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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Bianca hinter ihrem Schleier

Bianca war gar nicht ausgegangen. Sie war Zeugin von Hilarys langem Blick auf die Kleine gewesen. Als sie aus ihrem Atelier durch die Glasveranda ins Haus ging, konnte sie natürlich nicht wahrnehmen, worauf er so unverwandt blickte, aber sie wußte es so sicher, als ob das Madchen vor ihr in dem Halbdunkel des offenen Fensters gestanden hätte. Zornig auf sich, daß sie es beobachtet hatte, ging sie in ihr Zimmer und warf sich auf ihr Bett, die Hände fest gegen die Augen gepreßt. Sie war an Einsamkeit gewöhnt – das unvermeidliche Los von Naturen wie die ihre; aber die bittere Vereinsamung dieser Stunde war eine solche, daß sie sogar ihre einsame Seele zur Verzweiflung bringen konnte.

Endlich stand sie auf, richtete Gesicht und Kleidung wieder her, damit niemand ihr ansehen sollte, daß sie litt. Dann, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Hilary nicht mehr im Garten war, stahl sie sich hinaus.

Sie lenkte ihre Schritte in den Hyde-Park. Es war Pfingsten, eine Zeit des Schreckens für jeden kultivierten Londoner. Die ganze Stadt schien eitel Lustigkeit, und Papierdüten wirbelten auf staubigem Wind dahin.

Bianca kam an einem alten Landstreicher, der unter einem Baum eingeschlafen war, vorüber. Er hatte seine Kleider so lange und zärtlich bewahrt, daß sie ihm jetzt in Fetzen vom Leibe fielen; aber sein Gesicht war glatt, wie mit feinstem Wachs überzogen. Vergessen waren seine Schmerzen und Sorgen; er weilte in den seligen Gefilden des Schlafes.

Bianca eilte, diesem Anblick ungestörten Friedens zu entkommen. Sie trat jetzt in ein kleines Gehölz, an dem die große Menge achtlos vorüberging. Linden standen da, noch in ihrer vollen süßen Blüte. Ihre Zweige mit den hellen, breiten, fast herzförmigen Blättern waren ausgebreitet wie weite Frauenröcke. Der größte dieser Bäume, ein schönes, frohes Gottesgeschöpf, stand da bebend wie eine Geliebte, die den säumigen Freund erwartet. Welche Freuden schien sie zu versprechen, welch zartes Locken lag in jedem geäderten, bebenden Blatt! Und plötzlich nahm der Sonnengott von ihr Besitz, hüllte sie ein in seine Strahlen und küßte sie über und über; sie gab einen Seufzer der Wonne von sich, als ob ihre ganze Seele durch die Lippen hinauf zum Herzen des Geliebten strömte.

Eine Frau in Lila kam vorsichtig zwischen den Bäumen auf Bianca zu, ließ sich in der Nähe nieder und blickte unter ihrem Sonnenschirm umher.

Gleich darauf bemerkte Bianca, wonach sie Umschau hielt. Ein junger Mann in schwarzem Rock und Zylinder kam hastig näher und berührte die Schulter der Frau. Halb verborgen vom Laubwerk setzten sie sich neben einander, und vorwärts geneigt, malten sie mit Stock und Schirm achtlos in den Sand; das leise Gemurmel ihrer Unterhaltung, die in unhörbarem Flüsterton geführt wurde, stahl sich über den Rasen, und heimlich faßte er ihre Hand und ihren Arm.

Sie gehörten offenbar nicht zu der Feiertagsmenge und hatten absichtlich diesen Volksnachmittag zu einem heimlichen Stelldichein gewählt.

Bianca erhob sich und eilte weiter zwischen den Bäumen. Sie verließ den Park. In den Straßen spazierten viele Paare, die weniger darauf bedacht waren, ihre zarten Beziehungen zu verbergen, Arm in Arm. Ihr Anblick schmerzte sie nicht so wie der jenes Liebespaares im Park; diese da gehörten nicht zu ihrer Gesellschaftsklasse. Aber da sah sie einen kleinen Knaben und ein kleines Mädchen, die an den Türstufen einer Mietskaserne eingeschlafen waren, die Wangen dicht an einander gepreßt; sie hielten sich mit den Ärmchen umschlungen; und wieder hastete sie weiter.

Es war nach neun Uhr, als sie am Old-Square anlangte und die Klingel am Hause ihrer Schwester zog, in dem rein physischen Verlangen, auszuruhen an irgend einem Ort, der nicht ihr Heim war.

