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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
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Siebzehntes Kapitel

Zwei Brüder

Wir wissen bereits, daß Stephen Dallison, wenn er am Sonnabend seine Golfpartie nicht haben konnte, in den Klub ging und Zeitschriften las. Diese beiden Arten körperlicher und geistiger Übung hatten ja auch tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit; beim Golfspielen bewegt man sich immer in der Runde, beim Zeitunglesen ist es ungefähr dasselbe; denn hier und da gelangt man sicherlich an Aufsätze, die andere schon gelesene, überflüssig erscheinen lassen. Bei beiden Arten von Sport bewahrt man sich das Gleichgewicht, das den Menschen frisch und jung erhält.

Und sich frisch und jung fühlen, war für Stephen ein täglich neues Bedürfnis. Er war ein alter Cambridge-Zögling, elastisch und nicht demonstrativer Natur, etwa von dem Wesen eines Mannes, der gewohnt ist, regelmäßig sein Prischen feinsten Tabaks zu nehmen.

Unter diesem sehr korrekten Äußern barg sich ein tüchtiger Arbeiter, ein guter Gatte, ein guter Vater; und es war nichts gegen ihn einzuwenden, als etwa seine pedantische Pünktlichkeit und die Tatsache, daß er niemals im Unrecht war. In seinem Berufskreis und wohl überhaupt gab es viele Männer wie ihn. In einer Hinsicht ähnelte er ihnen allen vielleicht zu sehr: es widerstrebte ihm nämlich, sich vom festen Boden empor zu schwingen, wenn er nicht vorher genau wußte, wo er wieder herunterkommen würde.

Er und Cecilia waren von Anfang an gut miteinander ausgekommen. Beide hatten sie sich nur ein Kind gewünscht – nicht mehr. Beide hatten sie gewünscht, mit ihrer Zeit Schritt zu halten – nicht mehr. Und beide sahen sie jetzt Hilarys Position als eine peinliche an – als nichts mehr. Als Cecilia in ihrem schönen antiken Bett, nachdem sie dem Gatten erst sorglich Zeit zum Ausschlafen gelassen, die Geschichte von den Hughs erzählt hatte, da waren sie sehr ernsthaft auf die Sache eingegangen. Stephen war der Ansicht, daß der arme, gute Hilary doch ein bißchen vorsichtiger sein müßte in seinen Handlungen. Schärfer äußerte er sich nicht, und er verschwieg seiner Frau sogar das Unangenehme, das ihm als eine Möglichkeit vorschwebte.

Mit denselben Worten, die sie zu Hilary geäußert, sagte Cecilia:

»Das ist alles so schmutzig, Stephen.«

Er sah sie an, und fast in einem Atem sagten sie beide:

»Aber das ist ja alles Unsinn!«

Diese von beiden gleichzeitig getane Äußerung regte sie zu einer nüchterneren Anschauung an. Was war diese Sache, wenn sie wirklich war, anderes, als eine jener Episoden, von denen man täglich in der Zeitung las? Was war sie – wenn sie überhaupt existierte, anderes als die Wiederholung einer Roman- oder Schauspielszene, die sie täglich mit dem Wort ›schmutzig‹ bezeichnen hörten? Cecilia hatte das Wort ganz instinktiv gebraucht. Es war ihr plötzlich in den Sinn gekommen. Die ganze Angelegenheit widersprach so völlig ihren Vorstellungen von Moral und gutem Geschmack, so völlig jener eigenen geistigen Atmosphäre, die vermöge ihrer Geburt, Erziehung und Lebensweise ihre ganze Existenz umgab. Wenn die Sache also wirklich existierte, war sie schmutzig; und war sie das, dann widerstrebte es Cecilia, anzunehmen, daß ihre Familie etwas damit zu tun haben sollte. Aber die Ihrigen hatten nun einmal damit zu tun – folglich durfte es nichts als – Unsinn sein!

