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Eduard Graf Keyserling: Wellen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleWellen
authorEduard von Keyserling
year1998
publisherSteidl Verlag
addressGöttingen
isbn3-88243-549-6
titleWellen
pages3-174
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1911
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12

Hans saß am gedeckten Mittagstisch und las. Als Doralice eintrat, schaute er auf und sagte mit seiner gewöhnlichen ruhigen Stimme: »Nun, hast du dich gut unterhalten?«

»Ja, sehr gut!« erwiderte sie.

»Das ist ja schön«, meinte Hans, »ich werde auch das Segeln lernen, damit du dieses Vergnügen auch ohne fremde Leutnants haben kannst. Aber jetzt wollen wir essen.«

Während der Mahlzeit schien Hans sich behaglich zu fühlen, er sprach wieder viel von seinen Plänen, er hatte einen Brief aus München bekommen, die Aussichten schienen gut. Es war dort der rechte Augenblick, um etwas zu unternehmen. Zuweilen sah er Doralice an und erwartete eine Antwort, und sie gab diese Antwort, allein sie klang abweisend und gereizt. Doralice glitt immer mehr in die Stimmung des Gekränktseins hinein. Hans schien das nicht zu bemerken, er war nur besonders rücksichtsvoll, stimmte ihr eifrig zu und behandelte sie wie jemanden, der geschont werden muß. Der Nachmittag kam dann und füllte das Zimmer mit seinem gelben Sonnenschein. Hans sprach noch immer weiter von all diesen Dingen, die, wie es Doralice schien, nichts mit ihr zu tun hatten. Immer wieder hieß es: »wenn wir in München sein werden«, so daß Doralice ungeduldig ihn unterbrach: »In München? aber das wird noch lange nicht sein.« Hans blieb vor ihr stehen: »Nicht? So, hm. Gut also, dann bleiben wir hier.«

Nachdenklich zerrte er an seinem Barte und nahm wieder seinen Gang durch das Zimmer auf. »Das ist nur«, begann er endlich, »etwas muß der Mensch zu tun haben. Ich fürchte, wenn wir länger hier bleiben, werde ich noch ganz zum Fischer. Ich träume des Nachts schon von Fischen.«

»Das ist ja gut«, meinte Doralice.

»Vielleicht!« fuhr Hans fort. »Fährst du heute Nacht mit uns aufs Meer hinaus?«

Nein, sie mochte nicht. »Dann etwas anderes«, schlug Hans vor. »Es würde dich vielleicht unterhalten, bei Agnes ein wenig kochen zu lernen.«

»Bei Agnes?« Nein, dazu hatte Doralice gar keine Lust. Nun ja, das fand er am Ende verständlich, aber da hatte dieses Fräulein Bork ihm von den Fischerkindern vorgesprochen. Sie hatte gemeint, so eine Art Unterricht könnte viel Segen stiften; man könnte sich liebevoll mit diesen Armen beschäftigen.

»Willst du mich beschäftigen?« fragte Doralice.

»Ich suche nach etwas, das dir gut tut«, erwiderte Hans, aber sie fuhr gereizt fort: »Soll das so etwas wie der Anfang einer Erziehung für mich sein?«

Hans errötete: »Nein, nein, gar nichts soll es sein.« Er wandte Doralice den Rücken und schaute zum Fenster hinaus. Draußen von der Düne her kamen ein Mann und eine Frau herauf, der Fischer Steege, der endlich doch heimgekommen war, und seine Frau. Er ging breitbeinig und gemächlich einher, als sei nichts geschehen, und die kleine Frau trottete hinter ihm her, alle Aufregung war von ihr gewichen und wie sonst schaute sie mit mürrischer Geduld vor sich nieder auf ihre nackten Füße, um die großen Kieselsteine zu vermeiden. Dieser Anblick gab Hans wieder ein wenig guter Laune zurück. »Der Steege ist doch wieder heimgekommen«, meldete er, »und die Frau, wie sie hinter ihm hergeht. Sie macht ein Gesicht wie ein verdrießlicher Gläubiger, dem ein säumiger Schuldner endlich doch seine Schuld bezahlt hat. Sie kassiert ihren Mann ein.« Dann wandte er sich zu Doralice um, lächelte gutmütig und sagte: »Ich denke, wir machen einen Spaziergang. Draußen werden wir vielleicht auch wieder so selbstverständlich nebeneinander hergehen, wie die Steeges da.«

