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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Achtes Kapitel

Stones Absonderlichkeit

Da Cecilia in der Gemütserregung, die Mrs. Hughs Worte in ihr hervorgerufen, fühlte, daß sie irgend etwas tun müsse, beschloß sie, sich umzukleiden. Die Einrichtung des hübschen Zimmers, das sie mit Stephen teilte, hatte viel Zeit gekostet. Schon vor fünfzehn Jahren, ehe sie in dies Haus zogen, war ihnen das selbstbewußte Philistertum der oberen Klassen ein Greuel gewesen, und sie und Stephen waren sich ihrer Pflicht gegen das Ästhetische immer bewußt geblieben. Was zum Beispiel ihre Schlafgelegenheit anbetraf, so hatten sie sich zwei Jahre lang mit zwei kleinen, einfachen weißen Gestellen begnügt, die zwar bequem, aber nicht für die Dauer gedacht waren, und eine günstige Gelegenheit abgewartet. Die Gelegenheit hatte sich endlich geboten – in Gestalt eines Bettes genau in dem Zeitstil, den sie für ihre Einrichtung gewählt hatten, und es ging für zwölf Pfund fort. Sie hatten es sich nicht entgehen lassen, und nun schliefen sie darin, vielleicht nicht ganz so bequem, aber bequem genug und im Bewußtsein erfüllter Pflicht.

Seit fünfzehn Jahren hatte Cecilia an der Einrichtung ihres Hauses gearbeitet; das Werk nahte seiner Vollendung. Die einzigen Dinge, die ihr noch Sorge machten – das heißt abgesehen von Thymians Entwicklung und der Lage der unteren Klassen – waren erstens eine kupferne Laterne, die durch ihr Gitterwerk etwas Licht hindurchließ, und ferner ein alter Eichenwaschtisch, der ja nicht gerade aus Cromwells Zeit herzurühren brauchte. Und nun war diese dritte Sorge dazu gekommen!

Sie hatte fast etwas Rührendes, wie sie so vor dem Spiegel ihres Schrankes stand, ohne Taille, in den schlanken, weißen Armen Grübchen vor Anstrengung, die es sie kostete, sich den Rock hinten selbst zu schließen, und in den grünlichen Augen Kümmernis, daß sie nicht jedem ihr Bestes zu geben und alle Gefahren aus dem Wege zu räumen vermochte. Sie zog ein brombeerfarbenes Kleid an, das über der Brust mit Silberspitze schloß, befestigte einen Hut (ohne Federn, dem Tierschutzverein zuliebe) auf ihrem Kopf (mit Nadeln, die sie zugunsten einer neuen Schule für Metallarbeiten gekauft hatte) und wollte nun nach dem Wetter sehen.

Das Fenster ging nach rückwärts auf eine düstere Straße hinaus, durch die der Wind leichte Rauchstreifen gegen den Sonnenschein trieb. Sie hatten dieses Zimmer nicht wegen seiner Aussicht auf das Tun und Treiben des Volkes gewählt, sondern wegen der Beleuchtung beim Sonnenuntergang, die ungewöhnlich schön war. Zum ersten Mal vielleicht wurde sich Cecilia jetzt bewußt, daß sie ja da einen Musterausschnitt jener Klasse, für die sie sich so lebhaft interessierte, ständig vor Augen hatte. »Die Hughs müssen da irgendwo wohnen,« dachte sie. »Ich glaube doch, Bi sollte von dem Mann erfahren; vielleicht spricht sie mit Vater und veranlaßt ihn, daß er es aufgibt, dem Mädchen zu diktieren – die ganze Sache ist so peinlich.«

Während sie diesen Gedanken fortspann, frühstückte sie hastig und begab sich auf den Weg zu ihrer Schwester. Mit jedem Schritt aber wurde sie unsicherer. Die Besorgnis, sich zu sehr und doch nicht genug einzumischen oder aufdringlich zu erscheinen und an so gewagte Dinge zu rühren, Mißtrauen, eine Scheu vor dem Charakter ihrer Schwester und doch wieder lebhaftes Verlangen, die Sache in Ordnung zu bringen, damit keine weitere Folgen entstünden, all das stritt in ihr. Zuerst eilte sie schnell vorwärts, dann begann sie zu zögern; schließlich nahm sie das Abenteuer in einem kühnen Anlauf, um gleich darauf dem Dienstmädchen zu verbieten, sie anzumelden. Sie sah plötzlich Biancas Augen vor sich, während die Schwester ihrer Erzählung zuhörte, und das war mehr, als sie ertragen konnte. So beschloß sie, zuerst ihrem Vater einen Besuch abzustatten.

