Ralph mit gedämpfter Stimme. Dann plötzlich wild auflachend, rief er aus: »Was kann ich zerstören? Mir ist weder die Macht zum Zerstören, noch zum Erschaffen gegeben.« Er sah den Freund fest an und fragte forschend: »Wie kamst du dazu, Marien's Gesundheit auszubringen?«

»Sir war vor Allem meinen Sinnen gegenwärtig!« sprach Oskar innig bewegt.

In diesem Augenblick trafen sich die Blicke der beiden Freunde. Einer suchte in des Andern Seele zu lesen, und es war gelungen; jeder hatte das Geheimniß des Freundes errathen. Ralph wandte sich rasch ab und mit einem flüchtigen »Gute Nacht, Bruder!« eilte er in das für ihn bestimmte Schlafgemach.

»Gute Nacht!« entgegnete Oskar sinnend und sank träumend auf sein Lager.

Der erste Keim der Zwietracht war in diese bis dahin so arglosen Gemüther gesäet, er sollte keimen, wachsen und die unseligsten Früchte tragen.

Die warmen Empfehlungen, welche der Commandeur der Cicade den beiden jungen Seeleuten spendete, die sich unter seiner Leitung zum Flottendienst ausgebildet hatten, vereint mit dem Einflusse Erick Banner's blieben nicht ohne Nutzen. Beide erhielten das Patent als Monats-Lieutenants, mit der Versicherung ferner nach Kräften berücksichtigt zu werden, und zugleich den Befehl, sich an Bord des Schooners »Argo« zu verfügen, der bestimmt war, in der Nordsee zu kreuzen.

Diese und mehrere andere Ereignisse, die die wechselnde Zeit herbeiführte, hatten das ernste Gespräch jener Nacht, wenn auch nicht aus dem Gedächtnis der beiden Freunde verwischt, doch in den Hintergrund gedrängt, und mit Eifer gaben sie sich ihrer fernern Bestimmung hin. Sie erschienen in ihren neuen Uniformen vor Vater Banner und Marie, von Beiden bewundert und verhätschelt und begaben sich dann nach dem Holm um ihren Dienst am Bord des »Argo« anzutreten.

An welchen schwachen Fäden hängt oftmals das Geschick des Menschen! Als beide junge Offeriere, im lebhaften Gespräch über den Holm hinschritten, und sich ihre Zukunft mit den hellsten Farben ausmalten, stolperte Ralph plötzlich über einen in den Weg geworfenen Balken. Er stürzte so heftig zu Boden, daß er nicht unbedeutend an der Stirn verwundet ward, und bei näherer Untersuchung ergab es sich, daß der ohnmächtig Hingesunkene auch den Fuß gebrochen hatte.

Der Verwundete ward sogleich durch Oskar's Bemühungen der Sorge eines Arztes übergeben und in die Wohnung Erick Banner's zurückgeführt. Hier ward ihm die liebevollste Pflege, die zarteste Aufmerksamkeit zu Theil, aber der Argo durfte die Genesung seines plötzlich erkrankten Officiers nicht abwarten, ein Anderer wurde Oskar beigegeben und der Argo begab sich in See.

Der Zufall wollte, daß in dem ersten Gefechte, das der Argo mit einer Schwedischen Brigg zu bestehen hatte, der Commandeur desselben eine Wunde erhielt, die so gefährlich war, daß er zum fernern Seedienst untüchtig wurde. Oskar erhielt jetzt den Oberbefehl, und als er nach längerer Zeit wieder nach Koppenhagen zurückkehrte, ging Ralph an Bord, um unter dem Commando seines Freundes zu dienen.

Oskar behandelte seinen Freund mit derselben Liebe und Theilnahme wie früher, und nur wenn in Gegenwart Anderer von Dienstsachen die Rede war, nahm er gegen ihn den Ton des Befehlshabers an. Aber auch dieser Schein von Uebergewicht, den Oskar sich nothwendig geben mußte, verletzte den feurigen Ralph, der sich auf jede mögliche Weise der Botmäßigkeit des Freundes zu entziehen suchte; allein er kannte selbst nur zu wohl die strenge Subordination des Seedienstes, und fügte sich zähneknirschend in die Nothwendigkeit.

Das war der zweite Riß in dem Bau der Freundschaft und Ralph, der seiner Meinung nach gekränkte Ralph, trug Alles dazu bei, diesen unheilbar erweitern. Er fügte sich geduldig in alle Anordnungen Oskar's, die dieser in seiner Eigenschaft als Commandeur des Schooners traf, und hatte nichts Eiligeres zu thun, als die Befehle desselben auf das Gewissenhafteste zu vollziehen, aber wenn sie, vom Dienstzwange entfernt, einander in der Capitains-Cajüte gegenübersaßen, dann suchte Ralph in dem Busen des Freundes das höllische Feuer der Eifersucht anzufachen, indem er von seiner letzten Krankheit erzählte, wie er von Marien so unermüdlich gepflegt, so sanft getröstet worden sei, und wie die Thränen, welche sie in der Stille um ihn geweint, ihm nur zu deutlich gesagt hätten, daß er ihrem Herzen theuer sei.

Oskar, der in seiner Brust eine tiefe unauslöschliche Neigung für Marie verschloß, sprang dann von seinem Sitze auf, drückte dem Freunde krampfhaft die Hand und bat mit erstickter Stimme, das Gespräch abzubrechen. Aber Ralph von dem Teufel des Widerspruchs und der Schadenfreude gespornt, fuhr immer höhnender und neckender fort, bis er seinen Jugendfreund ganz niedergeschmettert hatte, und ihn dann mit einem triumphirenden Lächeln verließ.

So saßen sie auch eines Abends zusammen, und Ralph hatte den Freund bis in tiefster Seele verwundet, als dieser aufsprang und mit zornerstickter Stimme rief: »Mensch! du treibst ein arges Spiel mit mir! Dort an der Wand hängen meine Pistolen; habe ich an unserer Freundschaft gefrevelt, – Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht weiß, – aber that ich es, und du kannst mir nicht vergeben, so schieße mich nieder; doch diese tausendfache Todesqual, die jeden Abend auf's Neue beginnt, kann ich, will ich nicht ertragen.«

Er sprach die letzten Worte mit einer kalten Entschlossenheit: Ralph verneigte sich und erwiederte mit leisem Spott: »Wenn der Commandeur des Argo spricht, muß Lieutenant Ralph freilich schweigen, das Wörtchen Subordination fällt am Bord dieses Schiffes schwer in die Wage des täglichen Verkehrs.«

»Wenn der Commandeur des Argo zu dir spricht,« entgegnete Oskar kalt, »so geschieht es nur, wenn der Dienst es dringend erheischt. Du hast sonst stets die Sprache des Freundes, des Bruders gehört. Sorge dafür, daß du es nicht mißbrauchst.«

»Freilich,« erwiederte Ralph angeregt, »freilich muß es Ihnen lästig sein, in Ihrem jetzigen Verhältnis sich von einem Ihrer Untergebenen auf eine so rücksichtslose, vertrauliche Weise behandelt zu sehen. Warum sprechen Sie sich nicht unumwunden aus? Ergreifen sie doch diesen Vorwand, mir Ihre unschätzbare Freundschaft aufzukündigen. Rasch, mein Herr! Zögern Sie nicht! Ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie in Sr. Maj. Dienst so hoch gestellt sind, als sie es nur immer verdienen, wäre es auch vielleicht möglich, daß Sie dennoch im Range tief unter mir ständen, wenn es gelänge, den Schleier zu lüften, der unsere Herkunft verhüllt.«

»Junger Thor!« entgegnete Oskar fest, »der sich den Schatten eines Glanzes herbeiwünscht, der ihm nur Elend bereiten würde. Handle wie ein wackrer Edelmann, so bist du mehr der Achtung der Welt gewiß, als wenn du einen Stammbaum mit sechs und dreißig Ahnen aufzuweisen hättest.«

»Es ist leicht den Adel schmähen,« rief Ralph, »wenn man so wenig Edelmännisches in sich trägt. Nur die Traube, die ihm zu hoch hängt, erklärt der Fuchs für sauer. Es ist eine Ungerechtigkeit des Himmels, daß er den ehrenwerthen Stand der Officiere durch deine Gegenwart beschimpft, denn du bist weder üblicher Herkunft, noch üblichen Sinnes.«

Oskar brausete auf, und unfehlbar würde er in dem ersten Ausbruche der Wuth über den Höhnenden hergefallen sein und ihn für seinen Spott gezüchtigt haben, aber in diesem Augenblick ward der wachthabende Officier angemeldet, der sogleich erschien, um über einen unwesentlichen Vorgang Bericht abzustatten.

»Es ist gut, Lieutenant Andressen,« entgegnete Oskar nach mühsam errungener Fassung. »Sie sind sehr pünktlich in Ihrem Dienst; ich werde das gehörigen Ortes zu rühmen wissen. Wollte Gott, alle Officiere, die die Ehre haben, in Sr. Majestät Flotte zu dienen, wären von einem gleichen Eifer beseelt, wir würden dann weit weniger Unfälle zu beklagen und uns mehr Siege zu erfreuen haben. Nehmen Sie heute Abend den Thee mit mir, und begeben Sie sich für jetzt an Ihren Posten zurück.«

Lieutenant Andressen verbeugte sich und wollte gehen, als Ralph ihn durch eine Handbewegung aufhielt und mit kaltem Hohnlächeln sagte: »Ich rathe Ihnen, Herr Camerad, sehr viele gute Laune zu dem Thee mitzubringen, und sich mit mir dahin zu vereinigen, die aus den Fugen gegangene Heiterkeit unseres Commandeurs wieder in's Geleise zu bringen.«

»Wenn das geschehen sollte, Lieutenant Ralph,« entgegnete Oskar mit flammendem Blick, »so wollte ich es doch um keinen Preis Ihrer Großmuth zu danken haben. Ich ersuche Sie deshalb in Gegenwart des Lieutenants Andressen mich mir selbst zu überlassen, und außer in Dienstangelegenheiten diese Cajüte ohne meine ausdrückliche Erlaubniß nicht wieder zu betreten.«

Oskar hatte diesen Befehl nur gereizt und nicht ohne den größten Widerwillen ertheilt. So aufgeregt er auch war, fühlte er doch, daß nach diesen Worten das Band der Freundschaft zwischen ihm und Ralph für alle Zeiten zerrissen sei. Je mehr Mühe es ihm kostete den gefaßten Entschluß zu verkünden, desto rauher und unfreundlicher klang seine Stimme, desto unzarter war die Form, worin er den verletzenden Befehl in Gegenwart eines Dritten kleidete, er wollte hinter dieser rauhen Aussenseite seine tiefe innere Bewegung verbergen.

Als er ausgesprochen, hatte er kaum die Kraft sich in die anstoßende Kammer zu begeben. Lieutenant Andressen stand verwundert da, und entfernte sich mit bedächtigem Kopfschütteln, Ralph aber wich, wie vom Donner gerührt, einen Schritt zurück und alles Blut trat aus seinem Gesicht: »Es ist gut!« murmelte er in sich hinein; »jetzt geh' und triumphire, aber einst wird ein Tag der Vergeltung kommen.« Dann raffte er sich mühsam zusammen und stieg das Verdeck hinan, während der Steward erschien und dem Lieutenant Andressen anzeigte, daß der Commandeur sich zu unwohl fühle, um den Thee in seiner Gesellschaft trinken zu können.

Während des ganzen Kreuzzuges wechselten Ralph und Oskar nicht ein Wort, außer dem, was der Dienst verlangte; sie wichen einander aus und das unglückselige Verhältniß, das zwischen ihnen obwaltete, drückte nicht allein sie, sondern übte seinen erkältenden Einfluß auch auf die andern Offiziere und mehr und weniger auf die ganze Equipage aus.

Da ereignete sich etwas, wodurch dieser unselige Zustand plötzlich unterbrochen und seiner Katastrophe entgegengeführt ward, es geschah etwas, woran bis jetzt Niemand gedacht hatte, woran unter den obwaltenden Umständen Niemand denken konnte, – der Friede ward proklamirt, und alle Kreuzer wurden einberufen. Als Oskar durch eine eigends nach der Nordsee beorderte königliche Jacht diese Ordre empfing und sie der gesammten Schiffsequipage verkündete, that er einen leichten Athemzug, denn er fühlte sich frei von dem unglücklichen Verhältniß, das ihn fast vernichtet hatte, Ralph aber konnte seine innere Bewegung nicht unterdrücken, er jubelte laut auf, ergriff die Hand seines Nachbars und rief mit Entzücken: »Nun, Lieutenant Andressen, nun ist der letzte Termin abgelaufen und es ist Zeit die große Schuldforderung einzutreiben, worüber mit Blut quittirt werden soll.«

Das Schiff kehrte, seiner Ordre gemäß, nach Koppenhagen zurück und am Morgen nach der Ankunft sah man unterhalb der Residenz eine Schaluppe mit vier Männern landen, die sich landeinwärts begaben und einen einsamen Ort aufsuchten. Es waren Ralph und Oskar mit zweien Kameraden, die bei ihrem unseligen Vorhaben den Sekundantendienst versehen sollten. Nachdem die letztern mit der größten Gewissenhaftigkeit alle Vorbereitungen getroffen hatten, traten sie zu den entzweiten Freunden, die bis dahin stumm und in sich gekehrt da standen und überreichten ihnen die Waffen. Ralph's Sekundant, – es war der Lieutenant Andressen, der bei dem unseligen Zwist, der zu diesem Duell Anlaß gegeben hatte, Zeuge war, und das zarte Verhältniß der so sehr Erzürnten kannte – wagte zwar kurz vor dem entscheidenden Moment einige Worte der Sühne, aber Oskar wies ihn ruhig, mit der Miene eines Befehlshabers zurück, während Ralph mit leidenschaftlichem Tone rief: »Reden Sie nicht, und gönnen Sie mir die Wollust, mich in dem Blute dieses Ungeheuers zu baden, der, von meinem Hohnlächeln geleitet, zur Hölle fahren muß, wenn es irgend eine Gerechtigkeit auf Erden gibt.«

Die Sekundanten traten zurück und gaben das Zeichen. Oskar hielt seine Pistole empor und schoß die Kugel in die Luft, Ralph zielte scharf auf seinen Gegner, drückte ab, und dieser stürzte zu Boden.

Sogleich eilten die Sekundanten herbei. Der Eine von ihnen, der der Schiffsarzt war, untersuchte die Wunde. Die Kugel war in die rechte Seite gedrungen und es war zu fürchten, daß irgend ein edler Theil verletzt sei; man stillte das strömende Blut.

Ralph stand während dieser Scene am Boden gewurzelt, seine Züge waren kalt wie Marmor und unbeweglich wie dieser; weder Hohn noch Freude, weder Angst noch Schmerz war auf diesem Gesichte zu lesen. Er begab sich nach dem Strande, und schickte einen Theil der Schaluppen-Mannschaft nach dem Kampfplatz, dann entfernte er sich und schlug den Weg zur Stadt ein. Als er sie erreichte, legte auch die Schaluppe am Steuerbord des Argo an und die Mannschaft bemühte sich, den schwerverwundeten Commandeur so schmerzlos als möglich in seine Cajüte zu bringen.

Erick Banner begab sich auf Marien's Zimmer, die in Thränen aufgelöst, auf ihrem Ruhebette saß. Das Gerücht, daß zwei Officiere von der Besatzung des Argo sich duellirt hatten, und daß einer derselben lebensgefährlich darniederliege, durchflog mit Blitzesschnelle den Hafen und drang auch zu Marie Banner's Ohren. Außer sich stürzte diese in das Zimmer des Vaters und erzählte ihm, was sie so eben vernommen.

»Ich beschwöre dich,« rief das tieferschütterte Mädchen, »erforsche, so schnell nur irgend möglich, den Grund oder Ungrund dieses Gerüchts. An Bord des Argo befinden sich nur wenige Offiziere; ist ein solches Duell vorgefallen, so ist entweder Ralph oder Oskar darin verwickelt und einer von ihnen ist vielleicht der bis zum Tod Getroffene. Du hast es geduldet, hast es sogar verlangt, daß ich sie als meine Brüder lieben soll, so habe nun auch Mitleid mit der Angst einer Schwester und ende diese trostlose, mich verzehrende Ungewißheit.«

Erick Banner war von der unerwarteten Botschaft so erschreckt worden, daß er einiger Zeit bedurfte, um die nöthige Fassung zu gewinnen; kaum aber fühlte er sich stark genug, als er auch sein Haus verließ und sich an Bord des Argo begab. Hier erfuhr er sogleich den ganzen Hergang der Sache und traf Anstalt, daß der Verwundete vom Bord und in seine Wohnung gebracht werde, dann eilte er voran, um Marie auf den ihr bevorstehenden Anblick vorzubereiten und das Nöthige zur Aufnahme des Verwundeten zu verfügen.

Vergebens suchte der Vater die lautweinende Tochter zu beruhigen; sie vernahm kaum die liebreichen Trostesworte Erick Banner's, sondern jammerte um den unglücklichen Oskar, und ergoß sich in den bittersten Vorwürfen über Ralph, den sie einen verruchten Brudermörder nannte, der fortan das Kain'szeichen an der Stirn trage.

Erick Banner, der bis dahin alles versucht hatte, Marie zu trösten, schwieg plötzlich still und versank in tiefes Nachdenken. Er glaubte Marien's tiefstes Geheimniß errathen zu haben. Des Mädchens Herz lag unverschleiert vor seinem forschenden Blick; was keine Bitte, kein Befehl, kein freudiges Ereigniß ihr entrissen haben würde, das hatte der Schmerz gethan; ihre bis dahin tiefgeheime Liebe zu Oskar lag am Tage, ihr Vater hatte das süße Weh ihres Herzens errathen. Noch wußte sie nicht, daß außer ihr noch irgend ein menschliches Wesen ihr mühsam verhehltes Geheimniß auch nur entfernt ahne, aber der nächste Augenblick sollte es ihr enthüllen.

»Du weinst um Oskar, meine Tochter,« sprach der Vater mit mildem Ernst, »und ich theile deinen Schmerz, ich theile deine Entrüstung gegen Ralph, der es gewagt hat, auf das Herz seines Bruders zu zielen. Wie aber nun, Marie, wenn das Gerücht gelogen hätte, wenn nicht Oskar, sondern Ralph der Verwundete wäre, den wir jeden Augenblick erwarten, wenn nicht Ralph, sondern Oskar die tödliche Kugel entsendet hätte?«

»Wie, mein Vater!« rief Marie, und ein Strahl der Freude blitzte aus ihren Augen. »Du meinst in der That, Oskar sei nicht verwundet?«

»Ich meine nichts,« entgegnete Erick Banner, »ich sage blos, es wäre möglich, daß das Gerücht die Namen verwechselt hätte. Aber was ist das? Welche Gluth bedeckt dein Gesicht? Du bist ja plötzlich ganz verwandelt. Soll ich glauben, daß Ralph nicht die Theilnahme für sein Unglück bei dir fände, die du Oskar im gleichen Falle weihtest?«

»O gewiß, gewiß, mein Vater!« rief Marie hastig, aber ganz verwirrt. »Wie kannst du nur glauben, daß ...«

Sie konnte nicht vollenden, denn sie ahnte, ja, sie gewann die Ueberzeugung, daß der Vater das Geheimniß ihrer Liebe erforscht habe. Sie ergriff seine Hand, drückte sie an ihre Lippen und benetzte sie mit einem Strom von Thränen.

»Es ist gut, meine Tochter,« sprach Erick Banner. »Ich habe dich errathen, ich weiß daß du liebst, und wem du deine Neigung zugewendet hast. Es ist jetzt nicht Zeit, darüber zu reden, uns drängen nähere Pflichten!«

Er entzog ihr seine Hand und ging im Zimmer auf und ab. »Und Er? Warum Er? Warum gerade ihn, und nicht den andern? Erick Banner, der mächtig strahlende Name Erick Banner und Oskar? Nimmermehr!«

In diesem Augenblicke wurde der Kranke angemeldet, und Vater und Tochter eilten hinaus, um die nöthigen Anweisungen zu geben. So trostlos Marie sich auch gezeigt hatte, so ruhig, so besonnen war sie jetzt. Sie wies keine Spur von Schwäche, traf alle ihre Anordnungen mit der größten Umsicht, und ging dann, als Alles auf das Beste besorgt war, in das Wohnzimmer zurück, wo sie den Vater in tiefes Nachsinnen verloren, fand. Er redete sie nicht an, er schien sie kaum zu bemerken; es war eine dumpfe, ängstliche Stille in dem Zimmer, wie sie wohl dem Ausbruch eines schweren Gewitters voranzugehen pflegt.

Eine lange, zur Ewigkeit sich ausdehnende Stunde war verstrichen, und noch hatte keines die vernichtende Stille unterbrochen, da öffnete sich die Thür und herein trat Ralph. Auf seinem Gesichte sah man eine kalte Resignation und die feste Absicht, eine Erklärung herbeizuführen, sie mochte ein Resultat geben, welches sie immer wollte.

