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Eduard Graf Keyserling: Wellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleWellen
authorEduard von Keyserling
year1998
publisherSteidl Verlag
addressGöttingen
isbn3-88243-549-6
titleWellen
pages3-174
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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6

Im Bullenkruge waren die Herren angekommen: »Jetzt wird das Leben bei uns ganz freiherrlich«, sagte Ernestine. Die große Abendtafel auf der Veranda nahm einen feierlichen Anstrich an. Fräulein Bork hatte sie mit einem Strauß ein wenig sandiger Ziererbsen und Mohnblüten geschmückt. Die Generalin ging aufgeregt ab und zu und fragte immer wieder: »Liebe Malwine, wird mein Schwiegersohn auch Eis für seine Erdbeerbowle haben? Werden die Spargeln auch weich genug sein? Sie kennen doch meinen Schwiegersohn.« Fräulein Bork lächelte ihr geheimnisvolles, zerstreutes Lächeln und erwiderte: »Frau Generalin, die Spargeln sind himmlisch.« Bei der Mahlzeit saß der Baron Buttlär zwischen seiner Schwiegermutter und seiner Frau, er strich seinen langen blonden Schnurrbart, schüttelte vor Behagen leicht seine breiten Schultern und war sehr liebenswürdig, sehr anregend, erzählte mit lauter, klingender Stimme Geschichten, die allgemein interessieren sollten, und Frau von Buttlär interessierte sich sehr angelegentlich für diese Geschichten. Die eingefallenen Wangen leicht gerötet war sie heute nicht mehr nur die besorgte Mutter, die sich selber ganz vergißt, etwas von der Gesellschaftsdame, ja fast etwas Kokettes war heute in ihrem Wesen. Unten am Tisch saß die Jugend und Leutnant Hilmar erzählte Geschichten, über die Wedig und Nini so laut lachten, daß Frau von Buttlär ein strenges »Aber Kinder!« hinüberrufen mußte. Hilmar schlank und schmalschultrig im hellen Sommeranzug sah fast wie ein Knabe aus, allerdings wie ein auffallend hübscher Knabe. Durch das sehr dichte schwarze Haar bahnte sich der Leutnantsscheitel nur mühsam seinen Weg. Über der Stirn saß eine dicke schwarze Locke, wie neapolitanische Burschen sie zu tragen pflegen. Die regelmäßigen Züge des bräunlichen Gesichtes hatten das zu Scharfe, ein wenig Gespannte, wie es sich bei sehr alten Rassen zuweilen findet. Die dunkelen Augen waren sehr lebhaft, es ging beständig in ihnen etwas vor, es sprühte zuweilen in ihnen so, daß man deutlich goldene Pünktchen über den schwarzen Sammet der Iris hinfahren sah. »Keine Disziplin in den Augen«, hatte der Onkel General von dem Hamm gesagt.

Als die Erdbeerbowle kam, wurde Baron Buttlär ganz der feine Genießer. Er zündete sich seine Havanna an, trank einen Schluck Bowle, warf einen Blick auf das mondbeglänzte Meer, ließ ein jedes verständnisvoll auf sich wirken. Er wurde gefühlvoll: »Mondschein und Meer, Mondschein und Meer«, sagte er und wiegte sachte seinen Kopf, »da kann man gefühlvoll werden, ja da muß man gefühlvoll werden. Das Meer macht immer Eindruck. Die Unendlichkeit ist eben die Unendlichkeit, nicht wahr?« Alle schwiegen einen Augenblick und sahen das Meer an. Dann aber lenkte Frau von Buttlär das Gespräch auf ihr Gut zurück. Sie sprach so gern von ihrem Vieh, ihren Milchmädchen, ihren Hühnern und ihrer Butter. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dieser fetten Wohlhabenheit zurück.

