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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Stephens persönliches Leben

Stone und Thymian mußten beim Verlassen des Hauses wieder an dem schlanken, blassen jungen Menschen vorüber. Er hatte die selbstverfertigte Zigarette weggeworfen, weil sie für seine schwachen Lungen nicht genug Zug hatte, und nun rauchte er eine, die sich für seine Lungentätigkeit besser eignete. Wieder richtete er den glanzlosen, höhnischen Blick auf sie.

Offenbar ohne zu wissen, wohin er ging, schritt Stone dahin, den Blick ins Weite gerichtet. Sein Kopf zuckte dann und wann wie eine verdorrte Blüte im Windhauch zittert.

Erschreckt durch diese Bewegung, nahm Thymian seinen Arm. Die Berührung dieses weichen, jungen Armes, der sich gegen den seinen preßte, ließ Stone die Sprache wiederfinden.

»In jenen Häusern,« murmelte er; »in jenen Straßen! Ich werde das Blühen der Aloe nicht sehen – ich werde den lebendigen Frieden nicht sehen! Wie die Hunde, jeder über seinem Knochen kauernd, so lebten zu jener Zeit die Menschen.« Er versank wieder in Schweigen.

Thymian, die ihn von der Seite beobachtete, schmiegte sich noch enger an ihn, als wollte sie versuchen, ihn in den Alltag zurück zu erwärmen.

»Oh, ich wünschte,« so ging es ihr durch den erregten Sinn, »Großvater sagte etwas, das man verstehen kann. Wenn nur dieses schreckliche Vorsichhinstarren nicht wäre!«

Wie als Antwort auf die Gedanken seiner Enkelin, sagte Stone:

»Ich habe eine Vision von der Weltbrüderschaft gehabt. Ich sah einen kahlen Hügelabhang in der Sonne, und auf ihm einen Mann aus Stein, der in den Wind hineinredete. Ich habe bei Tage eine Eule schreien und in der Nacht einen Kuckuck rufen gehört.«

»Großvater! Großvater!«

Auf diesen flehenden Anruf entgegnete Stone: »Ja, was gibt's?«

Aber nun wußte Thymian nichts zu sagen, da sie ihn nur aus Angst angerufen hatte.

»Wenn das arme Kleine am Leben geblieben wäre,« stammelte sie endlich, »wär's doch nur groß geworden – – es ist gut, daß es so gekommen ist, nicht wahr?«

»Alles ist gut, wie es kommt,« sagte Stone. »In jenen Tagen lamentierten die von Vorstellungen eines individuellen Daseins beherrschten Menschen über den Tod, uneingedenk der großen Wahrheit, daß die Welt ein einziges, endloses Lied ist.«

Thymian dachte bei sich: »Ich habe ihn noch nie so arg gesehen.«

Und sie zog ihn rascher mit sich fort. Wie von einer Last befreit, gewahrte sie ihren Vater, der, den Hausschlüssel in der Hand, eben in den Old Square einbog.

Stephen, der immer noch seinen elastischen Schritt hatte, obgleich er den ganzen Weg vom ›Temple‹ zu Fuß gegangen war, schwenkte grüßend den Hut, der groß und schwarz und sehr glänzend war, nicht ganz oval, auch nicht direkt rund und mit ziemlich weichem, schmalem Rand. In diesem Hut und in dem schwarzen Rock sah er am vorteilhaftesten aus. Beides paßte zu seinem langen, etwas schmalem Gesicht, das von zwei kleinen Parallelfurchen, die von den Augen und Nasenflügeln auf jeder Wange hinabliefen, durchzogen wurde. Beides paßte zu seiner guten schlanken Gestalt und den schmalen Mundwinkeln des glattrasierten Gesichts.

»Woher taucht ihr denn so plötzlich auf?« fragte er, indem er sie in die Diele eintreten ließ.

Stone gab keine Antwort, sondern ging hinüber in den Salon und setzte sich auf den Rand des nächsten Stuhles, vornübergeneigt, die Hände zwischen den Knieen. Nachdem Stephen ihm einen kurzen Blick zugeworfen, wandte er sich zu seiner Tochter.

