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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Viertes Kapitel

Das kleine Modell

Als Bianca im voraufgegangenen Herbst ihr Bild ›der Schatten‹ begonnen hatte, da war niemand überraschter als Hilary, als sie ihn bat, ein Modell für sie zu suchen. Da er aber von dem Bilde nichts wußte und seit Jahren an dem geistigen Leben seiner Frau keinen Anteil hatte nehmen dürfen, fragte er:

»Weshalb bittest du Thymian nicht, daß sie dir sitzt?«

Bianca antwortete: »Sie ist nicht der passende Typ, den ich brauche – viel zu nüchtern. Außerdem kann ich keine Dame gebrauchen; die Figur soll halbnackt sein.«

Hilary lächelte.

Bianca wußte wohl, daß er über ihre Unterscheidung zwischen Dame und anderen Frauen lächelte. Und sie begriff, daß er nicht sowohl über sie, als über sich selbst lächelte; denn im stillen stimmte er der Unterscheidung, die sie machte, bei.

Und plötzlich lächelte sie auch.

Die ganze Geschichte ihres Ehelebens lag in beider Lächeln. Es bedeutete soviel tausend Stunden zurückgedrängter Erbitterung, soviel unterdrücktes Sehnen und ernstes Mühen, ihre Naturen einander näher zu bringen. Sie beide waren das denkbar deutlichste, stille Beispiel für das Auseinandergehen zweier Leben – jenes langsame Auseinandergehen, das sich allmählich und ganz sacht vollzieht. Sie hatten tatsächlich nie einen Streit miteinander gehabt, da ihre Ansichten über die Ehe sehr aufgeklärte waren; aber gelächelt hatten sie. Sie hatten so oft, durch so viele Jahre hindurch gelächelt, daß es in der ganzen Welt wohl nicht zwei Menschen gab, die einander ferner sein konnten. Ihr Lächeln hatte ihnen die Enthüllung von der Tragik ihres Ehestandes fern gehalten. Sicherlich trug keiner von ihnen Schuld an dem Lächeln, noch hatten sie die Absicht, einander damit zu verletzen, sondern es kam auf ihr Gesicht so natürlich wie das Mondlicht aufs Wasser fällt, einfach aus ihren so ganz verschieden gearteten Seelen heraus.

Hilary verbrachte zwei Nachmittage unter seinen Malerfreunden und versuchte durch verschiedene Erkundigungen ein Modell für den ›Schatten‹ zu finden. Endlich war sein Bemühen geglückt. Er hatte ihren Namen und ihre Adresse von dem Stilllebenmaler French erhalten.

»Mir hat sie nie gesessen,« erklärte dieser. »Meine Schwester hat sie irgendwo im Westen entdeckt. Sie hat, glaube ich, irgend eine Geschichte. Ich weiß nicht, was für eine. Meines Wissens ist sie erst seit einem Vierteljahre in London.«

»Sie sitzt doch Ihrer Schwester nicht augenblicklich?« fragte Hilary.

»Nein,« sagte der Stilllebenmaler, »meine Schwester hat sich verheiratet und ist nach Indien gegangen. Ich weiß nicht, ob sie für Halbakt sitzen würde, aber ich glaube wohl. Früher oder später wird sie es doch müssen; da kann sie eben so gut jetzt anfangen, besonders, da es bei einer Dame ist. Sie hat etwas sehr Eigenartiges an sich. Sie können es ja mit ihr versuchen.«

Mit diesen Worten nahm er seine Malerei wieder auf, die er unterbrochen hatte, um mit Hilary zu plaudern.

Hilary hatte dem Mädchen geschrieben, daß sie sich vorstellen solle. Sie war noch am selben Tage kurz vor dem Diner gekommen.

