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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Sechstes Kapitel

Der erste Gang nach Hound Street

Hilary und seine kleine Bulldogge betraten die Hound Street an ihrem östlichen Ende. Es war eine graue Straße mit dreistöckigen Häusern, die alle denselben Baustil zeigten. Fast überall standen die Türen offen, auf den Stufen davor saßen größere oder kleinere Kinder und feierten Ostern. Sie saßen stumpfsinnig da; nur dann und wann unterbrach ein Klatschen und Lärmausbruch die Stille. Fast alle waren sie schmutzig; einige trugen hohe, andere halbe Schuhe und zwei oder drei hatten gar keine an. Mehrere Kinder spielten in der Gosse, ihre schrillen Stimmen und hastigen Bewegungen erweckten in Hilary die Vorstellung, daß ihre ›Kaste‹ von ihnen das Glaubensbekenntnis verlangte: heute leben wir; morgen – wenn es ein morgen gibt – wird's wie heute sein.

Unwillkürlich war er in der Mitte der Straße gegangen, und Miranda, die sich nie im Leben so erniedrigt hatte, folgte ihm auf dem Fuße, indem sie zu ihm aufblickte, als wollte sie sagen: »Eins mache ich mir aber zur Bedingung – kein Hund darf mir zu nahe kommen!«

Zum Glück gab es hier keine Hunde; aber viele Katzen, und die waren alle mager.

Durch die oberen Fenster der Häuser gewahrte Hilary Frauen in ärmlicher Kleidung, die allerlei häusliche Arbeiten verrichteten und nur dann und wann innehielten, um auf die Straße hinunterzusehen. Er ging bis zum Ende der Straße, wo eine Mauer ihm den Weg versperrte. Dann ging er, immer noch auf dem Fahrdamm, den ganzen Weg wieder zurück. Die Kinder starrten gleichgültig auf seine hohe Erscheinung; offenbar empfanden sie, daß er nicht zu denen gehörte, die gleich ihnen, kein morgen kannten. Hound Street Nr. 1, an den Garten eines besseren Hauses grenzend, war offenbar der Glanzpunkt der Straße. Aber auch hier war die Tür nicht geschlossen, und Hilary trat, nachdem er an den Überresten einer Klingel gezogen hatte, hinein.

Das erste, was ihm auffiel, war ein Geruch: er war nicht gerade schlecht, aber er hätte besser sein können. Es war ein Geruch von Kalk und nasser Wäsche, leicht vermischt mit dem Duft von Brathering. Das zweite, was er beobachtete, war seine bernsteinfarbene Bulldogge, die auf den Türstufen stand und eine kleine, graue Katze in Augenschein nahm. Diese nämliche kleine Katze, deren Rücken in Wut gekrümmt war, mußte er fortjagen, ehe seine Bulldogge sich zum Nähertreten bequemte. Als drittes bemerkte er eine kleine, lahme Frau, die hinter der Tür eines Zimmers stand. Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen, den weit offenen, hellgrauen, dunkelbewimperten Augen, war freundlich und geduldig; sie stützte den lahmen Fuß, indem sie sich an der Türklinke festhielt.

»Ich weiß nicht, ob Sie jemand oben treffen werden; ich würd' hinaufgehen und nachsehen, aber ich hab'n lahmes Bein.«

»Das sehe ich,« sagte Hilary, »ist das traurig!«

Die Frau seufzte. »Das hab' ich schon seit fünf Jahren.« Und dann wandte sie sich nach ihrem Zimmer er um.

»Kann das nicht geheilt werden?«

»Ja, früher hab' ich das gedacht,« entgegnete die Frau, »aber der Doktor sagt, der Knochen ist kaputt; ich hab's von Anfang an vernachlässigt.«

»Oh weh!«

»Wir hab'n keine Zeit dazu gehabt,« sagte die Frau gleichsam entschuldigend, indem sie sich in ihr Zimmer zurückzog, das so voll von chinesischen Tassen, Photographien, Buntdruckbildern, Wachsfrüchten und anderem Schmuck war, daß für das riesige Bett kaum Platz zu sein schien.

