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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Einundvierzigstes Kapitel

Das Hans der Eintracht

Um halb elf am selben Abend, schritt Stephen auf dem mit Steinfliesen belegten Weg nach dem Hause seines Bruders hin.

»Ist Mrs. Hilary zu sprechen?«

»Mr. Hilary ist heute morgen abgereist, und Mrs. Hilary ist noch nicht wieder zu Hause.«

»Wollen Sie ihr diesen Brief geben? Oder nein, ich will lieber warten. Ich kann doch wohl draußen im Garten bleiben?«

»Gewiß, gnädiger Herr.«

»Gut.«

»Ich lasse die Tür offen, wenn der gnädige Herr vielleicht herein kommen wollen.«

Stephen ging zu der Gartenbank und setzte sich dort nieder. Nachdenklich starrte er durch das Dunkel auf seine Lackstiefel, und dann und wann klopfte er mit dem Brief, den er in der Hand hielt, auf seine Beinkleider. Durch den dunklen Garten, in dem die Zweige matt, unbewegt vom Wind, herabhingen, flutete in blassem Strom das Licht aus Stones offenem Fenster hinaus. Motten, durch die plötzliche Wärme angezogen, flatterten diesen Strom hinauf, seiner Quelle entgegen.

Stephen blickte nervös auf die Gestalt Stones, die gebeugt und regungslos neben dem Schreibtisch zu sehen war. So mochte man durch das Guckloch einen Sträfling beobachten, wie er in seiner Zelle steht und auf seine Arbeit starrt – bewegungslos, wie in der Einsamkeit versteinert.

»Er ist in der letzten Zeit furchtbar zusammengefallen,« dachte Stephen. »Armer Alter! Seine Ideen richten ihn zugrunde; sie entsprechen nicht der Natur des Menschen, werden es nie tun.« Wieder klopfte er auf seine Beinkleider mit dem Brief, als ob dieses Dokument seine Ansicht bekräftigte. »Und doch kann ich mich eines Mitleids für diesen seltsamen alten Narren nicht erwehren!«

Er stand auf, um seines Schwiegervaters regungslose Gestalt besser sehen zu können. Sie sah so leblos und kalt aus, als ob Stone einem seiner Gedanken bis unter die Erde gefolgt wäre und seinen Körper da stehen gelassen hätte, damit er auf seine Rückkehr warte. Seine Erscheinung hatte etwas Beklemmendes für Stephen.

»Man könnte das Haus anstecken,« dachte er, »und er würde es nicht bemerken.«

Jetzt regte sich Stones Gestalt; der Laut eines langen Seufzers drang zu Stephen hinaus in den windstillen Garten. Er wandte die Augen ab mit der plötzlichen Empfindung, daß es nicht recht sei, den alten Herrn in dieser Weise zu beobachten; dann stand er auf und ging ins Haus hinein.

In seines Bruders Arbeitszimmer blieb er stehen und rückte an den Kleinigkeiten auf dem Schreibtisch.

»Ich habe Hilary prophezeit, daß er sich die Finger verbrennen wird,« dachte er bei sich.

Als er die Haustür aufschließen hörte, ging er auf die Diele zurück.

Wie sehr er von Anfang an seine Schwägerin gemißbilligt haben mochte, weil sie ihm immer als eine ungemütliche und nervöse Person erschienen war, so fühlte sich Stephen heute doch durch den gequälten Ausdruck in ihrem Gesicht ergriffen; als ob es ihm plötzlich klar würde, daß sie für ihre Natur nichts konnte. Das verwirrte ihn, weil es nicht die übliche Art war, mit der er sonst die Dinge ansah.

»Du siehst angegriffen aus, Bi,« begann er. »Es tut mir leid, aber ich dachte, es wäre richtiger, dir das heut noch herzubringen.«

Bianca warf einen Blick auf den Brief.

»Er ist an dich gerichtet,« sagte sie. »Ich wünsche ihn nicht zu lesen. Danke sehr.«

Stephen preßte die Lippen zusammen.

»Aber ich möchte, daß du ihn hörst,« entgegnete er. »Ich will ihn dir vorlesen, wenn du es gestattest.«

»Charing Cross Station.

Lieber Stevie!

Ich sagte Dir gestern früh, daß ich allein fortginge. Nachher habe ich es mir überlegt – ich hatte die Absicht, sie mitzunehmen. Ich suchte sie zu diesem Zweck in ihrer Wohnung auf. Aber ich habe zu lange in einer Welt der Ideale gelebt für dieses Stück häßlicher Wirklichkeit, das ich da sah. Die ›Klasse‹ hat mich gerettet; sie hat über meine allzumenschlichen Instinkte gesiegt.

