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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Zum dritten Mal in Hound Street

Der Mensch hat, wie das Wasser, sein Niveau; und so hatte die Natur, in ihrem Bemühen die Menschen ihrer Umgebung anzupassen, aus dem jungen Stone das gemacht, was Stephen mit dem Wort ›Sanitist‹ bezeichnete. Mehr hatte sie für ihn nicht tun können.

Der junge Mensch war zu einer Zeit in die soziale Bewegung hineingeraten, da man in der Auffassung vom Dasein als einem gegenwärtigen Leben mit dem Korrektiv eines künftigen, zu wanken begann, und da die Auffassung von der Welt als einem Tummelplatz für die oberen Klassen ernstlich getrübt war.

In jugendlichstem Alter verwaist und bis zu seinem vierzehnten Jahre von Stone erzogen, hatte Martin die Gewohnheit angenommen, selbständig zu denken. Das hatte ihn unbeliebt gemacht und seine Neigung zum Absonderlichen, die er wohl vom Großvater ererbt, noch gesteigert. Ein fast krankhafter Widerwille vor dem Anblick leidender Geschöpfe, so daß er schon als Kind keine Fliege töten und kein Kaninchen in der Schlinge sehen konnte, war durch sein medizinisches Studium in geregelte Bahnen geleitet worden. Seine körperliche Scheu vor Schmerzen und allem Häßlichen war dadurch diszipliniert, seine geistige Abneigung gegen diese Dinge in eine Philosophie gebannt worden. Das eigentümliche Chaos, das alle jungen Menschen umgibt, die in einer Großstadt leben und die überhaupt des Nachdenkens fähig sind, hatte ihn allmählich dazu gebracht, alles rein abstrakte Grübeln zu verwerfen. Aber ein gewisses leidenschaftliches Streben, das sich vermutlich von Mr. Stone herschrieb, hatte ihn dennoch dazu getrieben, sich mit aller Kraft irgend einer Idee hinzugeben. So hatte er sich das Problem der Gesundheit erwählt. Und da er in der Euston Road wohnte, um mit den Dingen in näherer Berührung zu sein, bedurfte er eines tüchtigen Vorrates jener Gesundheit, für die er sich begeisterte.

Am späten Nachmittag des Tages, an dem Hughs seine Frau bedroht, hatte Martin drei Freistunden in seinem Krankenhaus. Er tauchte Gesicht und Hände in kaltes Wasser, rieb sie mit einem Frottiertuch trocken, nahm den Hut und einen derben Stock und fuhr mit der Untergrundbahn nach Kensington.

Mit seiner gewohnt kühlen, selbstsicheren Miene betrat er das Haus seiner Tante und fragte nach Thymian. Seiner entschiedenen, wenn auch etwas schroffen Ansicht gemäß, daß Stephen, Cecilia und ihresgleichen doch nur Dilettanten seien, fragte er niemals nach ihnen, wenn er auch während des Wartens nicht selten in Cecilias Zimmer eintrat, um seine spöttischen Blicke über all die hübschen Sachen gleiten zu lassen, die da beisammen waren, oder um es sich in einem behaglichen Sessel bequem zu machen, die Beine gekreuzt, die Augen starr nach der Zimmerdecke gerichtet.

Bald kam Thymian herunter. Sie trug eine Bluse aus blauem Stoff, den Cecilia zur Unterstützung irgend welcher Bedürftigen der Balkanstaaten gekauft hatte, und einen Rock aus purpurfarbnem Halbtuch, das von verarmten, vornehmen irischen Damen gewebt war. In der Hand hielt sie einen offenen Briefumschlag, der in Cecilias Handschrift die Adresse von Mrs. Tallents Smallpiece trug.

»Hallo!« begrüßte sie ihn.

Martin antwortete mit einem Blick, der ihre Erscheinung von Kopf bis Fuß umfaßte.

»Setz' den Hut auf! Ich habe nicht viel Zeit. Das blaue Ding da ist neu?«

»Reines Leinen. Mutter hat mir's gekauft.«

»Ganz hübsch. Mach' rasch!«

Thymian schob das Kinn in die Höhe; dabei wurde ihr runder, schneeiger Hals in seiner ganzen Lieblichkeit sichtbar.

