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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Fünfzehntes Kapitel

Zum zweiten Mal in Hound-Street

Als sie in Hound-Street ankamen, gingen Martin Stone und seine Begleiterin direkt zu Mrs. Hughs hinauf. Sie fanden sie beim Wäschewaschen und eben im Begriff, einen Teil von dem, was in der Woche hatte schmutzig werden dürfen, vor einem kümmerlichen Feuer aufzuhängen. Sie hatte die Arme nackt, Gesicht und Augen rot, die der Dampf der Seifenlauge entzündet hatte.

Mit einem Handtuch an das Bettchen gebunden, saß unter seines Vaters Bajonett und dem Öldruck, der die Heilandsgeburt darstellte, das Baby. Es roch im Zimmer nach ihm, nach feuchtem Kalk, nasser Wäsche und Brathering. Die zwei jungen Leute nahmen auf dem Fensterbrett Platz.

»Dürfen wir ein bißchen aufmachen, Mrs. Hughs?« fragte Thymian, »oder kann es dem Kleinen schaden?«

»Nein, Fräulein.«

»Was haben Sie denn da an den Handgelenken?« fragte Martin.

Die Näherin bedeckte ihre Arme hastig mit dem Wäschestück, das sie ins Seifenwasser tauchte und gab keine Antwort.

»Tun Sie das nicht. Lassen Sie mal ansehen ...«

Mrs. Hughs streckte ihm die Arme hin; die Gelenke waren geschwollen und blutunterlaufen.

»Der rohe Mensch!« schrie Thymian auf.

Der junge Arzt murmelte: »Frisch von gestern Abend. Haben Sie etwas Arnika da?«

»Nein, Herr Doktor.«

»Natürlich nicht!« Er legte ein Sechspence-Stück auf das Fensterbrett. »Besorgen Sie sich etwas und reiben Sie damit ein. Geben Sie acht, daß die Haut nicht heruntergeht!«

Thymian konnte nicht länger an sich halten. »Warum gehen Sie nicht fort von ihm, Mrs. Hughs? Wie können Sie nur mit einem so rohen Menschen weiterleben?«

Martin runzelte die Stirn.

»Hat's einen besonderen Streit gegeben,« fragte er, »oder war's nur wie gewöhnlich?«

Mrs. Hughs wandte sich dem spärlichen Feuer zu. Ihre Schultern hoben und senkten sich krampfhaft.

So vergingen drei Minuten; dann begann sie das eingeseifte Wäschestück zu reiben.

»Wenn Sie nichts dagegen haben, Mrs. Hughs, stecke ich mir meine Pfeife an,« sagte Martin. »Wie heißt Ihr Kleiner? Bill? Da, Bill!« Er steckte dem Kinde seinen kleinen Finger in die Hand. »Nähren Sie selbst?«

»Ja, Herr Doktor!«

»Das wievielte ist's?«

»Drei hab' ich verloren, Herr Doktor; jetzt hat er bloß noch seinen Bruder Stanley.«

»Jedes Jahr eines?«

»Nein. Zwei Jahre – wo der Krieg war – hab' ich natürlich keins gehabt.«

»Wurde Hughs verwundet?«

»Ja, am Kopf.«

»Ach! Und hat er das Fieber gehabt?«

»Ja.«

Martin klopfte sich mit der Pfeife an den Kopf.

»Der kleinste Tropfen Schnaps sitzt ihm gleich da oben, was?«

Mrs. Hughs hielt mit dem Eintauchen eines Tischtuches inne; ihr tränenüberströmtes Gesicht drückte Unwillen aus, als hätte sie entdeckt, daß man versuchte, eine Entschuldigung für ihren Mann zu finden.

»Er hat mich aber sonst nie so behandelt,« sagte sie.

Alle drei umstanden das Bett, in dem das Kleine mit feierlicher Miene thronte.

Thymian sagte: »Ich würd' an Ihrer Stelle, Mrs. Hughs, keinen Tag länger bei ihm bleiben! Das ist Ihre Pflicht als Frau!«

Als sie von ihrer Frauenpflicht hörte, wandte Mrs. Hughs sich um; allmählich dämmerte etwas wie Rachgier in ihrem schmalen Gesicht auf.

