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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Siebenunddreißigstes Kapitel

Das Blühen der Aloe.

Als Hilary am selben Nachmittag von seinen Reiseeinkäufen durch Kensington Gardens heimkehrte, sah er plötzlich Bianca vor sich am Ufer des ›Runden Teiches‹ stehen.

Den Augen der Besucher dieser elysäischen Gefilde, in denen so viele Menschen und Schatten täglich ihr bißchen Erfrischung zu erhaschen suchten, den Augen aller, die in diesen grünen Gartenanlagen ihren süßen Friedenstrank schlürften, erschienen die beiden Gatten nicht anders als ein vornehm aussehendes, von schöner Harmonie erfülltes Paar. Denn noch war die Zeit nicht gekommen, da die Menschen eins waren und instinktiv zu sagen vermochten, was im Herzen des andern vorging.

Tatsächlich gab es wohl nicht allzuviele Menschen in London, die in der gleichen Lage sich mit eben soviel Würde benommen hätten – nicht allzuviele, die soviel Kultur besaßen wie diese beiden!

Einander entfremdet und im Begriff von einander zu gehen, hielten sie den Anschein der Eintracht bis zum letzten Augenblicke aufrecht. Für sie gab es keinen ehelichen Zank, kein feierliches Anklagen und Beschuldigen oder pathetisches Behaupten von Besitzerrechten. Für sie existierte nicht die altgeheiligte Überlieferung, daß sie um jeden Preis einander elend machen müßten – nicht einmal der Glaube, daß sie ein Recht dazu hätten. Nein, es gab keinerlei solchen Trost für ihre wunden Herzen. So schritten sie nebeneinander her, jeder die Empfindungen des andern achtend, als hätte es kein schweres Herzeleid gegeben in den achtzehn Jahren, da sie zuerst geliebt, dann durch geheimnisvollen Mißklang auseinander gekommen waren – als stünde jetzt nicht dieses Mädchen zwischen ihnen.

Da begann Hilary: »Ich bin in der Stadt gewesen und habe Reiseeinkäufe gemacht. Ich gehe morgen fort, in die Berge. So brauchst du dich von deinem Vater nicht zu trennen.«

»Nimmst du sie mit?«

Sie sagte das voller Freimut, ohne jede Spur von einem Nebengedanken oder Neugier. Der Ton war ungezwungen, weder gleichgültig, noch allzu interessiert – niemand hätte zu sagen vermocht, ob sie es großherzig oder spöttisch meinte. Hilary nahm es für das erstere.

»Ich danke dir,« sagte er; »diese Komödie ist beendet.«

Nahe am Ufer des Runden Teiches setzte sich ein schwanförmiges Boot in Bewegung; in seinem Kielwasser trieb und schwankte ein kleines, ausgehöhltes Stück Holz mit drei Federn statt der Masten; und zwei zerlumpte Bübchen, denen dieses kleine Fahrzeug gehörte, versuchten es mit langen Zweigen zurückzuholen aus dem hellen Gewässer.

Wie stolz waren die beiden auf ihr Eigentum! Bianca blickte, – ohne zu sehen – auf das Spielzeug, auf den wertvollen Besitz dieser beiden angehenden Männer herab. Eine dünne, goldne Kette hing ihr um den Hals. Plötzlich schob sie sie in die Taillenöffnung ihres Kleides. Sie war zwischen ihren Fingern entzweigerissen.

Ohne weiter ein Wort zu wechseln, erreichten sie ihr Heim.

An der Tür von Hilarys Arbeitszimmer saß Miranda. Das Tierchen beantwortete seine Liebkosung mit einem Zittern seines glatten Fells und rollte sich dann auf demselben Fleck, den es schon gewärmt hatte, wieder zusammen.

»Kommst du nicht zu mir hinein?« fragte er.

