Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Galsworthy >

Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
Schließen

Navigation:

Sechsunddreißigstes Kapitel

Stephen schreibt Schecks aus

Als Cecilia das geheimnisvolle Schriftstück mit folgendem Wortlaut erhielt: ›Bin gesund, wohne Euston-Road 598, drei Häuser von Martin. Brief mit Erklärung folgt. Thymian‹, da hatte sie die Flucht ihres Töchterchens noch gar nicht bemerkt. Sie ging sofort in Thymians Zimmer hinauf und öffnete all ihre Schubläden und Schränke. Die vielen Sachen, die sie darin sah, beruhigten ihre erste Aufregung ein wenig. »Sie hat nur einen kleinen Koffer mit,« dachte sie bei sich, »und all ihre Gesellschaftskleider zu Haus gelassen.« Diese Unabhängigkeitserklärung war für sie mehr beruhigend als erschreckend, so schwer hatte die unbehagliche Atmosphäre ihres eigenen Hauses während der letzten Monate auf ihr gelastet. Seit dem Abend, da sie Thymian des Hughsschen Kindes wegen in Tränen aufgelöst gefunden hatte, gewahrten ihre mütterlichen Augen eine Veränderung im Wesen der Tochter – als ob sie Heimlichkeiten hätte; auch trat eine Mißstimmung bei ihr hervor, zugleich mit einer auffallenden Zunahme jugendlicher Spottlust. Da Cecilia sich scheute, der Sache auf den Grund zu gehen, hatte sie keine Beichte verlangt und auch Stephen von ihren Zweifeln nichts merken lassen.

Zwischen den Blusen fesselte ein Stück blauliniierten Papiers, das offenbar einem Notizbuch entfallen war, ihre Aufmerksamkeit. Einzelne Sätze standen mit Bleistift darauf geschrieben. Cecilia las: »Das arme, kleine Ding war so grau und verhutzelt, und mir war, als würde mir plötzlich klar, welch ein Los diese Ärmsten tragen. Ich muß – ich muß – ich will etwas tun!«

Cecilia ließ das Blatt Papier fallen; ihre Hand zitterte. Jetzt war das Geheimnis ihrer Flucht erklärt, und Stephens Worte kamen ihr in den Sinn: »Es ist alles gut und schon bis zu einem gewissen Punkt. Niemand kann mehr Mitgefühl für jene Leute haben als ich; aber was darüber hinausgeht, zerstört einem alles häusliche Behagen, und damit geschieht niemandem etwas Gutes.«

Der gesunde Sinn dieser Worte hatte sie, als sie ausgesprochen wurden, eigentümlich fremd berührt, und nun bargen sie doch so viel mehr Wahres, als sie gedacht. Hatte ihr kleines, junges und hübsches Mädchen wirklich die Absicht, sich dem Rettungswerk in die Arme zu werfen, sich loszureißen von schönen Klängen, Düften und Farben, von Musik und Kunst, von Tanz und Blumen und allem, was das Leben verschönt? Die heimliche Macht der Verwöhnung, eine eingeborene Scheu vor allem Schwärmerischen und ihre völlige Unkenntnis dessen, wie so ein graues Leben eigentlich sei, all das stieg in Cecilia mit einer Gewalt auf, daß sie sich davon ganz elend fühlte. Besser, daß sie selbst sich all dem widmete, als daß ihr einziges Kind Luft und Licht entbehren sollte und alles, was zu ihrer Jugend und Schönheit gehörte. »Sie muß zurückkommen – sie muß auf mich hören!« dachte sie. »Wir wollen miteinander beginnen; wir wollen eine eigene kleine, nette Krippe einrichten; oder vielleicht findet Mrs. Tallents-Smallpeace für uns irgend eine regelmäßige Arbeit in einem ihrer Vereine.«

Dann plötzlich stieg in ihr ein Gedanke auf, der ihr Blut wirklich beinahe erstarren machte. Wie nun, wenn Thymian ihres Großvaters wunderliches Wesen geerbt hätte? Martin war ein Beweis dafür. Sie wußte, daß dergleichen oftmals eine Generation übersprang, um sich dann wieder zu zeigen. Aber das durfte ja nicht sein! Sehnsüchtig und doch mit Bangen wartete sie darauf, daß Stephen die Haustür aufschloß. Das geschah zur gewohnten Zeit.

