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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Einunddreißigstes Kapitel

Schwanengesang

Junger Most wallt, wenn er nicht die alten Schläuche bersten macht, nach heftigem Schäumen noch eine Weile und brodelt dann still.

So geschah es auch mit Stone, Stunde um Stunde, und Tag um Tag, während des ganzen Monats. Seine Wangen begannen ein frischeres, kräftigeres Aussehen zu bekommen; in seine blauen, die Ferne suchenden Augen kam ein neues Leuchten; seine Kniee gewannen ihre Kraft zurück. Er badete wieder; aber ohne daß er es merkte, blieben Hilary und Martin in der Nähe. Sie wechselten wöchentlich in dieser Fürsorge ab, hielten sich in einiger Entfernung und gaben Acht auf ihn für den Fall, daß er wieder einmal zu lange auf dem Grund des Serpentine-Teiches bleiben könnte. Jeden Morgen, nachdem er seinen Kakao und sein Hafermehl genommen hatte, hörte man ihn sehr lebhaft sein Zimmer ausfegen, und wenn es gegen zehn Uhr wurde, konnte jemand, der draußen lauschte, ein lautes Atmen vernehmen, während er sich auf den Fußspitzen hob und senkte, um sich für die Anforderungen des Tages vorzubereiten. Weder Briefe noch Zeitungen störten die absolute, völlige Abgeschlossenheit dieses Lebens, das den ›Weltbrüdern‹ geweiht war. Briefe erhielt er nicht, teils weil er seine Adresse nicht bekannt gegeben, teils weil er seit Jahren keine mehr beantwortet hatte. Und um Zeitungen zu lesen, ging er einmal im Monat in eine Volkslesehalle, wo er die letzten Nummern einiger Wochenschriften durchsah, die ihn über die Ereignisse ›jener Tage‹ auf dem Laufenden hielten, und die er halblaut vor sich hinlas. Jeden Morgen um zehn Uhr vernahm man aus seinem Zimmer das Surren einer Weckeruhr; darauf folgte völlige Stille; und dann erhob sich ein Scharren, Pfeifen und Rascheln, das von scharf hervorgestoßenen Worten unterbrochen wurde; bald aber stieg aus diesem wüsten Klanggewirr das deutliche, dünne Flöten einer alten Männerstimme auf. Das dauerte, abwechselnd mit dem Kritzeln einer Füllfeder, fort, bis sich die Weckeruhr wiederum vernehmen ließ. Dann hätte jemand, der draußen stand, an dem Geruch merken können, daß Mr. Stone bald essen würde; wenn er, gelockt durch diesen Duft, eingetreten wäre, hätte er den Verfasser des Buches von der ›Allgemeinen Brüderschaft‹ mit einer gebackenen Kartoffel in der einen Hand und einer Tasse heißer Milch in der andern gewahren können, und auf dem Tisch die Überreste von Eiern, Tomaten, Orangen, Bananen, Feigen, Pflaumen, Käse und Honigwaben neben einem Stück Schrotbrotes. Bald darauf pflegte Stone auszugehen in seinem Lodenanzug und einem alten, grünlich schwarzen Filzhut, oder, wenn es draußen naß war, in einem langen, gelben Wachstuchmantel und einem ebensolchen Südwester. Und jedesmal trug er eine kleine Tasche aus Weidengeflecht in der Hand. So ausgestattet ging er in das Kaufhaus von Rose und Thorn, trat ein und übergab dem ersten Verkäufer, dessen er ansichtig wurde, die Tasche, ein paar Geldstücke und ein kleines Buch, das sieben Blätter enthielt, die überschrieben waren ›Nahrungsmittel für: Montag, Dienstag, Mittwoch‹ usw. Dann blieb er stehen, durch ein Konservenglas hindurch ins Weite starrend, während er die eine Hand mit aufwärts gerichteten Fingern ausgestreckt hielt und auf die Rückkehr seiner kleinen Weidentasche wartete. Als er fühlte, daß er sie wieder in der Hand hatte, wandte er sich um und verließ den Laden. Jedesmal erschien, wenn er den Rücken wandte, auf den Gesichtern der Angestellten dasselbe gutmütige Lächeln. Nicht für alle Schätze des Mondes hätten sie ihn um einen einzigen Heller oder um ein dünnes Blättchen Käse kürzen mögen, und jedem neuen Verkäufer, der über jenen alten Kunden lachen wollte, wurde sofort bedeutet, daß da nichts zu ›ulken‹ sei.

