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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Einundzwanzigstes Kapitel

Ein Tag der Ruhe

Cecilias Heim am Old Square war heute vom Dach bis zum Keller von jener eigentümlichen Atmosphäre erfüllt, wie sie der Sonntag in Häusern mit sich bringt, dessen Bewohner weder der Religion noch der Sonntagsruhe bedürfen.

Weder Stephen noch Cecilia war seit Thymians Taufe in der Kirche gewesen, und sie gedachten nicht wieder hinzugehen, bis die Tochter getraut wurde; ja, sie wußten, daß es auch dann entgegen ihrer Ansicht geschehen würde. Aber um die Gefühle anderer zu schonen, hatten sie schon einmal dieses Opfer gebracht, und sie würden es zum zweiten Mal bringen, wenn es an der Zeit wäre. Deshalb sollten die Sonntage im Hause keine andere Physiognomie tragen wie jeder Wochentag, aber ganz gelang das doch nicht. So gab es trotz all ihrer Vorsätze allsonntäglich Roastbeef und Yorkshire-Pudding zu Mittag, obgleich der alte Stone – der bei Tisch erschien, wenn er gerade daran dachte, daß Sonntag sei – von den höheren Säugetieren nichts aß. Und jedes Mal, wenn der Braten kam, betrachtete Cecilia, die aus irgend welchem unbestimmbaren Grunde am Sonntag selbst tranchierte, ihn mit einem Stirnrunzeln.

Nächste Woche sollte sich das sicherlich nicht wiederholen; aber wenn der nächste Sonntag kam, da war auch der Braten wieder da mit seinem bräunlichen Aussehen, das sie so ungemütlich an die Tracht der Droschkenkutscher erinnerte. Und jedesmal sprach sie dem Braten mit unerwartetem Behagen zu. Etwas alt und tief Eingewurzeltes, ein schrecklich ausgiebiger Appetit – der zweifellos noch von dem alten Friedensrichter Carfar herstammte – meldete sich regelmäßig jede Woche um diese Stunde und peinigte sie. Aber nachdem sie Thymian die zweite Portion aufgetan, die diese jedesmal verlangte, blickte Cecilia standhaft über den gräßlichen Braten hinweg, auf die schöne Glasvase, die sie in Venedig erstanden hatte, und in der die Narzissen wie von selbst aufrecht standen. Wäre das große Roastbeef nicht gewesen, das sich den ganzen Vormittag durch seinen Duft im Hause ankündigte und sich auch nachmittags noch bemerkbar machte – es hätte ihr nie in den Sinn zu kommen brauchen, daß es einen Sonntag gab – und sie schnitt sich ein zweites Stück ab.

Wenn man Cecilia gesagt hätte, daß noch ein gut Teil Puritanertum in ihr steckte, würde sie das ziemlich unangenehm empfunden und es sicherlich energisch bestritten haben; und doch lieferte die Art, wie sie den Sonntag hielt, einen untrüglichen Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung. Sie war an diesem Tag fleißiger als an jedem andern. Denn morgens ›erledigte ‹ sie ihre Korrespondenz; beim Frühstück schnitt sie den Braten; nach dem Essen ›erledigte‹ sie die Lektüre des angefangenen Romans oder eines Werkes über soziale Fragen, ging dann wohl in ein Konzert und ›erledigte‹ auf dem Rückweg Besuche; und am ersten Sonntag des Monats blieb sie – eine rechte Qual – zu Hause, um die Bekannten, die zu ihr kamen, zu empfangen. Am Abend ging sie dann in eine Vorstellung, die von irgend einem Verein zum Besten jener Leute veranstaltet wurde, die, gleich ihr, den Sonntag innezuhalten genötigt waren, für den sie nichts empfanden.