Als Marie den Eintretenden erblickte, schrie sie laut auf und verbarg das von Thränen überströmende Gesicht in die Kissen der Ottomane. Erick Banner sah den Ankömmling starr an, ohne dessen stummen Gruß zu erwiedern, dann senkte er wieder die Augen zu Boden und überließ sich dem finstern Brüten.

Ralph stand den beiden Wesen, denen er so viel verdankte und die er durch das unselige Duell so tief gekränkt hatte, eine lange Zeit gegenüber; er hatte erwartet mit Vorwürfen bestürmt zu werden und war darauf gefaßt, sie mit unterwürfiger Demuth zu empfangen und sich dem Zorn der so innig Verehrten und Geliebten zu beugen, aber dieses dumpfe Schweigen wurde ihm zu drückend und sich gewaltsam zum Reden zwingend, rief er aus:

»Nein! Ich kann es nicht länger ertragen! Ich muß reden! Vater! Marie! Straft mich! Scheltet mich! Verbannt mich aus eurem Angesicht! Nennt mich einen Unwürdigen, der nicht werth ist, ferner in eurer Nähe zu athmen, ja, häuft alle Schmach auf mich, deren ihr mich würdig glaubt, nur brecht dieses unglückselige Schweigen, das mir zur dreifachen Marterbank wird.«

Marie blieb stumm, sie weinte nur heftiger; Erick Banner aber hob das Gesicht zu ihm auf und sagte: »Warum betritt der flüchtige Fuß des Mörders die Schwelle des unbescholtenen Mannes?«

»Ich bin kein Mörder!« rief Ralph leicht angeregt. In einem ehrlichen Kampf, in Gegenwart ehrenhafter Zeugen habe ich den Mann gezüchtigt, der meine Ehre tief gekränkt hatte.«

»Soll der Bruder mit dem Bruder um ein Wort rechten, das im Augenblicke der Aufgeregtheit gesprochen wurde?« fragte Erick Banner.

»Es gibt Beleidigungen,« entgegnete Ralph fest, »die der Bruder dem Bruder, der Sohn dem Vater nicht vergibt, nicht vergeben kann. Es gibt einen Winkel in unserm Herzen, der die heiligsten, die süßesten Geheimnisse verbirgt. Geheimnisse, die von so zarter Natur sind, daß sie sterben, wenn das forschende Auge eines Fremden sie erspäht. Wer es nun wagt, sie vor dem Blick der Welt zu enthüllen, und somit unser größtes Erdenglück tödtet, der ist unser Todfeind und unserer Strafe verfallen.«

»Und welche Geheimnisse hat Oskar deinem Herzen entrissen?« fragte Erick Banner hastig. »Was hat die Welt erfahren, das ihr verborgen bleiben sollte?«

»Entdeckte ich es,« sprach Ralph, würde ich mich eines gleichen Verbrechens schuldig machen wie Jener. Die That ist geschehen, mein Vater, wenn ich euch noch so nennen darf. Es hat mein Herzblut vergiftet, daß es dahin gekommen ist, und ich werde fortan keine frohe Stunde mehr haben, aber ich bereue meine That nicht, denn sie war gerecht, und könnten sich alle Umstände die dabei obgewaltet haben, und ihr vorangingen, noch ein Mal wiederholen, so schwöre ich euch, daß ich ganz so handeln würde wie diesmal.«

»Du wagst es, mir das zu sagen?« sprach Erick Banner mit einem finstern Blick.

»Ja, ich wage es!« antwortete Ralph. »Oskar hatte mich zu tief gekränkt. Ich weiß, daß er nach jenem Vorfalle gesagt hat, wäre ihm diese Beleidigung von mir gekommen, er würde sie nicht beachtet und mich durch Vergessen derselben gestraft haben. Daran habe ich erkannt, wer er ist und wer ich bin. Nimmermehr hätte ein Edelmann eine solche Sprache geführt, nimmermehr hätte er geglaubt auf diese Weise seinen makellosen Namen rein zu waschen vom erduldeten Schimpf. Und weil ich dies Alles klar erkenne, so ist er der Sohn des Knechtes, der in der Niedrigkeit geboren ist, und ich bin Ralph, der Sohn Olaf Oeresund's, der die Ehre seines Namens aufrecht erhalten wird trotz dem Geschrei der ganzen Welt.«

»Wer hat dich dessen so gewiß gemacht?« fragte Erick Banner. »Darfst du die phantastischen Ausgeburten deines Gehirns in einer so wichtigen Angelegenheit in die Wageschale werfen?«

»Hier sind keine phantastische Ausgeburten eines ausgetrockneten Hirns zu bekämpfen,« rief Ralph aus. »Hier ist klare Ueberzeugung, und ich werfe jedem, der mir meine makellose Geburt bestreiten will, den Fehdehandschuh hin, und will mit ihm für meine Meinung kämpfen bis auf den letzten Blutstropfen.«

»Auch mit mir, Unsinniger?« sprach mit hohem Ernste Erick Banner, während Ralph die Augen in leichter Verwirrung zu Boden schlug. Des Greises Blick ruhte fest auf dem jungen Mann, doch milderten sich nach und nach seine strengen Züge und nach einer Pause sprach er mit mehr Milde im Ton, als er vielleicht darin zu legen beabsichtigte: »Verlaß uns jetzt, Ralph, und versöhne dich mit dir selber. Nähre keine Hochmuthsträume, sondern demüthige dich vor dem, der unsere Herzen und Nieren prüft, und der dem verstocktesten Bösewicht seine Verbrechen vergibt, wenn er sich ihm in demuthsvoller Reue naht.«

Ralph ergriff die Hand des Greises, drückte sie in hoher Bewegung an sein Herz und ging nach der Thür, aber auf halbem Wege kehrte er um, nahte sich Marien und indem er vor ihr niederkniete, rief er mit leidenschaftlichem Tone: »Kann ich denn von dannen gehen, ehe ich von diesem Engel ein Wort, – nicht der Vergebung, denn diese muß ich erst verdienen, sondern ein Wort des Trostes gehört habe. Ach, Marie, willst du dich nicht des tief Gebeugten erbarmen, und ihn in dieser großen Trübsal aufrichten?«

Aber Marie sprach kein Wort, sie weinte nur stärker und winkte ihm mit der Hand, sich zu entfernen.

Der Friede war für die Officiere der Dänischen Flotte nicht von den erfreulichsten Folgen. Nur ein kleiner Theil verblieb im aktiven Dienst, die übrigen wurden auf Halbsold gesetzt und zur einstigen Beförderung notirt. Die sogenannten Monats-Lieutenants aber, wozu, auch Ralph und Oskar gehörten, gegen welche der Staat den eingegangenen Verpflichtungen zufolge, keine weitere Verbindlichkeiten hatte, erhielten ohne weiteres, – wenn auch in den schmeichelhaftesten Ausdrücken, – den weder gehofften noch erbetenen Abschied.

Als diese Kunde im Hause des Grafen Banner einlief, lag Oskar noch so krank darnieder, daß man ihm diese weder melden konnte, noch durfte; Ralph dagegen empfing sie mit einem gleichgültigen Lächeln, und indem er den Degen abschnallte, sagte er ruhig: »Es bedarf einer solchen Waffe nicht, um wie ein Ehrenmann in der Welt zu leben. Ich will beweisen, daß ich werth war, den Namen eines altberühmten Geschlechts zu führen, wenn ich auch nicht vom Schicksal zu dieser Ehre berufen bin.«

Ralph folgte dem Beispiele mehrerer Officiere, welche mit ihm ein gleiches Schicksal theilten und sich der friedlichen Kauffahrthei-Marine zuwandten, als ihnen der ehrenvolle Waffendienst versagt ward. Mehreren gelang es, sich in Koppenhagen die Gunst eines oder des andern angesehenen Handelsherrn zu erwerben, der ihnen eines seiner nach dem Mittelmeer, oder den Westindischen Inseln bestimmten Schiffe anvertraute. Andere, die nicht so glücklich, und ohne weitere Subsistenzmittel waren, entschlossen sich eine Stelle als Steuermann anzunehmen, noch Andere, ihr Glück im Auslande zu versuchen.

Zu diesen letztern gehörte Ralph. Als er in Koppenhagen nicht fand, was er zu finden hoffte, beschloß er, sich nach Hamburg zu begeben um dort zu erlangen, was ihm in der Heimath versagt blieb. Angesehene Handelshäuser, die er sich geneigt wußte, versprachen, ihn zu diesem Zweck mir den nöthigen Empfehlungen zu versehen.

Sobald er mit sich einig war, begab sich Ralph in das Haus des Grafen Banner, um seine bevorstehende Abreise kund zu thun. Der Graf hörte ihn gelassen an, lobte seinen Trieb zur Thätigkeit, und prophezeite ihm, daß er in diesem einfachen Kreise die Ruhe wieder finden werde, die er jetzt entbehre. »Und nun mein Sohn,« sprach er mit bewegter Stimme, »schlage mir und Marien in der Stunde des Abschieds eine Bitte nicht ab. Begleite mich an Oskar's Krankenlager; er ist freilich noch sehr schwach, aber er darf doch unsere Besuche empfangen. Marie ist hingegangen, um ihn auf deinen Anblick vorzubereiten; gönne mir die Beruhigung, daß ich euch versöhnt scheiden sah.« –

Ralph blieb stumm und Erick Banner, der dies Stillschweigen für Einwilligung nahm, ging hinaus und schickte einen Diener mit der Nachricht in's Krankenzimmer, daß er sogleich mit Ralph erscheinen würde.

Die beiden einstigen Jugendfreunde sahen sich nach einem langen Zeitraum wieder in's Angesicht. Ralph blickte finster vor sich hin und brach das peinliche Schweigen nicht; Oskar erhob sich von seinem Lager und sprach mit sichtbarer Anstrengung: »Wir haben uns einander verkannt und dadurch ein namenloses Weh über uns gebracht; mit der verharschten Wunde ist mir die Erinnerung an jene unselige Zeit verschwunden, mögte es auch bei dir so sein, und du meine Hand mit wahrhaft versöhntem Herzen ergreifen.«

Ralph machte noch immer keine Miene, hierauf ein freundliches Wort zu erwiedern, kaum aber sah er in das ernst wehmüthige Gesicht Erick Banner's und den tiefen Schmerz, der an Marien's Herzen nagte, als er seine Hand in die dargebotene Oskar's legte, und einige Worte sagte, die seinem Herzen nur zu entfernt waren, denn als er Oskar und Marie neben einander sah, als er das vertrauliche Einverständniß Beider zu bemerken glaubte, da flammte aller frühere Zorn wieder mächtig in ihm auf, und er hätte den früheren Jugendgeliebten mit dem Blick seines Auges vernichten können.

Erick Banner führte Ralph aus dem Zimmer und Marie folgte Beiden. Letztere kehrte nach einer Stunde zu dem harrenden Oskar zurück.

»Ralph hat uns verlassen;« sprach sie mit leiser Stimme. »Er befindet sich jetzt bereits auf dem Wege zu seiner neuen Bestimmung.«

»Ein Engel des Friedens möge ihn geleiten,« entgegnete Oskar.

»Hast du ihn ohne Groll scheiden sehen?«

»In meinem Herzen ist kein Falsch. Längst habe ich den unseligen Zwist vergessen; möge Alles was er thut, zu seinem Frieden dienen.«

»Du bist ein guter Mensch.«

»Ich thue nur meine Pflicht. Aber ich fürchte, meine Worte haben wenig über den ehemaligen Freund und Bruder vermocht; ich las in seinen Augen, es blickte ein böser Geist aus ihnen hervor. Ich fürchte, Marie, er ist nahe daran, sein zeitliches und ewiges Wohl auf das Spiel zu setzen, und vielleicht auch das meinige.«

»Du siehst Gespenster, mein Freund.«

Ich las in seinem Innern. Er vermag nicht, sich zu verstellen. In seinem Herzen herrscht noch der alte Groll und einst wird er furchtbar sich entladen.«

»Die alles lindernde Zeit wird auch ihm Beruhigung und Trost schenken.«

»Niemals. Das Feuer brennt zu mächtig, die Flammen schlagen zu hoch empor; wer soll sie bezwingen? Und weißt du denn die Ursache seines Hasses? Weißt du, wer ihn zu meinem unversöhnlichen Gegner gemacht hat? Du bist es gewesen? Dich liebt er mit aller Gluth seines unbezähmbaren Gemüths, und weil er keine Gegenliebe findet, weil er mich für den Beglückten hält, den dein Herz erwählte, so wirft er seinen grenzenlosen Haß auf mich, und wird' mich damit verfolgen bis an das Ende seines Lebens.«

»Weh mir! Wenn ich glauben müßte, daß du recht hättest.«

»Traue dem Scharfblick der Liebe! Es ist so. Kann Ralph, der für sich überzeugt ist, der Sohn Olaf Oeresund's zu sein, es dem Niedriggebornen vergeben, daß er ihm den Stern seines Daseins raubte? Wird er jemals vergessen, daß du, holdselig und gnadenreich, dich mir zu eigen gabst, und mir ein irdisches Paradies erschlossest? Für deine Liebe trage ich seinen Haß, und wie gerne will ich ihn tragen, unverdient tragen, wenn ich dadurch deinen Besitz erkaufe.«

»Sprich nicht so, mein Geliebter!« bat Marie mit Thränen in den Augen. »Er ist unser Freund, unser Bruder, das dürfen wir nie vergessen. Wenn er auch jetzt im Irrsal wandelt, einst wird ein Tag kommen, an welchem er klar sieht und die Irrthümer seiner Jugend bereuet. Wir lieben uns, wir bleiben uns treu, was brauchen wir zu fürchten? Muth, mein Oskar! der Himmel schenkt dir Genesung, er nimmt von Ralph's Gewissen den Fluch des Brudermords, und du wolltest nicht hoffen?«

Mit diesen Worten breitete das heldenmüthige Mädchen ihre Arme aus und schloß den Jugendgeliebten an ihr Herz, der, überwältigt von soviel Liebe und Hingebung mit Thränen in den Augen zu ihren Füßen sank, während Marie sich zu ihm herabbeugte.

Da öffnete sich die Thür und herein trat Erick Banner. Als er die Gruppe gewahrte, blieb er regungslos mitten im Zimmer stehen; er sah nun in Wahrheit vor sich, was er längst dunkel geahnet hatte. Mit einem leisen Schrei der Ueberraschung machte sich Marie sanft von dem Freund los; sie bedeckte das hocherglühende Gesicht mit beiden Händen und schwankte zum Zimmer hinaus. Oskar stand vernichtet vor dem Vater seiner Geliebten, er wagte es nicht, die Augen aufzuschlagen und harrte mit leisem Zittern auf die Ereignisse des nächsten Augenblicks.

»Bube!« schalt Erick Banner, »so lohnst du mir Alles, was ich von frühster Jugend an für dich gethan habe? Hinter dem Rücken stiehlst du einem Vater das Herz seines Kindes? Wehe über dich!« –

»Mein Vater!« – entgegnet? Oskar zögernd, »laßt mich euch noch immer mit dieser traulichen Anrede begrüßen. Ich habe das Herz eurer Tochter nicht von euch abwendig gemacht, sie hängt an euch mit derselben unerschütterlichen Liebe und Treue wie früher, und wird nicht von euch lassen ihr Lebenlang. Ich habe euer Kind euch nicht entfremdet, habe sie nicht verführt; in treuer Liebe hat sie sich mir zu eigen gegeben, und mir anzugehören geschworen, voll des freudigen Muthes, ihr würdet uns euren väterlichen Segen nicht versagen.«

Erick Banner murmelte etliche unverständliche Worte vor sich hin, und fragte dann mit scharfem Tone: »Weißt du, wer ich bin?«

»Ihr seid der letzte Zweig eines altberühmten Hauses, dessen Name mit der Geschichte Dänemarks fortleben wird bis an das Ende aller Tage!« entgegnete Oskar. »Aber ihr seid auch ein gütiger, milder Vater, dem das Glück seines Kindes Alles gilt, und der ein Vorurtheil bezwingen kann, wenn es gilt, das Glück der Seinen zu schaffen.«

»Das Deinige nimmer!« stieß Erick Banner im hastigen Zorne hervor und verließ, ohne den erbleichenden Jüngling noch eines Blickes zu würdigen, das Zimmer.

»Also ich bin der Ausgestoßene, der Verworfene?« rief Oskar, indem er, aufgelöst von wehmüthigem Schmerz auf sein Ruhebette sank. »Jener ist der Sohn des Edelmannes, ich bin der Sohn des Knechtes. Darum war ich auch von jeher das Stichblatt seiner Launen, darum lächelte man, als er mich quälte, darum kam er mit einem leichten Verweis davon, als ich, von ihm zum Kampf gezwungen, ein Sterbender darnieder lag! Und nun endlich, da ein Stern des Trostes meinen finstern Weg erhellt, da mir in Marien's Gestalt der Engel des Friedens versöhnend entgegen tritt, nun stoßen sie mich aus, und lassen mich mit einem gebrochenen Herzen von der Stätte scheiden, die ich als das Asyl meines Lebens betrachtete.«

Er hätte gerne noch in dieser Stunde das Haus des Edelmannes verlassen, aber er vermochte es nicht, der schwache, kaum genesene Körper versagte im den Dienst, und mit schwerbelastetem Herzen blieb er auf seinem Zimmer. Erick Banner kehrte nicht zurück, um ihn durch ein freundliches Trosteswort wieder aufzurichten auch Marie erschien nicht mehr, daß er aus ihren Blicken den Balsam des Friedens hätte saugen können, und somit begrub er jede stille Hoffnung für diesen Abend und für längere Zeit.

Während der ganzen Nacht war ein ungewohntes Geräusch im Hause, es wurden Thüren aufgerissen und zugeworfen, man rannte Treppen auf und ab, Wagen fuhren in den Hof und gingen wieder ab, dazwischen vernahm man verworrenes Rufen, Banner's befehlende Stimme, und das Schmettern des Posthorns. Oskar horchte mit gespannter Aufmerksamkeit auf dies verworrene Treiben und ward dadurch in eine krankhafte Stimmung versetzt, die ihn bis gegen Morgen wach erhielt und ihn dann in einen fieberhaften Schlummer wiegte.

Als er, nach einigen Stunden ängstlichen Träumens die Augen aufschlug, trat ein Diener ein, und löste ihm das Räthsel. Erick Banner war am vorigen Tage, was er längst erwartet hatte, zum Gesandten an einen Italiänischen Hof ernannt worden und hatte zugleich mit seinen Pässen, den Befehl erhalten, sobald als möglich abzureisen. Noch entzückt über die große Ehre, die ihm zu Theil geworden, und schwelgend im Vollgenuß der wiedererlangten königlichen Gnade, die er schon für immer sich verloren glaubte, träumend von dem Siegeslaufe, der ihn zum Gipfel des Glückes emporführen sollte, trat er in Oskar's Zimmer und sah in der Hingebung Marien's seine Demüthigung. Keine Bitten, keine Thränen des armen, tieferschütterten Mädchens vermochten etwas über den sonst so gütigen, jetzt plötzlich vom Teufel des Hochmuths geblendeten Vaters; alles war schon früher, in Erwartung dessen, was da kommen mußte, zur Abreise vorbereitet, und mit dem ersten Strahl des Morgens fuhr man ab, ohne daß es Marie vergönnt war, Abschied von dem Jugendfreund zu nehmen, oder, stets vom Vater bewacht, eine Botschaft an ihn gelangen zu lassen. Erick Banner ließ, so lautete die wörtliche Meldung des Dieners, bei seiner Abreise nach Italien, sich dem Herrn Lieutenant Oskar empfehlen, und ersuchte ihn, bis zu seiner gänzlich erfolgten Genesung sein Haus wie das eigne zu betrachten; man würde Sorge tragen, daß es ihm an nichts fehle. Letzteres bekräftigte auch der Diener mit den heiligsten Versicherungen.

In dieser trostlosen Lage war ihm ein Brief von Ralph, der ihn unter andern Umständen erschreckt haben würde, sehr willkommen. Er lautete:

 

»Bruder Oskar!

Zürnst du mir noch, oder war deine Versöhnung wahr und aufrichtig? O vergib, vergib, und entschuldige mein tolles Beginnen mit meiner rasenden Leidenschaft, die meine Vernunft völlig gefangen nahm. Sei glücklich durch Marien's Liebe, ich schreibe und wünsche dies mit blutendem aber aufrichtigem Herzen.

Du wirst indessen nicht wie ein verliebter Seladon in der Nähe deines Engels seufzen, du wirst auch etwas thun wollen, um sie zu verdienen. Dazu ist Thätigkeit vor allen Dingen erforderlich, darum eile zu mir, ich will für dich sorgen und wieder gut machen. Höre auf welche Weise.

