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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Dreißigstes Kapitel

Das Begräbnis des Kindes

Es ist vielleicht die Folge eines tief im Menschen wurzelnden Instinktes, daß er für Diejenigen nach ihrem Tode große Sorgfalt und Kosten aufwendet, die er im Leben mit einer gewissen Gleichgültigkeit behandelt hat. So setzte sich denn auch von der Haustür der Hound Street Nr. 1 aus ein stattlicher Leichenzug von drei Wagen in Bewegung.

Der erste trug den kleinen Sarg, auf dem ein großer, weißer Kranz (ein Geschenk von Cecilia und Thymian) lag; der zweite führte Mrs. Hughs, ihren Sohn Stanley und Joshua Creed, und in dem dritten saß Martin Stone. In dem ersten Wagen lag Schweigen und der Duft von Lilien über ihm, der in seinem kurzen Leben so still gewesen, dem kleinen grauen Schatten, der so lautlos ins Dasein gekommen war und die erste unbemerkte Gelegenheit wahrgenommen hatte, um eben so lautlos daraus zu verschwinden. Nie hatte er sich so friedlich, so zu Hause gefühlt wie in diesem kleinen, einfachen Sarg, in dem er, gewaschen, wächsern, in das einzige entbehrliche Laken seiner Mutter gehüllt, lag. Fort von allem Kampf der Menschen, zog er einem tieferen Frieden entgegen. Seine kleine Aloe hatte geblüht; und zwischen den offnen Fenstern des einzigen Wagens, in dem er je gewesen, bewegte der Wind, in dem – wer weiß – nun vielleicht etwas von ihm selbst war, die Farrenblätter und Blumen seines Totenkranzes. So ging er aus dieser Welt, in der alle Menschen seine Brüder waren. In dem zweiten Wagen war dem Wind der Zutritt streng versagt; und auch hier herrschte Schweigen, das nur durch das laute Atmen des alten Herrschaftsdieners unterbrochen wurde. Während er in seinem Bratenrock dasaß, dachte er mit einem gewissen Gefühl des Behagens an frühere Reisen in so bequemen Wagen – es war bei Gelegenheiten gewesen, da er neben einem verschnürten und versiegelten Kasten sitzend, seines Herrn Wertsachen in den ›Safe‹ einer Bank brachte; oder da er, inmitten von Flinten und Koffern den Hund des ›Honorable Batson‹ festhalten mußte, oder wenn er neben irgend einer jungen Person am Schlusse eines Tauf-, Hochzeits- oder Leichenzuges gefahren war. Diese Erinnerungen vergangener Größe bestürmten ihn jetzt mit seltsamer Deutlichkeit, und da stiegen, er wußte nicht weshalb, die oft gehörten Worte vor ihm auf: »Wollt ihr einander treu und herzlich lieben, einander weder in Freud noch Leid verlassen und den Bund der christlichen Ehe heilig und unverbrüchlich halten, bis daß der Tod euch scheidet?«

Aber inmitten der Erregung, die diese Erinnerungen wachriefen, ließ sein altes Herz unter dem rotwollenen Brustschützer, der in kurzen Zwischenpausen leise zitterte, ihn nach der Frau an seiner Seite blicken. Er hätte so gern etwas von dem auf sie übertragen, was er an Befriedigung darüber empfand, daß es nun doch kein so ärmliches Begräbnis war, wie es hätte sein können. Er zweifelte, ob sie mit ihrem Frauenverstand die drei großen Wagen und den Lilienkranz genügend zu schätzen wußte. Das hagere Gesicht der Näherin mit seinem gequälten, duldenden Ausdruck, sah hagerer und stiller aus denn je. Woran sie wohl denken mochte, das konnte er sich nicht vorstellen. Es gab so viele Dinge, an die sie denken konnte. Sicherlich hatte auch sie ihre glückliche Zeit gehabt, und wenn es auch nur auf der einsamen Fahrt von der Kirche gewesen sein mochte, als sie vor acht Jahren mit Hughs dort die Worte gehört hatte, die jetzt Creed verfolgten. Dachte sie daran? An ihre entschwundene Jugend und Anmut und an die erstorbene Liebe ihres Mannes? An den langsamen Abstieg ins Schattenland, an die andern Kinder, die sie begraben hatte, an Hughs im Gefängnis, an das Mädchen, die ihn ›behext‹ hatte, oder nur daran, wie die winzigen Lippen, die jetzt in dem Wagen da vorn reglos lagen, zuletzt an ihrer Brust gesogen? Oder überlegte sie, daß, wären die Menschen nicht so gut zu ihr gewesen, sie jetzt vielleicht hinter einem von der Gemeinde gestellten Leichenwagen hergehen müßte?

