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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Drittes Kapitel

Hilarys Zweifel.

»Was ist nun eigentlich deine Ansicht, Onkel Hilary?«

Hilary Dallison wandte sich von seinem Schreibtisch herum, um seiner jungen Nichte ins Gesicht sehen zu können und antwortete:

»Mein liebes Kind, seit Erschaffung der Welt ist's immer so gewesen. Es gibt meines Wissens keinen chemischen Prozeß, der nicht Nebenprodukte zurückließe. Was dein Großvater unsere ›Schatten‹ nennt, ist nichts anderes als das Nebenprodukt des sozialen Prozesses. Daß es ein untergegangenes Zehntel gibt, ist eben so sicher, wie daß es ein hochgekommenes Fünfzigstel, gleich uns, gibt; zu sagen, wer sie sind, wie sie entstehen, ob ihre Gattung je aus der Welt verschwinden wird, das scheinen mir unbeantwortbare Fragen.«

Die Gestalt des jungen Mädchens in dem großen Lehnstuhl rührte sich nicht. Ihre Lippen kräuselten sich trotzig, und sie runzelte die Stirn.

»Martin meint, eine Sache sei nur dann unmöglich, wenn wir sie dafür halten.«

»Das ist wie mit dem Glauben und dem Berg, ja, ja!«

Thymians Fuß fuhr hastig nach vorn; fast hätte sie auf Miranda, die kleine Bulldogge, getreten.

»Oh, Viehchen!«

Aber die bernsteinfarbene Bulldogge duckte sich zurück.

»Ich finde diese Armenspelunken gräßlich, Onkel! Sie sind so widerwärtig!«

Hilary stützte den Kopf in die Hand; so konnte man ihn häufig sehen.

»Sie sind gräßlich und widerwärtig und bedrückend. Dadurch wird aber das Problem nicht weniger schwierig.«

»Ich glaube, wir schaffen die Schwierigkeiten selbst, nur weil wir sie sehen.«

Hilary lächelte. »Hat das auch Martin behauptet?«

»Freilich.«

»Ehrlich gesagt,« meinte Hilary halb für sich, »sehe ich nur einen schwierigen Punkt – die menschliche Natur.«

Thymian erhob sich. »Ich finde es schrecklich, wenn man von der menschlichen Natur gering denkt.«

»Liebes Kind,« entgegnete Hilary, »kannst du dir nicht vorstellen, daß Leute, die von der menschlichen Natur, wie man so sagt, gering denken, tatsächlich viel duldsamer ihr gegenüber sind und daß sie eine viel größere Liebe für sie haben als die, welche immer nur darüber grübeln, wie die menschliche Natur sein sollte und sie deshalb schließlich hassen müssen, so wie sie nun mal ist?«

Der Blick, mit dem Thymian in ihres Onkels gütiges, sympathisches Gesicht mit dem Spitzbart, der hohen Stirn und dem eigentümlichen leisen Lächeln sah, schien Hilary zu verwirren.

»Ich möchte nicht, daß du eine unnötig geringe Meinung von mir hast, Kind. Ich gehöre nicht zu jenen, die da sagen, alles ist in schönster Ordnung, weil die Reichen ebenso ihre Sorgen haben wie die Armen. Aber halbwegs ein Auskommen und eine Lebensmöglichkeit muß der Mensch doch haben, bevor wir irgend etwas anderes für ihn tun können, als ihn bemitleiden. Freilich wird darum die Schwierigkeit, wie wir ihm dieses bißchen Auskommen und Lebensmöglichkeit verschaffen, nicht geringer, nicht wahr?«

»Wir müssen aber etwas tun,« meinte Thymian, »es läßt sich nicht mehr umgehen.«

»Liebes Kind,« sagte Hilary, »denk' an Mr. Purcey! Welch' ein Prozentsatz der oberen Klassen, glaubst du, ist sich überhaupt dieser Notwendigkeit bewußt? Wir, die wir das soziale Gewissen, wie ich es nennen möchte, in uns haben, wir streben über das Niveau eines Purcey hinaus; wir sind nur eine Gruppe von ein paar Tausend gegen zehntausende von Purceys; und wie wenige selbst von uns sind bereit oder auch nur geeignet, unserm Gewissen entsprechend zu handeln! Den Ideen deines Großvaters zum Trotz, sind wir, fürchte ich, alle doch ganz entschieden in Klassen eingeteilt; der Mensch handelt und hat immer seiner Klasse entsprechend gehandelt.«

