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Eduard Graf Keyserling: Wellen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleWellen
authorEduard von Keyserling
year1998
publisherSteidl Verlag
addressGöttingen
isbn3-88243-549-6
titleWellen
pages3-174
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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7

Der nächste Tag war ein Sonntag. Die Generalin und Frau von Buttlär saßen in ihren Strandkörben und lasen Andachtsbücher. Zuweilen hob Frau von Buttlär den Blick und schaute auf den hellbeschienenen Strand und auf das Meer hinab, das heute blau und golden und ruhig wie ein Teich war. Plötzlich blieben ihre Augen an zwei bunten Figürchen hängen, die dort an der gelben Dünenwand entlang gingen. Doralice im türkisblauen Sommerkleide, einige von Lolos roten Rosen im Gürtel unter einem roten Sonnenschirm ging neben dem Baron Buttlär her. Der Baron schien lebhaft zu sprechen und seine ganze Gestalt, seine Art zu gehen drückten höfliche Liebenswürdigkeiten aus. Frau von Buttlär schlug mit der flachen Hand auf ihr Buch und sagte: »Da haben wir's.« Auch die Generalin hatte aufgesehen und meinte: »Nun, er hat es eilig mit dem Dank.« – »Dank«, rief Frau von Buttlär, »der war überhaupt nicht nötig. Ich verstehe Buttlär nicht. Er hat eine Frau, hat erwachsene Töchter und kompromittiert uns so. Was kann diese Person ihm bieten? Was will er von ihr?«

»Nichts, nichts«, beruhigte die Generalin, »er kann eben das Kokettieren noch nicht lassen. Es ist immer dieselbe Geschichte, wenn ihr heiratet, wollt ihr hübsche Männer haben, aber ein hübscher Mann konserviert sich länger als unsereins, der bringt keine Kinder zur Welt, er schont sich mehr und da dauert die Lust am Kokettieren länger als bei uns.«

»Aber Mama«, protestierte Frau von Buttlär entrüstet, »die Ehe ist doch zu heilig, als daß solche Dinge in Betracht kämen.«

»Die Ehe, meine Liebe«, versetzte die Generalin, »ist vielleicht sehr heilig, aber unsere Männer sind es nicht. Übrigens wird es da unten immer bunter.«

Hilmar und Lolo kamen Arm in Arm von der anderen Seite den Strand entlang und als sie Doralice und Herrn von Buttlär begegneten, blieben sie stehen und es fand eine Begrüßung statt. Von einer anderen Seite erschienen Hans Grill und der Geheimrat und gesellten sich zu der Gruppe. Es war hübsch, wie diese Menschen in dem grellen Sonnenschein beisammen standen, wie die hellen Farben der Kleider, das Rot und das Blond der Haare auf dem Hintergrunde der gelben Düne blühten und leuchteten. Frau von Buttlär fand nicht mehr die Kraft des Zorns, sie war zu bekümmert: »Was soll man da machen? Mama«, fragte sie kläglich. – »Liebes Kind«, sagte die Generalin, »da gibt es nichts anderes als die Führung behalten. Du mußt mit dieser Dame in irgendein Verhältnis kommen. Wenn so was Verbotenes, zum Beispiel eine Dame, von der vor uns nicht gesprochen werden darf, in der Nähe ist, das macht die Männer toll. Kennen wir diese Dame auch so halbwegs, dann verliert sie viel von ihrem Reiz. Also.«

»Ich glaube, ich werde das nie können«, klagte Frau von Buttlär, »bin ich nicht eine geplagte Frau? Bisher der Kampf mit den Gouvernanten und jetzt diese.«

Unten löste die Gruppe sich auf, man grüßte und trennte sich. Frau von Buttlär sah ihrem Mann ernst und kummervoll entgegen. Als er jedoch vor ihr stand, schaute sie auf ihr Buch nieder und schwieg. Herr von Buttlär aber fühlte das Bedürfnis, schnell und gezwungen heiter zu sprechen. Nun hatte er also das Unglück des Ortes kennengelernt, Gott, es sah nicht so schlimm aus, aber im Ernst, es war besser so, hier konnte man sich ja doch nicht vermeiden und das mußte auf die Dauer peinlich werden, nun grüßte man sich, sprach miteinander auf neutralem Boden. Hier in dem weltabgeschiedenen Winkel war das ohnehin nicht kompromittierend. Von eigentlichem Verkehr ist ja ohnehin nicht die Rede, nicht wahr? Frau von Buttlär sah jetzt auf und fragte, als hätte sie das Gesagte nicht gehört: »Lesen wir heute keine Predigt?« – »Gewiß, meine Liebe«, rief Herr von Buttlär, »ist es denn schon Zeit? Also gehen wir.« Die Familie begab sich in den Bullenkrug zurück, im Wohnzimmer versammelte man sich und Herr von Buttlär las eine Predigt vor. Es wurde allgemein bemerkt, daß seine Frau während der Predigt weinte.

Während des darauffolgenden Mittagessens drückte eine düstere Stimmung auf die Anwesenden. Herr von Buttlär mußte Anstrengungen machen, um eine Art Unterhaltung in Fluß zu halten. Er wandte sich dabei ausschließlich an Fräulein Bork und sprach über Literatur. Er verurteilte den Realismus in der Literatur. Kunst soll doch erfreuen, nicht war. Das Leben war doch gewiß nicht heiter genug, um so einfach abphotographiert zu werden. Da seine Frau bei diesen Worten seufzte, wechselte er schnell das Thema und sprach vom Kaiser.