An jenem ›ersten Sonntag‹ hatte sie noch einmal die Runde durch den Salon gemacht, der die ganze Breite des Hauses einnahm, und dessen sehr hohe Butzenfenster vorn und hinten auf den Garten gingen; dann hatte sie sich Mr. Balladyces neuestes Buch vorgenommen. Sie saß da, das Papiermesser gegen die kleine Höhlung ihrer lebhaft geröteten Wange gedruckt; wertvoller, alter Goldschmuck und echte Spitzen schmückten sie. Während sie die Seiten in Mr. Balladyces Buch wendete, saß Thymian in einem hellblauen Kleid ihr gegenüber und wendete die Seiten von Darwins Werk über die Regenwürmer.

Indes sie ihre ›kleine Tochter‹ betrachtete, die soviel selbstsicherer war als die Mama, nahm Cecilias Gesicht einen weichen, leicht verwunderten Ausdruck an.

»Mein Kücken ist ein liebes Ding,« schien dieser Ausdruck zu sagen. »Wunderlich, daß dieses große Mädchen da mein Kind ist.«

Drüben im Park hielten Sonnenschein und Blumen sich eng umfangen. Es war die Zeit des Jahres, da in der ganzen Welt neue Jugend aufblüht. Überall gab es jungen Nachwuchs – zart, lieblich und lebensfremd. Cecilia fühlte das in ihrem Innersten. Es brachte etwas Versonnenes in ihre hellen, flinken Augen. Was für eine heimliche Befriedigung gewährte es ihr doch, daß sie sich einmal herbeigelassen hatte, ein Kind unter dem Herzen zu tragen! Was für eine wunderliche, dunkle Empfindung sie doch manchmal im Frühling erfaßte – fast verstieg sie sich zu dem Wunsche, noch einmal eines zur Welt zu bringen.

Da ihr aber plötzlich einfiel, daß sie sich zu dem Zweck hingesetzt hatte, um Mr. Balladyce ›zu erledigen‹, weil sie notwendigerweise über seine neuen Werke orientiert sein mußte, so ließ Cecilia rasch den Blick auf die vor ihr liegende Seite sinken. Und sofort erschienen da unangenehmerweise nicht die blühenden Triften Mr. Balladyces, auf denen schöngeistige Frauen sich ergehen mochten, sondern Visionen des kleinen Modells, die sie erschreckten. Ein ganze Stunde lang hatte sie nicht mehr an das Mädchen gedacht; sie war übermüdet von all dem Nachdenken – nicht etwa über die Kleine, sondern über all das, was auf ihr lastete, seitdem Stephen ihr von seinem Gespräch mit Hilary erzählt hatte. Die Dinge, die Hilary geäußert hatte, erschienen Cecilias feinfühlendem und recht eigentlich keuschem Sinn so sehr bedenklich, so gar nicht zu ihm passend. Sollte es wirklich zwischen ihm und Bianca zu einem völligen Bruch kommen – oder schlimmer noch – zu einem häßlichen Skandal? Sie, die sie ihre Schwester vielleicht besser kannte als sonst wer, erinnerte sich aus ihren Schultagen her an Biancas stummes Trotzen, wenn irgend etwas sie verletzt hatte – erinnerte sich auch der langen Perioden dumpfen Dahinbrütens, die darauf zu folgen pflegten. Und diese ›Affäre‹, die sie gern als übertrieben angesehen hätte, wuchs wieder vor ihr auf, bedrohender denn je. Das war keine vereinzelte Rakete; es war ein brennendes Zündholz, an eine Pulvermine gelegt. Dieses Kind aus dem Volke, das, wer weiß, woher kam, wer weiß wofür bestimmt war – dieses junge, nicht sonderlich hübsche, nicht einmal kluge Kind, das nichts für sich hatte, als jene seltsame Einfalt, die ihm Reiz verlieh – dieses Kind mochte vielleicht vom Schicksal zu seinem Werkzeug ausersehen sein! Cecilia saß ganz still vor dieser plötzlichen Vision des Mädchens. Dann wandte sie die Seite, die sie nicht gelesen hatte, um und seufzte dabei tief auf. Auch Thymian stieß einen Seufzer aus.