Er fand sie inmitten seines Studierzimmers stehend; offenbar wagte sie nicht, sich hinzusetzen, und da es schon ziemlich dunkel war, konnte er ihr Gesicht kaum sehen. Sie stand sehr still, sehr geduldig da in dem alten, braunen Rock, der schlechtsitzenden Bluse und der graugrünen Wollmütze. Hilary drehte das Licht an; er sah ein rundes, kleines Gesicht mit breiten Backenknochen, blütenblauen Augen, kurzen, tiefschwarzen Augenwimpern und leichtgeöffneten Lippen. Ihre Gestalt war schwer zu beurteilen in diesen alten Kleidern, aber sie schien weder auffallend klein noch groß; ihr weißer Hals zeigte einen guten Ansatz, das Haar war braun und üppig. Hilary bemerkte, daß ihr Kinn, wenn auch nicht zurückweichend, so doch zu weich und kurz war; was ihm aber vor allem auffiel, war der Ausdruck geduldigen Erwartens, als ob sie außer dem Gegenwärtigen irgend etwas nicht unbedingt Angenehmes sähe, was kommen mußte. Wenn er von dem Maler nicht gehört hätte, daß sie vom Lande war, er würde sie für ein Stadtkind gehalten haben, so blaß sah sie aus. Jedenfalls war diese ganze Erscheinung keineswegs zu ›nüchtern‹; ihre Sprache jedoch mit dem leisen Provinzdialekt klang reichlich nüchtern, als sie sich erkundigte, wie lange sie zu sitzen hatte und wie die Bezahlung sei. Mitten in der Erörterung sank sie plötzlich zu Boden, und Hilary sah sich genötigt, sie mit Biskuit und Likör, den er in der Hast statt Kognak genommen hatte, ins Leben zurückzurufen. Es stellte sich heraus, daß sie seit dem kärglichen Frühstück vom Tage vorher, nichts gegessen hatte. Auf seine Vorhaltungen erwiderte sie gleichmütig:

»Wenn man kein Geld hat, kann man nichts kaufen ... ich habe hier niemanden, den ich um etwas bitten kann; ich bin ganz fremd.«

»Da haben Sie also noch gar keine Beschäftigung gehabt?«

»Nein,« sagte die Kleine ziemlich mürrisch; »ich mag so nicht sitzen, wie es die meisten verlangen, wenigstens nicht eher, bis mir nichts anderes übrig bleibt.« Das Blut schoß ihr plötzlich ins Gesicht, dann wurde sie wieder blaß.

»Ah,« dachte Hilary, »sie hat Erfahrungen.«

Sowohl er wie seine Frau besaßen Mitgefühl für menschliches Elend, aber die Art ihrer Mildtätigkeit war verschieden. Hilary schien von Natur unfähig, seine Hilfe irgend jemanden zu verweigern, der die Hand danach ausstreckte. Bianca (deren Soziologie auf festeren Füßen stand) behauptete immer, Mildtätigkeit sei ein Unrecht, da in einem wohleingerichteten Staat niemand Hilfe brauchen sollte, und sie wies ihre Klienten, ebenso wie Stephen, an den Verein gegen Bettelei, der viel Zeit und Mühe aufwandte, um das Nötige zu ermitteln.

Aber in diesem Falle hier war das Wichtigste, daß das arme Mädel etwas zu essen bekam und dann, daß man sich erkundigte, ob sie in einem anständigen Hause wohnte. Da das nicht der Fall zu sein schien, galt es, sie besser unterzubringen. Und da es beim Wohltun immer gut ist, zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen, so fand es sich, daß Mrs. Hughs, die Näherin, ein einzelnes unmöbliertes Zimmer zu vermieten hatte, das sie gern für vier Shillinge oder sogar für dreieinhalb Shilling wöchentlich abgab. Auch Möbel hatten sich zusammengefunden: ein Bett, das knarrte, ein Waschständer, Tisch und Kommode; ein Teppich, zwei Stühle und ein paar Kochgeräte; ein paar alte Photographien und Farbendrucke, die in Schränken versteckt gelegen hatten, und eine recht merkwürdige kleine Uhr, die häufig die Tageszeit vergaß. All diese Dinge und noch ein paar notwendige Kleidungsstücke wurden dem Mädchen zusammen mit drei Farrentöpfen, die nahe am Eingehen waren, auf einem kleinen Karren hingeschickt. Bald danach kam sie zum ›Sitzen‹. Sie war ein stilles, geduldiges, kleines Modell und brauchte nicht für Halbakt zu sitzen, da Bianca schließlich den Entschluß gefaßt hatte, ›den Schatten‹ völlig bekleidet darzustellen. Denn obgleich sie über das Nackte mit allem Freimut dachte und redete, so empfand sie doch, wenn es dazu kam, unbekleidete Menschen zu malen, eine Art körperlichen Widerwillens.

Hilary, der sich, wie es bei einem Manne begreiflich war, für das Mädchen interessieren mußte, das aus Hunger ohnmächtig zu seinen Füßen niedergesunken war, kam dann und wann zur Sitzung und pflegte es mit gütigen, forschenden Augen zu beobachten.