Hilary wünschte ihr guten Morgen und begann die Treppe hinaufzusteigen. Im ersten Stockwerk blieb er stehen. Hier, in dem Hinterzimmer, wohnte die Kleine.

Er blickte um sich. Die Tapete auf dem Flur war von dunkelrötlicher Farbe, die Jalousie an dem Flurfenster zerrissen, und von überall kam ihm durchdringend der Duft von Kalk, nasser Wäsche und Brathering entgegen. Er fühlte eine Übelkeit, eine Art seelischen Widerstrebens in sich aufsteigen. Hier leben, diese Treppen täglich emporsteigen zu müssen, zwischen diesen grämlichen, düsteren Wänden, auf diesem schmutzigen Teppich! Zwei-, vier-, sechsmal, wer weiß, wie oft am Tage! Und jener Sinn – der erste, der sich angezogen oder abgestoßen fühlt, der erste, der anspruchsvoll wird mit der Kultur des Körpers, der letzte, der sich aus dem Tempel des rein Geistigen verbannen läßt – jener Sinn, dessen Verfeinerung mit der körperlichen und seelischen Vervollkommnung zunimmt – der Geruchssinn erweckte in ihm die Jahrhunderte seiner ererbten Kultur, die Geister aller Dallisons, die dreihundert Jahre und darüber der Kirche oder dem Staat gedient hatten. Er weckte die Seelen aller Düfte, an die er gewohnt war, und mit ihnen sanft vermischt das ganze Gewebe von ästhetischem Empfinden, das in frischer Luft gesponnen und in Lavendel aufbewahrt war. Er weckte das selbstverständliche, nicht unberechtigte Verlangen nach absoluter Reinlichkeit. Hilary wußte zwar, die Chemiker würden behaupten, daß die Zusammensetzung seines Blutes dieselbe sei, wie die der Bewohner dieses Hauses, und daß dieser aus Kalk, feuchter Wäsche und Brathering gemischte Geruch gar nicht ungesund sei, und doch stand er stirnrunzelnd, wie festgebannt an der Tür zu dem Zimmer des Mädchens. Und die Erinnerung an das leichte Naserümpfen seiner Nichte, als sie die Beschreibung des Hauses gab, stieg vor ihm auf. Er ging die Treppen weiter hinauf, gefolgt von seiner bernsteinfarbenen Bulldogge.

Als Hilarys hohe, schlanke Gestalt mit dem freundlichen und bekümmerten Gesicht in der offenen Tür des oberen Stockwerkes erschien, indes seine kleine Bulldogge mit ihren blassen Achataugen sich durch seine Beine zwängte, da wurden die beiden von niemand anderem bemerkt, als von einem Baby, das in einer Holzkiste inmitten der Stube saß. Dieses Baby sah aus wie ein Stückchen Lehm, das die Natur durch irgend einen Zufall mit zwei beweglichen schwarzen Augen versehen hat. Es war ganz und gar in ein gestricktes, wollenes Frauenhemd gewickelt, so daß nur der Kopf herausguckte. Diese Bekleidung trennte es von dem Holz, auf dem es saß, und da es die Kunst, auf seinen Füßen zu stehen, noch nicht erlernt hatte, trennte die Kiste es von all dem andern umher. So saß es, wie der Beherrscher aller Reußen, isoliert von seinem Reiche, da und blickte müßig um sich. In diesem Reich waren ein dunkles Bett, zwei Stühle und ein Waschständer mit einem lahmen Bein, den eine alte Fußbank stützte, zu sehen. An Nägeln hingen Röcke und Kleider; in der Nähe des Herdes lagen Hosen; eine Hand-Nähmaschine stand auf einem rohen Holztisch. Über dem Bett hing ein Farbendruck, der aus einer illustrierten Weihnachtsnummer herrührte, und der die Geburt Christi darstellte, darüber ein Bajonett, unter dem ein Fetzen Papier befestigt war mit der Inschrift von ungeübter Hand: »Das hat Dreien den Rest gegeben bei Elandslaagte. S. Hughs.«

Ein paar Photographien schmückten die Wände, und auf dem Fensterbrett standen zwei verwelkende Topfpflanzen. Im übrigen aber sah man dem Zimmer an, daß es sorgfältig sauber gehalten wurde. In einem großen Schrank, der halb offen stand, sah man alles aufgestaut, was das Tageslicht zu meiden hatte. Das Fenster im Reich des Babys war fest geschlossen, und der Geruch hier war ein Gemisch von Kalk, nasser Wäsche, Brathering – und anderem.

