Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Galsworthy >

Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Ein Laut in der Nacht

Er ging an seinem Arbeitszimmer vorüber und blieb vor seines Schwiegervaters Tür stehen; der Gedanke an den alten Mann, der angesichts aller äußeren Geschehnisse, ganz für sich und stetig seinen Weg ging, hatte etwas Belebendes für ihn.

In seinem braunwollenen Schlafrock saß Stone da, den Blick auf irgendetwas in der Ecke geheftet, aus der ein leiser, duftender Dampf aufstieg.

»Machen Sie die Tür zu,« sagte er. »Ich bereite meinen Kakao: wollen Sie auch eine Tasse?«

»Störe ich Sie?« fragte Hilary.

Stone sah ihn scharf an, ehe er antwortete:

»Wenn ich nach dem Kakao arbeite, beschwert er mir den Magen, habe ich gefunden.«

»Wenn Sie gestatten, leiste ich Ihnen also ein Weilchen Gesellschaft.«

»Es kocht,« sagte Stone. Er nahm den Topf vom Feuer und die eingefallenen Wangen aufblähend, blies er hinein. Dann, während der Wasserdampf sich in seinem silbernen Bart verfing, holte er zwei Tassen aus dem Schrank, goß die eine voll und blickte dann Hilary an.

»Ich möchte, daß Sie eine Seite oder zwei anhören, die ich eben vollendet habe; vielleicht haben Sie hier und da etwas einzuwenden.«

Er stellte den Topf auf den Ofen zurück und griff nach der gefüllten Tasse.

»Ich trinke meinen Kakao und lese Ihnen dabei vor.«

Er ging an sein Schreibpult, blieb dort stehen und blies in die Tasse.

Hilary zog den Rockkragen hoch, zum Schutze gegen den Wind, der ins Zimmer fegte, und warf einen Blick auf die leere Tasse, denn ihn dürstete ein wenig. Da hörte er einen sonderbaren Laut! Stone blies sich auf die Zunge. Im Leseeifer hatte er einen zu raschen, großen Schluck von dem heißen Getränk genommen.

»Ich habe mir die Zunge verbrannt,« sagte er.

Hilary trat ihm schnell näher. »Tut's weh? Nehmen Sie etwas kalte Milch, Schwiegervater!«

Stone hob die Tasse auf.

»Es ist keine da,« entgegnete er und trank wieder.

»Was gäbe ich darum,« dachte Hilary, »wenn ich seine Herzenseinfalt besäße!«

Der harte Ton vom Niedersetzen einer Tasse wurde vernehmbar. Dann erhob sich aus Papierrascheln heraus eine Art Dröhnen:

»Das Proletariat trug – mit dem Zynismus der allen wirklich Notleidenden eigen und der selbst bei ihren Führern nur verschleiert ist – tatsächlich Begierde nach dem Wohlstand und dem behaglichen Leben seiner reicheren Nachbarn. Aber in der langen Nacht des Daseinskampfes hatte es nur die Kraft gefunden, seine dringendsten Wünsche von einem Tag auf den andern geltend zu machen. Es war ein sich aufbäumendes, wogendes Meer von Geschöpfen, das sich allmählich, ohne Bewußtsein und ohne richtige Leitung in langsamen, flutenden Bewegungen erhob, um die Grenzen der Küste weiter hinauszurücken und das Bild des sozialen Wesens neu zu formen. Und auf seinem teegrünen Busen« – Stone unterbrach sich. »Sie hat falsch abgeschrieben,« erklärte er, »es soll heißen: ›seegrünen‹. Und auf seinem seegrünen Busen segelte eine Flotte silberner Muschelschalen, fortbewegt von dem Atem jener, die nicht selbst vom Wind der Not getrieben wurden. Am Stern jedes dieser kleinen Fahrzeuge, saß, die Segel blähend, eine Begleiterscheinung des angenommenen Systems. Diese Begleiterscheinungen müssen wir jetzt näher betrachten.«

Stone hielt inne und tat einen Blick in die Tasse. Es war noch etwas Satz darin. Er trank ihn aus und fuhr dann fort:

»Das brudermörderische Prinzip vom Überleben des Stärkeren, das in jenen Tagen Englands Moraltheorie war, hatte des Land zu einem einzigen großen Schlächterladen gemacht. Inmitten der Leichen ihrer zahllosen Opfer waren viele Schlächter fett und rot geworden. Diese Schlächter hatten viele Kinder in die Welt gesetzt. Manche von ihnen, die um des Erwerbes willen gezwungen waren, ihres Vaters Geschäft fortzusetzen, widmeten sich nur ungern diesem Beruf. Andere waren, dank ihres Vaters Schlachteifer, in der Lage, auf die Ausübung dieses Berufes verzichten zu können. Aber ob sie nun im Beruf oder müßig waren, Widerwille gegen Blutgeruch war ein gemeinsamer Zug, der sie alle kennzeichnete. Diejenigen, die zur Arbeit gezwungen waren, sahen sich bei dem damaligen Mechanismus des sozialen Lebens, auf die humaneren und weniger anspruchsvollen Zweige des Schlachtwesens gewiesen, als da waren, die Künste, Jugenderziehung, Ausübung der Theologie und Medizin und die bezahlte Vertretung ihrer Mitgeschöpfe. Diejenigen, die sich nicht in dieser Weise betätigten, begnügten sich damit, den gegenwärtigen Stand der Dinge zu beobachten und ihn zu beklagen.«

