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Weh dem, der lügt!

Franz Grillparzer: Weh dem, der lügt! - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleWeh dem, der lügt!
authorFranz Grillparzer
year1993
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004381-6
titleWeh dem, der lügt!
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1840
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Veränderung

Vorhof des Hauses wie zu Anfang des Aufzuges.

Leon (steht auf der Brücke).
He, Atalus! – Ich glaube gar, er schläft.
(Herabkommend.)
Ei immerhin! Was nützt auch all sein Graben,
Jetzt, da mißlang, was möglich macht die Flucht.
(Horchend.)
Er gräbt! – Oh, daß ich ihn gering geachtet,
Und er genügt dem Wen'gen, was ihm oblag,
Indes ich scheitre, wo ich mich vermaß.
(Nach rückwärts sprechend.)
Laßt ab! – Und doch vorher noch erst versuchen,
Ob also fest gefügt das Tor, die Flügel,
Daß keine Wut, die Wut ob eignem Unsinn –
(Er hat sich dem Tore genähert, plötzlich zurücktretend.)
Du güt'ger Himmel! Täuschen, meine Augen?
Trügt mich die Nacht? – Im Tore steckt ein Schlüssel.
Grabt immer, Atalus! – Es ist nicht möglich!
Wie käm' er hier, der nur erst kurz noch oben
Und doch blinkt er liebäugelnd mir herüber,
(hineilend)
Ich muß dich fassen – prüfen, ob –
(Den Schlüssel fassend und damit auf- und zuschließend.)
     Er ist's!
Und Freiheit weht, wie Äther, durch die Fugen.
(Mit gefalteten Händen.)
So will der Himmel sichtbar seine Wege?
Stehn Engel um uns her, die uns beschirmen?

Edrita (die schon früher sichtbar geworden, jetzt vortretend).
Du irrst, kein Engel hilft, da wo der Mensch
Mit Trug und Falsch an seine Werke geht.

Leon.
Mit Trug und Falsch?

Edrita.
     Du willst entfliehn.

Leon.
Ich hab es nie verhehlt.

Edrita.
     Ei, ja, ja doch!
Und darum hältst du dich für wahr? Nicht so?
Hast du die Wahrheit immer auch gesprochen,
(die Hand aufs Herz legend)
Hier fühl ich dennoch, daß du mich getäuscht.
Drum hoffe nicht auf Gott bei deinem Tun,
Ich selber war's, die dir den Schlüssel brachte.
Du willst entfliehn?

Leon.
     Ich will.

Edrita.
          So, und warum?

Leon.
Frägst du, warum der Sklave sucht die Freiheit?

Edrita.
Es ging dir wohl bei uns.

Leon.
     Dann ist noch eins.
Ich habe meinem frommen Herrn versprochen,
So fromm, daß, denk ich seiner Abschiedsworte,
Mit dem, was erst nur sprach dein Kindermund,
Ich in Beschämung meine Augen senke;
Versprochen hab ich ihm, den Neffen sein,
Dort jenen Atalus, zurückzubringen.
O kenntest du den heilig würd'gen Mann!

Edrita.
Mir sind nicht fremd die Heil'gen deines Volks.
Es wandern Christen-Priester wohl durchs Land,
Gewinnend ihrem Herrn verwandte Seelen,
Wofür sie Tod erdulden oft und Pein.
Sie lehren einen einz'gen Gott, und wahrlich,
(seine Hand berührend)
An was das Herz in gläub'ger Fülle hängt,
Ist einzig stets und eins. O fürchte nicht,
Daß, bleibst du hier, ich dich mit Neigung quäle.
Ich bin nicht, wie die Menschen oft wohl sind:
Ei, das ist schön! das soll nur mir gehören,
Und das ist gut! das eign' ich rasch mir zu.
Ich kann am Guten mich und Schönen freun,
Wie man genießt der Sonne goldnes Licht,
Das niemands ist und allen doch gehört.
Auch bin ich nicht mehr mein, noch eignen Rechts,
Obwohl ich schaudernd denke, wem ich eigne.
Es soll dir wohl ergehen, bleibst du hier.
Mein Vater ist nur hart im ersten Zorn,
Und jener andre – Nein, ich kann, ich mag nicht!
Bleib hier! das andre gibt der Tag, das Jahr.

Leon.
Wie aber stünd' es dann um meinen Freund?

Edrita.
Laß ihn allein der Rettung Wege gehn.

Leon.
Du kennst ihn, wie er ist, wie rat- und hilflos,
Er fiele den Verfolgern doch anheim.
Doch ist er erst befreit, dann –

Edrita.
     Hüte dich!
Du wolltest sagen: dann kehr ich zurück.
Du kehrst nicht wieder, bist du fort erst.