Am Ende des langen, niedrigen Wohnzimmers las Stephen laut aus einer Zeitschrift vor, indes Cecilia zweifelnd auf seinen Strumpf blickte, in dem sie ein weißes Fleckchen wahrzunehmen glaubte. In der Fensternische, am andern Ende, unterhielten sich mit kurzen Unterbrechungen Thymian und Martin. Sie rührten sich bei Biancas Eintritt nicht, und auf ihren Gesichtern stand: »Wir machen den üblichen Begrüßungsblödsinn nicht mit.«

Nachdem sie einen flüchtigen, warmen Kuß von Cecilia und Stephens höflich kühlen Händedruck entgegengenommen hatte, bedeutete Bianca dem Schwager, mit dem Lesen nicht aufzuhören. Er fing wieder an. Auch Cecilia fing wieder an, Stephens Strumpf zu betrachten.

»Oh,« dachte sie dabei, »ich weiß, Bianca ist hierhergekommen, weil sie unglücklich ist. Armes Ding! Armer Hilary! Wahrscheinlich handelt es sich wieder um jene elende Geschichte.«

Jede Tonschwingung in Stephens Stimme war ihr bekannt, und sie merkte, daß Biancas Eintritt in ihm dieselbe Gedankenreihe erweckt hatte; für sie klang es aus seinen Worten: »Ich mißbillige das – ich mißbillige das! Sie ist zwar die Schwester von Cis; aber wenn es nicht wegen meines alten Hilary wäre, möchte ich die Sache nicht in meinem Hause haben.«

Bianca, die feinfühlend jeden Schatten einer Empfindung wahrnahm, konnte wohl sehen, daß sie hier nicht willkommen war. Während sie sich, den Schleier zurückgeschlagen, in ihren Stuhl lehnte, schien sie auf Stephens Vorlesen zu lauschen; in Wahrheit aber bebte alles in ihr bei dem Anblick dieser beiden Paare.

Paare, Paare – nur sie allein! Welches Verbrechen hatte sie begangen? Weshalb war das Porzellan ihrer Tasse so rissig, daß niemand daraus trinken mochte? Weshalb war sie so geschaffen, daß niemand sie lieben konnte? Dieser, der bitterste aller Gedanken, die unseligste aller Fragen quälte und verfolgte sie.

Der Aufsatz, den Stephen las – er erklärte ausführlich, wie es die Leute zu machen hätten, um von einer Art menschlichen Wesens in eine andere überzugehen – dieser Aufsatz tönte an ihr Ohr, das jener ewigen Frage lauschte: »Warum ist es bei mir, wie es ist? Das ist nicht gerecht!« – das dem beständigen Gemurmel ihres Stolzes lauschte: »Man braucht mich weder hier, noch sonst wo. Es wäre besser, vom Schauplatz zu verschwinden.«

Vom anderen Ende des Zimmers blickten Thymian und Martin kaum zu ihr hinüber. Ihnen war sie Tante Bi – eine Lebensdilettantin, die mit ihrem spöttischen Blick manchmal ihre jugendlichen Rüstungen durchbohrte; nebenbei aber waren sie zu sehr vertieft in ihre Unterhaltung, um zu bemerken, daß sie litt. Die kleinen Streitigkeiten in ihren Gesprächen dauerten jetzt schon viele Tage – seit dem Tode von Hughs' Baby.

»Na also,« sagte Martin eben, »was willst du nun tun? Es hat keinen Zweck, wenn du deine Entschlüsse nur wegen des toten Kindes faßt; du mußt genau wissen, was du willst. Du kannst dich nicht aus purer Sentimentalität in die praktische Arbeit stürzen!«

»Du warst auch bei der Beerdigung, Martin! Es ist Schwindel, wenn du behauptest, daß es dir nicht auch naheging.«

Martin würdigte diese Andeutung keiner Antwort.

»Wir haben schon mehr als nötig an Sentimentalität geleistet,« sagte er dann; »sie ist überholt – ebenso wie die Justiz, die von einer oberen Klasse gehandhabt wird, und die über dem einen Auge eine Binde trägt und mit dem andern schielt. Wenn man einen sterbenden Esel auf dem Felde findet, hat es keinen Sinn, den Fall einem Verein zuzuweisen, wie es dein ›Alter‹ tun würde; man kann da kein empfindsames Essay von Hilary gebrauchen über einen ›Spaziergang durch die Felder, mit Betrachtungen über das Hinscheiden der Esel‹ – sondern was da not tut, ist einfach, dem Esel eine Kugel vor den Kopf zu schießen.«

»Du hast's immer mit Onkel Hilary,« sagte Thymian.

»Ich sage nichts gegen Hilarys Person; ich protestiere gegen seine Art.«

»Na und er gegen deine!« sagte Thymian.

»Dessen bin ich doch nicht ganz sicher,« erwiderte Martin langsam; »dazu hat er nicht genug Energie.«

Thymian hob das Kinn, und ihn mit halbgeschlossenen Augen anblickend, sagte sie: »Weißt du, von allen eingebildeten Menschen, die mir je begegnet sind, bist du der schlimmste.«

Martin zog die Nasenflügel hoch.