Mich hat ein guter Stern nach Hamburg geführt, ein Kreis der ehrenvollsten Thätigkeit hat sich mir geöffnet, und auch für dich habe ich schon sorgen können. Vorerst habe ich dir die Stelle eines Ober-Steuermanns am Bord des Weltfredens ausgewirkt. Komme nur schnell, wenn es dein Zustand dir erlaubt, damit der Platz, den ich für, dich so sorglich aufgehoben habe, nicht anderweitig besetzt werden muß; ich werde schon im Voraus Alles nach deinen Wünschen einrichten.

Ralph

 

Oskar traute seinen Augen nicht. War das der ihm so sehr gehässige, übelwollende Bruder? War das Ralph? Wir schnell hatte er sich geändert, wie seine Ansichten gemildert! Zwar schien ihm der Inhalt des Briefes etwas unwahrscheinlich, etwas gemacht, aber er stimmte zu sehr mit seinen Wünschen und Erwartungen zusammen, als daß er zu einem langen Grübeln aufgelegt gewesen wäre. Er ordnete seine Angelegenheiten in Koppenhagen so schnell, als es ihm irgend möglich war, und eilte nach Hamburg, um seine Stelle als Obersteuermann am Bord des Weltfredens anzutreten.

Weltfrieden! Höhnender, spottender Name für dieses Schiff! Als ob es einer ganzen Welt Frieden geben und erhalten wollte, glänzte dieser Name in goldnen Buchstaben von seinem Spiegel und doch waltete ein endloser, unnatürlicher Krieg in seinen Räumen, der alles glückliche Leben darin vernichtete!

Schon auf der Grenze des Stadtgebietes ward Oskar von seinem Freunde in Empfang genommen und an Bord geführt. Ralph war eine Zuvorkommenheit, Güte und Milde; es schien als wollte er seinem Freunde alle die trüben Stunden, die er ihm einst bereitet hatte, vergessen machen.

»Du wirst am Bord dieses Schiffes,« fuhr Ralph munter fort, »wenn auch im Range nur der Zweite, in Wahrheit doch so gut wie der Erste sei«, denn dein Capitain liebt und ehrt dich; kurz und mit einem Worte, ich bin es selbst.«

Ralph hielt inne, denn ein Ruf des Erstaunens rang sich von Oskar's Lippen; es schien als ob ihn diese Eröffnung seines Freundes nicht besonders angenehm berührte, da er aber das Schweigen nicht brach, fuhr Ralph wieder fort: »Ich habe dir das nach Koppenhagen nicht schreiben wollen, um dich in deinem Entschluß nicht wankend zu machen. Wenn ich dich erst hier hätte, sagte ich zu mir selbst, sollte es mir wohl gelingen, dich von meiner gänzlich veränderten Sinnesart, von meinem redlichen Willen, Alles wieder gut zu machen, zu überzeugen.«

In der That schien es, als ob Ralph richtig gerechnet hätte, denn schon nach Verlauf von drei Tagen war Oskar völlig am Bord heimisch und es machte kaum einen flüchtigen Eindruck auf ihn, als Ralph ihm verkündigte, daß sie am Ausgange der Woche segeln, und vielleicht lange Zeit von Europa entfernt sein würden, da sie muthmaßlich mehrere Häfen Westindien's nacheinander besuchen sollten.

»Wie Gott will!« sprach Oskar in sich hinein, und gedachte seufzend seiner Marie, die jetzt in für ihn unbekannten Fernen weilte.

Der Tag der Abreise war gekommen. Bis dahin hatten Oskar und Ralph sich nur selten gesehen; letzterer kam wenig an Bord, und ersterer, der sich des Schiffsdienstes mit Eifer annahm, fand wenig Zeit, den Freund am Lande aufzusuchen. Alles wurde indessen wohl besorgt und das Schiff ging, mit allen Materialien wohl ausgerüstet, in See.

Kaum aber hatten sie mit schnellem Fluge, begünstig von einem herrlichen Südost, die Nordsee und den Englischen Canal durchflogen und den Atlantischen Ocean erreicht, als das Betragen des Capitains sich auffallend veränderte. Zwar hatte er die Schiffsequipage immer kurz und herrisch behandelt, aber jetzt ließ er auch alle Rücksicht gegen seinen Obersteuermann schwinden und benahm sich so störrisch, so rauh und unfreundlich, daß Oskar seine ganze Seelenstärke aufbieten mußte, um nicht einen offnen Bruch herbeizuführen.

Man segelte im Angesicht der Insel Madeira. Mit dem Einbruche der Nacht übernahm der Obersteuermann die erste Abendwache, die von acht Uhr bis Mitternacht dauert, und lehnte gedankenvoll über den Reiling. Im Osten zog sich ein finsteres Gewölk zusammen, und stieg hoher und höher. Aufmerksam verfolgte es Oskar mit seinen Blicken, und wollte so eben der Mannschaft einige Befehle ertheilen, als der Bootsmann an ihn herantrat und mit bescheidenem Tone sagte: »Es will mich bedünken, als ob jene Wolkenbank uns nichts Gutes bringe, und unsere Masten tragen ziemlich viel Leinwand.«

»Ihr habt recht, Meister Hartwig,« entgegnete Oskar, »und so eben wollte ich den Befehl ertheilen, einiges von unsern Obersegeln einzuziehen. Geht nur an euer Werk und macht es ruhig ab, damit wir das Wachtsvolk unter Deck nicht stören; ich mache nicht gern Lärm ohne Noth und ehe jene Bue wirklich zum Ausbruch kommt, haben wir unsere Lee – und Bramsegel längst alle geborgen.«

Der Bootsmann war im Begriff, nach der Back zurückzukehren, als Capitain Ralph mit zornglühendem Gesichte auf das Verdeck stürzte und nach dem wachthabenden Officier rief:

»Hier bin ich,« antwortete Oskar, vor ihn hintretend. »Was ist zu eurem Befehl?«

»Aufwecken will ich euch,« fuhr der Capitain polternd fort, »denn ich muß annehmen, daß ihr schlaft, weil Ihr euch eine so gefährliche Bue über den Kopf zusammenziehen laßt, und doch mit Bram- und Leesegel wie bei'm hellsten Sonnenschein in die Nacht hineinsteuert.«

»Wir hatten bis dahin Zeit, und sind eben jetzt im Begriff, alle überflüssige Leinwand einzuziehen. Die Wachtmannschaft, die ich commandire, ist nicht gewohnt, in dem Augenblick da ein Unwetter über das Schiff zusammenzieht, zu schlafen.« Mit diesen Worten ließ Oskar den Capitain stehen, und verfügte sich nach vorn. Nach seiner umsichtigen Leitung wurde Alles beseitigt und die Wachtmannschaft sah ohne Furcht dem Ausbruch des Sturmes entgegen. Oskar kehrte nach dem Quarterdeck zurück.

»Auf ein ander Mal,« rief Ralph ihm mürrisch entgegen, »wollt ihr so gut sein und eure Obliegenheiten mit mehr Pünktlichkeit erfüllen. Ich habe keine Minute Ruhe unter Deck, wenn ich sehe, daß der Obersteuermann sich solche grobe Fahrlässigkeit zu schulden kommen läßt. Aber, bei Gott! Sobald durch euer Versehen auch nur die geringste Havarie vorfällt, sollt ihr mir strenge Rechenschaft geben.«

Oskar wollte antworten, aber in diesem Augenblick brach der Sturm mit voller Gewalt los und erforderte seine ganze Aufmerksamkeit für den Dienst des Schiffes.

»Ich werde selbst den Befehl übernehmen,« rief Ralph rasch dem Obersteuermann zu; »achtet nur darauf, daß ordentlich gesteuert werde. Hollah, Mannschaft auf der Back! Streicht die Marssegel und ruft Ueberall! wir müssen unsere Segel reffen.«

Zu gleicher Zeit senkten sich die Marssegel bis zum Fuß der Stenge und in demselben Moment vernahm man die Stimme des Bootsmanns, der sein lautschallendes, keine Spur von Aengstlichkeit verrathendes »Ueberall! Ueberall!« ertönen ließ.

Die seebefahrnen Matrosen, die sich bei dem Ausbruche des Sturmes unter Deck befanden, hatten sich bereits ermuntert und diesen Ruf längst erwartet. »Allstunds! Allstunds!« erscholl ihre Antwort und gleich darauf eilten sie das Verdeck hinan. Die Wellen gingen hoch und flogen über den Bug hin, während die außer Kraft gesetzten Segel gegen den Mast schlugen und eine schaurige Musik hervorbrachten.

Bald war die Arbeit vollbracht, die Segel wurden wieder aufgehißt und an den Wind gebraßt, das Schiff schoß in gewohnter Weise durch die Fluth des Oceans hin.

»Die Arbeit ist gethan, Capitain,« sprach Oskar. »Ist es euch genehm, so kann das aufgerufene Wachtsvolk wieder unter Deck gehen; es ist noch mehr als eine Stunde bis zum Beginn seiner Wache.«'

»Habe ich nicht das Commando übernommen?« antwortete Ralph zürnend, »also werde ich die Leute beordern, wie es mir beliebt. Ihr seid ja ein gewaltiger Matrosenfreund, sorgt ja mit ganz außerordentlichem Eifer für das Wohl von Johann Theerjacke und Peter Splitzeisen.«

»Ich denke nur,« entgegnete Oskar fest, »daß die Leute, die zur fast ausschließlichen harten Arbeit verurtheilt sind und ihre schwere Pflicht stets ohne Murren erfüllen, nicht ohne Noth um die ihnen so nöthigen Ruhestunden gebracht werden dürfen, sonst versündigen sich die Schiffsofficiere. Das ist meine Meinung, da ihr aber eben auf dem Verdeck seid, so handelt ihr nach eurer Einsicht.« –

Ralph schwieg; er konnte seinen Eigensinn nicht überwinden, einen Befehl zu geben, den sein Steuermann ihm angerathen hatte, und die Mannschaft hielt, heimlich fluchend, auf ihrem Posten aus.

Die Mitternachtsstunde kam und der Bootsmann verkündete es durch die üblichen Schläge an der Schiffsglocke. Wiederum nahte sich Oskar dem Capitain und sagte: »Der Bootsmann hat das Zeichen gegeben, daß meine Wache aus ist, er schlägt acht Glasen. Wenn es euch genehm ist, lege ich jetzt des Schiffes Wohlfahrt für die nächsten vier Stunden in eure Hände.«

»Geht nur, geht!« sprach Ralph mürrisch. »Ich sehe es euch an, der Schlaf ruht mit Eisenschwere auf euren Augenliedern, es wäre Schade euch die sparsam zugemessene Ruhe auch nur um eine Secunde zu verkümmern. Macht, daß ihr unter Deck kommt und räumt mir den Platz so schnell als möglich.«

»Wäre nicht die ganze Schiffsmannschaft Zeuge,« antwortete Oskar mit erkünstelter Ruhe, »würdet ihr der wohlverdienten Antwort nicht entgehen. Ich schone euch um eurer selbst, um des Schiffsdienstes willen, ich bitte euch denkt daran, und vergeßt nicht, daß man leicht ein Unwetter heraufbeschwören, aber es nicht so leicht wieder besänftigen kann. Wenn es der Schiffsdienst erfordert, werdet ihr mich stets bereit finden; der eigensinnigen Laune des Einzelnen mag ich meine Freiheit nicht zum Opfer bringen, und werde mich seiner albernen Anforderung nicht fügen.«

Diese Worte wurden mit kalter Entschlossenheit gesprochen, dann kehrte er dem Capitain den Rücken, rief mit lauter Stimme über das Verdeck hin: »Mein Wachtsvolk zur Rüst!« und ging darauf selbst in seine Cajüte.

Aber der Schlaf floh ihn und mit stiller Wehmuth träumte er sich in seine Knabenzeit zurück, wie er froh und unbefangen mit seinem Jugendfreunde das heitre Leben genossen und die schönsten Pläne für die Zukunft entworfen hatte. Da erschien Marie auf ihrer Bahn; schnell lös'ten sich die Bande der Freundschaft auf und wie zwei irrende Kometen flogen sie auseinander. »Hier ist an keine Vereinigung, an keine Versöhnung mehr zu denken!« sprach Oskar vor sich hin. »Fluch über den Mann, der mich mit heuchelnden Mienen in seine Nähe lockte und jetzt, da er mich in seiner Gewalt zu haben glaubt, mit kaltberechnender Bosheit behandelt. Aber, wie auch der Würfel des Schicksals rollen mag, er sei versichert, keinen unwürdigen Gegner in mir zu finden.«

So mit sich selbst einig, legte er sich auf sein Lager zurück und mit dem festen Willen Ruhe zu suchen, schlief er ein und vergaß für eine kurze Stunde den Schmerz der Wunde, die sein einstiger Freund, jetzt sein gefährlichster Feind ihm geschlagen hatte.

Der nächste Tag führte Beide in der Cajüte zusammen, als sie die Mittagsbreite genommen hatten, und den neuen Besteckpunkt in die Charte trugen.

»Ich habe euch schon öfterer gesagt,« fuhr Ralph auf, »daß ich die von euch beliebte Art des Berechnens nicht leiden kann. Ihr kommt mir immer mit dem alten Liede: So ist es Brauch zu Orlogg. Hier seid ihr aber nicht an Bord eines Orlogg- sondern eines Kauffahrtheischiffes und habt euch lediglich meinen Anordnungen blindlings zu fügen. Kein Jota sollt ihr anders machen, als wie ich es euch vorschreibe. Ihr zuckt mit den Achseln? Glaub's wohl, daß euch das Gehorchen saurer wird, als das Befehlen. Wenn man den Commandeur eines Kriegsschiffes gespielt hat, gehorcht sich es schlecht als Steuermann eines Kauffahrers, zumal wenn dieser von einem ehemaligen Untergebenen commandirt wird. Die Vergeltung bleibt nicht aus. Merkt's euch, Herr, die Zeit verwandelt.«

»Das mögt ihr nimmer vergessen!« antwortete Oskar mit hohem Ernste. »Aber die Form ist wandelbar, und der Hochmuth, der euch, euerem ehemaligen Jugendfreunde gegenüber, so armselig klein erscheinen läßt, kann einst zum rächenden Gespenst für euch werden. Ich verachte euch aus tiefster Seele, und sobald wir Grund genug haben, um Anker zu werfen, verlasse ich euch und euer Schiff, wäre es auch an der wildesten, unwirthbarsten Küste.«

»Das heißt, wenn ich euch ziehen lasse!« lachte Ralph höhnisch auf. »Vergeßt nicht, daß ihr durch euer Wort und eure Unterschrift gebunden seid, und so lange am Bord bleiben müßt, bis das Schiff an den Pfählen des Hamburger Hafens wohl gelöscht und gereinigt liegt. Und ihr meint, ich sollte euch gutwillig ziehen lassen? Haltet ihr mich für einen so gutmüthigen Thoren? Nicht eine Stunde eures Dienstes schenke ich euch, ich will die Wollust, euch in meinem Dienst zu wissen, ganz genießen und die Zeit so benutzen, daß ihr sie nicht wieder vergessen sollt, wenn uns das Schicksal einst trennen wollte.«

»Ich werde dennoch Gelegenheit finden, mich eurer absichtlichen Bosheit zu entziehen,« sprach Oskar ruhig. »Und sobald wir das feste Land ...«

Ralph unterbrach ihn schäumend: »Was wollt ihr am festen Lande? Wolltet ihr mir entweichen? Da ihr doch so oft mit eurem Orloggsdienst prahlt, so sagt, ob ihr das Verbrechen nicht kennt, was ihr begehen wollt und wie man es auf Seiner Majestät Schiffen bestraft? Desertion heißt es und der Galgen gebührt dem Verräther. Nun! Kann ich, ein armer Kauffahrer, euch auch nicht an der Nock meiner Fockraa baumeln sehen, so will ich euch doch einen Kerker anweisen lassen, der tief genug sein soll, eure Beine vor unnützer Anstrengung zu bewahren.«

»Ihr beurtheilt andere Leute stets nach eurem jämmerlichen Selbst,« entgegnete Oskar verächtlich. »Nicht euch entlaufen will ich, denn wollte ich das, müßte ich euch fürchten; auch halte ich die Gesetze der See-Subordination so heilig, daß ich sie sogar, eurer Erbärmlichkeit gegenüber, hochachte, denn sonst läget ihr längst, ehrlos von mir gemißhandelt, winselnd am Boden eurer Cajüte, Aber die Gesetze des Landes, wohin wir gelangen, werde ich gegen euch in Anspruch nehmen, und den Beistand finden, dessen ich bedarf.«

Alles Blut war während dieser Rede aus Ralph's Gesicht gewichen, seine Hände ballten sich krampfhaft und nur mit der größten Anstrengung hielt er einen heftigen Ausbruch des Zornes zurück. Als Oskar der Gesetze des Landes erwähnte, die er zu seinem Schutze aufrufen wollte, entgegnete er plötzlich, von einem Gedanken ergriffen, mit großer Schnelle und sichtbar zerstreut: »Auch das, Herr Steuermann, auch das! Thut, wie euch beliebt; ich sinne eben auf ein Mittel, Alles wieder gut zu machen, und glaubt mir, es wird gehen, es wird unfehlbar gehen! Und nun,« – hier nahm sein Ton wieder die volle Energie des Ausdrucks an, »nun erlaubt mir, eine Aeußerung zu wiederholen, die ihr euch einst gegen mich erlaubtet: Geht, Herr, und betretet diese Cajüte ohne meine Erlaubniß nicht wieder. Ihr seht, ich bin nachsichtig genug, eurem Beispiele zuwider, diesen Befehl nicht in Gegenwart von Zeugen zu geben.«

Oskar ging, ohne auf die letztes Worte seines Capitains irgend etwas zu erwiedern, und dieser ging hastig in der Cajüte auf und ab, sichtbar mit einem Entschluß kämpfend, den er ernstlich erwog. Nicht ganz verschlossen blieb in seinem Innern, was er dachte, denn unwillkürlich stieß er einzelne Worte hervor, die zusammen gedacht, freilich nur einen dunklen unvollständigen Sinn gaben, aber doch die schwarze That errathen ließen, die seine Seele eben jetzt gebar:

»Er oder ich! – Nicht ich weiche! – Er muß unterliegen! – Marien's Begünstigter ist mein Todfeind! – Mein Todfeind darf nicht leben! – Ja! Er soll leben; leben sich selbst zur Schmach! – Beschimpft leben ist eine größere Schmach, als sterben! – Und wie ihn beugen? – Seinen Geist vernichten, – seinen Körper entstellen! – Ihn blödsinnig heißen und werden lassen! – Und dann Marie! – Wenn sie ihn sähe! – Der Abscheu, – der Widerwille! – Und seine Wuth, seine Demütigung! – Er soll es büßen, mir ein Mädchen gestohlen zu haben, soll es büßen, mich einst, in Gegenwart eines königlichen Officiers, aus seiner Cajüte geworfen zu haben.«

Dies letztere sprach er hell und klar vor sich hin. In diesem Augenblick hatte er den letzten Funken menschlichen Gefühls in sich erstickt und aus seinen dunkel glühenden Augen blitzte nichts als ein Strahl wilder, unnatürlicher Rache, Er zog die Glocke, daß sie laut und vernehmlich durch das ganze Schiff hallte, und winkte dem Schiffsjungen, der in die Cajüte trat und nach seinen Befehlen fragte, zu sich:

»Bringe eine Flasche Madeira, mein Sohn,« sprach er mit einer ihm sonst gar nicht eigenthümlichen Milde, so daß der Junge, der schon erwartet hatte, mit einem Donnerwetter empfangen zu werden, ihn ganz verwundert ansah. »Dann gehe hinunter in das Volkslogis, und wecke den Bootsmann; doch leise, behutsam, daß die Andern in ihren Kojen nichts merken. Sobald er sich ermuntert hat, sage ihm leise, daß ich ihn sprechen will, und er sich so schnell als möglich zu mir verfügen soll.«

Der Junge nickte, zum Zeichen, daß er Alles wohl verstanden habe, kehrte nach dem Verdeck zurück, hob die Kappe des Volkslogis behutsam auf und ging die Treppe auf den Zehen hinab. Langsam tappte er bis zu dem Bette des Bootsmanns und als er dieses gefunden, faßte er ihn bei der Hand und lispelte:

»Bootsmann! Lieber Bootsmann! Ermuntert euch!« »Wer? Was da! – Halt mit den Bugleinen!« – murmelte dieser im Schlafe und wandte sich auf die andere Seite.

»Bootsmann! Ich bitte, ermuntert euch, es ist gewiß und wahrhaftig nöthig.«

Die dicke Masse regte sich wieder, er streckte sich der Länge nach aus, öffnete halb dir Augen und sprach etwas munterer als zuvor: »Was gibt's da? Ruhiges Schiff und stille Fahrt! Laßt mich schlafen.«

»Es geht nicht; ihr müßt aufstehen!«

Hier hatte sich der Bootsmann so weit ermuntert, daß er eine bekannte Stimme vernahm. Er riß die Augen weit auf, erhob sich mit dem Oberleib des Körpers, und stierte den Jungen an. Plötzlich ballte sich die Faust, er hob sie wie zum Schlage auf und öffnete den Mund, um den unwillkommnen Störer mit Fluch und Schlag zugleich zu empfangen.