Stones gebrechliche Gestalt, die sich durch die vermehrte Last der Markttasche mehr nach der einen Seite neigte, bewegte sich dann langsam seinem Heim zu. Er kam, etwa zehn Minuten ehe der Wecker drei schlug, und bald ertönte wieder nach dem einleitenden Chaos der deutliche, dünne Flötenton seiner Stimme, unterbrochen durch das Kritzeln seiner Füllfeder.

Aber gegen vier Uhr machten sich Zeichen seelischer Erregung bemerkbar; seine Lippen verstummten, seine Feder hörte auf über das Papier zu kritzeln, und sein Antlitz tauchte mit geröteter Stirn am offenen Fenster auf. Sobald das kleine Modell in Sicht kam – sie hielt die Augen nicht auf sein, sondern auf Hilarys Fenster gerichtet – wandte er den Rücken und wartete offenbar auf den Moment, wo sie ins Zimmer trat. Seine ersten Worte äußerte er mit ruhiger Stimme: »Ich habe mehrere Seiten fertig. Ich habe Ihnen den Stuhl hingestellt. Sind Sie bereit? Folgen Sie!«

Abgesehen von jener eigentümlichen Ruhe in seiner Stimme und dem Verschwinden der Röte auf seiner Stirn, war von der Verjüngung, die sie mit sich brachte, nichts zu merken; nichts von jener Erfrischung, wie sie den Reisenden überkommt, der sich am Ende eines langen Wandertages unter einem Lindenbaume niederläßt; nichts zu merken von jenem geheimnisvollen Behagen, das ihm beim Anblick ihres niedergeschlagenen, jungen Gesichts, ihrer jungen, weichen Glieder durch die Adern rieselte. So mögen Menschen, die ihrem Ende nahe sind, aus irgend einem Reizmittel neue Lebenskraft gewinnen, indes sie gewissermaßen einer Gestalt, die sie vorwärts zieht, nachblicken, bis sie plötzlich im Dunkel verschwindet. Während der Viertelstunde, die dem Tee und der Unterhaltung gewidmet war, bemerkte er nie, daß sie stets auf ein Geräusch von draußen lauschte; es genügte ihm, daß er in ihrer Gegenwart fühlte, wie neue Kraft für seine Aufgabe ihn belebte.

Als sie dann langsam und zögernd fortging, während ihre Augen nach irgend einer Spur von Hilarys Anwesenheit umhersuchten, pflegte Stone sich ziemlich unvermittelt niederzusetzen und einzuschlafen, um vielleicht von der Jugend zu träumen, der Jugend mit ihren Hoffnungen und Ängsten, der Jugend, die uns noch lange narrt, wenn sie tot ist! Sein Geist lächelte dann wohl unter seiner Hülle – dem dünnen Porzellan seines Antlitzes – und wie Hunde, im Traume laufend ihre Füße regen, so regten sich seine Finger auf seinen wollbekleideten Knieen.

Um sieben Uhr weckte ihn die Uhr für die Vorbereitungen zu seinem Abendbrot. Nachdem es verzehrt war, begann er wieder auf- und abzugehen, Worte in die Stille hinauszustreuen und seine Füllfeder in Bewegung zu setzen.

So entstand ein Buch, wie es die Welt noch nie gesehen!

Aber das Mädchen, das so trübselig daherkam, um ihn aufzufrischen, und ebenso trübselig fortging, sah während der ganzen Tage von dem, den sie suchte, nichts.

Seit dem Morgen, an dem er so plötzlich von ihr gegangen war, hatte Hilary es so eingerichtet, daß er an den Nachmittagen immer fort war und erst nach sechs Uhr zurückkam. Durch diese List vermied er es, ihr gegenüberzutreten und so eine Entscheidung herbeizuführen, denn vor dieser Notwendigkeit stand er jetzt; das begriff er sehr wohl. In den wenigen Minuten völligen Schweigens, während deren das Mädchen neben ihm gesessen hatte, lockend, bebend in ihrem erwachenden Machtbewußtsein, da hatte er gefühlt, daß der Mann in ihm noch keineswegs erstorben war. Jetzt handelte es sich nicht mehr um unklare, sinnliche Empfindungen; es war ein lebhaftes, entschiedenes Begehren in ihm. Je mehr sie seine Gedanken beschäftigte, desto weniger seelisch war seine Empfindung für dieses Mädchen aus dem Volk in ihm geworden.

