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Weltbrüder

John Galsworthy: Weltbrüder - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Galsworthy
titleWeltbrüder
publisherVerlag Bruno Cassirer
year1911
translatorLise Landau
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140802
modified20150422
projectidc5b902e2
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Elftes Kapitel

Birnenblüte

Mit den drei Paketen belastet, setzte das kleine Modell seinen Weg nach Hound Street fort. An der Tür von Nr. 1 stand der Sohn der lahmen Frau, ein langer, kränklich aussehender junger Mensch mit bleichem Gesicht, bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein und rauchte eine Zigarette. Ein Auge zukneifend, redete er sie an:

»Hallo, Fräuleinchen! Kann ich Ihnen was tragen helfen?«

Die Kleine streifte ihn nur mit einem Blick. »Kümmern Sie sich gefälligst um sich!« sagte dieser Blick, aber in dem Zucken ihrer Augenwimpern lag etwas, das diese Zurückweisung reichlich Lügen strafte.

Als sie ihr Zimmer betreten hatte, legte sie die Pakete auf dem Bett nieder und begann mit flinken Fingern die Schnüre zu lösen. Nachdem sie die Wäsche von ihren Hüllen befreit und sie ausgebreitet hatte, kniete sie nieder und begann jedes Stück zu betasten, während sie ab und zu die Nase hineinsteckte, um an dem Linnen zu riechen und sein Gewebe zu fühlen. Hier und da waren kleine Frisuren angebracht, und diesen schenkte sie besondere Aufmerksamkeit; sie zog die Säume über den Daumen, und der feierliche Ausdruck trat wieder in ihr Gesicht. Endlich erhob sie sich, verriegelte die Tür, ließ den Fenstervorhang herab, entkleidete sich völlig und zog die neue Wäsche an. Dann löste sie ihr Haar und drehte sich vor dem viel zu kleinen Spiegel langsam im Kreise herum. Dabei lag in jeder ihrer Bewegungen ein tiefes Behagen, als ob ihre ausgehungerten Sinne eine köstliche Speise vor sich hätten. Wie sie da vor dem Spiegel ihr eigenes Bild verzückt betrachtete, kam all die kindische Eitelkeit und Erwartung, all jene naive Freude am Genuß des Augenblicks, wie sie einfachen, ungeistigen Naturen eigen ist, zum Ausdruck. So, regungslos, mit dem offenen Haar im Nacken, war sie wie eine jener Frühlingsstunden, die ihre Unrast verloren haben und froh sind, da zu sein.

Aber dann, als fiele ihr plötzlich ein, daß ihr Glück noch nicht ganz vollkommen sei, ging sie zu ihrer Kommode, holte eine Düte Fruchtbonbons heraus und steckte einen davon in den Mund.

Die untergehende Sonne hatte durch einen Riß im Vorhang den Weg hereingefunden und berührte ihren Nacken. Die Kleine wandte sich um, als hätte sie einen Kuß bekommen, und einen Zipfel des Vorhangs hebend, lugte sie hinaus. Der Birnbaum, der zum Ärger seines Eigentümers so nahe am Hinterhof dieses Proletarierhauses stand, war von hellem Sonnenlicht überflutet. Kein Baum der Welt konnte strahlender aussehen als dieser eben jetzt im Schmuck seiner goldenen Blüten. Die Hand an dem bloßen Halse, die Wangen beim Bonbonlutschen eingezogen, so stand die Kleine da und starrte auf den Baum. Aber ihr Ausdruck veränderte sich nicht; sie verriet keinerlei Zeichen der Bewunderung. Ihr Blick schweifte hinüber zu den Hoffenstern des Hauses, dem der Birnbaum in Wirklichkeit zugehörte und spähte, ob nicht irgend wer sie sehen konnte – vielleicht hoffte sie sogar, daß jemand sie sah, wo sie sich doch so frisch und hübsch vorkam. Dann ließ sie den Vorhang wieder fallen, trat zum Spiegel und begann sich das Haar aufzustecken. Als das geschehen war, stand sie eine Minute lang vor ihrem alten braunen Rock und der Bluse; sie zögerte ihre neu gewonnene Reinheit in Gefahr zu bringen. Endlich kleidete sie sich doch fertig an und zog den Vorhang wieder in die Höhe. Die Sonne war über den Birnbaum hinweggeglitten; seine Blüten schienen jetzt fast so weiß und still wie Schnee. Die Kleine steckte noch einen Bonbon in den Mund und begann, nachdem sie ein altes Lederportemonnaie aus der Tasche gezogen hatte, ihr Geld zu zählen. Da sie offenbar entdeckte, daß es nicht mehr war, als sie erwartet hatte, seufzte sie tief auf und kramte dann aus dem obersten Kommodenfach eine alte illustrierte Zeitschrift hervor.

Sie setzte sich auf die Bettkante, wendete hastig die Blätter um, bis sie an eine bestimmte Seite gekommen war und ließ das Heft dann in den Schoß sinken. Ihre Augen hefteten sich auf eine Photographie, in der linken Ecke; es war eines jener Schriftstellerporträts, wie sie gelegentlich in Zeitschriften erscheinen. Die Unterschrift lautete: »Mr. Hilary Dallison.« Und plötzlich stieß sie einen Seufzer aus.

Im Zimmer begann es zu dunkeln; der Wind, der sich beim Sonnenuntergang erhob, blies ihr ein paar verstreute Blütenblätter des Birnbaumes gegen die Fensterscheibe.

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