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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Zwanzigstes Kapitel

Mann und Frau

Es war nach sechs Uhr, als Hilary endlich heimkam. Miranda war ihm ein Stück vorangelaufen, denn sie verspürte so etwas wie Hunger. Die Fliederbüsche, die kaum zu blühen angefangen, strömten einen würzigen Duft aus. Wie mit goldgelben Seidenfäden umsponn die Sonne ihre höchsten Zweige, und eine Amsel, die auf einem niedrigen Ast der Akazie saß, hieß mit ihrem Lied den Abend willkommen. Stone kam, begleitet von dem kleinen Modell, das die neuen Kleider trug, den Kiesweg herunter. Offenbar wollten sie einen Spaziergang machen, denn Stone hatte seinen Hut auf, der alt, weich und schwarz war, aber schon eine stark grünliche Färbung zeigte; in der Hand trug er eine Papierdüte, aus der bei jedem seiner Schritte Brotkrümel herausbröckelten.

Die Kleine wurde ganz rot. Sie senkte tief den Kopf, als fürchte sie in ihren neuen Kleidern Hilarys prüfenden Blick. Am Gartentor sah sie plötzlich auf. Auf seinem Gesicht las sie: »Ja, du siehst sehr hübsch aus.« Und in ihre Augen trat ein Ausdruck, wie man ihn wohl bei Hundeaugen sieht, die in treuer Hingabe zu ihrem Herrn aufblicken. Sichtlich verwirrt wandte Hilary sich zu seinem Schwiegervater. Der alte Mann stand ganz still; offenbar war ihm plötzlich ein Gedanke gekommen.

»Ich habe, wie ich glaube,« begann er, »der Frage nicht genug Beachtung geschenkt, ob Gewalt absolut, oder nur relativ etwas Böses ist. Wenn ich sehe, daß jemand eine Katze mißhandelt, hätte ich das Recht, ihn dafür zu züchtigen?«

An diese plötzlichen Gedankensprünge des alten Herrn gewöhnt, entgegnete Hilary: »Ich weiß nicht, ob Sie dazu ein Recht hätten; aber ich bin überzeugt, Sie würden ihn züchtigen.«

»Ich bin doch nicht sicher,« meinte Stone. »Wir gehen die Vögel füttern.«

Die Kleine nahm ihm die Düte aus der Hand. »Es fällt ja alles heraus,« sagte sie. Von jenseits der Straße wandte sie sich noch einmal um. »Willst du nicht mitkommen?« fragte ihr Blick.

Aber Hilary trat rasch in den Garten ein und schloß die Tür hinter sich. Eine volle Stunde saß er dann in seinem Arbeitszimmer, Miranda neben sich, ohne irgend etwas zu tun, in wunderlichem, aber nicht unangenehmem Dahindämmern. Er hätte um diese Zeit eigentlich an seinem Buche arbeiten sollen; und die Tatsache, daß seine Arbeitsunlust ihm durchaus nicht ärgerlich war, hätte ihm zu denken geben müssen. Vieles ging ihm durch den Sinn, Vorstellungen von Dingen, die er für immer hinter sich gelassen zu haben glaubte; Empfindungen und Träume, die für den nüchternen Blick eines älteren Menschen nur noch im Heiligenschrein seiner Erinnerung aufbewahrte Reliquien sind. Sie regten sich von neuem, aufgepeitscht durch die in ihm noch lebendige Jugend, durch die jedem Manne innewohnende Leidenschaft. Gleich der neu auflodernden Flamme eines halberloschenen Feuers sprang in Hilary ein Begehren auf und loderte immer heller – ein Begehren, noch einmal zu erfahren, wie alles gewesen, ehe er den Hügel des Alters bergab zu gehen begonnen hatte.

Kein banales Gespenst lockte ihn. Es war das Gespenst mit unsichtbarem Antlitz und rosigen Fingern, das den Menschen erscheint, deren Jugend vorbei ist.