Mr. Stone, der gerade schrieb, war in seinem Arbeitskostüm – einem dicken, braunwollenen Schlafrock, der über einem schmalen Streifen des blauen Hemdes seinen dünnen Hals frei ließ, und der um die Taille von einer Kordelschnur gehalten wurde; der untere Teil seiner grauen Beinkleider war über wollbeschuhten Füßen sichtbar; das Haar hing ihm über die dünnen, langen Ohren. Durch das weitoffene Fenster strich der Ostwind; im Kamin brannte kein Feuer. Cecilia fröstelte.

»Komm rasch herein,« sagte Stone; dann wandte er sich einem großen, hohen Pult aus gestrichenem Fichtenholz zu, das die Mitte der einen Wand einnahm, und begann sorgsam das Tintenfaß, ein schweres Papiermesser, ein Buch und Steine von verschiedener Größe auf die flatternden Bogen seines Manuskriptes zu legen.

Cecilia sah umher. Sie war seit einigen Monaten nicht in ihres Vaters Zimmer gewesen. Es stand nichts darin als jenes Schreibpult, in einer entfernten Ecke ein Feldbett mit Wolldecken, aber ohne Bezüge, ein Klappwaschtisch und ein schmales Büchergestell, dessen Bücher Cecilia mechanisch aus dem Gedächtnis herzählen konnte. Denn es blieben immer dieselben. Auf dem obersten Brett die Bibel und die Werke von Plautus und Diderot; auf dem zweiten die Dramen von Shakespeare in braunem Einband; auf dem dritten Don Quichote in vier braunen Bänden; ein grüner Milton, die Komödien des Aristophanes, ein zum Teil verbrannter Lederband, in dem die Philosophie des Epicur mit der des Spinoza verglichen war; und dann noch, gelbgebunden, Mark Twains ›Huckleberry Finn‹. Auf dem zweituntersten Brett befand sich wieder andere Literatur. ›Die Iliade‹, ›Leben des hlg. Franz von Assisi‹, Speke's ›Entdeckung der Nilquellen‹, dann die ›Pickwick Papers‹, die ›Verse des Theocrit‹ in einer sehr alten Übersetzung, Renans ›Leben Jesu‹ und die Autobiographie von Benvenuto Cellini. Das unterste Brett stand voller Bücher naturwissenschaftlichen Inhalts.

Die Wände zeigten einen weißen Anstrich, von dem Jeder etwas mitnahm, der sich zufällig gegen die Wand lehnte. Auch der Fußboden war gestrichen und hatte keinen Teppich. Außerdem stand in dem Raum noch ein kleiner Gasherd mit Kochgeräten darauf, ein kleiner leerer Tisch und ein großer Vorratsschrank. Nirgends Vorhänge, Bilder oder Zierat irgendwelcher Art. Nur am Fenster ein alter vergoldeter Lederstuhl.