Selbst in ihrer Erregung vergaß Cecilia nicht, ihn, soweit sie konnte, zu schonen. Sie gab ihm zuerst einen Kuß und sagte dann so obenhin: »Thymian hat sich plötzlich etwas in den Kopf gesetzt.«

»Was denn?«

»Man konnte es eigentlich erwarten,« fuhr Cecilia zaghaft fort, »da sie immer so viel mit Martin herumlief.«

In Stephens Gesicht trat sofort ein Ausdruck herben Spottes; zwischen ihm und seinem jungen Neffen bestanden keine großen Sympathien.

»Dem Sanitisten?« sagte er, »na, und?«

»Sie ist davongegangen, um irgendwo in der Euston-Road zu wirken. Ich bekam ein Telegramm von ihr. Ach, und dann habe ich das da gefunden, Stephen!«

Sie hielt ihm zaghaft die beiden Streifen Papier entgegen, das eine braunrosa, das andere blau. Stephen sah, daß sie zitterte. Er nahm sie ihr ab, las sie und blickte sie wieder an. Er empfand eine tiefe Zärtlichkeit für seine Frau, und die Tradition von Rücksicht auf die Gefühle Anderer war mit ihm groß geworden, so daß in diesem so ungewöhnlich kummervollen Augenblick sein erster Impuls war, den Arm um ihre Schulter zu legen und sie beruhigend an sich zu ziehen. Aber in Stephen lag auch noch eine gewisse ursprüngliche Manneskraft, die trotz Cambridge und seiner Beamtenlaufbahn doch immer noch etwas von ihrer derb sicheren Art bewahrt hatte. So war das zweite, das er sagte: »Nein, hol's der Teufel!« Aber Cecilia wußte, daß dieses Es jenes wunderliche Neue war, das soziale Gewissen, das zaghafte Gespenst, das um die Häuser Derjenigen schlich, die einmal die Tür dem Argwohn geöffnet hatten: »Ist's möglich daß neben meiner eigenen noch eine andere Menschenklasse existiert, oder träume ich das nur? Glücklich die Millionen, ob reich, ob arm, die nicht verurteilt sind, das Gespenst schleichen zu sehen.« Das war Cecilias innerste Empfindung.

Selbst jetzt vermochte sie Stephens Gefühle nicht ganz zu ergründen. Sie empfand wohl seinen Kampf mit jenem Gespenst, sie fühlte und bewunderte seinen Sieg. Was sie aber vielleicht nicht begriff; nicht begreifen konnte, war das ganze Maß des Schimpfes, der ihm durch Thymians raschen Entschluß zugefügt worden war. Für sie – als Frau – hatte das Ereignis eine mehr praktische Seite. Sie begriff nicht, konnte nicht begreifen, wie Stephens Natur geartet war – wie tief verletzt er sich fühlen mußte durch etwas, was nicht den richtigen ordnungsmäßigen Verlauf nahm.

Er begann: »Weshalb denn in aller Welt, wenn sie Neigung dafür verspürte, ist sie nicht in der üblichen Weise zu Werke gegangen? Sie hätte sich ja nur mit einem entsprechenden Wohltätigkeitsverein in Verbindung zu setzen brauchen – ich hätte ihr das niemals verwehrt. An der ganzen Geschichte trägt nur dieser idiotische Gesundheitsapostel schuld!«

»Ich glaube,« sagte Cecilia zaghaft, »daß Martin selbst einen Verein leitet. Es ist irgend etwas Medizinisch-Soziales. Er glaubt fanatisch daran.«

Stephen verzog spöttisch die Lippen.