Der alte Diener hätte es nicht zu sagen vermocht; aber er, dessen einzige Sehnsucht neben dem Wunsch, nicht im Armenhause zu sterben, es war, soviel Ersparnisse zurückzulegen, um seinen Körper ohne die Einmischung anderer Leute beerdigen zu lassen – er war eher geneigt zu denken, daß sie bei der lichteren Anschauung der Dinge verweilen müßte. Und, um sie aufzuheitern, sagte er: »Ne wundervolle Verbesserung sind doch diese bequemen Wagen! O je, wenn ich an die Zeiten denk' wie sie früher waren!«

Die Näherin antwortete in ihrem stillen Ton: »Ja, der ist sehr bequem. Sitz still, Stanley!« Ihr kleiner Sohn, dessen Füße den Boden nicht erreichten, hämmerte mit seinen Hacken gegen den Sitz. Er hielt inne und blickte sie an, indes der alte Diener zu ihm sagte:

»Du wirst an diese Stunde denken, wenn du älter bist.«

Der kleine Junge wandte seine schwarzen Augen von der Mutter zu dem, der eben gesprochen hatte.

»Ein schöner Kranz,« fuhr Creed fort; »ich hab ihn schon unten von der Treppe gerochen. Da is nichts gespart dran. Weißer Flieder is auch drin – das is 'ne Blumensorte, die schrecklich teuer is.«

Eine Gedankenreihe war ihm erweckt, die so lebhaft war, daß er sie nicht für sich behalten konnte und so fuhr er fort:

»Gestern habe ich das junge Mädel gesehen; sie hat mich auf der Straße angesprochen.«

In Mrs. Hughs' Gesicht, dessen Ausdruck bisher tot gewesen war, kam ein Blick, wie man ihn bei Eulen beobachten kann – hart, grausam; härter noch und grausamer durch die sonstige Sanftmut der großen, dunklen Augen.

»Es wär' anständiger von ihr,« sagte die Frau, »wenn sie still wegbleiben möchte. Sitz ruhig Stanley!«

Wieder hielt der Junge mit dem Trommeln seiner Hacken inne und ließ seinen Blick von dem alten Diener zu der wandern, die da gesprochen hatte. Der Wagen, der vorher langsamer und dann plötzlich mit einem Ruck wieder rascher gefahren war, als wolle er auf irgend etwas in der Straße zusteuern, nahm sein gemächliches Tempo wieder auf. Creed sah durch das festgeschlossene Fenster hinaus. Da lag vor ihm in einer Länge, die kein Ende zu nehmen schien, wie man etwa bei Albdrücken ein Gebäude sieht, jenes Haus, das seine Füße nie zu betreten wünschten. Hastig wandte er den Kopf wieder der Fahrtrichtung zu. Die Farbe seiner Nase hatte sich vertieft. Und er sagte:

»Wenn sie mir bloß die letzte Ausgabe früher bringen wollten, anstatt sie dann erst runter zu schicken, wenn der gemeine Kerl mir schon all meine Kunden weggeschnappt hat! Es wär' für mich 'n Unterschied von mindestens zwei Shilling die Woche; das könnt' ich schön sparen.« Auf diese Worte, deren verborgener Sinn nicht verstanden wurde, erhielt er keine andere Antwort, als das Hämmern der kleinen Knabenstiefel; und auf den Gegenstand zurückkommend, von dem er abgelenkt worden war, murmelte er: »Sie hat ganz neue Kleider angehabt.«

Er wurde förmlich erschreckt durch den heftigen Ton einer Stimme, die er kaum wiedererkannte: »Ich will von ihr nich sprechen hören; sie is nich danach, daß honnette Leute von ihr reden.«

Der alte Mann sah sie von der Seite an; die Frau zitterte stark. Ihre Heftigkeit in dieser Situation hatte etwas Verletzendes für ihn. »Staub zu Staub,« dachte er.