»Es ist Ostwind, Vater; frierst du nicht ohne Kaminfeuer?«

Stone verließ sein Schreibpult und stellte sich so, daß das Licht auf ein Blatt Papier in seiner Hand fiel. Cecilia nahm wieder den Duft von Torf und Bratkartoffeln wahr, der mit ihm ging. Da sagte er: »Höre zu: In dem Gesellschaftszustand, den man in jenen Tagen mit der Bezeichnung ›Zivilisation‹ ehrte, war die einzige Quelle der Hoffnung das Fortbestehen des menschlichen Mutes. In der Zeit der nervenzerstörenden Lebensgewohnheiten, der Branntweinläden und Geheimmittel, des unverdauten Durcheinander von Erfindungen und Entdeckungen, in der Zeit, da die Menschen die Tiere in Käfige sperrten und einer gegen den anderen ankämpfte, da die Menschen wie Mücken über einem stehenden Wasser an einem Sommerabend geschäftig hin und her tanzten, ohne die geringste Ahnung, weshalb sie's tun – bei diesem Stand der Dinge zeigte sich eine Eigenschaft besonders lebendig: die des Mutes! Es war der einzige Lichtpunkt in jenem düsteren Tal.« Er hielt inne, obgleich ihm offenbar daran lag, fortzufahren, weil er das letzte Wort auf jenem Blatt gelesen hatte. Er machte eine Bewegung nach dem Schreibpult hin. Cecilia sagte hastig:

»Stört es dich, wenn ich das Fenster schließe?«

Stone machte eine verneinende Kopfbewegung und Cecilia sah, daß er schon ein zweites Blatt in der Hand hielt. Auf ihn zutretend, sagte sie:

»Ich möchte mit dir reden, Vater!«

Sie faßte die Schnur seines Schlafrocks und zog an den Quasten.

»Nicht doch,« sagte Stone, »sie hält mir die Beinkleider.«

Cecilia ließ die Schnur fallen. »Vater ist wirklich schrecklich,« dachte sie bei sich. Stone begann, während er das zweite Blatt Papier aufnahm, von neuem:

»Der Grund hierfür jedoch war nicht weit zu suchen.«

Cecilia sagte verzweifelnd: »Es handelt sich um das Mädchen, dem du immer diktierst.«

Stone ließ das Blatt sinken und stand da, leicht vornübergeneigt; seine Ohren bewegten sich, als ob er sie nach hinten rücken wollte; seine blauen Augen mit den kleinen, weißen Lichtflecken auf den schmalen schwarzen Pupillen starrten die Tochter an.

Cecilia dachte: »Jetzt hört er zu!«

Sie sagte rasch: »Muß sie zu dir kommen? Wirst du nicht ohne sie fertig?«

»Ohne wen?« fragte Mr. Stone.

»Ohne das Mädchen, das immer zum Schreiben herkommt.«

»Weshalb?«

»Aus einem sehr wichtigen Grunde.«

Stone senkte die Augen und Cecilia gewahrte, daß er das Blatt Papier wieder bis zur Brust erhoben hatte.

»Schreibt sie denn besser, als es irgend eine andere es könnte?« fragte sie hastig.

»Nein,« sagte Stone.

»Dann, Vater, bitte ich dich, nimm mir zu Gefallen ein anderes junges Mädchen. Ich weiß sehr wohl, was ich da sage und ich« – Cecilia hielt inne, ihres Vaters Lippen und Augen waren wieder in Bewegung; offenbar las er für sich. »Ich habe keine Geduld mit ihm,« dachte sie; »er kennt nichts als sein gräßliches Buch.«

Da ihm das Schweigen seiner Tochter auffiel, ließ Stone das Blatt sinken und wartete wieder geduldig.

»Was wünschest du, liebes Kind?« fragte er.

»O, Vater, höre doch nur eine Minute zu!«

»Ja doch, ja doch.«

»Es handelt sich um das Mädchen, das zum Schreiben zu dir kommt. Gibt es irgend einen Grund, weshalb sie anstatt einer anderen kommen soll?«

»Ja,« sagte der alte Mann.

