Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Galsworthy >

Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Kapitel

Hilary hört den Kuckuck rufen

Nicht Cecilia allein hatte bemerkt, wie elend Stone in diesen Tagen aussah. Die gewaltige Macht, die jedes Jahr über die Welt kommt, mit sanftem Ungestüm Schneewolken und ihre Schatten vor sich hertreibend, alle Hüllen und Dämme durchbrechend und die Erde in leidenschaftlicher Umarmung umfangend – die Macht, die alle Farben und Formen wandelt und mit ihren Millionen Schößlingen, flink wie der Flug der Schwalben und Pfeilschüsse des Regens, alles zu lieblicher Vereinigung drängt – diese große Gewalt des Weltlebens, Frühling genannt, sie war über Stone gekommen, wie junger Most in einen alten Schlauch. Und Hilary, der auch diese Macht verspürte, beobachtete ihn jeden Morgen, wie er, ein Badetuch über dem Arm, das Haus verließ, und fürchtete im stillen, daß eines schönen Tages nur noch der Geist des alten Herrn auf den kalten Wassern des Serpentin-Teiches schwimmen würde – so nah schien dieser Geist daran, seine gebrechliche Hülle zu zersprengen.

Vier Tage waren seit der Unterredung vergangen, da Hilary dem kleinen Modell den Abschied gegeben hatte; und das Leben in seinem Hause schien den ruhigen Gang wieder aufgenommen zu haben, dessen es sich vor dem Eindringen der rauhen Außenwelt erfreut hatte. Die fahle Blässe von Stones Antlitz allein war der offenkundige Beweis, daß irgend etwas Beunruhigendes geschehen war. Diese und gewisse Empfindungen, über die strengstes Stillschweigen bewahrt wurde.

Am Morgen des fünften Tages, als Hilary den alten Mann über die ebenen Steinplatten des Gartenweges stolpern sah, kleidete er sich rasch an und folgte seinem Schwiegervater. Er holte ihn ein, der sich mühsam unter den Kandelabern blühender Kastanien fortschleppte, indes die weißen Körner eines Hagelschauers seine hohen Schultern bedeckten, und neben ihm herschreitend, ohne ihn zu begrüßen – denn für Formsachen hatte Stone kein Verständnis – sagte er:

»Sie wollen doch während des Hagels nicht etwa baden, Schwiegervater? Machen Sie wenigstens heute eine Ausnahme. Sie sehen nicht sehr wohl aus!«

Stone schüttelte den Kopf. Dann, offenbar einen Gedanken fortsetzend, den Hilary unterbrochen hatte, äußerte er:

»Die Empfindung, die die Menschen Ehre nennen, ist von zweifelhaftem Wert. Es ist mir bisher nicht gelungen, sie mit der Weltbrüderschaft in Verbindung zu bringen.«

»Wie meinen Sie das, Schwiegervater?«

»Insofern,« erklärte Stone, »als sie in Prinzipientreue besteht, könnte man sie dieser Verbindung wert erachten. Die Schwierigkeit beginnt, wenn wir die Art des Prinzips in Betracht ziehen ... Da ist zum Beispiel eine Familie junger Drosseln im Garten. Wenn eine von ihnen einen Wurm findet, beobachte ich, daß sie, getreu dem Prinzip der Selbsterhaltung, von dem alle niedrigeren Lebewesen beherrscht sind, nicht daran denkt, den Wurm mit irgend einer der anderen kleinen Drosseln zu teilen.«

Stone hatte seinen Blick in die Ferne gerichtet.

»Ebenso ist es, fürchte ich,« fuhr er fort, »mit der ›Ehre‹. In jenen Tagen war das weibliche Geschlecht für die Männer, was die Würmer für die Drosseln sind.«

Er hielt inne, offenbar nach einem Wort suchend; und Hilary sagte mit leisem Lächeln:

»Und was ist den Frauen das männliche Geschlecht, Schwiegervater?«

Stone sah ihn ein wenig überrascht an. »Ich habe nicht bemerkt, daß Sie da sind,« sagte er. »Ich muß jede Gehirntätigkeit vor dem Baden vermeiden.«