»Kind,« sagte er leise, »weshalb hast du denn den alten Herrn mitgebracht? Wenn die Köchin nun heute ein Säugetiermenü vorbereitet hat, bekommt deine Mutter alle Zustände.«

Thymian entgegnete: »Mach' keine Späße, Vater!«

Stephen, der eine große Zärtlichkeit für sie hatte, sah, daß sie aus irgend einem Grunde anders war als sonst. Er betrachtete sie mit ungewohntem Ernst. Thymian wandte sich ab. Und zu seiner Bestürzung vernahm er einen leisen glucksenden Laut.

»Kind!« sagte er.

Thymian, die sich ihrer sentimentalen Schwäche schämte, raffte sich gewaltsam zusammen.

»Ich habe ein totes Kind gesehen!« schrie sie fast auf mit raschem harten Ton; und ohne ein weiteres Wort lief sie hinauf in ihr Zimmer.

In Stephen lebte eine Scheu vor Gefühlsäußerungen, die sich fast ins Krankhafte verstieg. Es hätte schwer gehalten, festzustellen, wann er zuletzt so etwas wie Rührung offenbart hatte; vielleicht nicht seit Thymians Geburt; und selbst dann nur vor sich selbst, nachdem er zuerst die Tür seines Zimmers fest verschlossen hatte und dann hin- und hergewandert war, die Zähne fest in das Mundstück seiner Lieblingspfeife gepreßt. Er war es auch nicht gewohnt, bei Anderen Zeuge dieser Schwäche zu sein. Seine Blicke und Worte ließen sie gar nicht erst aufkommen, so daß, wenn Cecilia überhaupt nach dieser Richtung hin veranlagt gewesen wäre, sie längst davon geheilt sein mußte.

Glücklicherweise jedoch hatte sich nie dergleichen bei ihr gezeigt, da sie ihren Gefühlen so wenig traute, daß sie sich ihnen nie völlig überließ. Und Thymian, ihrer beider durch und durch gesunder Sprößling, die für ihre Jahre so viel jünger und älter zugleich war, als je eines von ihnen gewesen, mit ihrer Vorliebe für frische Luft und für die Wirklichkeit – dieser lebhafte, aufblühende, geistig so gesunde Sprößling hatte ihnen noch nie einen Augenblick der Sorge verursacht.

Stephen empfand ein Weh in seinem Herzen. Schläge, die das Schicksal ihm ausgeteilt hatte, auszuteilen beabsichtigte, die hatte er ertragen und würde er ertragen, so lange in seinem eigenen Wesen und in dem der anderen nichts ihm sagte, daß es wirklich Schläge seien.

Er ging zum Garderobenständer, hängte hastig seinen Hut auf und eilte zu Cecilia. Er hatte noch immer die Gewohnheit beibehalten, vor dem Eintreten anzuklopfen, obgleich es bisher niemals vorgekommen war, daß sie ihm mit einem ›Bleib draußen!‹ geantwortet hätte; denn sie kannte sein Klopfen. Diese Gewohnheit bezeichnete denn auch den Grad seines Idealismus. Was er nach neunzehn Jahren ungehinderten Eintritts etwa fürchtete oder was er zu fürchten glaubte, wäre schwer festzustellen gewesen; aber da war es nun einmal, jenes Förmliche, Pedantische und Zaghafte in seiner Seele!

Doch diesmal klopfte er nicht an; Cecilia war eben dabei ihr Hauskleid aufzuhaken und sah sehr hübsch dabei aus. Mit einem leis verwunderten Blick sah sie ihn an.

»Was ist das für eine Sache mit dem toten Kind, Cis?« fragte er. »Thymian ist ganz verstört; und dein Vater ist im Salon.«

Mit dem raschen Instinkt, der all' ihr sanftes Tun leitete, richteten sich Cecilias Gedanken unwillkürlich zuerst auf das kleine Modell, dann auf Mrs. Hughs.

»Tot?« sagte sie. »Oh, die arme Frau!«

»Welche Frau?« fragte Stephen.