»Bist du bereit,« fragte er, »dem Esel eine Kugel vor den Kopf zu schießen oder bist du es nicht?«

»Ich sehe nur einen Esel, und zwar keinen sterbenden.«

Martin streckte die Hand ans und ergriff ihren Arm unter dem Ellbogen. Indem er ihn herzhaft drückte, sagte er: »Schweif nicht ab!«

Thymian versuchte ihren Arm frei zu machen. »Laß los!«

Martin sah ihr scharf in die Augen; Röte war in seine Wangen gestiegen.

Auch Thymians Gesicht nahm die Farbe der mattrosa Vorhänge an, hinter denen sie saß.

»Laß los!«

»Ich will nicht! Ich will dich zwingen, mit dir zu Rate zu gehen. Was willst du also tun? Kommst du zu uns in einem Anfall von Sentimentalität oder ist es dir Ernst?«

Plötzlich, wie hypnotisiert, hörte das junge Mädchen auf, sich zu wehren. Ihr Gesicht bekam den merkwürdigsten Ausdruck von Unterwerfung und Trotz – etwas wie Schmerz und Wonne zugleich. So saßen sie eine halbe Minute einander starr in die Augen blickend. Als sie einen raschelnden Laut hörten, blickten sie auf und sahen, wie Bianca auf die Tür zuging. Auch Cecilia hatte sich erhoben.

»Was hast du, Bi?«

Bianca öffnete die Tür und ging hinaus. Cecilia folgte ihr hastig, zu spät, um auch nur einen Schimmer von dem Gesicht ihrer Schwester hinter dem Schleier zu erhaschen ...

In Stones Zimmer brannte die grüne Lampe matt, und er, der bei ihrem Schein arbeitete, saß auf dem Rande seines Feldbettes in seinem alten, braunwollenen Schlafrock und in Pantoffeln. Und plötzlich schien ihm, als sei er nicht allein.

»Ich habe für heute aufgehört,« sagte er. »Ich warte, daß der Mond aufgeht, er ist fast voll; ich kann sein Gesicht von hier aus sehen.«

Eine Gestalt setzte sich neben ihn auf das Bett und eine Stimme sagte sanft:

»Wie das Gesicht einer Frau!«

Stone erkannte seine jüngere Tochter. »Du hast deinen Hut auf; willst du ausgehen, Kind?«

»Ich habe dein Licht gesehen, als ich nach Hause kam.«

»Der Mond,« sagte Stone, »ist eine unfruchtbare Wüste; die Liebe ist dort unbekannt.«

»Wie kannst du es dann aushalten, ihn zu betrachten?« flüsterte Bianca.

Stone wies mit dem Finger hinaus. »Da ist er aufgegangen.«

Der blasse Mond war sacht in das Dunkel hinausgeschlüpft. Sein Licht stahl sich über den Garten und durch das offene Fenster nach dem Bett hin, auf dem die beiden saßen.

»Wo keine Liebe ist, Vater,« sagte Bianca, »da kann doch auch kein Leben sein, nicht wahr?«

Stones Augen schienen das Mondlicht gierig zu trinken.

»Das ist,« sagte er, »die große Wahrheit. Das Bett wackelt!«

Ihre Arme fest gegen die Brust gepreßt, kämpfte Bianca mit lautlosem, heftigem Schluchzen. Dieser verzweifelte Kampf schien sie vor seinen Augen zu Tode zu martern, und Stone saß da, schweigend und bebend. Er wußte nicht, was da zu tun sei. Seinem vereisten Herzen hatten die Jahre der ›allgemeinen Brüderschaft‹ das Verständnis dafür genommen, wie er seiner Tochter helfen könnte. Er vermochte nichts, als da zu sitzen und sie zitternd mit seinen dünnen Fingern zu streicheln.

Die Gestalt neben ihm, deren Wärme er an seinem Arm fühlte, wurde ruhiger, als ob trotz ihrer eigenen Vereinsamung seine Hilflosigkeit sie empfinden ließ, daß ja auch er vereinsamt sei. Sie drückte sich ein wenig fester an ihn; das Mondlicht, das der flackernden Lampe die Herrschaft streitig machte, erfüllte jetzt das ganze Zimmer.

Stone sagte vor sich hin: »Ich wünschte, ihre Mutter wäre da!«

Die Gestalt neben ihm war ruhig geworden.

Etwas Altes, längst Vergessenes fiel ihm ein, und Stone legte den Arm um die bebende Gestalt.

»Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll,« flüsterte er und begann sich langsam hin und her zu wiegen.

»Bewegung,« sagte er, »hat etwas Beruhigendes.« Der Mond war vorübergezogen. Die Gestalt neben ihm saß so still, daß Stone mit dem Wiegen aufhörte. Seine Tochter schluchzte nicht mehr. Plötzlich berührten ihre Lippen seine Stirn. Er erzitterte unter dieser verzweifelten Liebkosung, faßte nach der berührten Stelle und blickte um sich. Bianca war fort.

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