Sie hatten die Straße überschritten, die die Gärten von dem Park trennte; und da Hilary bemerkte, daß Stone das Gewässer schon sah, in dem er baden wollte und nichts anderes als dieses Gewässer, blieb er neben einer kleinen einsamen Birke stehen. Dieser wildwachsende, anmutige, schlanke Ansiedler, der lange genug in Winter gebadet dagestanden hatte, begann schon seine nackten Glieder in einen Schal von Grün zu hüllen. Hilary lehnte sich gegen seinen kühlen, gesprengelten Leib. Tief unter ihm sah man das kalte Gewässer, in bald grauem, bald stärkeblauem Schimmer und die weißen Gestalten von fünfzehn oder zwanzig Badenden. Während er in dem eisigen Wind zusammenschauerte, brach die Sonne durch das Hagelgewölk und brannte ihm auf Wangen und Händen. Und plötzlich hörte er deutlich, aber weit ab, den Laut, der mehr als jeder andere an die Herzen der Menschen rührt: »Kuckuck! Kuckuck!«

Viermal klang der unerwartete Ruf herüber. Von woher mochte jener vorwitzige, neugierige, graue Vogel hierher geflogen sein in dies Versteck? Weshalb war er mit seinem pfeilartigen Flug gekommen, um mit seinem höhnenden Ruf den Menschen ins Herz zu dringen und ein Weh darin zu wecken? Es gab ja außerhalb der Stadt Bäume genug und Höhlen, über denen Wolken fegten, wirres Gesträuch von Ginster, der zu blühen begann; von da aus mochte er zusehen, wie der Frühling sich ausbreitete über das Land. Welch geheimer Wille hatte ihn hierherkommen lassen, um Einem zuzurufen, von dem der Frühling nichts mehr wissen wollte?

Mit einem richtigen Weh im Herzen riß Hilary seine Gedanken von jenem Vogel los und ging hinunter ans Ufer. Stone schwamm, aber langsamer, als je ein Mensch geschwommen war; sein silbernes Haupt und seine hageren Arme waren allein sichtbar, die matt das Wasser teilten; plötzlich verschwand er. Er war kaum mehr als zehn Meter vom Ufer entfernt; und Hilary, der unruhig wurde, als er ihn nicht wieder auftauchen sah, lief ins Wasser hinein. Es war hier nicht tief. Stone, der auf dem Grunde saß, bemühte sich mit aller Kraft wieder hochzukommen. Hilary faßte ihn an seinem Badeanzug, hob ihn an die Oberfläche und half ihm ans Land. Bis sie das Ufer erreicht hatten, konnte er sich wieder aufrecht halten. Unter dem Beistande eines Schutzmanns hüllte ihn Hilary ein und brachte ihn in eine Droschke. Seine Lebensgeister waren inzwischen einigermaßen erwacht; aber er schien sich dessen nicht bewußt, was geschehen war.

»Ich war nicht solange wie gewöhnlich im Wasser,« sagte er vor sich hin, während sie in die Hauptstraße einbogen.

»O, ich glaube doch, Schwiegervater.«

Stone schien verwirrt. »Es ist sonderbar,« sagte er, »ich kann mich nicht erinnern, daß ich aus dem Wasser herausgegangen bin.«

Dann sprach er nicht mehr, bis man ihm aus dem Wagen half. »Ich möchte mich dem Manne erkenntlich zeigen; ich habe drinnen eine halbe Krone.«

»Ich besorg' das schon,« sagte Hilary.

Stone, der jetzt auf seinen Füßen stand und am ganzen Körper zitterte, sah zu dem Kutscher hinauf.

»Es gibt nichts Edleres als das Pferd,« sagte er; »geben Sie gut acht darauf.«

Der Kutscher faßte an seinen Hut. »Das will ich wohl tun, Herr,« antwortete er.

Zwar allein gehend, aber von Hilary scharf beobachtet, erreichte Stone sein Zimmer. Er tastete um sich, als könne er die Gegenstände nicht deutlich unterscheiden.

»Ich, an Ihrer Stelle,« sagte Hilary, »würde mich auf ein paar Minuten ins Bett legen. Sie scheinen ein bißchen zu frösteln.«

Stone, der tatsächlich so zitterte, daß er kaum stehen konnte, ließ sich von Hilary ins Bett helfen und zog die Decke fest um sich.

