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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Erstes Kapitel

Am Nachmittag des letzten Apriltages 1900 überzog ein wallendes Meer von kleinen, zerrissenen Wölkchen die dünne Luft in der High Street im Kensington-Viertel. Dieses fließende Gewoge von Nebeln, die fast den ganzen Horizont bedeckten, kämpfte gegen ein kleines Stückchen blauen Himmels an, das da, beinahe sternförmig, noch hell schimmerte, gleich einer einzelnen Enzianblüte inmitten von unabsehbarem Graswuchs. Jedes dieser Wölkchen schien mit unsichtbaren Flügeln versehen, und wie Insekten auf ihrem steten Flug, so scharten sie sich um diese sternartige Blüte, die so klar leuchtete in ihrer fernen Ruhe. Auf der einen Seite ballten sie sich zu wogenden Massen; so eng drängten sie sich an einander, daß weder Form noch Umriß sichtbar ward. Auf der andren Seite schienen sie größer, kräftiger, aus ihren Mitwolken sich lösend, anzustürmen gegen dieses Stückchen Schimmer des Ewigen. Unaufhörlich die Wandlung jener Millionen einzelner Nebelschwaden, unwandelbar die Stetigkeit jenes einen stillen, blauen Sterns.

Drunten auf der Straße, unter dem steten Wogen der vielen sanft beschwingten Wölkchen drängten sich Männer, Frauen, Kinder, neben ihren Mitgeschöpfen, den Pferden, Hunden, Katzen; sie alle gingen in heiterer Frühlingsstimmung ihren Geschäften nach. Sie strömten, hasteten dahin; und der Lärm ihres geschäftigen Treibens schwoll auf zu einem gewaltigen Brausen: »Ich – Ich – Ich!«

Am dichtesten vielleicht war das Gedränge vor dem riesigen Kaufhaus von Rose und Thorn. Jede Menschengattung, von der vornehmsten bis zur geringsten, war da vertreten unter denen, die an den zahllosen Eingängen vorüberzogen. An dem Schaufenster für Kostüme stand eine schlankgewachsene, anmutige Frau, aus deren Mienen man förmlich lesen konnte, was sie dachte: »Es ist ein richtiges Enzianblau! Aber ich weiß nicht, ob ich mir's leisten darf bei all dem Elend ringsumher!«

Ihre grünlichgrauen Augen, die, vor Scheu, ihre Empfindung zu verraten, oft ironisch blickten, schienen ein Kleid in der Auslage bis in die letzten Möglichkeiten seiner Begehrenswürdigkeit zu prüfen.

»Vielleicht gefalle ich Stephen gar nicht darin!« Bei diesem Zweifel begann sie mit ihren behandschuhten Fingern eine Falte in die Vorderbahn ihres Kleides zu kniffen. In diese kleine Falte gab sie ihr eigenstes Ich hinein, den Wunsch, zu besitzen und die Scheu vor dem Besitz, den Wunsch, zu sein und die Furcht vor dem Sein. Ihr Schleier, der drei Zentimeter vom Gesicht entfernt, über den Rand des Hutes hinabfiel, umhüllte mit seinem Gewebe ihre feinen, unentschlossenen Züge, die etwas zu stark hervortretenden Backenknochen, die Wangen, die leicht eingefallen waren, als hätte sie die Zeit ein wenig zu oft geküßt.

Der alte Mann mit dem langen Gesicht, den papageiähnlich umrandeten Augen und der buntangelaufenen Nase, der hier im Auf- und Abgehen die ›Westminster Gazette‹ verkaufte, bemerkte die Dame und nahm seine leere Pfeife aus dem Munde.

Es gehörte zu seinem Geschäft, alle Vorübergehenden zu kennen – aber auch zu seinem Vergnügen; denn das hielt ihn davon ab, fortwährend an sein schmerzhaftes Fußleiden zu denken. Er kannte also die Dame mit dem zarten Gesicht, und sie beschäftigte seine Gedanken; manchmal kaufte sie ihm diese Zeitung ab, die seiner politischen Überzeugung so gar nicht entsprach, und die zu verkaufen das Schicksal ihn doch verdammt hatte.