»Es ist doch wohl Mrs. Hughs!«

Flüchtig huschte der unfreundliche Gedanke durch Stephens Hirn: »Schon wieder diese Leute! Was nun?«

Er sprach ihn aber nicht aus, weil er weder brutal noch taktlos genug dazu war.

Ein kurzes Schweigen folgte, dann begann Cecilia plötzlich:

»Sagtest du nicht, daß Vater im Salon sei? Wir haben heute Rinderfilet, Stephen!«

Stephen wandte sich ab. »Geh und sieh nach Thymian,« sagte er nur.

Vor Thymians Tür blieb Cecilia stehen, und da sie keinen Laut vernahm, pochte sie leise an. Als keine Antwort auf ihr Klopfen erfolgte, schlüpfte sie still hinein. Auf dem Bett des weißen Zimmers, das Gesicht in die Kissen gedrückt, lag ihre kleine Tochter. Cecilia blieb bestürzt stehen. Thymians ganzer Leib bebte vor unterdrücktem Schluchzen.

»Mein Liebling,« sagte Cecilia, »was ist dir denn?«

Thymians Antwort waren unartikulierte Laute.

Cecilia setzte sich aufs Bett und wartete ruhig, indes sie ihre Finger durch des Mädchens Haar gleiten ließ, das sich gelöst hatte; und während sie so dasaß, litt sie unter jenem wehen, sonderbaren Empfinden, wie jemand, der sich hintergangen fühlt; es war die Empfindung eines Menschen, der den erregten Zustand eines ihm teuren Wesens beobachtet, ohne dessen eigentliche Ursache zu kennen.

»Das ist ja schrecklich,« dachte sie bei sich. »Was soll ich nur tun?«

Sein Kind weinen sehen, ist arg genug: aber es weinen sehen, wo doch dieses Kindes Stolz jenes Linderungsmittel seit vielen Jahren als unwürdig und feig verworfen hatte – das war mehr als beunruhigend.

Thymian stützte sich auf ihren Ellbogen, wobei sie sorgsam das Gesicht abwandte.

»Ich weiß gar nicht, was mir ist,« brachte sie mühsam hervor. »Es ist – es ist rein physisch.«

»Gewiß, Liebling,« murmelte Cecilia. »Ich weiß.«

»Ach, Mutter!« sagte Thymian unvermutet, »es sah so winzig aus!«

»Ja, ja, mein Liebes!«

Thymian wandte sich herum; etwas wie Leidenschaft lag in ihren dunklen, vom Kummer rot umrandeten Augen und über ihrem ganzen geröteten, feuchten Antlitz.

»Warum mußte es so elend umkommen? Das ist – das ist so brutal!«

Cecilia schlang den Arm um sie.

»Es tut mir so weh, daß du es gesehen hast,« sagte sie.

»Und Großvater war so« – ein langes, bebendes Schluchzen schnitt ihr die Rede ab.

»Ja doch, ja,« sagte Cecilia; »ich kann es mir denken.«

Die Hände im Schoß faltend, murmelte Thymian: »Er nannte ihn ›Kleiner Bruder‹!«

Eine Träne tröpfelte über Cecilias Wange und fiel ihrer Tochter auf die Hand. Als sie merkte, daß es nicht ihre eigene Träne war, fuhr Thymian auf.

»Es ist schwach und lächerlich,« sagte sie, »und ich will nicht! Oh, geh bitte, Mutter. Ich mach dich doch nur traurig. Geh lieber hinunter und sieh nach Großvater.«

Cecilia sah, daß Thymian nicht mehr weinen würde, und da nur der Anblick der Tränen sie erschreckt hatte, so streichelte sie ihr Töchterchen noch einmal zögernd und ging hinaus. Draußen dachte sie: »Wie furchtbar und erschütternd; und nun ist Vater gar noch im Salon.« Dann eilte sie hinunter zu Stone.