Sie machten den Spaziergang landeinwärts an der Zibbul Waldhüterei vorüber zur Föhrenschonung hinauf. Die jungen Bäume standen dort in gleichen Abständen voneinander da, rosa Stämme und blaugrüne Schöpfe, schnurgrade gelbe Wege durchschnitten den Bestand. Hier war die Luft heiß und schwer von Harzduft. Hans versuchte sich zu begeistern: »Wunderbar! Farbe, Farbe! und was für eine! Daraus kann man hunderttausend Mäntel für venezianische Madonnen schneiden.«

»Ich finde, es sieht hier aus wie in einer Schulstube während der Nachmittagsstunde«, sagte Doralice abweisend. Hans lachte darüber sehr laut, denn er hoffte, Doralice würde mitlachen: »Schulstube! sehr gut, aber was für eine. Grünblaue Wände und goldener Fußboden und der Duft. Wenn wir in solchen Schulstuben gesessen hätten, dann wären wir andere Kerle.« Doralice lachte nicht mit. Es fiel sie hier plötzlich ein unerträglich starkes Verlangen nach dem Meere im Mittagsonnenschein, nach dem Segelboot, nach Hilmar, nach dem jungen Stibbe an, wie es ja zuweilen geschieht, daß die Sehnsucht nach einer vergangenen glücklichen Stunde uns so stark anpackt, daß es schmerzt, und sie mußte davon sprechen: »Der Baron Hamm sagt«, begann sie, »das Meer sei heute grün, durchsichtig und süß wie russische Marmelade.«

»So, sagte er das?« meinte Hans wegwerfend. »Ja so ein Leutnant hat immer was mit Süßigkeiten zu tun. Und dann ißt er sie und dann schenkt er sie und dann sagt er sie und er ist nicht eher zufrieden, als bis er das ganze Meer zu Marmelade gemacht hat.«

Doralice erwiderte nichts und schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander die graden Wege entlang. Als die Sonne rot durch die Birkenstämme schien, schlugen sie den Heimweg ein. Sie begegneten Arbeitern vom Felde zurückkehrend, Männer in weißen Leinwandhosen, hinter ihnen her die Frauen mit dem Grützespann in der Hand. Hie und da blieb ein Paar an einer der kleinen Katen stehen; der Mann öffnete die Tür, bückte sich, um hindurch zu gehen, die Frau folgte ihm; so verschwanden sie in dem schwarzen Loche und mit einem knarrenden Ton fiel die Türe ins Schloß. Und als Hans und Doralice an ihrer Wohnung angekommen waren und er voran durch die Tür ging, sich ein wenig bückend, seufzte Doralice und dachte: »Das ist so wie bei den kleinen Katen; man verschwindet still in dem schwarzen Loch, die Türe knarrt, die Welt voll schöner, erregender Möglichkeiten bleibt draußen.«

Das Abendessen kam mit seinen Flundern und großen Kartoffeln, Hans aß eilig und viel, er sprach aufgeräumt mit Agnes und schien sich auf das Hinausfahren zum Fischfang zu freuen. Bald stand er vom Tische auf um sich umzukleiden und ging dann fort. »Gute Nacht, schlafe wohl«, sagte er und küßte Doralice auf die Stirn. Agnes brummte etwas von »in der Nacht fortrennen« und daß das keine Manier sei.