Eine Dame ihres Standes hätte unbedingt die konservativen Blätter kaufen müssen. Und er wußte auf den ersten Blick was eine ›Dame‹ war. Denn ehe das Schicksal ihn auf die Straße hinausgewiesen, ehe es ihm ein Leiden beschert hatte, für dessen Heilung er alle seine Ersparnisse hatte hergeben müssen, war er herrschaftlicher Diener gewesen. Sein Respekt vor den Gebildeten war ebenso unverändert geblieben, wie sein Mißtrauen gegen jene ›Sorte, die alle ihre Sachen aus den großen Kaufhäusern holen‹ und die ›auf die gemeinen Maskenbälle laufen‹. Er beobachtete die Dame mit besonderem Eifer, aber ohne die geringste Absicht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, trotzdem er nur allzu genau wußte, daß er erst fünf Exemplare von seiner Morgenausgabe verkauft hatte. Als die Dame jetzt hinter einem der vielen Eingänge seinen Blicken entschwand, war er überrascht und förmlich enttäuscht.

Was sie trieb, in das Geschäft von Rose und Thorn hineinzugehen, war die Erwägung: »Ich bin jetzt achtunddreißig Jahre; ich habe eine Tochter von siebzehn! Ich will noch nicht aufhören, meinem Manne zu gefallen. Ich bin jetzt in den Jahren, wo ich etwas für mein Äußeres tun muß!«

Vor dem langen Spiegel, in dessen schimmerndem Grund sich jährlich viele Hunderte weiblicher Körper, von Rock und Taille entblößt, badeten, und dessen ungekräuselte Fläche täglich ein Dutzend Frauenseelen, von jeglicher Hülle entblößt, wiederspiegelte, wurden ihre Augen hart wie Stahl. Aber nachdem sie festgestellt hatte, daß über der Brust des Enzianfarbenen zwei Zentimeter, einer aus der Taille und drei von den Hüften fortgenommen, am Rock aber etliche zugegeben werden mußten, da umwölkten sich ihre Augen wieder mit Zweifeln. Es schien, als zogen sie sich ängstlich zurück vor der Entscheidung, die jetzt getroffen werden mußte. Während sie ihre Taille wieder anzog, fragte sie:

»Bis wann könnte ich es haben?«

»Bis Ende der Woche, gnädige Frau!«

»Nicht früher?«

»Wir sind so sehr besetzt, gnädige Frau.«

»Aber dann schicken Sie es spätestens bestimmt bis Donnerstag.«

Die Direktrice seufzte: »Ich will zusehen, was sich machen läßt.«

»Ich verlasse mich auf Sie. Hier ist meine Adresse: Mrs. Stephen Dallison. The Old Square 76.«

Während sie hinunterging, dachte sie: »Das arme Ding sah überarbeitet aus; es ist ein Skandal, daß die Mädchen so angestrengt werden!« Und dann trat sie wieder auf die Straße hinaus.

Eine zaghafte Stimme tönte hinter ihr: »Die Westminster gefällig, gnädige Dame?«

»Das ist der arme Alte mit der gräßlichen Nase,« dachte Cecilia Dallison. »Ich glaube ich habe kein –« und sie suchte in ihrem Täschchen nach Kleingeld. Neben dem ›armen Alten‹ stand eine Frau in abgetragener aber sauberer Kleidung, mit einem alten Kapotthut, der wohl einmal einen vornehmeren Kopf geziert haben mochte. Die spärlichen Überreste eines Pelzkrägelchens lagen um ihren Hals. Sie hatte ein mageres, nicht unfeines Gesicht, kluge, sanfte, braune Augen und glattes dunkles Haar. Neben ihr stand ein dürftiger, kleiner Junge, und ein ganz kleines Kind trug sie auf dem Arm. Mrs. Dallison hielt dem Alten eine Münze für die Zeitung hin, aber ihr Blick haftete an der Frau.

»Ah, Mrs. Hughs,« sagte sie, »wir haben darauf gewartet, daß Sie kommen, um uns die Vorhänge zu nähen!«

Die Frau drückte das Kleine fester an sich.

»Entschuldigen gnädige Frau nur. Ich weiß, daß ich kommen sollte; aber ich habe so viel Aufregung gehabt.«

Cecilia fragte teilnehmend: »Wie so denn?«

»Ach, gnädige Frau, mit meinem Mann.«

»Oh weh,« murmelte Cecilia. »Aber weshalb sind Sie denn da nicht erst recht zu mir gekommen?«

»Ich konnt's nicht, gnädige Frau! Weiß Gott, ich konnt's nicht.«

Eine Träne lief ihr die Backe hinunter bis in die kleine Furche am Munde.