»Ich bin eigentlich 'n bißchen müde,« sagte sie; »außerdem muß ich zu Tisch zurück sein, Martin!«

»Zu Tisch!«

Thymian wandte sich rasch der Tür zu. »Na, also gut, ich geh' mit;« und sie lief hinauf.

Nachdem sie einen Zehn-Schilling-Scheck in das an Mrs. Tallents Smallpiece adressierte Kuvert getan, es auf der Post hatten einschreiben lassen, und an den hundert Eingängen von Rose und Thorn vorübergegangen waren, begann Martin: »Ich will mir doch mal ansehen, was der famose Dilettant zum Wohle des Babys getan hat. Wenn er das Mädchen nicht fortgebracht hat, dann fürchte ich, dort böse Dinge vorzufinden.«

Thymians Gesicht zeigte sofort einen andern Ausdruck.

»Bitte, vergiß nicht,« sagte sie, »daß ich nicht hinaufgehen möchte. Ich sehe den Zweck nicht ein, wo es doch noch sonst überall so schrecklich viel zu tun gibt.«

»Natürlich, alles, nur das nicht, was am nächsten liegt.«

»Mir liegt's nicht am nächsten. Du bist so gräßlich ungerecht, Martin. Ich mag die Leute nun mal nicht!«

»Oh, du Dilettant!«

Thymian wurde dunkelrot. »Hör' mal,« sagte sie sehr ernst, »mir ist's gleich, was du von mir sagst, aber ich dulde nicht, daß du Onkel Hilary einen Dilettanten oder Stümper nennst.«

»Was ist er denn sonst?«

»Ich hab' ihn lieb.«

»Das ist ausschlaggebend.«

»Jawohl, ist's auch!«

Martin gab keine Antwort; er blickte Thymian nur von der Seite mit seinem sonderbaren, gönnerhaften Lächeln an. Sie gingen durch eine Straße, die in ihren Ansprüchen auf die Bezeichnung ›Slum‹ der Hound Street entschieden noch überlegen war.

»Sieh mal,« sagte er plötzlich, »jemand, der so wie Hilary Anteil an derlei Dingen nimmt, tut's einfach aus Sentimentalität. Es ist Nervensache bei ihm. Er hilft sich mit Nächstenliebe, wie er sich mit Sulphunal gegen Schlaflosigkeit helfen würde.«

Thymian sah mit leisem Lächeln zu ihm auf.

»Na,« meinte sie, »bei dir ist's gerad so Nervensache. Du siehst es vom Standpunkt der Gesundheit an, er vom Standpunkt der Empfindung; das ist der ganze Unterschied.«

»Oh, meinst du?«

»Du behandelst all die Leute, als ob sie in der Klinik wären.«

Martins Nasenflügel bebten. »Na, und wie sollte man sie behandeln?«

»Wie würde dir's gefallen, wenn man dich immer nur als einen ›interessanten Fall‹ betrachtete?« murrte Thymian.

Martin bewegte seine Hand langsam im Halbkreis.

»Die Häuser da und die Menschen sind im Wege,« sagte er; – »dir und mir und jedermann.«

Thymians Auge folgte seiner langsamen, wie fortfegenden Handbewegung.

»Ja, freilich – ich weiß,« murmelte sie. »Etwas muß geschehen.«

Und sie hob den Kopf und wandte ihn nach allen Seiten, als wollte sie ihm zeigen, daß auch sie Dinge beiseite fegen könnte. Sehr rein und kraftvoll und frisch sah sie dabei aus.

So in der hypnotischen Stille tiefer Gedanken kamen die zwei jugendlichen ›Gesundheitsapostel‹ in die Hound Street.

In der Haustür von Nr. 1 stand der Sohn der lahmen Mrs. Budgen – der schmale, blasse Jüngling, der ebenso groß war wie Martin, aber nicht so kräftig, und rauchte eine fragwürdige Zigarette. Er heftete seinen glanzlosen, höhnischen Blick auf die Ankömmlinge.

»Was woll'n Se?« fragte er. »Wenn's wegen dem Mädchen is, die is weg, und sie hat nich gesagt, wohin.«

»Ich will zu Mrs. Hughs,« sagte Martin.