Miranda rührte sich nicht. Die Ursache ihrer Weigerung wurde offenbar, als Hilary in sein Zimmer trat. Ganz nahe bei dem langer Bücherschrank stand, hinter der Büste des Sokrates, das kleine Modell. Regungslos, als fürchtete sie, sich durch einen Ton oder eine Bewegung zu verraten, stand ihre Gestalt da in dem blaugrünen Kleid mit einem randlosen Hut aus braunem Stroh, den zwei rote Rosen mit einem Band von dunklerem Sammet zierten. Neben diesen Rosen hatte sich eine winzige Pfauenfeder eingeschlichen – ein leichtfertiges kleines Etwas, das sich nach rückwärts neigte, das gewissermaßen versuchte, die Blicke anzuziehen und dabei doch unbemerkt bleiben wollte. Und das Mädchen selbst, wie es dastand zwischen der ernsten, weißen Büste und dem dunklen Bücherschrank, hatte etwas von einem aufdringlichen Gast, der sich hier hereingeschlichen hat und nun zitternd und bebend sich darauf gefaßt macht, hinausgewiesen zu werden. Vor dieser Erscheinung wich Hilary bis zur Tür zurück, zögerte und trat wieder näher.

»Sie hätten nicht hierherkommen sollen,« murmelte er, »nachdem was wir Ihnen gestern gesagt haben.«

Das kleine Modell antwortete hastig: »Aber ich bin Hughs begegnet, Mr. Dallison. Er hat rausgefunden, wo ich wohne. O, er sieht schrecklich aus; ich habe Angst vor ihm. Ich kann jetzt nich mehr dort bleiben!«

Sie war ein wenig aus ihrem Versteck herausgekommen und stand da mit niedergeschlagenen Augen, die Hände unruhig bewegend.

»Sie spricht nicht die Wahrheit,« dachte Hilary.

Das kleine Modell warf ihm einen hastigen Blick zu. »Ich habe ihn gesehn,« sagte sie; »ich muß jetzt sofort von da weg; ich wäre doch dort nich mehr sicher, nich wahr?« Wieder streifte ihn ein scheuer Blick.

Hilary dachte plötzlich: »Sie gebraucht meine eigene Waffe gegen mich. Wenn sie den Mann gesehen hat, so hat er sie doch nicht erschreckt. Es geschieht mir recht!« Mit einem trocknen Auflachen wandte er ihr den Rücken.

Er hörte einen raschelnden Laut; die Kleine war ganz hervorgekommen und stand zwischen ihm und der Tür. In Hilary stieg wieder dieselbe Verwirrung auf, die ihn überkommen hatte, als er neben ihr auf dem großen Weg nach des Kindes Beerdigung gesessen hatte. Draußen, im Garten, ließ eine Taube ihr langandauerndes Liebesgurren hören; Hilary vernahm nichts davon; er fühlte nur die Gestalt des Mädchens hinter sich, diese junge Gestalt, die seine Sinne umstrickt hatte.

»Ja, was wollen Sie nun?« fragte er endlich.

Die Kleine antwortete mit einer Gegenfrage. »Reisen Sie wirklich fort, Mr. Dallison?«

»Ja, ich gehe fort.«

Sie hob die Hände in Brusthöhe, als wollte sie sie falten; aber ohne daß sie es tat, sanken sie wieder schlaff herab. Sie waren in abgetragene schwedische Handschuhe gezwängt, und in diesem peinlichen Augenblick der Verwirrung hefteten sich Hilarys Augen auf jene kleinen behandschuhten Hände, die sich an ihr Kleid drängten. Die Kleine versuchte sofort, sie hinter sich zu verstecken. Plötzlich sagte sie mit ihrer nüchternen Stimme: »Ich möchte nur mal fragen: kann ich nich mitkommen?«

Bei dieser Frage, über deren Einfalt ein Engel hätte lächeln mögen, überkam Hilary ein Gefühl, als ob seine Glieder sich in Wasser verwandelten. Es war eigentümlich – wundersam – als ob ihm plötzlich alles das dargeboten würde, wonach ihn verlangte, ohne etwas von dem, was ihn abstieß. Er stand da und betrachtete sie schweigend. Ihre Wangen und ihr Nacken waren rot, und auch auf ihren Augenlidern lagen rötliche Flecke, die ihre Augen dunkler leuchten ließen. Da begann sie zu sprechen, als ob sie eine auswendig gelernte Aufgabe hersagte:

»Ich würde Ihnen nich im Wege sein; ich würde nich viel kosten; ich könnte alles tun, was Sie wollen. Ich könnte Maschine schreiben lernen, ich brauchte nich nahe bei Ihnen zu wohnen, wenn es Ihnen unangenehm wäre, wegen der Leute. Ich bin ja daran gewöhnt, allein zu sein. Oh, Mr. Dallison, ich könnte alles für Sie tun, ich würde vor nichts zurückschrecken; und ich bin nich wie andere Mädchen; ich weiß, was ich da sage!«

»Wirklich?«

Das kleine Modell hob die Hände und ihr Gesicht damit bedeckend, sagte sie:

»Wenn Sie's doch versuchen wollten!«

Bei Hilary war jede sinnliche Regung fast plötzlich verflogen. Statt dessen schnürte sich ihm die Kehle zusammen.

»Liebes Kind,« sagte er, »Sie sind zu edelmütig!«

Die Kleine schien instinktiv zu fühlen, daß sie, indem sie an seinen Verstand appellierte, an Boden verlor. Die Hände vom Gesicht nehmend, sprach sie atemlos und wurde sehr blaß dabei:

»Oh nein, das bin ich gar nich; ich möchte nur, daß Sie mir erlauben, mitzukommen. Ich mag nich hierbleiben. Ich weiß, ich mache Dummheiten, wenn Sie mich nich mitnehmen – ich weiß bestimmt, ich tu's!«

»Wenn ich Sie mit mir kommen ließe,« sagte Hilary, »was dann? Welche Art von Beziehungen wäre zwischen uns beiden möglich? Sie wissen das recht gut – nur eine Art. Es ist unnütz, zu behaupten, Kind, daß wir irgendwelche gemeinsamen Interessen haben.«

Die Kleine kam ihm näher.

»Ich weiß, was ich bin,« sagte sie, »und ich will auch nichts anderes sein. Ich will alles tun, was Sie von mir verlangen, und ich werde mich nie beklagen. Ich bin nichts Besseres wert!«

»Sie sind Besseres wert, als ich Ihnen je geben kann,« stieß Hilary hervor; »und ich bin Besseres wert, als Sie mir je geben können.«

Das kleine Modell versuchte zu antworten, aber ihre Worte fanden nicht den Weg aus ihrer Kehle; sie warf den Kopf zurück, wie um ihnen freien Lauf zu lassen, und stand wankend da. Als er sie so vor sich sah, weiß wie ein Tischtuch, mit geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen, wie im Begriff, die Besinnung zu verlieren, da faßte Hilary sie bei den Schultern. Bei der Berührung dieser weichen Schultern stieg ihm das Blut ins Gesicht, seine Lippen bebten. Plötzlich öffneten sich ihre Augen ein ganz klein wenig zwischen den Lidern, und sie blinzelten ihn an. Als er wahrnahm, daß die Ohnmachtsanwandlung nicht echt, daß sie eine kleine verzweifelte List dieses Kindes Dalila war, da riß er seine Hände von ihr los. Im selben Augenblick, als sie seinen Griff sich lockern fühlte, sank sie nieder und umschlang seine Kniee, sie so an ihren Busen pressend, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Enger und enger drückte sie sie an sich, bis es war, als müßten sie ihr das Fleisch zerquetschen. Ihr Atem kam in Stößen hervor; ihre Augen waren geschlossen, die Lippen zitternd aufwärts gerichtet. In der Umschlingung ihres angeschmiegten Körpers lag alle Frauenmacht der Hingebung. Und grad das war es, was Hilary in diesem für ihn so peinvollen Augenblick zurückhielt, sie in seine Arme zu reißen – eben jenes scheinbar Sichselbstauslöschen, als wäre sie ihres Tuns sich nicht bewußt. Es schien ihm allzu brutal, zu sehr, als wolle er sich ihre kindliche Schwäche zunutze machen.

Hilary riß sich von ihr los, und sie fiel nach vorn auf ihr Gesicht.