Er saß noch da, wo er zuerst Platz genommen hatte, ohne sich zu rühren. Es fiel ihr plötzlich auf, wie gebrechlich und bleich er aussah. In dem halbhellen Licht ihres Salons wirkte er fast wie ein Geist, wie er so dasaß in seinem grauen Anzug – silbern von Kopf zu Fuß. Ihr schlug das Gewissen. Cecilia fühlte ein Weh im Herzen für jedesmal, da sie gesagt hatte: »Wäre doch Vater nur nicht so –«; für jedesmal, da sie vermieden hatte, ihn in ihr Haus zu bitten, weil er so –; für jedes Schweigen, in das sie und Stephen sich gehüllt, nachdem er gesprochen hatte; für jedes kleine Lächeln, das sie gelächelt. Sie sehnte sich danach, auf ihn zuzugehen, seine Stirn zu küssen und ihn fühlen zu lassen, daß sie Reue empfand. Aber sie wagte es nicht; er schien wieder so weit fort zu sein. Sie hätte sich lächerlich gemacht.

Als sie in das Zimmer kam und ihren schlanken Fuß geräuschvoll auf den Ofenvorsetzer stellte, damit er sie womöglich gleichzeitig sehen und hören mußte, wandte sie sich mit besorgtem Ausdruck zu ihm und sagte: »Vater!«

Stone blickte auf, und jemanden gewahrend, der seine älteste Tochter zu sein schien, gab er zurück: »Ja, Kind?«

»Berührt dich die Sache wirklich so schmerzlich? Thymian meint, daß der Anblick des armen Kleinen dir weh getan hätte.«

Stone betastete seinen Körper mit der Hand.

»Ich bin mir keines Schmerzes bewußt,« sagte er.

»Dann bleibst du auch zum Essen bei uns, nicht wahr?«

Stones Stirn zog sich zusammen, als bemühe er sich, die letzten Ereignisse zurückzurufen.

»Ich habe meinen Tee nicht getrunken,« sagte er. Dann mit einem plötzlichen, unruhigen Blick auf seine Tochter: »Das kleine Mädchen ist nicht gekommen. Sie fehlt mir; wo ist sie?«

Das Wehgefühl in Cecilia wurde brennender.

»Es sind jetzt zwei Tage,« fuhr Stone fort, »und sie hat ihr Zimmer in jenem Hause – in jener Straße verlassen.«

Cecilia, die sich keinen Rat wußte, entgegnete: »Fehlt sie dir wirklich, Vater?«

»Ja,« sagte Stone, »sie ist wie –« seine Augen wanderten im Zimmer umher als suche er etwas, das ihm eine Erklärung erleichtern würde. Da blieben sie an der Wand drüben hängen. Cecilia, die dem Blick folgte, sah dort ein kleines Fleckchen Sonnenlichtes tanzen und zittern. Es war dem Schutz der Bäume und Häuser entschlüpft und hatte sich durch irgend einen Spalt da hereingestohlen. »Sie ist wie das da,« sagte Stone mit dem Finger hinweisend. »Jetzt ist's fort!« Sein Finger sank herab; er stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Wie schrecklich ist das!« dachte Cecilia. »Ich hätte nie geglaubt, daß er es so empfinden würde; und doch kann ich ihm nicht helfen!« Hastig fragte sie: »Ginge es nicht, wenn Thymian zum Abschreiben zu dir käme? Ganz gewiß würde sie es sehr gern tun.«

»Sie ist meine Enkelin,« erwiderte Stone ruhig. »Es wäre nicht dasselbe.«

»Möchtest du dir nicht die Hände waschen, Vater?« begann Cecilia, da sie nichts anderes zu sagen wußte.

»Ja,« antwortete Stone.

»Möchtest du wegen des heißen Wassers in Stephens Ankleidezimmer hinaufgehen oder willst du sie dir in der Toilette waschen?«

»In der Toilette,« sagte Stone, »dort fühle ich mich freier.«

Als er gegangen war, dachte Cecilia bei sich: »Oh, Gott, wie werde ich nur über diesen Abend hinwegkommen! Armer, lieber Vater! Er ist so wunderlich!«

Beim Klange des Gongs kamen sie alle zusammen – Thymian aus ihrem Schlafzimmer mit geröteten Wangen und Augen, Stephen mit einem heimlichen Forschen im Blick, Stone aus seiner ›Freiheit‹ von der Toilette – und setzten sich zu Tisch. Dünne Zweige weißen Flieders verbargen sie ein wenig vor einander. Während sie über den Tisch blickte, hatte Cecilia ein Gefühl wie jemand, der ein taugetränktes Spinnwebennetz, das zarteste aller Dinge auf Erden, beobachtet, das von den Zähnen einer weidenden Kuh bedroht wird.

