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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Jungmädchen-Sinn

Eines jungen Mädchens Sinn ist wie ein Wald im Frühling – bald ein sich hebender Nebelschleier aus Glockenblumen und Schuppen glitzernden Sonnenlichtes; bald eine Welt stiller, bleicher Schößlinge, die ihre Blättchen hängen lassen, sie wissen nicht warum. Durch das feine Laubwerk jungen Grüns fliegen seine Schwingen den Sternen entgegen; aber im nächsten Augenblick haben sie sich schon gesenkt, um unter den feuchten Büschen schwermütig dahin zu träumen. Es ist ein ewiges Sehnen nach der Zukunft und doch ein Beben davor; an den verschwiegensten Stellen halten all die zahllosen Arten der Dinge, die da werden wollen, heimlich Rat, wie sie wohl wachsen und sich entwickeln können, ohne ihr Rätselkleid abzustreifen. Sie raunen, flüstern, jubeln plötzlich auf und verfallen ebenso plötzlich in glückseliges Schweigen. Vom ersten Ginsterbusch bis zum letzten Hagedorn ist es ein unendliches Stelldichein jungfroher Wesen, die begierig zu ergründen suchen, was sie sind, begierig eilen, den Kuß der Sonne und des Windes zu empfangen und doch wieder davor zurückbeben, ihr Antlitz scheu verhüllend. Es ist, als läge der Geist des Waldes da, das Ohr an den Boden gepreßt und lauschte dem Flüstern seines eigenen Lebens. Da liegt er, weiß und zart, mit traurigen, sehnenden Augen und flüstert: »Was ist der Sinn meines Daseins? Ah, ich bin alles! Gibt es auf der großen Welt etwas so Köstliches wie ich? Oh, ich bin nichts – meine Schwingen sind müde; ich vergehe, ich sterbe!«

Als Thymian, gefolgt von dem grauen Mädchen, die ›Hölle‹ verließ, da hatten sich ihre Wangen gerötet und ihre Hände in einander geschlungen. Sie sagte nichts. Auch das graue Mädchen war still. Sie machte den Eindruck eines Geistes, der, durch langes Baden im Strome der Wirklichkeit seines Körpers ledig geworden, sich über Eine neigt, die eben gekommen war, um nur mit dem Kopf unterzutauchen. Thymians flinker Blick bemerkte das, und die Farbe auf ihren Wangen vertiefte sich. Sie sah auch den Blick des Zigarrenhändlers, als Martin sich bei ihrer Rückkehr vor der Tür zu ihnen gesellte.

»Jetzt hat er gar zwei,« schien dieser Blick zu sagen. »Der geht ins Zeug, der junge Herr!«

Der Abendbrottisch war im Zimmer ihrer neuen Freundin gedeckt; es gab Büchsenfleisch, Kartoffelsalat, Backpflaumen und Ingwerbier. Martin und das graue Mädchen plauderten. Thymian aß schweigend. Obgleich sie die Augen auf den Teller gesenkt hielt, beobachtete sie jeden Blick, den die beiden wechselten, hörte jedes Wort, das sie sprachen. Diese Blicke hatten nichts Besonderes, noch sagten die Zwei irgend etwas Besonderes. Aber in dem Ton ihres Gespräches schien für Thymian etwas Besonderes zu liegen. »Mit mir redet er niemals so,« dachte sie bei sich.

Als das Abendessen vorüber war, traten sie auf die Straße, um einen Spaziergang zu machen; aber an der Tür drückte das graue Mädchen Thymian den Arm, streifte ihre Wange mit einem flüchtigen Kuß und lief rasch wieder die Treppen hinauf. »Kommen Sie nicht mit?« rief Martin. Sie antwortete von oben: »Nein, heute nicht.«

Mit dem Handrücken rieb sich Thymian den Kuß ab. Und die beiden jungen Leute traten hinaus in das Getriebe.

Der Abend war warm und drückend. Kein Lufthauch wehte der dampfenden Stadt Kühlung zu. Ohne viel zu sprechen, wanderten sie in den endlosen, schon dunkelnden Straßen, und von hier aus in das Licht und den Verkehr der Euston-Road zurück zu kommen, schien wie ein Wiedereintritt in den Himmel. Endlich, als sie ihrem neuen Heim nahe waren, sagte Thymian: »Weshalb sich so quälen? Es ist alles wie eine schrecklich große Maschine, die uns zu zerstampfen droht. Die Menschen sind wie elende Insekten, wenn man den Daumen auf sie hält und sie auf einem Buch zerdrückt. Ich hasse – ich verwünsche es.«

»Sie können aber ebenso gut gesunde Insekten sein, solange sie nun mal da sind,« entgegnete Martin.