Der Junge, an die Ordre denkend, die ihm der Capitain gegeben, und nicht mit Unrecht fürchtend, daß das Schreien des Bootsmanns die übrigen Backsgenossen wecken würde, ließ mit zitternder Angst die gewichtige Faust des Erzürnten auf seinen Rücken niederfallen, zugleich aber hielt er ihm mit beiden Händen den Mund zu, und flüsterte, seine Wange an die des Bärtigen gelegt: »Um Jesu Willen schweigt! Capitains Befehl! ich soll euch in aller Stille wecken, und ihr sollt zu ihm kommen, er will unbemerkt mit euch sprechen.«

Als der alte Seemann diese Worte vernommen, ließ er alsobald den geängstigten Jungen fahren. Zwar begriff er nicht, was der Capitain ihm bei so stillem, ruhigen Wetter könne zu sagen haben, doch war er nicht gewohnt, über erhaltene Befehle zu grübeln, sondern diese, wie ein ächter Seemann, in derselben Minute buchstäblich zu vollziehen. Er richtete sich hoch auf, winkte dem Jungen, mir einem Zeichen des Verständnisses zu, daß er sogleich kommen werde, und folgte dann diesem, so behutsam als möglich, auf das Verdeck.

Capitain Ralph ging noch immer in der Cajüte auf und ab, und schien in dem ersten Augenblick von dem eintretenden Bootsmann keine Notiz zu nehmen. Als dieser sich endlich räusperte und mehrmals mit den Füßen scharrte, blieb er stehen und rief ihm entgegen: »Aha! da seid ihr ja! ich freue mich, daß ihr meinem Rufe so schnell gefolgt seid, da ihr doch eigentlich die Rüstwache habt. Aber Meister Hartwig, es erfordert der Schiffsdienst.«

Er sah bei diesen Worten den Bootsmann mit einem besonders freundlichen Lächeln an. Man sah, er zwang sich, herablassend zu sein, um den alten Seemann im Voraus für seinen Plan zu gewinnen. Und es gelang ihm, denn nichts fesselt einen Untergebenen so sehr, als das, was ihn am meisten warnen sollte, das einschmeichelnde Lächeln seiner Herrschaft.

»Der Schiffsdienst wartet keine Sekunde auf mich, Herr, es sei bei Tage, oder bei Nacht!« entgegnete geschäftig der Bootsmann. »Befehlt, was geschehen soll, und ihr werdet es alsobald gethan finden.«

»Ich weiß! Ich weiß!« sprach Ralph freundlich. »Ihr seid ein flinker Bursche, der sich im Nothfall einen Backzahn ausreißt, um einen Kofénagel daraus zu machen.«

Bei diesem seemännischen Lobspruche flog ein grinsendes Lächeln über das Gesicht des Bootsmanns, der sich über diese Anmerkung von Seiten seines Chefs nicht wenig freute, doch aber seine Verwunderung nicht ganz unterdrücken konnte, weshalb derselbe mit dem eigenthümlichen Befehl so lange hinterm Berge hielt.

»Wie gesagt,« sprach Capitain Ralph weiter. »Ihr seid ein wackrer Bursche, aber für jetzt seid ihr für das, was ich von euch verlange, noch nicht reif. Ihr schwankt noch, eure Augen sind noch voll Schlafs. Hurtig, Meister Hartwig, greift nach der Madeiraflasche, die da vor euch auf dem Tische steht, und seht zu, ob ihr das Helgoland darin entdecken könnt, dann wollen wir weiter mit einander reden.«

Völlig außer Fassung gebracht von der übermäßigen Herablassung des Capitains, von der noch Niemand am Bord des Weltfredens ein Wort zu sagen wußte, hielt Meister Hartwig es für das Beste, den Willen seines Gebieters buchstäblich zu erfüllen. Mechanisch ergriff er die vor ihm stehende Flasche und setzte nicht eher ab, bis der letzte Tropfen daraus verschwunden war. Der Feuertrank rieselte durch seine Adern und electrisirte ihn. Mit großer Lebendigkeit trat er dem Capitain einen Schritt näher und rief: »Nun, Herr, ich bin denn zu allen Dingen bereit.«

Eine Secunde noch hielt Capitain Ralph inne, dann fragte er rasch und eindringlich: »Was haltet ihr von dem Obersteuermann Oskar?«

Meister Hartwig wich zurück, er sah den Capitain von oben bis unten an, und sagte dann mit Zuversicht im Tone: »Ich halte ihn für einen ruhigen, klugen, besonnenen Seemann, der überall wo eine genaue Sachkenntniß erfordert wird, an seinem Platze ist. Wäret ihr vielleicht anderer Meinung, Herr?«

»Ja, Meister Hartwig, das bin ich; leider muß ich es sein!«

Hartwig schüttelte mit dem Kopf, dann sagte er mir schmerzverhaltnem Tone: »Ich, und mit mir die ganze Besatzung, wir haben leider bemerkt, daß es mit unsern Ober-Officieren nicht so steht, als es billig sollte. Ihr seid gegenseitig rauh und unfreundlich mit einander und wechselt auf offnem Verdeck Worte des Unfriedens. Deutet's mir nicht übel, Herr, daß ich es gerade heraussage, aber es hat mich alten Kerl fast zum Weinen gebracht, wenn ich sehe, wie die Undisciplin einreißt und an dem Orte beginnt, wo sie am heiligsten gehandhabt werden sollte, nämlich auf dem Quarterdeck. Schon spricht die Mannschaft sich unverhohlen darüber aus, und ich zweifle nicht, daß sie das Geschehene zum Vorwande nehmen wird, wenn die Reise lange dauert, und ihr einmal nicht Alles nach Wunsche geht.«

»Meuterei am Borde meines Schiffes?« rief der Capitain überrascht und stand dem Bootsmann in gebietender Haltung gegenüber. »Wer darf es wagen, dies Wort auch nur in den Mund zu nehmen?«

»Ich habe nicht gesagt, daß die Mannschaft Meuterei anzetteln will,« entgegnete der Bootsmann ernst, »ich habe nur gesagt, wohin sie möglicherweise, durch ein böses Beispiel geleitet, gebracht werden kann, darum, Herr, um eures eignen Vortheils willen, habt Acht auf euer Thun und gebt nicht das erste Zeichen zum allgemeinen Unfrieden.«

»Soll ich Gemeinschaft halten mit einem Wahnsinnigen?« polterte Ralph mit fast kreischender Stimme. Seine Brust hob sich rascher unter seinen Athemzügen, als diese verdammliche Lüge über seine Lippen gegangen war.

»Um Gott, Herr!« sprach der Bootsmann schreckensbleich, »welch ein Wort habt ihr gesprochen?«

»Ja, Bootsmann, ich sage es euch,« bekräftigte Ralph mit rasch gewonnener Sicherheit, »der Obersteuermann hat seinen Verstand verloren; das ist es, weshalb ich euch habe zu mir entbieten lassen, damit wir gemeinsam überlegen, was wir in dieser schlimmen Angelegenheit zu thun haben und wie wir es der Mannschaft auf eine vorsichtige Weise mittheilen.«

Meister Hartwig stand verlegen wie ein Schulknabe vor seinem Capitän. Er blieb lange stumm, während des Commandeurs Auge forschend auf ihm ruhte, dann fragte er scheu: »Und woher nehmt ihr die Beweise für eine so schreckliche Anklage?«

»Ich finde sie in seinem eignen Thun,« entgegnete Ralph. »Da seht mein Besteck an; keiner führt eine klarere, deutlichere Rechnung als ich; sie ist jedem Seemann geläufig, der so lange Salzwasser geschluckt als ihr, und daß ein Schiff, nach solchen Grundsätzen geleitet, sicher an's Ziel kommen muß. Seht nun auf das Besteck des Steuermanns Oskar; seht, wie bunt hier Alles durcheinander läuft, keine Verbindung, keine Klarheit in der ganzen Rechnung. Wie oft habe ich ihn darüber zur Rede gestellt, aber dann sieht er mich mit einem dummstolzen Lächeln an und spricht: So ist es Sitte zu Orlogg. Lügenhaftes Gewäsch! Als ob ich nicht selbst zu Orlogg gefahren wäre, und wüßte, was der Brauch will! Aber dort haben wir keine Kenntniß von all' dem Unsinn und bleiben nur der einen wahren Rechnung getreu, wie ich sie zum Besten des Schiffs und der Mannschaft führe. Da habt ihr die ersten Anfänge seiner Geistesverwirrung.«

Der Bootsmann sah abwechselnd auf die Seecharte und die daneben liegende Tafel des Steuermannes und blickte die tiefsinnigen Berechnungen und die buntschnörklichen Figuren, die für seinen beschränkten Verstand unauflösliche Räthsel waren, mit furchterfüllter Seele an: »Das sieht aus, wie ein leidiger Teufelsspuk, Herr,« begann er nach einer Pause mit zaghafter Stimme, »sollte es möglich sein, daß der gesunde Sinn eines klugen Mannes sich auf eine so heillose Weise verwirren kann?«

»Und was wäre aus euch und mir schon vor längerer Zeit geworden,« fuhr Capitain Ralph mit einschmeichelndem Tone fort, »wenn ich nicht, als euer guter Engel, gewacht hätte? Als es jenem Unglücklichen durchaus nicht gelingen wollte, mich zu überzeugen, daß seine Ansicht die richtige sei, trat er eines Nachts, als ich sorglos schlief, in meine Cajüte und löschte meine ganze Rechnung, vom Anfang bis zum Ende aus, so daß wir ganz allein auf seine Schnörkeleien angewiesen waren. Wären wir nicht schon damals verloren gewesen, wenn ich nicht ein so klares Gedächtniß gehabt hätte, daß ich mich hinsetzen, und Zahl an Zahl aufschreiben konnte, wie es vom Anbeginn, der Reise bis zu jener Unglücksstunde gewesen war? Aber wer steht mir dafür, daß mein Wissen, durch die Gnade Gottes, stets so untrüglich sein werde, wenn es ihm in einem finstern Moment vielleicht zum zweiten oder dritten Male einfällt, mit vernichtender Hand über mein Besteck herzufahren?«

»Er darf ferner nicht unbewacht bleiben,« sprach Meister Hartwig, »wir gingen Alle zu Grunde.«

»Und wenn euch nun noch irgend ein Zweifel aufstößt,« sprach Ralph, »so vernehmt, daß ich, kurz vorher ehe ich euch rufen ließ, mit dem Obersteuermann hier zusammentraf, daß ich ihm wegen seines Betragens einige harte Worte sagte, und daß er vor Wuth schäumend, schwur, er wolle seine Hand an mich legen.«

»Allgerechter Gott!« schrie der Bootsmann auf, der sich einen solchen Frevel am heiligen Subordinations-Gesetze gar nicht möglich denken konnte, »diese Worte kommen aus dem Munde eines Schiffsofficiers?«

»Er hat sie gesprochen, Meister, Hartwig!« bekräftigte Ralph, »ja, er hat gesagt, er wolle sich im Angesicht der ganzen Mannschaft auf mich stürzen und mich so lange mißhandeln, bis ich, einem räudigen Hunde gleich, mich winselnd zu seinen Füßen krümmte. Was haltet ihr jetzt von der Lage der Dinge?«

»Er darf nicht mehr frei und unangefochten bleiben Capitain,« sprach Mister Hartwig nach einigen Augenblicken der Ueberlegung mit kalter Entschlossenheit. »Und wohl ihm, wenn er seines Verstandes beraubt ist, er wird dann freilich von uns Allen gemieden, aber bemitleidet werden, aber wenn er dies alles, dessen Ihr ihn beschuldigt, mit vollen Verstandeskräften gethan hätte, dann wehe ihm, er wäre der höchsten Straft schuldig, und selbst Euer Mitleid, Eure Großmuth vermöchte ihn nicht vom Strange zu erretten. Gibt es denn irgend etwas Strafbareres, als wenn ein Seemann die Hand gegen seinen Vorgesetzte« erhebt?«

»Eure Meinung ist also auch, daß wir rasch und entschlossen handeln?« fragte Ralph.

»Allstunds, Herr,« entgegnete Meister Hartwig geschäftig. »Ueberlaßt es mir, mir der Mannschaft reden; ich werde ihr Alles vorstellen, und dann ihre Meinung hören; es sind gescheidte Bursche dabei, tüchtige, seebefahrne Männer. Wenn es irgend geht, laßt Euch um möglichste Schonung anflehen, denn so schwer Steuermann Oskar selbst in seinem Trübsinn sich vergangen hat, so jammert er mich doch, denn er war ein furchtloser Mann, der stets etwas auf die Ehre des Seemannes hielt.«

»Seid versichert, daß ich nichts thun will, als was die äußerste Nothwendigkeit befiehlt!« sprach Ralph.

»Es hauset ein böser Geist zwischen den Planken des Weltfredens,« murmelte der Bootsmann vor sich hin, »aber wir wollen ihn bannen, und Frieden haben, noch ehe der Anker vom Buge gleitet und das Tau durch die Klüse fährt.«

Stumm den Capitain grüßend, griff er mechanisch nach der auf dem Tische stehenden Madeiraflasche, trank sie vollends leer und begab sich auf das Deck, während Capitain Ralph, der den Fortgehenden einige Schritte geleitete, einen scheuen Blick nach dem Eingange in die Steuermanns-Kammer hinüber warf, die Thür seiner Cajüte schloß, und in ein dumpfes Brüten versank.

Die Bewegung, welche im Volkslogis herrschte, zeigte an, daß der Bootsmann die »Wachtmannschaft unter Deck« vom Schlafe aufgestört habe. Zu ihnen gesellten sich alle diejenigen vom dienstthuenden Wachtsvolk, deren Anwesenheit auf dem Verdeck nicht dringend nöthig war, und deren waren nur wenige, denn Wind und Wellen hatten sich gelegt, und das Schiff schoß ruhig und gefahrlos auf seiner Bahn dahin.

Die hellbrennende Lampe hing in der Mitte des Logis unter der Decke, und warf ihr flackerndes Licht auf die gebräunten Gesichter der Matrosen, die auf ihren Kisten in einem Kreise hockten, und die Erzählung ihres Bootsmannes mit einem stummen Entsetzen vernahmen.

Meister Hartwig hatte sich in die Mitte, des Kreises gestellt und lehnte mit dem Rücken gegen die Treppe, so daß keiner, ohne seinen Willen, das Logis betreten, oder es verlassen konnte. Hier, wo er der erste Officier und alleiniger Gebieter war, zeigte er eine ganz andere Haltung, als kurz vorher in der Cajüte des Capitains. Er trug seine Gestalt hochaufrecht, sein Auge blickte gebieterisch umher und seine Worte klangen fest und sicher, den Eindruck, den sie bezweckten nicht verfehlend. Ausführlich theilte er den horchenden Matrosen das ganze Gespräch mit, das er mit dem Capitain geführt hatte, und als er nun, – selten von einem Ausruf des Erstaunens, der Verwunderung und des Schreckens unterbrochen, – seinen Vortrag endete, sprach er mit erhöhter Stimme: »So steht's, Jungens! Jetzt sagt mir, was ihr von der Sache denkt.«

Die ehrlichen Burschen konnten sich nicht so schnell von ihrem Erstaunen erholen; eine ziemliche Weile blieben Alle stumm; nur ein leises Murmeln ward mitunter vernommen, das aber von dem Rauschen der Wellen, die unter dem Kiel dahin brausen, übertönt wurde.

»Sage dir, Jack,« flüsterte der Kochsmaat, ein junger, übermüthiger Bursche, dem Gehilfen des Segelmachers zu, »ein Toller an Bord ist eine unterhaltende Geschichte. Es gibt ihrer, die krähen wie eia Hahn, und wenn sie krähen, fangen des Capitains Hühner alle zu gackern an.« –

»Ja, wenn Hühner an Bord sind!« sprach schläfrig der Segelmacher-Gehilfe.

»Nun, das versteht sich,« fuhr Jener möglichst leise fort, und versteckte seinen Kopf hinter dem Rücken des Nachbars, denn das Auge des Bootsmanns war dem seinigen begegnet und hatte ihm für sein Schwatzen die übliche Belohnung verheissen. Aber ganz konnte er seine Neigung nicht unterdrücken und während die seebefahrnen Männer sich vergebens auf eine Antwort besannen, flüsterte er weiter: »Noch andere gibt es, die ahmen das Gequarr eines Frosches nach und anstatt wie diese Thiere in einem sumpfigen Graben springen, springen sie in die Lücke zwischen zweien Wasserfässern und schnappen nach den Beinen der Vorübergehenden.«

»Hu! Hu!« murmelte der schlaftrunkene Segelmacherbursche, und fühlte mechanisch nach seiner Wade.

Der Kochsmaat, den diese Unterhaltung belustigte, fuhr fort: »Noch andere singen wie eine schöngestimmte Viole und dann kann es die ganze Mannschaft nicht lassen, es fahrt ihr in die Beine, sie muß tanzen und wenn sie auf der Nock des Klüverbaums säße.«

»Dann poltern sie ja in die See!« rief ängstlich der Segelmacher-Gehilfe, aber in diesem Augenblicke flog ihnen, von des kräftigen Bootsmannes Faust geführt, ein Tauende um die Ohren, das sie plötzlich verstummen machte.

»Redet, Bursche, die Stunde drängt,« sprach Meister Hartwig wieder ganz gelassen, nachdem er das Amt eines Zuchtmeisters mit dem gehörigen Nachdruck und dem günstigsten Erfolge verwaltet hatte, »was soll geschehen?«

»Wir müssen ihn binden!« sprach ein kecker Bursche, »dann werfen wir ihn in das Zwischendeck und reichen ihm sein Essen und Trinken, das wir an eine lange Stange binden, von weitem zu, denn niemals müssen gesunde Leute in die Nähe eines Mannes kommen, der von Gott gezeichnet ist.«

»Nicht doch,« sprach ein Anderer; »wer wird einen Tollen leben lassen? Ein Toller am Bord ist wie ein Fluch für Kiel und Mast, und es ist nimmer Heil für ein Schiff, das mit diesem Unglück heim, gesucht ist. Es hat Beispiele gegeben, daß ein solches Fahrzeug Monate lang zwischen Himmel und Wasser umhertrieb, und endlich an einer Felsenküste scheiterte, wo die Mannschaft aus Mangel an Lebensmitteln und Wasser elendiglich umkam; darum über Bord mit ihm, damit wir unsere Seelen retten.«

»Ueber Bord mir ihm!« brüllten die Mehrsten, entsetzt vor der Schilderung, die ihnen von ihrem Kameraden gemacht worden, während Andere Ruhe geboten, und sich nun ein allgemeines Gespräch erhob, das aber so sehr in einander floß, daß man sich gegenseitig nicht verstehen konnte, bis es endlich dem Zimmermann gelang, sich des Worts zu bemächtigen und die Aufmerksamkeit zu fesseln.

»Ich bin einmal in einem fremden Lande gewesen; ich weiß nicht genau, wie es heißt, und in welcher Richtung es liegt, aber es ist eine weite Reise von dem Sorgenstuhle meiner Großmutter bis dahin. Nun ist dies Land vor allen andern, die ich kenne mit Reichthum gesegnet, und gibt es da Pöckelfleisch und Grog vollauf, auch schmucke Mädel und fröhliche Musikanten, welches Alles ist, was der Seemann bedarf, wenn er am Lande ist. Wie geschieht's nun, daß die Leute zu allen diesen Herrlichkeiten kommen? Weil es an diesem gesegneten Lande gar viele Leute gibt, die ihren Verstand nicht haben, welches aber eigentlich nichts anderes sagen will, als daß sie dessen zu viel haben, und von den Leuten gewöhnlichen Schlages nicht begriffen werden. Darum erzeigen sie auch diesen Ueberstudirten eine ganz besondere Ehre, sie lassen sie in schönen Häusern wohnen, schenken ihnen eigne, nur für sie bestimmte Kleider, geben ihnen schönes Essen und Trinken und nahen sich ihnen nie anders als mit entblößtem Haupte. Darum ist auch meine Meinung, daß wir mit dem Obersteuermann fein säuberlich umgehen, und ihn uns zum Freunde erhalten, weil wir sonst leicht Unannehmlichkeiten haben können, denn ich bleibe dabei, daß die Tollen mehr wissen als wir, und uns in ihrem Zorn manchen Possen spielen können.«

»Hier ist ja nicht die Rede davon,« unterbrach der Bootsmann den Sprecher ungeduldig, »ob wir den Obersteuermann frei umhergehen lassen, oder ihn einsperren sollen, nicht ob wir ihn am Leben erhalten, oder ihn tödten sollen, das wollen wir der höhern Einsicht unseres Capitains und seiner Menschlichkeit anheim geben; hier ist nur die Rede davon, ob ihr der Meinung seid, daß ein Schiffsofficier, der überwiesen worden ist, seinen Verstand eingebüßt zu haben, bei'm Commando bleiben kann?«

»Nein! Nein!« riefen Alle wir aus einem Munde.