Unten am Tische wurde die Jugend unruhig. Nini und Wedig erklärten, auf die Düne gehen zu wollen, und sie taten geheimnisvoll. Sie hatten eine neue Beschäftigung gefunden. Jeden Abend machten sie, wie sie es nannten, Jagd auf die Gräfin. Es kam darauf an, Doralice zu begegnen. Auch das Brautpaar wollte zum Meere hinabgehen: »Ich muß Steine auf dem Meere springen lassen«, sagte Hilmar, »erst wenn ich ihm ein Dutzend Steine ins Gesicht geworfen habe, kriege ich ein Verhältnis zu ihm.«

»Der hat keine Ruh, der muß immer etwas vorhaben«, sagte Baron Buttlär und schaute dem Brautpaar wohlwollend nach. Frau von Buttlär jedoch seufzte und meinte: »Das macht mir oft Sorge, er ist so waghalsig. Beim letzten Rennen ist er doch wieder gestürzt.«

»Hitzig ist er«, bestätigte der Baron, »er reitet gut und anfangs auch vernünftig, aber dann kriegt er es mit der Leidenschaft, die teilt er dem Pferde mit, das Pferd übernimmt sich und der Unfall ist da.«

»Ich kann mir wohl denken, daß der Leutnant seine Leidenschaft anderen mitteilen kann«, ließ Fräulein Borks verträumte Stimme sich vernehmen, allein die Generalin wies sie zurecht: »Von Pferden ist die Rede, Malwine, bitte.«

Frau von Buttlär machte noch immer ihr besorgtes Gesicht und sagte: »Ich habe Hilmar verboten, ein Pferd oder ein Auto mitzubringen, und wenn er segelt, fährt Lolo nicht mit. Solange ich über das Kind zu wachen habe, soll er es nicht umbringen.«

»Umbringen«, rief der Baron gutgelaunt, »sag, Mama, als du mir Bella gabst, hattest du auch das Gefühl, daß du sie sozusagen in einen Abgrund hinab stürztest?«

»Abgrund vielleicht nicht«, erwiderte die Generalin, »aber daß ich sie auf einen Luftballon setze, von dem man nicht weiß, wohin der Wind ihn wehen wird.«

»Bitte, bitte«, rief der Baron Buttlär, »ein sehr lenkbarer Luftballon, das weiß Bella gut«, und er lachte über seinen Witz sehr laut und sehr lange, länger vielleicht als es nötig gewesen wäre. Allein das Gefühl, das geistvolle Haupt der Familie zu sein, das Heiterkeit um sich verbreitet, tat ihm wohl.

Fräulein Bork hatte nicht mitgelacht, sie schaute noch immer nachdenklich dem Brautpaare nach und sprach dann aus ihren Gedanken heraus: »Ich finde den Leutnant herrlich, er sieht aus wie der Page einer spanischen Königin oder wie der Page in dem Lied, der am Brunnen auf die Königstochter wartet: ›Ich bin vom Stamme jener Asra, die da sterben, wenn sie lieben.‹«

»Was? Was?« fuhr die Generalin auf »Was ist das, Asra? Wer stirbt, wenn er liebt? Die Hamms nicht. Die kenne ich, die gewiß nicht. Liebe Malwine, reden Sie solches Zeug der Lolo nur nicht vor, das Kind neigt ohnehin zur Überspanntheit.«

»Ach ja«, klagte Frau von Buttlär, »auch wieder eine große Sorge. Denke dir, Buttlär«, und nun berichtete sie mit bekümmerter Stimme die Geschichte von Doralice, der Sandbank und dem Kuß. »Was sagst du dazu, Buttlär«, schloß sie, »ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können.«

Der Baron wurde ernst und zog sinnend seinen Schnurrbart durch die Finger. »So, hm! Die Gräfin Köhne hier, eine süperbe Frau übrigens. Das war eine böse Geschichte. Der Graf hat einen Schlaganfall gehabt und seine Schwester, die Gräfin Benedikte, pflegt ihn. Sehr traurig! Nun, gesellschaftlich kommt diese Dame nicht mehr in Betracht, aber hat sie uns einen Dienst erwiesen, so kann ich ihr gelegentlich dafür danken.«

»Du?« rief Frau von Buttlär, »warum? wozu?«

»Höflich kann man trotz allem gegen sie sein«, wandte der Baron ein, aber seine Frau war sehr erregt: »Ich habe es gleich gewußt«, sagte sie, »diese Person ist als schwere Prüfung für mich hergesandt.«

Unten am Strande ließ Hilmar unermüdlich Kieselsteine über das Wasser springen. Lolo stand dabei und schaute ihm mit ernsten, blanken Augen zu. Als er endlich müde war, nahm er Lolos Arm und sie schlenderten langsam das Meeresufer entlang.