Mrs. Dallison sagte hastig: »So, so! Das tut mir wirklich sehr leid.«

»Der alte Mann hier, Mr. Creed, der wohnt mit uns im selben Hause, und er will mit meinem Mann mal reden.«

Der Alte bewegte seinen Kopf auf dem langen, dürren Halse wiegend hin und her.

»Der Mann sollt sich schämen, sich so unmanierlich aufzuführen,« sagte er.

Cecilia sah ihn an und meinte zaghaft: »Hoffentlich fängt er dann nicht auch mit Ihnen an!«

Der alte Mann scharrte mit den Füßen.

»Ich halt gern Frieden mit den Leuten. Aber wenn er sich was rausnimmt gegen mich, hol' ich die Polizei! ... Die Westminster gefällig, mein Herr?« Und indem er sich von Mrs. Dallison abwendend die Hand an den Mund legte, fügte er in lautem Flüstertone hinzu: »Die Hinrichtung des Mörders von Shoreditch!«

Cecilia hatte plötzlich die Empfindung, als beobachteten alle Vorübergehenden ihre Unterhaltung mit diesen zwei recht schäbigen Personen.

»Ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen helfen könnte, Mrs. Hughs. Ich werde mit meinem Mann und Mr. Hilary über die Sache sprechen.«

»Ach ja, gnädige Frau; danke vielmals, gnädige Frau!«

»Wenn ich nur nicht zu unfreundlich gewesen bin,« sagte sie zu sich, während sie noch einmal den Kopf zurückwandte nach den drei Gestalten am Rande des Trottoirs – sie standen noch da, der alte Mann mit seinen Zeitungen, die blauangelaufene Nase unter der breitrandigen Brille hoch in der Luft, die Näherin in ihrem schwarzen Kleid und der dürftige kleine Bursche. Regungslos und stumm sahen sie in das Treiben hinaus; und in Cecilia empörte sich etwas bei diesem Anblick. Er war so trübselig, hoffnungslos und unschön.

»Wie kann man solchen Frauen wie dieser Mrs. Hughs helfen?« dachte sie. »Frauen, die so aussehen? Und der arme Alte! Ich hätte mir das Kleid doch nicht kaufen sollen; aber Stephen mag dies nicht mehr leiden.«

Sie wandte sich von der Hauptstraße in eine Promenade, die von dem lauten Geschäftsverkehr nicht berührt wurde, und blieb vor einem langgestreckten, niedrigen Haus stehen, das halb versteckt hinter den Bäumen seines Vorgartens lag.

Es war das Heim von Hilary Dallison, dem Bruder ihres Mannes, der gleichzeitig der Gatte ihrer Schwester Bianca war.

Cecilia fand plötzlich, daß dieses Häuschen mit Hilary selbst eine gewisse Ähnlichkeit aufwies. Es sah freundlich und schüchtern aus, etwas fahl im Anstrich. Die Augenbrauen seiner Fenster waren eher gerade als gewölbt, und diese tiefliegenden Augen selbst, die Fenster, schienen gastlich zu grüßen. Es hatte sozusagen einen leichten Schnurr- und Backenbart von wildem Wein und da und dort dunkle Flecke, wie die Furchen und Schatten in dem Gesicht eines Menschen, der allzu viel grübelt. Neben dem Hause, etwas abseits, aber durch einen gedeckten Gang mit ihm verbunden, sah man ein Atelier; und über diesem Atelier – es zeigte weißen Anstrich mit pfaublauer Malerei und schwarzer Eichentür – lag etwas Kühles, Abweisendes, das so gut zu Bianca paßte, deren Malatelier es war. Wie es dastand, seine Augen dem Haupthause zugewandt, schien es trotzig jede nähere Gemeinschaft zurückzuweisen, gleichsam als wolle es für sich bleiben. Cecilia, die sich oft über die Beziehungen zwischen ihrer Schwester und dem Schwager Sorge machte, empfand jetzt plötzlich, wie eigentümlich zutreffend und bedeutsam das alles war.

