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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Hilary macht ein Ende

Wie Fliegen, die sich zwischen den feinen, grauen Fäden von Spinnweben verfangen haben, so quälen sich die Menschen im Netzgewirr ihrer eigensten Natur. Und nichts ist wunderbarer als die Art, in der das Leben für jeden Einzelnen die besonderen Schwierigkeiten wählt, die seiner Natur am meisten entsprechen. Was dem Menschen von derber, energischer oder leidenschaftlicher Sinnesart ein einfaches Exempel scheint, wirkt auf den Menschen von empfindsamem und nachdenklichem Wesen wie ein unlösbares Rätsel.

So erging es Hilary mit seinem eignen Netz, in dem er sich abquälte, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und auch noch beim Mondschein. Eigene Neigungen und Lebensumstände, die ihn nie in allzu nahe Beziehung zu Männern oder Frauen gebracht, hatten ihn der Notwendigkeit enthoben, Gehorsam zu leisten oder ihn von jemandem zu fordern. Die Fähigkeit dazu war ihm fast verloren gegangen. Das Leben war ihm ein Bild mit verschwommenen Umrissen, die in einer dämmrigen Gesamtheit aufgingen. Seit Jahren war ihm nichts begegnet, was ihm einer positiven Entscheidung wert gewesen wäre. Es war sein Höchstes, sein Glück und auch sein Beruf geworden, sich in andrer Menschen Leben hinein zu denken, so daß es jetzt nur wenige Situationen gab, die ihm unverständlich gewesen wären.

Wenn er sich in die Lage des kleinen Modells versetzte, so fand er wenig Erfreuliches daran. Und abgesehen von einer gewissen Sentimentalität, die Männer immer in ihre Wertungen eines Frauenlebens hineinbringen, war seine Auffassung von ihrer Situation gar nicht so unrichtig.

War da ein Kind, kaum zwanzig alt, auf dem Lande groß geworden, nicht Dame und auch nicht direkt Arbeiterin, ohne Heim, ohne Verwandtschaft – ihrer eigenen Aussage nach – jedenfalls ohne irgend welche Menschen, die geneigt waren, ihr beizustehen – überhaupt wohl ohne Freunde; hilflos von Natur und in einem Beruf, der mehr als die übliche Vorsicht erforderte – und dieses Kind sollte er wieder in den Strom hinausstoßen, indem er das dünne Seil durchschnitt, das sie noch festhielt.

Es war, als wolle man einen kleinen Rosenstrauch, den man mit eigner Hand an einen leidlich geschützten Ort gepflanzt hat, wieder ausgraben, da er eben Wurzel zu schlagen begonnen, um ihn an einen Platz zu setzen, wo rauhe Winde ihn treffen mußten. So schroff und, wie es Hilary erschien, unmenschlich zu handeln, widerstrebte seiner innersten Natur. Und dann sprach da auch noch etwas mit: eine leise Spur von Fieber – jene ferne Musik, die ihm im Ohre klang, seitdem er die Frachtwagen nach dem Covent Garden Markt fahren gehört hatte.

Mit einem Gefühl tiefsten Unbehagens erwartete er daher am Montag nachmittag die Kleine, während er in seinem Arbeitszimmer auf- und abschritt, wo die Wände weiß und die Holzbekleidungen von der Farbe eines Zigarrenblattes waren; wo auch die Bücher im Wildledereinband, den er für sich eigens herstellen ließ, dieselbe Farbe zeigten; wo weder Blumen noch Sonnenschein zum Fenster hereinsahen. Nur viel, viel beschriebenes Papier gab es da – ein Raum, aus dem die Jugend für immer geflohen schien – der Raum des hoffnungslosen Alterns.

Er rief die Kleine herein in der Absicht, ihr sofort zu sagen, was er sagen wollte, und die Sache mit möglichst wenigen Worten abzutun. Aber er hatte weder mit seiner eigenen Natur, noch mit dem weiblichen Instinkt genügend gerechnet. Auch hatte er, da er trotz all seiner Gelehrsamkeit oder vielleicht gerade deshalb, unfähig war, die Wirkung einfacher Tatsachen vorauszusehen, nicht bedacht, daß er nach ihrer Vorstellung Eigentumsrechte an sie besaß, seitdem er ihr jene Kleider geschenkt hatte.

