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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Zweites Kapitel

Eine Familienerörterung

Die Ehe zwischen dem Professor der Naturwissenschaften Sylvanus Stone und Anna, der Tochter des Richters Carfax, aus der bekannten Provinzfamilie der Carfax von Spring-Deans, Hampshire, war in den sechziger Jahren geschlossen worden. Die Taufen von Martin, Cecilia und Bianca, dem Sohn und den Töchtern von Sylvanus und Anna Stone findet man in den Kirchenbüchern von Kensington in den drei aufeinanderfolgenden Jahren registriert, als ob irgend ein pedantisches Prinzip dabei obgewaltet hätte. Danach aber fand sich nirgends mehr die Taufe eines Nachkommen eingetragen, gleichsam als wäre dieses pedantische Prinzip späterhin irgendwelchem Widerstand begegnet. Aber in den achtziger Jahren findet sich in den Registern derselben Kirche das Ableben von Anna, geborene Carfar, Ehefrau des Sylvanus Stone, verzeichnet. In diesem ›geborene Carfar‹ lag für diejenigen, die Bescheid wußten, mehr als eine oberflächliche Bezeichnung. Es schloß nicht nur die Mutter von Cecilia und Bianca in sich. Es schloß jenen unsteten, abweisenden Blick ihrer hellen Augen in sich, die, obgleich sie in der Familie als die ›Carfar Augen‹ bezeichnet wurden, absolut nichts mit dem alten Richter zu tun hatten. Sie waren vielmehr seiner Frau zu eigen gewesen, und sie hatten einem Manne von seiner energischen Art viel zu schaffen gemacht. Er selbst hatte immer ganz genau gewußt, was er wollte, und hatte es auch die anderen wissen lassen. Seiner Ehefrau aber mußte er stets zu Gemüte führen, daß sie eine unlenksame Frau sei, die nie weiß, was sie will. Dabei hatte er aber auch sorgsam daran gedacht, mit seinem wohlerworbenen Vermögen die Zukunft seiner Nachkommen zu sichern.

Es wäre ihm sonderbar gewesen, wenn er seine Enkelinnen und ihre Zeit hätte erleben müssen. Wie so viele tüchtige, in praktischen Dingen weitausschauende Männer seiner Generation, hätte er sich nicht vorstellen können, daß seine Nachkommen sich mit Gedankenarbeit begnügen, daß sie sich Zeit zum bedächtigen Überlegen gönnen würden. Er hätte sich nicht vorstellen können, daß sich das Schwanken in der eigenen Meinung zu einer Kunst ausbilden ließe, und man erst dann das Entscheidende täte, wenn man die absolute Notwendigkeit dafür eingesehen hatte. Er, der sein Leben lang ein Mann der raschen Tat gewesen, hätte nicht verstanden, daß für die neue Generation ›Handeln‹ mit ›Sichbloßstellen‹ identisch sein könnte.

Er war nie selbstbewußt gewesen – das gehörte nicht zu den Gewohnheiten seiner Zeit. Und er hätte nie geahnt, daß diese von ihm ungenützte Eigenschaft zugleich mit einer hübschen Summe, die ihnen ein behagliches Dasein sicherte, auf seine Nachkommen übergehen würde; dazu hatte er nicht Phantasie genug besessen.

Von all den Leuten, die sich an jenem Nachmittag im Atelier seiner Enkelin versammelten, wäre das verirrte Schaf, Mr. Purcey, vielleicht der einzige gewesen, dessen Ansichten er für gesund erklärt hätte.

Für Mr. Purcey hatte niemand ein Vermögen zurückgelegt. Er stand von seinem zwanzigsten Jahre an selbständig im Geschäftsleben. Es ist schwer zu sagen, ob nur seine gesellschaftliche Unbeholfenheit diesen Besucher noch im Atelier zurückhielt, nachdem die anderen alle gegangen waren, oder einfach die Überzeugung, daß es ihm nur nutzen könnte, wenn er so lange wie möglich in der Nähe wahrhaft künstlerischer Menschen blieb. Wahrscheinlich war es das letztere. Der Besitz des Harpignies, eines wirklich guten Bildes, das er durch Zufall erworben, und dessen Wert er ebenso durch Zufall entdeckt hatte, war ein Faktor in seinem Leben geworden. Denn er gab ihm eine Ausnahmestellung unter seinen Freunden, die die glattgemalte Landschaft eines Akademikers höher schätzten, oder die Reproduktionen schöner Damen im Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts, entweder zu Pferde oder in schottischen Gärten. Er war jüngerer Teilhaber eines ziemlich bedeutenden Bankhauses und wohnte in Wimbledon, von wo aus er täglich in seinem Auto zur Stadt hereinkam. Diesem Umstand verdankte er auch die Bekanntschaft mit der Familie Dallison. Denn eines Tages war er, nachdem er seinem Chauffeur geboten hatte, am Eingang des großen ›Weges‹ auf ihn zu warten, ausgestiegen, um die Rotten Row hinunterzuflanieren. Er tat dies auf seinem Heimweg oft, in der Absicht, jedem Menschen, den er einigermaßen kannte, zuzunicken. Heute hatte er seinen Zweck verfehlt; es war ihm niemand, der irgendwie in Betracht kam, begegnet, und mit einem wahren Heißhunger nach Unterhaltung war er schließlich in Kensington Gardens auf einen alten Mann gestoßen, der aus einer Papiertüte die Vögel fütterte. Da die Tiere bei seinem Anblick fortgeflogen waren, näherte er sich dem Vogelfreund, um sich zu entschuldigen.