»Diese Würmer sind rasend interessant,« sagte sie. »Kommt jemand heute nachmittag?«

»Mrs. Tallents Smallpiece wollte einen jungen Mann mitbringen – einen Signor Pozzi – Egregio Pozzi oder so ähnlich heißt er. Sie sagt, er wird mal eine Klaviergröße ersten Ranges.« In Cecilias Zügen spielte eine leise Belustigung. Irgend eine ererbte Ader in ihr, wahrscheinlich die Carfar-Ader, vernahm solche Namen und begrüßte solche Voraussagungen mit einer unbezwinglichen Spottlust.

Thymian schlug ihr Buch zu. »Also, ich bin oben in meiner Stube,« erklärte sie. »Wenn jemand Interessantes kommt, kannst du ja hinaufschicken.«

Sie stand da, streckte sich wohlig und wandte sich langsam einem hereinbrechenden Sonnenstrahl zu, als wollte sie ihren Körper darin baden. Dann schob sie mit langem, leisen Gähnen das Kinn nach oben, bis die Sonne ihr ganzes Gesicht überflutete. Ihre Augenlider lagen auf den leicht gebräunten Wangen; ihre Lippen waren halb geöffnet; kleine Schauer des Behagens durchrieselten sie; ihr kastanienbraunes Haar schimmerte, vergoldet von den Kissen der Sonne.

»Ja,« dachte Cecilia bei sich, »wenn jenes Mädchen so aussähe, dann könnt' ich's recht wohl verstehen!«

»Oh weh!« rief Thymian, »da sind sie schon!« Und sie lief zur Tür.

»Kind,« rief Cecilia ihr leise nach, »wenn du durchaus gehen willst, dann schicke mir wenigstens den Papa!«

Eine Minute darauf trat Mrs. Tallents Smallpiece ein, gefolgt von einem jungen Mann mit blassem, interessantem Gesicht und einem Schopf dunklen Haares.

Wir wollen einen Augenblick lang dem folgenden, recht ungewöhnlichen Fall näher treten. Ein Jüngling ist mit einer italienischen Mutter und einem Vater, der den Namen Pott führt, behaftet, und der Vater hat den Sohn in der Taufe William genannt. Wäre er aus den unteren Volksschichten hervorgegangen, er hätte ungestört unter dem Namen Bill irgendwo die Orgel treten können; da er aber der Bourgeosie angehörte und mit vier Jahren Chopin spielte, sah sich der Freundeskreis vor ein Problem von nicht geringer Schwierigkeit gestellt. Aber der Himmel selbst löste, da der Jüngling an der Schwelle seiner Karriere stand, dieses Problem. Als er gleichsam schon einen Fuß erhoben hatte, um die Arena des musikalischen London zu betreten, da kam ein Brief aus dem Geburtsort seiner Mutter. Er war adressiert an den ›Egregio Signor Pozzi‹. Nun war er gerettet. Die ersten beiden Worte wurden umgestellt, und der Name war fertig, den ganz London bald als den des Pianisten der Zukunft nannte.

Er war ein stiller, junger Mensch mit guten Manieren und unschätzbar für Mrs. Tallents Smallpiece, die nicht glücklich war, wenn sie nicht irgend ein Genie am Gängelband führen konnte.

Cecilia vernahm, während sie mit ihrem halb gütigen, halb mokanten Lächeln die beiden aufforderte, sich ihr zur Seite zu setzen, einen leisen Ausruf des Schreckens.

»Mr. Purcey!«

»Oh ihr Götter!« dachte sie bei sich.

Purcey, dessen ›Prima-Damyer‹ von draußen zu hören war, kam in seiner unbefangenen, offenen Art näher.