»Er mag daran glauben, soviel er will,« bemerkte er mit jener Selbstbeherrschung, die einer seiner vornehmsten Eigenschaften war, »so lange er meine Tochter nicht mit seinen Ideen ansteckt.«

Cecilia brach plötzlich aus: »Ach Stephen, was können wir tun? Soll ich heute noch hinausgehen?«

Wie man einen Schatten über ein Kornfeld sich breiten sieht, so zog über Stephens Angesicht eine Wolke. Es war, als hätte er bis dahin noch nicht den ganzen Inhalt der Tatsachen erfaßt. Einen Augenblick blieb er still.

»Warte lieber ihren Brief ab,« sagte er dann. »Er ist ja doch schließlich ihr Vetter, und der Klatsch wird ihr nichts anhaben – wenigstens nicht in Euston-Road.«

So, indem sie sich bemühten, die Sorge einander so viel wie möglich zu erleichtern, indem sie acht gaben, vor den Dienstboten nichts von außergewöhnlichen Geschehnissen merken zu lassen, nahmen sie das Abendessen ein und begaben sich zu Bett.

In jener Stunde zwischen Nacht und Morgen, da des Menschen Lebenskraft ihren Tiefstand erreicht und Träume seine Seele gleich unheilkündenden Vögeln umkreisen, lag Stephen wachend da.

Es war sehr still. Ein Streifen perlmuttfarbner Dämmerung schimmerte durch die dünnen Vorhänge, die sich in leiser, regelmäßiger Bewegung regten, wie die atmenden Lippen eines Schläfers. Die Flut des Windes, nach Stones Idee aus Menschenseelen gewoben, war verebbt; nur schwach fächelte er noch die Häuser und Hütten, in denen Myriaden Menschenarten im Schlummer lagen; so matt schlug der Puls des Lebens, daß Menschen und Schatten für jenen kurzen Augenblick eins schienen im Schlafe der Stadt.

Und Stephens Ich, das sich von den magischen Strömungen der Ebbe hinabgezogen fühlte in betäubenden Schlummer, weit hinaus über die Sandbänke von Persönlichkeit und Klasse, hob die Hände auf und begann um Hilfe zu flehen. Das purpurne Meer der Selbstvergessenheit unter düsterem, gleichgültigem Himmel, schien ihm so kalt und furchtbar. Er vermochte sich nicht zurecht zu finden in dem Auf und Nieder der bleichen Wasser, die seine Glieder umspülten. Wohin würden sie ihn tragen? Sollte sein eigenes Kind untertauchen in diesem Meere, das kein anderes Glaubensbekenntnis als das der Selbstvergessenheit anerkannte, das weder Klasse noch Persönlichkeit achtete, in diesem Meere, in dem nur ein paar zitternde Streifen Kunde gaben von den wertvollen Verschiedenheiten der Menschen. Das wollte Gott verhüten!

Und sich auf den Ellbogen stützend, blickte er sie an, die ihm diese Tochter geschenkt hatte. In dem Antlitz seines schlafenden Weibes – dem Antlitz, das ihm das liebste und teuerste war – wollte er nichts von einer Ähnlichkeit mit Stone wissen. Beruhigt legte er sich zurück mit dem Gedanken: »Der alte Mann hat seine fixe Idee – seine ›allgemeine Brüderschaft‹. In ihr geht er ganz auf. In ihrem Gesicht ist davon auch nicht die geringste Spur zu finden. Ganz das Gegenteil!«

Aber plötzlich rüttelte ihn die klare, grausame Vorstellung, die etwas von einer blitzartigen Eingebung hatte, auf: Der alte Mann war ja so mit sich und seinem unschätzbaren Buche beschäftigt, daß er von dem Dasein Anderer kaum Notiz nahm. Konnte man jedermanns Bruder sein, wenn man blind war für ihr Dasein? Aber diese Grille von Thymian war ja tatsächlich der Versuch, jedermanns Schwester zu werden! Dazu mußte man sich selbst vergessen! Ja, aber dann lag ja der Fall noch schlimmer als bei Stone! Für Stephen hatte diese Vorstellung etwas Furchtbares.