Hilary sah das Kind an, und das Kind sah ihn an. Die Augen dieses kleinen Häufchens grauer Menschlichkeit schienen zu sagen:

»Du bist doch nicht meine Mutter?«

Er neigte sich herunter und berührte seine Wange. Der Kleine blinzelte mit den schwarzen Augen.

»Nein,« schien er zu sagen, »du bist meine Mutter nicht.«

Hilarys Kehle zog sich zusammen. Er wandte sich ab und ging wieder hinunter. Vor der Tür des kleinen Modells hielt er inne, klopfte, und da er keine Antwort erhielt, drückte er die Klinke herunter. Das kleine, viereckige Zimmer war leer; es sah ganz ordentlich und sauber aus und hatte eine ziemlich moderne, rosa geblümte Tapete; durch das offene Fenster erblickte man einen Birnbaum in voller Blüte. Hilary machte, beschämt, daß er sie geöffnet hatte, die Tür wieder sorgsam zu.

Auf dem Treppenabsatz stand, mit schwarzen Augen, die denen des Kindes glichen, zu ihm aufblickend, ein Mann von mittlerer Größe und kräftigem Körperbau. Sein derbes Gesicht mit den breiten Backenknochen, dem kurzgeschorenen, dunklen Haar, der graden Nase und dem kleinen schwarzen Schnurrbart, war von der Sonne dunkel gebräunt. Er trug die Uniform der Straßenfeger – eine weite, blaue Bluse und Beinkleider, die in die hohen Schaftstiefel hineingingen; in der Hand hielt er eine spitze Mütze.

Nach einigen Sekunden gegenseitigen Anstarrens sagte Hilary:

»Sie sind Mr. Hughs, nicht wahr?«

»Jawohl.«

»Ich wollte nach Ihrer Frau sehen.«

»So.«

»Sie wissen wohl, wer ich bin?«

»Ja, ich kenne Sie.«

»Leider fand ich nur Ihr Baby zu Haus.«

Hughs wies mit seiner Mütze nach der Tür des kleinen Modells. »Ich dachte, Sie wollten vielleicht die da besuchen,« sagte er. In seinen schwarzen Augen glomm es; es war mehr als Klassenhaß, was in dem Ausdruck seines Gesichts lag.

In Hilarys Wangen stieg ein leises Rot; er warf dem Mann einen scharfen Blick zu und stieg, ohne zu antworten, die Treppe herab. Aber Miranda war ihm nicht gefolgt; sie stand, die eine Pfote leise in die Höhe gestreckt, auf der obersten Stufe.

»Ich kenne den Mann da nicht,« schien sie zu sagen, »und mir gefällt sein Aussehen nicht.«

Hughs grinste. »An einem stummen Tier vergreif ich mich nich,« sagte er; »komm man runter, Köter!«

Durch dies Wort gereizt, das sie nie zu hören erwartet hatte, lief Miranda rasch die Treppen hinunter.

»Das war eine beabsichtigte Unverschämtheit,« dachte Hilary, während er die Straße hinunterging.

»Die ›Westminster‹ gefällig, gnädiger Herr? Oh je!«

Eine fleischlose, zitternde Hand hielt ihm eine Zeitung entgegen.

»Schrecklich kalter Wind für diese Jahreszeit!«

Ein sehr alter Mann mit schwarz umränderter Brille und einer geschwollenen Nase suchte eifrig Kleingeld zum Wechseln zusammen.

»Ihr Gesicht muß ich kennen,« meinte Hilary.