»Ich dacht', ich muß doch meinen Wagen mal wieder 'n bißchen spazieren führen,« sagte er. »Wie geht es Ihrer Frau Schwester?« Und Mrs. Tallents Smallpiece gewahrend, fügte er hinzu: »Guten Tag! Wir waren ja neulich beisammen.«

»Jawohl,« entgegnete Mrs. Tallents Smallpiece, deren kleine Augen funkelten. »Wir sprachen über die Armen, erinnern Sie sich?«

Purcey, ein Mann von Empfindung unter seinem robusten Äußern, warf ihr einen forschenden Blick zu. »Ich kenne mich mit dieser Frau nicht recht aus,« schien er zu sagen, »sie hat so ein Lachen, das ich nicht mag.«

»Ah, ja wohl,« entgegnete er ihr, »das heißt, Sie sprachen!«

»Oh, Mr. Purcey, Sie hörten doch aufmerksam zu – wenn Sie sich erinnern wollen!«

Purcey schnitt eine Grimasse, daß sein Gesicht nur noch Kinnbacken zu sein schien. Es war die unbewußte Kundgebung eines energischen Charakters. So mögen etwa Bulldoggen, diese liebenswürdigen Vierfüßler, ihren Kampfesmut unversehens offenbaren.

»'ne recht faule Angelegenheit,« sagte er barsch.

In Cecilia erbebte etwas bei diesen Worten. Das war die Äußerung eines gesunden Menschen, welcher eine Schachtel Pillen betrachtet, die er nicht zu öffnen gedenkt. Weshalb konnte sie und Stephen denn nicht auch den Deckel geschlossen lassen? Und in diesem Augenblick trat, zu ihrer größten Überraschung, Stephen ins Zimmer. Sie hatte nach ihm geschickt, freilich, hatte aber nicht gedacht, daß er kommen würde.

Sein Eintritt bedarf einer Erklärung.

Da er sich, wie er meinte, ›nicht ganz im Geleise‹ fühlte, war Stephen nicht nach Richmond zu seiner Golfpartie gegangen. Er hatte statt dessen den Tag mit seiner Pfeife und seinen alten Münzen verbracht, von denen er eine besonders schöne Sammlung besaß. Aber seine Gedanken waren häufiger, als er es für richtig hielt, von den Münzen zu Hilary und dem Mädchen gewandert. Von Anfang an hatte er die Empfindung gehabt, daß er viel eher der Mann gewesen wäre, mit solch einer Sache fertig zu werden, als sein guter, alter Hilary. Und als nun Thymian den Kopf in sein Arbeitszimmer gesteckt und ihm zugerufen hatte: »Vater, Mrs. Tallents Smallpiece ist da,« war sein erster Gedanke: »diese geschäftige Tante«; dann sagte er sich: »Ich weiß nicht – vielleicht ist's gescheiter, ich gehe hinunter und sehe zu, ob ich etwas von ihr erfahren kann.«

Er hatte ein angeborenes Mißtrauen gegen alles demonstrativ Weibliche, und Mrs. Tallents Smallpiece war zweifellos außerordentlich weiblich. Ihr Hauptverdienst bestand, seiner Meinung nach, in ihrem Eifer für die Vereinstätigkeit. So lange die Menschheit mit Vereinen arbeitete, verzweifelte Stephen, der den Wert von Paragraphen und Statuten zu schätzen wußte, nicht am Fortschritt der menschlichen Entwicklung. Er nahm neben der geschäftigen Dame Platz und brachte die Unterhaltung sehr bald auf ihr Hauptwerk: »die Hebung gefallener Mädchen«.

Während sie in seinem Gesicht forschte mit Augen, die so sehr kleinen, von allen Blumen Honig naschenden Bienen glichen, sagte Mrs. Tallents Smallpiece:

»Warum überreden Sie Ihre Gattin nicht, unserm Verein beizutreten?«

Für Stephen war diese Frage ebenso unerwartet wie peinlich, da seine eigene Frau die letzte Person gewesen wäre, die er an anderer Leute Wirken interessiert sehen mochte. Aber er verlor die gewohnte Fassung nicht.