»Denken Sie nich weiter dran,« sagte er, all' seine Weltkenntnis zusammenraffend; »sie wird schon noch dahin kommen, wo sie hingehört.« Und als er sah, daß ihr eine langsame Träne über die brennende Wange tröpfelte, fügte er hastig hinzu: »Denken Sie an Ihr Kleines – ich helf Ihnen schon weiter. Sitz stille, Junge – sitz still! Merkste nich, daß du deine Mutter störst?«

Wieder hörte der kleine Bursch mit dem Hämmern seiner Hacken auf und blickte den Sprecher an; und der geschlossene Wagen rollte mit seinem leis rasselnden Geräusch weiter.

In dem dritten Wagen, dessen Fenster weit geöffnet waren, saß Martin Stone, die Hände tief in seine Manteltaschen vergraben, die langen Beine gekreuzt und starrte mit einem gewissen verbissenen Spott gegen die Decke des Wagens.

Innerhalb des Eingangtors, das so viele tote und lebende Schatten hatte passieren sehen, stand Hilary und wartete. Er hätte wohl kaum eine Erklärung dafür geben können, weshalb er hierhergekommen war, um zuzusehen, wie man diesen winzigen Schatten der Erde übergab – vielleicht geschah es in Erinnerung an jene zwei Minuten, da des Kindes Augen mit den seinen Zwiesprache gehalten hatten, oder vielleicht in dem Wunsche, derjenigen seine Achtung zu bezeugen, auf der das Leben in letzter Zeit so schwer gelastet hatte. Aus welchem Grunde er aber auch immer gekommen sein mochte, er hielt sich still beobachtend beiseite. Und er wiederum hatte seinen unbemerkten Beobachter – das kleine Modell, das sich hinter einem großen Grabstein verbarg.

Zwei Männer in abgenutztem Schwarz trugen den kleinen Sarg; dann kam der weißgekleidete Kaplan, darauf Mrs. Hughs und ihr kleiner Sohn; etwas dahinter, den Kopf mit zitternden Bewegungen nach vorn gestreckt, der alte Creed; und ganz zuletzt Martin Stone. Hilary gesellte sich zu dem jungen Arzt. So schritten die fünf Leidtragenden dahin.

Vor einer kleinen, dunklen Grube in einer Ecke des Kirchhofs machten sie Halt. Die Sonne fiel auf dieses Feld blumenloser Gräber. Der Ostwind berührte mit leisem Wehen des alten Herrschaftsdieners glatt gescheiteltes Haar und trieb ihm Tränen in die Augen, die sich andächtig auf den Kaplan hefteten. Worte und Bilder zogen ihm durch den Sinn.

»Er bekommt eine christliche Beerdigung. – Asche zu Asche. – Ich hab' nie geglaubt, daß er leben bleibt.« Der Fortgang der Feier, die man jenem winzigen Schatten entsprechend, abgekürzt hatte, erweckte in ihm eine wohltuende Empfindung; Nebel schwamm ihm vor den Augen; er lauschte wie ein alter Papagei auf seiner Stange, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt.

»Die da jung sterben,« so dachte er, »gehen direkt in den Himmel ein. Wir glauben an Gott, wir Sterblichen; jawoll, das is es! Ich hab' keine Angst vor'm Tod!«

Als er den kleinen Sarg über der Grube schwanken sah, reckte er den Hals noch weiter aus. Langsam sank er hinab; ein unterdrücktes Schluchzen wurde hörbar. Der Alte berührte den Arm der vor ihm Stehenden mit zitternden Fingern.

»Nich doch, nich doch,« flüsterte er. »Er is eingegangen in die ewige Seligkeit.«

Da er aber den dumpfen Schall der Erdschollen hörte, nahm er selbst sein Taschentuch heraus und führte es an die Nase.