Aber solchen plötzlichen Eingebungen mißtrauend, die, wie sie aus Erfahrung wußte, recht quälend werden konnten, eilte sie den fliesenbelegten Weg dem Eingang zu. Auf der Veranda lag eine kleine, bernsteinfarbene Bulldogge, die mit Augen wie Achat zu ihr aufblickte und sanft mit dem strickartigen Schwanz wedelte. So tat sie es bei jedem; denn im Laufe der Generationen war sie immer weltklüger und hellfarbiger geworden, bis ihr schließlich die üblichen Hundetugenden, wie Tapferkeit und Selbstgefühl, verloren gegangen waren.

Indem sie es leise bei ihrem Namen ›Miranda‹ rief, versuchte Mrs. Dallison dieses Kind des Hauses freundlich zu streicheln. Aber die kleine Bulldogge entzog sich ihrer Liebkosung; denn auch ihr fehlte jede Anschmiegsamkeit.

Der Montag war Biancas ›Jour‹, und Cecilia schlug sofort den Weg nach dem Atelier ein. Der hohe, große Raum war voller Menschen.

Dicht an der Tür stand allein und regungslos ein alter, sehr schlanker Mann, ein wenig vornübergebeugt, mit silberweißem Haar und spärlichem, weißem Bart. Er trug einen grauen Lodenanzug, der nach Torf roch und ein Sporthemd, dessen allzu flacher Kragen einen dünnen, braunen Hals freiließ; auch die Beinkleider hörten zu früh auf und ließen hellfarbige Strümpfe sehen. In seiner Haltung lag etwas, das an die Geduld und Ausdauer eines Maultieres erinnerte. Als Cecilia näher kam, hob er den Blick. Und sofort begriff man, weshalb er in einem so menschengefüllten Raum allein dastand. Seine blauen Augen blickten, als sei er im Begriff, eine prophetische Kundgebung zu äußern.

»Man hat mir von einer Hinrichtung erzählt,« begann er.

Cecilia machte eine kleine nervöse Bewegung.

»Nun und – Vater?«

»Jemandem das Leben zu nehmen,« fuhr der alte Mann fort mit einer Stimme, die obwohl voll starker Erregung, doch nur zu sich selbst zu sprechen schien, »war ein Hauptmerkmal des sinnlosen Barbarentums, das in jener Zeit noch vorherrschte. Es entsprang einem höchst irreligiösen Fetisch, dem Glauben an ein Fortbestehen des persönlichen Ichs nach dem Tode. Von der Verehrung dieses Fetischs rührt die ganze Not der Menschheit her.«

Cecilia zupfte nervös an ihrem Täschchen und sagte:

»Aber Vater, wie kannst du nur – – –«

»Ihnen genügte es nicht, einander in diesem Leben zu lieben; nein, sie waren auch fest überzeugt, es bliebe ihnen noch die ganze Ewigkeit dafür. Diese Lehre hatte man erfunden, damit die Menschen sich mit gutem Gewissen wie die Hunde aufführen durften. Die Liebe konnte nie zu ihrer vollen Entfaltung gelangen, so lange ihr nicht ein Ende gesetzt war.«

Cecilia blickte sich hastig um; es hatte niemand zugehört. Sie tat ein paar Schritte zur Seite und sah sich inmitten einer größeren Gruppe. Ihr Vater bewegte weiter die Lippen. Er hatte wieder die geduldige Haltung angenommen, die ein wenig an Maultiere erinnerte. Da hörte sie eine Stimme hinter sich: »Ich finde, Mrs. Dallison, Ihr Herr Vater ist ein merkwürdig interessanter Mann!«

Cecilia wandte sich um und sah eine Frau von mittlerer Größe vor sich, die das Haar in altitalienischer Art aufgesteckt trug. Sie hatte kleine, dunkle, lebhafte Augen, die blickten, als ob ihre Lebenskraft sie triebe, nicht nur jede Minute ihres Tages zu nützen, sondern auch noch all die Minuten, die sie von anderer Leute Tagen erwischen konnte.