»Ach Gott!« meinte er, »nicht jeder hat Talent für diese Dinge!«

Purceys laute Stimme kam plötzlich quer durch das Zimmer herüber:

»Sagen Sie mir: wie stellen Sie's an, den Mädels die Würmer aus der Nase zu ziehen?«

Mrs. Tallents Smallpiece, die immer zum Lachen bereit war, schüttelte sich förmlich.

»Ach, ist das ein köstlicher Ausdruck, Mr. Purcey. Wir sollten ihn in unserm Bericht aufnehmen. Ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür!«

Purcey verneigte sich: »Oh bitte sehr!« sagte er ernsthaft.

Mrs. Tallents Smallpiece wandte sich wieder an Stephen:

»Wir haben unsere geschulten Rechercheure. Das ist der Vorteil von Vereinen wie der unsere; auf diese Weise haben wir nicht persönlich die Unannehmlichkeiten. Es gibt Fälle, in denen sich die besten Menschenkenner täuschen. Man muß so vorsichtig zu Werke gehen.«

»Manchmal passiert es wohl auch, daß Sie eine Schwindlerin aufnehmen?« meinte Purcey, »oder vielmehr, daß eine Schwindlerin Sie hochnimmt?'

Mrs. Tallents Smallpieces Augen flogen belustigt über seine ganze Erscheinung.

»Das kommt nicht oft vor,« gab sie zurück und wandte sich dann wieder ziemlich ostentativ an Stephen. »Haben Sie einen besonderen Fall, für den Sie sich interessieren, Mr. Dallison?«

Stephen befragte seine Gattin mit einem jener vorsichtigen Männerblicke, der so diskret war, daß Mrs. Tallents Smallpiece ihn auffing, ohne das Auge zu heben. Schwerer fiel es ihr, Cecilias Antwort zu erhaschen, aber sie erhaschte sie doch früher als Stephen. Sie besagte: »Warte vielleicht lieber noch ab« und wurde durch ein unmerkliches Emporziehen der rechten Augenbraue, sowie eine leise Bewegung der Unterlippe nach rechts angedeutet. Wenn sie alle Einzelheiten zusammenfügte, kam Mrs. Tallents Smallpiece zu der festen Überzeugung, daß die beiden an das kleine Modell dachten. Und ihr fiel der interessante Moment im Omnibus wieder ein, als Hilary Dallison so eilig ausgestiegen war.

Man glaube ja nicht, daß Mrs. Tallents Smallpiece sich irgend etwas Böses dachte. In dem Kreis, wo sie wirkte, pflegte man nicht über Skandalgeschichten zu klatschen, oder derlei Angelegenheiten anders als mit tiefster Sympathie zu erwähnen; und außerdem war sie ein viel zu gutmütiges Geschöpf, hatte selbst eine zu große Freude am Leben, um sie anderen zu mißgönnen. Gleichzeitig aber war die Geschichte ja auch so interessant!

»Was ist's denn eigentlich mit dem kleinen Modell?« fragte sie wie zufällig.

»Ist das die Kleine, die ich kenne?« fragte Purcey harmlos dazwischen. Stephen sah ihn mit jenem Blick an, bei dem den Leuten, die ihre Zeugenaussagen vor ihm zu machen hatten, das Blut in den Adern erstarrte.

»Der Mensch ist unmöglich,« dachte er dabei.

Die kleinen, schwarzen Bienen, die unter Mrs. Tallents Smallpiece' dunklen Augenbrauen umherirrten, nippten ruhig ihren Honig von Stephens Gesicht.

»Sie schien mir,« entgegnete sie, »so geeignet für unsern Verein.«

»Ah!« brummte Stephen, »vielleicht ist da eine Gefahr ...« und ärgerlich blickte er auf Cecilia.

