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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Das Buch von der allgemeinen Brüderschaft

Es ist an der Zeit, über die Persönlichkeit des Verfassers vom Buch der Allgemeinen Brüderschaft einige Worte zu sagen.

Sylvanus Stone war, nachdem er an der Londoner Universität mit Auszeichnung seine Examina bestanden, in sehr jugendlichem Alter zu Vorlesungen an verschiedene öffentliche Institute berufen worden. Bald hatte er auch die Professorwürde erlangt, die einem Manne von seinen gründlichen naturwissenschaftlichen Kenntnissen gebührte; und von jener Zeit bis zu seinem siebzigsten Jahre war sein Leben in einem beständigen Kreislauf von Vorlesungen, schriftlichen Veröffentlichungen, Untersuchungen und Darlegungen über die Gegenstände, mit denen er sich speziell beschäftigte, dahingegangen. Im Alter von etwa siebzig Jahren, ziemlich lange nach dem Tode seiner Gattin und der Verheiratung seiner drei Kinder, hatte er eine Zeitlang allein gelebt, als eine schwere Krankheit – die Folge von ungeeigneter Lebensweise – ihn darniederwarf.

Während der langen Rekonvaleszenz begann seine Beobachtungsgabe, die der Gelehrte bisher ausschließlich den Naturwissenschaften gewidmet hatte, sich auf das Leben im Allgemeinen zu richten. Aber dieser Geist, dem die Beschäftigung mit den Naturwissenschaften eine persönliche Zwangsvorstellung, eine fixe Idee gewesen war, konnte sich mit haltlosen Betrachtungen über das Leben nicht zufrieden geben. Langsam, kaum merklich, mit Zentrifugalkraft – mit einer Kraft, zu der sie ohne jene Krankheit vielleicht nie gelangt wäre, – hatte die Vorstellung, die fixe Idee von der Allgemeinen Brüderschaft seine umherirrenden Zweifel über die Rätsel des Daseins in sich aufgesogen. Der ungewöhnliche Geist dieses alten Mannes, der durch Krankheit von seiner früheren Existenz losgelöst, jetzt pensioniert und nicht mehr in seinen Ämtern war, weihte sich nun der Anbetung eines neuen Sternes. Und dieses Licht schien ihm mit jeder Woche, jedem Monat und Jahr heller zu leuchten, bis daneben alle andern Sterne ihren Schimmer verloren und erloschen.

Im Alter von vierundsiebzig Jahren hatte er sein Buch begonnen. Unter dem Einfluß des Gegenstandes und der zunehmenden Jahre hatte bei ihm die gänzliche Gleichgültigkeit den alltäglichen Geschehnissen gegenüber rasch zugenommen. Seine Erscheinung war damals schon eine fast all zu bekannte geworden, ehe Bianca ihn eines Tages auf dem Dach seiner hochgelegenen kleinen Wohnung sitzend fand, von wo aus er sein geliebtes Weltall besser beobachten konnte. Da hatte sie ihn überredet, mit ihr zu kommen, und ihm ein Zimmer in ihrem eigenen Hause eingeräumt. Nach einem Tag oder zweien war er sich der neuen Umgebung nicht mehr bewußt.

Er hatte in dem neuen Heim sehr bald seine bestimmten Gewohnheiten angenommen. Eine Veränderung darin duldete er nicht, und einmal eingewöhnt, wünschte er keine Abwechslung; denn es durfte nichts in sein Leben kommen, was ihn an der Fortsetzung seines Werkes behindern konnte.

An dem Nachmittag, der Hilarys Verabschiedung des kleinen Modells folgte, hatte Stone, enttäuscht über das Ausbleiben seiner Gehilfin, länger als eine Stunde auf sie gewartet und seine fertigen Seiten wieder und wieder vor sich hingelesen. Zur gewöhnlichen Teestunde hatte er sich hingesetzt, abwechselnd die Tasse und das Butterbrot zum Munde führend, und lange und starr auf die Stelle geblickt, wo das Mädchen zu sitzen pflegte. Als er fertig war, verließ er das Zimmer und ging im Hause umher. Er fand niemanden als Miranda, die in dem zum Atelier führenden Gang saß und sich offenbar über die Abwesenheit ihres Herrn und ihrer Herrin wunderte. Sie schloß sich Stone an, hielt sich aber in achtungsvoller Entfernung hinter ihm, wenn er voranschritt und vor ihm, wenn er folgte. Als sie ihre Nachforschung beendet hatten, ging Stone hinunter an das Gartentor. Hier fand ihn bald darauf Bianca, wie er regungslos ohne Hut in der prallen Sonne dastand, den weißen Kopf nach der Richtung gewandt, aus der das kleine Modell gewöhnlich zu kommen pflegte.