»Ja, fort is er,« dachte er. »Wieder ein Kleines fort. Alte Männer und junge Frauen, junge Männer und kleine Kinder, das geht immer so weiter. Wo er jetzt is, da gibt's keine Trauung und keine Predigt: ›bis daß der Tod Euch scheidet‹.«

Der Wind, der über die zugeschüttete Grube fegte, trug das Rasseln seines heiseren Atems, das trockene, unterdrückte Schluchzen der Näherin fort, weit hinaus über die Gräber der Schatten, zu jenen Häusern, in jene Straßen ...

Hilary und Martin traten nach dem Begräbnis des Kindes nebeneinander den Rückweg an, und weit hinter ihnen, auf der andern Seite der Straße folgte das kleine Modell. Eine Zeitlang sprach keiner von ihnen. Dann begann Hilary, mit der Hand auf eine schmutzige Gasse deutend:

»Die da verfolgen uns und ziehen uns hinab. Ein dunkler, langer Hohlweg. Gibt's da ein Licht am fernen Ende, Martin?«

»Ja,« sagte Martin barsch.

»Ich sehe es nicht.«

Martin blickte ihn an.

»Hamlet!«

Hilary erwiderte nichts.

Der junge Mann sah ihn von der Seite an. »So zu lächeln hat etwas Krankhaftes.«

Hilary hörte auf zu lächeln. »So heile mich doch,« sagte er, mit plötzlich erwachendem Ärger, »du Gesundheitsmensch!«

Des jungen ›Sanitisten‹ blasse Wangen röteten sich.

»Verkümmerung des Willensnervs,« murmelte er; »dafür gibt es keine Heilung.«

»Oh!« sagte Hilary, »so verschieden wir alle auch sind, jeder von uns wünscht den sozialen Fortschritt auf seine Weise. Du, dein Großvater, mein Bruder, ich selbst. Da hast du vier verschiedene Typen. Willst du mir etwa sagen, daß einer von uns der rechte Mann für die Aufgabe wäre? Mir zum Beispiel ist der Wille zum Handeln nicht von Natur gegeben.«

»Irgend eine Tat,« antwortete Martin, »ist besser als gar keine Tat.«

»Und du bist von Natur kurzsichtig, Martin. Dein Rezept zum Beispiel in dem Falle, den wir soeben gesehen haben, scheint nicht viel genutzt zu haben, was?«

»Ich kann nichts dafür, wenn die Menschen so verd.... Narren sind.«

»Da sprichst du's aus. Aber beantworte mir eine Frage: Ist das soziale Gewissen denn nicht eigentlich die Folge von Wohlbehagen und gesicherter Lebensbasis?«

Martin zuckte die Achseln.

»Und zerstört das Behagen nicht wiederum die Fähigkeit des Handelns?«

Wieder zuckte Martin die Achseln.

»Wenn also diejenigen, die das soziale Gewissen besitzen und erkennen, was geändert werden müßte, ihre Fähigkeit zu handeln verloren haben, wie kannst du sagen, daß es am Ende des dunklen Hohlwegs ein Licht gibt?«

Martin zog seine Pfeife heraus, füllte sie und drückte die Füllung mit dem Daumen herunter.

»Es wird Licht,« sagte er endlich, »trotz aller Zaghaften. Adieu! Ich hab' genug Zeit vertan,« und hastig ging er davon.

»Und trotz aller Kurzsichtigkeit?« murmelte Hilary vor sich hin. Einige Minuten später, als er aus dem Kaufhaus von Rose und Thorn, wo er sich Tabak gekauft hatte, heraustrat, stieß er plötzlich auf das kleine Modell, das offenbar da gewartet hatte.

»Ich war bei dem Begräbnis,« sagte sie, und ihr Gesicht fügte offen hinzu: »Ich bin dir gefolgt.« Unaufgefordert schritt sie neben ihm weiter.