Der erste kleine Morgenvogel begann nahe am offenen Fenster sein leises Zwitschern. Vor Stephens Geist tauchte plötzlich, er wußte nicht weshalb, der Morgen nach seinem ersten Schulsemester auf. Da war er von den Vögeln geweckt, emporgefahren, und hatte unter seinem Kopfkissen sein Katapult vorgeholt, das er mit nach Hause gebracht und ins Bett genommen hatte. Ihm war, als sähe er jenes Spielzeug, als fühlte er es rund und schwer in seiner Hand. Es war, als hörte er Hilarys erstaunte Stimme sagen: »Hallo, Stevie, du bist wach?«

Niemand hatte je einen besseren Bruder besessen, als sein alter Hilary es war. Er hatte nur den einen Fehler, daß er stets zu gut gewesen war. Seine Güte war es, die ihm geschadet und ihn um das Glück der Ehe gebracht hatte. Er hatte sich seiner Frau gegenüber nie genügend behauptet. Stephen drehte sich auf die andere Seite. »Die ganze verdammte Geschichte,« dachte er, »kommt nur von einem Übermaß an Mitleid. Daran krankt auch Thymian.« Lange lag er so da, wahrend es draußen heller wurde, und lauschte auf Cecilias leises Atmen, indes all diese Gedanken sein tiefstes Innere bewegten.

Die erste Post brachte keinen Brief von Thymian, und die Meldung, daß Mr. Hilary zum Frühstück gekommen sei, wurde sowohl von Stephen wie von Cecilia so willkommen geheißen, wie verängstigte Gemüter irgend etwas begrüßen, was ihnen Ablenkung verspricht.

Stephen beeilte sich hinunterzukommen. Hilary war im Eßzimmer; er sah ernst und bekümmert aus. Und doch war er es, der nach einem Blick auf Stephen sagte: »Was ist denn geschehen, Stevie?«

Stephen nahm den »Standard« zur Hand. Trotz seiner Selbstbeherrschung zitterte sie ein wenig.

»Es ist eine lächerliche Geschichte,« sagte er. »Unser famoser junger Sanitist hat mit seinen verdammten Theorien so auf Thymian eingewirkt, daß sie auf und davon nach der Euston-Road gegangen ist, um ihre Hirngespinste in die Praxis umzusetzen!«

Als er etwas wie leise Belustigung in Hilarys Gesicht sah, funkelte es in seinen lebhaften schmalen Augen auf. »Es ist wirklich nichts zu lachen, Hilary,« sagte er. »Du mit deiner verdammten Sentimentalität diesem Hughs und dem Mädchen gegenüber, bist ein gut Teil mit daran Schuld. Ich wußte, es würde mit einem Malheur enden.«

Hilary beantwortete diesen ungerechten und unerwarteten Ausbruch des Ärgers nur mit einem Blick; und Stephen, der in Hilarys Gegenwart sich seltsamerweise immer als der Untergeordnete fühlte, senkte den eigenen Blick zu Boden.

»Mein lieber Junge,« sagte Hilary, »wenn auch nur das geringste von meiner Art auf Thymian übergegangen ist, so bedauere ich das aufrichtig.«

Stephen ergriff die Hand seines Bruders und drückte sie herzlich. Und da Cecilia eben hereinkam, setzten sie sich alle zu Tisch.

Cecilia bemerkte sofort, was Stephen in seiner Zerstreutheit nicht gesehen hatte – daß Hilary gekommen war, um ihnen etwas zu erzählen. Aber sie mochte nicht fragen, obgleich sie wußte, daß Hilary zu zartfühlend war, um angesichts ihrer eigenen Sorgen sie mit den seinen zu belästigen. Sie mochte andrerseits auch wieder nicht angesichts seines Kummers von dem ihren reden. So plauderten sie alle drei von gleichgültigen Dingen – über Musik, die sie gehört, über die Stücke, die sie gesehen hatten – aßen dabei wenig und tranken Tee. Mitten in einer Bemerkung über die Oper gewahrte Stephen aufblickend, daß Martin in der Tür stand. Der junge Gesundheitsapostel sah bleich, übernächtig und verstaubt aus. Er näherte sich Cecilia und sagte mit seiner gewohnten, kühlen Sicherheit:

»Ich habe sie zurückgebracht, Tante Cis!«

In diesem Augenblick, der so viel Erleichterung, so viel reine Freude barg, so sehr den Wunsch, tausend Dinge zu sagen, vermochte Cecilia nur zu murmeln: »Ach, Martin!«

Stephen, der aufgesprungen war, fragte: »Wo ist sie?«

»Auf ihr Zimmer gegangen.«

»Dann hast du vielleicht,« sagte Stephen, sofort seine nüchterne Fassung wieder gewinnend, »die Güte, uns einige Erklärungen für den tollen Streich zu geben.«

»Wir können sie jetzt nicht brauchen.«

»Wirklich!«

»Absolut nicht.«

»Nun,« meinte Stephen, »merke dir gefälligst, daß wir in Zukunft dich nicht gebrauchen können, noch irgend einen deiner Art.«

Martin blickte im Kreise umher und ließ die Augen auf jedem einzelnen ruhen.

»Du hast recht,« sagte er; »adieu!«

Auch Hilary und Cecilia hatten sich erhoben. Ein Schweigen entstand. Stephen ging zur Tür hin.

»Mir scheint,« sagte er plötzlich in seinem trockensten Ton, »du bist mit deinen neumodischen Manieren und Ideen ein recht gefährlicher junger Mann!«

Cecilia streckte Martin die Hände entgegen. »Du mußt wissen, Lieber,« sagte sie, »daß wir alle furchtbar in Angst waren. Dein Onkel meint es natürlich nicht so.«

Derselbe Ausdruck spöttischer Zärtlichkeit, mit dem er Thymian zu betrachten gewohnt war, trat in Martins Gesicht.

»Schon recht, Tante Cis,« sagte er, »Stephen soll es nur so meinen. Wirklich eine Meinung zu haben, darauf kommt es ja gerade an.« Er beugte sich nieder und küßte sie auf die Stirn. »Gib das Thymian von mir,« sagte er; »ich werde sie eine Weile nicht sehen.«

»Du wirst sie nie wiedersehen, junger Mann,« sagte Stephen, »wenn ich es hindern kann! Dein Gesundheitselixier ist zu grell und schäumend.«

Martins Lächeln wurde heller. »Für alte Schläuche,« sagte er, blickte noch einmal langsam umher und ging hinaus.

Stephen preßte die Lippen zusammen. »Ein anmaßender junger Bursch!« erklärte er; »wenn das der neue Mensch sein soll, dann schütze uns Gott!«

Über das kühle Eßzimmer mit seinem leisen Duft von Nelken, Melonen und Schinken, legte sich ein Schweigen. Plötzlich glitt Cecilia aus dem Zimmer. Bald hörte man draußen ihre leichten Schritte zu Thymian hinaufeilen.

Auch Hilary machte eine Bewegung nach der Tür hin. Trotz seiner Zerstreutheit konnte es Stephen nicht entgehen, wie vergrämt sein Bruder aussah. »Du scheinst mir ein bißchen elend zu sein, mein Alter,« sagte er. »Willst du einen Kognak?«

Hilary schüttelte den Kopf.