So ruhte die Angelegenheit, bis Thymian von ihrem Besuch beim Großvater heimkam und ihnen von den hübschen, neuen Kleidern des kleinen Modells erzählte. Während sie diese Neuigkeit ausführlich berichtete, saßen sie gerade beim Mittagessen, dessen Anordnung Cecilia so lange Sorge bereitet, bis ihr üblicher kleiner Kopfschmerz sich wieder eingestellt hatte. Da der Diener im Zimmer anwesend war, hob keines von ihnen den Blick. Aber als er dann hinausging, um den Braten zu holen, sah jeder den andern scheu über den Tisch hinwegblicken. Unglücklicherweise war das Wort ›schmutzig‹ ihnen plötzlich wieder in den Sinn gekommen. Von wem hatte die Kleine diese neuen Kleider erhalten? Da es ihnen peinlich erschien, diesen Gedanken zu verfolgen, ließen sie von ihm ab, kamen aber, indes sie aßen, immer wieder zu ihm zurück. Weil sie aber verschiedenen Geschlechts waren, sahen sie die Sache auch verschieden an. Stephen verfolgte eine Gedankenreihe, Cecilia eine andere.

Stephens Erwägungen waren: »Wenn mein alter Hilary ihr Geld und Kleider und was sonst noch gegeben hat, so ist er entweder ein größerer Dummkopf als ich für möglich gehalten, oder es ist doch was an der Sache. Bi hat sich nett genug benommen, aber das wird für Hughs kein Grund sein, die Sache ruhen zu lassen. Der Bursche will wahrscheinlich Geld dabei herausschlagen. Verdammte Geschichte!«

Cecilias Gedanken verfolgten andere Wege.

»Ich weiß, das Mädchen kann sich von ihrem selbstverdienten Geld die Sachen nicht gekauft haben. Ich glaube, sie taugt absolut nichts. Ich denke so etwas nicht gern, aber es stimmt doch wohl. Hilary kann, nach allem, was ich ihm gesagt habe, unmöglich so töricht gewesen sein. Wenn sie wirklich schlecht ist, so würde das die Sache sehr vereinfachen; aber Hilary gehört zu jener Art Menschen, die so etwas nie glauben würden. Wie unangenehm!«

Es hielt, wie man gerechterweise einsehen muß, trotz aller guten Absichten ungemein schwer für Stephen und seine Frau – oder für irgend einen ihrer Kreise und Gesellschaftsklasse – sich des Daseins ihrer ›Schatten‹ anders bewußt zu werden, als daß sie sie auf der Straße sahen. Sie wußten, daß diese Menschen existierten, weil sie sie sahen, aber klar empfinden konnten sie es nicht – so außerordentlich fein ist das Netz des sozialen Lebens gesponnen. Es lag ihnen gänzlich fern – mußte ihnen fern liegen, jenes Schattenleben zu verstehen und daran zu glauben. Ebenso wie jene Schatten in ihren engen Gassen die vornehmere Gesellschaft nur insoweit kannten oder an ihre Existenz glaubten, als sie ihnen eine Quelle des Erwerbs war.

Stephen und Cecilia und Tausenden ihresgleichen waren diese ›Schatten‹ als ›das Volk‹ bekannt. Sie wußten, daß sie in bestimmten Stadtvierteln, in Hintergäßchen, existierten, als schwitzende Tagelöhner oder als Handwerker aller Art; sie waren ihnen als Geschöpfe bekannt, die für sie die verschiedensten Arbeiten verrichteten. Aber als menschliche Wesen, die die gleichen Fähigkeiten und Leidenschaften in sich trugen wie sie selbst, kannten sie sie nicht, konnten sie sie nicht kennen. Der Grund hierfür, der Generationen weit zurückreichte, war so klar, so einfach, daß man ihn nie der Erwähnung für wert gehalten hatte: Im tiefsten Herzen, da wo es keine Selbsttäuschung mehr gab, wußten sie, daß der Grund ein klein wenig Sache der Sinne war. Sie wußten: Was sie auch immer sagen, wieviel Geld sie auch immer hingeben oder wie viel Zeit sie jenen Leuten auch widmen mochten, ihr Herz konnte sich ihnen nie öffnen, es sei denn, sie hätten ihre Ohren, Augen und Nasen verschlossen. Diese scheinbar kleine Tatsache, mächtiger als alle philosophischen Lehren, als jeder Parlamentsakt und als alle Predigten, die je gehalten worden, gab einzig und allein den Ausschlag. Sie schied Klasse von Klasse, den Menschen von seinem Schatten – wie das große, grundlegende Weltgesetz die Dunkelheit vom Lichte schied.