Ohne ihre Unterhaltung mit Purcey und Egregio Pozzi zu unterbrechen, zog sie das linke Auge in die Höhe. Mrs. Tallents Smallpiece begriff, daß dies bedeutete: »Sei offen, aber auf deiner Hut!« Stephen jedoch deutete es anders. Für ihn hieß es: »Wozu, um alles in der Welt, guckst du mich an?« Und er fühlte sich ehrlich gekränkt. Deshalb sagte er unvermittelt:

»Was würden Sie in einem solchen Falle tun?«

Mit einem wahrhaft bezaubernden Lächeln ihr Gesicht zur Seite wendend, fragte Mrs. Tallents Smallpiece sanft: »In was für einem Falle?«

Und dabei flogen ihre Äuglein zu Thymian hin, die geräuschlos ins Zimmer getreten war und ihrer Mutter etwas zuflüsterte.

Cecilia erhob sich.

»Sie kennen meine Tochter, nicht wahr?« sagte sie. »Wollen Sie mich, bitte, einen Augenblick entschuldigen?« Sie glitt zur Tür und warf einen flüchtigen Blick zurück. Es war einer jener gesellschaftlichen Momente, die wundervoll für den sind, der sich ihnen entziehen darf.

Mrs. Tallents Smallpiece lächelte, Stephen blickte auf seine Stiefel; Purcey starrte Thymian bewundernd an, und Thymian, die sehr aufrecht dasaß, betrachtete mit größter Ruhe den unglückseligen Egregio Pozzi, der sich offenbar nicht entschließen konnte, den Mund aufzutun.

Als Cecilia sich endlich außerhalb des Zimmers befand, blieb sie einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln. Thymian hatte ihr gesagt, daß Hilary im Eßzimmer sei und sie zu sprechen wünsche.

Wie bei den meisten Frauen ihrer Klasse und Erziehung, zeigten sich bei Cecilia Verschwiegenheit und Zartgefühl, sowie die vornehme Art ihres Wesens, in einer solchen Situation aufs vorteilhafteste. Im Gegensatz zu Stephen, der sofort verraten hätte, daß ihn etwas bedrückte, empfing sie Hilary mit jenem leisen Zug familiärer und doch zurückhaltender Liebenswürdigkeit, den sie seit langem als den richtigen Verkehrston dem Bruder ihres Gatten gegenüber angenommen hatte. Dieser Ton war nicht gerade schwesterlich, aber doch ungefähr so. Er schien zu sagen: »Wir verstehen einander gerade so weit, wie es recht und passend für uns ist; wir haben sogar Mitgefühl für die Mißhelligkeiten, die jeder von uns durch seine Heirat mit der Schwester oder dem Bruder des andern erfahren hat. Und wir sind auch recht gern beisammen, weil Schranken zwischen uns sind, die der Situation einen gewissen Reiz geben.«

Während sie ihm ihre kleine, weiche Hand reichte, begann sie von den gleichgültigsten Dingen zu plaudern. Sie sah, daß Hilary sich dadurch täuschen ließ, und das machte sie stolz auf ihr diplomatisches Talent. Aber ihre Nerven bebten sofort, als er anfing: »Ich möchte mit dir reden, Cis. Du weißt, daß ich gestern mit Stephen gesprochen habe, nicht wahr?«

Cecilia nickte.

»Ich hatte inzwischen eine Unterredung mit Bi!«

»Oh!« murmelte Cecilia. Gar zu gern hätte sie gewußt, was Bianca gesagt hatte; aber sie wagte nicht zu fragen, denn Hilary trug wieder sein Visier, den in sich verschlossenen, spöttischen Blick, den er annahm, sobald irgend ein Gegenstand berührt wurde, dessen Erörterung seinem Zartgefühl widerstrebte.

So verhielt sie sich abwartend.

»Die ganze Angelegenheit ist mir höchst widerwärtig,« fuhr er fort; »aber ich muß für die Kleine etwas tun. Ich kann sie nicht so hilflos sitzen lassen.«

Cecilia hatte eine Idee.