Die Nacht brach herein, Agnes hatte die Lampe gebracht und sich mit einem mürrischen Gute Nacht entfernt. Doralice rückte den Sessel näher nach dem zum Meere geöffneten Fenster und streckte sich behaglich in ihm aus. Es schien ihr, daß da Bilder und Träume waren, die den ganzen Nachmittag über schon auf sie gewartet hatten, nun konnten sie kommen. Draußen war es sternhell, ein sanfter Landwind brachte von den Kleefeldern und Föhrenwäldern Düfte herüber. Das Meer hatte heute ein seltsam zögerndes, lässiges Rauschen. Zeitweise schien es zu schweigen, dann fuhr eine Welle auf und murmelte etwas und nach einer Weile erst erwachte eine andere und antwortete verträumt und auf den Kieseln des Strandes klapperten die schweren Schritte der stillen Liebespaare. Doralice hatte die Augen geschlossen und wollte ihren Gedanken nachhängen, allein aus den Gedanken wurde ein Traum und sie schlief ein. Sie träumte von dem Garten des Schlosses, sie ging mit Hilmar einen der geraden, endlosen Wege entlang und zu beiden Seiten auf den Beeten standen Gladiolen, ganz hohe feuerrote Gladiolen. Und plötzlich stand der alte Graf da mitten in einem der Beete, knietief in den Gladiolen. Sein Gesicht war klein, grau und kraus von Fältchen. Er stand da und schaute auf seine Uhr, die er in der Hand hielt. »Nun sieht er uns«, sagte Hilmar, »nun ist es gleich« und er beugte sich über sie und küßte sie. Und dann wußte Doralice, daß sie nicht mehr schlief, daß Hilmar da war, daß sie die ganze Zeit über auf ihn gewartet hatte und daß er sie küßte. Sie hielt die Augen noch geschlossen, erst als Hilmar ihre Hände nahm und sagte: »Wie kalt Ihre Hände sind, Sie frieren vor Einsamkeit«, da öffnete sie die Augen. Hilmar kniete neben ihr und seine Augen ruhten wieder auf ihr mit jenem eigensinnigen, gewaltsamen Begehren, das sie schwach machte, sie fast schmerzte. »Warum sind Sie hier?« fragte sie.

»Warum?« erwiderte Hilmar ungeduldig, »wo soll ich denn anders sein? Zu den anderen gehöre ich nicht mehr, das wissen Sie ganz gut, Doralice.«

»Nein, das ist schlecht«, erwiderte Doralice.

»Schlecht, vielleicht«, erwiderte Hilmar, »aber unsere Schlechtigkeit, Ihre und meine. Und wenn die anderen verfluchen und verfemen, dann sind wir erst miteinander allein, so wie heute mittag auf dem Meer. Dann können wir uns ein Leben erfinden, das ganz unser Leben ist. Es ist ja zu dumm, immer das Leben zu leben, das die anderen sich für uns ausdenken. Nein, hören Sie, Sie können nicht das Leben des Herrn Grill leben, und ich kann nicht der Bräutigam meiner kleinen Heiligen sein, das ist doch verständlich. Also, morgen soll ich zu meinem Regiment zurück, um mich zu bessern. Aber Sie werden sagen, daß ich bleiben soll, und ich bleibe und das Regiment und die Uniform und alles, alles zählt nicht. Und Sie, Doralice, werden Herrn Grill entlassen.«

»Sprechen Sie nicht so«, unterbrach ihn Doralice. »Er ist gut.«

»Gut! gut!« rief Hilmar, »natürlich ist er gut, alle sind sie gut, die anderen, nur wir sind nicht gut, wir können nicht gut sein, daher sollen sie uns unseren eigenen Weg gehen lassen.«

Doralice seufzte, seufzte ganz tief und sagte dann leise: »Jetzt müssen Sie gehen.«

»Ja, jetzt, jetzt«, wiederholte Hilmar. Er schüttelte Doralicens Hände, die er fest in den seinen hielt, und ein ausgelassener Triumph leuchtete aus seinen Augen: »Sie sagen jetzt, aber ich kann kommen und dann... dann...«

Am Fenster, das nach der Düne hinausging, stand einen Augenblick Lolo und das weiße Gesicht schaute ernst in das Zimmer hinein.