»Um zehn Uhr muß ich an der Arbeit sein,« sagte er.

Hilary, der auch zusammenschauerte, eilte rasch in Biancas Zimmer hinauf. Sie kam eben herunter und stieß einen Ruf des Schreckens aus, da er so naß vor ihr stand. Als er ihr den Vorfall berichtet hatte, faßte sie seine Schulter.

»Und was ist's mit dir?«

»Ein heißes Bad und ein heißes Getränk machen alles wieder gut. Gehe lieber gleich zu ihm.« Er wandte sich dem Badezimmer zu, wo Miranda stand und ihm ihr weißes Pfötchen entgegenstreckte. Die Lippen zusammengepreßt, eilte Bianca hinunter. Seine Worte hatten sie so erschreckt, daß sie am liebsten seine nasse Gestalt in die Arme geschlossen hätte, wenn nicht die Schemen zahlloser Augenblicke dazwischen gestanden hätten. So verging auch dieser Augenblick und wurde selbst zum Schemen.

Es war Stone zu seinem großen Mißbehagen nicht gelungen, um zehn Uhr wieder an die Arbeit zu gehen. Einfach, weil er nicht auf seinen Beinen zu stehen vermochte; und so erklärte er, daß er beabsichtige, bis halb drei zu warten. Dann würde er aufstehen, um sich auf das Kommen der kleinen Schreiberin vorzubereiten.

Da er sich weigerte, einen Arzt zu empfangen oder seine Temperatur zu messen, war es unmöglich, festzustellen, wie hoch sein Fieber war. Auf seinen Wangen, die eben nur über der Bettdecke sichtbar waren, lag eine unnatürliche Röte, und seine auf die Zimmerdecke gerichteten Augen schimmerten in verdächtigem Glanz. Bianca, die in möglichst großer Entfernung von ihm dasaß, damit er sich nicht beobachtet fühlen sollte, war nicht wenig bestürzt, als er laut zu reden begann.

»Worte – Worte – sie haben die Verbrüderung verdrängt!« Bianca erschauerte, während sie diesen unheimlichen Lauten zuhörte. »In jenen Tagen der Worte nannten sie es Tod – den bleichen Tod – mors pallida. Dieses Wort war ihnen wie ein gewaltiger Granitblock, der über ihnen hing und langsam herabglitt. Einige, die ihr Gesicht dem Anblick zuwandten, zitterten angstvoll, ihre Vernichtung erwartend. Andere, die nicht imstande waren, so lange sie lebten, dem Gedanken an das Nichtsein ins Auge zu sehen, riefen unaufhörlich in die Welt hinaus, daß dieses ihr eigenes Selbst jenes Wort überleben würde und müsse. Einige erwarteten den Tod mit finsteren, trockenen Augen, indes sie beobachteten, daß der Vorgang nichts anderes als ein Zerfall sei, und so gingen auch sie ihrem sogenannten Tod entgegen.«

Seine Stimme war erloschen, und statt ihrer hörte man, wie seine Zunge den Gaumen befeuchtete. Bianca führte von rückwärts ein Glas Gerstenwasser an seine Lippen. Er schluckte ihn mit einem langsamen, glucksenden Geräusch; dann, als er sah, daß eine Hand das Glas hielt, fragte er: »Sind Sie bereit? Folgen Sie!« »In jenen Tagen eilte keiner dem bleichen Reiter Tod entgegen; keiner gewahrte in seinem Antlitz, daß er die verkörperte Brüderschaft war; keiner küßte mit einem Herzen, leicht wie Sommerfäden, seine Füße und ging lächelnd ein in das Weltall.« Seine Stimme erstarb und als er wieder zu sprechen begann, geschah es in einem raschen, heiseren Flüstern: »Ich muß – ich muß – ich muß.« Es wurde wieder ruhig, dann fuhr er fort: »Gib mir meine Beinkleider!«

Bianca legte sie neben sein Bett. Als er das sah, schien er ruhiger zu werden. Wieder schwieg er.