»Welchen?«

»Weil sie keine Freunde hat.«

Eine so unbequeme Antwort kam Cecilia ganz unerwartet; sie blickte zu Boden; es zwang sie, in ihrer eigenen Seele zu lesen. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen; nun begann Stones Stimme erst leise, dann anschwellend:

»Der Grund hierfür ist nicht weit zu suchen. Der Mensch, der sich von den anderen Affenarten durch seine Wißbegier unterschied, war von Anfang an genötigt, sich gegen die Qualen, die seine Wißbegier ihm auferlegte, zu stählen. Wie sich bei Tieren, die den Unbilden eines arktischen Klimas ausgesetzt sind, das Fell bei jedem Herabsinken der Temperatur verstärkt, so mehrte sich mechanisch beim Menschen das Maß von Mut, damit er den Speerstichen, die ihm seine eigene unersättliche Wißbegier erteilte, zu widerstehen vermochte. So wenig heldenhaft (in dem damals allgemeinen Zustand niedrigen Wettkampfes) seine Taten auch zu sein schienen, so hat es doch niemals eine Zeit gegeben, in der der Mensch mutiger war; denn niemals noch gab es eine Zeit, wo er dieses Mutes mehr bedurft hätte. Es fehlte nicht an Anzeichen dafür, daß sich die Augen der Allgemeinheit auf diesen verzweifelten Stand der Dinge gerichtet hatten. Eine kleine Partei – –« Stone hielt inne; wieder waren seine Augen über die letzte Zeile hinausgeglitten. Hastig bewegte er sich nach seinem Schreibpult hin, aber gerade als seine Hand eben einen Stein zurückschob und ein drittes Blatt aufnahm, rief Cecilia:

»Vater!«

Stone hielt inne und wandte sich ihr zu.

Seine Tochter bemerkte, daß er ganz rot geworden war; ihr Ärger verflog.

»Vater! Wegen des Mädchens –«

Stone schien zu überlegen. »Ja doch, ja!« sagte er.

»Ich glaube, Bianca mag nicht, daß sie herkommt.«

Stone fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Entschuldige, daß ich dir vorgelesen habe,« sagte er; »manchmal tut es mir so gut.«

Cecilia trat dicht an ihn heran und hielt sich mit Mühe zurück, ihn nicht wieder bei der Schnur zu fassen.

»Gewiß, Vater,« sagte sie, »ich verstehe das ganz gut.«

Stone sah ihr voll ins Gesicht, und vor dem Blick, der durch sie hindurchzugehen und die Dinge jenseits zu sehen schien, ließ Cecilia die Augen sinken.

»Es ist sonderbar,« meinte er, »wieso du meine Tochter geworden bist!«

Cecilia hatte sich schon oft diese Frage vorgelegt.

»In der Lehre vom Atavismus steckt doch sehr viel,« meinte Stone, »wovon wir gegenwärtig noch nichts wissen.«

Cecilia rief hitzig: »Ich wünschte, du hörtest mir eine Minute zu, Vater; es handelt sich wirklich um Wichtiges,« und sie trat, fast mit Tränen in den Augen, ans Fenster.

Die Stimme Stones sagte entschuldigend:

»Ich will's versuchen, Kind.«

Aber Cecilia dachte: »Ich muß ihm eine Lektion erteilen. Er ist gar zu sehr mit sich beschäftigt.« Sie rührte sich nicht und ließ an der Haltung ihrer Schultern erkennen, wie sehr gekränkt sie war.

Sie sah vom Fenster aus zu, wie Kindermädchen ihre Wagen nach dem Park hinschoben, und beobachtete die Gesichter, die nicht auf ihre Pfleglinge, sondern hochnäsig auf andere Kindermädchen gerichtet waren oder voll versteckten Verlangens nach den vorübergehenden Männern schielten. Wie egoistisch sahen sie alle aus! Es gewährte ihr eine gewisse Befriedigung, daß sie dem hageren, gebeugten, alten Manne da hinter ihr seinen Egoismus zum Bewußtsein brachte.

»Ein andermal wird er auf mich hören,« dachte sie. Plötzlich vernahm sie einen pfeifenden, quäkenden Ton – der alte Mann hatte von der dritten Seite seines Manuskripts vor sich hin zu flüstern begonnen:

»Eine kleine Sekte hatte sich, angeregt von irgendwelchen edlen und schönen Gefühlen, gebildet; aber die Tatsache, daß das Leben nur eine Veränderung der Daseinsform bedeutet, verwirrte sie, und ihre Lehren waren für die Schäden, die sie zu bessern beabsichtigen, allzu eng begrenzt. Diese kleine Sekte ...«

Ohne ein Wort wandte Cecilia sich ab und eilte zur Tür. Sie sah, wie ihr Vater das Blatt Papier fallen ließ, sie sah seinen Kopf, gerötet und silbern, sich danach bücken; und ihr Ärger verwandelte sich in Mitleid.