Der junge Mensch hustete. »Ehem! Die is da – aber wegen ihm, da frag'n Se man in Wormwood Scrubs nach.«

»Im Gefängnis? Weshalb?«

»Weil er ihr mit's Bajonett de Hand durchgestochen hat,« und der junge Mann blies eine lange, dicke Rauchwolke durch die Nase.

»Wie schrecklich,« sagte Thymian.

Martin betrachtete den jungen Menschen gelassen. »Das Ding, was Sie da rauchen, ist miserabel,« meinte er dann. »Nehmen Sie eine von meinen; ich zeig' Ihnen, wie man es macht. Sie sparen am Pfund Tabak beinah anderthalb Shilling und machen sich Ihre Lungen nicht kaputt.«

Er zog seinen Tabaksbeutel heraus und drehte eine Zigarette.

Der blasse, junge Mensch richtete seinen trägen Blick auf Thymian, die, die Nase rümpfend, so tat, als sähe und höre sie nichts.

Indes sie die schmalen Treppen hinaufstiegen, wo es nach Kalk, nasser Wäsche und Brathering roch, bemerkte Thymian: »Na, nun siehst du, daß die Geschichte nicht so einfach war, wie du dachtest. Ich mag nicht hinaufgehen; ich mag die Frau nicht sehen. Ich will hier unten auf dich warten.« Sie stellte sich in die offne Tür des leeren Zimmers, in dem das kleine Modell gewohnt hatte. Martin stieg in den zweiten Stock hinauf.

Dort gewahrte er in dem Vorderzimmer Mrs. Hughs, die das Baby im Arm, neben dessen Bettchen stand. Sie sah erschreckt und verängstigt aus. Nachdem er ihr Handgelenk untersucht und eine Rißwunde konstatiert hatte, blickte Martin lange Zeit auf das Kind. Die Füße des kleinen Geschöpfes stemmten sich gegen seiner Mutter Hüfte, seine Augen waren geschlossen, die mageren Finger an ihre Brust gekrallt. Aus Martins Gesicht war nicht zu entnehmen, was er bei sich dachte, aber dann und wann bewegte er die Kinnbacken, als ob er unter Zahnschmerzen litte. Offenbar schien, nach dem Aussehen von Mutter und Kind, seine Verordnung nicht von rechtem Erfolg begleitet zu sein. Er wandte sich schließlich von der zitternden, ganz hinfälligen Gestalt der Frau ab und trat ans Fenster. Zwei blasse Hyanzinthentöpfe standen da auf dem Sims; ihr Duft durchdrang die anderen Gerüche im Zimmer – und seltsam genug nahmen sie sich hier aus, diese verhungerten Zwillingskinder der Luft und des Lichtes.

»Die sind neu,« sagte Martin.

»Ja,« murmelte Mrs. Hughs. »Ich hab' sie mit raufgebracht. Ich konnt's nich übers Herz bringen, die armen Dinger da unten eingehen zu lassen.«

Aus dem bitteren Ton ihrer Worte entnahm Martin, daß die Pflanzen dem kleinen Modell gehört hatten.

»Stellen Sie sie ins Freie,« sagte er, »hier drinnen können sie sich nicht halten. Sie brauchen auch Wasser. Wo haben Sie Ihre Untertassen?«

Mrs. Hughs legte das Kind nieder und ging zu dem Schrank, in dem alle Hausschätze aufbewahrt waren, um zwei alte, verstaubte Untertassen herauszuholen. Martin nahm die Töpfe auf, und als er sie emporhielt, zeigte sich auf dem einen gelben Blumenblatt eine winzige Raupe. Sie reckte ihren grünen, hellzarten Körper auf, um sich nach einem neuen Schlupfwinkel hinzuschlängeln. Es war, als verhöhne das winzige, sich windende Tierchen, wie das Wunder und das Geheimnis des Lebens selbst, den jungen Arzt, der es mit hochgezogenen Brauen beobachtete und doch keine Hand frei hatte, um es von der Pflanze zu entfernen.

»Warum ist sie vom Land hereingekommen? Da gibt's doch Männer genug für sie!«

Martin setzte die Töpfe nieder und wandte sich zu der Näherin.