»So meine auch ich!« sprach der Bootsmann und fuhr dann fort: »Ist's also euer Wille, daß ich morgen mit Tagesanbruch den Capitain ersuche, daß er den Steuermann Oskar um des gerügten Fehlers willen, des Dienstes entsetze, und ihn unter gute Aufsicht stelle, sonst aber, um der Achtung willen, die wir seinen früheren Verdiensten schuldig sind, ihn mit dem gebührenden Respekt behandeln lasse, so lange dies mit seinem Betragen vereinbar ist?«

»Ja! Ja!« war die einstimmige Antwort.

»Ich werde eure Meinung dem Capitain buchstäblich überbringen,« sprach der Bootsmann, »und somit ist die Berathung aufgehoben. Wachtvolk zur Rüst in die Kojen, die Uebrigen zurück auf's Verdeck!«

In einer Minute war die berathende Versammlung auseinander gestoben und in dem Volkslogis herrschte eine tiefe Stille.

Oskar war nach einem langen Kampfe mit sich selbst, endlich auf sein Lager und in einen festen Schlaf gesunken. Aengstlich warf er sich hin und her, denn gräßliche Träume quälten ihn, aber er vermochte nicht die bleierne Last von sich zu schütteln, die centnerschwer auf ihm ruhte. Erst als der helle Tag durch das Patentglas schimmerte, wodurch vom Verdeck aus, das Licht in seine Kammer fiel, öffnete er die Augen und blickte schlaftrunken um sich. Als er aber das volle Tageslicht erblickte, fuhr er jach in die Höhe: »Was ist das?« sprach er zu sich selbst. »Bin ich wach, oder träume ich? Längst vor Tagesanbruch hätte meine Dienstwache beginnen sollen, und doch bin ich noch hier! Warum bin ich nicht geweckt worden? Welche Unordnung im Dienst, oder ...« Er hielt inne und warf einen Blick auf seine Uhr, die an der gewohnten Stelle hing. »Was ist das? Acht Uhr! Hilf, Himmel, das geht nicht mit rechten Dingen zu; ich muß eine Erklärung haben.«

Rasch sprang er von seinem Lager auf, warf die nöthigsten Kleider über und flog zur Thür. Es gelang ihm nicht, sie zu öffnen. Ohne sich Zeit zur Ueberlegung zu gönnen, wie diese hatte verschlossen werden können, führte er mit kräftiger Faust einige Schläge gegen dieselbe, daß es dröhnend wiederhallte.

»Hollah!« ertönte die Stimme eines Matrosen von Außen her, »wer tobt da drinnen so gewaltig?«

»Tölpel!« fuhr der Steuermann auf, »ich bin's; kennst du meine Stimme nicht mehr? Warum bin ich nicht bei'm Beginne meiner Dienstwache geweckt worden und weshalb ist diese Thür verrammelt? Oeffne, sage ich!«

»Es geht nicht, Herr!«

»Und warum nicht?«

»Es ist mir verboten worden; fragt nicht weiter, Herr!«

Oskar schwieg. Aber vergebens sann er darüber nach, welche Ursache man haben könne, auf diese Weise zu verfahren, und von einem unbestimmten, peinigenden Gefühl geleitet, begann er mit erneueter Kraft gegen die Scheerwand zu schlagen.

»Was poltert ihr auf's Neue?« rief der wachthabende Matrose barsch. »Habe ich euch nicht schon gesagt, es hilft euch zu nichts? Schickt euch in die Zeit.«

»Ich sehe nun wohl,« nahm Oskar das Wort, »daß ich eingesperrt bin; wohlan, ich will mich ruhig in das Unveränderliche fügen, so schwer es mir auch wird; aber wenn noch nicht alle Menschlichkeit in euch erstorben ist, wenn ihr an Gott und unsern Erlöser glaubt, so beschwöre ich euch bei dem Andenken an eure Aeltern und was euch sonst auf Erden lieb und theuer ist, sagt mir, wenn ihr es wißt, weshalb bin ich hier eingesperrt?«

»Ei nun, Herr,« sprach der Matrose, »Einige wollten behaupten, ihr hättet von der edlen Gottesgabe, Verstand genannt, zu viel, andere meinten hinwiederum, ihr hättet zu wenig; Alle aber kamen darin überein, ihr würdet uns mit eurer saubern Besteck-Rechnung auf den Strand setzen. Darum sitzt ihr da drinnen; es ist besser, daß Einer vergehe, als daß wir Alle daran glauben müssen, ob es sonst gleich Schade um euch ist.«

»Also wahnsinnig bin ich!« rief Oskar in sich hinein, und fühlte sich vom Fieberfrost geschüttelt. Seine Beine vermochten ihn nicht zu tragen, er sank zu Boden. Die gemachte Entdeckung wirkte so gräßlich auf ihn ein, daß er nicht im Stande war, einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen. Er stürzte Verwünschungen über Verwünschungen hervor, und schlug um sich mit solcher Wuth, als dächte er, es würde ihm gelingen, die festen Bollwerke, die ihn umgaben, zu zerbrechen und sich in Freiheit zu setzen.

Mehrere Stunden lang hatte er diesen betäubenden Lärmen fortgesetzt, und dadurch jedem der Mannschaft auch den leisesten Zweifel an seine zerrüttete Gesundheit benommen. Als er endlich vor Erschöpfung inne halten mußte, vernahm er die Stimme des Bootsmanns, der ihm begütigend zurief: »Ich bitte euch, haltet euch ruhig, damit wir euch lassen können, wo ihr seid, denn wenn ihr es in dieser Weise forttreibt, sind wir genöthigt, euch einen Platz anzuweisen, der geeigneter ist, euch festzuhalten.«

»Ihr wolltet es wagen, Hand an mich zu legen?« rief Oskar mit schäumender Wuth. »Wem sein Leben lieb ist, der trete nicht zu nahe an mich heran; ich würde ihn mit meinen Händen erdrosseln und an seinem Herzblut mich laben!«

Und wie vorhin trieb er es wieder, nur noch ärger, noch ungestümer, daß die ganze Schiffsmannschaft in Aufruhr gerieth, bis er endlich, von der übermenschlichen Anstrengung überwältigt, zu Boden sank. Eine glühende Fieberhitze verzehrte seinen Körper und alles Leid vergessend, das man ihm zugefügt, bat er mit flehender Stimme: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, gebt wir zu trinken.«

Und nicht lange dauerte es, da öffnete sich seitwärts von der Thür ein Schiebloch, das sonst dazu dient, von der Kammer aus zu erspähen, was auf dem Cajütsgange vor sich geht. Hier hinein ward ihm ein, dem Anschein nach, mit Wasser gefülltes Maaß gereicht, das er auch sogleich ergriff und begierig bis auf den letzten Tropfen austrank. Kaum aber hatte er das Getränk genossen, als er fühlte, daß seine Sinne schwanden; Alles drehte sich mit ihm im Kreise und vom Schlaf überwältigt, schwankte er seinem Lager zu.

Man hatte eine starke Dosis Opium in das Wasser gethan, um ihn in diesen Zustand zu versetzen, und kaum hatten seine Wächter die Ueberzeugung gewonnen, er schlafe wirklich, als sie die Kammer öffneten und sich seiner bemächtigten.

Aber Oskar hatte keine Ahnung von der Schmach, die man ihm anzuthun, willens war; er schlief fest und der Traumgott führte anmuthig lächelnde Bilder an ihm vorüber. Da sah er sich an den Strand der Elbe versetzt, sah das Haus, in welchem er die glücklichen Tage seiner Jugend verlebte, und zwei mildlächelnde Frauengestalten, in welchen er, im Traume wissender als im Leben, – die Gattin Olaf Oeresund's und seine eigne Mutter erkannte. Aber zwischen beiden Frauen, die lange in seiner Nähe verweilten, und ihn mit den süßesten Namen nannten, erschien eine dritte. Sie stand in fernem Hintergrunde und war von einer silbernen Wolke umwallt, so daß er sie anfangs nicht gleich erkennen konnte, aber bald schwebte sie näher, die Wolke verschwand und er erblickte, vom Purpurlichte des jugendlichen Morgens umstrahlt, Marie Banner, von seiner Mutter und Frau Oeresund ihm zugeführt. Nun war Entzücken über Entzücken, sein Herz schwelgte in unendlicher Wonne und mit dem Ausrufe »Marie, meine innig geliebte Marie!« breitete er dir Arme aus und war nahe daran, sie zu umfangen, als alle die freundlichen Gestalten plötzlich wie ein Nebel zerrannen und er aus einem langen und tiefen Schlafe erwachte.

Aber so mächtig war der Eindruck, den das Traumbild auf ihn gemacht hatte, daß er noch lange, mit einem seligen Lächeln in die ihn umgebende Finsterniß hinausstarrte, dann unwillkürlich die Augen schloß und den Namen seiner Holden mit kindischem Entzücken rief.

Als nun aber endlich die letzte Spur des Schlafes von seinen Augenliedern schwand und er sein volles Bewußtsein wieder empfing, war er erstaunt über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Er befand sich nicht mehr in seiner Kammer, sondern an einem ihm völlig unbekannten Ort; er horchte auf und vernahm das Rauschen der Wellen, die sich an dem Plankenwerk des Schiffes brachen; sein geübtes Ohr sagte ihm, daß er sich im Vordertheile desselben befinde. Er tappte mit den Händen umher, aber außer seiner hölzernen Lagerstatt fühlte er nur leeren Raum.

»Was haben sie mit mir gemacht?« rief er angstvoll aus und rieb sich die Augen; denn er glaubte noch immer zu träumen. Aber er wachte wirklich und sollte nach und nach seine ganze entsetzliche Lage begreifen.

Im dumpfen Staunen saß er da, und wagte nicht, sich von der Stelle zu rühren, fürchtend, er mögte bei der leisesten Bewegung in den Raum stürzen. Da vernahm er ein helles Geläute über sich; es war der Schiffskoch, der auf diese herkömmliche Weise der Mannschaft den Beginn der Mahlzeit anzeigte.

»Es ist Mittag!« rief Oskar, und dennoch bleibt es dichte Finsterniß um mich her; o der teuflischen Bosheit des Feindes, der mir das allgemeine Erbgut der Menschen, Luft und Licht gestohlen hat! –«

Er sprang von seinem Lager auf, und wollte den Raum seines Gefängnisses durchmessen, da fühlte er sich von dem Klirren einer Kette zurückgeschreckt, und als er mit bebenden Händen eine Untersuchung wagte, fand er sich von einer starken Fessel gehalten. Man hatte sie ihm, mittelst eines starken Ledergurtes um den Leib gelegt, und unten am Boden des Zwischendecks in einem Ringbolzen befestigt; unfern davon stand eine Kanne mit Wasser und eine Schüssel mit Speise, sonst aber war nirgends etwas zu erspähen, das an eine Gemeinschaft erinnern könne, in welcher er zur übrigen Schiffsmannschaft stehe.

Einem so tiefen Elend, welches ihn auf die unterste Stufe des Daseins, weit unter den geringsten seiner Mitmenschen stellte, vermochte er nicht Trotz zu bieten. Ein heißer Thränenstrom schoß seine Wangen herab, die stärkende Wonne des Gebetes blieb ihm versagt, und er führte, von dieser Stunde an, wie ein wahrhaft Blödsinniger, das Dasein einer Maschine, deren Treiber der ihm inwohnende thierische Naturtrieb war.

Der Weltfreden hatte den Golf von Mexiko durchschnitten und legte sich in der großen Bai von Havana vor Anker. Am Tage nach ihrer Ankunft öffnete sich endlich Oskar's Kerker; seine Kette' wurde gelöst und er von mitleidigen Matrosen auf das Verdeck geführt. Der Anblick des Landes, die Einwirkung der frischen Luft und des blendenden Lichts, die er so lange entbehrt hatte, waren so mächtig, daß er sich von ihnen bewältigt fühlte, und ohnmächtig in die Arme seiner Führer sank.

Sein Aeußeres war Erbarmen weckend. Das Gesicht war todtenbleich und eingefallen, die Augen lagen tief im Kopfe und sein schönes braunes Haar erschien gebleicht. Ein struppiger Bart entstellte ihn noch mehr und die Kleider, die er trug, waren zu Lumpen geworden, die kaum seine Blöße deckten. Die Matrosen sahen mit dem Gefühl des tiefsten Mitleidens auf ihren einst so geliebten Steuermann und der Bootsmann schämte sich nicht, eine Thräne zu zeigen, die sich aus seinen Augen drängte. Nur Capitain Ralph stand auf dem Quarterdeck, unerschüttert und ungerührt, im Gespräche mit einem Mann vertieft, den der Vorstand des Hospitals auf seine Veranlassung an Bord geschickt hatte.

»Hilf uns Gott Allen, und sei uns am jüngsten Tage gnädig um unserer Sünden willen!« sprach der Bootsmann zu seinem ihm zunächst stehenden Genossen, dem Schiffszimmermann gewendet, »aber ich glaube, unser Capitain hat bei dem Anblick dieses großen Mißgeschicks weiter keinen Gedanken, als wie er den Unglücklichen am leichtesten vom Bord entfernen könne. Und wenn das Ende meiner Tage gekommen wäre, ich könnte nicht so fühllos mit einem Menschenkinde umgehen, das mir ganz fremd wäre, geschweige denn mit einem Manne, der mir von frühster Jugend auf so nahe angehörte. Mann, du kennst mich viele Jahre als einen festen und unerschrockenen Seemann, aber in diesem Augenblick zittert mir das Herz im Leibe, denn ich fürchte, wir haben uns zu einer That verleiten lassen, die eher einem Bubenstücke, als dem Werke eines ehrlichen Mannes ähnlich sieht.«

Während dessen näherte sich der Capitain mit dem Fremden, der ihm hart zur Seite blieb, und sagte, indem der Bootsmann und seine Gehilfen bei ihrem Erscheinen ehrerbietig zurücktraten: »Ihr werdet nun selbst sehen, Doktor, was hier zu machen ist; nehmt den Kranken sobald als möglich in die Kur, und stellt ihn her, ehe der Weltfreden wieder in See geht, denn ungerne mögte ich die Dienste des Genesenen entbehren, sie sind mir von jeher von großer Wichtigkeit gewesen.«

»Wir werden sehen was sich thun läßt, Sennor!« sprach der Fremde mit vornehmem Tone und ging gravitätisch auf den Kranken zu. Er gab sich die Miene, als sei er einer der Berühmtesten in dem Fache der Arzneigelehrtheit, ob er gleich nichts, als der Gehilfe eines Wundarztes war, der höchstens einen Aderlaß vollführen konnte, und nur an Bord gesandt worden war, um den angemeldeten Kranken, unter üblicher Begleitung, nach dem Hospital abzuführen.

Wenn die Rache des gereizten Mannes erst einen gewissen Grad erreicht hat, erkennt sie keine Schranke mehr; ihr ist jedes Mittel recht, wenn es dazu dient, den Gegenstand ihres Hasses zu vernichten. So Ralph, dem unglücklichen Oskar gegenüber, der in einer einsamen Kammer des »Hospitals ad Sanctam Mariam« zu Havannah auf sein dürftiges Lager sank, um einer Kur unterworfen zu werden, deren er nicht bedurfte.

Die Schlechtigkeit findet stets ihre Spießgesellen; es gibt immer noch Menschen die schlechter sind als der Bösewicht, der eben jetzt am göttlichen und menschlichen Recht frevelt; er streckt nur die Hand aus, und alsobald strömen die Helfershelfer von allen Seiten herbei.

So erblicken wir denn, – nachdem einige Wochen verstrichen sind, und der Weltfreden eine neue Ladung eingenommen hat, – an dem vor der Abreise bestimmten Tage eine ernste Scene in demjenigen Saale der Audienza, der zur Gerichtsstätte für fremde Seefahrer bestimmt ist. Hier sitzen an einer langen grünen Tafel drei Richter, deren kalte, ernste Gesichter nichts Gutes versprechen. An der äußersten rechten und linken Seite der Tafel bemerkt man einen Arzt, die Beide dazu bestimmt sind, bei der gegenwärtigen Sitzung zu assistiren. Dem Sitze der Richter gegenüber erblickt man einen einzelnen Sessel und auf demselben den Commandeur des Weltfredens, Capitain Ralph. Ihm gegenüber steht Oskar, mit dem Gewande der Hospitaliten bekleidet, zwischen zwei Wächtern, und mehr nach dem Eingange zu eine Abtheilung der Mannschaft des Weltfredens, Meister Hartwig an der Spitze.

»Nein!« murmelte Hartwig vor sich hin, und die Matrosen stimmten ihm mit stummem Kopfnicken bei; »es ist zu arg, wie sie es treiben. Wenn ich das hätte ahnen können, als ich auf eine so geheimnißvolle Weise in die Cajüte citirt wurde! Aber es ist noch nicht aller Tage Abend, und es ist mancher Luftzug nöthig, ehe unser Kiel sich auf Elbwasser wiegt.«

»Und wie alles konfus am Bord zugeht!« zischelte einer der Matrosen dem Bootsmann in's Ohr. »Seit der Obersteuermann den Wahnsinnigen hat spielen müssen, wissen wir nicht, ob wir Fisch oder Fleisch sind. Unser Capitain geht immer allein umher wie das böse Gewissen und unser Untersteuermann ist ein alter Waschlappen, der vom Seedienst nicht vielmehr weiß, als ein Seekadett, der drei Wochen lang im Kockspitt eines Dreideckers gesessen hat.«

Die Schleusen der Unzufriedenheit waren einmal aufgezogen und nicht so leicht wieder zu verstopfen; Einer wußte noch mehr zu erzählen und zu verdammen, als der Andere; Alle aber entsetzten sich und schüttelten mehrfach das Haupt, als der Koch mit gedämpfter Stimme sprach: »Und wie haben sie es mit dem Proviant angefangen! Ganze Fässer voll Mehl, Erbsen und Fleisch sind an's Land, oder an Bord anderer Schiffe gebracht, und den Sündenlohn dafür hat bekommen, ich weiß nicht wer. Da hieß es denn immer, es gehöre zur Ladung, aber ich weiß es besser, und der Himmel sei uns Allen gnädig, wenn wir eine schwere Rückreise haben.«

Unterdessen hatten die Richter sammt den Aerzten ihre stillen Diskussionen beendigt, und der Aelteste von ihnen erhob sich, die. Doktoren anredend: »So seid ihr, hochgelehrte Herren, denn fest und innig überzeugt, daß jener Mann dort,« er zeigte auf Oskar, – »von der Geistesabwesenheit, die ihn befallen, völlig hergestellt sei, und seinem Capitain dort ohne weitere Gefahr für Schiff und Mannschaft wieder zurückgegeben werden darf?«

Die beiden Aerzte erhoben sich ebenfalls von ihren Sitzen und der Aelteste derselben sprach: »Wir sind nicht allein überzeugt, daß jener Mann, wenn auch körperlich etwas angegriffen, doch hinlänglich geisteskräftig ist, sondern wir halten uns auch fest überzeugt, daß ihm niemals etwas gefehlt habe, wonach er in die Klasse der Wahnsinnigen zu werfen sei.«

Oskar, der nicht wußte, welch' ein bereits vorher abgekartetes Spiel mir ihm getrieben werden sollte, hielt den Ausspruch der beiden Aerzte für heilige Wahrheitsliebe und rief: »Heil euch! würdige Herren! ihr nehmt euch des Unschuldigen und Verlassenen an! Ihr gebt ihm Gelegenheit, Genugthuung zu erhalten für erlittene Schmach und wascht meine tiefgekränkte Ehre wieder rein. Ihr seid ...«

»Still!« unterbrach ihn der Richter mit einer Donnerstimme, und sinket in eure Kniee, den himmlischen Vater anflehend, daß das Gericht diesen Ausspruch der Herren nicht zu schwer in die Wagschale fallen lasse; denn sonst erstirbt jegliches Mitleiden für euch und ihr seid eines schmählichen Todes schuldig.« Und hierauf wandte er sich wieder zu den Uebrigen: »Es kommt mir nicht in den Sinn, hochgelehrte Männer, eure Weisheit irgend herabsetzen zu wollen, vielmehr bin ich vollkommen von der Wahrheit eurer Behauptung überzeugt. Indessen sind wir allzumal schwache sterbliche Menschen, und es wäre doch möglich, daß ihr euch irrtet, und daß jener Mann dort wirklich geistesabwesend war, als er Meuterei anzuzetteln im Begriff war, als er die Leitung des Schiffes nach falschen Berechnungen leiten wollte und seinem Capitain nach dem Leben trachtete. Denn wäre dies von ihm mit gesunden Sinnen geschehen, so müßte er auf dem Schaffot enden. Weil dies nun also nicht zu erweisen steht, und wir täglich zu Gott beten, daß er auch uns einst barmherzig sein möge, so nehmen wir für jene Sündenzeit den Status der Tollheit für gewiß an, und setzen ihn für seine Frevel außer Verantwortlichkeit, indem wir erklären, daß er jetzt völlig wieder hergestellt sei. Wer hiergegen von euch, würdige Herren, irgend etwas einzuwenden hat, der erhebe seine Stimme.«

Die würdigen Herren aber blieben, nach vorgängiger Uebereinkunft, sämmtlich stumm, und Jener fuhr fort:

»So ermächtigen wir euch denn, Capitain Ralph, euren für gesund erklärten Mann von hiesiger Gerichtsstätte mit euch hinweg und an Bord eures Schiffes zurückführen zu dürfen. Damit aber der Gerechtigkeit ihr Genüge geschehe, so erklären wir hiermit, daß ein Mann, der einmal unter einer solchen verdammungswerthen Anklage stand, ohne sich völlig reinigen zu können, für unfähig erachtet wird, die Rolle eines hohen Schiffsofficiers zu bekleiden. Wir verbieten euch also, Capitain Ralph, diesem Mann die Stelle eines Obersteuermanns ferner zu übertragen, oder ihn zu dem gedachten Zweck auf ein anderes Schiff zu übersiedeln, oder zu dem Behuf eines sonstigen Dienstes zu entlassen; sondern ihn mit eurem eignen Schiffe in der Eigenschaft eines gemeinen Matrosen, gegen Aushändigung der üblichen Ration und Monatsgage, nach Europa hinüber zu führen.«

»Ich werde gewissenhaft vollbringen, was ein hoher Gerichtshof mir zu befehlen geruht!« entgegnete Ralph, indem er aufstand und sich tief verneigte.