Im Korridor draußen ließ ein Geräusch sie innehalten. Es herrschte, wie in fast jedem Londoner Vorraum, ein Halbdämmer. Bei näherem Nachforschen zeigte sich, daß Miranda, die sich offenbar nicht entscheiden konnte, ob sie lieber im Garten oder im Hause sein sollte, unter dem Hutständer saß und vor sich hinknurrte. Als sie Cecilia gewahrte, kam sie heraus.

»Was willst du denn, kleines Vieh?«

Miranda warf ihr von unten herauf einen flehenden Blick zu und hob ein weißes Pfötchen. »Wozu fragst du mich das?« schien sie zu sagen. »Wie soll ich es wissen; sind wir nicht alle so?«

Daß sie grad' in diesem Augenblick sich so benahm, war für Cecilias Nerven zu viel. Sie stieß die Tür von Hilary's Studierzimmer auf und sagte scharf: »Geh hinein zu deinem Herrn!«

Miranda rührte sich nicht; dafür aber kam Hilary heraus. Er hatte eben eilig, damit sie noch zeitig genug zur Post kämen, Korrekturbogen erledigt, und sein Gesicht trug den Ausdruck eines innerlich beschäftigten Menschen, der für seine äußere Umgebung keinen Gedanken übrig hat.

Cecilia fühlte sich zum zweiten Mal der Notwendigkeit enthoben, ihrer Schwester gegenüberzutreten, der Herrin des Hauses, die, zurückhaltend und unsichtbar, dennoch so sehr im Mittelpunkt der Vorgänge stand, und sie sagte:

»Kann ich dich einen Augenblick sprechen, Hilary?«

Sie traten in sein Arbeitszimmer, und Miranda kroch hinterdrein.

Für Cecilia war ihr Schwager immer eine liebenswürdige und fast rührende Erscheinung gewesen. Er ließ sich, in seiner literarischen Beschäftigung völlig aufgehend, gar so leicht von Menschen täuschen. Er sah so unkörperlich aus neben der Büste des Sokrates, die in Cecilia eigentümliche Empfindungen erweckte. Sie war so massig und so sehr häßlich! Cecilia beschloß, nicht erst auf den Busch zu klopfen.

»Mrs. Hughs hat mir so sonderbare Dinge über das kleine Modell gesagt, Hilary.«

Das leise Lächeln schwand aus Hilary's Augen, blieb aber an seinen Lippen hängen.

»Wirklich?«

Cecilia fuhr unruhig fort: »Die Frau behauptet, daß sie des Mädchens wegen von Hughs so schlecht behandelt wird. Ich möchte nichts gegen das Mädchen sagen, aber sie scheint – sie scheint –«

»Nun?« fragte Hilary.

»Sie scheint Hughs behext zu haben, wie die Frau es ausdrückt.«

»Hughs,« wiederholte Hilary.

Cecilia ließ ihre Augen auf der Büste Sokrates ruhen, während sie hastig fortfuhr:

»Sie sagt, er folgt ihr überall hin und kommt sogar hierher, um ihr aufzulauern. Es ist jedenfalls eine sehr sonderbare Sache. Du warst bei ihnen, nicht wahr?«

Hilary nickte.

»Ich habe mit Vater davon gesprochen,« sagte Cecilia leise, »aber mit ihm ist nichts anzufangen – ich konnte nicht von ihm erlangen, daß er einen Augenblick zuhörte.«

Hilary schien in Gedanken versunken.

»Ich wollte,« fuhr sie fort, »daß er statt ihrer eine andere kommen läßt, die für ihn schreibt.«

»Weshalb?«

Da sie einsah, daß sie unmöglich weiter kam, wenn sie das nicht sagte, um dessentwillen sie hierhergekommen war, stieß sie rasch hervor: »Mrs. Hughs meint, daß ihr Mann dir gedroht hat.«

In Hilary's Gesicht trat ein ironischer Zug.