»Das ist nicht dasselbe Mädchen,« dachte er, »das ich vor fünf Tagen fortgeschickt habe; sie hat etwas verloren, etwas gewonnen. Ich erkenne sie nicht wieder.«

Ihr Gesicht und ihr Wesen verriet einen eigensinnigen Willen. Es war wie der Ausdruck in den Augen eines Hundes, der da sagt: »Herr, du wolltest mich einsperren, fern von dir; ich weiß jetzt, wie das tut. Mach', was du willst, ich gedenke künftig in deiner Nähe zu bleiben.«

Dieser Ausdruck erschreckte durch seine Einfalt den Mann, dem alles Primitive fremd war. In dem Wunsch, seine Begleiterin los zu werden, ohne jedoch zu wissen, wie er das anfangen sollte, nahm Hilary im Kensington Park auf der ersten Bank, an die sie gelangten, Platz. Die Kleine setzte sich neben ihn. Dieser stumme Belagerungszustand hatte für ihn etwas Unheimliches. Es war, als ob jemand ihn mit den feinsten Fäden umschlänge, die vor seinen Augen allmählich zu Seilen wurden. In Hilarys Furcht lag aber auch ein gut Teil Verwirrung. Sein Zartgefühl und sein lebhafter Sinn für das Lächerliche wurden hier auf eine harte Probe gestellt. Was glaubte sie von ihm zu erlangen, dieses kleine Geschöpf, mit dem er keinen Gedanken und keine Vorstellung gemein hatte, dessen Geist dem seinigen hoffnungslos fern war? Weshalb versuchte sie mit ihrer stummen, ausdauernden Anhimmelung auf ihn einen Zauber auszuüben? Beabsichtigte sie, seine gönnerhafte Neigung in eine andere Art Neigung zu verwandeln? Er wandte sich um und sah sie an; sofort senkte sie die Augen und saß da, wie eine Gestalt aus Stein.

Wie in ihrem Wesen, so war sie auch in ihrem Äußeren anders geworden. Ihre Glieder hatten etwas Freieres, Runderes bekommen; ihr Atem schien lebhafter zu gehen; wie eine Blume bei Junianfang, so entfaltete sie sich vor seinen sehenden Augen. Wenn ihm dies auch Freude machte, so verstärkte es doch seine Befürchtungen. Dieses seltsame Schweigen, das so natürlich war, – denn was konnte er wohl mit ihr reden? – brachte ihm deutlicher als irgend etwas vorher den Klassenunterschied zum Bewußtsein. Alles, was er jetzt zu erwägen vermochte, war, wie er es anfangen sollte, um sich nicht lächerlich zu machen! Sie forderte ihn in einer eigentümlich-unbewußten, behutsamen Weise auf, sie als erwachsene Frau zu betrachten; es war, als ob sie unsichtbar ihre runden, jungen Arme um seinen Hals geschlungen und mit halb geschlossenen Lippen ihm den ewigen Lockruf von Geschlecht zu Geschlecht zugeflüstert hätte. Und er, der alternde, fein empfindende Mann, dem all dies bewußt war, vermochte nicht einmal ein Wort hervorzubringen, aus Furcht, wider sein eignes Zartgefühl zu handeln. Er wagte kaum zu atmen, so bis in die tiefsten Tiefen verwirrt war er durch die junge Gestalt, die da neben ihm saß, und durch die Furcht, diese Verwirrung zu verraten.

Neben der wohlgehüteten Pflanze sprießt der wildwachsende Mohn auf; rund um den Stamm eines glatten Baumes schlingt sich das Gaisblatt; an eine feste Mauer klammert sich der Efeu.

Mit ihrer neuen Gestalt und Absicht hatte dieses Mädchen eine eigentümliche, stille Macht über ihn gewonnen; es bedeutete für sie jetzt nichts mehr, ob er mit ihr sprach oder sie ansah; ihr Instinkt, dieses Mannes äußere Hülle durchdringend, war des Hämmerns seiner Pulse, des süßen Giftes in seinem Blute sicher.

Hilary fühlte diese stumme Macht, und sie ängstigte ihn mehr als alles andere. Er brauchte nicht zu reden; sie fragte nicht danach! Er brauchte sie nicht einmal anzusehen; sie hatte nur dazusitzen, stumm, regungslos, indes der Atem der Jugend durch ihre halbgeöffneten Lippen ging und das Licht der Jugend sich durch ihre halbgeschlossenen Augen stahl.

Und plötzlich stand er auf und ging davon.

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