»Ich fürchte, ich habe Ihre Vögel aufgeschreckt,« begann er.

Der alte Mann in rauchgrauem Lodenanzug, von dem ein scharfer Torfgeruch ausging, sah ihn an, ohne ihn einer Antwort zu würdigen.

»Ich fürchte, Ihre Vögel sind vor mir davongeflogen,« begann Purcey von neuem.

»In jenen Zeiten,« sagte der greise Fremde, »hatten die Vögel Furcht vor den Menschen.«

Purceys gescheite, graue Augen sahen sofort, daß er es hier mit einem Sonderling zu tun hatte.

»Ah ja!« meinte er, »ich verstehe, Sie spielen auf unsere Zeit an. Sehr gut, wirklich! Ha, ha!«

Der alte Mann entgegnete: »Die Furcht-Empfindung steht in untrennbarem Zusammenhang mit dem brudermörderischen Kampfprinzip frühester Zeit.«

Dieser Ausspruch warnte Purcey.

»Bei dem alten Manne,« dachte er, »ist's nicht ganz richtig. Man sollte ihn doch wohl nicht so allein herumlaufen lassen.« Er erwog nun, ob er lieber so schnell wie möglich zu seinem Auto zurückkehren oder ob er bleiben sollte für den Fall, daß sein Beistand hier erforderlich sei. Da er ein gutherziger Mensch war, der an seine Fähigkeit, alles zum besten wenden zu können, glaubte, und da ihm in der Erscheinung und den Zügen des Alten eine gewisse Verfeinerung auffiel, etwas ›Apartes‹, wie er später erklärte, so beschloß er, abzuwarten, ob er ihm irgendwie von Nutzen sein konnte. Sie schritten nebeneinander her, indes Purcey seinen neuen Bekannten von der Seite beobachtete und dabei die Richtung nach der Stelle einschlug, an der sein Chauffeur ihn mit dem Auto erwarten sollte.

»Sie haben Vögel wohl sehr gern?« begann er vorsichtig die Unterhaltung.

»Die Vögel sind unsere Brüder.«

Die Antwort war ganz dazu angetan, Purcey in seiner Beurteilung des Falles zu bestärken.

»Ich habe mein Auto hier,« bemerkte er. »Erlauben Sie, daß ich Sie vor Ihrem Hause absetze?«

Sein neuer alter Freund schien nicht zu hören; seine Lippen bewegten sich, als ob er irgend einen Gedanken zu Ende führte.

Purcey faßte ihn hastig am Arm.

»Da ist mein Wagen,« sagte er. »Ich darf Sie nach Hause bringen, nicht wahr?«

Späterhin hat er das Erlebnis so erzählt:

»Der Alte wußte ganz gut, wo er wohnte; aber ich laß mich hängen, wenn er auch nur bemerkte, daß er mit in meinem Auto – es war ein prima Damyer – fuhr. Auf diese Weise habe ich die Bekanntschaft der Dallisons gemacht. Sie wissen, er ist Schriftsteller und sie malt, neueste Richtung, Verehrerin von Harpignies. Also, als wir vorfuhren, sah ich Dallison im Garten. Ich benahm mich natürlich sehr diplomatisch. Erklärte ihm nur: ›Ich bin diesem alten Herrn unterwegs begegnet. Hier bringe ich ihn in meinem Auto zurück.‹ Der Alte war niemand anders als der Vater von Mrs. Dallison. Sie waren mir furchtbar dankbar. Reizende Leute, aber ein bißchen sehr – wie nennt man's doch – fin de siècle – wie all diese Gelehrten, diese Kunstmenschen. – Scheinen 'ne komische Sorte von Bekannten zu haben – so neumodisch; reden bloß immer von den ›unteren Klassen‹ und Vereinen und neuen Religionen und so'nem Zeug.«

Obgleich er seitdem mehrere Male bei ihnen gewesen war, hatten die Dallisons ihm niemals seinen guten Glauben an jene edle Tat genommen – sie mochten ihn nie wissen lassen, daß er nicht, wie er glaubte, einen Verrückten, sondern einen Philosophen in sein Heim zurückgeführt hatte.