In jenen Tagen erschien er denen, die ihn gut kannten, sehr verändert. Anstatt der milden, fast heiteren Sanftmut, die die Leute an ihm gewohnt waren, anstatt der ruhigen Freundlichkeit, die zugleich das Vertrauen zurückzuweisen und doch zu sagen schien, ›wenn du Wert darauf legst, mir etwas mitzuteilen, es würde mir nicht einfallen dich zu verurteilen, was du auch immer getan haben mögest‹ – anstatt jenes ein wenig zerstreuten, leicht spöttischen Wesens, war sein Benehmen verdrießlich und abweisend geworden. Er schien seinen Freunden auszuweichen. Und im ›Tinte- und Feder-Klub‹ machte er sich bei denen, die gern plauderten, gar nicht beliebt. Man wußte, daß er an einem neuen Buche arbeitete, und man nahm, um für sein sonderbares Wesen eine Erklärung zu haben, an, daß die Durchführung seiner Arbeit ihm Schwierigkeiten bereitete.

Tatsächlich bestand die einzige Schwierigkeit, die ihm sein neues Werk machte, darin, daß er überhaupt nicht imstande war, zu arbeiten. Selbst dem Hausmädchen, das sein Zimmer aufräumte, fiel es auf, daß sie täglich noch dasselbe Kapitel XXIV auf dem Schreibtisch sah, trotzdem doch ihr Herr, wie früher, jeden Vormittag zu Hause blieb.

Die Veränderung in seinem Wesen und Aussehen, das etwas Gequältes und Unstetes angenommen hatte, war auch von Bianca bemerkt worden, obgleich sie eher gestorben wäre, als daß sie zugegeben hätte, ihn beobachtet zu haben. Es war eine jener Stimmungen im Hause, wie die Nachmittagsstunde eines Spätsommertages: dumpf, voll Gewitterschwüle, vorläufig noch still; aber es war die Atmosphäre eines nahenden Unwetters.

Nur zweimal während der Zeit, da Hughs im Gefängnis saß, bekam Hilary das Mädchen zu sehen. Einmal begegnete er ihr, als er nach Hause fuhr; sie wurde dunkelrot, und es leuchtete auf in ihren Augen. Und eines Morgens sah er sie auf der Bank, wo sie neulich zusammengesessen hatten. Sie starrte vor sich hin mit unzufrieden heruntergezogenen Lippen. Sie hatte ihn nicht bemerkt.

Für einen Mann wie Hilary – der an die Frauen weniger als an alles andere dachte, der ihnen immer aus dem Wege gegangen war und sich einbildete, daß auch sie stets ihm aus dem Wege gingen – lag etwas eigentümlich Lockendes und Verwirrendes in der Empfindung, daß ein junges Mädchen ihm wirklich nachstellte. Es war gleichzeitig zu schön, zu unwahrscheinlich und doch wieder zu peinlich, um wahr zu sein. Sein plötzliches Gefühl glich der quälenden Empfindung eines Menschen, der da vor sich einen reifen Pfirsich in erreichbarer Nähe sieht. Er träumt beständig davon, die Hand danach auszustrecken, und doch wagt er es nicht oder glaubt es nicht wagen zu dürfen. All das war seiner gewohnten, arbeitsamen, zu innerer Beschaulichkeit neigenden Lebensweise nicht günstig; auch brachte es ein Gefühl von Einsamkeitsbedürfnis mit sich, das ihn seine besten Freunde meiden ließ.

Hauptsächlich aus diesem Grunde geschah es, daß Stephen eines Sonntags zu ihm kam; die zweite Ursache für seinen Besuch war die Voraussicht, daß Hughs am kommenden Mittwoch freigelassen werden sollte.

»Das Mädchen«, dachte er bei sich, »kommt noch immer ins Haus; und Hilary läßt die Dinge gehen, bis er sie nicht mehr aufhalten kann, und dann ist das Malheur da!«

Die Tatsache, daß einer deshalb im Gefängnis gesessen hatte, gab dieser Angelegenheit eine düstere Wendung, die bisher von Stephen in seiner präzisen, behutsamen Art, nur als eine schmutzige bezeichnet worden war. Während er den Garten durchschritt, hörte er Stones' Stimme durch das offene Fenster tönen.