»Ah, Mrs. Tallents Smallpeace! Wie geht es Ihnen? Seit so langer Zeit hatte ich mir vorgenommen, zu Ihnen zu kommen! Aber Sie sind ja immer so beschäftigt!«

Mit unsicherem Blick, der etwas halb freundliches, halb abwehrendes hatte, gleichsam als wolle sie spotten, um nicht verspottet zu werden, sah Cecilia auf Mrs. Tallents Smallpeace, die sie schon häufig in Biancas Haus getroffen hatte. Sie war die Witwe eines hervorragenden Kunstkenners, und stand jetzt an der Spitze verschiedener Wohltätigkeitsvereine. Sie war Sekretärin des Vereins zur ›Erziehung armer Waisen‹, Vizepräsidentin im Verein zur ›Hebung gefallener Mädchen‹ und Schatzmeisterin der ›Donnerstags-Kränzchen‹ für Arbeiterinnen. Sie schien jedes männliche und weibliche Wesen zu kennen, das überhaupt einer Bekanntschaft wert war, und noch einige mehr, ging in alle Gemäldeausstellungen, hörte jeden neuen Virtuosen und war in allen Theaterpremieren. Wenn von Literatur die Rede war, so erklärte sie, alle Schriftsteller langweilten sie; dabei aber erwies sie ihnen Gefälligkeiten, wo sie nur konnte, lud sie mit Kritikern und Verlegern zusammen ein. Und dann und wann – aber das wußten nur wenige – half sie einem von ihnen mit größeren Summen aus drohender Verlegenheit, worauf aber, so pflegte sie zu klagen, die Betreffenden sich dann gewöhnlich nicht mehr sehen ließen.

Für Mrs. Stephen Dallison hatte sie eine besondere Bedeutung, weil sie auf der Grenzlinie stand zwischen jenen von Biancas Bekannten, die Cecilia nicht in ihrem Hause empfangen, und jenen, die sie gern bei sich gesehen hätte. Denn Stephen, der Advokat und in offizieller Stellung war, haßte alles Auffällige und Absonderliche. Da Hilary Bücher schrieb und dichtete und Bianca malte, war es begreiflich, daß deren Freunde entweder interessant oder wunderlich waren.

Solche Leute wirkten, in geringen Mengen genossen, sehr anregend; aber sowohl ihres Mannes wie ihrer Tochter wegen wünschte Cecilia nicht, daß sie in Schwärmen zu ihr kämen. Ihr Empfinden ihnen gegenüber war – etwa wie ein wohliges Gruseln – ähnlich demjenigen, mit dem sie die ›Westminster Gazette‹ kaufte, um sich von dem Pulsschlag des sozialen Fortschrittes zu überzeugen.

Mrs. Tallents Smallpeace zwinkerte mit den kleinen dunklen Augen. »Ich habe gehört, daß Mr. Stone – so heißt doch Ihr Herr Vater? – ein Buch schreibt, das bei seinem Erscheinen geradezu Sensation erregen wird?«

Cecilia biß sich auf die Lippen. »Ich hoffe, es wird nie erscheinen,« hätte sie beinahe gesagt.

»Wie soll es denn heißen?« fragte Mrs. Tallents Smallpeace.

»Soviel ich weiß, ist es ein Buch über die ›Allgemeine Brüderschaft‹.«

»Wie interessant!«

Cecilia machte eine ungeduldige Bewegung. »Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Ach,« fuhr Mrs. Smallpeace unbeirrt fort, »ich finde, Ihre Schwester hat immer so amüsante Menschen bei ihrem Jour. Sie interessierten sich alle für soviele Dinge.«

Cecilia war fast über sich selbst erstaunt, als sie erwiderte: »Für zu viele, meiner Ansicht nach.«

Mrs. Tallents Smallpeace lächelte. »Ich meine, Kunst und soziale Fragen. Dafür kann man sich doch gar nicht lebhaft genug interessieren!«

Cecilia sagte ziemlich hastig:

»Nein, nein, natürlich nicht.« Und dann blickten beide um sich. Ein Durcheinander von Stimmen schlug an Cecilias Ohr.