Ich gehe allein – zurück in meine Welt. An Bianca ist kein Unrecht geschehen – aber da mein eheliches Leben zu einem Spott geworden ist, werde ich es nicht wieder aufnehmen. Die beifolgende Adresse wird mich finden, und ich werde Dich demnächst bitten, mir meine Hausgötter zu schicken.

Laß, bitte, Bianca den Inhalt dieses Briefes wissen.

Stets Dein getreuer Bruder

Hilary Dallison.«

Mit einem Stirnrunzeln faltete Stephen den Brief zusammen und steckte ihn in seine Brusttasche zurück.

»Es ist bitterer, als ich gedacht,« überlegte er; »und doch war es das einzig Mögliche, was er getan hat!«

Bianca stützte den Ellbogen auf den Kaminsims, das Gesicht gegen die Wand gerichtet. Ihr Schweigen verwirrte Stephen, der seine Anhänglichkeit an den Bruder gern irgendwie bekunden wollte.

»Ich fühle mich natürlich sehr erleichtert,« sagte er endlich; »es wäre zu peinlich gewesen.«

Sie rührte sich nicht, und Stephen empfand immer mehr, wie unangenehm die Erörterung der Sache war.

»Natürlich,« begann er wieder, »aber, Bi, ich glaube, du solltest – hm – ich meine« – Und wieder verstummte er vor ihrem Schweigen, ihrer Regungslosigkeit. Dann, da er nicht fortgehen mochte, ohne auf irgend eine Art seiner Liebe zu Hilary Ausdruck gegeben zu haben, begann er noch einmal: »Hilary ist der gütigste Mensch, den ich kenne. Es ist nicht seine Schuld, daß er dem Leben fremd, daß er nicht geeignet ist, den Kampf mit den Dingen aufzunehmen. Er ist eine negative Natur!«

Und nachdem er ein wenig zu seiner eigenen Überraschung den Bruder so mit zwei Worten gekennzeichnet hatte, streckte er die Hand aus.

Die Hand, die Bianca in die seine legte, war fieberhaft heiß. Stephens Gewissen regte sich plötzlich. »Ich bin tief verstimmt,« stammelte er, »über die ganze Geschichte. Es tut mir so leid um dich –«

Bianca zog hastig ihre Hand zurück.

Mit einem leichten Achselzucken wandte Stephen sich ab.

»Was kann man mit solchen Frauen anfangen?« war alles was er dachte, und mit einem trockenen »Gute Nacht, Bi,« ging er davon.

Eine Zeitlang saß Bianca in Hilarys Stuhl. Dann, als ein matter Lichtschimmer durch die halboffene Tür drang, begann sie im Zimmer umher zu wandern, die Wände, die Bücher, die Bilder, all die wohlbekannten Dinge zu berühren, inmitten derer er so viele Jahre gelebt hatte.

Bei diesem geräuschlosen, unaufhörlichen Wandern schien sie wie ein friedloser Geist, der die Luft durchstreift über der Stelle, wo sein Körper ruht.

Hinter ihr knarrte die Tür. Eine Stimme sagte scharf:

»Was tun Sie hier in dem Haus?«

Stone stand neben der Büste des Sokrates. Bianca trat auf ihn zu.

»Vater!«

Stone starrte sie an. »Du bist es? Ich glaubte, es sei ein Dieb. Wo ist Hilary?«

»Fort!«

»Allein?«

Bianca neigte den Kopf. »Es ist sehr spät, Vater,« flüsterte sie.

Stones Hand bewegte sich, als ob er sie streicheln wollte.

»Das menschliche Herz,« murmelte er, »ist das Grab vieler Gefühle.«

Bianca legte den Arm um ihn. »Du mußt zu Bett gehen, Vater,« sagte sie, indem sie versuchte, ihn nach der Tür zu ziehen; denn ihr war, als könnte ihr Herz sich nicht mehr beherrschen.

Stone stolperte; die Tür schlug zu, das Zimmer war plötzlich in Dunkel getaucht. Eine Hand, kalt wie Eis, streifte ihre Wange. Mit aller Macht drängte sie einen Aufschrei zurück.

»Ich bin hier,« sagte Stone.

Seine Hand berührte herabgleitend ihre Schulter, und sie griff mit ihren eigenen brennenden Fingern danach. So vereint, tasteten sie sich hinaus auf den Flur nach seinem Zimmer.

»Gute Nacht, lieber Vater,« murmelte Bianca.

