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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Vierzigstes Kapitel

Ende der Komödie

Nach achtzehn Stunden einer wahren Hölle von Unschlüssigkeit hatte Hilary sich endlich dazu verstanden, jenen versprochenen Besuch zu machen, an dem die Zukunft zweier Leben hing.

Nachdem er Bianca an der Haustür begegnet war, ging er unbemerkt über den Flur; aber als er das Zimmer der Kleinen betrat, lag in seinen finster gewordenen Zügen der Ausdruck verwundeten Selbstgefühls.

Dieser Anblick war nach dem Kampf, den das Mädchen eben durchgemacht hatte, mehr, als ihre Selbstbeherrschung zu ertragen vermochte. Anstatt auf ihn zuzueilen, setzte sie sich auf ihren verschnürten Koffer und begann zu schluchzen. Es war wie das Schluchzen eines Kindes, das in der Schule eine Rüge erhalten hat, eines Backfischchens, dessen Ballkleid nicht zur rechten Zeit gekommen ist. Es machte Hilary, dessen Nerven ohnehin schon auf das äußerste angespannt waren, nur ungeduldig. Er stand buchstäblich zitternd da, als ob jeder dieser leisen Schluchzer ein Schlag auf sein seelisches Trommelfell sei; und mit jeder Fiber seines Wesens nahm er die Einzelheiten dieses parfümdurchtränkten Zimmers in sich auf – den braunen Blechkoffer, das ungemachte Bett, die rostroten Türen.

Und er erkannte, daß sie ihre Schiffe verbrannt hatte, um es einem zartfühlenden Manne unmöglich zu machen, sie jetzt im Stich zu lassen!

Das kleine Modell hob das Gesicht und blickte ihn an. Was sie sah, schien noch weniger beruhigend als der erste Anblick, denn es machte ihrem Schluchzen ein Ende. Sie stand auf und wandte sich zum Fenster, offenbar in dem Bemühen, mit Taschentuch und Puderquaste den Schaden, den die Tränen verursacht, wieder gut zu machen. Und als sie damit fertig war, blieb sie still dort stehen, den Rücken ihm zugewandt. Ihr tiefes Atmen ließ ihre junge Gestalt von der Taille bis zu der kleinen Pfauenfeder auf ihrem Hut erbeben. Und mit jeder leisen Regung schien sie sich Hilary anzubieten.

Auf der Straße hatte eine Drehorgel zu spielen begonnen, jenen Walzer, den sie am Nachmittag, als Stone so krank geworden war, gehört hatten. Keiner von ihnen beiden schenkte jetzt der Melodie Beachtung, so tief erregt waren sie, und doch brachte sie einen Rhythmus in des Mädchens Gestalt – es war wie die Duftentfaltung, die die Sonne einer Blume bringt. Sie brachte in Hilarys Ohren und Wangen die Röte zurück, wie ein Windzug ein Feuer wieder zur Glut entfacht, das im Ersticken war. Ohne es zu wissen, ohne einen Laut, Zoll für Zoll näherte er sich ihr; und als sie das fühlte, ohne es zu sehen, stand sie plötzlich regungslos da, bis auf das tiefe Atmen, das die warme Jugend in ihr so aufwühlte. In dieser seiner stummen Vorwärtsbewegung lag die Geschichte des Lebens und das Mysterium der sexuellen Anziehungskraft. Zoll um Zoll kam er ihr näher; sie schwankte; sie schien magisch seine Arme anzuziehen, damit sie ihre Gestalt, die nach rückwärts zu sinken schien, umfangen sollten; es war, als hypnotisiere sie ihn, damit er vergessen möge, daß irgend etwas anderes da sei, irgend etwas anderes in der ganzen Welt als ihr junger Leib, der ihn erwartete – und nichts als das!

Da schwieg die Drehorgel plötzlich; der Zauber war gebrochen! Sie wandte sich zu ihm herum. Wie ein Windstoß die grünen Zauberwasser kräuselnd verdunkelt, in die ein Sterblicher eben noch gestarrt, so überflog Hilarys Verstand plötzlich die Situation und zeigte sie ihm noch einmal, wie sie war. Das Mädchen, das jeden Schatten auf seinem Gesicht bemerkte, tat, als wollte es wieder in Tränen ausbrechen; dann aber, da Tränen so wenig genutzt hatten, preßte sie die Hände vor die Augen.

Hilary blickte auf diese runden, nicht allzu sauberen Hände. Und da sah er, wie sie ihn durch ihre Finger hindurch beobachtete. Es war unheimlich, fast furchtbar; wie der Anblick einer Katze, die einem Vogel nachstellt. Und er stand entsetzt vor der erschreckenden Wirklichkeit seiner Lage, vor dem Anblick seiner eigenen Zukunft, die er an die des Mädchens ketten wollte, mit ihren Traditionen, Gewohnheiten, mit den tausend Dingen, die er nicht kannte, und mit denen er sich doch abzufinden hatte, wenn er sie einmal nahm. Eine Minute verging, die eine Ewigkeit schien. Denn in sie hinein drängte sich alle Macht ihres langen Werbens, ihr instinktives Sichanklammern an etwas, daß sie als Geborgensein empfand, ihr Aufwärtsstreben, ihr Sichfestranken an seiner Person.

Hilary, der dies klar erkannte, den jene Vision seiner Zukunft zurückschreckte, und der sich doch mit seinen Sinnen ihr entgegengetrieben fühlte, Hilary schwankte wie ein Trunkener. Und plötzlich warf sie sich ihm entgegen, schlang ihre Arme um seinen Hals und preßte ihren Mund auf den seinen. Die Berührung ihrer Lippen war feucht und heiß. Ein Duft von schlechtem Veilchenpuder, vermischt mit ihrer Körperwärme, strömte von ihr aus. Er drang in Hilarys Seele, und Hilary wich in rein physischem Widerwillen zurück.