Suppe und Fisch waren vorübergegangen, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Jetzt war es Stephen, der, nachdem er einen Schluck herben Sherrys genommen, das Schweigen brach.

»Wie kommen Sie mit Ihrem Buch von der Stelle, Schwiegervater?« fragte er.

Cecilia vernahm die Frage mit einem gewissen Schreck. Sie schien ihr so taktlos; denn wie unbequem Stones völliges Aufgehen in seiner Arbeit auch allen sein mochte, so sagte ihr doch ihr Zartgefühl, daß dieses Buch ihm teurer war als sein Leben. Zu ihrer Beruhigung jedoch aß ihr Vater eben eifrig Spinat.

»Sie müssen es doch wohl bald beendet haben,« begann Stephen von neuen.

Cecilia sagte hastig: »Ist der weiße Flieder nicht reizend, Vater?«

Stone blickte auf. »Er ist nicht weiß, er ist tatsächlich rosa. Die Analyse ist einfach.« Er hielt, die Augen auf den Flieder geheftet, inne.

»Ah,« dachte Cecilia, »wenn ich ihn jetzt nur bei den Naturwissenschaften festhalten kann – er pflegte davon so interessant zu erzählen.«

»Alle Blumen sind gleich!« sagte Stone. Seine Stimme klang verändert.

»Oh,« dachte Cecilia, »fort ist er!«

»Sie haben nur eine einzige Seele. In jenen Tagen teilten die Menschen sie in Klassen und Unterklassen, ohne zu bedenken, daß es ein gemeinsamer farbloser Lebensgeist ist, der diesen scheinbar verschiedenen Formen zugrunde liegt.«

Cecilias Auge schweifte hastig von dem Diener zu Stephen hinüber.

Sie sah, wie sich das eine Auge ihres Gatten sichtlich hochzog. Stephen konnte es so wenig vertragen, daß man die Dinge vermengte.

»Oho, Schwiegervater,« hörte sie ihn sagen, »Sie wollen uns doch gewiß nicht erzählen, daß Löwenzahn und Rosen dieselbe farblose Seele haben?«

Stone sah ihn nachdenklich an. »Habe ich das gesagt?« fragte er. »Es lag nicht in meiner Absicht, dogmatisch zu werden.«

»Oh, bitte sehr, Schwiegervater, bitte sehr,« murmelte Stephen.

Thymian flüsterte, sich zu ihrer Mutter hinüberneigend: »Oh, Mutter, laß doch Großvater nicht so wunderlich reden; ich kann es heut' nicht ertragen!«

Cecilia, die sich nicht zu helfen wußte, fragte hastig:

»Vater, möchtest du uns nicht sagen, was du von dem Charakter jenes kleinen Mädchens hältst, das zu dir kommt?«

Stone hielt mitten im Wassertrinken inne; seine Aufmerksamkeit war offenbar gefesselt; aber er schwieg. Und Cecilia, die bemerkte, daß der Diener mit jener Beschränktheit, die ihr bei allen ihren Dienstboten auffiel, ihm das Filet reichen wollte, sagte hastig mit leiser Stimme: »Nicht doch, Charles, da nicht!«

Der Diener kniff die Lippen zusammen und ging weiter. Stone begann:

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ihr Typ ist mehr keltisch als angelsächsisch; die Backenknochen treten hervor, der Kiefer ist nicht kräftig; der Kopf ist breit – wenn ich daran denke, will ich ihn messen –, die Augen sind von eigentümlichem Blau, das der Zichorienblüte gleicht. Der Mund –« Stone hielt inne.