Länger als eine Stunde lag er so still, daß Bianca sich alle Augenblicke erhob, um nach ihm zu sehen. Jedesmal bemerkte sie, daß seine weitgeöffneten Augen auf einen kleinen dunklen Fleck an der Zimmerdecke geheftet waren; sein Gesicht trug den Ausdruck seltsamster Entschlossenheit, als ob sein Geist allmählich unerbittlich die Herrschaft über seinen fiebernden Körper zurückeroberte. Plötzlich redete er:

»Wer ist da?«

»Bianca.«

»Hilf mir aus dem Bett!«

Die Röte war aus seinem Gesicht gewichen, der Glanz aus seinen Augen; er sah aus wie ein Gespenst. Mit einer Art Entsetzen half ihm Bianca aus dem Bett. Dieses unheimliche Entfalten stummer, mächtiger Willenskraft hatte etwas Unirdisches.

Als er seinen wollenen Schlafrock angezogen und sich vor das Feuer gesetzt hatte, gab sie ihm eine Tasse starken Beef-teas mit Kognak. Er schluckte es gierig hinunter.

»Ich möchte noch etwas davon,« sagte er und schlief ein.

Während er schlief, kam Cecilia; und die beiden Schwestern bewachten seinen Schlummer, und während sie ihn bewachten, fühlten sie sich einander näher als seit vielen Jahren. Ehe sie fortging, flüsterte Cecilia:

»Bi, wenn er nach der Kleinen verlangt, während er in diesem Zustand ist, meinst du nicht, daß man sie kommen lassen sollte?«

Bianca antwortete: »Ich weiß nicht, wo sie ist.«

»Ich weiß es.«

»Ah!« sagte Bianca, »natürlich!« und sie wandte sich ab.

Verwirrt durch den Spott in ihrem Ton, schwieg Cecilia. Dann sagte sie, all ihren Mut zusammenraffend:

»Hier ist die Adresse, Bi; ich habe sie dir aufgeschrieben.«

Und mit einem ängstlichen Ausdruck im Gesicht verließ sie das Zimmer.

Bianca nahm in dem alten goldenen Stuhl Platz und betrachtete die starken Vertiefungen unter den Schläfen des Ruhenden, aus dessen Munde schwere Atemzüge drangen. Ihre Ohren brannten. Der Anblick dieser hingestreckten Gestalt, die ihr teurer war, als sie gedacht, trug sie über sich selbst hinaus, und während der alte Mann da für seine Idee seinen großen Kampf durchkämpfte, wurde es ihr hell und mild im Gemüt. Mit Inbrunst erfaßte sie den Gedanken der Selbstaufopferung. Es schien ihr ein Leichtes, Hilary zuerst die Hand entgegen zu strecken; sie mußte ihre Opferfähigkeit beweisen, indem sie aus purer Großherzigkeit Hilary zuerst entgegen kam. In diesem Augenblick hätte sie beinahe jenes ordinäre, kleine Mädchen in die Arme nehmen und küssen mögen. So würde nun alle Unruhe zu Ende sein! Ein milder Bote hatte sich einen Augenblick zu ihr herabgelassen – der goldbeschwingte Vogel des Friedens. In dieser seelischen Erregung vibrierten ihre Nerven wie die Saiten einer Geige.

Als Stone erwachte, war es nach Drei, und Bianca gab ihm sofort noch eine Tasse starken Beef-tea's zu trinken. Er schluckte ihn hinunter und fragte:

»Was ist das?«

»Beef-tea!«

Stone sah in die leere Tasse. »Ich dürfte es nicht trinken; die Rinder und das Lamm sind dem Menschen ebenbürtig.«

»Aber, wie fühlst du dich, Vater?«

»Ich fühle mich,« sagte Stone, »wohl genug, um das zu diktieren, was ich geschrieben habe – nicht mehr. Ist sie gekommen?«

»Noch nicht; aber ich will hingehen und sie holen, wenn du willst.«

Stone sah seine Tochter nachdenklich an. »Das wird dich Zeit kosten.«

Bianca entgegnete: »Meine Zeit spielt dabei keine Rolle.«

Stone hielt die Hände ans Feuer. »Ich kann nicht dulden,« sagte er offenbar nur vor sich hin, »daß ich irgend jemandem zur Last falle. Wenn es soweit gekommen ist, dann ist's Zeit, daß ich gehe.«

Bianca, die sich neben ihm auf die Kniee niederließ, preßte ihre heiße Wange gegen seine Schläfe.