Oskar wußte nicht, wie ihm geschah; sein Kopf schwindelte, er begann eine namenlos schwarze Intrigue zu ahnen: »Ich protestire gegen jede Gewaltthat,« rief er ... aber ehe er ein Wort weiter reden konnte, hatten die Wächter, die ihn nicht aus den Augen ließen, ihm die Kraft dazu bereits benommen, er ward aus dem Saal und nach dem Hafen gebracht, wo man ihn der Fürsorge Meister Hartwig's und seiner Genossen übergab, die alsobald mit ihm abstießen.

Oskar saß, von der schweren Last, die auf seinem Herzen lag, niedergedrückt, neben dem Bootsmann am Steuer, das dieser mechanisch wendete, während die Matrosen die Riemen langsam in's Wasser senkten.

»Hört mich an, Kinder!« rief der Bootsmann, und alsobald hielten die Matrosen mit Rudern inne. »Was wir heute gehört und gesehen haben, übertrifft jede bis jetzt noch da gewesene Büberei und hätte es nicht Jeder von uns zu seinem großen Leidwesen erlebt, wir glaubten's nicht unser Lebenlang. Oskar ist jetzt der Unsern Einer! Nicht richten wollen wir, was an ihm Unrechtes gethan worden, dies Amt wird schon ein Anderer übernehmen, der die Sünde der Menschen straft bis in das dritte und vierte Glied. Aber er soll unser treuer Camerad sein, der unter unserm Schutz steht, und dem kein Mensch, der seines Lebens sicher sein will, ein Haar krümmen soll. So will ich thun ohne Ende, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!«

Er streckte die Hand zum Schwur empor und wiederholte die letzten Worte noch einmal langsam und feierlich. Die Bootsgasten sprachen sie ihm nach und reichten sich unter einander die Hände zur Bekräftigung ihres Versprechens. Meister Hartwig aber legte die Hand auf Oskar's Schulter und sprach gutmeinend:

»Du hast gehört, was wir so eben geschworen haben. Du bist unser Bruder und sollst nicht schlechter gehalten werden, als der, den wir je für den Würdigsten gehalten haben. Was du nach beendigter Reise zu thun gedenkst, das führe aus als ein Mann; während der Reise aber baue auf uns, wir lassen dich nicht sinken. Und nun zeige, daß du ein braver Bursche bist und unsern guten Willen erkennst.«

Oskar fuhr aus seiner gebeugten Stellung auf, er ergriff die Hand des Bootsmanns und schüttelte sie krampfhaft, dann öffnete er den Mund, aber es überwältigte ihn sein inneres lebendiges Gefühl, er zuckte zusammen und ein glühender Thränenstrom schoß seine Wangen herab.

Mit tiefer Rührung sahen die sonnverbrannten Gesichter auf den Weinenden, denn nichts hat für den Mann etwas Erschütterndes, als wenn er einen Andern, den er für stark und kräftig hält, vom Schmerz übermannt Thränen vergießen sieht. Meister Hartwig verbarg seine Bewegung nicht, und schüttelte die Hand des neuen Genossen, indem er mit zitternder Stimme sprach: »Euer guter Engel schenkt euch diese Thränen, die für euren Kummer ein tröstender Balsam sind, das sei euch ein Bürge für euer künftiges Wohlergehen.«

In dieser Stimmung kehrten sie an Bord des Weltfreden's zurück, der sich vier und zwanzig Stunden später wieder auf den Wellen des mexikanischen Golfs schaukelte.

»Der Matrose Oskar ist zu meiner Wachtmannschaft beordert,« sprach Capitain Ralph zu dem Bootsmann, als dieser am ersten Abend in See, an des fehlenden Obersteuermanns Stelle die Befehle für die kommende Nacht entgegen nahm. »Ihr, Meister Hartwig, werdet dem Untersteuermann auf seiner Wache zur Seite stehen, und ich nehme den Zimmermann, der ein tüchtiger befahrner Mann ist, zu mir herüber; so hoffe ich, wird Alles gut gehen.«

»Es geht auf jedem Schiffe gut, mit dem der Segen des Herrn ist,« sprach Meister Hartwig.

»Ich trage kein Verlangen nach euren Predigten,« sprach der Capitain kurz. »Behaltet sie bis zu der Zeit, da ihr am Lande alten Weibern eine Betstunde haltet. Ich verlange nur schnelle Hände und Füße und eine stumme Zunge. Schickt mir jetzt den Matrosen Oskar in die Cajüte.«

»Mit Gunst, Capitain! sprach der Bootsmann ehrerbietig aber fest, »nehmt es nicht übel, daß ich es Euch sagen muß, aber der Matrose Oskar kann nicht zu Euch in die Cajüte kommen.«

»Und warum nicht?« fuhr der Capitain auf.

»Er befindet sich nicht wohl,« entgegnete Jener, »und wir Alle haben ihm zugeredet, daß er sich niederlegen soll. Es ist ein Fieber im Anzuge bei ihm, deßhalb muß er sich schonen, denn um ein Menschenleben ist es unter diesen Breiten bald geschehen, und das Leben dieses Mannes ist heilig.«

»Er soll kommen!« rief der Capitain eifernd.

»Er kann nicht kommen, Herr!« war die bestimmte Antwort des Bootsmanns. »Geht selbst hinab in das Logis und überzeugt Euch von seinem Zustand.«

»Sollen meine Matrosen im Bette liegen, und ihrer Faulheit fröhnen, während der Schiffsdienst leidet?« fuhr der Capitain auf. »Herrendienst geht vor Allem und ich will den Mann auf dem Verdeck sehen!«

»Es geht nicht, Herr,« sprach Hartwig fest. »Der Schiffsdienst und Eure Bequemlichkeit sollen aber nicht darunter leiden. Wir haben ausgemacht, daß jedesmal einer von denen, die Rüstwache haben, an Oskar's Stelle seinen Dienst versehen, so lange dieser von Krankheit behindert wird, es selbst zu thun. Mehr könnt Ihr nicht verlangen, mehr zu thun, steht in keines Menschen Macht. Wißt Ihr ein Mittel, wodurch Oskar eben so schnell zu heilen ist, wie er krank wurde, so sagt es uns, wir werden es gewiß dankbar anwenden; er leidet am gebrochnen Herzen.«

Ralph knirschte mit den Zähnen und rief vor Zorn außer sich: »Wollt ihr rebelliren gegen meine Befehle? Den Tod an euren Hals, wenn ihr nur mit den Wimpern zuckt!«

»Kein Mensch denkt an Rebellion, Capitain!« sprach der Bootsmann mit erhöhter Stimme. »Stellt uns auf die Probe und Ihr werdet sehen, daß kein Capitain eine willigere Schiffsmannschaft hat, als Ihr. Aber Ihr sollt auch nicht durch unnütze Quälerei die Leidensstunden eines Mannes verbittern, der unverschuldet schon so manches Weh erduldet hat.«

Der Capitain stand einen Augenblick stumm und unbeweglich, dann stampfte er mit dem Fuß, daß es weithin schallte und rief mit fast kreischendem Tone: »Ich werde euch diesen Augenblick nicht vergessen, seid versichert, ich werde es nicht!«

Er verschwand am Eingange der Cajüte und der Bootsmann kehrte nach der Back zurück, um die Seewachen zu ordnen.

Widrige Winde verzögerten die Heimkehr und trieben das Schiff im weiten Ocean einem Spielball gleich umher. Oskar hatte sich vollkommen erholt und versah unverdrossen seinen Dienst. Er erwiederte kein Wort auf die endlosen Schimpf- und Spottreden des Capitains, womit dieser ihn stets überhäufte, sobald er seiner ansichtig wurde, nur manchmal richtete er einen vielsagenden Blick auf ihn und schlug dann die Augen zum Himmel auf, als vertraue er seine Sache dem unbestochenen und unwandelbar gerechten Richter über den Sternen. In solchen Augenblicken konnte Ralph seine Verwirrung nicht unterdrücken und entfernte sich eiligst vom Verdeck.

Unterdessen verzögerten widrige Winde die Heimreise und die zwischen dem Capitain und der Mannschaft des Weltfreden's obwaltenden Verhältnisse nahmen einen bedrohlichen Charakter an. Der Leichtsinn, womit, um vorübergehender Zwecke willen, der Proviant in der Havana verschleudert worden war, ohne durch neuen ersetzt worden zu sein, rächte sich schwer, denn noch war man fern von der Heimath und schon wurde der Speisevorrath so gering, daß man sich den allerbittersten Einschränkungen unterwerfen mußte. Den schlimmsten Stand hatte bei dieser Gelegenheit ein an sich höchst indifferentes Wesen, der vormalige Unter – und jetzige Obersteuermann, Meister Cornelius, der, einerseits aus Furcht vor dem Capitain, andererseits aus Furcht vor der Mannschaft, niemals fest aufzutreten wagte, und deßhalb stets von allen Seilen gehudelt ward.

»Sage euch, Meister Cornelius,« sprach der Capitain kurzbefehlend, »ihr gebt heute nicht mehr als den dritten Theil der Brodration und Wasser bekommt Jeder ein halbes Maaß und nichts weiter.«

»Das ist nicht gutgethan, Capitain,« entgegnete Meister Cornelius. »Es wird die Leute in den Harnisch bringen und wir werden viele anzügliche Redensarten hören müssen.«

»Die Pest auf ihre Zungen!« brausete der Capitain auf. »Seid ihr ein Schiffsofficier und fürchtet euch vor dem Gekrächz der Matrosen. Laßt sie hungern und schwatzen.«

»Ich fürchte nur,« begann Meister Cornelius nach einer Pause, »sie werden nicht blos schwatzen, sondern sie werden, wenn ihnen das Messer an der Kehle steht, auch handeln; und wenn sie sich im offenbaren Widerstande erheben, dann möchten wir doch zu schwach sein, um ...«

»Schweigt, Herr!« unterbrach ihn der Capitain zürnend. »Wahrhaftig, die hochgelehrten Signores in der Havana hätten besser gethan euch für einen Popanz zu erklären, anstatt euch zu einem ersten Schiffsofficier zu machen. Befolgt die euch ertheilten Befehle buchstäblich und überlaßt die Verantwortlichkeit dem, dem sie gebührt, nämlich mir.«

Steuermann Cornelius wagte keinen weitern Widerspruch; er begab sich auf das Verdeck und ging mit schwerem Herzen an die Ausübung des ihm gegebenen Befehls. Auf seinen Wink erschien der Bootsmann auf dem Quarterdeck. Es geschah diesmal nicht mit jener vertrauten Höflichkeit, womit ein Schiffsofficier niedern Grades sich einem höhern zu nähern pflegt, sondern mit unverhehltem Trotz und jenem wegwerfenden Ton, den der Untergebene sich nur zu bald aneignet, wenn seine Herrschaft nicht streng ihrer Verpflichtung gegen ihn nachkommt.

»Ich habe euch gerufen, Bootsmann!« begann Meister Cornelius zögernd.

»Ihr seht, daß ich gekommen bin!« entgegnete Jener. »Seid so gut und macht es kurz. Was habt ihr mir zu sagen?«

»Ei, ei! Bootsmann!« sprach Herr Cornelius kopfschüttelnd, »ist dies der Ton, in welchem ihr zu einem Cajütsofficier sprecht? Ihr solltet mich doch kennen.«

»Zur Genüge, Herr! Ihr wart noch ein grüner, unwissender Junge, kaum trocken hinter den Ohren, als ich schon Commandant des Kabelgats war; jetzt bin ich noch immer auf meinem alten Posten und ihr habt euer Steuermanns-Examen hinter euch. Sonst ließ ich euch, mit Hilfe eines Tauendes in den Vortopp springen und dort drei Stunden zur Strafe eurer Faulheit sitzen, jetzt entbietet ihr mich als ein vornehmer Mann zu euch auf das Quarterdeck.«

»Ihr bedient euch sehr witziger Anspielungen!«

»Witz kommt aus leerem Magen, Herr! Habt ihr mir etwa sagen wollen, wie wir diesem fühlbaren Mangel abhelfen, so seid so gut euch schnell auszusprechen. Es eilt!«

»Allerdings habe ich über diesen Punkt mit euch zu sprechen, wenn auch nicht in dem Sinne, wie ihr es zu wünschen scheint. Hört mich an. Der Capitain befiehlt durch mich, daß ihr der Mannschaft nachfolgenden Beschluß, den die Nothwendigkeit dringend gebietet, eröffnen sollt: die Rationen werden vom morgenden Tage an auf ein Drittheil ihres jetzigen Gewichtes reducirt, bis wir Land anlaufen und uns mit frischem Proviant versorgen können.«

»Was war das!« schrie der Bootsmann, und ging auf den Steuermann zu, der unwillkürlich vor ihm zurückwich. »Ihr wollt die ohnehin schon geschmälerten Rationen noch um ein Drittheil verringern? Schämt ihr euch der Sünde nicht?«

»Ich habe euch den Befehl des Capitains überbracht,« entgegnete der Steuermann, all' seinen Muth zusammennehmend. »Und überdem, die Nothwendigkeit befiehlt, anscheinend hart zu verfahren!«

»Anscheinend hart?« fragte Jener. »Unverantwortlich! Himmelschreiend! Die Nothwendigkeit ist da, aber wer hat sie veranlaßt? War es nicht der Capitain, der den guten Proviant, den wir im Ueberfluß hatten, in der Havana an's Land schmuggelte, um ihn zu verkaufen und sich fröhliche Tage zu schaffen? Meint er, er kann ungestraft vom Fleisch und Blut seiner Leute zehren und sie quälen obenein? Antwort, Herr! Kann er das?«

»Ich habe euch nichts zu antworten!« sprach der Steuermann, das Gespräch abbrechend, »sondern euch nur zu ermahnen, die Mannschaft von dem Befehl des Capitains sobald als möglich in Kenntniß zu setzen.«

»Es soll geschehen, Herr!« sagte der Bootsmann mit eisiger Kälte, und das, ohne eure höchst unbedeutende Person dabei im Geringsten zu inkommodiren. Auge in Auge, Mund gegen Mund wollen wir unsere Sache führen, und verdamme mich Gott, wenn wir nicht als wahre Männer in dem Kampf bestehen.«

Er ging mit stolzen Schritten nach der Back, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Fockmast und versammelte in wenigen Minuten die sämmtlichen Bewohner des Volkslogis um sich. Mit kurzen Worten überbrachte er ihnen die Befehle des Capitains, schilderte dann das Verfahren desselben, wie er die ihnen gehörenden Lebensmittel zur Befriedigung schnöder Lüste verschleudert, und wie man nun ihnen die Strafe für seine Sünden auferlegen wolle. Als er Alles haarscharf auseinander gesetzt hatte, als er ihre Aufgeregtheit bemerkte und sie nach seiner Willkür leiten zu können glaubte, fragte er sie mit scharfem Tone: Ob sie sich das gefallen lassen wollten?

Alle, außer Oskar, schrieen laut: »Nein! Nein! Wir wollen's nicht!«

Oskar stand in sich gekehrt da; es schien als hätte er nicht einmal gehört, wovon die Rede sei. Er hatte in der letzten Zeit so vieles erduldet, daß ihn ein Ereigniß dieser Art, so schrecklich es an und für sich sein mogte, kaum obenhin berührte.

»Nun, Oskar!« forschte der Bootsmann. »Was sagst du?«

»Ueberlaßt den Verworfenen seinem Schicksal,« antwortete dieser. »Die Hand des Herrn ist über ihm, und eine innere Stimme sagt es mir: sie wird ihn finden.«

»Die Hand des Herrn ist säumig in diesem Fall!« eiferte der Bootsmann; »sie hätte sonst diesen Bösewicht, der schon um euretwillen einen dreifachen Galgen verdient hat, längst vernichten müssen.«

»Sie wird ihn finden, glaubt mir!« entgegnete Oskar. »Mir ist in vergangener Nacht ein Traumgesicht überkommen, das hat mich eines Besseren bekehrt; er wird einst furchtbar enden.«

»So dürfen wir auf dich nicht rechnen, wenn wir uns zur Vertheidigung unserer heiligsten Rechte erheben,« fragte der Bootsmann mit einem Tone, der rasche Entscheidung forderte. »Haben wir dir einen ähnlichen Beweis von Unempfindlichkeit gegeben, als du aus dem Tollhause weg und in unser Logis gewiesen wurdest? Da habt ihr ein Beispiel von dem Dank eines Mannes, der selbst in der Schmach die ehemals ihm Gleichgestellten, die ihn nachher mit Füßen traten, nicht vergessen kann.«

»Versündigt euch nicht an meinem Unglück!« bat Oskar mit flehendem Tone. »Ich bitte euch, versündigt euch nicht. Mißhandelt mich, werft mich über Bord, aber ihr werdet mich nicht überreden, eurem Bündnisse beizutreten. Thut was ihr wollt, was ihr verantworten zu können glaubt. Aber dies Eine erkläre ich euch hiermit frei und offen, denn ich habe nie hinterrücks gehandelt: treibt ihr es zur offnen Empörung, so scheide ich aus eurer Mitte und trete euch auf dem Quarterdeck feindlich gegenüber! Nicht um des Capitains willen, den ich hasse und dem ich den Tod geschworen habe, noch um seines Steuermanns, dessen Jämmerlichkeit ich verachte, sondern um das geheiligte Palladium des Seemann's, die Subordination, zu vertheidigen, ohne welche alles Recht und alle Ordnung aufhört und kein Heil auf dem Meere zu finden ist.«

Ein Strahl von Hoheit leuchtete bei diesen Worten aus seinen Augen; mit Unwillen theils und theils mit Verwunderung sahen die Matrosen zu ihm auf, und wechselten vielsagende Blicke miteinander, als Oskar sich nun mit der ganzen vornehmen Haltung eines Flottenofficiers von ihnen entfernte.

»Hört einmal, Bootsmann!« begann einer der Verwegensten, »dem da ist nicht mehr zu trauen. Wäre es nicht besser, wir spedirten ihn sobald als möglich über Bord?«

»Laßt ihn nur!« antwortete dieser. »Er spielt jetzt den Vornehmen, aber seid überzeugt, wenn es zur Entscheidung kommt, wird er schon klug werden. Ueberdem muß man seinen unglücklichen Verhältnissen etwas zu Gute halten, und es reicht hin, wenn wir ein wachsames Auge auf ihn richten.«

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu. Oskar hatte einen Sitz im Langboot, das sich in See auf dem Mitteldeck befindet, eingenommen, und richtete, anscheinend mit der Anfertigung eines Reffzeisings beschäftigt, bald einen scharfen Blick nach dem Quarterdeck, bald nach dem Back. Auf dem erstern ging Capitain Ralph mit gemessenem Schritte auf und nieder, ohne sich um das Treiben der Mannschaft zu kümmern, die auf einen Haufen gedrängt, miteinander flüsternd, den Fockmast umringte. Steuermann Cornelius stand, die Augen auf den Compas gerichtet, bei dem Mann am Steuer und gab ihm einzelne Winke, die dieser nur höchst nachlässig und ohne zu sprechen befolgte.