Lolo war, wie jeden Abend, mit Nini in ihre Giebelstube hinaufgestiegen und hatte sich zu Bett gelegt. Dort lag sie wach da und schaute mit weitoffenen Augen in das Dunkel hinein. Sie dachte ihren einen großen, unklaren Gedanken, den sie all diese Tage über mit sich herumgetragen hatte, der in ihr gewachsen und mächtig geworden war. Ein Opfer, ein Opfer wollte sie bringen. Die wirren Qualen und Enttäuschungen ihrer Liebesgeschichte ertrug sie nicht länger, so flüchtete sie sich denn in den Rausch, wie ihn so stark nur der Wille zum Opfer einem Frauenherzen gibt. Das war jetzt ihr Erlebnis und es erfüllte sie ganz mit Andacht vor der eigenen Seele. Sterben war leicht. Sie wollte in das Meer hinausschwimmen weit, weit über die Sandbank hinaus. Sie wollte schwimmen, bis diese Müdigkeit kam, die sie kannte, in der wir nichts anderes wünschen, als uns willenlos und untätig auf dem Wasser auszustrecken. Ja, und dann würde es sich vollziehen, das dunkele Ruhevolle, und all die furchtbare Spannung des Fühlens und Wollens würde sich lösen. Sobald es im Hause stille war, stand Lolo auf. Sie kleidete sich in ihren Badeanzug, hüllte sich in ihren Mantel und schlich hinaus. Draußen die Nacht schwarz und warm, am Himmel große, sehr helle Sterne. So hatte sie es erwartet, das war in Ordnung. Als sie in Wardeins Anwesen noch Licht im Fenster sah, wollte sie herangehen und hineinschauen aus unklarem Verlangen nach noch mehr Bitterkeit und Schmerz. Sie sah Doralice im Sessel sitzen und Hilmar neben ihr knieen, allein das erschütterte sie nicht stark, sie hatte das erwartet, auch das mußte so sein. Ruhig stieg sie zum Meere hinunter. Dort legte sie ihren Regenmantel, ihre Schuhe ab und ging in das Wasser. Kleine laue Wellen sprangen an ihr empor. Sie begann zu schwimmen, ein unendliches Wohlbehagen durchrieselte ihren Körper. Schwarze Wellenhügel, in denen die Sterne sich spiegelten wie rege goldene Pünktchen, hoben sie sanft empor und ließen sie wieder sanft in schwarze, goldbestirnte Wellentiefen gleiten. All das Heiße, Enge, Drückende fiel von ihr ab, sie wußte nicht mehr, warum sie hier war, sie wußte nur, daß sie glücklich war und daß sie weiter hinaus mußte. Zuweilen legte sie sich auf den Rücken und schaute hinauf und es war ihr dann, als fiele sie in einen schwarzen Abgrund, in dem goldene Sterne durcheinander wirbelten. Und weiter ging es, einmal schien es ihr, als stünde dort schwarz in all dem Schwarzen wie eine Vision ein Boot regungslos auf dem Wasser. Ihr Schwimmen wurde eiliger, angestrengter, als gäbe es ein Ziel für sie, das sie zu erreichen hatte. Und dann plötzlich lähmend überkam sie das Bewußtsein der furchtbaren Weite um sie her, der furchtbaren Tiefe unter sich. Angst benahm ihr den Atem, alles wurde feindlich, alles war gegen sie und sie mußte kämpfen mit diesen Wellenhügeln, die ihr jetzt hart und kalt wie schwarzes Metall erschienen. Sie rief einige Male in die Nacht hinein und arbeitete dann weiter, schlug sich herum mit etwas, das sie niederdrücken und niederziehen wollte, und dann schien alles fort.

»Nu haben wir den kuriosen Nachtfisch«, sagte Stibbe und hob Lolo in sein Boot hinein; »dachts mir, das ist die Marjell vom Bullenkruge. Wasser hat sie schon geschluckt. Nimm du sie, Andree, du weißt ja mit Marjellen umzugehen.«

Andree nahm Lolo in Empfang, die wie leblos dalag, hüllte sie in seinen Mantel, redete ihr zu: »Immer nur das Wasser ausspucken, Fräuleinchen, immer nur ausspucken.« Ärgerlich machte Stibbe sich ans Rudern: »Jetzt schnell nach Hause«, brummte er, »sonst verfriert sie uns. Das sind so die städtischen Dummheiten, ins Wasser zu gehen! Wen es will, den holt es sich schon selber. Wir wollen die Marjell zu Wardein bringen, dahin ist es näher. Laß die Städter dann ihre Dummheiten miteinander ausmachen.«

Doralice war wieder allein in ihrem Zimmer, als die Männer zu ihr eintraten. Sie verstand nicht gleich. Da stand der Fischer Stibbe und noch einer und Stibbe trug jemand, er trug Lolo, die ganz bleich war und die Augen geschlossen hielt, ihr Haar schwer und feucht hing lang über den Arm des Fischers herab.