»Oh je, gewiß. Sie kaufen ja immer da drüben in dem Zigarrenladen; ich hab' Sie oft gesehn, wenn Sie da hineingegangen sind. Manchmal hab'n Sie die Pall Mall von dem Mann hier gekauft.« Er machte eine Handbewegung nach links, wo ein junger Mann, mit einem Paket Zeitungen bewaffnet, stand. In jener Bewegung lagen Jahre von Neid, Sehnsucht und dem Gefühl einer Ungerechtigkeit. »Das ist eigentlich von Gottes und Rechts wegen meine Zeitung,« schien sie zu sagen, »und der gemeine Bursche da verkauft sie und nimmt mir meinen Profit weg!«

»Ich verkauf' die Westminster hier, ich les' sie an den Sonntagen; es is 'ne Zeitung für feine Leute. Sehr vornehm – trotz der Politik drin. Aber weiß Gott, gnädiger Herr, wo der Kerl da die Pall Mall verkauft« – und indem er seine Stimme senkte, vertraute er Hilary weiter an – »da nehmen so viele von den feinen Leuten ihm die ab. Hier herum kommen aber gar nich so viele feine Leute vorbei – ich mein' wirklich feine, daß ich zurechtkommen kann, wenn er mir noch welche wegnimmt.«

In Hilary, der aus Mitleid bei dem Mann stehen geblieben war, um ihm zuzuhören, tauchte plötzlich eine Erinnerung auf. »Wohnen Sie nicht Hound Street?«

Der alte Mann antwortete eifrig: »Oh je, freilich, gnädiger Herr, Nr. 1. Meine Name ist Creed. Sie sind wohl der Herr, wo die junge Person immer hingeht, das Buch abzuschreiben?«

»Sie schreibt nicht für mich ab.«

»Nein, ich weiß, es is ein alter Herr; ich kenn' ihn, er is einmal bei mir gewesen. Sonntag morgens war's! Da is ein Pfund Tabak für Sie,« sagte er. »Sie war'n herrschaftlicher Diener?« sagt er. »Diener wird's in fünfzig Jahren nich mehr geben« und weg war er. »Nich ganz« – er legte die zitternde Hand an seine Stirn – »da nich ganz – oh je!«

»Wohnen in Ihrem Haus auch Leute namens Hughs?«

»Ich hab' mein Zimmer von ihnen abgemietet. Gestern hat eine Dame mich nach ihnen gefragt; is das vielleicht Ihre Dame, gnädiger Herr?«

Seine Augen schienen Hilarys Hut, der aus weichem Filz war, anzureden: »Ja, ja, von deiner Sorte habe ich viele in den besten Häusern herumhängen sehen!«

»Das war die Schwester meiner Frau, nehme ich an.«

»Oh je! Sie nimmt mir oft 'ne Zeitung ab. Eine feine Dame – nicht eine von der Sorte« – und hier zwinkerte er Hilary vertraulich zu – »Sie wissen schon, was ich meine, gnädiger Herr – die ihre Kleider fertig in den großen Warenhäusern kaufen. Oh, ich kenn' sie sehr gut.«

»Der alte Herr, der bei Ihnen war, ist ihr Vater.«

»Wirklich, o je!« Der alte Mann schien verwirrt und wurde still. Hilarys Augenbrauen begannen nervös zu zucken, wie immer, wenn er im Begriff war, über sein Zartgefühl hinauszugehen.

»Wie – wie benimmt sich Hughs gegen das kleine Mädchen, das im Zimmer neben Ihnen wohnt?«

Der Alte erwiderte in ziemlich verdrießlichem Tone:

»Sie folgt meinem Rat und geht ihm aus'm Wege. Der Mann hat so was Ausländisches; wo mag der bloß groß geworden sein?«

»War er nicht Soldat?«

»Das erzählt er. Er is Straßenfeger; und manchmal, da geht er und fängt an zu saufen; und wenn er voll is, dann fängt er an, über die feinen Leute und die Kirche und alle Einrichtungen herzuziehen. Ich hab' in meinem Leben so 'ne Art von Soldaten nich gesehn. Er soll 'n Walliser sein.«

»Wie gefällt Ihnen die Straße, in der Sie wohnen?«

»Je, ich halt' mich für mich; is 'ne ordinäre Straße; schrecklich ordinäre Leute wohnen da. Keine Spur von Selbstachtung.«

»So!« meinte Hilary.