»Ja, Fräulein,« meinte sie, »ich weiß bloß nich, was ich machen soll.«

»Die Kinder nehmen und fortgehen! Was hat denn das Warten für einen Zweck? Wir geben Ihnen Geld, wenn es Ihnen nicht reicht.«

Aber Mrs. Hughs gab keine Antwort.

»Nun?« fragte Martin, eine Rauchwolke von sich blasend.

Thymian begann eifrig von neuem: »Fortgehen, sowie Ihr Kleiner aus der Schule heimkommt. Hughs soll Sie nirgends finden. Und recht geschieht ihm. Keine Frau sollte sich so viel gefallen lassen, wie Sie's getan haben; das ist doch einfach Schwäche, Mrs. Hughs!«

Als ob dieses Wort sich den Weg zu ihrem Innersten gebahnt und ihrem Blut plötzlich freien Lauf gegeben hätte, wurde Mrs. Hughs Gesicht tomatenrot. Und ihre Worte überstürzten sich förmlich:

»Und soll ihn dem jungen Mädel überlassen – soll ihn der Sünde überlassen! Wo ich doch acht Jahre lang seine Frau gewesen bin und ihm fünfe geboren hab'. Ich wünsch' mir ja keinen besseren Mann, wie er früher war, bis die gekommen is – mit ihrem blassen Gesicht und dem zimperlichen Benehmen – und mit dem Mund – dadran sieht man schon, daß sie nichts taugt. Soll sie doch bei ihrem Beruf bleiben – nackt Modell stehen – dazu is sie gut – muß so was zu anständigen Leuten kommen ...« Und Thymian, die erschreckt zurückgewichen war, ihre Handgelenke hinstreckend, schrie sie: »Noch nie hat er mich geschlagen! Das hab' ich alles abgekriegt wegen ihren neuen Kleidern!«

Als das Baby seine Mutter so seltsam wild reden hörte, fing es an zu wimmern. Mrs. Hughs hielt inne und nahm es auf. Sie preßte es fast an ihren dürftigen Busen und blickte über sein schmutzigbraunes Köpfchen hinweg auf die beiden jungen Leute.

»Ich hab' gestern abend so 'ne Handgelenke gekriegt, weil ich mit ihm gerungen hab'. Er hat geschworen, er geht fort und läßt mich sitzen, aber ich hab' ihn festgehalten – jawoll, festgehalten hab' ich ihn. Und glauben Sie bloß nich, daß ich ihn zu dem jungen Mädel gehen lasse – nich, eh' er mich nich totschlägt!«

Nach diesen Worten erlosch die Leidenschaft in ihrem Gesicht. Sie war wieder eine schüchterne, stille Frau.

Während ihres wilden Ausbruchs war Thymian bis zur Tür zurückgewichen, wo sie mit gesenkten Augen stehen blieb. Jetzt blickte sie Martin an mit der stummen Frage, ob sie nicht gehen wollten. Er aber hielt still weiter rauchend den Blick starr auf Mrs. Hughs gerichtet. Jetzt nahm er die Pfeife aus dem Mund und deutete damit auf den Kleinen.

»Dem jungen Mann da,« sagte er, »kann das nicht bekommen!«

Schweigend wandten sie alle drei die Augen auf das Baby. Seine kleinen Fäuste, seine Nase und Stirn, sogar seine kleinen, nackten, runzligen Füße drängten sich mit all ihrer schwachen Kraft gegen seiner Mutter Brust, als suchte es einen Schlupfwinkel fern vom Leben. Eine Art stummer Verzweiflung lag in diesem kraftlosen Bemühen, den Rückweg zu finden zu der Stelle, von wo es ausgegangen war. Sein mit einem schmutzigen Flaum bedecktes Köpfchen bebte bei dieser Anstrengung, sich davon zu stehlen. Es war erst so kurze Zeit am Leben; aber das war schon genug. Martin steckte die Pfeife wieder in den Mund.

»Das geht nicht so weiter, Mrs. Hughs,« sagte er. »Der Kleine hält das nicht aus. Da sehen Sie ihn an! Wenn Sie aufhören, ihn zu nähren, gebe ich morgen nicht soviel für ihn.« Er drückte die Spitzen des Daumens und Zeigefingers zusammen. »Sie können ja selbst am besten beurteilen, was Sie für Aussichten haben, wenn Sie noch weiter in diesem Gemütszustand bleiben.« Dann, Thymian zuwinkend, ging er die Treppe hinab.

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