Als es sich so zurückgewiesen sah, blieb das Mädchen wie erstarrt stehen, mit bebender Brust, die Augen unnatürlich erweitert, den Mund vom Kuß noch halb geöffnet. Hilary riß aus seiner Tasche ein Paket Banknoten und warf sie aufs Bett.

»Ich kann Sie nicht mit mir nehmen!« stöhnte er fast hervor. »Es ist Wahnsinn, es ist unmöglich!« Und damit ging er hinaus. Er lief die Treppen hinab und sprang in seinen Wagen. Eine unendliche Zeit schien zu vergehen, bis dieser sich in Bewegung zu setzen begann. Endlich fuhr der Wagen ab, und Hilary saß da, zurückgelehnt, die Fäuste geballt, regungslos wie ein Toter. Sein starres Gesicht wurde von der Wirtin erkannt, die eben von ihren Morgeneinkäufen heimkehrte. »Der Herr sah ja aus, als hätte er schlechte Nachrichten bekommen,« dachte sie. Und begreiflicherweise suchte sie eine Verbindung zwischen ihm und ihrer Mieterin. Als sie an die Tür des Mädchens klopfte und keine Antwort erhielt, trat sie ein.

Das kleine Modell lag auf dem ungemachten Bett, ihr Gesicht in den blau- und weißkarierten Kissen vergraben. Ihre Schultern bebten, und sie ließ ein unterdrücktes Schluchzen hören. Die Wirtin blieb, sie stumm anstarrend, stehen.

Sie entstammte einer bigotten Familie aus Cornwall und hatte das Mädchen eigentlich nie leiden mögen, weil ihr Instinkt ihr sagte, daß es ›so eine‹ war, der das Leben schon früh bös mitgespielt hatte. Und die, denen das Leben schon so früh bös mitspielt, das wußte sie, waren ›leichte Flittchen‹. Mit ihren Erfahrungen vom Landleben vermochte sie sich gut die Geschichte des kleinen Modells zusammen zu reimen – jene so einfache, alltägliche, kleine Geschichte. Manchmal war ja so ein Kummer rasch vorüber und vergessen; aber mitunter, wenn der junge Mann nicht alles gut machen wollte und ihre Familie zu Haus die Sache schwer nahm, na, dann – –! Das etwa waren die Erwägungen der guten Frau. Da sie ein und derselben Sphäre angehörten, hatte sie mit ihrer Mieterin von Anfang an nicht viel Aufhebens gemacht.

Aber da sie es jetzt offenbar so ganz von Kummer überwältigt sah, und da sich überdies hinter ihrem granitnen Antlitz und den gierigen Augen tief innen etwas Warmes und Gütiges barg, tätschelte sie das Mädchen leise auf die Schulter.

»Na, seien Sie man gut!« sagte sie, »hör'n Sie nu mal auf! Wo fehlt's denn?«

Das kleine Modell schüttelte die Hand ab, wie ein leidenschaftliches Kind einen Trost abwehrt. »Lassen Sie mich in Ruh'!« stieß sie hervor.

Die Wirtin trat einen Schritt zurück.

»Hat Ihnen jemand was getan?« fragte sie.

Das kleine Modell schüttelte den Kopf.

Ganz erstaunt über diesen stummen Kummer, verhielt sich die Wirtin schweigend. Dann äußerte sie, mit der Gelassenheit jener, deren Leben ein einziges langes Kämpfen mit dem Schicksal ist: »Ich kann nich mit ansehen, daß irgend einer so schrecklich weint!«

Und da das Mädchen eigensinnig jede Teilnahme von sich zu weisen schien, ging sie auf die Tür zu.

»Na,« sagte sie gutmütig, »wenn Sie mich brauchen, ich bin in der Küche.«

Das kleine Modell blieb auf dem Bett liegen. Dann und wann schluckte sie, wie ein Kind, das sich abseits von seinen Spielgefährten ins Gras geworfen hat und versucht, seine Wut hinunterzuschlucken, seinen kleinen Augenblick der Verzweiflung in die Erde zu vergraben. Allmählich wurde das Schlucken seltener und hörte schließlich ganz auf. Sie richtete sich hoch und fegte dabei Hilarys Banknoten, auf denen sie gelegen hatte, zur Erde.

Beim Anblick dieses Bündels brach ihr Jammer von neuem los, indes sie sich auf die Seite warf, die nasse Wange in den Kissen vergrabend; und noch eine ganze Weile, nachdem ihr Schluchzen aufgehört, blieb sie regungslos liegen. Endlich erhob sie sich und schleppte sich zum Spiegel hin, vor dem sie ihr gerötetes, gedrücktes Gesicht, die Tränenspuren auf den Wangen und die geschwollenen Lider betrachtete; und gleichgültig richtete sie sich wieder her. Dann setzte sie sich auf ihren braunen Blechkoffer und nahm das Bündel Banknoten von der Erde auf. Sie verursachten ein eigentümliches trockenes Rascheln. Fünfzehn Pfundnoten – Hilarys ganzes Reisegeld. Ihre Augen wurden größer und größer, indes sie zählte; und ganz plötzlich fielen Tränen hinab auf diese dünnen Papierblätter.

Dann knöpfte sie langsam ihre Taille auf und schob die Banknoten so tief hinein, daß nichts als das Hemd zwischen ihnen und dem bebenden warmen Fleisch blieb, hinter dem ihr Herz sich barg.

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