Cecilia dachte: »Welch glücklicher Fund! Jetzt ist er vielleicht im richtigen Fahrwasser!«

»Ich weiß nicht,« begann Stone von neuem mit einer Stimme, wie aus weiter Ferne, »ob sie tugendhaft ist.«

Cecilia hörte Stephen seinen Sherry trinken, auch Thymian trank etwas. Sie selbst trank nichts, sondern sagte, zwar rot geworden, aber ruhig, denn sie war ja eine wohlerzogene Frau: »Du hast nichts von den neuen Kartoffeln genommen, Vater! Charles, reichen Sie Mr. Stone die neuen Kartoffeln.«

An dem fast strafenden Ausdruck in Stephens Gesicht sah sie jedoch, daß er sich durch ihren Mißerfolg veranlaßt fühlte, wieder die Herrschaft über die Situation in die Hand zu nehmen. »Um wieder von dem Buche der Brüderschaft zu sprechen, Schwiegervater,« begann er trocken, »würden Sie soweit gehen zu behaupten, daß eine neue Kartoffel die Schwester einer Bohne ist?«

Stone, auf dessen Teller diese beiden Arten von Vegetabilien nebeneinander lagen, zeigte einen fast schmerzlich verwirrten Ausdruck.

»Ich sehe,« stotterte er hervor, »keinerlei Unterschied zwischen beiden.«

»Es ist wahr,« sagte Stephen, »man kann aus beiden dieselbe farblose Seele herausschälen.«

Stone sah ihn an.

»Sie verspotten mich,« sagte er, »das mag hingehen; aber das Leben dürfen Sie nicht verspotten – das ist Gotteslästerung!«

Von dem durchdringenden Ernst seines unerwarteten Blickes fühlte Stephen sich beschämt. Cecilia sah, wie er sich auf die Unterlippe biß.

»Wir reden zu viel,« sagte er; »dein Vater kommt nicht zum Essen!« Und der Rest des Mittags verlief wortlos.

Als Stone, der jede Begleitung zurückgewiesen, sich verabschiedet hatte und Thymian zu Bett gegangen war, zog sich Stephen in sein Arbeitszimmer zurück. Dieses Zimmer, das ganz anders aussah als irgend ein anderer Raum des Hauses, gehörte seinem persönlichen Leben. Hier bewahrte er in eigens dafür eingerichteten Behältern seine Golfschläger, seine Pfeifen und Zeitungen; hier durfte außer ihm selbst und einer besonderen Reinmachefrau, die zweimal wöchentlich kam, niemand etwas berühren. Hier gab es keine Büste von Sokrates, keine Bücher in Wildledereinband, sondern einen Schrank mit juristischen Abhandlungen, Blaubüchern, Zeitschriften und den Novellen von Sir Walter Scott angefüllt. Zwei schwarze Eichenschränkchen standen neben einander an der Wand, die in kleine Schubläden eingeteilt waren. Wenn die Fächer geöffnet und die Schubläden herausgezogen waren, entströmte ihnen ein Metallgeruch. Sobald die grünen Friesdecken von den Fächern fortgenommen wurden, gewahrte man Münzen, die sorgsam mit Etikettes versehen waren – etwa wie Pflanzen in Gewächshäusern in einer Reihe stehen und jede auf einem kleinen Schild ihren Namen trägt. Zu diesen sorgsam geordneten Reihen blinkender Metallplatten flüchtete Stephen in Augenblicken, da sein Geist sich ermüdet fühlte. Ihnen einige hinzuzufügen, sie zu berühren, ihre Namen zu lesen, verursachte ihm das angenehm heimliche Behagen, wie es wohl einen Menschen überkommt, der eine Hand gegen die andere reibt. Wie ein Branntweintrinker, so genoß Stephen – in kleinen Portionen – die Empfindung, die ihm diese Münzen gaben. Sie waren sein schöpferisches Werk, seine Weltgeschichte. Ihnen offenbarte er den Teil seines Wesens, der in seinen juristischen Arbeiten, beim Golfspiel oder beim Lesen der Zeitschriften keine Befriedigung fand, jenen Teil des Menschen, der sich danach sehnt, ohne recht zu wissen, weshalb – irgend etwas aufzubauen, ehe er stirbt. Von Ramses bis zu Georg V. lagen die Münzen in jenen Schubkästen – Glieder einer langen ununterbrochenen Machtkette. Stephen zog ein altes, schwarzes Sammetjacket an, das auf einem Stuhl ausgebreitet für ihn bereit lag, zündete die Pfeife an, die zu rauchen er niemals über sich gewinnen konnte, so lange er im Gesellschaftsanzug war, trat dann an das Schränkchen zur rechten Hand und öffnete es. Mit einem Lächeln nahm er eine Münze nach der andern heraus. Gerade in diesem Schubfach befanden sich die besten Byzantiner, die sehr selten waren. Er bemerkte nicht, daß Cecilia hereingeschlüpft war und ihn schweigend beobachtete. Ihre Augen schienen in diesem Augenblick einen Zweifel auszudrücken, ob sie eigentlich denjenigen liebte, der dort bei seiner geistigen Geliebten stand, jener Geliebten, mit der er so viele Abendstunden verbrachte. Das kleine grüne Friestuch fiel herab. Cecilia sagte plötzlich:

»Stephen! Mir ist, als müßte ich dem Vater sagen, wo sich das Mädchen befindet.«

Stephen wandte sich um.

»Mein liebes Kind,« antwortete er mit jener eigentümlichen Stimme, die wie Champagner künstlich herb gemacht zu sein schien, »du willst doch nicht etwa die ganze Geschichte von vorn anfangen?«

»Aber ich merke doch, daß er wirklich unglücklich darüber ist; er sieht so furchtbar bleich und mager aus.«

»Er sollte das Baden im Serpentinteich aufgeben; bei seinem Alter ist das ungeheuerlich. Und sicherlich kann ihm irgend eine Andere dieselben Dienste leisten!«

»Es scheint aber, daß er gerade Wert darauf legt, ihr zu diktieren.«

Stephen zuckte die Achseln. Ein einzigesmal war er zugegen gewesen, als Stone einige Seiten seines Manuskripts vortrug. Nie konnte er vergessen, wie unbehaglich er sich dabei gefühlt hatte. »Das verrückte Zeug,« wie er es nachher Cecilia gegenüber bezeichnet hatte, blieb ihm im Gedächtnis schwer und drückend wie ein kühler Leinsamumschlag. Der Vater seiner Frau war ein Sonderling, ein klein wenig übergeschnappt – nun, sie konnte nichts dafür; aber jede Anspielung auf sein überspanntes Werk verursachte Stephen Unbehagen. Auch hatte er den Vorfall beim Mittagessen nicht vergessen.

»Er scheint sie sehr lieb gewonnen zu haben,« murmelte Cecilia.

»Aber das ist abgeschmackt in seinen Jahren!«

»Vielleicht fühlt er es um so mehr. Die Menschen vermissen vieles, wenn sie alt sind.«

Stephen ließ das Schubfach in seinen Behälter zurückgleiten. Nüchterne Entschiedenheit lag in dieser Bewegung.

»Schau her, Kind, wir wollen doch 'mal den gesunden Menschenverstand sprechen lassen; bisher war er während dieser ganzen elenden Geschichte vor lauter Empfindungen nicht zu Worte gekommen. Man will gut sein, natürlich; aber es muß doch eine Grenze geben.«

»Ah!« sagte Cecilia, »und wo ist sie?«

»Die Sache,« fuhr Stephen fort, »war vom Anfang bis zuletzt verfehlt. Bis zu einem gewissen Punkt geht alles, aber dann kommt die Gemütsruhe in Gefahr. Es ist nicht gut, wenn du mit diesen Leuten in persönliche Berührung kommst; es gibt geeignete Mittel und Wege für derlei Dinge.«

Cecilia hielt die Augen gesenkt, als wagte sie nicht, ihn ihre Gedanken sehen zu lassen.