Beim Licht seiner jetzt offenen Tür versuchte Stone, ihr ins Antlitz zu blicken, aber sie zeigte es ihm nicht. Leise die Tür hinter ihm schließend, stahl sie sich hinaus.

In ihrem Schlafzimmer setzte sie sich ans offene Fenster, und es schien ihr, als sei das Zimmer voll von Wesen, so erregt waren ihre Nerven. Ruhig oder geschäftig, jetzt deutlich, dann plötzlich wie hinter einem dichten Nebel, umkreisten sie ihre stumme Gestalt, die mit geschlossenen Augen im Stuhl zurückgelehnt saß. Diese durch das Zimmer flatternden Schemen verursachten ein Geräusch wie aneinander geriebenes, trockenes Stroh oder wie Bienensummen im Klee. Sobald sie sich aufrichtete, waren sie verschwunden, und die Geräusche verwandelten sich in den fernen Lärm des Straßenverkehrs; aber sobald sie wieder die Augen schloß, begannen die Gäste sich wieder einzustellen mit jenem raunenden, geheimnisvollen Summen.

Dann aber schlief sie ein und fuhr erwachend wieder auf. Da, in einem Schimmer bleichen Lichtes stand das kleine Modell wie auf dem unseligen Bilde, das Bianca von ihr gemalt hatte. Ihr Antlitz war kreidebleich, mit Schatten unter den Augen. Aus ihren halbgeöffneten, kaum geröteten Lippen schien Atem zu dringen. Auf ihrem Hut lag die winzige Pfauenfeder neben den beiden roten Rosen. Auch ein Duft strömte von ihr aus – aber ganz matt, wie der sanfteste Duft der Zichorienblüte. Wie lange mochte sie da wohl schon stehen? Bianca sprang auf die Füße, und indem sie aufstand, verschwand die Erscheinung.

Sie ging auf die Stelle zu. In der Ecke war nichts zu sehen als das Mondlicht; der Duft, den sie empfunden hatte, drang von den Bäumen des Gartens herein.

Aber so lebhaft war jene Vision gewesen, daß Bianca am Fenster stehen blieb und nach Luft rang, indem sie mit ihrer Hand wieder und wieder über die Augen fuhr.

Draußen, über dem dunklen Garten hing voll und fast golden der Mond. Sein honigblasses Licht flutete herab auf jedes Stücklein Baum und Blatt und schlafender Blüte. In eine einzige, geheimnisvolle, schweigende Harmonie schien dieser sanfte, zitternde Mond alles verwoben zu haben, so daß jede einzelne kleine Wesensform an sich nichts mehr bedeutete.

Bianca sah lange zu, wie der Mondlicht-Regen auf den Erdteppich fiel, gleich einem herniedergehenden Schauer von Blüten, die Bienen ausgesogen und verstreut haben. Dann sah sie in dem lichten Raum da draußen einen Schatten auf dem Gras dahineilen, und zu ihrem Schrecken erhob sich eine Stimme, zitternd und hell, die sich über die Mauer der dunklen Bäume hinweg ins Freie zu schwingen schien: »Mein Geist ist umwölkt, großes Weltall! Ich kann nicht schreiben! Ich kann meinen Brüdern nicht mehr enthüllen, daß sie eins sind. Ich bin nicht wert, noch hier zu verweilen! Laß mich in dir aufgehen und sterben!«

Bianca sah, wie ihr Vater die hageren Arme aus dem weißen Gewande in die Nacht hinausstreckte, als erwarte er, sofort aufgenommen zu werden in die Allgemeine Brüderschaft der freien Lüfte.

Dann folgte ein Augenblick, in dem wie durch Zauberkraft jeder leiseste Mißklang in der ganzen Stadt sich aufzulösen schien in eine Harmonie des Schweigens, als sei es das Sterben des ›Ich‹ auf Erden.

Und nun erhob sich, jenen Zauber brechend, Stones Stimme von neuem; sie zitterte hinaus in die Nachts wie Wind, der durch ein Schilfried fährt:

»Weltbrüder!«

Hinter der Wand von Fliederbüschen, am Gartentor, gewahrte Bianca den dunklen Helm eines Polizisten. Er stand da, aufmerksam nach der Richtung starrend, aus der jene Stimme gekommen war. Dann hob er seine Laterne und leuchtete in jeden Winkel des Gartens hinüber, um nach denen zu suchen, die da gerufen worden waren. Offenbar beruhigt, als er niemanden sah, schwenkte er das Licht noch einmal nach rechts und links, senkte es dann bis auf Brusthöhe und ging langsam weiter.

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