»Haben Sie die ›Nachernte‹ gesehen? Ganz wundervoll!«

»Der arme Kerl! Er ist so barock ...«

»Da ist ein ganz Neuer aufgetaucht ...«

»Sie ist so sympathisch ...«

»Aber die Lage der unteren Klassen ...«

»Ist das da Mr. Balladyce? Wie interessant!«

»Es gibt einem solch ein Lebensgefühl ...«

Die Stimme von Mrs. Tallents Smallpeace unterbrach jetzt dies Durcheinander: »Ach, bitte, sagen Sie doch, wer ist das junge Mädchen dort, das mit dem jungen Mann vor dem Bild da steht? Sie ist allerliebst!«

In Cecilias Wangen stieg ein leises Rot.

»Das ist meine Tochter.«

»Nicht möglich! Sie haben schon eine so erwachsene Tochter? Sie muß etwa siebzehn Jahre alt sein?«

»Beinahe achtzehn!«

»Wie heißt sie?«

»Thymian,« entgegnete Cecilia mit leisem Lächeln. Sie hatte die Empfindung, Mrs. Tallents Smallpeace würde im nächsten Augenblick ›wie reizend‹ sagen.

Mrs. Tallents Smallpeace bemerkte ihr Lächeln und blieb stumm. Dann fragte sie: »Wer ist der junge Mann neben ihr?«

»Mein Neffe, Mr. Stone.«

»Der Sohn Ihres Bruders, der mit seiner Frau in der Schweiz verunglückte? Er sieht recht selbstbewußt aus. Er hat so etwas Modernes. Was ist er?«

»Mediziner. Ich weiß nicht einmal, ob er schon fertig ist mit dem Studium.«

»Ich bildete mir ein, er hätte irgend was mit Kunst zu tun.«

»Oh nein; er spricht sogar mit starker Geringschätzung von allem, was Kunst ist.«

»Ihr Fräulein Tochter auch?«

»Aber nein; sie studiert sogar Kunstgeschichte.«

»Ist's möglich? Wie interessant! Mir gefällt die heranwachsende Generation riesig. Ihnen nicht auch? Sie hat ein so starkes Unabhängigkeitsgefühl.«

Cecilia blickte nervös zu der ›heranwachsenden Generation‹ hinüber. Die beiden standen etwas abgesondert nebeneinander vor dem Bilde, mit eigentümlich beobachtenden Mienen und tauschten kurze Blicke und Bemerkungen. Sie schienen all die schwatzenden, lachenden Menschen um sich her mit einer Art jugendlicher, selbstverständlicher, halb feindseliger Neugier zu beobachten. Der junge Mann hatte ein blasses, glattrasiertes Gesicht mit starkem Unterkiefer, langer, grader Nase, gewölbter Stirn, die nicht zurückwich, und klugen, grauen Augen. Sein Mund war spöttisch und lebhaft, mit schmalen Lippen, und er sah die Menschen verwirrend scharf an. Das junge Mädchen trug ein blaugrünes Kleid. Sie hatte Züge voller Anmut, sprechende, hellbraune Augen, leuchtenden Teint und volles, welliges Haar von der Farbe reifer Nüsse.

»Das ist das Werk Ihrer Frau Schwester, ›Der Schatten‹, das sie da betrachten, nicht wahr?« begann Mrs. Tallents Smallpeace von neuem. »Ich erinnere mich, daß ich's am Weihnachtstag gesehen habe, wie noch die Kleine da war, die dazu Modell gesessen hat – ein interessanter Typ! Ihr Herr Schwager hat mir erzählt, wie sehr sie alle sich für dieses Mädchen interessiert hätten! Eine ganz romantische Geschichte, wie sie vor Hunger ohnmächtig wurde, als sie das erste Mal zur Sitzung kam, nicht wahr?«

Cecilia murmelte irgend etwas. Ihre Hände zuckten unruhig; sie fühlte sich offenbar nicht behaglich.

Aber Mrs. Tallents Smallpeace bemerkte von alledem nichts; ihre Augen wanderten geschäftig umher.

»In unserem Verein zur ›Hebung gefallener Mädchen‹ sehe ich viele junge Geschöpfe in nicht unbedenklichen Stellungen, die sich gerade noch so auf der Grenze halten. Sie verstehen, nicht wahr? Aber Sie sollten wirklich unserem Verein beitreten, Mrs. Dallison! Es ist eine außerordentlich gute Sache – und gibt enorm viel zu tun.«

Die Zweifel in Cecilias Blick vertieften sich.