»Oh, Klasse!« antwortete Thymian, »das ist das alte Vorurteil, Onkel!«

»Meinst du? Ich dachte immer, unsere Klasse, das sind wir selbst in verstärkter Potenz – etwas, das sich nicht abschütteln läßt. Zum Beispiel, was wollen wir beide, du und ich mit unsern angeborenen Vorurteilen wohl beginnen?«

Thymian sah ihn mit dem grausamen Blick der Jugend an, der zu sagen schien: »Du bist mein lieber Onkel, und ich habe dich sehr gern; aber du bist noch einmal so alt wie ich. Damit ist, denke ich, alles gesagt.«

»Ist wegen Mrs. Hughs irgend etwas beschlossen worden?« fragte sie plötzlich ablenkend.

»Was sagt dein Vater heute dazu?«

Thymian nahm ihre Zeichenmappe auf und schritt auf die Tür zu.

»Vom Vater ist nichts zu hoffen. Er gibt nur den Rat, sie an den Verein zu weisen.«

Thymian war gegangen, und Hilary nahm aufseufzend seine Feder zur Hand, aber er schrieb nichts nieder.

Hilary und Stephen Dallison waren die Enkelsöhne jenes Stiftsherrn gleichen Namens, der als Freund und gelegentlicher Ratgeber eines berühmten Novellisten aus der Viktorianischen Zeit bekannt war. Der Stiftsherr stammte aus einer alten Oxforder Familie, die mindestens drei Jahrhunderte hindurch dem Staat oder der Kirche gedient hatte, und war selbst Verfasser der zwei Bände ›Sokratische Zwiegespräche‹ gewesen. Er hatte seinem Sohn, der im Auswärtigen Amt Dienste tat, wenn auch nicht seine literarische Begabung, doch jedenfalls die Tradition einer höher entwickelten Kultur vererbt. Und diese Tradition war dann auf Hilary und Stephen übergegangen.

Sie hatten gemeinsam erst die Schule, dann die Universität im Cambridge besucht, besaßen ein hinlängliches, wenn auch nicht bedeutendes Vermögen, das sie unabhängig machte, und waren von Kindheit an daran gewöhnt, niemals Geldangelegenheiten zu erörtern, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. So gingen sie gewissermaßen aus der Münze mit der gleichen äußeren Prägung versehen, hervor. Beide waren liebenswürdig, beide jeder Art von Sport ergeben und arbeitsame Naturen. Auch lag in beiden ein hoher Grad von Kultur – jener in Fleisch und Blut übergegangenen Kultur, jener Abneigung gegen alles Gewaltsame, die nirgends so allgemein ist wie in den oberen Klassen eines Landes, dessen feststehende Gebräuche so alt sind wie seine Landstraßen oder wie die Mauern, die seine Parks umschließen. Aber im Laufe der Zeit begann eine wichtige Eigenschaft in ihnen zu wirken, die Vererbung und Erziehung, Umgebung und Vermögenslage in ihnen großgezogen hatte: die Selbsterkenntnis. Für Stephen war sie ein Schutzmittel, das ihn gewissermaßen in heißer Jahreszeit unter Eis hielt und ihn in den Stand setzte, genau zu wissen, wann er in Gefahr war, sich zu verlieren, so daß er den Prozeß im Keim zu ersticken vermochte. Die Selbsterkenntnis war bei ihm eine wohltätige, in gewissem Sinne chemische Beimischung, die seine einzelnen Eigenschaften band und sie sicher und gemeinsam sich betätigen ließ. Bei Hilary schien die Wirkung eine andere gewesen zu sein; wie ein langsames, unmerkliches Gift hatte diese wichtige Eigenschaft, die Selbsterkenntnis, seine Natur durchdrungen, hatte jede Faser seines Geistes durchtränkt, so daß es ihm schwer zu werden begann, vor lauter Skrupel einen entscheidenden Gedanken zu fassen oder eine entscheidende Tat zu tun. Im allgemeinen kleidete sich diese Selbstkritik in die Gestalt eines leisen, trocknen Humors.