Auf dieser kleinen, für eine Erörterung allzu selbstverständlichen Tatsache, hatten sie und ihresgleichen heimlich aufgebaut und aufgebaut, bis schließlich – das ist nicht zu viel gesagt – Gesetze, Religion, Handel und jede Art von Kunst sich darauf gründeten, wenn auch nicht in der Theorie so doch praktisch.

Stephen und Cecilia saßen versonnen da, bis der Diener das Geflügel brachte. Es war ein schönes Huhn, in Surrey aufgefüttert; und während er es in Stücke zerschnitt, tat dem Diener das Herz weh – nicht etwa, weil er selbst etwas davon hätte haben mögen, oder weil er Vegetarier war oder aus sonst einem prinzipiellen Grunde, sondern weil er seiner natürlichen Veranlagung nach zum Ingenieur taugte und es müde war, Geflügel zu schneiden, an andere auszuteilen und zuzusehen, wie sie es verzehrten. Ohne einen Schimmer von Ausdruck auf seinem Gesicht, legte er die Portionen auf die Teller dieser Leute, die ihn für seine Arbeit bezahlten, und die doch nichts wußten von dem, was in seinem Innern vorging.

Am selben Abend betrat Stephen, nachdem er lange an einem Bericht über die neue Konkursordnung gearbeitet hatte, das anstoßende gemeinsame Schlafzimmer mit besonderer Vorsicht und begab sich möglichst geräuschlos zu Bett. Als er endlich lag, war er höchst zufrieden mit sich, daß er Cecilia nicht aufgeweckt hatte. Cecilia aber, noch völlig wach, merkte an seiner ungewohnten Behutsamkeit, daß er zu einem Resultat gekommen war, von dem er ihr nichts mitzuteilen wünschte. Von Unruhe verzehrt lag sie schlaflos, bis es zwei Uhr schlug.

Das Resultat, zu dem Stephen gelangt war, ergab sich so: Nachdem er die Tatsachen zweimal erwogen: Hilarys persönliche Trennung von Bianca, von der er durch Cecilia Kenntnis hatte, Grund unbekannt; Hilarys Interesse für die Kleine: Grund unbekannt; ihre positive Armut; ihre Beschäftigung bei Stone; ihre Wohnung bei Mrs. Hughs; der Zornesausbruch der letzteren gegen Cecilia; Hughs' Drohung; und schließlich des Mädchens neue Kleider – nachdem er alle diese Tatsachen zusammengefaßt hatte, war er zu der Überzeugung gelangt, daß die ganze Geschichte nichts als eine gewöhnliche ›Gaunerei‹ war, der sein Bruder infolge seines wahrscheinlich harmlosen, aber jedenfalls unvorsichtigen Benehmens zum Opfer gefallen war. Es war also eine Angelegenheit, die unter Männern abgemacht werden mußte. Er bemühte sich herzhaft, die ganze ›Affaire‹ als einer ernsten Betrachtung unwert anzusehen, sich einzubilden, daß sie keine weiteren Folgen haben würde. Aber der Versuch mißlang kläglich! Es quälte ihn. Er hatte eine natürliche Scheu vor jedem Skandal, und er hing sehr an Hilary. Wenn er nur gewußt hätte, wie Bianca die Sache aufnehmen würde! Er konnte sich auch nicht die geringste Vorstellung davon machen.