Seine Persönlichkeit entsprach ganz dem Bilde, das seine Freunde von ihm entwarfen, wenn sie sagten: »Hilary macht lieber einen Umweg von einer Meile, ehe er eine Ameise zertritt.« Das kleine Modell schien von dem Augenblick an, da er ihr den Likör eingeflößt hatte, überzeugt, er hätte einen Anspruch an sie, denn sie sparte all ihre kleinen Alltagsberichte für ihn auf. Sie machte ihm entweder bei ihrem Kommen oder Gehen im Garten ihre Mitteilungen oder auf der Straße oder auch ab und zu in seinem Studierzimmer. Wie ein Kind kam sie, das seinen wunden Finger zeigen will. So, ganz unvermittelt: »Ich hab' diese Woche vier Shilling übrig, Mr. Dallison« oder »der alte Creed ist heute ins Krankenhaus gegangen, Mr. Dallison.«

Nach kurzer Zeit sah ihr Gesicht nicht mehr so blutleer wie an jenem Abend aus, aber es war noch blaß. Um die Schläfen liefen zarte blaue Adern, und dunkle Schatten lagen unter den Augen. Die Lippen waren noch immer ein wenig geöffnet, und sie schien nach irgend etwas Künftigem auszuschauen, wie eine kleine Madonna auf einem Botticellibild. Dieser eigentümliche Blick im Verein mit der Derbheit ihrer Sprache gab ihrer Person seinen eigenen Reiz.

Am Weihnachtstage wurde das Bild Mr. Purcey, der zufällig sein ›Auto spazieren geführt‹ hatte, und anderen Besuchern gezeigt. Bianca hatte ihr Modell eingeladen, in der Hoffnung, ihr irgendwie Beschäftigung verschaffen zu können. Aber das Mädchen war sofort in einen Winkel geschlüpft, wo ein anderes Bild sie halb verbarg. Die Leute, die sie dort stehen sahen und ihre Ähnlichkeit mit dem Bilde bemerkten, betrachteten sie voll Neugier und gingen an ihr vorüber mit der leisen Bemerkung: »sie sei eine interessante Erscheinung.« Sie sprachen nicht zu ihr; vielleicht glaubten sie, das Mädchen könnte über die Dinge nicht mitreden, von denen sie sprachen, oder sie selbst wüßten nichts von den Dingen, die das Mädchen interessierten; vielleicht mied man sie auch, um nicht den Anschein zu erwecken, als bemitleide man sie. So blieb sie ganz für sich. Das tat Hilary leid. Von Zeit zu Zeit trat er zu ihr, lächelte sie freundlich an oder machte irgend eine aufmunternde Bemerkung oder einen Scherz, den sie aber stets nur mit einem ›ja, Mr. Dallison‹ oder ›nein, Mr. Dallison‹ beantwortete.

Ein Kunstkritiker, der vor dem Bilde stand, beobachtete, wie Hilary von einem dieser Sympathie-Besuche zurückkam, und ein Lächeln flog über sein rundes, glattrasiertes, sinnliches Gesicht, das einen grünlichen Schimmer in den Augen und Wangen angenommen hatte, wie das Fett in einer Schildkrötensuppe.

Die einzigen beiden Menschen, die sonst noch von ihr Notiz nahmen, waren ihre alten Bekannten Purcey und Stone. Purcey dachte bei sich: ›ganz hübsches Mädel‹, und seine Augen kehrten immer wieder zu ihr zurück. Es lag etwas Apartes und sozusagen unerlaubt Aufregendes für ihn in der Tatsache, daß sie ein richtiges Malmodell war.

Stones Art, von ihr Notiz zu nehmen, war eine ganz andere. Er hatte sich in seiner etwas unbehilflichen Art, als sähe er auf der ganzen Welt nur ein Ding, ihr genähert.

»Sie leben ganz allein?« hatte er gefragt. »Ich werde zu Ihnen kommen.«

Im Munde des Kunstkritikers oder Purceys hätte diese etwas sonderbare Bemerkung einen bestimmten Sinn gehabt; von Mr. Stone geäußert, bedeutete sie etwas ganz anderes. Nachdem er beendet, was er hatte sagen wollen, verbeugte sich der Verfasser des Buches von der ›allgemeinen Brüderschaft‹ und wandte sich zum Gehen. Alles bemerkte, daß er nur die Tür und nichts anderes vor sich sah und machte ihm sofort Platz. Und schon begannen auch die Bemerkungen, die man gewöhnlich hinter seinem Rücken tauschte, vernehmbar zu werden. »Ungewöhnlicher alter Herr!« »Sie wissen, er badet das ganze Jahr hindurch im Hyde-Parkteich?« »Und er kocht sich sein Essen und räumt selbst sein Zimmer auf, erzählt man ...« »Und die ganze freie Zeit schreibt er an seinem Buch!« »Ein richtiger Sonderling.«

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