Leon (nach ihrer Hand fassend).
Edrita!

Edrita.
     Laß nur das! – Kannst du mich missen,
Ich kann es auch. Und nun zu nöt'gern Dingen.
Wo ist dein Freund?

Leon.
     Er gräbt dort an der Brücke.

Edrita.
Er gräbt?

Leon.
     Der Pfeiler einen sticht er ab,
Daß ein sie bricht, wird irgend sie betreten.

Edrita (lachend).
Und der Verfolger in den Graben fällt?
Nun, das ist gut. – Dort steht die Pforte offen.
Und doch. Sieh nur, wie Trug und Arglist sich bestraft.

Leon.
Wie nur?

Edrita.
     Du glaubst dich Meister nun der Flucht,
Doch gehen weitum Wächter, rasche Knechte,
Die jeden töten, weiß er nicht das Wort,
Das nächtlich als ein Merkmal wird gegeben.
Das Wort heißt Arbogast. Merk dir's.

Leon.
     Ja wohl.

Edrita.
Am Ufer dann des Flusses wohnt ein Fährmann,
Verschuldet meinem Vater und verpflichtet.
Den täusch nur, wenn's die Wahrheit dir erlaubt,
Daß du im Auftrag meines Vaters gehst,
Sag ihm auch: Arbogast. Er führt dich über.

(Im Graben geschieht ein stärkerer Schlag.)

Edrita.
Was ist nur dort?

Leon (hineilend).
     Zum Henker! Warum lärmt Ihr?

Atalus (heraufsteigend).
Es war der letzte Schlag!

Leon.
     Müßt Ihr drum poltern?

Atalus (auf Edrita losgehend).
Hier ist das Mädchen auch.

Edrita (zu Leon).
     Schütz mich vor dem!
Nun hast du deinen Freund, der dir so wert
Und der mit Liebe lohnt dir deine Treue.
Ha, ha! Fürwahr! Du siehst recht artig aus!
Mit Kot befleckt und naß.
(Sie berührt ihn mit dem Finger.)
     Du armer Junker!

Atalus.
Der wollt' es so!

Edrita.
     Nun aber geht ans Werk!
Denn ob mein Vater gleich im Schlafe liegt,
Wär's möglich, daß Verdacht ihn früher weckte.

(Sie geht zur Pforte, um sie zu öffnen. Leon tut es statt ihrer.)

Der Weg läuft anfangs grad, dann teilt er sich.
Der eine links bringt schneller wohl ans Ziel,
Doch wählt den andern rechts, er führt durchs Dickicht,
Und da die Unsern euch zu Pferde folgen,
Durchdringt ihr leicht, was jene stört und hemmt.
Den Schlüssel steck von außen in das Schloß,
Und seid ihr fort, schließ ab und wirf ihn weg,
So hält ein neues Hemmnis die Verfolger.

(Leon befolgt es.)

Edrita (zu Atalus).
Und kämen sie euch nach, ergreif 'nen Ast
Und fechte löwenkühn für deinen Freund.

Atalus.
Ich sorg um mich.

Edrita (zu Leon).
     Hörst du? Das klingt recht gut.
Nun aber geht! Die Zeit vergönnt nicht Wort.
Die ihr als Räuber kamt, wie Diebe macht euch fort.

Kattwald (der mit Galomir am Fenster der Halle erscheint).
Dort stehn sie, schau!

Edrita.
     Nur schnell!

(Die jungen Leute entfliehen, wobei das Tor offen bleibt.)

Kattwald (zu Galomir).
          Folg ihnen, lauf!

Edrita.
Da bricht nun alles Wetter über mich.

(Galomir ist aus der Türe gekommen und auf die Brücke getreten. Diese wankt und bricht endlich mit ihm zusammen, er stürzt in den Graben.)

Edrita (vortretend).
Ha, ha! ha, ha! Der dumme Galomir!
Das haben sie recht schlau sich zugerichtet.

Kattwald (am Fenster den Spieß zum Wurf schwingend).
Verruchter Balg, des trägst nur du die Schuld!

Edrita.
O weh, o weh! Sie bringen mich noch um!
Auch ließen jene dort den Torweg offen.
Ich dreh den Schlüssel ab und mach mich fort.
Ist erst der Zorn vorüber, kehr ich wieder.
(Sie eilt durch die Pforte, die sie hinter sich zuzieht und abschließt.)

Kattwald (am Fenster, mit den Händen in den Haaren).
So schlage denn der Donner! Mord und Pest!
Hört mich denn niemand? Knechte! Leute! Brut!
Da steh ich denn und fresse meine Wut!

(Indem er einen fruchtlosen Versuch macht, aus dem Fenster zu steigen, fällt der Vorhang.)

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