So verspürte er an jenem Sonnabendnachmittag, dem 4. Mai, geradezu einen Widerwillen gegen das Zeitunglesen im Klub, wie ihn oft Menschen bei überreizten Nerven gegen ihre Alltagsbeschäftigung empfinden. Er blieb lange auf dem Gericht und fuhr dann auf dem Verdeck des Omnibus direkt heim.

In der Stadt war die Lebensflut auf ihrem Höhepunkt angelangt. Wogen auf Wogen ergossen sich in die Straßen, von denen sie sich in tausend Nebenarmen verbreiteten. Hier strömten Männer und Frauen aus einer religiösen Versammlung, dort drängten sie sich zu irgend einer sozialen Vereinigung. Wie helles Wasser, zwischen lange Felsreihen gezwängt, mit Myriaden wechselnder Farbenabstufungen, so ergossen sie sich über Rotten Row und schienen sich an den geschlossenen Kaufläden entlang zu einem unentwirrbaren Netzwerk kleiner Menschenbäche zu verdichten. Und all überall inmitten dieses Meeres von Männern und Frauen konnte man ihre Schatten gewahren, wie Streifen grauen Schlammes, der in seinen tiefsten Tiefen von irgend einer riesenhaften Hand aufgerührt schien. Das wirre Brausen dieses Menschenmeeres stieg über Dächer und Bäume hinweg, verlor sich im unbegrenzten Raume und erreichte schließlich den Punkt, wo Ton und Schweigen zusammentreffen – jene Stelle, wo das Leben seine kleinen Formen und Grenzen verlassend, sich dem Tod vermählt und aus dieser Verbindung neugeformt, innerhalb neuer Schranken wieder hervorsprießt.

Auf die Menschenmenge unter sich hinabsehend, fuhr Stephen dahin, und derselbe Frühlingswind, der die Ulmen reden machte, flüsterte auch ihm ins Ohr. Der Wind versuchte, ihm von den Millionen Blumen zu erzählen, die er befruchtet, von den Millionen Blättern, die er entfaltet, von den Millionen Wellen, die er im Meere aufgewühlt, von den Millionen fliegender Schatten, die er über die Ebenen gestreut, und wie sein Duft in den Herzen der Menschen tausendfache Sehnsucht und süße Qual erweckte.

Aber es glückte dem Winde nur wenig; denn Stephen hatte, wie alle etwas pedantischen Menschen nur dann Sinn für Natur, wenn er eigens ausging, um sie zu genießen, und vor ihrem stürmischen Pulsschlag hatte er ein geheimes Bangen.

Auf der Türschwelle seines Hauses begegnete er Hilary, der eben heraustrat.

»Ich habe Thymian und Martin im Park getroffen,« sagte Hilary. »Thymian hat mich zum Frühstück mitgenommen, und da bin ich bis jetzt hiergeblieben.«

»Hat sie unsern jungen Sanitisten auch mitgebracht?« fragte Stephen.

»Nein,« gab Hilary kurz zurück.

»Um so besser. Der Jüngling geht mir ein bißchen auf die Nerven.« Und den älteren Bruder am Arm nehmend, fügte er hinzu: »willst du noch einmal mit hineinkommen, lieber Junge, oder wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?«

»Ich ziehe den Spaziergang vor,« entgegnete Hilary.

Obgleich sie ganz verschieden geartet waren – oder vielleicht gerade deshalb – hingen die beiden Brüder innig aneinander. Eine Zuneigung verband sie, die auf etwas Tieferem und Ursprünglicherem beruhte, als auf Gleichheit der Empfindungen, und die von Dauer war, weil sie mit den Verstandeskräften nichts zu tun hatte. Sie stammte aus jener Zeit, da sie sich als kleine Buben zahllose mal gestritten und wieder versöhnt, Seite an Seite in ihren kleinen Bettchen geschlafen und stets vermieden hatten, einander zu ›verpetzen‹, ja, dann und wann sogar einer die kleinen Sünden des anderen auf sich genommen hatte. Sie konnten vielleicht gegenseitig ihrer Gesellschaft überdrüssig oder ungeduldig miteinander werden; aber es wäre beiden unmöglich erschienen, den andern irgendwie im Stiche zu lassen.