»Die haben wir nun aufgefischt«, sagte Stibbe, »da weit draußen, die wollte nicht mehr zurück. Was ist denn das für ein Nachtfisch, sagte ich zu Andree, und wir sind ihr nachgefahren. Ach, die lebt schon, die lebt ganz gut. Nur Wasser hat sie geschluckt. Wo soll ich sie hinlegen? aha, da drin aufs Bett. Andree ist zum Bullenkrug hinauf, es der Mamsell zu sagen, damit sie sie holt.«

Lolo wurde auf das Bett gelegt, Stibbe wiederholte noch einmal: »die lebt ganz gut«, dann gingen die Männer. Der Lärm hatte Agnes herbeigerufen und sie übersah sofort die Lage, machte sich über Lolo her, entkleidete sie, hüllte sie in Decken, rieb sie, immer schweigsam und mürrisch, nur einmal bemerkte sie: »Sie macht die Augen nicht auf, nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie nicht will.« Endlich beschloß sie einen heißen Tee zu kochen, Doralice sollte nur weiter reiben.

Doralice kniete am Bett und rieb die Glieder des regungslos daliegenden Mädchens. Lolo seufzte, schlug die Augen auf und schaute Doralice ernst an. Das schmale Gesicht hatte in seiner Ruhe etwas Strenges, Ältliches.

»Wie... wie ist Ihnen jetzt?« fragte Doralice.

»Gut«, sagte Lolo mit einer Stimme, als antworte sie auf eine müßige, gleichgültige Frage. Aber Doralice beugte sich leidenschaftlich über sie, als wollte sie sie erwärmen und beschützen. »Wie konnten Sie das tun?« flüsterte sie.

Lolo zog ein wenig die Augenbrauen empor und sagte in demselben kühlen, überlegenen Tone: »Er kann nichts dafür. Das wußte ich, als ich Sie sah, er wird nicht anders können und Sie... Sie können nichts dafür, daß Sie so schön sind.«

»Nein, das will ich nicht«, rief Doralice fast zornig. »Er soll bei Ihnen bleiben, er soll Sie lieben, er soll, soll.«

Lolo wandte den Kopf zur Seite und schloß die Augen, als wollte sie Ruhe haben, und sagte kummervoll und müde: »Ja jetzt, jetzt weiß ich nicht.«

Doralice wagte nicht mehr zu sprechen. Sie kniete dort vor dem Bett und ein unerträgliches Gefühl der Demütigung machte sie elend. Im Nebenzimmer wurde es wieder lebhaft. Die laute Stimme der Generalin ließ sich vernehmen: »Wo ist sie? wo liegt sie? Heißen Tee haben Sie da, liebe Frau, das ist gut.« Dann erschien die Generalin in der Schlafzimmertür, sie hatte ihren Strohhut über ihre Nachthaube aufgesetzt und ihren Regenmantel über ihr Nachtkleid angezogen. Sie war rot und atemlos: »Kind! Kind!« rief sie, »was sind das für Geschichten! Hat man je so was gehört! Daß ich so was erleben muß. Wo ist der heiße Tee, liebe Frau?«

Fräulein Bork und Ernestine waren auch da mit Tüchern und Mänteln beladen und nun begann ein Kommandieren und Hin- und Hergehen und dazwischen schalt die Generalin immer weiter: »Das ist die Buttlärsche Übertriebenheit, die dummen Buttlärschen Herzen. Von mir habt Ihr das nicht. Liebe Köhne, geben Sie ein Handtuch her, wir müssen das Haar noch trocknen. Zu meiner Zeit verlobte man sich auch und verliebte sich auch und war eifersüchtig, denn die Männer taugten damals auch nicht viel, aber gestorben sind wir daran nicht. Aber die heutige Jugend, die ist ja wie betrunken!«

Lolo ließ alles willenlos wie eine Puppe mit sich geschehen. Endlich stand sie in Tücher und Mäntel gehüllt da, von Fräulein Bork und Ernestine gestützt. »Geht jetzt nach Hause«, befahl die Generalin, »aber leise, daß meine Tochter nicht aufwacht, es ist genug, wenn morgen das Gerede anfängt. Steckt das Kind ins Bett, eine Wärmflasche und Baldriantee, also vorwärts, ich bleibe noch einen Augenblick hier. Sie erlauben schon, meine Liebe«, wandte sie sich an Doralice.

So wurde Lolo fortgeführt.