Da rief der Bootsmann plötzlich: »Nun denn in Gottes Namen!« Der Capitain unterbrach bei diesen Worten seinen Spaziergang und blickte fragend nach der Back. Die Mannschaft rückte im geschlossenen Gliede nach dem Quarterdeck vor und stellte sich vor dem Capitain auf.

»Was wollt ihr?« rief dieser ihnen herrisch entgegen.

»Mit Vergunst, Herr!« sprach der Bootsmann. »Es ist uns durch den Steuermann Cornelius ein Befehl zugekommen, der unsere ohnehin schmalen Rationen auf ein Drittheil reducirt. Wir wollten Euch nun selbst fragen, ob dieser grausame Befehl wirklich von euch ausgeht?«

»Freilich geht der Befehl von mir aus,« sprach Capitain Ralph mir einem höhnischen Lachen. »Gibt es sonst ein menschliches Wesen an Bord, von dem ein solcher Befehl ausgehen könnte? Grübelt nicht, weshalb euch dieses oder jenes befohlen wird, sondern schickt euch in die Zeit und gehorcht!«

»Das können wir diesmal nicht, selbst wenn wir es wollten!« entgegnete der Bootsmann fest. »Die lange Reise reibt unsere Kräfte auf, und anstatt unsere Anstrengungen mit freundlicher Aufmunterung anzuerkennen, wollt Ihr uns die nöthigsten Lebensmittel entziehen. Wir können also in Euer Begehr nicht willigen, und – – – wir wollen es auch nicht,« fuhr er leidenschaftlicher fort. »Habt Ihr, freventlich und übermüthig, heilig anvertrautes Gut verschleudert, so seht nun auch zu, wie Ihr es wieder gut macht. Und jetzt, Herr, nehmt Ihr zur Stelle jenen grausamen Befehl zurück, der uns Alle zu Leichen machen muß oder wir künden Euch den Gehorsam auf; das wollt Ihr mit Bedacht erwägen!«

»Wir kündigen Euch den Gehorsam!« schrieen Alle wie aus einem Munde, und der Mann am Steuer rief über alle Andern hinaus: »Gebt Antwort noch in dieser Minute, oder ich werfe die Ruderpinne in Lee und lasse alle Segel in den Wind schießen. Mögen dann Masten und Stengen zum Teufel fliegen!«

Kaum waren diese frevlen Worte ausgesprochen, als Oskar wie ein Blitz aus dem Langboot auf das Verdeck sprang, nach dem Quarterdeck eilte, den Mann am Steuer mit einer geschickten Handbewegung von demselben entfernte und den angegebenen Cours ruhig und sicher fortsteuerte.

Steuermann Cornelius war von all' den vorgegangenen Ereignissen so verstört geworden, daß er sich nicht zu benehmen wußte; der Capitain hatte dagegen die Besonnenheit sogleich wiedergefunden, und erhob sich zürnend gegen die Aufwiegler. »Rebellen!« rief er mit donnernder Stimme, aber die Matrosen unterbrachen ihn mit lautem Geschrei und hielten nicht eher inne, bis der Capitain es aufgab eine Strafpredigt zu halten.

Als das wüste Geschrei verstummt war, nahm der Bootsmann abermals das Wort, und sprach mit vernehmlicher Stimme: »Eine Rebellion, wie die von uns begonnene, wird von jedem Gerichtshof verziehen, wenn er die Umstände erwägt. Kein Richter wird wollen, daß wir uns, ohne ein Wort zu sagen, dem Hungertode opfern sollen. Darum überlegt genau was ihr thut, Capitain! Für diese Nacht sei Waffenstillstand. Während derselben sollt ihr keine getreuere, dienstwilligere Leute haben, als uns; die ganze Mannschaft bleibt auf dem Verdeck, um jedem eurer Winke gewärtig zu sein. Morgen, eine Stunde nach dem Aufgange der Sonne, werden wir uns auf dieser nämlichen Stelle wieder einfinden, und ihr werdet uns dann wissen lassen, ob jenes unsinnige Gebot stehen bleiben, oder aufgehoben werden soll! Gott befohlen bis dahin! Vorwärts, Bursche! Jeder auf seinen Posten!« –

Gehorsam, ohne ein Wort zu erwiedern gingen die Matrosen auseinander und Jeder an den Ort, wohin der Dienst ihn rief, auch der Matrose, der vorhin auf eine etwas hurtige Art vom Steuer entfernt worden war, kehrte jetzt dahin zurück; Oskar legte die Steuertaille in seine Hand, ohne ein Wort mit ihm zu wechseln und kehrte dann nach seinem alten Platz zurück.

Die Nacht ging unter den gespanntesten Erwartungen vorüber. Der Wind hatte sich frisch erhoben, und das Schiff arbeitete rasch durch die Wellen hin. Meister Hartwig war allgegenwärtig, sein Auge ruhte nie, er bemerkte die geringste Abschweifung des Windes und die dadurch nöthige Veränderung in der Stellung der Segel und ehe noch der Befehl dazu vom Quarterdeck her ertheilt werden konnte, war das Nöthige schon von ihm und seinen Leuten ausgeführt.

Die Stimmung, die außerdem die einzelnen Gemüther beseelte, war eine furchtbare. Der Capitain war fest entschlossen, nicht nachzugeben, und da er sich auf seinen Steuermann nicht verlassen konnte, ging er mit sich allein zu Rathe. Er beschloß dem rohesten Ausbruche der Gewalt noch Gewalt entgegen zu setzen, und wenn er Alles verloren geben müßte, sich in die Cajüte zu werfen, und das Schiff, mittelst des dort befindlichen Pulvervorraths in die Luft zu sprengen. Dieser Entschluß, nur von der aufgeregtesten Leidenschaft, nicht von der gesunden Vernunft ihm eingegeben, befestigte sich in seinem Herzen von Secunde zu Secunde, und mit Ungeduld erwartete er, nachdem er alle Vorkehrungen zu seinem unseligen Vorhaben getroffen hatte, den Aufgang der Sonne.

So sehr während dieser Zeit die Mannschaft mit der Bedienung des Schiffes beschäftigt schien, war doch auch sie stillschweigend dahin übereingekommen, mit dem anbrechenden Tage die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen. Man wollte den Capitain vom Commando entsetzen, ihm seine Cajüte zum Aufenthaltsort anweisen, das Gesetz wegen der Proviant-Verkürzung aufheben, und das nächste Land ansegeln, das man mit den jetzt eben herrschenden östlichen Winden werde erreichen können. Sie wären dem sichern Verderben in die Arme gelaufen, denn das Schiff befand sich in der gegenwärtigen Katastrophe unter der spanischen Küste, und sie würden sich bei Befolgung dieses Manoeuvers immer weiter von dem Festlande entfernt haben.

Unterdessen brach allmählich der Tag an; die Stimmung des Horizontes hellte sich auf, und mit diesem Moment veränderte sich die ganze Lage der Dinge. Wie seltsam und überraschend auch oft am Festlande die Ereignisse sein mögen, die schon beschlossene Unternehmungen plötzlich scheitern machen, auf der See treten diese, wenn auch im Ganzen seltener, doch um soviel kühner und überraschender hervor. Wer hätte nach dem Vorgegangenen noch geglaubt, daß hier eine Aenderung möglich sei? Wer, der die Entschlossenheit der Mannschaft und ihre Eide erwog, hätte an ihrem Untergange auch nur im Entferntesten gezweifelt? Wer hätte geglaubt, daß eine Viertelstunde später die gesammte Equipage von andern Gedanken und Empfindungen beseelt sein werde?

Indem wir den Gang der Erzählung scheinbar unterbrechen, suchen wir zwei uns befreundete Gestalten auf, die wir seit längerer Zeit aus dem Gesichte verloren haben. Erick Banner, der vom Könige von Dänemark mit einer wichtigen Mission nach Italien beauftragt worden war, benutzte die Gelegenheit, sich so schnell als möglich mit seiner Tochter von Koppenhagen zu entfernen. Wie sehr er auch seine Zöglinge, und von diesen besonders Oskar liebte, so hätte er es doch nicht über sein edelmännisches Herz bringen können, seine einzige Tochter mit dem Sohne eines gemeinen Dieners zu verehelichen. Zwar schwankte er einen Augenblick, als er die Liebe seiner Marie zu Oskar und dessen adeligen Sinn erwog, ob er nicht diesen für den Sohn Olaf Oeresund's erklären und den, auf diese Weise beeinträchtigten Ralph auf andere Art entschädigen sollte, aber der rechtliche Mann unterdrückte diesen Gedanken schon in seinem Entstehen, und beschloß, nicht ohne eigene Ueberwindung und mit einem mitleidsvollen Blick auf seine Tochter, nur einzig und allein dem zu folgen, was er für seine Pflicht halte. Von diesem Entschluß geleitet, trat er seine Reise nach Italien an, und stürzte sich in den Strudel der Geschäfte, während Marie, die Pracht des Landes, woselbst sie sich befand, nicht beachtend, einsam in ihrem Zimmer blieb und nur ihres Oskar's gedenkend, häufige Thränen vergoß.

Schneller als Erick Banner es geglaubt hatte, waren die anfangs verwickelt scheinenden Geschäfte zu allseitiger Zufriedenheit beigelegt, und Erick Banner erstattete seinem Hofe Bericht über den glücklichen Ausgang seiner Sendung. Er empfing als Antwort die schmeichelhafte Anerkennung seiner Verdienste um den Staat in den huldvollsten Ausdrücken und mit derselben zugleich den Befehl, sich zur Beseitigung ähnlicher Angelegenheiten nach dem nördlichen Spanien zu begeben.

Gehorsam der landesherrlichen Weisung ging er, sobald nur irgend thunlich, nach seinem neuen Bestimmungsorte ab. Mit gleichem Fleiße unterzog er sich bald nach seiner Ankunft den ihm obliegenden Geschäften und sah sich, nach dreimonatlicher Anstrengung am ehrenvollen Ziel seiner Laufbahn. Nichts stand seiner Rückkehr mehr im Wege, und da mehrfache obwaltende Verhältnisse es rathsam machten, zur Rückkehr nach Dänemark nicht den Landweg zu wählen, weil sich eben, in allen ihm naheliegenden Häfen kein dänisches Kriegsfahrzeug befand, dessen er sich hätte zur Ueberfahrt bedienen können, beschloß er, sich mit Marien an Bord eines Kauffahrers einzuschiffen, der auf Koppenhagen dirigirt war, und mit Nächstem absegeln sollte.

Wunderbare, allweise, alles lenkende Vorsicht! Wer will dein unsichtbares, tiefgeheimes Walten verkennen, das die Schicksale der armen Sterblichen mit nie enträthselter Macht dem Ziele zuführt, das ihnen von dem höchsten Wesen gesteckt worden ist. Den verstocktesten Bösewicht ausgenommen, leugnet dich Niemand, am wenigsten aber der Seemann, der täglich, ja stündlich Gelegenheit hat, deine heilige Fügung anzustaunen und anzubeten.

Erick Banner hatte sich mit Marie am Bord der Dänischen Galiot-Brigg »Föhr,« geführt von Capitain Aldag, eingeschifft, und entfernte sich mit einem günstigen Winde von der Spanischen Küste. Bald aber legte sich dieser und am dritten Tage nach ihrer Abfahrt wurden sie von einem Sturm überrascht, der dem ziemlich baufälligen und zugleich überladenen Fahrzeuge auf eine bedrohliche Weise zusetzte. Schon beschloß man, trotz der weiten Strecke, die man bereits zurückgelegt hatte, wieder umzukehren und einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, als die ganze Besatzung des Schiffs, sowohl Mannschaft wie Passagiere, von einem panischen Schrecken ergriffen wurde.

»Ein Leck! Ein Leck!« hallte es angstvoll von der Back bis zur Galerie des Spiegels wieder, und bei genauerer Untersuchung ergab sich, daß dieser so heftig sei, daß an eine Rettung nicht wohl zu denken möglich. Verzweiflungsvoll waren Alle zu den Pumpen geeilt, die armen geängstigten Leute arbeiteten, bis sie ermattet zu Boden sanken, um dann die Ueberzeugung zu erlangen, daß der Tod ihr gewisses Ziel sei. Das Wasser stieg von Minute zu Minute, immer mehr sank die Brigg dem Wasserspiegel zu, und schon konnte man die Stunden zählen, wo diese völlig von den Wellen würde verschlungen werden.

In derselben Nacht als Capitain Ralph mit eigensinnigem Trotz seiner empörten Mannschaft gegenüber stand, sahen Erick Banner und Marie, umgeben von der Besatzung der Brigg, unter demselben Breitengrad angstvoll in die immer höher steigende Fluth, und als die Sonne aus den Wogen aufstieg, lagen beide Schiffe kaum eine halbe Schußweite auseinander.

Es ist ein schöner, nie genug zu rühmender Zug in dem Charakter der Seeleute aller Nationen, daß sie bei dem Anblick der fremden größern Noth, ihre eigne augenblicklich vergessen. Kaum erblickte Capitain Ralph vom Quarterdeck des Weltfreden's aus die Brigg »Föhr,« deren Nothflagge hoch vom Vortopp wehte, als er seiner eignen gefährlichen Lage vergaß, und mit lauter Stimme den Befehl ertheilte, Alles zur Rettung jener Unglücklichen zu wagen.

Mit einem lauten Hurrah! wurde diese Aufforderung von der Mannschaft begrüßt und Jeder eilte an seinen Posten, um die nun nöthig werdenden Manoeuver mit der gehörigen Schnelle und Präcision zu verrichten.

Als die Besatzung der Brigg die Wendung des Weltfreden's erblickte, der in ihrem Luf lag, und sogleich mit vollen Segeln abhielt um möglichst in ihre Nähe zu kommen, brach sie in ein lautes Freudengeschrei aus; sie schwenkten die Hüte und stürzten gegen den Reiling, kein Auge ward von dem immer näher kommenden Erretter abgewendet.

Capitain Ralph bewies, daß er ein geschickter Steuermann sei. Er näherte sich dem Luf der Brigg bis auf Bugsprietslänge, dann ließ er sein Fahrzeug in den Wind aufschießen und zog seine Vordersegel back. Die Schiffe lagen nun einander in gleicher Linie gegenüber.

Beide Capitaine bestiegen nun den äußersten Rand der Galerie und nachdem sie sich durch eine Schwenkung des Hutes begrüßt hatten, setzten sie das Sprachrohr an: »Wen haben wir hier?«

»Capitain Aldag, Dänische Brigg Föhr!«

»Und hier Capitain Ralph, Hamburger Backschiff Weltfreden!«

Bei der Nennung dieser beiden Namen, die hell und deutlich über das Meer hinschallten, fuhr Erick Banner zusammen, und Marie sank mit einem Schrei der Ueberraschung halb ohnmächtig in die Arme ihres Vaters. Während dessen ging die Preiung der beiden Schiffe ruhig fort.

»Wir kommen von Bilbao und wollen nach Koppenhagen!« hieß es von der Brigg.

»Und wir kommen von der Havana um die Elbe anzusegeln.«

»Wir werden unser Ziel nicht erreichen. Unsere Brigg hat einen gefährlichen Leck bekommen, den wir nicht zu verstopfen vermögen, und wenn Ihr, den uns die sichtbare Fügung des Himmels entgegen sendet, nicht Mannschaft und Passagiere an euren Bord nehmt, müssen wir binnen einigen Stunden eines jämmerlichen Todes sterben.«

»Wir sind nicht unbarmherzig genug, euch eure Bitte abzuschlagen, aber wir können sie kaum gewähren. Widrige Winde haben uns über die Gebühr unterweges aufgehalten, wir leiden bereits jetzt Mangel an Lebensmittel und Trinkwasser, kommt Ihr zu uns herüber, werdet Ihr dem Wassertode nur entgehen, um gemeinschaftlich mit uns Hungers zu sterben.«

»Werdet unsere Retter und wir wollen euch kräftigen Beistand leisten. Wir haben Proviant und Wasser im höchsten Ueberfluß am Bord. Leihet uns eure Arme, und schnell wird Alles gethan sein!«

»Nun wohlan denn! In Gottes Namen legt Hand an's Werk zur Errettung von gegenseitiger Noth.«

Beide Schiffsmannschaften bestätigten diese Aufforderung mit einem lauten Jubelgeschrei und die Capitaine stiegen von den Galerieen herab, um zu den nun nöthig werdenden Arbeiten die zweckdienlichsten Ordres zu geben.

Während nun die Matrosen sich übermenschlich anstrengten, Alles zu erfüllen, was man von ihnen verlangte, führte Erick Banner seine Tochter aus dem Gewühl des Verdecks in die stille Cajüte hinab. Marie setzte sich dem Vater gegenüber und den ängstlich fragenden Blick auf ihn gerichtet, sprach sie:

»Hast du gehört, mein Vater, wer der Capitain jenes Schiffes ist?«

»Ja, mein Kind! Ralph, unser Ralph ist es, mit dem wir hier so unvermuthet zusammen treffen.«

»Der Name hat mich bis zur Ohnmacht erschreckt.«

»Aber freudig will ich hoffen, meine Tochter! O Marie, bewundere mit mir die weise Fürsorge des allmächtigen Gottes! Ich finde in dem Augenblick der höchsten Noth meinen Zögling wieder, und zum Dank für das, was ich für ihn gethan, muß er mein Lebensretter werden! Die Wege des Herrn sind unerforschlich und wunderbar.«

»Ich bete in der Stille zu ihm.«

»Und hast du ihn gesehen, wie er auf der Galerie seines Schiffes stand? Welche würdevolle Haltung! Wie so ganz zum Befehlen geboren! Und wie bereitwillig, trotz der eignen furchtbaren Bedrängniß! So handelt mein Zögling! So handelt ein wahrer Edelmann! So handelt der Sohn Olaf Oeresund's!«

»Wie, mein Vater?«

»Habe ich's verrathen? Es geschah wider meinen Willen, aber nun es einmal geschehen ist, soll es länger kein Geheimniß bleiben; ich will ihn mit dem Namen seiner Väter begrüßen, so wie wir den Bord seines Schiffes betreten. Vergib Olaf Oeresund, aber ich muß es der Welt sagen: Siehe, so handelt dein Sohn!«

Maria sah den Vater mit einem Blicke des Vorwurfs an: »Und nur Ralph nennst du? Denkst nicht an Oskar, der nie seinem Jugendfreund an Edelmuth nachstand? Glaubst du nicht, daß Oskar an seiner Stelle das Nämliche gethan haben würde?«

»Es ist möglich!« entgegnete finster Erick Banner.

»Ich bin in meiner tiefsten Seele von der Gewißheit überzeugt!« sprach Marie mit Begeisterung. »Oskar hat stets ein edles, großes Herz gezeigt! Ralph konnte den Jugendfreund reizen, konnte mit kaltem Blute auf dessen Brust zielen und ihn bis auf den Tod verwunden; das hätte Oskar nie vermocht!«

»Marie! Woher diese Beredsamkeit?«

»Vergib, mein Vater! Ich kann die Ritterlichkeit Ralph's in diesem Augenblick nicht so erhaben finden; es ist möglich, daß er groß denkt, aber möglich ist es auch, daß er uns nur dem Wassertode entzieht, damit wir ihn vom Hungertode retten sollen. Sein Ende wäre noch schrecklicher als das unsrige.«

»Marie!« sprach drohend der Vater, zum ersten Male seiner heißgeliebten Tochter zürnend.

»Und vergißt du denn ganz, wer außer Ralph am Bord jenes Schiffes ist?« fuhr sie fort. »Bedenkst du nicht, daß auch Oskar dort weilt? Und sollte dieser keinen Antheil an dem großmüthigen Entschluß des Freundes haben?«

»Ha, Oskar!« fuhr Erick Banner auf! »Oskar, der Knecht, der sich in dein Herz stahl, und mir meine Tochter entfremdete! Ich muß wissen, woran ich bin! Gleich will ich auf's Verdeck und mich erkundigen, ob er dort anwesend ist! Du folgst mir, hörst du!«

Er eilte auf das Verdeck, Marie aber blieb unten zurück, und sank in die Kniee, ein heißes Dankgebet zu dem allweisen Schöpfer emporsendend, der sie auf eine so unerwartete Weise mit dem Geliebten auf offnem Meere vereinigte.

Arme Marie!

Oskar hatte unterdessen von Allem was vorging nichts vernommen. Er war von einem leichten Fieber ergriffen, das ihn untüchtig zur Arbeit machte, denn seit jener grausamen und unmenschlichen Behandlung, die er erduldet, war seine sonst so eiserne Gesundheit völlig zerrüttet. Er lag auf seinem Bette, in halbwachen Träumen, er hörte den verworrenen Lärmen auf dem Verdeck, das Hin – und Herüberrufen, das an Bord Kommen fremder Menschen, und ahnete dunkel, was vorging, aber da sich keiner der Besatzung, wenn auch nur auf einen kurzen Augenblick im Volkslogis sehen ließ, konnte er nicht darüber in's Klare kommen.