»Hilary,« sagte sie freundlich, »Mrs. Tallents Smallpiece ist eben drüben im Salon. Sie hat gerade zu Stephen von dem Mädchen gesprochen. Möchtest du nicht hineingehen und die Sache mit ihr in aller Ruhe überlegen?«

Hilary sah seine Schwägerin einen Augenblick schweigend an; dann sagte er:

»Nein, danke sehr; alles hat seine Grenze. Ich will es allein zu Ende führen.«

»Ach, Hilary, was hast du vor?« rief Cecilia ängstlich.

»Ich will ein Ende machen.«

Cecilia mußte all ihren Takt zusammennehmen, um ihre Bestürzung zu verbergen. Ein Ende machen – womit? Meinte er damit, daß er sich von Bianca trennen wollte?

»Ich dulde all den niedrigen Klatsch über das arme Ding nicht länger. Ich werde ein anderes Unterkommen für sie suchen.«

Cecilia seufzte erleichtert auf.

»Wäre – wäre dir's recht, wenn ich mitginge, Hilary?«

»Sehr freundlich von dir,« gab er trocken zurück. »Mein Tun scheint Argwohn zu erregen.«

Cecilia errötete.

»O, Hilary, was fällt dir ein! Aber immerhin, niemand könnte etwas darin finden, wenn ich dabei wäre, Hilary; hast du daran gedacht, daß, wenn sie weiter zu Vater kommt ...«

»Ich werde ihr sagen, daß sie nicht mehr kommen soll.«

Cecilia fühlte ihr Herz lebhafter schlagen – teils vor Freude, teils aus Mitgefühl.

»Das wird peinlich für dich sein,« meinte sie. »Dergleichen ist dir ja verhaßt.«

Hilary nickte.

»Aber ich fürchte, es gibt keinen anderen Ausweg,« fügte Cecilia hastig hinzu. »Und Vater darf natürlich nichts merken, er muß einfach glauben, daß sie der Schreiberei überdrüssig geworden ist.«

Wieder nickte Hilary.

»Er wird es sehr sonderbar finden,« sagte Cecilia leise vor sich hin. »Ach, hast du auch bedacht, daß jene Leute, wenn man das Mädchen von dort fortnimmt, vielleicht noch viel mehr schwatzen werden?«

Hilary zuckte die Achseln.

»Es wird den Mann vielleicht ganz rebellisch machen,« begann Cecilia wieder.

»Sehr wahrscheinlich.«

»Aber wenn du sie nachher nicht mehr siehst, dann werden die Leute ja keine Ursache mehr zum Gerede haben.«

»Ich werde sie nicht sehen,« erklärte Hilary, »wenn sich's irgendwie vermeiden läßt.«

Cecilia sah ihn an.

»Das ist lieb von dir, Hilary.«

»Was ist lieb von mir?« fragte Hilary eisig.

»Na – all das auf dich zu nehmen. Ist's denn wirklich notwendig, daß du dir so viel aufbürdest?« Aber nachdem sie ihm ins Gesicht geblickt hatte, fuhr sie hastig fort: »Ja, ja, es ist wohl am besten so. Wir wollen jetzt sofort gehen. Ach, der Besuch im Salon! Sei so gut, warte noch zehn Minuten!«

Ein wenig später, als sie rasch hinauflief, um sich den Hut aufzusetzen, fragte sie sich, wie es wohl käme, daß sie, so oft sie mit Hilary zusammen war, den Wunsch verspürte, ihn zu trösten. Stephen wirkte niemals so auf sie.