»Kommen Sie, liebe Köhne«, sagte die Generalin, nahm Doralicens Arm und führte sie in das Wohnzimmer; »setzen Sie sich, Sie sind ja weiß wie ein Tuch. Ich will mich auch ein bißchen hersetzen, so was fährt einem in die alten Knochen.« Seufzend nahm sie in einem Sessel Platz und sann eine Weile schweigend vor sich hin. Das große Gesicht war jetzt bleich und sah alt und kummervoll aus.

»Nein!« begann sie dann wieder, »das habe ich nicht vorausgesehen. Ich bin sonst nicht dumm, aber das habe ich nicht erwartet. Mit unserem Aufenthalte hier wird es wohl nun zu Ende sein. Schade. Sie, meine Liebe, habe ich immer verteidigt. Meine Tochter tat so, als seien Sie ein reißendes Tier, aber ich habe Sie verteidigt. Nun ja, Sie sind Ihrem alten Grafen davongelaufen. Das muß man nicht tun, schon wegen der Moral, aber es war eine dumme Heirat und Sie haben sich von Ihrem Maler entführen lassen, nun gut. Aber jetzt, meine Liebe, ist es doch genug, man kann sich doch nicht immerfort entführen lassen. Vom Sichentführenlassen kann doch keiner leben. Und dann, die Kleine hat nun mal diesen Bräutigam, ich habe ihn ihr nicht ausgesucht, aber er ist ihr gegeben worden und sie hat sich in ihn verliebt. Die Buttlärs besorgen so etwas immer gründlich. Sie können ihn ihr doch lassen.« Die Generalin hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen, Doralice saß regungslos da und über ihr bleiches Gesicht rannen unablässig Tränen herab. »Sie sind bildhübsch, meine Liebe«, fuhr die Generalin fort, »aber was hilft das? Versuchen Sie doch mit Ihrem Maler ordentlich zu leben, er scheint ja ein ganz guter Mensch zu sein. Sich entführen lassen, das geht schnell. Mich hat zwar nie jemand entführt, ich hatte es auch nicht nötig, ich war mit meinem Palikow immer recht zufrieden, aber ich denke mir das so nach dem, was ich um mich sehe. Aber mit dem Herrn, der einen entführt, leben, das ist die Kunst. Glauben Sie mir, man kann sehr gut leben, auch ohne daß ein Mannsbild immer vor einem auf den Knien liegt. Und dann noch eins. Wenn der junge Mensch morgen zu Ihnen herrennt, sagen Sie ihm ein vernünftiges Wort. Sie haben ihn unvernünftig gemacht, machen Sie ihn auch wieder vernünftig. So, und nun will ich gehen. Sie, meine Liebe, müssen schlafen, sonst werden Sie krank und davon hat auch keiner was.«

Die Generalin erhob sich, streichelte mütterlich Doralicens tränenfeuchte Wangen und ging hinaus. Doralice blieb auf ihrem Platze sitzen und starrte mit angstvollen Augen vor sich hin. Sie zog die Füße auf den Sessel hinauf, umschlang ihre Knie mit den Armen, kroch ganz in sich zusammen. War sie das, von der die alte Frau so gesprochen hatte? Sahen die Leute sie so? Sah sie so aus? Widerwille und Furcht stiegen in ihr auf, es war, als klebe etwas Unreines und Häßliches ihr an, das sie verzerrte und gespenstisch machte.

Agnes kam herein und brachte Tee: »Den müssen Sie jetzt trinken«, sagte sie barsch. Doralice gehorchte, Agnes stand dabei, schaute aufmerksam zu und murmelte: »Das kommt davon, Hans ist auch schuld. Ich habe es ihm gesagt, was rennt er immer fort. Man paßt doch auf, wenn man eine hat, die schon einmal einem fortgelaufen ist. Na, aber die alte Frau hat hier bei uns auch nichts zu predigen. Sie soll ihre Marjellen und Jungherrn strammer halten. Und jetzt müssen wir schlafen gehen.«

Sie faßte Doralice an beide Arme, um sie aus dem Sessel zu heben, führte sie in das Schlafzimmer, kleidete sie aus, wie man ein Kind auskleidet, half ihr in das Bett hinein und deckte sie fest zu. »Jetzt schlafen«, sagte sie, »das kann nie schaden«, und löschte das Licht aus.

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