»Ich finde es so schrecklich,« sagte sie; »und Vater ist doch nicht wie andere Menschen!«

»Nein, das ist er nicht,« sagte Stephen trocken; »wir haben vorhin einen recht deutlichen Beweis davon gehabt. Aber Hilary und deine Schwester sind wie die andern. Mir ist's auch greulich, daß Thymian sich so oft in jenen verrufenen Stadtgegenden aufhält. Du siehst ja, was sie heute dabei erlebt hat. Die Vorstellung, daß jenes Kind zugrunde ging an der schlechten Behandlung, die die Frau von dem Mann erduldete, und die zweifellos in des Mädchens Verschwinden ihren Grund hatte, diese Vorstellung hat etwas höchst Abstoßendes.«

Cecilia beantwortete diese Worte mit einem Ton, der fast wie ein Schluchzen klang. »Daran habe ich nicht gedacht. Dann sind wir ja verantwortlich; wir waren es, die Hilary rieten, sie zu einem Wohnungswechsel zu veranlassen.«

Stephen sah sie verständnislos an. Er bedauerte aufrichtig, daß er mit seiner juridischen Art des Denkens, ihr den Fall so klar gelegt hatte.

»Ich verstehe nicht,« sagte er fast heftig, »was in euch alle gefahren ist! Wir – verantwortlich! Du große Güte! Weil wir Hilary einen vernünftigen Rat gegeben haben? Was nun noch?«

Cecilia wandte sich dem leeren Kamin zu.

»Thymian hat mir von dem armen, kleinen Ding erzählt. Ich finde es so schrecklich, und ich kann das Gefühl nicht los werden, daß wir – wir alle darein verwickelt sind!«

»Verwickelt – worein?«

»Ich weiß es nicht, es ist grad, als – als ob Gespenster um einen herum wären.«

Stephen nahm sie ruhig beim Arm.

»Mein liebes Kind,« sagte er, »ich hatte keine Ahnung, daß deine Nerven so herunter sind. Morgen ist Donnerstag, da kann ich mich um drei Uhr frei machen. Dann fahren wir mit dem Motorboot nach Richmond und machen ein paar Runden.«

Cecilia bebte; einen Augenblick lang hatte sie die Empfindung, als müsse sie laut herausweinen. Stephen streichelte ihr ununterbrochen die Schulter. Cecilia mußte wohl seine Befürchtung fühlen; denn sie kämpfte tapfer mit ihrer Erregung.

»Das wird sehr vergnügt werden,« sagte sie endlich.

Stephen tat einen tiefen Atemzug.

»Und gräme dich nicht, Liebe,« sagte er, »wegen deines Vaters. Er wird die ganze Sache in einigen Tagen vergessen haben; sein Buch nimmt ihn viel zu sehr in Anspruch. Jetzt geh' aber rasch zu Bett. Ich komme sehr bald nach.«

Ehe sie hinausging, blickte Cecilia noch einmal zurück zu ihm. Wie wundersam war dieser Blick, den Stephen – vielleicht absichtlich – nicht bemerkte. Spott, beinahe Haß und doch wieder Dankbarkeit, daß er ihre Erregung nicht hatte aufkommen und sie auch dieses eine Mal ihren Empfindungen nicht hatte nachgeben lassen – sie lagen in diesem Blick; und auch die Offenbarung, daß sie sein Unterdrücken jedes eigenen Gefühls sehr wohl durchschaute und es beinahe bewunderte – all das war in dem Blick – und noch mehr. Dann ging sie hinaus.

Stephen sah noch einmal rasch nach der Tür und runzelte, die Lippen zusammenziehend, seine Stirn. Rasch öffnete er ein Fenster und sog die Nachtluft ein.

»Wenn ich nicht acht gebe,« dachte er bei sich, »dann wird sie mit in die Sache verwickelt. Ich war ein Esel, daß ich überhaupt zu meinem alten Hilary davon gesprochen habe. Ich hätte die ganze Angelegenheit ignorieren sollen. Es ist eine Lektion, daß man sich nicht um die Leute von da drüben kümmern soll. Ich hoffe zu Gott, daß sie morgen wieder ganz die alte ist!«

Draußen, unterhalb des weichen, dunklen Laubwerks auf dem Platze, unter der schlanken Mondsichel, jagten zwei Katzen dem Glück nach. Ihre wilden Leidenschaftsschreie tönten in die blütendurchduftete Nacht hinaus wie ein Aufschrei düsteren Menschentums in dem Sumpfgewirr dunkler Straßen. Mit einem Schaudern des Widerwillens – er war mit seinen Nerven am Ende – schlug Stephen heftig das Fenster zu.

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