»Wirklich!« sagte er, »das ist ja recht hübsch. Weshalb?«

Cecilia fühlte, wie peinlich ihre Situation in diesem Augenblick und wie gräßlich es war, daß sie plötzlich mitten darin stand. »Gott weiß, daß es mir schrecklich ist, mich einzumengen. Ich mische mich sonst nie in irgend etwas – es ist mir schrecklich!«

Hilary faßte ihre Hand.

»Liebe Cis,« sagte er, »ich begreife das! Aber es ist besser, wenn wir damit zu Ende kommen!«

Sie gab ihm seinen Händedruck leidenschaftlich zurück.

»Es ist alles so schmutzig, Hilary!«

»Schmutzig!« wiederholte er, »schmutzig! Hm! und doch müssen wir damit fertig werden.«

Cecilia war dunkelrot geworden. »Soll ich dir wirklich alles sagen?«

»Natürlich.«

»Na, also: Hughs glaubt offenbar, du interessierst dich für das Mädchen. Vor Dienstboten und Leuten, die im Hause arbeiten, kann man nichts geheim halten. Sie denken sich immer bei allem das Schlechteste – und, natürlich wissen sie, daß du und Bi nicht – nicht –«

Hilary nickte.

»Mrs. Hughs hat tatsächlich gesagt, ihr Mann hätte die Absicht, zu Bi hinzugehen.«

Wieder schien ihr der Schatten ihrer Schwester nahe zu sein, und sie fuhr verzweifelt fort: »Und, Hilary, ich weiß, Mrs. Hughs glaubt, du hättest da wirklich ein ernstes Interesse. Ihr wär's natürlich recht; denn sie denkt sich, daß dann einer wie ihr Mann keine Chancen hätte.«

Sie war selbst verwundert über diese plötzliche zynische Eingebung und schämte sich, daß sie sich so offen äußerte. Sie hielt inne, und Hilary wandte sich ab.

Cecilia berührte leise seinen Arm. »Lieber Hilary,« sagte sie, »gibt's denn gar keine Möglichkeit, daß du und Bi ...?«

Hilary preßte die Lippen zusammen. »Ich glaube nicht.«

Cecilia sah traurig zu Boden. Seit Stephens Rippenfellentzündung hatte sie sich nicht so unglücklich gefühlt. Der Ausdruck in Hilary's Gesicht weckte all ihre Zweifel von neuem. Vielleicht galt er nur der Unverschämtheit jenes Menschen; vielleicht aber – sie wagte kaum, diesem Gedanken Gestalt zu geben – vielleicht sprach hier doch ein rein persönliches Gefühl.

»Meinst du nicht,« fragte sie, »daß es auf alle Fälle gut wäre, wenn sie nicht mehr hierher käme?«

Hilary durchschritt das Zimmer.

»Es ist die einzige sichere und dauernde Beschäftigung, die sie hat; sie verschafft ihr den notdürftigsten Lebensunterhalt und ist doch besser als das Modellstehen. Ich will nichts dazu beitragen, daß sie diese Stelle verliert.«

Cecilia hatte ihn noch nie so erregt gesehen. Sprach da nur seine unverbesserliche Güte mit oder ein animalisches Etwas, das ihr übrigens durchaus sympathisch war? Diese Ungewißheit gestaltete die peinliche Situation nur noch schwieriger.

»Aber, Hilary,« sagte sie endlich, »bist du denn über das Mädchen im klaren – ich meine, bist du überzeugt, daß sie wirklich Hilfe verdient?«

»Ich verstehe nicht ...«

»Ich meine,« sagte Cecilia leise, »daß wir doch über ihre Vergangenheit gar nichts wissen.« Und da sie an einer Bewegung seiner Augenbrauen merkte, daß dieser Zweifel offenbar auch schon in ihm aufgestiegen war, fuhr sie mutiger fort:

»Wo sind ihre Freunde und Verwandten? Ich denke mir, sie hat vielleicht schon – Erlebnisse gehabt.«

Hilary wurde wieder unnahbar.