Der Sonntagnachmittag war sehr heiß, gelber Sonnenschein in den weißgetünchten Zimmern und über dem sandigen Gärtchen. Die Damen zogen sich zurück. Herr von Buttlär saß im Wohnzimmer hinter seiner Zeitung und schlummerte und das Brautpaar ging auf der Veranda auf und ab.

»Bitte, Schatz«, sagte Hilmar, »sieh mich nicht so erwartungsvoll an, das heißt, du hast ein Recht mich so anzusehen, denn du hast ein Recht zu erwarten, daß ich angenehm und unterhaltend bin. Aber ich weiß nicht, dieser Sonntagnachmittag lähmt mich.«

»Armer Hilmar«, meinte Lolo ein wenig spöttisch, »den ganzen Tag im blauen Sammetkittel zu stecken.«

»Unsinn, Unsinn«, rief Hilmar, »es ist nur eine Stimmung. Ich habe Sonntagnachmittage nie recht vertragen. Komm, setzen wir uns in den Schatten und ich lehre dich Pikett spielen.«

Erst gegen Abend wurde es im Hause lebhafter. Die Generalin kam in das Wohnzimmer, ließ ihre laute, energische Stimme erschallen und weckte mit ihr das verschlafene Haus. Dann erschien auch Frau von Buttlär, sie hatte Toilette gemacht und einen Hut mit Kornähren und Mohnblumen aufgesetzt. Sie war noch sehr ernst. Sie zog sich ihre Handschuhe an und sagte ihrem Gemahl: »Reich mir deinen Arm, Buttlär, und wollen wir gehen, den Sonnenuntergang bewundern. Wo sind die Kinder? Lolo, Nini, Wedig!« Sie mußten alle kommen und die Familie zog paarweise zum Strande hinab. »Bravo, Bella!« sagte die Generalin, »immer die Führung behalten.« Wedig jedoch grollte. »Das soll ein Vergnügen sein. Nicht einmal der Gräfin werden wir begegnen, die geht um diese Zeit nicht spazieren.«

Am nächsten Morgen kam Hilmar erhitzt und mit sprühenden Augen zum Frühstück. Er war schon weit herum gewesen, hatte Bekanntschaft mit den Fischern gemacht. Famose Leute! Da war ein Andree Stibbe, ein blonder Riese mit ganz hellblauen Augen, so hell wie schlechte Milch. Wenn der einen anschaute, war es, als sähe einen ein sehr hochmütiger Dorsch an. Hilmar hatte mit ihm über ein Boot zum Segeln gesprochen, er wollte auch mit ihm auf den Fischfang hinausfahren. Übrigens hatte Stibbe für nächste Zeit einen Sturm versprochen. Auch den Maler hatte Hilmar gesehn, der schien ein braver Bursch zu sein. Seine schöne Frau ging gerade baden in einem sehr bemerkenswerten marineblauen Badekostüm. Endlich hatte er noch mit der Exzellenz Knospelius gesprochen, ein äußerst interessanter Herr. Er interessiert sich sehr für das Gesellschaftsleben hier; er will ein Fest geben, so was wie eine italienische Nacht. Sein Diener, ein unheimlich ernster Wiedertäufer, klebt schon die Papierlaternen dazu. »Klaus ist«, sagt die Exzellenz, »sehr brauchbar für das, was er unsere Sünden nennt.« Lolo hatte aufmerksam zugehört und sagte ergeben: »Wenn du so viel auf das Meer hinausfährst, werde ich wohl auf der Düne sitzen müssen und dir nachschauen.«

»Wieso, wieso?« rief Hilmar, »das ist doch nur für die Zwischenzeiten und du weißt, es gibt Zwischenzeiten, Zeiten, in denen ich langweilig bin, in denen du nichts mit mir anfangen kannst. Dann segele ich hinaus. Übrigens steht schon in der Bibel so was davon, daß die Frau zu Hause bleibt und der Mann vor den Toren berühmt ist.« – »Dieses Tor merk dir, mein Kind«, meinte die Generalin, »das wird in deiner Ehe noch oft auftauchen.«

»Aber ich fahre mit«, meldete sich Wedig unten am Tisch. Seine Mutter sah ihn mitleidig an. »Du, mein armer Junge, nein, du bleibst zu Hause.«

Da ging eine seltsame Veränderung in dem Knaben vor. Sein bleiches Gesicht mit den kränklichen, zu feinen Zügen errötete, seine Augen füllten sich mit Tränen, und mit leidenschaftlich sich überschlagender Stimme begann er zu sprechen: »Ich bleibe immer zu Hause, ich darf nie etwas, ich hocke immer abseits, warum? Was ist mit mir? Bin ich ein Krüppel? Was sollen die Leute davon denken? Ich bin ja lächerlich. Gestern begegnete mir die Gräfin, ich grüße, sie bleibt stehen und fragt: Baden Sie auch? Ich sage ja, aber ich kann ihr nicht sagen, ich darf nicht ins Meer hinein, ich nehme warme Seebäder.«

»Wedig, geh auf dein Zimmer«, sagte Frau von Buttlär. Wedig war wieder sehr bleich geworden, er stand auf und ging, steifbeinig vor Trotz, hinaus. Am Tische entstand ein Schweigen, alle waren über den Zwischenfall betroffen. Endlich sagte Frau von Buttlär sorgenvoll: »Ich weiß nicht, woher meine Kinder alle das überspannte Wesen her haben.«

»Meine Liebe«, versetzte Herr von Buttlär und legte seine Hand zärtlich auf die Hand seiner Gattin, »die Genialität haben sie jedenfalls von dir.« Die Generalin lachte. »Nun ja«, meinte sie, »es ist das Wetter, das euch alle zu genial macht, aber der Barometer fällt Gott sei Dank.«

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