»Lassen Sie's gut sein,« sagte er; »über verschüttete Milch soll man nicht jammern. Sie haben jetzt nichts weiter zu tun, als sich dran zu halten, daß Sie irgendwie Arbeit bekommen.«

»Ja, Herr Doktor.«

»So mutlos müssen Sie das aber nicht sagen,« entgegnete Martin; »Sie müssen sich aufraffen.«

»Ja, Herr Doktor.«

»Sie brauchen etwas Stärkendes. Da, nehmen Sie die zehn Shilling, holen Sie sich zwölf Flaschen echtes Bier und trinken Sie jeden Tag eine davon.«

Und wieder sagte Mrs. Hughs: »Ja, Herr Doktor.«

»So, nun kommt das Kleine dran.«

Regungslos, wie es gegen das Fußende des Bettes gelehnt worden war, saß das Baby da, die schwarzen Augen geschlossen, das kleine, graue Gesicht tief auf die Brust gesenkt.

»Ein stiller, junger Herr,« murmelte Marlin.

»Er war nie 'n Schreikind,« meinte Mrs. Hughs.

»Da haben Sie Glück. Wann haben Sie ihm zum letzten Mal etwas gegeben?«

Mrs. Hughs antwortete nicht gleich. »Gegen halb sieben gestern abend, Herr Doktor.«

»Was?«

»Er hat die ganze Nacht geschlafen, und heute, wo ich mich doch so furchtbar aufgeregt hab', da is die Milch fort. Ich hab's mit der Flasche versucht; aber die wollt er nich nehmen.«

Martin neigte sich zu dem Kleinen hinab und legte den Finger an sein Kinn; dann beugte er sich noch tiefer und hob das Lid des winzigen Auges empor.

»Er ist tot!« sagte er.

Bei dem Wort ›tot‹ riß Mrs. Hughs, ihn beiseite schiebend, das Kleine an ihre Brust. Das herabhängende Köpfchen dicht an ihr Gesicht gepreßt, umfaßte sie das Kind und schaukelte und schüttelte es wortlos. Volle fünf Minuten währte dieses verzweifelte, stumme Ringen mit dem ewigen Schweigen – das Betasten, Erwärmen und Anhauchen der kleinen Glieder. Dann setzte sie sich, und sich fast zusammengekrümmt über das Kleine beugend, stöhnte sie auf. Diesem einzigen Laut folgte eine tiefe Stille. Sie wurde von dem Schall von Fußtritten auf der knarrenden Treppe unterbrochen. Martin erhob sich aus seiner kauernden Stellung am Bett und ging zur Tür.

Sein Großvater stand draußen und hinter ihm Thymian.

»Sie ist fort aus ihrem Zimmer,« sagte Stone. »Wohin hat sie sich gewandt?«

Martin, der sofort begriff, daß es sich um das kleine Modell handelte, legte den Finger an die Lippen und flüsterte, auf Mrs. Hughs deutend:

»Ihr Kind ist eben gestorben.«

In Stones Gesicht vollzog sich die seltsame Veränderung, die stets hervortrat, sobald man seine umherschweifenden Gedanken in die Gegenwart zurückrief. Er schritt an Martin vorüber und trat zu Mrs. Hughs hin.

Eine lange Zeit stand er da, starr auf das Kind blickend und auf den dunklen Frauenkopf, der sich in solcher Verzweiflung darüber neigte. Endlich sprach er:

»Arme Frau! Es schläft in Frieden!«

Die Frau hob den Blick; und als sie dieses greise Gesicht mit seinen Furchen und dem dünnen Silberhaar sah, sagte sie:

»Es ist tot, Herr!«

Der alte Mann streckte seine geäderte, gebrechliche Hand aus und berührte des Kindes Fußspitzen. »Er fliegt; er ist überall, er ist der Sonne nahe. – Kleiner Bruder!« Und dann wandte er sich um und schritt hinaus.

Thymian folgte ihm, indes er auf den Zehen die Treppe hinunterging, die ob seiner Vorsicht nur noch lauter zu knarren schienen. Tränen rollten ihr die Wangen hinab.

Martin blieb bei der Mutter und ihrem Kinde in dem engen, stillen Zimmer sitzen, in das, gleich fremden, huschenden Geisterchen, ab und zu leise Duftwellen von den Hyazinthenblüten kamen.

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