»Es ist doch merkwürdig,« hatte er eines Tages zu Stephen gesagt; »wie eben der Vorgang, daß wir kleine Bissen zerhackten Viehs verschlingen, unser Gehirn in den Stand setzt, das Merkwürdige dieses Vorganges zu erkennen.«

Stephen hatte eine Weile geschwiegen, ehe er antwortete – sie frühstückten eben Rinderbraten im Gerichtsgebäude – dann meinte er:

»Du willst doch nicht etwa die höheren Säugetiere auf deiner Speisekarte vergessen, wie unser verehrter Herr Schwiegerpapa?«

»Im Gegenteil, ich will sie essen,« sagte Hilary; »aber merkwürdig ist's doch; du hast mich nicht ganz verstanden.«

Für Stephen war es klar, daß es mit einem Menschen, der darin etwas Merkwürdiges sah, weit gekommen sein mußte, und er brummte:

»Mein lieber Junge, du grübelst ein bißchen zu viel.«

Hilary sah den Bruder mit seinem eigentümlich abweisenden Lächeln an, das nicht nur zu sagen schien: »Laß dich von mir nicht langweilen,« sondern gleichzeitig: »Rühr' lieber nicht an diese Dinge«; und damit schloß die Unterhaltung.

Jenes Lächeln, das von den Dingen fortglitt, war bei Hilary, wiewohl es verwirrend wirkte und jede Verständigung abschneiden konnte, doch natürlich genug. Ein feinfühlender Mensch wie er, der sein Leben in kultivierter Umgebung mit Bücherschreiben verbracht hatte und den ein bescheidener Wohlstand vor materieller Sorge schützte, konnte nicht zweiundvierzig Jahre alt werden, ohne zu bemerken, daß sein Zartgefühl sich bis zur Empfindlichkeit gesteigert hatte. Sogar sein Hund mußte bemerken, was für eine Art von Mensch er war. Die kleine Bulldogge wußte genau, daß er sich weder ihren Ohren noch ihrem Schwanz gegenüber etwas herausnehmen würde. Sie war sicher, daß er ihr nie das Maul aufreißen würde, um sich ihre Zähne anzusehen, wie es viele tun. Und wenn sie, wie eben jetzt, dasaß, die Augen auf das Kaminfeuer gerichtet, so würde er sie nie, das wußte sie genau, hindern, vor sich hinzudämmern, wie sie es so sehr liebte.

In seinem Arbeitszimmer, in dem es nach einem eigentümlich milden Tabak roch, der den Nerven jedwedes schriftstellernden Menschen wohltun mußte, stand eine Büste des Sokrates, die auf ihren Besitzer eine eigene Anziehungskraft zu üben schien. Er hatte einmal einem Kollegen den Eindruck beschrieben, den jenes Bildwerk auf ihn machte. Es war merkwürdig häßlich, so, als ob es den Inhalt des ganzen menschlichen Lebens in sich schloß, all seine Gier und seine Lüste, seine Grausamkeit und sein Ungestüm, aber auch sein unablässiges Streben nach Liebe, Einsicht und Klarheit.

»Er rät uns,« meinte Hilary, »hinunterzusteigen, tief hinabzutauchen und bei den Meerfrauen zu leben, draußen unter der Sonne auf den Hügeln zu liegen, mit Sklaven im Schweiße unseres Angesichts zu arbeiten, alle Menschen, alle Dinge kennen zu lernen. Kein Sitz unter den Weisen, sagt er, wenn wir nicht alles durchlebt haben, ehe wir den Aufstieg beginnen! Das ist die Wirkung, die er auf mich übt – keine sonderlich aufheiternde für Leute unseres Schlages!«

Von dieser Büste beschattet, stützte Hilary den Kopf in die Hand. Vor ihm lagen drei aufgeschlagene Bände und ein Stoß Manuskripte, und ein wenig beiseite geschoben, ein Häuflein grünlich-weißer Papierblätter – ausgeschnittene Kritiken über sein neuestes Buch.

Welchen Platz die Arbeit in dem Leben eines Mannes wie Hilary einnahm, ist nicht ganz leicht festzustellen. Sie sicherte ihm ein Einkommen, aber er war nicht abhängig von diesem Einkommen. Als Dichter, Essayist und Kritiker hatte er sich einen gewissen Namen gemacht – keinen großen vielleicht, aber doch so, daß er Geltung hatte. Ob seine Empfindsamkeit den Bedingungen einer literarischen Existenz standgehalten hätte, wenn er ohne private Mittel gewesen wäre, das wurde dann und wann von seinen Freunden erörtert. Wahrscheinlich hätte er es besser gekonnt, als man vermutete; denn zeitweise setzte er diejenigen, die ihn immer nur als Dilettanten gelten lassen wollten, durch die konsequente Art in Erstaunen, mit der er sich von allem zurückzog, wenn es irgend eine Arbeit zu vollenden galt.