»Aber soweit ist's noch nicht, Vater!«

»Hoffentlich nicht,« sagte Stone; »ich möchte erst mein Buch zu Ende schreiben.«

Die unvermutete, schmerzliche Gedankenverbindung zwischen seinen beiden letzten Äußerungen erschreckte Bianca mehr als alle seine Fieberreden es getan hatten.

»Ich verlaß mich drauf, daß du ganz still sitzen bleibst, indes ich sie holen gehe!«

Und mit einem Gefühl in ihrem Herzen, als ob zwei Hände danach griffen und es auseinanderrissen, ging sie davon.

Etwa eine halbe Stunde später kam Hilary leise herein und blieb beobachtend an der Tür stehen. Stone, der auf der Kante seines Sessels saß, die Hände auf die Lehne gestützt, erhob sich langsam auf seine Füße und fiel langsam wieder zurück; er versuchte nicht ein, sondern mehrere mal, in eine aufrechte Stellung zu gelangen. Als Hilary in sein Gesichtsfeld trat, sagte er: »Zweimal habe ich's fertig gebracht.«

»Das freut mich sehr,« sagte Hilary; »wollen Sie sich jetzt nicht ausruhen, Schwiegervater?«

»Die Kniee sind dran schuld,« sagte Stone. »Sie ist gegangen, um die Kleine zu holen.«

Hilary war nicht wenig bestürzt über das, was er hörte; er nahm auf dem anderen Stuhl Platz und wartete.

»Ich habe mir vorgestellt,« sagte Stone, indem er ihn nachdenklich ansah, »daß wir vielleicht, wenn wir aus dem Leben gehen, uns in Wind verwandeln. Sind Sie auch der Meinung?«

»Der Gedanke ist mir neu,« sagte Hilary.

»Er ist nicht stichhaltig,« sagte Stone; »aber er hat etwas Beruhigendes. Der Wind ist überall und nirgends, und nichts bleibt vor ihm verborgen. Als ich jenes kleine Mädchen so vermißte, da habe ich versucht, in gewissem Sinne zu Wind zu werden. Aber ich fand es schwierig.«

Seine Augen wandten sich von Hilarys Antlitz ab, dessen trauriges Lächeln er nicht bemerkt hatte, und hefteten sich auf das helle Feuer.

Wieder versuchte er aufzustehen, offenbar mit dem Wunsche, an seinen Schreibtisch zu gelangen, um diese Gedanken festzuhalten; und als er das nicht fertig brachte, blickte er zu Hilary hinüber. Er schien im Begriff, ihn um etwas bitten zu wollen. Aber sofort bezwang er sich wieder.

»Wenn ich mir rechte Mühe gebe,« murmelte er, »bringe ich's schon fertig.«

Hilary stand auf und brachte ihm Papier und einen Bleistift. Indem er sich neigte, gewahrte er, daß Stones Augen feucht geworden waren. Dieser Anblick rührte ihn so, daß er froh war, sich wegwenden und ein Buch holen zu dürfen, um eine Art Schreibpult damit herzustellen.

Als Stone fertig war, lehnte er sich mit geschlossenen Augen in seinen Stuhl zurück. Tiefstes Schweigen herrschte in dem kahlen Zimmer zwischen den zwei Männern, die so verschieden im Alter und so ungleich von Charakter waren. Hilary brach das Schweigen.

»Heute habe ich den Kuckuck rufen gehört,« sagte er fast flüsternd, für den Fall, daß Stone eingeschlafen sein sollte.

»Der Kuckuck,« entgegnete Stone, »hat keinen Sinn für Brüderlichkeit.«

»Ich verzeihe es ihm – um seines Rufes willen,« murmelte Hilary.

»Sein Ruf,« sagte Stone, »ist verlockend; er weckt den sexuellen Trieb.«

Dann sagte er leise vor sich hin: »Bis jetzt ist sie noch nicht da.«

Während er noch sprach, vernahm Hilary ein leises Pochen an der Tür. Er erhob sich und öffnete sie. Draußen stand das kleine Modell.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.