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Weitere Erzählungen

Ludwig Thoma: Weitere Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
titleWeitere Erzählungen
authorLudwig Thoma
typepoem
senderhille@abc.de
modified20171101
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Der Bader

Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.

Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten Unruhe gewesen.

Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen wären.

Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird die großen Besorgnisse leicht begreifen.

Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas Tröstliches vernommen hat, so z.B., daß einer vom Leibregiment in Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten Cervelatwurst anfing.

Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet, und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute, sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.

Und davon will ich jetzt erzählen.

Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung geführt haben.

Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein, im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.

»Servus! schön gut'n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr'!«

Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.

»In Kuglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g'habt, meine Herren! A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g'haut mit'n Huaf, daß er an Riß kriegt hat.«

»Wer? Der Huaf?« fragt der Förster.

»Na, der Schacherl.«

»Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.«

»Is aber doch hoffentlich net g'fährlich?« fragt jetzt der Pfarrer.

»Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit konstatier'n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht oft ihre eigenen Wege.«

»Ja, ja,« sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner, »d' Hauptsach is, daß Sie glei da war'n, Herr Doktor.«

»In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor'ng hamm mir das Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer'n mir uns über das weitere befinden.

Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g'rad ein, mir wer'n heut abends einen sehr einen unangenehmen B'such kriegen.«

»Oho! Was is denn los?«

»D' Reservisten und d' Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer krank'n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab', is de ganze Rotte Kora beinander g'sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter natürli mitten drin. Einen solchenen Lärm hamm's vollführt, daß sich kein anständiger Mensch nicht hat halten können.

Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die Eisenbahnwagen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden ....«

Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben, denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.

Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.

Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend, brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.

»Seid's wieder do, Bua'm?« fragt der Bürgermeister. »Wia geht?«

»Guat geht's!« schreit der Peter. »Teat's nur grad a Bier her! Sitter daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.«

»Setzt's Enk z'samm, Buam!« schreit der Wirt, »'s Bier kimmt scho.«

»Is scho wohr! Leuteln, singt's!«

»Jetzt Brüder stoßt's die Gläser an,
Es lehe der Reservemann!
Der treu gedient hat seine Zei-a-eit,
Ihm sei ein volles Glas geweiht!«

»Es is do a rechte Freud, wia g'sund unsere Burschen san; net wahr, Herr Dokta?«

»In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,« antwortete der Bader; »die heutige Jugend ....«

Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.

»Da drob'n auf da Höh
Schteht die bayrisch Armee.
Soldaten sollen leben!
Schöne Mädigen daneben!
Tapfre Bayern sein's mir,
Tapfre Bayern sein's mir!«

»Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat's de Tisch weg! Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!«

Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht's dahin, schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste Tanzerei im Gang.

Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank hineinschiebt.

»S' Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!«

»Ja, guat seid's beinander. An Herrn Pfarrer habt's scho vertrieben. Wo kommt's denn her?«

»Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g'halten, und nacha san ma auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg'spielt.

Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken. And nacha san mar auf Huglfing.«

»So? Da habt's ja scho a schöne Roas g'macht! Da Herr Dokta hat verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt's.«

»Wos? Da hat's koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm a'gefangt.«

»Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.«

»No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt's es scho g'hört. Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk'n und da hab i zum G'spaß de Kellnerin g'fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da schreit der Vitus über'n Tisch rum: Mog net, Cenzl! Dos kunnt'st net damacha, alle Tag an Brat'n zahl'n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab i eam mit'n Säbel oana umig'haut.«

»So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man schon eine solchene Roheit g'sehen?«

»Geh, drah net so auf,« sagt der Peter; »wann der Vitus net zu an g'wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g'sund.«

»Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag'n. Du ...«

Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden Rundgesang anstimmten.

»Mir Bayern hamm Muat,
Mir fürchten's kein Bluat,
Mir haben's Kuraschi,
Wenn das Blut fließt auf der Straße,
Tapfere Bayern sein's mir.
Tapfere Bayern sein's mir.«

Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und gellende Pfiffe.

An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.

Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.

»Ich weiß überhaupt nicht,« sagt er zu mir, »wie ich in diese Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen, ob's mich beleidigen tun dürfen. Lachen's net, Herr Gierster! Sie werden's seh'gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a Fufzgerl verlangt. Von morg'n an kost's a Mark. I bin der Lippl.« Der Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.

»Führ'n ma'n hoam,« sagt der Förster; »der Spektakel werd do alleweil größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta, net einschlaf'n, hoam geh' ma!«

Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den johlenden Burschen vorbei.

»Hat's Di, Bodawaschl?
Host koan Kreizer Geld im Taschl,
Bodawaschl!«

Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als wie schon im Freien angelangt waren.

»Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g'sagt? Oeha! Hupp! I frag Ihnen au – auf Ehr und Gwi – Gwissen. Ha – hat er Boda – – Bo – – Bo – – Bodawaschl g'sagt?«

»Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun's, daß ma schö hoamkummen!«

»N – – n – nein! In die – – dieser Beziehung, hupp! ist es vo – – von grr – – größter Be – – Bedeitung. Es hängt vie – – viel vo – – von Ihrer Au – – Au – – Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no – – nochmals, ha – – hat er Bo – – Bo – – Bodawaschl g'sagt?«

»No von mir aus, ja! I glaab, er hat's g'sagt.«

»So? Hupp! Jetzt ko – – kost's z – – z- – zwoa Mark ....« Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten. Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.

Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.

Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen, und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann wurde es allmählich ruhig.

Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden starken Abbruch getan hatten. Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser erfreulichen Tatsache.

Er schrieb an »den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de schweren Reider« einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer nicht verlesen wurde. Hier ist er:

Lieber Freind,

wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.

es grist eich eier werder Freund

Josef Reischl, Gidler.

 


 

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