Er war an jenem Nachmittag beinahe erschrocken, als er beim Betreten von Biancas Atelier dem alten Stone an der Tür begegnete. Er hatte ihn zwar seit dem ersten Zusammentreffen in Kensington Gardens öfter gesehen und inzwischen erfahren, daß der alte Herr an einem größeren Werke schrieb. Dennoch wurde er die Empfindung nicht los, daß solch ein wunderlicher alter Mann eigentlich nicht frei umherlaufen dürfe. Sofort hatte er von der Hinrichtung des Scoreditsch Mörders, von der die Abendblätter berichteten, zu erzählen begonnen, und die Art, wie Stone diese Nachricht aufnahm, hatte seine erste Annahme nur noch bestärkt. Nachdem alle Besucher gegangen waren, mit Ausnahme von Mr. und Mrs. Stephen Dallison und Miß Dallison, jenem ›allerliebsten‹ Mädchen sowie dem jungen Mann, der ›immer um sie 'rum war‹, trat Purcey zur Hausfrau, um noch eine Weile mit ihr zu plaudern. In ihrer wohlerzogenen Art hörte sie ihn höflich an, mit jenem Anflug von spöttischem Lächeln um die Lippen, das sie in Purceys Augen zu einer ›ungewöhnlich interessanten Frau machte‹, »aber etwas« – hier pflegte er abzubrechen, denn es hätte eines größeren Psychologen, als er es war, bedurft, um zu ergründen, worin das Unharmonische lag, das ihre Schönheit beeinträchtigte.

Lag es in der widerspruchsvollen Mischung des Blutes, oder an einer ungeeigneten Umgebung, oder an sonst welchen Ursachen – der Zwiespalt war da. Denjenigen, die Bianca Dallison näher standen als Purcey, war die verschlossene, ein wenig hochmütige Art dieser Frau nur allzu vertraut, ohne die ihre Schönheit einwandfrei gewesen wäre.

Sie war etwas größer als Cecilia, ihre Gestalt ein wenig voller und anmutiger, das Haar, ebenso wie die Augen, dunkler; die Backenknochen erschienen stärker, die Farben lebhafter. Jener Geist der Zeit, die Disharmonie, schien schon an ihrer Wiege gestanden zu haben, als man dieses lebhafte dunkeläugige Kindlein mit dem Namen ›Bianca‹ taufte.

Purcey aber war nicht der Mann, der sich auch nur durch den Schatten eines Gedankens in seinem Behagen hätte stören lassen. Sie war eine ›auffallend aparte Frau‹, und dank dem Harpignies verband sie ein gemeinsames Interesse.

»Ihr Herr Vater und ich, Mrs. Dallison, verstehen einander nicht ganz,« begann er. »Unsere Lebensanschauungen gehen ein bißchen auseinander.«

»So?« entgegnete Bianca, »ich hatte gerade geglaubt, Sie kämen so gut miteinander aus.«

»Er ist mir ein bißchen zu – eh – zu tief,« sagte Purcey ein wenig zögernd.

»Haben wir Ihnen nie erzählt,« fragte Bianca lächelnd, »daß mein Vater vor seiner Krankheit einen recht bedeutenden Platz in der Gelehrtenwelt einnahm?«

»Oh, doch, doch!« erwiderte Purcey ein wenig verwirrt. »Wissen Sie, gnädige Frau, von all Ihren Bildern finde ich den ›Schatten‹ ganz besonders famos. Da liegt etwas drin, was einem nachgeht. Das war doch das Original, nicht wahr, damals bei Ihrer Weihnachtsgesellschaft? Apartes Mädchen – und riesig ähnlich gemalt.«

Biancas Gesichtsausdruck hatte sich verändert, aber Purcey war nicht der Mann, so eine Kleinigkeit zu bemerken.