Unterdessen war Alles glücklich von Statten gegangen. Die Schiffe hatten sich einander so nahe gelegt als nur immer möglich, dann wurde der Proviant von der Brigg in den Weltfreden übergenommen, und zuletzt begab sich Capitain Aldag mit seinen Passagieren an Bord des letzteren, und nachdem man über den ganzen Thatbestand ein weitläuftiges Protokoll aufgenommen hatte, worin besonders bemerkt wurde, daß man die wichtigsten Kostbarkeiten aus der Brigg »Föhr« geborgen habe, weil die Rettung derselben durchaus unmöglich sei, ließ man sie treiben, und sah sie noch vor dem Untergange der Sonne völlig untersinken. Bis dahin hatte man sich in ihrer Nähe gehalten.

Als Erick Banner das Verdeck des Weltfreden's betrat, eilte er auf den ihm entgegen kommenden Capitain zu und schloß ihn in seine Arme.

»Gott sei gepriesen, daß ich dich hier an mein Herz drücken kann!« rief er in großer Bewegung, indem er ihn fester an sich drückte.

Ralph machte sich, einigermaßen befremdet, von ihm los, und blickte den stürmischen Fremden in's Gesicht. Das Staunen war nur auf seiner Seite: »Ist es möglich? Erick Banner! Ihr seid es! Und jene Dame, die Euch vorhin zur Seite stand, ist muthmaßlich Eure Tochter Marie? O weise Vorsehung! Welche That hast Du mich heute verrichten lassen!«

»Die That eines Edelmannes, Ralph Oeresund!« rief Erick Banner feurig. »Du hast die Schuld, die ich dir auferlegte, mit wucherischen Zinsen wieder abgetragen, ganz deines stolzen Namens, deiner hohen Abkunft würdig!«

»Wie, mein Vater!« jauchzte Ralph. »So wäre es wahr? Ich wäre der Sohn Olaf Oeresund's? Und alle Träume meiner Kindheit und meines Jünglingsalters waren keine Lüge?«

»Sie sind Wahrheit!« sprach Erick Banner, »und mit diesem Bekenntniß lohne ich dir, wenn auch nur schwach, deine heutige, schöne That.«

»Wie glühend heiß mir das Blut durch meine Adern rollt!« rief der beglückte Capitain. »Wie leicht, wie frei ich mich fühle, daß ich mich dem Staube entrungen habe, in den nur ein finsteres Geschick mich bannte. Darf ich doch nun auch den Blick zu dem Engel erhaben, der der Schutzgeist meiner Jugend war. Wo ist Fräulein Marie, damit ich sie nach den schrecklichen Gefahren, die sie bedrohten, begrüßen mag?«

»Wo habt ihr eure Augen, Capitain Oeresund?« sprach Erick Banner lächelnd, »daß ihr Marie nicht an meiner Seite gewahrt?«

Ralph wandte sich jetzt mit der zartesten Aufmerksamkeit zu Marien, deren leidende Schönheit sein ganzes Herz wieder gefangen nahm, und das kaum unterdrückte Feuer seiner Leidenschaft auf's Neue zur hellen Gluth anfachte.

»O, wenn ich jemals den Muth hätte, mein Antlitz zu dieser Sonne zu erheben!« sprach Ralph, während Marie erroethend die Augen zu Boden schlug und ihres Oskar's gedachte.

»Und weshalb habt ihr den Muth nicht?« fragte muthwillig Erick Banner.

»Ich gedachte des Beneidenswerthen, dem es einst gelang, dies schöne Herz zu besiegen!« sprach Ralph mit sinkendem Tone.

»Kein Bündniß mit dem Knechte!« unterbrach ihn Erick Banner ernst. »Nichts weiter davon!«

Ralph's Antlitz leuchtete vor Wonne. Ein Gedanke durchzuckte seine Seele. »Folgt mir in meine Cajüte!« rief er erregt, und bot Marien den Arm, um sie hinabzuführen.

Oskar hatte unterdessen Aufklärung erhalten. Als die Arbeit gethan war, kamen mehrere der Leute in das Logis hinab und erzählten ihm Alles. Besonders lag es dem Bootsmann am Herzen, seinen Schützling von Allem in Kenntnis zu setzen.

»Wie ich dir sage!« sprach der gutmüthige Schwätzer. »Alle Leute sind wohlgeborgen am Bord und unsere Bullerei ist voll Speise und Trank. Tüchtige Kerle sind dabei, und auch ein vornehmer Herr mit seiner wunderschönen Tochter. Wie heißt er doch gleich? Es ist ein Dänischer Edelmann, der nach Koppenhagen will! Ich habe den Namen schon gehört, und kann mich jetzt nicht darauf besinnen! Wie heißt er doch nur gleich?«

»Erick Banner! Bootsmann!« antwortete einer der fremden Matrosen, der so eben die Treppe herab kam. –

»Schützt mich, ihr Mächte des Himmels!« schrie Oskar auf und fuhr in die Höhe. »Marie Banner und ihr Vater sind am Bord des Weltfreden's, zwischen zwei verzehrenden Feuern! Gott! Warum hast du mir das gethan?«

Meister Hartwig, der bald merkte, daß sich hier ein Geheimniß aufklären wollte, das nicht für die ganze Schiffsmannschaft taugte, entfernte die anwesenden Leute unter allerlei Vorwänden, und fragte dann mit leichtem Staunen: »Wie kann dich ein bloßer Name so in Wallung bringen?«

»Du fragst!« fuhr Oskar auf. »Ich Unglücklicher! Weil jene Jungfrau den rasenden Ralph, der sie mit seiner heftigen Leidenschaft verfolgt, verschmähte, verschmähte um meinetwillen, den sie liebte. Er weiß um diese Liebe, und seine glühende Eifersucht ist die Ursache aller Schmach, die er mir angethan hat.«

»Was höre ich!« sprach Meister Hartwig.

»O, jener Teufel verstand zu rechnen. Wenn er mich so tief in den Staub hinabdrückte, durfte sie mir ihre Hand nicht mehr reichen. Das wußte er wohl, und es ist dahin gekommen; Marie ist für mich verloren und ihr Herz ist gebrochen wie das meinige. Aber er soll sie auch nicht haben, er nicht!«

Die Aufregung war zu groß gewesen, als daß er ihr hätte widerstehen können, er sank von Thränen und Ohnmacht überwältigt, in die Arme des gerührten Hartwig's, der ihn auf sein Lager trug, und einen der Leute hinabsandte, um ihn zu beaufsichtigen.

Am andern Tage, als Alle ruhiger geworden waren, saßen Ralph mit seinen so unversehends erworbenen Passagieren in der Cajüte. Marie befand sich in einem Zustande, der sich kaum beschreiben läßt; sie hatte sich bisher umsonst nach Oskar umgesehen, kein Merkzeichen ließ seine Anwesenheit am Bord des Schiffes errathen, kein Wort wurde gesprochen, das nur in dem Entferntesten an ihn erinnert hätte. Der Vater, der den Kampf, den sie kämpfte, wohl bemerkte und zu würdigen wußte, vergaß das sich selbst gegebene Versprechen: in Marien's Gegenwart nie von Oskar zu sprechen, und fragte nach ihm.

Das Blut stieg in Ralph's Gesicht; er wurde verlegen und stotterte einige unzusammenhängende Worte. Erick Banner wurde nun aufmerksamer und forschte dringender, während Marie heftig zitterte, und sich kaum aufrecht zu halten vermochte.

Noch einige Male versuchte es Ralph auf die verschiedenartigste Weise, der Beantwortung der direkt an ihn gerichteten Fragen zu entgehen; als er endlich nicht umhin konnte, die verlangte Aufklärung zu geben, erzählte er das Vorgefallene mit möglichster Schonung, wobei er jedoch nicht vergaß, sich selbst so unschuldig als möglich hinzustellen und Oskar's Charakter mit den schwärzesten Farben zu malen.

Marie hörte ihn mit dem stillen Lächeln des Unglaubens an. In ihrem Herzen war eine selige Ruhe; sie fühlte sich überzeugt, daß Oskar so nicht gehandelt haben konnte, und nur wenn sie an die grausame Behandlung dachte, die ihr armer Freund hatte erdulden müssen durchzitterte ein Todesfrösteln ihren Körper.

Erick Banner blickte dagegen dem Capitain während der Erzählung fest in die Augen. Dieser vermochte nicht, den strengprüfenden Blick zu ertragen, und kaum hatte er seinen Vortrag zu Ende gebracht, als er mit ungewisser Stimme fragte: »Ob er nicht in seinem Geiste gehandelt habe?«

»Nein!« brausete Erick Banner auf. »Nein! Denn ich bin ein Mann, der strenge auf Ehre hält, und du hast gehandelt wie ein Schurke! Deinen Jugendfreund, deinen Bruder mit dem Fluch des Wahnsinns zu brandmarken, und ihn einem Tollen gleich zu behandeln! Nein! Du bist kein Edelmann! Olaf Oeresund, du hast mich in deiner Todesstunde belogen; das ist dein Sohn nicht!«

»Muß ich eine solche entwürdigende Behandlung am Bord meines eignen Schiffes dulden?« murmelte Ralph vor sich hin.

»Handle erst wie ein Edelmann, dann mache Anspruch auf die Ehre, die dir als ein solcher gebührt!« fuhr Erick Banner, immer zorniger werdend, fort. »Du hast mit dem furchtbaren Geständniß, das du in dieser Stunde gethan, jedes Band der Liebe und Freundschaft zwischen uns zerrissen; es wird niemals mehr Frieden werden zwischen mir und dir!«

»Und ihr gießt diesen Schimpf über mich aus,« fragte Ralph tückisch, »ohne zu bedenken, daß ihr auf hohem Meere und in meiner Gewalt euch befindet?«

Marie blickte ihn bei diesen Worten mit stummer Verachtung an, Erick Banner aber rief: »Lege dir keinen Zwang auf! Thue, was dein böser Dämon dir eingibt, du sollst mich gerüstet finden, mit dir in den Streit zu gehen. Und jetzt, Antwort! Wo hast du jenes unglückselige Opfer, das deine Bosheit so tief erniedrigte? Gott, du bist mein Zeuge, nie hätte ich gedacht, daß Unmenschlichkeit so weit vom Pfade des Rechts hätte abirren können. Ich bin ein Edelmann, der fest auf die Würde seines Stammbaums hält, und die Hand seiner hochgebornen Tochter nicht in die eines Dieners legen wollte, aber ich ehrte und liebte ihn um seines hohen Geistes, um seines edlen Herzens willen, das ihm zwar deinen kleinen Haß, aber die Achtung der ganzen Welt erworben hat.«

»Ihr hegt eine große Meinung von einem Kerl, der in der Liste meiner Matrosen als der unterste steht!« bemerkte Ralph höhnisch.

»Mißbrauche die Gewalt, die dir verliehen ist!« sprach Erick Banner mit stolzer Ruhe. »Gott ist gerecht, er wird dich finden. Antworte mir jetzt! Wo ist Oskar? Wo hältst du ihn verwahrt? Ich will ihn sehen! Ihn sprechen! Antwort, wo hast Du ihn?«

Ralph schwieg, aber auf dem Cajütsgange wurde es laut und Oskar stürzte herein, gefolgt von Meister Hartwig, der durch Geberden andeutete, daß er ihn nicht zurückzuhalten vermocht hätte. Oskar flog dem Edelmanne entgegen, umklammerte seine Kniee und rief mit überströmenden Augen: »Hier bin ich, Herr Erick Banner! Hier zu Ihren Füßen! Ich hörte Ihre Stimme und keine Gewalt der Erde hätte mich zurückhalten sollen. Sind Sie gekommen, um mich aus der Hölle, worin ich schmachte, zu erlösen und mich der Menschheit zurückzugeben? O, was habe ich erdulden müssen, seit wir uns nicht gesehen haben.«

Marie war aufgestanden; sie schwankte dem Vater entgegen, und lehnte sich auf seine Schulter mit großem Liebesschmerz auf den Geliebten blickend, indem Erick Banner ihm die Hand reichte, und ihn aufrichtete: »Sprich nicht, mein Sohn! Der Gram, der aus deinen matten Zügen schaut, der Schmerz, der aus deinen hohlen Augen leuchtet, sagen mehr, als die beredteste Zunge es vermag, was du gelitten hast. Aber ich will gutmachen, was jener Bösewicht, den ich für immer aus meinem Herzen verbannt habe, an dir gefrevelt. Ich erkenne dich als meinen Sohn an: Oskar Banner, komm an das Herz deines Vaters! Marie, umarme deinen Bruder!«

Lautschluchzend sank Marie an Oskar's Herz; die Liebenden hielten sich nach so langer Trennung, nach so vielen herben Prüfungen fest umschlungen, und vergaßen die trüben Schmerzen der Vergangenheit.

Ralph überschritt alle Grenzen der Mäßigung; die Eifersucht machte ihn blind und mit Zähneknirschen rief er aus:

»Herr Erick Banner, wenn Ihr Euch so lebhaft gedrungen fühlt, Eure schöne Tochter, meinem verachtetsten Matrosen in die Arme zu werfen, so bitte ich, daß das an einem andern Orte geschehe, als in meiner Cajüte.«

»Bube!« entgegnen Banner, »für diese Beleidigung wirst du mir die Genugthuung geben, die ich von Dir zu fordern berechtigt bin. Komm meine Tochter, laß uns die Nähe dieses Wütherichs fliehen, in dessen Hände uns die Vorsicht jetzt gegeben hat. Wir wollen uns eine Zuflucht in dem entlegensten Winkel dieses Schiffes suchen und dort auf den Augenblick harren, der uns der Küste zuführt, dann, Herr Ralph Oeresund, dann Gerechtigkeit!«

Erick Banner verließ, Marie geleitend, die Cajüte, gefolgt von Hartwig, der sich erbot ihm einen erträglichen Aufenthaltsort anzuweisen. Oskar wollte ihnen folgen, aber der Befehl des Capitain's hielt ihn zurück.

»Was wollt ihr?« fragte Oskar kurz.

»Du wirst jener Dame dort nicht folgen! Wirst keine Blicke, keine Worte mit ihr wechseln! Sie ist für dich unsichtbar, und wenn sie dich anredet, gehst du an ihr vorüber, als ob du ihre Stimme nicht vernommen härtest; nur wenn du dieser Weisung gehorsam bist, kannst du neuen, schrecklichern Mißhandlungen entgehen.«

Oskar lachte laut auf: »Wenn ich jetzt den Verlust eures Verstandes proklamirte, hätte ich dazu größere Ursache, als ihr einst in einem ähnlichen Falle. Ich soll Vater und Schwester verleugnen? Habt ihr keine bessere Meinung von dem Sohne Erick Banner's?«

»O, über den neugebacknen Edelmann!« sprach Ralph höhnisch. »Da darf wohl unser eins sich kaum unterstehen, das Wort zu nehmen? Aber es ist noch ein weiter Weg von hier bis zur rothen Tanne und bis dahin werde ich den Hochmuthsteufel noch aus dir heraustreiben.«

»Hört mich ruhig an, Herr Capitain Ralph,« sprach Oskar. »Ihr habt mein und das Lebensglück jener guten Menschen unrettbar zerstört; für diese Sünde wird euch der strenge, gerechte Richter dort oben einst zur Rechenschaft ziehen. An eurer Hand soll Marie ihr zartes Leben nicht vertrauern, den Triumph werdet ihr nie erleben; es ist mein Trost, daß ihr ihn selbst verscherzt habt. Aber auch ich werde diesen Engel nie zum Altar führen. Könnte Marien's unendliche Liebe, könnte Erick Banner's hochherzige Großmuth auch das Vergangene vergessen, ich könnte es nicht, ich würde stets des erduldeten Schimpfes gedenken, und zusammenschaudern, wenn ich bedächte, daß sie durch ihr Bündniß mit mir, desselben theilhaftig wäre. Mir bleibt also nichts übrig, als mit euch abzurechnen, und dies kann nur mit den Waffen in der Hand geschehe«.«

Mit der größten Ueberwindung hatte Ralph seinen Gegner ausreden lassen, jetzt schrie er mit wildem Lachen auf: »So ist's recht! Blut ist die Losung! Wenn du hingestreckt von meiner Hand, sterbend zu meinen Füßen lieg'st, dann ist mir wieder wohl!«

»So mögt ihr denn genesen, sobald wir das Land betreten; ich werde keinen Augenblick auf mich warten lassen!« sprach Oskar und wollte gehen.

Ralph vertrat ihm den Weg: »Halt! Wohin? Ihr wollt euch schlagen? Wohlan! Aber jetzt gleich!« Er riß zwei geladene Pistolen von der Wand und hielt sie ihm hin: »Da! Wählt! Und zielt gut, sonst seid ihr verloren!«

»Ralph! Sammelt Eure Sinne! Ihr seid der Commandant dieses Schiffes!«

»Antworte nicht! Handelt! Wählt, oder ich schieße euch nieder!«

»Nun denn, ich wollt es selbst, habt euren Willen! Rüstet euch mit aller Stärke die euch zu Gebote steht: jetzt kommt der Moment meiner Rache! Ich will vergelten, was ihr an mir gethan habt! Daran denkt, wenn euer Blut sich abgekühlt hat!«

Ralph hörte nicht auf das, was Oskar sagte. Dieser kniete nieder und betete still, dann stand, er auf und sprach mit feierlichem Ernste: »Ich habe meine Seele Gott befohlen und von Marien Abschied genommen, jetzt bin ich fertig zur letzten Reise! Schieße jetzt, Wüthrich und triff!«

»Ich werde treffen! – Wenn ich drei zähle, drücke ab und sieh, was du vermagst, ich werde dich nicht verfehlen.«

Ralph zählte: »Eins!«

Dir beiden Kämpfer traten einander gegenüber.

»Zwei!«

Man schlug auf einander an.

»Drei!«

Ralph's Pistol krachte und die Kugel fuhr in Oskar's Brust. Dieser schwankte und warf sein Pistol unabgeschossen zu einem der aufstehenden Cajütsfenster hinaus.

»Was ist das?« rief Ralph entsetzt.

»So wollte ich's! Du hast mich getödtet, und du bliebst am Leben!« sprach Oskar und sank zu Boden.

Ralph stand wie vernichtet.

Der Schuß hatte Alles, was am Bord war, zusammengerufen; voran Erick Banner mit Marien und dem Bootsmann. Die Unglückliche sank lautjammernd bei dem zum Tode Verwundeten nieder, während der Bootsmann eilte, ihm hilfreich beizuspringen.

»Allmächtiger Gott!« schrie Erick Banner laut auf. »Nur eine Waffe liegt am Boden! Der Sohn Olaf Oeresund's ist ein Meuchelmörder!«

Ralph widersprach nicht.

Der Weltfreden, der so viele furchtbare Scenen geschaut hatte, vollendete seinen Lauf. Er segelte die Elbe an und von der Fluth und einem frischen Nordwest getrieben, flog er stromaufwärts. –

Das Schiff schoß um die Schulau'er Ecke und befand sich bald in der Nähe des kleinen Hain's. Das Dach von Ralphs väterlicher Wohnung ragte zwischen den Bäumen hervor; der Capitain zitterte.

Die Fluth hatte aufgehört und der Wind ließ nach; der Lootse befahl, den Anker auszuwerfen. Vergebens bemühte sich Ralph, es zu verhindern, der Anker fuhr in die Tiefe hinab.

In diesem Augenblick brachte man Oskar auf's Verdeck; bis zu dieser Stunde hatte der Tod ihn noch verschont, jetzt stand seine Auflösung bevor. Er hatte begehrt im Freien zu sterben. Still weinend standen Braut und Vater ihm zur Seite.

Als Oskar das Auge über die Küste hingleiten ließ, und das Haus erblickte, wo er eine schuldlose Jugend verträumte, gewann er für einen Moment Leben und eine leichte Röthe deckte sein Gesicht. Aber zugleich erblickte er Ralph, deutete auf diesen und auf das Haus am Strande, dann sank er zurück und schloß seine Augen für immer.

»Amen! Amen!« sprach Meister Hartwig tiefgerührt, »er lebte und starb als ein rechtschaffener Seemann.«

»Ich folge dir bald!« schluchzte Marie.

»Mein Kind, mein armes Kind!« sprach tieferschüttert Erick Banner. »Das alles ist das Werk jenes Teufels!«

Ralph konnte den strafenden Blick des Alten nicht ertragen, er verschloß sich in seiner Cajüte.

*

Marie erfüllte ihr Gelübde bald und sie ruht mit Oskar vereint auf dem Kirchhofe » ad Sanctum Jacobum« in Hamburg. Der alte greise Vater hat sie nicht lange überlebt.

Ralph ist nach Amerika gegangen. Seine ferneren Schicksale gehören einer besondern Mittheilung an.

*

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