So wie ein Hund, dessen Herr eben fortgehen will, dasteht und jämmerlich fragend zu ihm aufblickt, tief im Innersten die geplante Grausamkeit witternd – wie ein Hund, den man im Stich lassen will, so stand das kleine Modell da.

Ihre ganze Haltung, der starre Blick, der wie von Tränen glänzte, und ein gewisses Beben schien zu sagen: »Ich weiß, weshalb du mich hast kommen lassen!«

Als Hilary sie so dastehen sah, beschlich ihn das Gefühl eines Menschen, dem befohlen wird, einen anderen auszupeitschen. Um Zeit zu gewinnen, fragte er sie, was sie den Tag über angefangen hätte. Die Kleine versuchte offenbar, sich zu überreden, daß ihre Befürchtung unnütz gewesen sei.

Jetzt, da der Morgen schon schön sei – begann sie mit einem gewissen Eifer zu erzählen – stand sie viel zeitiger auf und besorgte zuerst ihre Näherei; dann machte sie ihr Zimmer rein. Es waren Mauselöcher darin, und sie hatte sich eine Falle gekauft. Letzte Nacht hatte sie eine Maus gefangen. Sie mochte sie nicht töten; so hatte sie sie in eine Blechschachtel getan und dann herausgelassen, als sie fortging. Da sie mit raschem Blick erfaßte, daß Hilary interessiert zuhörte, beeilte sie sich hinzuzufügen, daß sie um alles in der Welt keine hungrigen Katzen oder verlaufnen Hunde sehen konnte, besonders nicht verlaufne Hunde, und sie beschrieb ihm einen, den sie gesehen hatte. Sie hatte es keinem Schutzmann sagen mögen; die haben so eine Art, einen anzustarren. Diese Bemerkung übte eine eigne Wirkung auf Hilary, und er wandte den Kopf. Da die Kleine bemerkte, daß sie auf irgend eine Art Eindruck gemacht, suchte sie ihn zu verstärken. Sie hätte gehört, daß sie den Leuten alles Mögliche antäten – da sie aber sofort von Hilarys Gesicht las, daß sie ihre Wirkung nicht verstärkte, brach sie plötzlich ab und begann ihm von ihrem Frühstück zu erzählen, und wie wohl ihr jetzt sei, wo sie die neuen Sachen hätte; wie lieb ihr das Zimmer wäre; wie komisch der alte Creed sei, der sie nie beachte, wenn er ihr des Morgens begegne. Dann folgte ein genauer Bericht darüber, wo sie sich überall nach Arbeit umgetan, wo man ihr solche in Aussicht gestellt hätte; Mr. Lennard wünschte immer noch, daß sie ihm für Akt säße. Dabei warf sie Hilary einen raschen Blick zu, dann schlug sie die Augen nieder. Sie könnte Beschäftigung genug kriegen, wenn sie damit anfangen wollte. Aber sie täte es nicht, weil Mr. Hilary es ja nicht wünsche, und sie mochte es natürlich auch gar nicht; sie käme ja so gern zu Mr. Stone. Und sie würde ganz gut fertig, und London gefiel ihr sehr, und die Läden wären so schön. Sie erwähnte weder Hughs noch dessen Frau. In all diesem mit offenbarer Absicht hergeredeten Geschwätz lag ein merkwürdiges Gemisch von Einfalt und einem fast verschlagen raschen Erfassen der Wirkung, die sie übte; aber die hundeähnliche Demut schwand dabei nie ganz aus ihren Augen, sobald sie zu Hilary aufblickten.