Thymian wandte sich zu ihm um. »Ich werd' heute nacht nicht schlafen können, Martin. Hol mir doch mein Rad.«

Martin sah sie beim Licht der Straßenlaterne forschend an. »Gut,« sagte er, »ich komme mit.«

Es gibt, wie Sittenlehrer sagen, Wege, die direkt zur Hölle führen; aber der Weg, den die beiden Radler gegen elf Uhr einschlugen, war die Straße nach Hampstead. Der Unterschied im Charakter der beiden Bestimmungsorte war bald erkennbar; denn wenn vielleicht die Hölle ihre Entstehung der Menschheit als große Masse verdankt, so ist Hampstead offenbar von den oberen Klassen geschaffen worden. Von jenem Stadtwall, der Spaniards Road, breiteten sich zwei Ebenen zur Rechten und zur Linken; der Duft von Hagedornblüten hatte sich den Hügel hinangestohlen; der ausgehende Mond schien an einem Fichtenzweig zu hängen. Über der Ebene thronten die fernen Sterne, und des Schlafes dunkle Schwingen lagen über die Felder gebreitet – schweigend, kaum atmend ruhte der gewaltige Leib des Landes. Aber nach Süden hin, wo die Stadt, sein ruheloses Haupt, lag, schienen die Sterne herabgefallen und in die tausend Furchen eines großen Sumpfes gesät. Über den beiden jungen Menschen, die an diesem Hügelabhang zwischen Stadt und Land dahinzogen, segelten drei dünne, weiße Wölkchen langsam nach Westen, wie ermüdete Seevögel, weit ab vom Lande, erschöpft auf einem dunkelblauen, fast schwärzlichen Meere von unergründlicher Tiefe dahintreiben.

Eine Stunde lang fuhren die beiden schweigend ins Land hinein.

»Sind wir nun weit genug?« fragte Martin.

Thymian schüttelte den Kopf. Ein langer, steiler Hügel jenseits eines kleinen schlafenden Dorfes ließ sie Halt machen. Über die dunklen Felder hinweg glomm ein bleicher Streifen Wassers matt im Mondlicht. Thymian wandte sich ihm zu.

»Mir ist heiß,« sagte sie; »ich möchte mein Gesicht kühlen. Bleib hier; laß mich allein gehen!«

Sie ließ ihr Rad zurück, und durch ein Gatter schreitend, verschwand sie zwischen den Bäumen.

Martin blieb, gegen das Gatter gelehnt, zurück. Die Dorfuhr schlug eins. Der ferne Ruf einer Eule, die auf Beute ausging, tönte durch die tiefe Stille dieser letzten Maiennacht. Der Mond, der seine vollste Rundung erreicht hatte, schwamm friedlich an der blauen Oberfläche des Himmels dahin wie eine große, geschlossene Wasserlilie. Und Martin gewahrte durch die Bäume hindurch sichelförmiges Schilf, das am Rand des Teiches dicht gedrängt zusammenstand. Um ihn herum leuchteten die Maienblumen. Es war so eine Nacht, die Träume wahr macht und die Wahrheit in Träume wandelt.

»Das ist alles Mondscheintorheit,« dachte der junge Mann; die Nacht hatte seine Seele aufgestört.

Aber Thymian kam nicht zurück. Er rief nach ihr, und in der totenähnlichen Stille, die seinem Ruf folgte, konnte er sein eigenes Herz schlagen hören. Er ging durch das Gatter. Sie war nirgends zu sehen. Warum spielte sie ihm diesen Streich? Er wandte sich von dem Wasser den Bäumen zu, wo der Duft der Maienblumen schwer in der Luft hing.

»Man soll nie suchen,« dachte er und blieb stehen, um zu lauschen. Es war so windstill, daß die Blätter eines niedrigen Astes, der gegen seine Wangen streifte, sich nicht regten. Plötzlich vernahm er schwache Laute und schlich ihnen nach. Unter einer Buche stolperte er fast über Thymian, die dort ausgestreckt lag, das Gesicht in den Boden tief gedrückt. Dem jungen Arzt stand das Herz fast still. Hastig ließ er sich neben sie auf die Kniee nieder. Der in das trockene Buchenlaub gebettete Körper des Mädchens wurde von heftigem Schluchzen geschüttelt. Sie zitterte von Kopf bis Fuß. Ihr Hut war herabgefallen, und der Duft ihres Haares mischte sich mit dem Duft der Nacht. In Martins Herz schien sich etwas um und um zu wenden, wie damals, da er als Knabe ein in der Schlinge gefangenes Kaninchen beobachtet hatte. Leise berührte er sie. Sie richtete sich auf und mit der Hand über die Augen fahrend, rief sie: »Geh fort! O, geh doch fort!«

