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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Sechzehntes Kapitel

Unter den Ulmen

Frühling war es in den Herzen der Menschen und in ihren hochragenden Weltgenossen, den Bäumen. Ihre Sorgen, ihr Bestreben, sich gegenseitig im Wachstum zu hindern oder dergleichen, schienen belanglos geworden. Der Frühling war über sie gekommen. Er machte, daß alte Männer sich nach viel jüngeren Frauen umwandten und sie anstarrten. Er machte, daß junge Männer und Frauen dicht aneinander gedrängt daher gingen, sich zärtlich umschlungen haltend, und daß jeder Vogel auf den Zweigen die Kehle sangbereit hatte. Flimmerndes Sonnengold sprenkelte die flatternden Blätter und rötete die Wangen verkrüppelter Knaben, die sich mühselig in die Parkanlagen schleppten, bis ihre bleichen Stadtgesichter in ungewohnter Glut schimmerten.

In der Hauptallee, unter den Bäumen, saßen Leute, die sich sonnten, Generäle und Kindermädchen, Geistliche und Stellungslose, dicht nebeneinander. Droben, im Frühlingswind, schwankten die Ulmenäste; ganz leise klang das Rauschen und Knirschen mit dem sie ihre unzähligen Baumgeschichten weitertrugen – diese weisen, wortlosen Gespräche über die Geschicke der Menschen. Wundersam war es auch, die tausendfältige Bewegung der Millionen kleiner, einzelner Blätter zu beobachten, von denen jedes anders geformt, niemals eines sich gleich dem andern regte und die doch alle Untertan waren der einen Baumseele, zu der sie gehörten.

Thymian und Martin saßen auf einer Bank unter der größten all der Ulmen. Sie machten jetzt nicht mehr den gleichmütigen, selbstsicheren Eindruck wie vor zwei Stunden, als sie vom andern Ende der Großen Allee ihre Forschungsreise angetreten hatten. Martin begann:

»Es war zu viel für dich! Hast zum ersten Mal Blut gesehen! Und du bist grad wie all die andern!«

»Bin ich nicht, Martin. Wie abscheulich von dir!«

»Oh doch! Ihr treibt sehr viel Ethik, du und die Deinen – habt 'ne Menge guter Absichten – aber keinen Schimmer von praktischer Tatkraft.«

»Schilt nicht auf die Meinen! Sie sind gerad so gutherzig wie du!«

»Oh ja, gutherzig sind sie, und sie sehen auch, wo's fehlt. Nicht das hält sie zurück. Aber dein Alter ist eine richtige Beamtenseele. Er hat immer so deutlich all das vor Augen, was er nicht tun darf, daß er überhaupt nichts tut, gerad wie Hilary sich immer dessen bewußt ist, was er tun sollte, und deshalb nie etwas tut. Du gingst heut zu jener Frau mit dem fix und fertigen Plan, wie du ihr helfen wolltest. Und nun, da du merkst, die Sache liegt nicht so wie du dachtest, da weißt du nicht weiter!«

»Man kann ja nichts von dem glauben, was sie sagen. Das ist mir so gräßlich. Ich dachte, Hughs hat sie einfach geschlagen. Ich konnte doch nicht wissen, daß ihre Eifersucht ...«

»Natürlich nicht. Bildest du dir ein, diese Leute vertrauen sich unsereinem an, wenn sie nicht dazu gezwungen sind?«

»So – na, mir ist die ganze Sache verhaßt – es ist alles so ekelhaft.«

»Ach, du meine Güte!«

»Ist es auch! Ich habe nicht Lust, einer Frau zu helfen, die so Gräßliches empfindet und sagt, oder dem Mädchen oder sonst wem von ihnen.«

»Wer kümmert sich darum, was sie empfinden und sagen? Darum handelt es sich gar nicht. Hier hat nur der gesunde Menschenverstand zu sprechen. Deine Familie hat das Mädchen dort hingebracht; sie müssen nun zusehen, daß sie sie schnellstens von dort fortbringen. Hier handelt es sich nur darum, was das Zweckmäßige ist.«

»Nun, ich weiß, daß es für mich nicht zweckmäßig ist, irgend was damit zu tun zu haben – und ich mag auch nicht! Ich glaube, daß man Leuten nur dann helfen kann, wenn sie wollen, daß man ihnen hilft.«

Martin pfiff vor sich hin.

»Du bist ein bißchen brutal, scheint mir,« meinte Thymian.