Dieser Blick durchdrang die schwächsten Stellen des schwachen Panzers, mit dem die Natur ihn nur eben notdürftig versehen hatte. Er ergriff diesen Menschen, der keine Spur von Eitelkeit, wohl aber ein Übermaß an Güte besaß, aufs tiefste. Hilary empfand es als eine Ehre, daß etwas so Jungfrisches wie das da, ihm diese Empfindungen entgegenbringen konnte. Er hatte sich stets bemüht, nicht an das zu denken, was ihm vielleicht den Schlüssel für ihre eigenartigen Gefühle ihm gegenüber gegeben hätte – nämlich jene Worte des Stillleben-Malers: »Sie hat irgend eine Geschichte.« Aber plötzlich überkam es ihn wie eine Erleuchtung! Wenn ihre Geschichte nun die einfachste aller Geschichten war – die richtige, nicht eben zarte Liebesangelegenheit zwischen dem Dorfburschen und dem Dorfmädel – war es da nicht begreiflich, daß sie, die von Natur zur Hingabe neigte, sich diesmal der entgegengesetzten Art jener rein sinnlichen Liebe, die ihr soviel Unheil gebracht, mit Inbrunst zuwandte?

Aber welcher Art ihre Anhänglichkeit auch sein mochte, es erschien Hilary als die gröbste Vergewaltigung der Gefühle eines Ehrenmannes, sich dagegen undankbar zu zeigen. Und doch hatte er sie eigentlich in sein Arbeitszimmer kommen lassen, nur um ihr etwa zu sagen: »Du bist mir lästig, oder schlimmer als das!« Ihre Gegenwart hatte bisher in ihm nur die halb belustigten, halb zärtlichen Empfindungen eines Menschen geweckt, der ein junges Fohlen oder Kälbchen streichelt und dessen rührende Unbeholfenheit beobachtet. Jetzt, da er im Begriff stand, ihr Lebewohl zu sagen, drängte sich ihm die Frage auf, ob er weiter nichts empfand.

Miranda, die sich zwischen ihrem Herrn und seinem Besuch hervorschlich, knurrte.

Das kleine Modell, das mit seinen unbehandschuhten, tintigen Fingern über eine chinesische Aschenschale hinstrich, murmelte mit einem halb wehmütigen, halb verächtlichen Lächeln: »Sie kann mich nich leiden. Sie weiß, daß ich nich hierher gehöre! Sie is bös, daß ich komme. Sie is eifersüchtig!«

Hilary begann unvermittelt:

»Sagen Sie mir: Haben Sie sich mit irgend wem angefreundet, seitdem Sie in London sind?«

Das Mädchen warf ihm einen raschen Blick zu, der sagte: »Könnte ich dich eifersüchtig machen?«

Dann, als fühlte sie sich eines allzu anmaßenden Gedankens schuldig, ließ sie den Kopf sinken und antwortete:

»Nein.«

»Nicht mit einem einzigen Menschen?«

Die Kleine wiederholte fast heftig: »Nein! Ich brauche keine Freunde; ich bin froh, wenn man mich in Ruhe läßt.«

Hilary begann hastig:

»Aber diese Hughs haben Sie nicht in Ruh' gelassen. Ich sagte Ihnen, daß ich es für besser hielte, wenn Sie auszögen; ich habe ein anderes Zimmer für Sie gemietet, ganz weit fort von diesen Leuten. Lassen Sie Ihre Möbel und eine Wochenmiete zurück, und bringen Sie morgen unauffällig Ihre Koffer in einer Droschke fort, ohne jemandem etwas davon zu sagen. Das hier ist die neue Adresse, und da haben Sie etwas Geld für die nötigen Ausgaben. Die Leute sind gefährlich für Sie!«

Das kleine Modell murmelte ganz verstört: »Aber ich frage nich danach, was sie tun!«

Hilary fuhr fort: »Hören Sie weiter! Sie dürfen nicht wieder hierherkommen, sonst spürt der Mann Ihnen nach. Wir werden Sorge tragen, daß Sie alles haben, was Sie brauchen, bis Sie andere Beschäftigung finden.«

Das kleine Modell sah zu ihm auf ohne ein Wort der Entgegnung. In diesem Augenblick, da die dünnen Bande sich lösten, die sie immerhin an eine Art von Hausgötter gefesselt hatten, kam ihr die Geduld und Fügsamkeit zu statten, die das Dorfleben, ferner die herben Tatsachen ihrer ›Geschichte‹ und diese letzten Monate in London in ihr groß gezogen hatten. Sie lamentierte nicht. Aber Hilary sah, wie ihr eine Träne über die Wange hinabrollte.

Er wandte das Gesicht ab und sagte: »Weinen Sie nicht, liebes Kind!«

Gehorsam verschluckte die Kleine ihre Tränen. Ein Gedanke schien ihr plötzlich zu kommen.