»Du kannst doch kaum erwarten, daß ich mit ihr darüber spreche.«

Cecilia kam sich durch seine Entgegnung töricht vor.

»Nun,« sagte sie leise und hart, »wenn so etwas bei unserer Fürsorge für die unteren Klassen herauskommt, dann sehe ich wirklich den Zweck nicht ein.«

Hilary ließ diesen Heftigkeitsausbruch unbeantwortet. Und sie fühlte sich unsicherer denn je. All das war so wirr, so unnatürlich. Mit diesem düsteren, boshaften Hughs und der qualvollen Vision Bianca's bekam die ganze Sache beinahe etwas Italienisches. Daß Menschen von der Gesellschaftsklasse Hughs' von Liebesleidenschaft so fortgerissen werden können, war ihr sonderbarerweise nie in den Sinn gekommen. Sie dachte an die Gassen, auf die sie von ihrem Schlafzimmerfenster aus hinabgesehen hatte. Konnte in jenen düsteren Straßen so etwas wie Leidenschaft keimen? Die Leute, die dort lebten, die armen, niedergedrückten Wesen hatten grad genug damit zu tun, für ihren notdürftigsten Lebensunterhalt zu sorgen. Sie wußte genug von ihnen; sie waren haltlos, ihre Lage bejammernswert! Konnte eine Person, deren Lage bejammernswert war, Zeit oder Kraft für irgend eine Leidenschaftsäußerung wie diese da finden? Es war unglaublich.

Da hörte sie wieder Hilary's Stimme: »Mir scheint, der Mann ist gefährlich!«

Die Bestätigung ihrer Befürchtung und eine leise Härte, die ihrem Charakter eigen war, ließ Cecilia inmitten all ihrer Teilnahme und Zweifel plötzlich empfinden, daß sie jetzt so weit gegangen war, wie sie ihrem Wesen nach zu gehen vermochte.

»Ich will mit den Leuten nichts mehr zu tun haben,« sagte sie; »ich habe mir alle Mühe mit Mrs. Hughs gegeben. Ich kenne eine Näherin, die ihre Sache ebenso gut macht und die froh sein wird, wenn ich sie nehme. Und es wird sich irgend ein anderes junges Mädchen finden, das für Vater schreibt. Folge meinem Rat, Hilary, und gib es auf, diesen Leuten zu helfen!«

Hilary's Lächeln verwirrte und ärgerte sie. Sie wußte nicht, daß es dasselbe Lächeln war, das zwischen ihm und ihrer Schwester stand.

»Vielleicht hast du recht,« sagte er und zuckte die Achseln.

»Na, also, ich hab getan, was ich konnte,« entgegnete Cecilia, »ich muß jetzt fort; auf Wiedersehen!«

Während sie zur Tür schritt, blickte sie noch einmal rasch zurück. Hilary stand neben der Büste des Sokrates. Das Herz tat ihr weh, ihn so in Ungewißheit zu verlassen. Aber wieder glaubte sie, Bianca zu sehen, scheu und unstet in ihrem eigenen Hause, mit einer gewissen Tragik in ihrer spöttischen Ruhe, und sie eilte fort.

Da hörte sie eine Stimme:

»Guten Tag, Mrs. Dallison. Ist Ihre Frau Schwester zu sprechen?«

Cecilia sah Mr. Purcey vor sich, der in seinem ›Prima Damyer‹ auf- und niederwippte, als er eben anzuhalten im Begriff war.