Das Dröhnen hörte auf. Hilary sah, wie der Alte auf das Blatt Papier in seiner Hand starrte, als ob die gelungene Fassung dieses letzten Satzes ihn selbst überrasche. Gleich darauf begann das Dröhnen von neuem: »Bei den sozialen Bestrebungen wie bei den physischen Vorgängen in der Natur hat es von jeher ein einziges befruchtendes Agens gegeben – die geheimnisvolle und wunderbare Anziehungskraft, bekannt als Liebe. Aus diesem – dem Verschmelzen eines Wesens mit dem andern – folgt der fortschreitende Wechsel der Daseinsform, von den Menschen mit dem Namen ›Leben‹ benannt. Diese Triebfeder – die geheimnisvolle, instinktive Liebe – war es, die den Bemühungen derer mangelte, die jene Flotte vorwärts zu bringen versuchten. Sie waren voller Verstand, Gewissen, voller Ungeduld, Trotz, Auflehnung; aber sie liebten ihre Mitmenschen nicht. Sie konnten sich nicht zu ihnen ins Meer stürzen. Ihre Herzen glühten; aber der Wind, der sie glühen machte, war nicht das Meersalz und der Welt-Zephyr: es war der Wüstenwind verächtlichen Hohnes. Wie beim Aufblühen der Aloe – so lang erwartet, so seltsam und flüchtig, wenn es einmal kommt – hatte der Mensch noch zu warten auf den fortreißenden Trieb zur Allgemeinen Brüderschaft, auf das Vergessen des eignen Ich.«

Stone hatte geendet und stand da, auf seinen Gast starrend mit Augen, die sichtlich weit über ihn hinwegglitten. Hilary vermochte nicht, diesem Blick zu begegnen; er hielt den seinen auf die leere Kakaotasse geheftet. Es war nämlich bei denen, die Stone aus seinem Manuskript vorlesen hörten, nicht gebräuchlich, ihm ins Gesicht zu sehen. Er stand so ganz in sich versunken eine lange Zeit, bis Hilary sich schließlich erhob und einen Blick in den Kakaotopf warf. Es war kein Kakao darin. Stone hatte nur für einen gekocht. Er hatte ihn zwar für seinen Gast bestimmt, aber die Theorie vom Sichselbstvergessen war ihm dazwischengekommen.

»Sie wissen, wie es der Aloe ergeht, Schwiegervater, wenn sie geblüht hat?« fragte Hilary mit leisem Spott.

Stone machte eine Bewegung, gab aber keine Antwort.

»Sie stirbt,« sagte Hilary.

»Nein,« meinte Stone, »sie kehrt ein zur Ruhe!«

»Wann hat das ›Ich‹ Ruhe, Schwiegervater? Das Individuum ist ebenso unsterblich wie das Universum. Das ist ja die ewige Komödie des Lebens.«

»Was ist's?« sagte Stone.

»Der Kampf zwischen den beiden.«

Stone blickte einen Augenblick nachdenklich zu seinem Schwiegersohn hinüber. Er legte das Manuskript nieder. »Es ist jetzt Zeit, daß ich meine Freiübungen mache.« Indem er das sagte, löste er die zusammengeknüpfte Schnur, die ihm in der Taille den Schlafrock hielt.

Hilary eilte zur Tür. Von diesem gesicherten Standort aus blickte er zurück.

Stone hatte sich seines Schlafrocks entledigt und dem Fenster zugewandt; schon erhob er sich auf die Fußspitzen, streckte die Arme aus, die Handflächen gegeneinandergepreßt wie im Gebet, indes seine Beinkleider langsam herabglitten. »Eins, zwei, drei, vier, fünf!«

Oben im Korridor, in den von einem Eckfenster das Mondlicht voll hereinflutete, blieb Hilary wieder aufhorchend stehen. Der einzige Laut, der sein Ohr traf, war Mirandas Schnarchen, die im Baderaum schlief, weil sie niemandem zu nahe sein mochte. Er ging in sein Zimmer und saß da lange Zeit tief in Sinnen versunken. Dann öffnete er das Fenster und lehnte sich hinaus. Auf die Bäume des benachbarten Gartens und die schrägen Dächer der Stall- und Hintergebäude hatte sich das Mondlicht herabgesenkt wie ein Flug milchweißer Tauben; mit ausgebreiteten Schwingen, leise zitternd, als seien sie noch in Bewegung, bedeckten sie alles. Nichts rührte sich. Eine Uhr schlug zwei. Hinter jenem Flug milchweißer Tauben waren vom Licht noch unberührte schwarze Mauern. Da schien es Hilary, als vernähme er durch die Stille sehr leise, eindringliche Laute, wie von einem atmenden Ungeheuer, oder von fern gedämpftem Trommelschlag. Von allen Seiten der bleichen, schlafenden Stadt schien es heraufzukommen unter des Mondes kühlem Glanz. Es stieg an und schwoll wieder ab und stieg wieder in müdem, schwerem Rhythmus, wie ein Ächzen der Hoffnungslosen und Hungernden. Eine Droschke ratterte die High Street hinunter; Hilary lauschte angespannt auf das verhallende Getrappel der Hufe. Es starb dahin; Stille herrschte. Näher kommend, dröhnend, pochend hörte er wieder das Schlagen jenes gewaltigen Herzens. Es wuchs und wuchs. Sein eignes Herz begann zu klopfen. Dann unterschied er mitten aus dem düstern, dumpfen Ächzen heraus einen knirschenden Laut, und nun wußte er, es war kein gedämpfter Widerhall von Menschenkämpfen, sondern die Frachtwagen waren es, die zum Covent-Garden-Markt fuhren.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.