»Oh, das kann ich mir denken!« meinte sie. »Aber ich habe so wenig Zeit.«

Mrs. Tallents Smallpeace fing sofort von neuem an: »Meinen Sie nicht, daß wir in einer außerordentlich interessanten Zeit leben? Auf allen Gebieten spürt man, wie es sich regt. Förmlich fortreißend. Wir alle empfinden wohl, daß wir uns den sozialen Fragen nicht länger entziehen können. Ich meine, die wirtschaftliche Lage der unteren Volksklassen genügt, um einem Albdrücken zu verursachen.«

»Ja, ja,« stimmte Cecilia bei, »es ist furchtbar – freilich.«

»Von den Politikern und Staatsbeamten ist so gar nichts zu erhoffen; die werden uns nicht helfen.«

Cecilia richtete sich höher auf. »Meinen Sie?« äußerte sie kurz.

»Ich sprach gerade mit Mr. Balladyce darüber. Er sagt, Kunst und Literatur müßten auf ganz neuer Grundlage aufgebaut werden.«

»So?« – sagte Cecilia, »das meint er? Ist das der komische, kleine Mann da?«

»Er ist unheimlich gescheit.«

Cecilia antwortete hastig: »Ich weiß – ich weiß. Freilich, irgend etwas wird geschehen müssen ...«

»Ja,« stimmte Mrs. Tallents Smallpeace gedankenvoll zu, »ich glaube, diese Empfindung haben wir alle. Aber sagen Sie mir – ich habe da mit einem so famosen Manne gesprochen – einem jener Typen, wie man sie zu Tausenden in der City findet – immer im eleganten schwarzen Gehrock. In unseren Kreisen begegnet einem so etwas nur selten, und dabei wirkt diese Art Leute so ungemein erfrischend mit ihren unkomplizierten Anschauungen. Den dort, meine ich, er steht gerade hinter Ihrer Schwester.«

Cecilia deutete durch eine rasche Bewegung an, daß sie die bezeichnete Person kenne. »Sie meinen Mr. Purcey,« sagte sie. »Ich weiß eigentlich nicht, weshalb er zu uns kommt.«

»Ich finde ihn ganz wundervoll!« sagte Mrs. Tallents Smallpeace träumerisch. Ihre kleinen, dunklen Augen waren wie Bienen, die sich von einer schönen Blüte Honig saugen wollen, hinübergeflogen zu dem breitschultrigen, mittelgroßen Manne, der mit außerordentlicher Sorgfalt gekleidet war, aber hier nicht an seinem rechten Platz zu sein schien. Auf seinem Mund, unter dem Schnurrbart, lag ein starres Lächeln; sein heiteres Gesicht war ziemlich gerötet, die Stirn nicht sonderlich hoch und breit, das Kinn ein wenig hervorstehend. Er hatte dichtes, blondes Haar und graue, listige Äugelchen. Eifrig betrachtete er gerade ein Bild.

»Er ist so entzückend naiv!« sagte Mrs. Tallents Smallpeace leise. »Er scheint auch nicht eine Ahnung davon zu haben, daß es so etwas wie eine soziale Frage gibt.«

»Hat er Ihnen von seinem Bild erzählt?« fragte Cecilia, nur um etwas zu sagen.

»Natürlich; ein Harpignies und dreimal so viel wert, wie er dafür gezahlt hat. Es tut einem ordentlich wohl, wenn einem mal wieder zum Bewußtsein gebracht wird, daß noch eine ganze große Menschenklasse existiert, die jede Sache nur nach dem bewertet, was sie dafür gezahlt hat«

»Und hat er Ihnen nicht auch von dem Ausspruch meines Großvaters Carfar anläßlich der Banstock-Affäre erzählt?« fragte Cecilia leise.

»O gewiß. Der Mann, der nie seiner eignen Meinung ist, sollte durch Parlamentsbeschluß zum Irländer ernannt werden. Er meinte, das wäre so wundervoll gut.«

»Wirklich?« gab Cecilia zurück.