»Wenn Sie das Bild mal weggeben wollen,« sagte er, »dann lassen Sie es mich, bitte, wissen. Will sagen, es wär' mir eine Freude, das Bild zu besitzen. Ich glaube, es wird mal 'ne Masse Geld wert sein.«

Bianca gab keine Antwort, und Purcey, den plötzlich ein leises Unbehagen beschlich, begann von neuem: »Mein Auto wartet. Ich muß jetzt wirklich fort.« Er verabschiedete sich von jedem Einzelnen und ging.

Als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, hörte man ein allgemeines Aufatmen der Erleichterung. Dann folgte eine Stille, die von Hilary mit den Worten unterbrochen wurde:

»Ich denke, Stephen, wir stecken uns eine Zigarette an, wenn Cis nichts dagegen hat.«

Stephen Dallison nahm eine Zigarette zwischen die immer ein wenig hochgezogenen Lippen, die jeden Augenblick bereit waren, irgend etwas, das ihm seltsam erschien, mit einem spöttischen Lächeln abzutun.

»Uff!« machte er. »Unser Freund Purcey fängt an, ein bißchen langweilig zu werden. Es ist, als ob er das ganze Philistertum mit sich herumträgt.«

»Ein so anständiger Mensch,« murmelte Hilary.

»Aber etwas schwerfällig!« Stephen Dallisons Antlitz war, obgleich auch lang und schmal, dennoch dem seines Bruders nicht sehr ähnlich. Die Augen blickten nicht eben unfreundlich, aber doch viel durchdringender, forschender und bewußter; sein Haar war dunkler und glatter.

Er blies eine Rauchwolke in die Luft und fuhr dann fort:

»Weißt du, Cis, das ist der Mann, von dem du eine vernünftige, gesunde Ansicht hören könntest. Ihn hättest du fragen sollen.«

Cecilia antwortete mit einem Stirnrunzeln:

»Spaße nicht, Stephen; es ist mir sehr ernst mit Mrs. Hughs.«

»Nun, liebes Kind, ich wüßte wirklich nicht, was ich für die gute Frau tun kann. Man soll sich nicht in diese häuslichen Angelegenheiten mischen.«

»Aber es scheint mir doch schrecklich, daß wir, die wir ihr Arbeit geben, nichts für sie sollten tun können. Findest du das nicht auch, Bi?«

»Ich glaube, wir könnten schon etwas für sie tun, wenn wir nur ernsthaft wollten.«

Die Stimme Biancas, die etwas von dem wirren Klang moderner Musik hatte, paßte zu ihrer Erscheinung.

Stephen und seine Frau wechselten einen Blick.

»Das ist ganz und gar Bianca,« schien er zu sagen.

»Die Hound Street, wo sie wohnen, ist fürchterlich!«

Thymian war es, die das sagte, und alle wandten sich nach ihr um.

»Woher weißt du das?« fragte Cecilia.

»Ich habe mir's angesehen.«

»Mit wem?«

»Mit Martin!«

Der Mund des eben genannten jungen Mannes kräuselte sich spöttisch.

Hilary fragte freundlich:

»Was hast du denn gesehen, Kind?«

»Die meisten Haustüren stehen offen –«

Bianca murmelte: »Das sagt nicht viel ...«

»Im Gegenteil,« warf Martin mit tiefer Stimme plötzlich ein, »das sagt alles. Erzähle weiter.«

»Die Hughs wohnen im obersten Stock Nr. 1. Es ist das anständigste Haus in der ganzen Straße. Parterre wohnt irgend eine Familie Budgen; er ist Bauarbeiter und sie ist lahm. Sie haben noch einen Sohn. Die Hughs haben das Vorderzimmer im ersten Stock an einen alten Mann, der Creed heißt, vermietet ...«

»Ja, ich weiß,« sagte Cecilia leise.

»Er verdient täglich einen Shilling zehn Pence als Zeitungsverkäufer. Und das Hinterzimmer auf demselben Flur hat ihnen doch dein kleines Modell, Tante Bi, abgemietet!«

»Sie ist nicht mehr mein Modell.«

Eine Stille folgte, wie sie einzutreten pflegt, wenn keiner sicher ist, wie weit man in der Erörterung des angeregten Gegenstandes gehen darf.

Darnach fuhr Thymian in ihrem Bericht fort:

»Ihr Zimmer ist weitaus das beste im ganzen Hause. Es ist luftig und geht auf irgend einen Garten hinaus. Ich denke mir, sie bleibt da wohnen, weil es billig ist. Die Zimmer von den Hughs sind« ... sie hielt inne und rümpfte die Nase.