»Stehen Sie auf, Kind,« sagte er, »stehen Sie auf, um Gottes willen, bleiben Sie da nicht liegen!«

Sie erhob sich gehorsam, zwang ihr Schluchzen nieder und trocknete ihr Gesicht mit einem kleinen, unsauberen Taschentuch. Plötzlich machte sie ein paar Schritte auf ihn zu, faltete beide Hände und ließ sie dann sinken. »Ich werd' schlecht werden,« sagte sie – »ich will es – wenn Sie mich nich nehmen!«

Und mit schweratmender Brust, das Haar gelöst, starrte sie ihm aus rotumrandeten Augen ins Gesicht. Hilary wandte sich plötzlich ab, nahm ein Buch vom Schreibtisch und öffnete es. Das Blut hatte sich ihm ins Gesicht gedrängt; Hände und Lippen bebten: in seinen Augen lag ein eigentümlich starrer Ausdruck.

»Nicht jetzt, nicht jetzt,« stieß er hervor; »gehen Sie jetzt, ich komme morgen zu Ihnen!«

Die Kleine richtete einen Blick auf ihn, wie ein Hund, wenn er fragen will, ob man ihn nicht täuscht. Sie machte eine Bewegung nach ihrer Brust, die etwas vom Kreuzeszeichen hatte, dann fuhr sie sich noch einmal mit ihrem kleinen, unsauberen Taschentuch über die Augen, wandte sich ab und ging hinaus.

Hilary blieb auf seinem Platz stehen und las in dem offenen Buch, ohne zu begreifen, was er las.

Ein eigentümliches Geräusch, wie von heftigem Atmen, schreckte ihn auf. Stone stand in der offenen Tür.

»Sie ist hier gewesen,« sagte er; »ich sah sie fortgehen.«

Hilary ließ das Buch sinken; seine Nerven waren aufs tiefste erschöpft. Auf einen Stuhl deutend, sagte er: »Wollen Sie sich nicht niedersetzen, Schwiegervater?«

Stone trat dicht an seinen Schwiegersohn heran. »Hat sie Kummer?«

»Ja,« murmelte Hilary.

»Sie ist zu jung für Kummer. Haben Sie ihr das gesagt?«

Hilary schüttelte den Kopf.

»Hat der Mann sie beleidigt?«

Wieder schüttelte Hilary den Kopf.

»Was hat sie sonst für einen Kummer?« sagte Stone.

Das geduldige Fragen und das intensive Anstarren dieser alten Augen war mehr, als Hilary zu ertragen vermochte. Er wandte sich ab.

»Sie fragen mich etwas, was ich nicht beantworten kann.«

»Weshalb?«

»Es ist eine persönliche Sache.«

Noch pochte ihm das Blut in den Schläfen, seine Lippen bebten noch; er fühlte noch des Mädchens Umschlingung, und etwas wie Haß gegen den alten Mann stieg in ihm auf, der dastand und so blinde Fragen an ihn richtete.

Dann sah er plötzlich in Stones Augen eine auffallende Veränderung, wie in dem Gesicht eines Menschen, der nach Tagen von Bewußtlosigkeit seine Umgebung plötzlich wiedererkennt. In seinem Antlitz prägte sich eine Art eifersüchtigen Begreifens aus. Die Wärme, die das kleine Modell in sein altes Gemüt gebracht, hatte die Nebel seiner ›Idee‹ zerteilt und seine Augen für das, was um ihn her vorging, sehend gemacht.

Eine Röte breitete sich langsam über Stones Gesicht; er sprach eigentümlich zögernd, als ob er sich nicht zurecht fände bei seiner plötzlichen Rückkehr zu den Menschen und den Dingen.

»Ich will Sie nicht weiter ausfragen,« stammelte er hervor. »Ich möchte nicht in Privatangelegenheiten herumspionieren. Das wäre nicht« – die Stimme versagte ihm; er blickte zu Boden.

Hilary verneigte sich, bis ins Innerste ergriffen durch des alten Mannes Rückkehr zum Leben und durch den rührenden Ausdruck in dem greisen Antlitz.

»Ich will mich nicht weiter in Ihren Kummer drängen,« sagte Stone wieder, »welcher Art er auch sein mag. Es tut mir leid, daß auch Sie unglücklich sind.«

Ganz langsam und ohne seinen Schwiegersohn noch einmal anzublicken, ging er hinaus. Hilary blieb an derselben Stelle, gegen die Wand gelehnt, stehen.

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