Als Miranda merkte, daß er so still dasaß, erhob sie sich. Es war ihres Herrn Gewohnheit, um diese Stunde mit der Feder über Papier hinzukritzeln. Und sie fühlte dunkel, daß er dies auch jetzt tun sollte. Behutsam streckte sie ihr schlankes Pfötchen aus und tippte an sein Knie. Da er ihr nicht wehrte, sprang sie sacht auf seinen Schoß, und ihre Zurückhaltung diesmal verleugnend, legte sie ihre Vorderpfoten auf seine Brust und begann ihm das ganze Gesicht zu lecken.

Als ihm diese Liebkosung eben zuteil wurde, sah Hilary seinen Schwiegervater und die Kleine durch den Garten heimkehren. Der alte Mann ging sehr rasch und trug die Überreste seines zerbrochenen Stockes in der Hand. Sein Gesicht war auffallend gerötet.

Hilary schritt ihnen entgegen.

»Was hat's denn gegeben?« fragte er.

»Ich habe ihm eins über die Beine gezogen,« sagte Stone. »Ich bedauere es nicht;« und er schritt weiter, dem Hause zu.

Hilary wandte sich zu dem Mädchen.

»Es war wegen 'nem kleinen Hund. Der Mann hat ihm 'nen Tritt gegeben, und da hat Mr. Stone ihn geschlagen. Er hat seinen Stock dabei zerbrochen. Es kamen noch 'n paar Männer dazu und die drohten uns.« Sie blickte zu Hilary auf. »Ich – ich hab solche Angst gehabt. Ach, Mr. Dallison, er hat doch was – Komisches, nich?«

»Alle Helden haben etwas Komisches,« murmelte Hilary vor sich hin.

»Er wollte nach den Leuten schlagen, wie sein Stock schon ganz entzwei war. Da kam ein Schutzmann, und alle liefen weg.«

»So weit ging alles wie es mußte,« meinte Hilary. »Und was haben Sie dabei getan?«

Da sie einsah, daß sie bisher noch keine rechte Wirkung erzielt hatte, schlug sie die Augen nieder und sagte: »Ich hätte keine Angst gehabt, wenn Sie da gewesen wären!«

»Du meine Güte!« sagte Hilary vor sich hin und fuhr laut fort: »Mr. Stone ist viel tapferer als ich!«

»Das glaub' ich nicht,« entgegnete sie eigensinnig und sah wieder zu ihm auf.

»Na, guten Abend dann,« sagte Hilary hastig. »Eilen Sie, daß Sie heimkommen! ..«

Am selben Abend, als er mit seiner Frau von einem endlosen, langweiligen Diner heimfuhr, begann Hilary:

»Ich muß dir etwas erzählen.«

Ein ironisches »Nun?« erklang aus der anderen Ecke des Wagens.

»Es sind da Unannehmlichkeiten wegen des kleinen Modells.«

»Wirklich?«

»Dieser Hughs hat sich in das Mädchen vernarrt. Er soll, glaube ich, geäußert haben, daß er zu dir kommen wollte.«

»Weshalb?«

»Meinetwegen.«

»Und was hat er über dich zu sagen?«

»Ich weiß nicht; irgendwelch niedrigen Klatsch – nichts Wahres.«

Eine Pause folgte, und im Dunkel feuchtete Hilary seine trockenen Lippen an.

Da sagte Bianca: »Darf ich fragen, woher du das weißt?«

»Cecilia hat es mir gesagt.«

Ein eigentümlicher Laut, wie ein ersticktes leises Lachen, schlug an Hilarys Ohr.

»Es ist mir sehr peinlich,« murmelte Hilary.

Und dann begann Bianca: »Es ist gut von dir, daß du mir das sagst, da wir doch sonst jeder unseren eigenen Weg gehen. Was veranlaßte dich dazu?«

»Ich hielt es für recht.«

»Und – natürlich, der Mann hätte ja wirklich zu mir kommen können.«

»Das brauchtest du nicht zu sagen!«

»Man sagt nicht immer, was man sollte.«

»Ich habe der Kleinen ein paar Sachen geschenkt, die sie notwendig brauchte. Soviel ich weiß, ist das mein ganzes Unrecht.«

»Selbstverständlich!«

Dieses ›selbstverständlich‹ reizte Hilary. Er fragte kurz:

»Was wünschest du, daß ich tun soll?«

»Ich?« Kein rauher Stoß des Ostwinds, der die jungen Blätter erschauern, die Gasflammen in ihren Lampen aufflackern und erlöschen macht, hätte die Blüte guten Einvernehmens so rasch zerstören können. Und in Hilarys Seele hallten Stephens fast beschwörende Worte wider: »Ich würde mich nicht an Bianca wenden; Frauen sind so seltsam in diesen Dingen.«

Er sah sie an. Ein blauer Gazeschleier umhüllte ihren dunklen Kopf. Sie saß da in ihrer Ecke, soweit wie möglich von ihm entfernt und lächelte. Einen Augenblick lang hatte Hilary die Empfindung, als ob Falte um Falte jenes blauen Gazeschleiers ihn erwürgte; als sei er verdammt, ewig so, erstickt, dahinzufahren an der Seite dieser Frau, die seine Liebe gemordet hatte.

»Du wirst natürlich tun, was dir beliebt,« sagte sie unvermittelt.

Ein Verlangen, laut aufzulachen, ergriff Hilary. »Was wünschest du, daß ich tun soll?« – »Du wirst natürlich tun, was dir beliebt!« »Kann die Kultur der Zurückhaltung und Duldsamkeit noch weiter gehen?«

»Bi,« fuhr er mit einiger Anstrengung fort, »die Frau des Mannes ist eifersüchtig. Wir haben das Mädchen in jenes Haus gebracht – wir sollten es auch wieder von dort fortnehmen.«

Biancas Antwort kam langsam und zögernd:

»Das Mädchen war von Anbeginn dein Eigentum; mach' mit ihr, was du willst. Ich werde mich nicht einmischen!«

»Es ist nicht meine Gewohnheit, Menschen als mein Eigentum anzusehen.«

»Wem sagst du das? – Ich kenne dich zwanzig Jahre lang!«

In der Seele auch des sanftesten und zurückhaltendsten Menschen gibt es mitunter ein heftiges Türzuschlagen.

»Oh, gut, gut! Ich habe es dir gesagt; du magst nun Hughs empfangen, wenn er kommt – oder nicht – wie dir's beliebt!«

»Ich habe ihn empfangen!«

Hilary lächelte.

»Nun, war seine Geschichte sehr schrecklich?«

»Er hat mir keine Geschichte erzählt.«

»Wie kam das?«

Bianca neigte sich plötzlich nach vorn und warf ihren blauen Schal zurück, als ob auch sie jetzt ein Gefühl des Erstickens empfände. In dem lebhaft geröteten Gesicht glänzten ihre Augen hell wie Sterne; ihre Lippen bebten:

»Glaubst du von mir,« fragte sie, »daß ich ihn angehört habe? Aber nun bitte, genug von dieser Gesellschaft!«

Hilary neigte leicht den Kopf. Der Wagen, der sie rasch ihrem Heim zuführte, bog in die letzte Querstraße ein. Die schmale Gasse war voller Männer und Frauen, die um erleuchtete Karren und Buden herumstanden. Das Geräusch rohen Lärmens und Lachens stieg auf in die Luft, die von Petroleumdunst und dem Geruch von gebratenem Fisch erfüllt war.

»Genug von dieser Gesellschaft!«

In der nämlichen Nacht, nach ein Uhr, wurde Hilary aus dem Schlaf geweckt, weil er eine Tür aufschließen hörte. Er erhob sich, eilte ans Fenster und blickte hinaus. Zuerst vermochte er nichts zu unterscheiden. Die mondlose Nacht lag wie ein großer dunkler Vogel über dem Garten; das Säuseln in den Fliederbüschen war der einzig vernehmbare Laut. Dann sah er undeutlich, gerade unter sich, auf den Stufen des Vordereingangs, eine Gestalt stehen.

»Wer da?« rief er.

Die Gestalt rührte sich nicht.

»Wer sind Sie?« fragte Hilary wieder.

Die Gestalt hob den Kopf, und am Schimmern des weißen Bartes erkannte Hilary, daß es Stone war.

»Was gibt's, Schwiegervater?« rief er leise hinunter. »Kann ich irgend etwas für Sie tun?«

»Nein,« antwortete Stone. »Ich höre dem Wind zu. Er ist heute nacht zu allen gekommen.« Und die Hand erhebend, wies er in die Dunkelheit hinaus.

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