»Aber ich darf Sie doch manchmal sehen, Mr. Dallison, nicht wahr?«

Da sie in seinem Gesicht las, daß dies außerhalb seines Programms lag, schwieg sie wieder und sah zu ihm auf.

Hilary konnte ihr nicht gut sagen: »Ich darf Sie nicht wiedersehen, weil meine Frau eifersüchtig ist!« Und es wäre grausam gewesen, ihr zu sagen: »Ich will Sie nicht mehr sehen!« – Das wäre auch nicht die Wahrheit gewesen.

»Sie werden sicherlich bald Freunde finden,« begann er endlich, »und Sie können mir auch schreiben, so oft Sie wollen,« und mit einem seltsamen Lächeln fügte er hinzu: »Sie fangen ja erst an mit dem Leben! Sie müssen sich das alles nicht so zu Herzen nehmen; Sie werden Menschen genug finden, die besser imstande sind, Ihnen zu raten und zu helfen, als ich es je könnte!«

Als einzige Antwort faßte das kleine Modell seine Hand mit ihren beiden Händen. Gleich ließ sie die Hand aber wieder fallen, als fühle sie sich einer Vermessenheit schuldig, und blieb stehen, den Kopf tief gesenkt. Hilary blickte auf den kleinen Hut herab, den auf seinen besonderen Wunsch kein Federschmuck zierte, und die Kehle schnürte sich ihm zusammen.

»Es ist komisch,« meinte er, »daß ich Ihren Vornamen nicht weiß!«

»Liane,« sagte die Kleine leise.

»Liane! Also ich werde Ihnen schreiben, Liane! Aber Sie müssen mir versprechen, all das zu tun, was ich Ihnen sagte.«

Das Mädchen sah zu ihm auf; ihr Gesicht erschien fast häßlich – wie das eines Kindes, in dem ein Sturm von Empfindungen zurückgedrängt wird.

»Versprechen Sie's!« wiederholte Hilary.

Mit einem bitteren Verziehen der Unterlippe nickte sie, und plötzlich fuhr sie mit der Hand nach dem Herzen. Bei dieser Bewegung, deren sie sich offenbar nicht bewußt schien – so natürlich, so fast mechanisch geschah sie – war es mit Hilarys Energie beinahe zu Ende.

»Jetzt müssen Sie aber gehen,« sagte er rasch.

Die Kleine würgte, wurde ganz rot und dann totenbleich.

»Soll ich Mr. Stone nicht einmal Adieu sagen?«

Hilary schüttelte den Kopf.

»Ich werd' ihm fehlen,« sagte sie ganz verzweifelt. »Ganz gewiß. Ich weiß, ich werd' ihm fehlen!«

»Mir auch,« entgegnete Hilary. »Das ist nicht zu ändern.«

Die Kleine richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf; ihre Brust atmete schwer unter den Kleidern, durch die sie sich zu Hilary gehörig fühlte. Sie glich in diesem Augenblick merkwürdig dem ›Schatten‹; es war gleichsam als ob sie, was Hilary auch tun mochte, immer da sein würde – ein kleines Gespenst, der Geist der hilflos untergesunkenen Welt, der durch alle Zeiten mit fernem stummen Flehen an den Seelen der Menschen rüttelt.

»Geben Sie mir die Hand,« sagte Hilary.

Das kleine Modell streckte ihre nicht gerade weiße, kleine Hand hin. Sie war weich und schmiegsam und brannte wie Feuer.

»Leben Sie wohl, Kind, und Gott schütze Sie!«

Die Kleine sah ihn an mit einem Blick, aus dem eine Welt von Vorwürfen sprach; dann ging sie, treu ihrer Gewöhnung, mit ergebner Miene hinaus.

Hilary blickte ihr nicht nach, sondern blieb an dem hohen Kaminsims vor der Asche des niedergebrannten Feuers stehen, die Stirn tief in den Arm gedrückt. Nicht einmal das Summen einer Fliege unterbrach die Stille. Und doch war ein Klingen da – nicht von ferner Musik, sondern von dem Blut, das ihm in Ohren und Schläfen brauste.

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