Sie gingen, Miranda vor ihnen hertrottend, den blumenumsäumten Weg entlang, dem Parke zu und redeten von gleichgültigen Dingen, obgleich jeder ganz gut wußte, was in dem andern vorging.

Endlich brach Stephen den Bann.

»Cis hat mir erzählt,« begann er, »daß dieser Hughs oder wie er heißt, anfängt, unbequem zu werden.«

Hilary nickte.

Stephen warf einen etwas ängstlichen Blick auf das Gesicht seines Bruders; es schien ihm verändert, weder so sanft noch so unpersönlich wie sonst.

»Er ist wohl ein Raufbold, was?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete Hilary; »aber ich glaub's nicht.«

»Doch, doch, lieber Junge,« brummte Stephen. Dann fügte er hinzu, indem er des Bruders Arm freundschaftlich drückte: »Sag' mal, Alter, kann ich dir irgendwie nutzen?«

»Wobei?« fragte Hilary.

Stephen übersah im Geist rasch seine eigene Situation; er war eben in Gefahr gewesen, Hilary merken zu lassen, daß er ihn beargwöhnte. Er runzelte leise die Stirn und sagte, mit einem flüchtigen Erröten seines glattrasierten Gesichts:

»Natürlich ist an der Sache nichts.«

»An welcher Sache?« gab Hilary zurück.

»Von der jener Kerl faselt.«

»Nein,« meinte Hilary, »es ist nichts daran; aber, wie die Dinge stünden, wenn ich der wäre, für den man mich hält, das ist eine andere Frage.«

Stephen nahm diese Bemerkung, die ihm fatal war, schweigend auf. Er sah daraus, daß der Bruder einen Verdacht herausgefühlt hatte, und er fühlte sich in seinem diplomatischen Geschick gekränkt.

»Du darfst den Kopf nicht verlieren, mein Junge,« sagte er nach einer Weile.

Sie überschritten eben die Brücke des ›Serpentin-Teiches‹. Drunten auf dem hellen Wasser ruderten verliebte Jünglinge ihre Mädchen. Die kleinen, von den Rudern aufgerührten Wellen schimmerten im Sonnenlicht, und an den Ufern entlang schwammen Enten gemächlich dahin. Hilary neigte sich über das Geländer.

»Schau, Stephen, die Kleine interessiert mich – sie ist ein so hilfloses armes Dingelchen, und sie scheint in mir ihren natürlichen Beschützer zu sehen. Dafür kann ich nichts. Aber das ist alles. Verstehst du?«

Diese Erklärung rief in Stephen einen eigentümlichen Aufruhr hervor, gleichsam als ob der Bruder ihn einer niedrigen Auffassung der Dinge beschuldigt hätte. Und in dem Gefühl, daß er sich irgendwie rechtfertigen müsse, begann er:

»Oh, natürlich verstehe ich's, mein Junge! Aber glaub' mir, mir wär das ganz egal – ich meine, soweit ich dabei in Betracht komme – selbst wenn du so weit gegangen wärest, wie du nur mochtest; weiß ich doch, was das Schicksal dir schuldig geblieben ist. Woran ich denke, das ist die Situation nach außen hin.«

Stephen hatte die Empfindung, daß er mit dieser knappen Feststellung seines Standpunktes die Dinge auf eine breite Basis zurückgeführt und seine Position als Mann von freisinniger Denkweise zurückgewonnen hatte. Auch er neigte sich jetzt über das Geländer und blickte auf die Enten hinab. Ein Schweigen entstand. Dann begann Hilary von neuem:

»Wenn Bianca die Kleine nicht anderswo unterbringen will, dann tue ich's.«

Stephen sah seinen Bruder überrascht, fast verständnislos an; er hatte mit so ungewohnter Entschiedenheit gesprochen.

»Mein lieber Junge,« sagte er dann, »ich an deiner Stelle würde mich nicht an Bi wenden. Frauen sind so seltsam in diesen Dingen.«

Hilary lächelte; und Stephen nahm das für ein Zeichen erreichter Verständigung.