»Glatt brutal, nicht nur ein ›bißchen‹. Ein kleiner Unterschied!«

»Nicht zu deinem Vorteil!«

»Ich glaube doch, Thymian!«

Keine Antwort.

»Sieh mich mal an!«

Ganz langsam wandte Thymian die Augen.

»Na?«

»Bist du eine der Unsern oder bist du's nicht?«

»Natürlich!«

»Ist ja nicht wahr!«

»Aber doch!«

»Na, wir wollen nicht weiter drüber streiten. Gib mir die Hand!«

Er umschloß ihre Hand mit der seinen. Sie errötete leise; plötzlich machte sie sich los. »Da kommt Onkel Hilary!«

Wirklich war es Hilary mit Miranda, die vor ihm hertrottete. Er hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Blick zu Boden gerichtet. Die beiden jungen Leute blieben auf der Bank sitzen und beobachteten ihn.

»In Selbstbetrachtung versunken,« brummte Martin, »so geht er immer. Ich muß ihm von der Sache erzählen.«

Die Farbe von Thymians Antlitz hatte sich vom Rosenrot zum Purpur vertieft.

»Tu's nicht!«

»Weshalb nicht?«

»Weil – jene neuen –« sie brachte das Wort ›Kleider‹ nicht heraus. Sie hatte damit ihre Vermutungen preisgegeben.

Hilary schien auf ihre Bank loszusteuern, aber Miranda, die Martin bemerkt haben mußte, blieb stehen. »Ein Mann der Tat,« schien sie zu sagen. »Einer, der sich erlauben würde, mich an den Ohren zu ziehen.« Und wie unabsichtlich kehrt machend, mühte sie sich, ihren Herrn weiter zu führen. Hilary jedoch hatte seine Nichte schon entdeckt. Er kam näher und setzte sich zu ihr auf die Bank.

»Wir sprachen gerad von dir!« sagte Martin und betrachtete ihn aufmerksam, etwa wie ein junger Hund den andern betrachtet, der älter und von anderer Rasse ist. »Thymian und ich waren bei den Hughs in der Hound-Street. Die Dinge spitzten sich da zu einer Katastrophe zu. Wer immer das Mädchen dort hingebracht hat, sollte sie so schnell wie möglich wieder von da wegnehmen.«

Hilary schien sich sofort in sich selbst zurückzuziehen.

»Also, nun laß mal die ganze Geschichte hören!«

»Die Frau ist eifersüchtig auf die Kleine; das ist das ganze Unglück.«

»Oh, ist dies das ganze Unglück?«

Thymian murmelte: »Ich sehe weiß Gott nicht ein, wozu man Onkel Hilary damit belästigt. Wenn sie so abscheulich sind – – – ich hab' nicht gedacht, daß die kleinen Leute so wären! Ich bin überzeugt, das Mädchen ist's nicht wert, daß man sich um sie kümmert, und die Frau auch nicht.«

»Hab ich denn das behauptet?« grollte Martin. »Es fragt sich hier, was das Zweckmäßige ist.«

Hilary sah von einem seiner jungen Gefährten zum andern.

»Ich verstehe,« meinte er. »Ich glaubte, es handle sich um zartere Dinge.«

Martin verzog den Mund.

»Ach, ihr mit eurem ewigen Zartgefühl! Was kommt denn dabei heraus? Was hat es je schon Gutes bewirkt? Es ist der Fluch, an dem ihr alle krankt. Warum handelt ihr nicht? Darüber nachdenken könnt ihr hinterher!«

In Hilarys bleiche Wangen stieg ein leichtes Rot.

»Denkst du nie nach, ehe du handelst, Martin?«

Martin stand auf und blickte auf Hilary hinunter.

»Weißt du,« sagte er, »auf deine Spitzfindigkeiten bin ich nicht geeicht. Ich gebrauche meine Augen und Nase. Ich sehe eben, daß die Frau absolut nicht imstande sein wird, ihr Kind weiter zu nähren, wenn sie in ihrer jetzigen Nervenverfassung bleibt. Es handelt sich hier um die Gesundheit von Mutter und Kind.«

»Ist denn bei dir alles eine Frage der Gesundheit?«

»Gewiß. Nimm irgend einen beliebigen Gegenstand. Zum Beispiel, nimm mal gleich die armen Leute – wo fehlt's bei ihnen? An Gesundheit. Nichts auf der Welt ist so wichtig wie die Gesundheit. Die Entdeckungen und Erfindungen des letzten Jahrhunderts haben der alten Weltordnung den Grund und Boden genommen; wir müssen ihr einen neuen geben – und wir sind schon dabei, ihn zu schaffen: nämlich, indem wir alles auf die Grundlage der Gesundheit stellen. Die Menge sieht noch nicht, wo es ihr fehlt, aber sie sucht schon danach, und wenn wir ihr das Zukunftsbild zeigen, dann wird sie gierig genug danach greifen.«

»Aber wer seid denn ihr?« fragte Hilary.