Mit der Empfindung, als käme sie aus einem von Krankheit oder Unglück heimgesuchten Hause, sagte Cecilia leise: »Ich glaube nicht.«

»Pech!« sagte Mr. Purcey, und er wurde ganz traurig, soweit ein so rotes und robustes Gesicht traurig aussehen konnte. »Ich hatte gehofft, sie würde mir gestatten, sie ein wenig spazieren zu fahren. Meine Maschine braucht Bewegung.« Purcey legte seine Hand auf den Rand des vibrierenden Wagens. »Kennen Sie meinen ›Prima Damyer‹, Mrs. Dallison? Beste Marke, die es gibt, famose kleine Dinger. Ich wünschte, Sie würden es mal damit versuchen.«

Die ›Prima‹ Maschine, der ein Duft von feinstem Benzin entströmte, erzitterte und hüpfte, als ob sie ihres Herrn Lob verstanden hätte. Cecilia betrachtete den Wagen.

»Ja,« sagte sie, »das Auto ist wirklich allerliebst.«

»Ach, bitte,« sagte Purcey, »fahren Sie doch ein Stück mit mir – machen Sie mir die große Freude! Ich glaube sicher, es wird Ihnen Spaß machen.«

Ein wenig Reue, ein wenig Neugier, ein plötzliches Sichauflehnen gegen all den Verdruß und die häßlichen Zweifel, unter denen sie gelitten hatte, ließen Cecilias Blick freundlich über Purceys Erscheinung gleiten; und fast, ehe sie es merkte, saß sie in dem Damyer. Er zitterte, stieß ein leises Tuten aus und glitt dann vorwärts. Purcey sagte:

»Das ist wirklich famos von Ihnen.«

Ein Briefträger, ein Hund und ein Bäckerjunge, die alle mit großer Geschwindigkeit dahineilten, schienen still zu stehen; Cecilia fühlte, wie der Wind ihr gegen die Wangen blies. Sie lachte leise auf.

»Bringen Sie mich aber, bitte, direkt nach Hause.«

Mr. Purcey tippte den Chauffeur an den Ellbogen.

»Um den Park herum,« gebot er. »Lassen Sie's laufen.«

Der Damyer gab einen scharfen, kurzen Ton von sich. Cecilia lehnte sich in ihre gepolsterte Ecke zurück und sah Purcey, der auch zurückgelehnt dasaß, von der Seite an. Ein fröhliches, erstauntes Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Was tue ich da?« schien es zu sagen. »Wie er mich da herein bekommen hat – wirklich! Und nun sitze ich da, und mir scheint fast, ich finde es sehr nett!«

Da gab es keine Hughs mehr, kein kleines Modell – all das häßliche, reale Leben war geschwunden, und nur der Wind, der ihr um die Wangen strich, und der Prima Damyer, der unter ihrem Sitz vibrierte, waren übrig geblieben.

Purcey sagte: »Für mich ist das was Ausgezeichnetes; es hält mir die Nerven in Ordnung.«

»Oh,« erwiderte Cecilia, »haben Sie denn Nerven?«

Purcey lächelte. Wenn er lächelte, dann bildeten seine Wangen zwei harte rote Flächen über dem gepflegten Schnurrbart, und viele kleine Runzeln liefen von seinen hellen Augen aus.

»Grad genug!« sagte er: »die kleinste Kleinigkeit regt mich auf. Ich kann kein hungerndes Kind sehen oder dergleichen.«

Ein sonderbares Gefühl der Bewunderung für diesen Mann stieg in Cecilia auf. Warum konnte sie und Thymian und Hilary und Stephen und all die Leute, mit denen sie verkehrte, nicht so sein wie er? So kraftvoll, so gesund, so unberührt von quälenden Gedanken, so fern von jedem ›sozialen Gewissen‹, so zufrieden?

Als wäre er eifersüchtig auf diese Betrachtung über seinen Herrn, blieb der Damyer plötzlich stehen.

»Hallo!« rief Purcey, »hallo, was ist denn los? Bitte, bleiben Sie nur sitzen; es ist alles gleich wieder in Ordnung.«

»Nein,« sagte Cecilia, »ich danke Ihnen schön; aber ich muß hier so wie so aussteigen; also auf Wiedersehen! Haben Sie vielen Dank, es war so nett!«

Von der Schwelle eines Ladens blickte sie zurück. Purcey stand mit vorgebeugtem Oberkörper da und betrachtete mit ungeteilter Aufmerksamkeit seinen ›Prima‹-Damyer.

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