»Kann der alte Narr nicht wenigstens am Sonntag Ruhe geben?« dachte er bei sich.

Er fand Hilary in seinem Arbeitszimmer, ein Buch über die Zivilisation der Makkabäer, als Vorbereitung zu einem Aufsatz lesen. Hilary begrüßte den Bruder nicht sonderlich erfreut. Stephen begann vorsichtig zu sondieren.

»Wir haben dich ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Ich habe von draußen schon unsern alten Freund gehört. Er arbeitet jetzt wohl mit Volldampf, um sein magnum opus zu vollenden? Ich glaubte, er hielte wenigstens die Sonntagsruhe inne.«

»Für gewöhnlich tut er das auch,« sagte Hilary.

»So. Aber jetzt diktiert er dem Mädchen.«

Hilary zuckte.

Stephen fuhr mit noch größerer Vorsicht fort:

»Kannst du den guten Alten nicht dazu bekommen, daß er bis Mittwoch fertig wird, was? Er muß ja doch jetzt dem Ende nahe sein.«

Die Ansicht, daß Stone bis Mittwoch sein Buch beendet haben könnte, rief bei Hilary ein leises Lächeln hervor.

»Könntest du deinen Gerichtshof nicht veranlassen, alle Streitsachen der Menschheit bis Mittwoch vollkommen zu erledigen?«

»Weiß Gott! Steht es so? Ich dachte doch, er müßte jedenfalls damit zu Ende kommen wollen.«

»Wenn alle Menschen Brüder sind,« sagte Hilary, »dann wird er sein Werk beendet haben.«

Stephen pfiff vor sich hin. »Sieh mal, mein Junge,« sagte er, »jener Schuft kommt am Mittwoch heraus; die ganze Sache wird dann wieder von vorn anfangen.«

Hilary stand auf und schritt im Zimmer umher. »Ich weise es von mir, Hughs als einen Schuft anzusehen. Was wissen wir von ihm oder von einem von ihnen?«

»Sehr richtig! Was wissen wir zum Beispiel von diesem Mädchen?«

»Lassen wir das aus dem Spiel,« sagte Hilary kurz.

Einen Augenblick zeigten die Gesichter der beiden Brüder einen harten, feindlichen Ausdruck, als ob der große Unterschied ihrer Charaktere den Sieg über ihre gegenseitige Anhänglichkeit davontragen sollte. Sie schienen das beide zu bemerken; denn sie wandten sich von einander ab.

»Ich wollte dich nur darauf aufmerksam machen,« sagte Stephen, »obgleich du ja selbst am besten wissen mußt, was du zu tun hast.« Und bei Hilarys zustimmenden Blicken dachte er: »Das gerade weiß er nicht.«

Er entfernte sich bald, in dem Bewußtsein, daß er sich in des Bruders Gegenwart merkwürdig unbehaglich fühle. Hilary begleitete ihn zu einer Seitentür hinaus; dann setzte er sich auf die einsame Gartenbank.

Stephens Besuch hatte keinen andern Erfolg gehabt, als widerstreitende Wünsche in ihm zu wecken.

Ein starkes Sonnenlicht fiel auf den kleinen Garten, der meist in tiefem Schatten dalag; Hilary beobachtete unter dem noch nicht blühenden Akazienbaum einen verfrühten Schmetterling, der über die Geranien, die eine alte Sonnenuhr umblühten, flog. Amseln ließen ihren Abendsang ertönen. Später Fliederduft stahl sich herbei, leicht mit Schornsteinrauch vermischt. Es war hell, aber kein Leuchten in dem kleinen Garten. Ein Duft war da, aber kein kräftiger Lufthauch, der über goldene Seen von Butterblumen, über Meere sprießenden Klees, über das windbewegte Silber jungen Weizens gegangen war. Musik war da, aber kein voller Chor von Klängen, kein süßes Summen. Wie Antlitz und Gestalt seines Herrn, so war dieser kleine Garten, dessen Sonnenuhr die Sonne selten erreichte. Verfeinert, freundlich, verschwiegen, in allem ein Produkt der Großstadt. In diesem Augenblick jedoch sah Hilary nicht wie sonst aus; in seinem Gesicht war eine Röte, in seinen Augen Zorn, beinahe, als sei er ein Mann der Tat. Immer noch war Stones Stimme zu hören, die stoßweise in die Luft hinauszitterte, und der alte Mann zeigte sich dann und wann, sein Manuskript in der Hand, das Profil scharf heraustretend aus der Dunkelheit im Zimmer. Ein Satz fand seinen Weg hinaus in den Garten:

»Inmitten der aufregenden Entdeckungen jener Tage, die wie wild bewegte, sich türmende Meere jeden Felsen erschütterten und aushöhlten –« Ein vorüberrasendes Auto ließ das Übrige verhallen, und als die Stimme sich wieder erhob, diktierte sie offenbar einen andern Satz.