»Mir scheint, seine Art wirkt verstimmend auf Sie.«

»Oh nein. Er ist vielleicht sogar ganz nett. Man kann ihm nicht böse sein. Er hat, wie er glaubt, meinem Vater eine große Gefälligkeit erwiesen. So lernten wir ihn überhaupt kennen. Nur ist's ein bißchen anstrengend, wenn er regelmäßig kommt. Er geht einem mit der Zeit auf die Nerven.«

»Das ist's ja eben, was ich so famos an ihm finde; ihm wird nie jemand auf die Nerven gehen. Mir scheint überhaupt, wir alle haben viel zu viel Nerven – meinen Sie nicht? Da kommt Ihr Herr Schwager. Eine so eigenartige Erscheinung! Ich möchte gern über das kleine Modell mit ihm reden. Sie war doch vom Lande, nicht wahr?«

Dabei hatte sie den Kopf nach einem schlanken, sich etwas vorgebeugt haltenden Manne mit dunklem, schmalem, bärtigem Gesicht umgewandt, der sich von der Tür her ihnen näherte. Sie bemerkte nicht, daß Cecilia ein wenig rot geworden war und ihr einen fast ärgerlichen Blick zuwarf. Der große, schlanke Mann legte seine Hand leicht auf Cecilias Arm und sagte freundlich: »Tag, Cis! Ist Stephen schon hier?«

Cecilia schüttelte verneinend den Kopf.

»Du kennst doch Mrs. Tallents Smallpeace, Hilary?«

Der große Mann verneigte sich. Seine rehbraunen, tiefliegenden Augen blickten schüchtern und sanft. Die Augenbrauen dagegen, die kaum je in Ruhe waren, gaben ihm einen Ausdruck von temperamentvollem Eigenwillen. Durch sein dunkelbraunes Haar zogen sich hier und da graue Fäden; um seine Lippen spielte häufig ein freundliches Lächeln.

In seiner ungezwungenen Art war etwas Sachtes, das sich selbst auslöschen zu wollen schien. Er hatte lange, schlanke, braune Hände und trug unauffällige Kleidung.

»Ich überlasse dich jetzt Mrs. Tallents Smallpeace,« sagte Cecilia und wandte sich ab.

Aber nebenan drängte sich eine Gruppe so dicht um Mr. Balladyce, daß sie nicht hindurchkonnte, und Mrs. Tallents Smallpeaces Stimme gelangte noch an ihr Ohr:

»Ich habe eben von dem kleinen Modell gesprochen. Wie gut von Ihnen, daß Sie sich für das Mädchen so interessiert haben. Ob wir nicht etwas für sie tun könnten?«

Cecilia hatte ein zu feines Gehör, als daß ihr Hilarys Antwort entgangen wäre:

»Oh, danke sehr; aber ich glaube nicht.«

»Sie denken vielleicht, daß unser Verein ... ich meine, dieser Beruf kann ja ein junges Mädchen nicht befriedigen.«

Cecilia sah, wie ein helles Rot über Hilarys Nacken lief, und sie wandte die Augen ab.

»Freilich gibt's eine ganze Anzahl von anständigen Modellmädchen,« ertönte Mrs. Tallents Smallpeaces Stimme von neuem. »Ich will gar nicht behaupten, daß notwendigerweise alle ... wenn sie Charakter haben; und besonders, wenn sie nicht für Akt sitzen.«

Hilarys kühle, scharfe Stimme drang wieder an Cecilias Ohr:

»Besten Dank; Sie sind überaus freundlich.«

»Wenn's nicht nötig ist, um so besser. Das Bild Ihrer Frau Gemahlin zeigt eine so feine Auffassung, Mr. Dallison.«

Ohne daß sie es beabsichtigte, fand Cecilia sich plötzlich vor dem Gemälde. Es war ein wenig der Wand zugekehrt, als wünschte man seinen Anblick nicht mehr, und zeigte ein junges Mädchen in ganzer Figur, das tief im Schatten stand, mit halb wie bittend ausgestreckten Armen. Der Blick war auf Cecilia gerichtet, und ihre halb geöffneten Lippen schienen zu atmen. Nur das helle Blau der Augen, das Blaßrot der geöffneten Lippen und das noch mattere Braun des Haares zeigte etwas Farbe; alles übrige war Schatten. Auf den Vordergrund fiel Licht wie von einer Straßenlaterne.

Cecilia dachte: »Die Augen dieses Mädchens und ihr Mund prägen sich einem ein – fast unheimlich. Wie kam Bianca dazu, ein solches Sujet zu wählen? Es ist freilich sehr interessant – von ihrem Standpunkt aus.«

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