Da sie sehr wenig oder gar keine Ahnung hatten, wohin sie sich wenden sollten, schlugen sie die Richtung nach Bayswater ein. Der Park mußte zwischen Hound Street und dem kleinen Modell liegen – das war das erste Erfordernis. Jenseits des »Großen Weges« kamen sie in eine lange, graue Straße, die einen schäbig ehrsamen Eindruck machte, und in der sie fanden, wonach sie suchten, nämlich ein besseres, möbliertes Zimmer. Es war auf einem Plakat am Fenster angekündigt. Die Wirtin öffnete selbst; sie war eine große, hagere Frau, mit westprovinzialem Dialekt und einer süßlichen Zuvorkommenheit in ihrer sonst schroffen Art. Sie unterhandelten mit ihr auf dem Korridor, dessen buntfarbiger Linoleumbelag einen leisen Geruch ausströmte. Man konnte die Treppe sehen, die steil an der mit einer grellen Tapete bekleideten Wand emporführte. Ein entsetzlich buntblumiger Kalender hing an der Wand; darunter stand ein leerer Schirmständer. Der enge, halbdunkle Korridor führte an zwei festverschlossenen, rostrot gestrichenen Türen vorbei zu zwei halb offenstehenden, die mit matten Scheiben versehen waren. Draußen, auf der Straße, von der aus steinerne Stufen ins Haus führten, hatte ein Hagelschauer niederzufegen begonnen. Hilary schloß die Tür, aber die Stimmung jenes Schauers war schon in das düstre, enge Haus hineingeschlüpft.

»Da ist das Zimmer,« sagte die Wirtin, indes sie die erste der rostroten Türen öffnete. Der Raum, dessen Tapete blaue Rosen auf gelbem Grunde zeigte, war von dem Nachbarzimmer durch Doppeltüren getrennt.

»Manchmal vermiet' ich die Zimmer zusammen, aber gerade jetzt ist das Zimmer daneben besetzt – 'n junger Mann aus der City wohnt drin; darum kann ich das hier so billig abgeben.«

Cecilia sah Hilary an. »Ich glaube kaum – –«

Die Wirtin drückte rasch die Klinke der Nebentür herunter, um zu zeigen, daß sie nicht aufging.

»Ich hab' den Schlüssel bei mir,« erklärte sie. »Von jeder Seite ist sie verriegelt.«

Beruhigt ging Cecilia im Zimmer umher, das heißt, soweit das möglich war, denn es schien kaum Platz vor Möbeln. Sie rümpfte dabei die Nase ebenso wie Thymian, als diese von Hound Street gesprochen hatte. Plötzlich fiel ihr Blick auf Hilary. Er stand mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt. Auf seinem Gesicht lag ein fremder, bitterer Ausdruck, wie bei einem Menschen, der plötzlich vor die Häßlichkeit in Person gestellt wird, mit einem Gefühl, daß sie nicht nur außer ihm ist, sondern auch in ihm – überall – ein Gespenst, das die Welt umfaßt. Es war der Ausdruck eines Mannes, der sich eingebildet hatte, ritterlich zu sein und der nun entdeckt, daß er es nicht ist, eines Führers, der einen Befehl erteilen will, den er selbst nicht auszuführen imstande ist.

Als sie diesen Ausdruck gewahrte, sagte Cecilia hastig:

»Es ist alles sehr nett und ordentlich und paßt ganz gut, denke ich. Sieben Schilling die Woche, sagten Sie, nicht wahr? Wir wollen das Zimmer jedenfalls auf vierzehn Tage nehmen.«

Der erste Schimmer eines Lächelns erschien auf dem herben Gesicht der Frau, mit seinem gierigen, durch den Ausdruck von Geduld gemilderten Blick.

»Wann soll sie einziehen?« fragte sie.

»Wann meinst du, Hilary?«

»Ich weiß nicht,« entgegnete Hilary gedämpft. »Je eher, desto besser – wenn es denn sein muß. Morgen oder spätestens übermorgen, denke ich.«

Und mit einem halben Blick auf das Bett, das mit einem billigen, buntgewirkten Stoff zugedeckt war, ging er auf die Straße hinaus. Der Hagelschauer hatte aufgehört, aber das Haus lag nach Norden, und kein Sonnenstrahl fiel hinein.

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