Die Herrin des Hauses kehrte eben von ihrem alljährlichen Besuch der ›Royal Academy‹ heim, die sie immer noch besichtigte. Ein lose wallender Schleier hing von ihrem pilzartigen Hut herab. In ihren Augen war ein Glanz; die Besichtigung hatte sie offenbar angeregt.

Der alte Herr schien sie merkwürdig rasch zu erkennen und sah sie eine Minute lang an, ohne zu reden. Seine Haltung den Töchtern gegenüber glich etwa der eines alten Enterichs zu zwei Schwänen, die er unabsichtlich in die Welt gesetzt – es lag fast etwas wie Neugierde darin, etwas Forschendes, daneben Mißbilligung, Bewunderung und leises Staunen.

»Weshalb ist sie nicht gekommen?« sagte er.

Bianca zuckte zusammen unter ihrem Schleier. »Hast du Hilary nicht gefragt?«

»Ich kann ihn nirgends finden,« entgegnete Stone. Es war etwas in seiner stillen, gebückten Gestalt und dem weißen, von der Sonne beschienenen Haupt, das Bianca zwang, ihre Hand unter seinen Arm zu schieben.

»Komm hinein, Vater. Ich will dir's abschreiben.«

Stone sah sie sinnend an und schüttelte den Kopf.

»Es wäre gegen meine Grundsätze; ich kann einen unbezahlten Dienst nicht annehmen. Aber wenn du mitkommen willst, Kind, würde ich dir gern vorlesen. Es wirkt anregend.«

Bei diesem Begehr wurden Biancas Augen feucht. Seinen hageren Arm an ihre Brust drückend, schritt sie mit ihm auf das Haus zu.

»Ich glaube, ich habe da etwas geschrieben, was dich vielleicht interessieren wird,« sagte Stone, indes sie weitergingen.

»Sicherlich,« murmelte Bianca.

»Es ist etwas Allgemeines,« fuhr Stone fort, »es behandelt die Geburt. Setz dich an den Tisch. Ich fange, wie gewöhnlich da an, wo ich gestern aufgehört habe.«

Bianca nahm den Platz des kleinen Modells ein, stützte das Kinn in die Hand, regungslos, wie eine der Statuen, von deren Besichtigung sie eben gekommen war.

Es machte fast den Eindruck, als fühle Stone sich durch irgend etwas irritiert. Zweimal ordnete er seine Blätter anders, räusperte sich; dann nahm er plötzlich ein Blatt zur Hand, tat ein paar Schritte, wandte ihr den Rücken zu und begann zu lesen:

»Aus jenem allmählichen, unaufhörlichen Wechsel von Form zu Form, Leben genannt, hatten die Menschen einen bestimmten Moment herausgegriffen, der absolut nicht bemerkenswerter war, als irgend ein anderer, und ihn ›Geburt‹ genannt. Diese Gewohnheit, einem einzigen bestimmten Vorgang des Weltprozesses den Vorzug zu geben zum Nachteil aller andern Vorgänge, hat vielleicht mehr als irgend etwas dazu beigetragen, die kristallene Klarheit des Weltenstromes zu trüben. Ebenso gut könnten diejenigen, welche die Entwicklung der grünenden, sich entfaltenden Erde beobachten, wie sie sich den nebligen Armen des Winters entwindet, einen einzigen Tag herausgreifen und ihn Frühling nennen. In der rhythmischen Periode, durch welche der Wechsel von Form zu Form bestimmt wurde« – Stones Stimme, die bis dahin nur ein schwaches, heisres Murmeln gewesen war, wurde allmählich lauter und lauter, als spräche er vor einem großen Auditorium – »trat an die Stelle des goldenen Weltenhöhennebels, dem die Menschen hätten zufliegen sollen, wie große Vögel der Sonne, der parasitische Glorienschein, den jeder Einzelne mit der Verherrlichung seiner eigenen Geburt in Zusammenhang brachte. Auf diesen Elementarirrtum läßt sich die ganze Individualitäts-Verherrlichung zurückführen. Langsam aber sicher war im Herzen des Menschen die Sehnsucht verdorrt, eins zu sein mit seinen Brüdern.«

Er hörte plötzlich auf zu lesen.