»Die kleinen Häuser, die sind alle in Händen von kleinen Leuten, und denen is alles egal, so lange sie ihre Miete rauskriegen. Sie verstehen's nich besser, so 'ne ordinäre Sorte; jeder sieht da, wo er bleibt. Ich hab' gehört, es gibt Tausende von solchen Häusern in ganz London. Manche sagen, sie sollten alle runtergerissen werden, aber das is ja Unsinn; wo soll man denn das Geld dazu herkriegen? So 'ne kleinen Leute, die können sich's nich mal leisten, 'nem Mieter 'ne neue Tapete machen zu lassen; und die großen Herren, denen der Grund und Boden gehört – na, von denen kann man doch nicht verlangen, daß sie wissen, was hinter ihrem Rücken geschieht. Da sind so 'ne ungebildeten Kerle wie dieser Hughs, die reden 'ne Masse dummes Zeug von der Pflicht der Grundbesitzer; aber wer will denn von den wirklich feinen Leuten verlangen, daß sie sich um so was kümmern? Die haben alle ihre Besitzungen draußen auf dem Lande. Ich hab' da gelebt und ich kenn' das!«

Die kleine Bulldogge, die sich von Vorübergehenden belästigt fühlte, nahm jetzt die Gelegenheit wahr, um mit ihrem Schwanz gegen die Füße des ehemaligen herrschaftlichen Dieners zu schlagen.

»Oh je! Was is denn das? Er beißt doch nich, was? Ach Gottchen!«

Miranda suchte sofort die Augen ihres Herrn.

»Da siehst du, was einem passiert, wenn man als Dame sich auf der Straße aufhält,« schien sie zu sagen.

»Es muß Ihnen schwer ankommen, den ganzen Tag hier zu stehen, nachdem Sie doch an ein anderes Leben gewöhnt waren,« meinte Hilary.

»Ich darf mich nich beklagen; es ist ja noch ein Glück für mich.«

»Finden Sie denn hier irgendwo Schutz?«

Wieder neigte sich der Alte ihm vertraulich zu.

»Manchmal, wenn's regnerisch is, da darf ich drüben im Torweg stehen. Die Leute wissen, daß ich ein anständiger Mann bin. Dem da« – er wies nach seinem Nebenbuhler hin – »oder einem von den Bengels da drüben würden sie's nich erlauben, die Passage zu versperren.«

»Ich wollte Sie fragen, Mr. Creed, ob man für Mrs. Hughs irgend etwas tun kann?«

Fast heftig erwiderte der alte Mann: »Nach dem, was sie erzählt und wenn man's ihr glauben kann, gehört er vors Gericht, so wahr ich Creed heiße. Und sie sollt' die Trennung durchsetzen, nich mehr mit ihm zusammenleben, jawoll, das sollt' sie. Und wenn er ihr dann doch noch nachläuft, dann sollt' man ihn einstecken, das wär' das Richtige! Ich hab' keine Geduld mit so 'ner niedrigen Sorte von Mensch! Heut morgen is er ausfallend gegen mich geworden!«

»Das Gefängnis ist ein furchtbares Heilmittel,« sagte Hilary leise.

Der alte Mann antwortete energisch:

»Es gibt nur eine Art mit diesen ordinären Kerlen fertig zu werden – man muß sie einstecken, bis sie ganz klein sind.«

Hilary war im Begriff zu antworten, als er sich plötzlich allein sah. Am Rand des Trottoirs, ein paar Meter weiter hin, raffte Creed mit zum Himmel gekehrtem Antlitz die zweite Ausgabe der ›Westminster Gazette‹ zusammen, die man ihm vom Karren heruntergeworfen hatte.

»Nun,« dachte Hilary, während er weiter ging, »du weißt wenigstens, was du willst!«

Und seine kleine Bulldogge, die mit zusammengebissenen Kinnladen neben ihm hertrottete, sah zu ihm auf und schien zu sagen: »Es war höchste Zeit, daß wir diesen Mann der Tat verlassen haben!«

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