»Ich will dir sagen, wie ich die Dinge ansehe. Es wäre das Richtigste, du bliebest ganz aus dem Spiel dabei. Überlaß alles Cecilia!«

In Hilary's Augen blitzte es auf.

»Vielen Dank,« sagte er, »aber das ist absolut unsere Sache.«

Stephen erwiderte hastig: »Darin liegt ja eben die Schwierigkeit für dich. Dieser Bursche, der Hughs, könnte recht unbequem werden. Ich möchte ihm an deiner Stelle keinerlei Anlaß dazu geben. Ich will damit sagen, daß es nicht klug ist, dem Mädchen Kleider und allerhand zu schenken.«

»Ah so!« machte Hilary.

»Sieh, mein Junge,« fuhr Stephen eifrig fort, »ich glaube kaum, daß Bianca sich dazu verstehen wird, die Dinge mit deinen Augen anzusehen. Wenn Ihr – gut miteinander stündet, dann wäre es natürlich etwas ganz andres. Das Mädchen ist ja wirklich in ihrer Art recht anziehend.«

Hilary riß sich von seiner Beobachtung der Enten los, und sie gingen weiter, in der Richtung nach dem Pulvermagazin. Stephen vermied es, den Bruder anzusehen. Sein Respekt vor Hilary, der teils aus dessen Überlegenheit an Jahren, teils aus der Empfindung herrührte, daß Hilary ihn besser kannte als er den Bruder, dieser Respekt fing an, sich ihm in einer Weise kundzutun, die ihm nicht behagte. Mit jedem Worte ihres Gespräches verlor er mehr und mehr an Sicherheit. Hilary begann wieder:

»Du mißtraust also meiner Tatkraft?«

»Nein doch,« entgegnete Stephen. »Ich möchte nur nicht, daß du hier überhaupt etwas tust.«

Hilary lachte. Bei diesem bitteren Lachen fühlte Stephen einen leisen Schmerz am Herzen.

»Laß gut sein, Alter,« sagte er, »jedenfalls können wir aufeinander bauen.«

Hilary drückte dem Bruder den Arm.

Durch diese Zärtlichkeit gerührt, meinte Stephen: »Mir ist's gräßlich, daß so eine verdammte Geschichte dir Sorge macht.«

Das Geräusch eines näherkommenden Autos wuchs zu einer Art Brausen an, und eine Stimme schrie ihnen entgegen: »Guten Tag, meine Herren!« Eine grüßende, winkende Hand wurde sichtbar. Es war Purcey, der in seinem ›Prima Damyer‹ nach Wimbledon zurückfuhr. Vor ihm her flatterte im Sonnenlicht ein kleiner Schatten; hinter ihm schien der Benzindampf die Straße zu verdunkeln.

»Da hast du gleich ein gutes Symbol,« murmelte Hilary.

»Wie meinst du das?« fragte Stephen trocken. Das Wort ›Symbol‹ war ihm unsympathisch.

»In der Mitte die Maschine, unbeirrt ihren Weg verfolgend, Schatten wie du und ich, voran hüpfend; und Öl und abgenutztes Zeug hinterdreintröpfelnd. Die Gesellschaft, das Individuum, Abfall und Staub ...«

Stephen überlegte eine Weile, dann sagte er: »Das ist doch ein bißchen weit hergeholt. Du meinst, daß die Hughs und ihresgleichen der Abfall sind?«

»Stimmt,« war Hilarys bitterspöttische Antwort. »Dieses Individuum mit seinem Wagen – das ganze satte Philistertum – steht zwischen unsereinem und jenen – und darüber kommen wir nicht hinweg, Stevie.«

»Nun – wer will denn das? Wenn du an unseres alten Freundes ›Weltbrüder‹ denkst – ich will nicht zu ihnen gehören.« Und unvermittelt fügte er hinzu: »Weißt du, mein Junge, ich glaube, die ganze Sache ist ein Gaunerkniff.«

»Siehst du dort das Pulvermagazin?« entgegnete Hilary. »Nun, die Sache, die du Gaunerkniff nennst, gleicht mehr dem da. Ich möchte dich nicht beunruhigen; aber ich glaube, du sowohl wie unser junger Freund Martin, Ihr seid geneigt, die Erregungsfähigkeit der menschlichen Natur zu unterschätzen.«

In Stephens sonst so unbeweglichem Gesicht zeigte sich eine gewisse Unruhe. »Ich verstehe nicht,« murmelte er.