»Ich sehe ihn kommen,« sagte er.

Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür, und Hilary trat herein.

»Sie ist nicht da,« sagte Stone, und Bianca flüsterte:

»Sie fehlt uns!«

»Ihre Augen,« fuhr Stone fort, »haben einen eigentümlichen Blick; sie helfen mir, in die Zukunft zu sehen. Ich habe den gleichen Blick in den Augen von Hündinnen bemerkt.«

Mit einem leisen Lachen flüsterte Bianca wieder:

»Sehr gut!«

»An Hunden schätze ich besonders eine Tugend,« sagte Hilary, »die menschlichen Wesen mangelt: – Sie spotten nicht.«

Biancas halb geöffnete Lippen schienen zu sagen: »Du verlangst zu viel! Ich habe keinen Reiz mehr für dich. Soll ich nun etwa für den Reiz Verständnis haben, den jenes ordinäre, kleine Ding auf dich ausübt?«

Stones Blick war starr auf die Wand gerichtet.

»Der Hund,« erklärte er, »hat viel von seinem ursprünglichen Charakter verloren.«

Und an das Schreibpult tretend, nahm er seine Füllfeder zur Hand.

Hilary und Bianca äußerten keinen Laut, sahen einander auch nicht an; und in dieses Schweigen hinein, das viel ausdruckvoller war als irgend ein Gespräch, klang das Kritzeln der Feder. Endlich legte Stone sie nieder, und da er zwei Menschen im Zimmer sah, begann er laut:

»Wenn man auf jene Tage zurückblickt, da die Entwicklungslehre ihren Höhepunkt erreicht hatte, gewahrt man, wie der menschliche Geist durch seine Gewohnheit fortwährender Kristallisationen den Sinn des Weltprozesses zerstört hat.« – – Er nahm die Feder auf und wieder begann er zu schreiben.

»Du merkst, denke ich,« begann Hilary mit leiser Stimme, »daß man ihr nahegelegt hat, nicht mehr zu kommen.«

Bianca zuckte die Achseln.

Mit einem bei ihm ungewohnten Ausdruck des Ärgers, fuhr er fort:

»Könntest du es nicht über dich gewinnen, mir zu glauben, daß ich mich bemühe, deinen Wünschen nachzukommen?«

Biancas ganze Antwort war ein Lachen, so seltsam hart, so grausam bitter, daß Hilary sich unwillkürlich umwandte, als wolle er den Laut auffangen, bevor er das Ohr des alten Mannes erreichte.

Stone hatte seine Feder niedergelegt. »Ich schreibe heute nichts mehr,« sagte er, »ich bin ganz aus der Stimmung gekommen – ich bin nicht ich selbst.« Sein Ton klang verändert.

Sehr müde und erschöpft sah er aus, ähnlich einem abgearbeiteten Lastpferd, das mit hängendem Kopf dasteht, den eingefallenen Hals sichtbar unter der dünnen Mähne. Und plötzlich, offenbar ohne daran zu denken, daß er Zuhörer hatte, fing er an zu sprechen.

»Oh, du großes All, ich bin ein alter Mann von müdem Geist – ich will ja nichts für meine Person! Hilf mir, daß ich weiter arbeiten kann – hilf mir, daß ich ein Buch schreibe, wie es die Welt nie gesehen hat!«

Eine Totenstille folgte diesem seltsamen Gebet; dann stand Bianca, der Tränen über die Wangen liefen, auf und eilte aus dem Zimmer.

Stone kam zu sich; sein stilles, blasses Gesicht sah plötzlich gerötet und erschreckt aus. Er blickte Hilary an.

»Ich fürchte, ich habe mich vergessen. Habe ich irgend etwas Absonderliches gesagt?«

Hilary, der sich seiner Stimme nicht sicher fühlte, schüttelte den Kopf, und dann wandte auch er sich der Tür zu.

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