»So«, sagte Hilmar, »jetzt verstehe ich das Meer. Es ist heute übrigens mit seinem Mondschein und allem dem sehr programmäßig und du, Schatz, bist erst recht programmäßig.«

»Schade«, meinte Lolo, »ein Programm ist nie was überraschendes.« Hilmar lachte: »Willst du mich überraschen? Wozu? Nein, unsere Bräute sollen nicht Überraschungen sein, sondern hübsche Notwendigkeiten.«

Als sie an den Fischerhäusern vorübergingen, begann auch Lolo von Doralice zu sprechen, erzählte ihr Abenteuer, erzählte von dem Kuß und den roten Rosen. »Ach, die durchgebrannte kleine Gräfin ist hier«, sagte Hilmar, »nun, es ist gut, daß sie dich gerettet hat, aber sag, warum sprichst du von ihr mit einer so gerührten Stimme, als sei sie etwas Heiliges? Durchgebrannte Gräfinnen sind doch wohl nichts besonders Heiliges.«

»Weil sie mich rührt«, entgegnete Lolo erregt. »Ich weiß selbst nicht warum. Vielleicht weil sie so schön ist und doch nicht gut ist. Vielleicht aber, wenn jemand so schön ist, muß man ihn lieben, aber sie tut etwas weh, diese Liebe. Ich glaube, wenn einer sich in die Gräfin verliebt, dann muß es schmerzen.«

»Nun, nun«, beruhigte Hilmar sie, »wird es denn so arg sein mit dieser Schönheit?«

»So zum Beispiel«, fuhr Lolo fort, »mich zu lieben ist da nichts, gar nichts Schmerzhaftes dabei, sag?«

»Nein, gar nichts«, versicherte Hilmar, »im Gegenteil, wenn man dich liebt, fühlt man sich riesig gut, riesig vornehm. Ich merke das jedesmal, ich werde da fast verlegen vor mir selber. Als Kind wurde mir am Sonntage ein blauer Sammetkittel angezogen, ein weißer Spitzenkragen umgelegt und das Haar wurde mit einer Pomade glatt gestrichen, die stark nach Orangenblüten duftete. Und wenn ich so angezogen war, fühlte ich mich so fein, so vornehm, daß ich mich vor Andacht vor mir selber kaum zu rühren wagte.«

»Und ich«, rief Lolo enttäuscht, »ich bin für dich wie der blaue Sammetkittel und die Orangenblütenpomade.«

»Und der Sonntag«, ergänzte Hilmar, »ja, so ähnlich. Aber wer kommt denn dort?«

»Das ist sie«, flüsterte Lolo.

Ihnen entgegen kamen Hans und Doralice. Als sie aneinander vorübergingen, nickte Doralice lächelnd Lolo zu, die beiden Herren grüßten förmlich. »Nun?« fragte Lolo, sobald sie vorüber waren.

»Gewiß, allerdings«, sagte Hilmar, »ein schönes Kindergesicht mit einem merkwürdig schicksalsvollen Munde.«

Lolo schwieg eine Weile, dann wiederholte sie sinnend: »Ein schicksalsvoller Mund, das hast du gut gesagt, ich suche lange schon einen Ausdruck für diesen Mund. Es muß seltsam sein, einen schicksalsvollen Mund zu haben, ich kann mir das denken, ja ich fühle das jetzt so deutlich, so stark, daß ich überzeugt bin, ich habe in diesem Augenblicke auch einen schicksalsvollen Mund. Küsse mich jetzt und du wirst sehen.« Sie blieb stehen und hielt ihr ernstes, vom Monde hellbeschienenes Gesicht hin und als Hilmar sie geküßt hatte, fragte sie gespannt: »Nun?«

Hilmar schüttelte den Kopf: »Von Schicksal keine Spur. Mehr ein friedlicher Pfingstsonntag auf dem Lande.« Lolo zuckte die Achseln und seufzte. »Nein, warte«, fuhr Hilmar fort, »es ist doch anders, dich hier vor dem Meere zu küssen, kommt mir wie eine kolossale Frechheit vor. Es ist so, als sähen alle fünf Weltteile uns zu, das ist ein eigentümliches Gefühl.«

»Nein, das will ich nicht«, rief Lolo und machte sich von ihm los.

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