So sehr er sich an jenem Morgen auch bemühte, die Gedanken auf seine literarische Aufgabe zu richten, so kehrten sie doch immer wieder zu seiner Nichte und zu dem Gespräch vom Tage vorher im Atelier seiner Gattin, über die Näherin zurück. Stephen war, als sie nach Tische fortgingen, hinter Cecilia und Thymian zurückgeblieben, um seinem Bruder am Gartentor noch einen letzten Rat zu erteilen. »Stell' dich nie zwischen Mann und Frau – du weißt, wie die Proletarier sind!«

Und durch den dunklen Garten hatte er nach dem Haus zurückgeblickt. Nur ein Zimmer war im Parterre erleuchtet. Durch das offene Fenster hindurch konnte man den Kopf und die Schultern des alten Stone, dicht neben einer kleinen grünen Arbeitslampe gewahren. Stephen schüttelte den Kopf und murmelte:

»Wie sagte doch unser alter Freund? ›Da draußen – in jenen Häusern – jenen Straßen!‹ Es ist mehr als einfache Verschrobenheit – der arme alte Bursch ist nicht ganz ...« Und während er leicht mit zwei Fingern an seine Stirn tippte, eilte er davon mit dem elastischen Schritt eines Menschen, dessen Phantasie sich vom erwägenden Verstand beherrschen läßt.

Einen Augenblick zwischen den Sträuchern stehen bleibend, hatte auch Hilary nach dem erleuchteten Fenster geblickt, das die dunkle Front des Hauses unterbrach, und auch seine kleine, gelbe Bulldogge hatte hinter seinen Beinen hervor nach oben gesehen. Stone stand still da, mit der Feder in der Hand, offenbar tief in Gedanken versunken. Sein silbernes Haupt und der Bart bewegten sich leise entsprechend der Tätigkeit seines Hirns. Jetzt trat er nahe ans Fenster und blickte, offenbar ohne seinen Schwiegersohn zu bemerken, hinaus in die Nacht.

In der Dunkelheit da draußen waren alle Formen und Lichter und Schatten einer Londoner Frühlingsnacht beieinander; die Bäume in ihrer dunklen Blüte, das fahle Gelb der Gaslampen – matte Sinnbilder der Selbsterkenntnis. Auch die Gestalten von heimeilenden Männern und Frauen waren sichtbar und die großen, scharf abgegrenzten Umrisse der Häuser, in denen sie lebten. Ein Glorienschein schwebte über der Stadt – ein Höhennebel gelben Lichts, der die Sterne nur matt hervortreten ließ. Die dunkle Gestalt eines Schutzmannes bewegte sich gemächlich und geräuschlos an dem gegenüberliegenden Zaun entlang.

Von dieser Zeit an bis elf Uhr, zu welcher Stunde er sich auf einer kleinen Spirituslampe etwas Kakao zu bereiten pflegte, hielt sich der Verfasser des »Buches von der Allgemeinen Brüderschaft« gewöhnlich abwechselnd über sein Manuskript gebeugt oder am Fenster auf, wo er starr in die Nacht hinaussah ...

Mit einem Ruck kehrte Hilary zu seinen Betrachtungen unter der Büste des Sokrates zurück.

»Jeder von uns hat einen Schatten da draußen – in jenen Straßen! ...«

In dieser Vorstellung lag sicherlich ein Giftstoff. Entweder mußte man sie als einen Scherz betrachten, wie es Stephen tat; oder, – was sollte man sonst? Wie weit war es einem Pflicht, sich mit anderen Menschen zu identifizieren, besonders mit den Hilflosen – wie weit, sich unberührt zu halten – integer vitae? Hilary war kein junger Mensch wie seine Nichte oder Martin, denen alles so einfach schien, noch war er ein alter Mann wie ihr Großvater, dem das Leben keine Verwicklungen mehr bot.

Und da er sich seiner angeborenen Unfähigkeit bewußt war, in einem solchen oder überhaupt in irgend einem Falle eine Entscheidung zu treffen, es handelte sich denn um rein literarisch-technische Dinge, so stand er von seinem Schreibtisch auf und ging, seine kleine Bulldogge mit sich führend, aus. Er hatte die Absicht, Mrs. Hughs in der Houndstreet aufzusuchen, um sich mit eigenen Augen vom Stand der Dinge zu überzeugen. Aber er hatte auch noch einen andern Grund, um dessentwillen der Gang dorthin ihm erwünscht war ...

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