»An jenen Stätten, in jenen Straßen, zogen die Schatten dahin, wispernd und surrend wie ein Schwarm sterbender Bienen, die, nachdem ihr Honig aufgezehrt, durch den Wintertag wandern. Sie suchen Blumen die erfroren und tot sind.«

Eine große Biene, die im Flieder gesessen hatte, begann ihm brummend um den Kopf zu kreisen. Plötzlich sah Hilary, wie er beide Arme emporhob.

»In gewaltige Massen gedrängt, Licht und Luft entbehrend, hockten sie beisammen, diese blutleeren Abbilder von Gestalten einer höheren Klasse. Sie lagen da, wie der Widerschein von Blättern, die, frei in den sanften Winden wehend, farblose Ebenbilder zur Erde herabsenden. Körperlose, dunkle Schemen, an den Boden gefesselte Wanderer, hatten sie keine Hoffnung auf eine selige Stätte, noch wußten sie, woher sie gekommen waren. Die Menschen warfen sie hin auf das Pflaster und schritten über sie hinweg. Sie nahmen nicht in allgemeiner Bruderliebe ihre Schatten in die Arme, damit sie an ihren Herzen ausruhen – denn die Sonne stand noch nicht im Mittag, wo kein Mensch einen Schatten hat.«

Als diese Worte wie ein Schwanenlied dahinstarben, schwankte und zitterte er, und plötzlich verschwand er aus dem Gesichtsfeld, als ob er sich niedergesetzt hätte. Das kleine Modell nahm seinen Platz am offenen Fenster ein. Sie schrak auf, als sie Hilarys ansichtig wurde; dann blieb sie regungslos stehen und starrte ihn an. In dem Halbdunkel der Fensteröffnung leuchteten ihre Augen aus einem Antlitz heraus, das blaß wie eine Blume war. So regungslos wie das Mädchen selbst blickte Hilary zu ihr hinauf.

Da ertönte eine Stimme hinter ihm: »Wie geht's, Herrschaften? Ich hab' meinen Wagen ein bißchen spazieren geführt.«

Purcey kam vom Gartentor her, die Augen auf das Fenster geheftet, in dem das Mädchen stand. »Wie geht es Ihrer Gattin?« fügte er hinzu.

Die Anrede dieses Besuchers erweckte in Hilary eine gelinde Wut. Er musterte Purceys Erscheinung von den Tuchgamaschen bis zum Zylinderhut und sagte dann: »Wollen wir sie im Hause aufsuchen?«

Und während sie gingen, bemerkte Purcey: »Das ist ja das junge – das – hm – Modell, das ich im Atelier Ihrer Frau Gemahlin gesehen habe, nicht wahr? Hübsches Mädchen!«

Hilary preßte die Lippen zusammen.

»Wovon mögen wohl so'ne Mädchen leben?« fuhr Purcey unentwegt fort. »Ich denk' mir, die meisten haben noch andre Hilfsquellen, was?«

»Sie leben von dem, was das Schicksal ihnen gewährt, vermute ich, wie andre Leute auch.«

Purcey warf ihm einen scharfen Blick zu. Das klang ja beinahe wie eine Zurechtweisung!

»Oh, natürlich! Ich kann mir denken, daß es der Kleinen da nicht schwer werden wird.« Und plötzlich gewahrte er die seltsame Veränderung, die mit dem ›Schreibmenschen‹, wie er Hilary hinterher nannte, vorging. Aus einem freundlichen, sanft dreinblickenden Menschen schien ihm ein richtiger Teufel geworden.

»Meine Frau scheint ausgegangen zu sein,« sagte Hilary. »Und ich habe auch eine Verabredung.«

In seiner Überraschung und seinem Ärger sagte Purcey mit großer Unbefangenheit: »Bedaure, daß ich störe,« und bald darauf hörte man, wie sein Wagen ihn mit mehr Geräusch als nötig, davonführte.

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