»Nun, wir alle sind keine Maschinen, nicht einmal Stümper, wie ich, sind es, nicht einmal Unter-Hunde wie Hughs. Es wäre immerhin denkbar, daß du doch am Ende einen gewissen Grad von Wärme, um nicht zu sagen von Leidenschaft in der Sache da fändest. Ich gesteh' dir offen, daß ich nicht ganz ungestraft im Ehe-Zölibat lebe. Ich möchte für nichts einstehen, wirklich. Du solltest mich ruhig meiner Wege gehen lassen, Stephen, glaub' mir!«

Stephen bemerkte, wie seine schmalen Hände bebten, und das beunruhigte ihn mehr als alles vorher.

Sie gingen weiter, am Wasser entlang, und Stephen sagte ruhig, aber mit zu Boden gerichteten Augen: »Wie kann ich dich gehen lassen, mein Junge, wenn du in Gefahr bist, in einen Abgrund zu geraten? Das ist doch unmöglich!«

Er erkannte sofort, daß dieses Wort, das ihm wirklich aus dem Herzen kam, bei Hilary einen Widerhall fand. Und er überlegte rasch, wie er diesen Eindruck noch vertiefen könnte.

»Du bedeutest so viel für uns,« fuhr er fort. »Cis und Thymian würden es so schmerzlich empfinden, wenn du und Bi ...« er brach ab.

Hilary sah ihn an; jener leise lächelnde Blick, der ihn durchdrang, ließ Stephen plötzlich die ganze Überlegenheit des Bruders empfinden. Er fühlte sich bei dem Versuch ertappt, aus dem Effekt jener Äußerung der Bruderliebe Kapital schlagen zu wollen. Hilarys Scharfblick setzte ihn in Verlegenheit.

»Ich habe wohl kaum das Recht, dir einen Rat zu geben,« meinte er zögernd, »aber ich bin der Ansicht, du solltest die Angelegenheit fallen lassen – ganz und gar. Das Mädchen ist deiner Fürsorge nicht wert. Empfiehl sie jenem Verein – Mrs. Tallents Smallpiece ist ja wohl die Vorsitzende – ich weiß den Namen nicht mehr.«

Bei dem Laut, der wie ein Auflachen klang, wandte sich Stephen um, der nicht gewohnt war, seinen Bruder lachen zu hören.

»Auch Martin,« erklärte Hilary ironisch, »will den Fall in streng zweckmäßigem Sinne behandelt wissen.«

Gereizt entgegnete Stephen:

»Verwechsle mich, bitte, nicht mit unserm jungen Sanitisten; ich denke ganz einfach, daß es wahrscheinlich hunderterlei Dinge gibt, die du von dem Mädchen nicht weißt, und die der Aufklärung bedürfen.«

»Und was dann?«

»Dann,« meinte Stephen, »könnte man – hm – dementsprechend mit ihr verfahren.«

Hilary war so sichtlich entsetzt über diese Bemerkung, daß Stephen mit einer gewissen Hast fortfuhr:

»Du wirst das wahrscheinlich roh finden; aber ich glaube mein Junge, du weißt selbst, daß du übertrieben zartfühlend bist.«

Hilary blieb plötzlich stehen.

»Wenn du nichts dagegen hast, Stevie,« sagte er, »so wollen wir uns hier trennen. Ich will mir die Sache noch einmal durch den Kopf gehen lassen.« Indem er das sagte, wandte er sich zurück und nahm auf einer Bank Platz, die der Sonne zugekehrt war.

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