»So, also das sind die Parteien,« meinte Hilary. »Zwei verheiratete Ehepaare, ein junger Mann und ein junges Mädchen« – sein Blick schweifte umher zwischen ihnen allen – »und ein alter Mann,« fügte er leise hinzu.

»Mir scheint das nicht der geeignete Ort zu Studien für dich, Thymian,« sagte Stephen verweisend; »was meinst du Martin?«

»Weshalb denn nicht?«

Stephen zog die Augenbrauen in die Höhe und warf einen Blick zu seiner Frau hinüber. Ihr Gesicht trug einen unsicheren, ein wenig besorgten Ausdruck. Und dann hörte man Biancas Stimme:

»Nun, und?« ... Diese Frage schien, wie fast alles, was sie sagte, die Anwesenden ein wenig aus der Fassung zu bringen.

»Hughs behandelt also seine Frau schlecht?« erkundigte sich Hilary.

»Das erzählt sie,« entgegnete Cecilia – »ich habe es wenigstens so aufgefaßt. Irgend etwas Näheres weiß ich natürlich nicht.«

»Sie sollte zusehen, daß sie ihn los wird,« murmelte Bianca.

In die Stille, die darauf folgte, tönte Thymians helle Stimme:

»Geschieden kann sie nicht werden; sie könnte nur eine Trennung durchsetzen.«

Cecilia erhob sich mit einem Gefühl des Unbehagens. Diese Worte bestätigten ihr plötzlich eine Fülle von Zweifeln, die ihre kleine Tochter ihr verursacht hatte. Das kam davon, daß man sie allen Unterhaltungen der erwachsenen Leute beiwohnen und mit Martin so herumziehen ließ! Vielleicht hatte sie auch etwas von den Anschauungen ihres Großvaters aufgeschnappt. Dieser Gedanke beunruhigte Cecilia höchlich.

Sie wußte nun nicht, sollte sie ihrer Tochter das freie Äußern ihrer Ansichten untersagen oder ihre Kenntnis vom Leben gutheißen; und unsicher blickte sie zu ihrem Gatten hinüber.

Aber Stephen schwieg. Diesen Gegenstand fortsetzen, hieß, entweder eine ethische, ja ganz abstrakte Frage erörtern, und das ging nicht an in jedermanns Gegenwart, am wenigsten vor Frau und Tochter – oder peinliche Tatsachen zweifelhafter Natur berühren, was in dem gegebenen Falle nicht minder unangenehm war. Freilich war es ihm unbehaglich, daß Thymian so gut Bescheid wußte.

Draußen begann es zu dämmern; das Kaminfeuer gab einen flackernden Schein, der die Umrisse der Gestalten wechselvoll beleuchtete, und verlieh den Gesichtern, die einander doch so vertraut waren, etwas eigentümlich Geheimnisvolles.

Endlich unterbrach Stephen die Stille: »Sie tut mir natürlich sehr leid; aber ich meine, ihr laßt die Dinge gehen; dieser Art von Leuten macht man es doch nie recht; es ist besser, sich da nicht hineinzumischen. Auf alle Fälle ist's Sache eines Vereins, sich darum zu kümmern.«

Cecilia entgegnete: »Aber die Frau bedrückt mein Gewissen, Stephen!«

»Sie alle bedrücken mein Gewissen,« sagte Hilary leise.

Zum ersten Mal streifte ihn Biancas Blick, dann sagte sie, zu ihrem Neffen gewendet: »Was meinst du dazu, Martin?«

Der junge Mann, dessen Antlitz in der Beleuchtung des Feuers wächsern erschien, gab keine Antwort.

Aber plötzlich tönte es durch die Stille:

»Ich habe an etwas denken müssen...«

Alle wandten sich herum; sie sahen, wie Stone hinter dem ›Schatten‹ hervorkam; seine gebrechliche Gestalt in ihrem grauen Loden, sein silbernes Haar und der Bart zeichneten sich scharf von der Wand ab.

»Aber, Vater,« sagte Cecilia, »wir wußten gar nicht, daß du noch hier bist.«

Stone blickte bestürzt um sich; es schien, als ob er selbst sich dieser Tatsache nicht bewußt gewesen wäre.

»Was ist's, woran du gedacht hast?«

Das Kaminfeuer warf plötzlich ein helles Licht auf Stones durchsichtige, gelbliche Hand.

»Jeder von uns,« sagte er, »hat einen Schatten da draußen – in jenen Häusern, jenen Straßen.«

Ein unbestimmtes Räuspern ließ sich hören, wie von Menschen, die eine Bemerkung nicht allzu ernst nehmen wollen, und dann hörte man das Geräusch einer zuschlagenden Tür.

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