»Jetzt, da ihr Thymian wieder habt,« begann er, »möchte ich von mir sprechen. Ich reise morgen ab. Ich weiß nicht, ob ich zurückkommen und wieder mit Bi leben werde.«

Stephen ließ ein leises Pfeifen hören; dann sagte er, Hilarys Arm herzlich drückend: »Wozu immer du dich auch entschließest, mein Junge, ich werde dir stets zur Seite stehen, aber –«

»Ich gehe allein.«

Stephen fühlte sich so erleichtert, daß er alle Zurückhaltung außer acht ließ. »Gott sei gelobt dafür! Ich fürchtete schon, du würdest dir die Geschichte mit dem Mädchen über den Kopf wachsen lassen!«

»Ich bin nicht töricht genug, mir einzubilden,« sagte Hilary, »daß so eine Liaison im Laufe der Zeit etwas anderes als Elend im Gefolge haben könnte. Wenn ich die Kleine mit mir nähme, müßte ich sie für immer behalten. Aber stolz bin ich nicht darauf, daß ich sie so im Stich lasse, Stevie!«

Der Ton seiner Stimme war so bitter, daß Stephen seine Hand faßte.

»Mein lieber, alter Junge, du bist viel zu gutmütig. Sieh mal, sie hat gar keinen Anspruch an dich – nicht den mindesten von der Welt!«

»Außer dem Anspruch, der mir aus ihrer Zuneigung, die ich in ihr, Gott weiß wie, geweckt habe, und aus ihrer Verlassenheit erwächst.«

»Du läßt dich von diesen Menschen quälen,« sagte Stephen, »es ist ganz verkehrt – wirklich!«

»Ich habe zu erwähnen vergessen, daß ich kein Eisblock bin,« murmelte Hilary.

Stephen sah ihm wortlos ins Gesicht und sagte dann tiefernst:

»Wie groß die Lockung auch sein mag, es ist einfach undenkbar für einen Menschen wie du, sich aus seiner Sphäre herauszureißen.«

»Sphäre! Jawohl!« brummte Hilary. »Lebewohl!«

Und nach einem langen Händedruck ging er fort.

Stephen trat ans Fenster. Trotz aller Sorgfalt und Mühe, die man auf die Aussicht verwandt hatte, waren in der Ferne zur Linken die Hinterhöfe eines Gäßchens sichtbar; und als ob eine Schmeißfliege ihren kleinen Giftstachel in ihn gesenkt hätte, so zuckte er vor dieser Aussicht zurück.

»Verdammt – sollen wir denn diese gräßliche Gesellschaft niemals los werden?« dachte er bei sich.

Sein Blick fiel auf die Melone; ein einziges Stück lag ganz allein auf einer blaugrünen Schale. Über den Teller gebeugt, nahm er mit einer ihm sonst so fremden, wilden Gier einen riesigen Bissen. Wieder und wieder biß er in das Stück, schleuderte es dann fast von sich und tauchte die Finger in eine Handschale.

»Gott sei Dank!« dachte er, »das ist vorüber! Welch ein Entrinnen!«

Ob er Hilarys oder Thymians Entrinnen meinte, blieb zweifelhaft. Aber eine Sehnsucht überkam ihn, hinaufzueilen in das Zimmer seiner kleinen Tochter und sie zu herzen. Er unterdrückte es und setzte sich an seinen Schreibtisch; ein Gefühl stieg plötzlich in ihm auf, wie er es manchmal an ungewöhnlich schönen Tagen empfunden hatte, oder nach einer körperlichen Gefahr; es war ein Übermaß an Wohlbehagen, etwas, für das er hätte danken mögen und wußte doch nicht, wie. Seine Hand stahl sich in die innere Tasche seines schwarzen Rockes. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie ein Scheckbuch gefaßt. Vor seinem geistigen Auge stiegen nacheinander all die Namen der Vereine auf, die er unterstützte oder künftighin zu unterstützen beabsichtigte. Er streckte seine Hand nach einer Feder aus. Das leise Geräusch der Federspitze, die über die Schecks glitt, mischte sich mit dem Summen einer vereinzelten Fliege. Dieses Geräusch hörte Cecilia, als sie von der offenen Tür her den schmalen Nacken ihres Gatten mit seinem leicht ergrauten Haar über den Schreibtisch gebeugt sah. Leise trat sie zu ihm und schmiegte sich an seinen Arm.

Stephen blickte, sich unterbrechend, zu ihr auf. Ihre Augen trafen sich und indem sie sich hinabneigte, legte Cecilia ihre Wange an die seine.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.