Er schlang den Arm um sie und wartete. Fünf Minuten vergingen. In der Luft war ein bleiches Zittern, das Mondlicht hatte einen Weg durch das dunkle Laubwerk gefunden und glitt bis auf den Erdboden neben ihnen. Irgendwo begann ein Vögelchen, durch diese ungewohnten Gäste aufgestört, zu zwitschern und zu flattern, wurde aber bald wieder still. Martin, der diesem jungen Geschöpf hier in der Nacht so seltsam nahe war, überkam ein Gefühl äußerster Verwirrung.

»Armes, kleines Ding,« dachte er. »Sei gut mit ihr, tröste sie!« Alles Herbe schien von ihr gewichen, und die Nacht war so wundervoll! Da erwachte plötzlich im Herzen des jungen Menschen eine Erkenntnis – was selten bei ihm geschah, denn er gehörte nicht, wie Hilary, zu denen, die sich mit Grübeln abgaben – daß sie ebenso wirklich war wie er selbst, daß sie litt, hoffte und fühlte, nicht seine Hoffnungen und Gefühle, sondern ihre eigenen. Seine Finger hielten ihre Schulter durch die dünne Bluse hindurch gefaßt. Und die Berührung dieser Finger galt mehr als irgend welche Worte, ebenso wie diese Nacht voll mondheller Träume mehr galt als tausend Nächte nüchterner Wirklichkeit.

Thymian entwand sich ihm endlich.

»Ich kann nicht,« schluchzte sie; »ich bin nicht das, was du denkst, ich bin nicht dafür geschaffen!«

Ein spöttisches Lächeln wölbte Martins Lippen. »Also, das war es!« Aber bald verschwand das Lächeln. Man schlägt nicht nach einem, der schon darnieder liegt.

Thymians Stimme klagte durch das Schweigen: »Ich glaubte, ich könnte es – aber ich brauche Schönheit um mich – ich kann all das Graue und Gräßliche nicht aushalten, ich bin nicht wie jenes Mädchen; ich bin eine – eine Stümperin.«

»Wenn ich sie jetzt küßte,« dachte Martin.

Sie sank nieder, ihr Gesicht in dem dunklen Buchenlaub vergrabend. Der Mond war vorübergeglitten; ihre Stimme klang matt und erstickt wie aus einem Grab des Glaubens. »Ich tauge nicht dazu! Ich werde es nie können! Ich bin grad so wie Mutter!«

Aber Martin empfand nichts als den Duft ihres Haares.

»Nein,« murmelte Thymians Stimme wieder, »ich bin nur gut für die erbärmliche Kunst ... ich tauge – zu gar nichts!«

Sie hockten auf dem dunklen Laubteppich so dicht beieinander, daß ihre Körper sich berührten, und ein Verlangen, sie in seine Arme zu schließen, überkam ihn.

»Ich bin ein egoistisches Geschöpf!« stöhnte die gebrochene Stimme. »In Wahrheit mach ich mir nichts aus all diesen Leuten – es lockte mich nur, weil sie mir etwas Fremdes und Schreckliches sind.«

Martin legte die Hand auf ihr Haar. Wenn sie zurückgewichen wäre, würde er sie an sich gerissen haben. Aber instinktiv ließ sie ihn gewähren, und ihr plötzliches Verstummen hatte etwas so eigentümlich Rührendes, daß Martins rasch aufgeflammte Leidenschaft verflog. Er schlang den Arm um sie und hob sie auf, als wäre sie ein Kind; und lange Zeit saß er da und lauschte mit eigentümlich gezwungenem Lächeln, wie sie ihren verlorenen Illusionen nachjammerte.

Die Morgendämmerung fand sie noch beide an den Stamm der Buche gelehnt. Ihr Mund war halb geöffnet, die Tränen waren getrocknet auf ihrem schlafenden Antlitz, das an seine Schulter gebettet lag, indes er noch immer mit einem Schimmer jenes gezwungenen Lächelns von der Seite auf sie herabblickte.

Und drüben, über dem grauen Wasser, stahl sich, wie ein müder Nachtschwärmer, der Mond in einer gelben Kapuze zwischen den Bäumen zur Ruhe hinab.

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