»Wer wir sind? Ich will dir nur eines sagen: Indes all die Reformer einer den andern bekämpfen, kommen wir behutsam daher und fangen die Menge ein. Wir haben einfach die elementare Tatsache erfaßt, daß Theorien keine Basis für Reformen sind. Wir lassen uns von unsern Augen und unsern Nasen leiten: Wo wir etwas Ungesundes sehen oder riechen, greifen wir mit praktischen und wissenschaftlichen Hilfsmitteln ein.«

»Willst du das auch auf die menschliche Natur anwenden?«

»Das Verlangen nach Gesundheit liegt in der menschlichen Natur.«

»Meinst du? Augenblicklich sieht es eigentlich gar nicht so aus.«

»Nimm den Fall dieser Frau an.«

»Ja,« stimmte Hilary bei, »nehmen wir mal diesen Fall. Ich bin neugierig, wie du mir das klarmachen willst, Martin!«

»Sie ist zu nichts nutz – schwächliches Geschöpf. Der Mann ist zu nichts nutz. Ein Mensch, der eine Kopfverletzung hat und dabei nicht Temperenzler ist, mit dem ist nichts mehr zu wollen. Das Mädel ist zu nichts nutz – der übliche, oberflächlich-leichtsinnige Großstadt-Typ.«

Thymian wurde dunkelrot, und als Hilary die Glut im Antlitz seiner Nichte bemerkte, biß er sich auf die Lippen.

»Das einzige, was hier in Betracht kommt, sind die Kinder. Da ist erstens mal das Baby – nun, wie gesagt, das wichtigste ist im Augenblick, daß die Mutter das Kind nähren kann. Ziehe das in Betracht und schick' all die andern Tatsachen zum Teufel!«

»Entschuldige, aber die Schwierigkeit besteht für mich darin, die Frage der Kindesernährung von all den andern Umständen der Angelegenheit zu trennen.«

Martin lächelte spöttisch.

»Und du nimmst das natürlich als Vorwand, um überhaupt nichts in der Sache zu tun ...«

Thymian schob ihre Hand in die von Hilary. »Du bist brutal, Martin,« murmelte sie.

Der junge Mann warf ihr einen Blick zu, der zu sagen schien: »Du brauchst das durchaus nicht wie einen Vorwurf zu sagen; ich bin stolz darauf. Übrigens weißt du ganz gut, daß dir's nicht unsympathisch ist.«

»Besser brutal sein als ein Stümper,« sagte er laut.

Thymian, die sich an Hilary schmiegte, als bedürfe er ihres Schutzes, rief:

»Martin, du bist wirklich ein Grobian!«

Hilary lächelte noch immer, aber sein Gesicht bebte.

»Durchaus nicht,« erwiderte er, »Martins Diagnosen machen seinem Scharfsinn alle Ehre.« Und den Hut lüftend, schritt er davon.

Die jungen Leute, die jetzt beide standen, blickten ihm nach. In Martins Zügen kämpften Trotz und Gewissensbisse; Thymian sah erschreckt aus und schien dem Weinen nahe.

»Es schadet ihm gar nichts,« murmelte der junge Mensch; »es wird ihn aufrütteln.«

Thymian warf ihm einen feindseligen Blick zu.

»Manchmal hab' ich geradezu einen Haß auf dich,« sagte sie, »du bist so grobkörnig – deine Haut ist wie Leder.«

Martins Finger legten sich um ihr Handgelenk.

»Und deine,« meinte er, »ist aus Seidenpapier. Ihr seid doch alle gleich, ihr Stümper!«

»Lieber will ich ein Stümper sein, als ein Flegel.«

Martin machte eine eigentümliche Bewegung mit den Kinnbacken und lächelte dann. Dieses Lächeln schien zuviel für Thymian. Sie riß sich los und lief hinter Hilary her.

Martin sah ihr gelassen nach. Dann zog er seine Pfeife hervor und füllte sie mit Tabak, indem er die goldbraunen Fäden langsam mit dem kleinen Finger in den Pfeifenkopf drückte.

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